Igor Schestkow "Kleopatras Kuss"

   

KLEOPATRAS KUSS

 

Etwa zwei Stunden lang vergnügten wir uns mit einander in ihrem Bett. Oder waren es drei Stunden? Zeit spielte keine Rolle.

Während ich danach eindämmerte, hörte ich noch, wie sie mir ins Ohr flüsterte: "Mein Süßer, ich gehe schnell zu EDEKA, um Lebensmittel einzukaufen, mein Kühlschrank ist leer. Die Kinder haben alles aufgefuttert, bevor sie ins Ferienlager aufgebrochen sind. Schlaf gut, ich wecke dich zum Abendessen."

Dann sagte sie noch etwas, aber das hörte ich schon nicht mehr, denn der Schlaf nahm mich mit wie ein U-Bahn-Zug. Aber er führte mich weder ins Stadtzentrum hinein oder von dort hinaus, sondern durch die unendlichen, blauen Weiten eines unbekannten Ozeans, gebogen wie die Erdoberfläche - fort zur Pfaueninsel.

Ich erwachte in demselben, mit rosa Wäsche bezogenen Bett von IKEA, das wie ein ägyptischer Sarkophag mitten in demselben rosafarbenen Schlafzimmer stand. Rings herum brannten Duftkerzen, standen Blumentöpfe mit Rosen und Orchideen, außerdem gläserne Schränke unterschiedlicher Höhe, die wie Wolkenkratzer wirkten. Darin befanden sich bunte Porzellanfiguren, mit einer Art holländischen Spitze drapiert.

Mühsam öffnete ich die Lider und zwang mich, den Kopf zu heben, um zu schauen, ob sich unter der Tür ein oranger Lichtstreifen erkennen ließ. Ich sah keinen, woraus ich schloss, dass Magdalena noch nicht von ihrem Einkauf zurück war. Also konnte ich noch ein Weilchen auf dem seidigen Laken ruhen, eingekuschelt in die leichte Decke, die den Körper umschmeichelte wie Schaum am Meeresstrand.

Ich schloss die Augen und versuchte, mich erneut aus der Welt auszuklinken. Aber das gelang mir nicht, denn ein störender Gedanke drängte mich aus dem Bett. Die Beine wollten nicht gehorchen, mit Mühe schleppte ich mich auf die Toilette... Sechs bernsteinfarbene Tröpfchen kullerten aus mir heraus, dann stellte ich mich unter die Dusche. Brrr!  Das kalte Wasser machte lange Zeit keine Anstalten, warm zu werden. Mir fehlte die Kraft mich zu waschen, also ließ ich es nur an mir entlangströmen. Dann verließ ich die Dusche und warf einen Blick in die Küche, aber da war niemand.

Mühsam bediente ich die Kaffeemaschine, ließ mich mit der Espressotasse in den Händen auf den Sessel sinken und schaute der schwarzen Flüssigkeit zu, wie sie hin- und herschwappte. In meinem Gedächtnis tauchte wieder eine Angstvorstellung auf, die mich während meiner ersten Reise ans Meer überfallen hatte: Ich sitze auf einer Sanddüne, während sich auf dem Meer senkrechte, schwarze Wellen auftürmen, hoch wie ein zwölfstöckiges Haus, die mich zerschmettern wollen. Lange starrte ich auf die Wanduhr, die keine Zeiger, sondern rotierende Zifferblätter hatte und statt Ziffern die Symbole der Sternzeichen trug. Was sie bedeuteten, verstand ich nicht. Ach ja: Im Haus des Saturn war es ungefähr acht Uhr abends, wenn die Venus im Wassermann stand...

Endlich gelang es mir, den störenden Gedanken in Worte zu fassen.

"Magdalena ist schon vor drei Stunden weggegangen. Wo mag sie nur sein? Ist sie zur Venus entflogen? Ist ihr etwas zugestoßen?" Ich versuchte, sie auf dem Handy anzurufen, aber sie antwortete nicht. Durch das Fenster konnte ich sehen, dass ihr Auto wie immer vor dem Haus stand.

Ich fing an nachzudenken.

Der EDEKA-Laden war 50 Meter vom Hauseingang entfernt. Magdalena hätte also nach einer Viertelstunde - sagen wir: nach 20 Minuten - zurück sein können. Schließlich ist der EDEKA kein Museum, sondern ein Discount-Geschäft. Da gibt es nichts zu bestaunen, und ausgiebig darin umherzustreifen macht keinen Sinn. Wir gehen selten dorthin, höchstens wenn mal kein Salz mehr da ist. Sonst kaufen wir im Bio-Supermarkt ein, aber dorthin ist es so weit, dass man mit dem Auto fahren muss. Das Eis hätte von der Windschutzscheibe gekratzt und ein Reifen gewechselt werden müssen, aber nein... Das Auto stand wie immer auf seinem gewohnten Parkplatz. Das heißt...

Vielleicht hat sie Bekannte getroffen und ist mit ihnen in ein Café gegangen? Dann hätte sie angerufen. Magdalena ist lieb und einfühlsam - ganz im Gegensatz zu mir. Vielleicht ist sie auf dem Rückweg mit ihrer Einkaufstasche stehen geblieben, um mit einer Nachbarin zu plaudern? Aber es ist doch kalt draußen, Schneeregen fällt. Ohne besonderen Grund wäre sie nicht mit der schweren Einkaufstasche zu einer Nachbarin in die Wohnung gegangen, dazu kenne ich sie viel zu gut. Sie könnte sich im Treppenhaus verplaudert haben, aber das ließ sich ja feststellen.

Ich öffnete die Wohnungstür und spitzte die Ohren, aber im Treppenhaus war alles still. Nur der Wind heulte und der Regen trommelte an die Scheiben.

Wohin zum Teufel ist sie nur geraten?

Ist ihr etwas zugestoßen?

Dieser Gedanke brachte nicht nur innere Unruhe und Angst mit sich, sondern auch eine Art Lustgefühl, die Hoffnung auf etwas Großes, Sensationelles. Sogar die Vorstellung eines neuen, aufregenden Lebens ohne Magdalena stand mir vor Augen und winkte mit einem Wuschelkopf und langen Flanellärmeln. Magdalena hatte mir in den fünf Jahren unserer Bekanntschaft nur Freude gebracht, sagen wir: fast nur Freude. Wie konnte ich denn jetzt... Was sind wir doch für...

Ich rief ihre Eltern in Zschopau an. Die Mutter beklagte sich: "Schon seit drei Wochen ist sie nicht mehr bei uns gewesen. Immer hat sie was anderes zu tun, während wir nur älter werden. Bald wartet der Friedhof auf uns. Nein, sie hat nicht einmal angerufen."

Wen sollte ich sonst noch fragen?

In Magdalenas Notizbuch fand ich die Telefonnummer des Winterlagers, in das heute Morgen ihre zwei stieseligen Söhne verschwunden waren. Dort rief ich an und sprach mit dem stellvertretenden Leiter, der es sich nicht nehmen ließ, in der Turnhalle nach den Söhnen zu schauen. Nein, sie hätten die Mama nicht gesehen, aber tagsüber noch mit ihr telefoniert. So hätten sie bei seiner Ankunft erklärt. Nein, ein zweites  Mal hätte sie nicht angerufen.

Ich bar ihn, den Söhnen vom Verschwinden Magdalenas noch nichts zu sagen. Weiß der Himmel, vielleicht taucht sie ja in fünf Minuten auf wie ein Elementarteilchen aus dem Nichts.

Wohin sollte ich mich noch wenden? Natürlich: An die Anwaltskanzlei, in der sie arbeitete. Man konnte ja nie wissen. Hatte man sie mir nichts, dir nichts gebeten, irgendeinen Konflikt zu schlichten? Magdalena ist eine gewissenhafte Frau, ihr Chef überträgt ihr gerne die kniffeligsten Aufgaben. Er hatte sie sogar schon mehrmals nachts aus dem Bett geholt.

"Verehrte Frau Z., ich bitte Sie sehr, sich ganz schnell mit einem schwierigen Fall zu beschäftigen, Sie mit ihrem Fingerspitzengefühl und ihrem klaren Verstand..."

Aber nur der Anrufbeantworter meldete sich: "Sie rufen außerhalb unserer Geschäftszeiten an. Bitte setzen Sie sich morgen zwischen elf und eins mit uns in Verbindung."

Ein gut durchdachtes System. Ich traute mich nicht, den Chef persönlich zu belästigen, diesen alten nachtragenden Feigling. Nach außen hin würde er höflich reagieren, es aber hinten herum an Magdalena auslassen. Es wäre nicht das erste Mal.

Sollte ich anfangen, ihre Freundinnen anzurufen? Alle?

Eine von ihnen, die ich gut kannte, rief ich wirklich an.

"Was willst du denn?"

"Eigentlich gar nichts. Ist Magdalena zufällig bei dir? Du hast doch abends gerne Leute um dich herum."

"Na und? Das hat dir doch sonst immer Spaß gemacht."

"Das ist jetzt egal. Sag schon, ist Magdalena nicht bei dir?"

"Ach, was ist doch der Herr so fürsorglich. Ich erkenne dich gar nicht wieder. Was hast du denn mit ihr? Oder gibt sie dir Geld dafür?"

"Red keinen Quatsch!"

"Du bist ein grässlicher, elend verlogener Lustmolch. Jedes Wurzelweib würdest du vögeln, wenn sie dich nur ließe."

"Ja, so bin ich eben. Ist Magdalena denn nicht bei dir?"

"Nein. Such deine Tussi auf dem Sperrmüll. Bei Thomas. Der hat anscheinend frisches Kraut aus Amsterdam."

Also rief ich Thomas an.

"Sag mal, ist Magdalena bei dir?"

"Wer ist das denn? Deine Anwältin? Was hat sie für eine Figur? Gesichter kann ich nicht unterscheiden, tut mir leid. Komm her, die halbe Stadt ist schon da. Wir dröhnen uns richtig zu..."

Verdammte Haschbrüder!

Nachts um elf rief ich die Polizei an, hatte aber den Eindruck, als würden sie meinen Hilferuf nicht ernst nehmen. So war es auch: Ein übermüdeter Bulle erklärte, er verstünde gar nicht, was ich wollte. Saubande! Ich hatte ums Verplatzen keine Lust, mich bei Regen und Schnee persönlich zur Polizei zu begeben, machte mich aber trotzdem auf den Weg. Unser Städtchen ist ja nicht groß, schon etwa um halb zwölf war ich an Ort und Stelle.

Eine sächsische Polizeiwache ist ein ungastlicher Ort, und für einen früheren Ausländer ist es dort sogar gefährlich. Sie können dich demütigen und beleidigen oder sogar für ein paar Tage ins Loch stecken, wenn ihnen aus irgendeinem Grunde deine Nase nicht passt. Lange machte keiner auf. Dann erbarmte sich aber doch jemand und ließ mich hinein.

Ich erklärte dem wachhabenden Beamten, dass meine Gefährtin etwa um fünf Uhr das Haus verlassen hatte, um in den Laden gleich nebenan zu gehen, und dass sie bis jetzt nicht wieder aufgetaucht sei. Er schaute mich an wie einen toten Hund und schickte mich nach Zimmer 34. Ich quälte mich die breite Treppe bis in den dritten Stock hinauf (irgendwo gab es wohl einen Lift, aber ich hatte keine Lust zu suchen), fand auch das Zimmer 34, aber niemand reagierte auf mein Klopfen. Die Tür war verschlossen. Also setzte ich mich auf die lange Holzbank, die dort offenbar seit Kaiser Wilhelms Zeiten stand und versank in Trübsinn. Die Gedanken fielen wie Tröpfchen auf den heißen Boden meines Bewusstseins und schafften es nicht einmal, als Dampf wieder aufzusteigen. Etwa fünf Minuten später erschien eine Polizistin in Uniform.

Sie bat mich in ihr Dienstzimmer und bot mir einen Platz an. Ich erklärte ihr die Lage so kurz und so knapp, wie ich konnte. Die Polizistin lauschte ohne besondere Ergriffenheit. Sie wollte meinen Pass sehen und machte eine Kopie davon, auf die sie etwas notierte. Dann wollte sie wissen:

"Wer ist denn diese Magdalena Z.? Ihre Frau?"

"Nein, aber unsere Beziehung dauert schon fünf Jahre."

"Lebt Sie mit Ihnen zusammen?"

"Nein, sie ist nur meine Geliebte, aber so wollte ich sie nicht bezeichnen."

"Ist Frau Z. verheiratet?"

"So weit ich weiß, lebt sie in Scheidung."

"Hat Frau Z. ein Auto? Wo ist das? Kennen Sie die Nummer?"

"Es steht da, wo es immer stand, auf dem gebührenpflichtigen Parkplatz neben dem Haus. Renault Megane. Ich habe nachgeschaut. Schon seit einer Woche ist ein Reifen platt. Die Nummer lautet..."

"Und sie reagiert nicht auf Handy-Anrufe? Probieren Sie es doch gleich jetzt noch einmal zur Kontrolle."

Ich tat es, aber nichts regte sich.

"Hat Frau Z. einen festen Arbeitsplatz?"

"Ja, sie ist Rechtsanwältin..."

"Haben Sie sie in der Kanzlei angerufen?"

"Niemand geht ans Telefon."

"Bitte nennen Sie mir die Mobilnummer. Und Ihre eigene gleich dazu. Auch die Nummer ihres Chefs, wenn sie Sie kennen."

Ich diktierte ihr alles, was sie wissen wollte, Ziffer für Ziffer. Sie verließ den Raum und kam nach zehn Minuten wieder. 

"Wir haben Sie überprüft. In den letzten acht Stunden waren Sie tatsächlich in der Glockenstraße und sind danach hierhergekommen. Ihre Partnerin hat etwa um fünf die Wohnung verlassen, hm... Wir konnten feststellen, wo sich ihr Mobiltelefon befindet, aber wir dürfen Ihnen darüber keine Auskunft erteilen. Wer lebt außer ihr noch in der Wohnung?"

"Zwei halbwüchsige Söhne, aber die sind in einem Skilager. Dort habe ich etwa um acht Uhr angerufen, um zu klären, ob sie vielleicht dorthin gefahren ist. Sie ist sehr in Sorge um die Kinder."

"Wo befindet sich dieses Lager?"

"In Erholungsgebiet, nicht weit vom Schloss Grabstein, am See."

"Aha. Und wo wohnen Sie selber? Da, wo Sie polizeilich gemeldet sind?"

"Ja, in meiner Wohnung, und zwar in der gleichen Straße wie Frau Z., wir sind Nachbarn."

"Das ist ja praktisch. Wie kamen Sie auf den Gedanken, dass Frau Z. verschwunden sein könnte? Was war los, gab es Streit? Ist sie selbstmordgefährdet? Schwer krank? Hat sie Gedächtnislücken? Vielleicht hat sie jemand unter Druck gesetzt? Denken Sie vielleicht, sie sei entführt worden? Oder ist sie einfach zu einer Freundin gefahren? Im Taxi? Oder zu einem anderen Mann? Oder gibt es etwas in ihrem Leben, das absolute Diskretion verlangt, schließlich ist sie ja Rechtsanwältin. Vielleicht musste sie von jetzt auf gleich in einer wichtigen Sache intervenieren oder... keine Ahnung, was noch alles passieren konnte. Sie sind nicht ihr Ehemann, sie braucht sich also vor Ihnen nicht zu rechtfertigen. Warum sind Sie zu uns gekommen?"

"Mein Bauchgefühl sagt mir, dass sie in Schwierigkeiten steckt und Hilfe braucht."

"Ihr Bauchgefühl? Schön und gut, aber wir brauchen Fakten, wenigsten einen konkreten Anhaltspunkt. Doch außer Ihrem Bauchgefühl gibt es leider nichts. Haben Sie ihre Eltern angerufen?"

"Selbstverständlich. Auch dort: Keine Spur von ihr. Verstehen Sie doch: Seit sechs Stunden ist sie wie vom Erdboden verschluckt. Sie ging fort, um für das Abendessen einzukaufen. Dabei hat sie sich in Luft aufgelöst."

"Was heißt 'vom Erdboden verschluckt'? Sie wird doch nicht zur Venus geflogen sein! Irgendwo muss sie sich aufhalten... Aber bitte, ich glaube durchaus, dass Sie ehrliche Absichten haben. Deswegen höre ich Ihnen zu und widme Ihnen meine Zeit. Lassen Sie uns nach Vorschrift verfahren. Hier ist ein Formular für Vermisstenanzeigen. Sie füllen es aus und geben es mir. Aber wenn Sie das tun, benachrichtigen wir zuallererst ihre Eltern, ihre Kinder, ihren Chef über das Verschwinden von Frau Z., dann besuchen wir die Wohnung von Frau Z. und durchsuchen sie. Dann kommen wir zu Ihnen. Vielleicht spielen Sie ja eine Rolle bei ihrem Verschwinden?"

"Was reden Sie denn? Ich bin in Sorge und komme zu Ihnen, weil ich Hilfe brauche, und Sie verdächtigen mich einer bösen Tat?"

"Wenn ich Sie verdächtigen würde, säßen Sie schon längst hinter Schloss und Riegel im Polizeigewahrsam."

Die Polizistin sah mich fast mit Empörung an. Da zeigte ich Schwäche und sagte, dass ich vorerst keine Vermisstenanzeige aufgeben möchte. Wenn Magdalena nicht auftauche, würde ich morgen wiederkommen. Mir war aber klar, dass mich keine zehn Pferde hierher zurückbringen würden, um die Sache nicht noch schlimmer zu machen. Noch hatten sie mich nicht eingebuchtet... Dieser Besuch auf der Polizeistation verursachte bei mir ein derart flaues Gefühl im Magen, als hätte ich mir eine Fischvergiftung zugezogen.

Ich schlief in meinem eigenen Bett. Die ganze Nacht über quälte mich ein Alptraum:

Magdalena ertrinkt in einem Tümpel voll rosa Schaum. Ich reiche ihr die Hand, um sie aus dem Sumpf zu ziehen, aber anstatt meine Hand zu ergreifen, beißt sie mir in den Finger und sagt:

"Wenn du nur wüsstest, wie du mich anwiderst! Ich liebe einen anderen!"

Auf dem Kopf trägt sie Playboy-Ohren, mit denen sie garstig herumschlackert. Ich schreie: "Du mieses Stück!", und sie verschwindet für immer im rosa Schaum.

Am Morgen ging ich in Magdalenas Wohnung, räumte das Schlafzimmer auf, spülte das Geschirr, machte die Kühe sauber und versank in Trauer. Ich rief in ihrer Kanzlei an.

"Nein, Frau Z. ist gestern Abend nicht außertourlich zum Dienst gerufen worden. Sie ist auch heute nicht da, sie hat für eine Woche Urlaub genommen. Ist etwas passiert, soll ich Sie mit dem Chef verbinden?"

"Nein danke, alles ist in bester Ordnung. Nicht der Rede wert, es liegt offenbar ein Missverständnis vor."

Seltsam, von diesem Urlaub hatte sie mir nichts erzählt...

Ich schleppte mich wieder auf die Polizeiwache.

Richtig, ich hatte mir geschworen, keinen Fuß mehr dorthin zu setzten, und nun machte ich trotzdem auf den Weg. Doch an wen soll man sich wenden, wenn jemand verschwunden ist, auch wenn er Playboy-Ohren trägt? Vielleicht haben sie ja etwas herausgefunden. Oder die arme Magdalena liegt im Leichenschauhaus. Statt Angst und Trauer keimte erneut ein Funken Hoffnung in meinem Herzen auf.

Ich bat den diensthabenden Beamten, mich ins Zimmer 34 zu lassen, denn ich wollte nicht alles von Neuem erklären. Dort erwartete mich ein unbekannter, dicker Polizist. Er drehte die Kopie meines Passes in den Fingern, ein unscharfes Bild von Magdalena und noch einige andere Papiere... Sie hatten also die Untersuchung schon in Gang gesetzt.

Der Polizist sprach in förmlichem Ton: "Wollen Sie eine offizielle Vermisstenanzeige aufgeben? Nein? Das dachte ich mir. Vor einer Stunde haben wir mit dem Chef der Anwaltskanzlei gesprochen, in der Ihre... Bekannte arbeitet. Sie hat Urlaub genommen. Dann haben wir nochmal überprüft, wo sich das Mobiltelefon von Frau Z. befindet. Obwohl das gegen unsere Regeln verstößt, haben wir beschlossen, Sie darüber zu informieren, wo es ist - für den Fall, dass Sie noch einmal hier auftauchen würden. Also, es ist seit gestern in der Tschechei, in einem Städtchen, das sich "Berg des Heiligen Nepomuk, des Ertunkenen" nennt. Die Wahrscheinlichkeit, dass auch Frau Z. sich dort befindet, ist nicht sehr groß, aber sie besteht durchaus. Wenn ihr Handy gestohlen worden wäre, hätte sie es wohl gesperrt. Fahren Sie dorthin. Nehmen Sie ein Foto mit - und Geld. Wenn es Schwierigkeiten gibt, setzen sie sich mit der dortigen Polizei in Verbindung. In wirklich dringenden Fällen rufen Sie uns hier an. Bisher sehen wir keinen Grund, Frau Z. offiziell zu suchen. Übrigens wurde nach unseren Erkenntnissen weder gestern noch heute auf deutschem Gebiet ein weiblicher Leichnam gefunden, der nur entfernt Ihrer Bekannten ähnelt. Auch wurde sie in kein Krankenhaus eingeliefert. Das heißt natürlich noch gar nichts, könnte für Sie aber wichtig sein."

Wichtig, wichtig...

Der Berg des Heiligen Nepomuk, des Ertrunkenen ist ein elendes Nest, aus dem die rachsüchtigen Tschechen nach dem Krieg alle Deutschen mit räudigem Besen herausgekehrt haben. Diesen Ort hatte ich ein paarmal auf dem Weg nach Prag durchquert. Finsteres Mittelalter, ein paar Puffs für die Westdeutschen... Weshalb sollte es sie dorthin verschlagen haben?

Dort hält kein Zug. Also musste sie jemand mit dem Auto mitgenommen haben. Hatte man sie entführt und wegtransportiert? Das war wenig wahrscheinlich.

Wenn nun sie alleine und freiwillig mit jemandem dorthin gefahren war, um sich ein paar Tage von mir zu erholen, von der Kanzlei, der Stadt K.? Was regst du dich auf? Warum mischst du dich in ihre Angelegenheiten ein? Hast du etwa ein Recht darauf, immer in fremder Leute Sachen herumzuwühlen?

Ich hätte die Polizisten fragen sollen, ob sie nicht gestern ein Auto gemietet hatte. Wahrscheinlich hatten sie das schon überprüft, aber ob sie es mir verraten hätten? Vielleicht planten sie mit mir ein finsteres Spiel...

Hatte sie sich bei einer Freundin ein Auto ausgeliehen, um eine kleine Runde zu drehen, ihre geliebten Knödel mit gedünstetem Rindfleisch zu essen und dazu Pilsener Bier zu schlürfen? War sie sogar mit einer Freundin weggefahren - oder mit einem Freund? War sie nach Prag gefahren und hatte unterwegs ihr Handy weggeworfen? Das konnte man ihr durchaus zutrauen.

In der Liebe war sie sensibel, verspielt und romantisch, unersättlich, nicht ohne Tricks und Finessen. Wahrscheinlich gibt es in diesem abgehalfterten Tschechien auch männliche Nutten, junge Kerle und überhaupt alles, was das Herz begehrt.

Von was hatten wir beide gestern im Bett geträumt, bevor sie verschwand? Von einem Jungen? Einem Mädchen? Einem bösartigen Japaner? Einem garstigen Spiel mit Gefangenen? Oder von fröhlichen Späßen mit Hunden und Pferden? Habe ich ihre üppigen Brüste etwa mit einem weißblauen Faden umwickelt? Habe ich sie von oben geritten?

Ich wusste es nicht mehr, in meinem Kopf war nur noch rosa Schaum.

 

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Ich habe kein Auto, also musste ich Peter bitten, mich nach Tschechien zu bringen. Er arbeitet bei sich zu Hause als Designer von Computerprogrammen. Als er meine Geschichte hörte, war der gute Kerl sofort einverstanden, mit mir wegzufahren.

"Mein Business läuft zwar auf Volldampf, aber für eine gute Sache kann ich mich schon ein oder zwei Tage frei machen."

Angeblich war er vor etwa drei Jahren selber in Magdalena verschossen, hatte sich jedoch einen Korb geholt. So hatte sie es mir jedenfalls erzählt. Aber wer weiß schon, was sich wirklich zwischen den beiden abgespielt hat? Ich wollte nicht darin herumbohren, das wäre hässlich gewesen. Wenigstens hier zeigte ich Großmut, das erste und das letzte Mal im Leben.

Etwa um elf Uhr machten wir uns auf den Weg.

Das ist einfach zu finden, auf der 174 geht es durch Zschopau und Marienburg. Es fährt sich schön, die Straße steigt fast bis zur Grenze an. Leider sah man wegen Nebel die Hand nicht vor den Augen. Peters LEXUS machte mit seinem Sechszylindermotor unter behäbigen Brummen streckenweise seine 240 Kilometer pro Stunde. Auf verschneiter Straße mit Glatteis! Ich bat Peter, langsamer zu fahren. Er nickte, und zockelte mit 30 Stundenkilometern dahin, um mich zu ärgern. Er grinste in sein Ziegenbärtchen und zog einen Schwanz wütender Fahrer hinter sich her, lachte geräuschlos und enteilte ihnen in halsbrecherischem Tempo. Manchmal kam uns ein BMW oder Porsche von hinten näher, überholte und zeigte uns den Stinkefinger, worüber Peter sich furchtbar aufregte.

An der Grenze gab es keinerlei Kontrolle. Das geeinte Europa hat doch seine Meriten.

Wir fuhren von den Höhen des Erzgebirges herab, und mit einem Male änderte sich das Klima: Es war deutlich wärmer geworden, Schnee gab es keinen mehr. Allmählich tauchten am Straßenrand die Nutten auf, in grellen Klamotten und roten Stiefeln bis zu den Hüften. Peter nannte sie Pferdchen...

Schon kamen wir in diesem "Berg des Hl. Nepomuk" an, wo es übrigens weit und breit keinen Berg gibt. Was für ein elendes Nest! Es sah aus, als sei die goldene Horde gleich mehrmals durchgezogen.

Die meisten Häuser waren verfallen, viele von ihren Bewohnern verlassen, die Mauern brüchig, die Fenster mit Brettern vernagelt, Eingangstüren hingen in den Angeln, Dächer stürzten ein. Nur einige Puffs und Restaurants waren in gutem Zustand. Keine Menschenseele ließ sich auf den Straßen blicken, auf den Parkplätzen stand kein einziges Auto.

Eine innere Stimme flüsterte mir von Anfang an zu: "Nein, hier ist sie nicht. Hau ab!" Peter dachte offenbar etwas Ähnliches. Er sagte: "Tja, jemanden in so einem Kaff zu finden, ist unmöglich, man kann höchstens jemanden verlieren - oder selbst verloren gehen. Hoffentlich wird mein Lexus nicht von den früheren Genossen geklaut."

"Lass uns in ein Restaurant gehen, siehst du das Schild da? Was heißt denn das? Ach ja: 'Zum wilden Westen'. Es hat rote Laternen und einen intimen Klub im ersten Stock. Da fragen wir, und ich zeige das Foto."

"Wenn sie von der Mafia in ein Bordell verschleppt wurde, kann es uns schlecht ergehen."

"Was du nur hast! Wer wird denn ein fünfzigjähriges Muttchen entführen, wenn es bei ihnen einen ganzen Stall voll junger Pferdchen gibt, die nach den Kunden Schlange stehen."

"Geschmacksfrage. Magdalena hat mehr Sexappeal als jede von diesen jungen Schnepfen. Oder hat das alles mit dem Fall zu tun, den sie gerade bearbeitet?"

"Was weißt denn du von ihrem aktuellen Fall?"

"Ach geh doch, gar nichts weiß ich."

Wir gingen ins Restaurant. Neben dem Barmann, einem herausgeputzten Cowboy, stand ein unangenehmer Kerl mit pockenzerfressener Visage. Ein Typ wie Schwejk, nur unförmig, zynisch und bösartig. Er trug Lederhosen.

Drei oder vier Gäste, offenbar Einheimische, hatten überhaupt keine Gesichter, nur die riesigen Hände von Bergleuten und die Backenknochen von Dinosaurieren. Der Barmann schaute mürrisch nach uns und schlug vor, einen zu trinken. Ich zeigte ihm das Bild von Magdalena und fragte auf Deutsch, ob er sie nicht hier irgendwo in der Stadt gesehen hätte, gestern oder heute. Ich erzählte von dem Handy.

Der Barmann antwortete auf Tschechisch. Er redete laut und bissig. Offenbar riss er einen frivolen Witz über eine verschwundene Lady. Die Einheimischen lachten sich dröhnend ins Fäustchen.

Noch einmal zeigte ich das Bild und fragte auf Englisch, ob er sie gesehen hätte.

"Geh in den 'Kuss der Kleopatra', vielleicht findest du dort deine alte Fregatte."

Peter, der bis dahin geschwiegen hatte und eigentlich ein umgänglicher Mensch ist, brüllte auf einmal los: "Antworte gefälligst, wenn du gefragt wirst, du tschechischer Bauerntrottel. Hast du sie gesehen oder nicht?"

In seiner rechten Hand bemerkte ich ein Montiereisen mit gespaltenem Ende, das er drohend zu heben begann. Der Barmann grinste dreckig und zog einen riesigen Revolver aus dem Gürtelhalfter, den er auf Peter richtete. Ich packte meinen Freund an den Schultern und versuchte ihn zum Ausgang zu dirigieren, da krachte schon der Schuss, als würde im Kopf eine Granate explodieren. Ich stellte mir Peter vor, wie er Blut verlor und in Ohnmacht fiel. Aber Peter verlor kein Blut und sank auch nicht in Ohnmacht. Er stand da, schaute unverwandt nach dem Barmann und streichelte nervös das Montiereisen. Der Barmann verwandelte sich aber flugs vom bösen Schwejk in den guten, wenn auch närrischen Schwejk, und begann widerlich zu lachen, wobei er sein krankes Zahnfleisch entblößte. Er zeigte uns seinen Revolver, der ein Spielzeug war, das mit Zündplättchen schoss.

Wie herzig!

Am liebsten hätte Peter den Barmann mit dem Montiereisen rasiert, aber ich brachte ihn sanft zur Ruhe. Ich wollte die Suche nach Magdalena nicht mit einer Rauferei beginnen, zumal die Einheimischen sich vielsagend von ihren Plätzen erhoben und uns mit ihren finsteren Waschbäraugen fixierten.

"Nur langsam! Es bringt doch nichts, sich an diesem Wichser zu vergreifen. Du siehst selbst, sie sind hier am Arsch der Welt im Moos aufgewachsen und verroht. Da amüsieren sie sich eben auf ihre Art."

Peter beruhigte sich und ließ sich seine Waffe abnehmen. Wir tranken ein paar Gläser kalten Becherovka, löschten ihn mit hellem Bier und futterten scheibenweise Ananas. 

Schwejk sagte in schlechtem Deutsch: "Gehen Sie nurr in "Kleopatrakuss", Chef dort heißen Marek, ist sich mein Cousin, gutes Mensch. Können rreden mit ihm. Er alles wissen, was los ist in Stadt. Wenn Marek sagen, dass Dame hier nix ist, dann nix weiter müssen suchen..."

An Peters Gesichtsausdruck konnte ich deutlich erkennen, dass er dem Barmann kein einziges Wort glaubte. Ich wusste selber nicht, was ich meinen oder glauben sollte. Mein Kopf dröhnte vom Becherovka, und um mein Herz wurde es leichter. Meine Lust, nach Magdalena zu suchen, begann zu schwinden. Vielleicht war sie ja schon ein kalter Leichnam. Wozu also noch herumrennen und die Leute verrückt machen?

Dagegen hatte ich große Lust, weiterzusaufen. Peter lange dazu zu überreden, erübrigte sich. Wir schlürften noch vier Gläser Becherovka und vertilgten eine ganze Ananas. Den Likör spülten wir mit Bier hinunter. Peter bestellte eine landestypische Pilzsuppe mit Kartoffeln.

Der Barmann überredete uns schmunzelnd und gestikulierend, nach oben zu gehen, zu den Mädels, in die Sauna. Er grinste obszön und erklärte, dass "ein echter Cowboy von Zeit zu Zeit mal das Pferd wechseln muss", und zeigte uns, was er zu bieten hatte. Seine Pferdchen saßen in schwarzen Miedern herum, lächelten scheu und baten uns, ihnen ein Getränk zu bezahlen. Einige von ihnen waren ganz offensichtlich noch keine 16.

Noch konnte ich mich bezähmen, gab oder vier oder fünf dieser Dämchen einen Zehnkronenschein und zeigte ihnen das Foto von Magdalena.

"Nein, wir haben diese Frau nicht gesehen. Was willst du denn mit dieser Eule, schau uns doch mal an!"

Peter gab den Mädels kein Geld, aber ich merkte, dass seine kleinen, grauen Äuglein blitzten, wenn er nach ihnen sah. Manchmal erhob er sich übrigens von seinem Stuhl, ging zum Fenster, zog den schweren Vorhang zur Seite und schaute, ob "diese Viehtreiber" ihm sein Auto nicht geklaut hatten. Nach dem achten Glas wurde die Welt plötzlich licht und klar.

Hier musste man niemanden suchen, alle waren doch an ihrem Platz. Ich vergaß sogar, wie meine Geliebte aussah. Hatte ich sie denn wirklich geliebt? Hatte ich sie verstanden?

Welch infantile, aufgesetzte Frage. Ich liebte sie, ich liebte sie nicht, ich verstand sie oder verstand sie nicht... Niemand versteht jemand anderen. Ich bin kein Konfirmand mehr, bleibt mir doch vom Hals!

Magdalena war, das fühlte ich genau, ein kalter Leichnam, ich aber lebe noch. Und überhaupt, warum sollte ich mich um diese tote Eule kümmern?

Eine schlanke Schönheit setzte sich mir keck auf die Knie. An ihren Namen kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich küsste ihr braunes Ohr mit einem silbernen Ohrstecker, auf dem ein Schmetterling abgebildet war, während sie immer wieder sagte: "Lass uns nach oben gehen, mein Süßer, ich zeige dir den Mond und die Sterne in meinem Teleskop. Weißt du, wo mein Teleskop ist?"

Sie nahm meine Hand und steckte meinen Zeigefinger in ihre...  Auf ihrem Venushügel wuchsen noch keine Schamhaare. Schon wollte ich mit ihr nach oben gehen, da gab mir jemand eine Ohrfeige. Ich zuckte zusammen. Die brünette Schönheit glitt von meinem Knie und verschwand. Jemand träufelte mir kaltes Bier ins Gesicht. Das war Peter.

Er sprach: "Sei mir nicht böse, Alter, aber anders hätte ich dich unmöglich von diesem Flittchen losgekriegt. Schau, ob du dein Portemonnaie noch hast. Ist es noch da? Gut, dann lass uns verschwinden. Wir gehen in diesen beschissenen 'Kuss der Kleopatra', reden dort ein wenig, und dann kannst du machen, was du willst. Verdammter Becherovka, dieser Mistkerl hat da irgendwas hineingemischt!"

Wir gingen hinaus und pinkelten unter dem kalten Mond gegen die Wand des Restaurants. Im Licht der Sterne schwankten wir zum "Kuss". Der Besitzer des Bordells war ein kleiner Schwarzer in schrägem  Folklorefrack und schwarzer Kipa mit Troddeln, die ihm bis auf die Schläfen fielen. Er sah halb wie ein Zigeuner, halb wie ein Jude aus und erwartete uns schon auf der Straße. Offenbar hatte der Barmann ihn angerufen und ihm unser Erscheinen angekündigt. Er lud uns freundlich ein, das Etablissement durch eine geheime Hintertür zu betreten und führte uns durch einen engen Korridor mit bunten Lämpchen und frivolen Fotos an den Wänden in ein winziges Büro. Dort hing ein üppiges Portrait von Elvis Presley an der Wand, auf dem er einen weißen Anzug mit blitzenden, falschen Brillanten trug. Wir setzten uns. Ich zeigte Marek das Bild von Magdalena. Er drehte es eine Weile in den Händen, dann begann er sehr hektisch zu sprechen, mit dem Kopf zu nicken und verzweifelt zu gestikulieren. Die Troddeln seiner Kipa schlenkerten hin und her. Sein Englisch klang furchtbar. Ich verstand ihn schlecht. Peters Gesicht verfinsterte sich.

Nach etwa zehn Minuten flüsterte Peter mir zu: "Er hat Magdalena hier nicht gesehen und garantiert, dass sie nicht hier ist und nicht hier war. Er besteht allerdings darauf, dass wir ihm 100 Euro geben, warum habe ich nicht verstanden. Er redet krauses Zeug und bringt alles durcheinander. Ständig erwähnt er irgendeine Explosion..."

"Zum Teufel mit ihm, lass uns bezahlen, sonst müssen wir uns hinterher sagen, dass wir nicht alles getan haben, um Magdalena zu finden."

Peter dachte nach und nickte.

Ich zog einen neuen, grünlichen Hunderter aus dem Portemonnaie und gab ihn Marek. Er nahm das Geld in der gleichen Art entgehen, wie tiefgläubige Neophyten das Abendmahl einnehmen und verschwand gleich darauf mit unbekanntem Ziel. Nach einer Minute war er zurück und legte Magdalenas Handy auf den Tisch.

Es war hübsch, klein, oval und fliederfarben. Ich erkannte es sofort. Marek erklärte: "Durchreisende Zigeuner haben mir gestern dieses Spielzeug verkauft. Sie erzählten, sie hätten es diesseits der Grenze gefunden. Aber sie verrieten nicht, wo und wann. Ich schwöre bei Gott, dass das ein ganz heißes Ding ist."

Mehr war aus Marek nicht herauszuholen, und wir versuchten es auch gar nicht.

Marek schwor bei Gott, dass Magdalena nicht in der Stadt sei, fuchtelte mit den Armen herum und schlug sich mit seiner kleinen Faust auf die eingefallene Brust. Zum Abschied bot er uns an, ein Glas besonderen Becherovka zu trinken, der rot war wie Tomatensaft. Er blinzelte uns zu und beteuerte, das es sich bei dieser Flüssigkeit um die Seele Tschechiens handelte.

Wir kippten das Zeug, nahmen Magdalenas Handy, gingen hinaus und schlüpften in Peters Lexus. Ich knipste das Handy an und betrachtete das Protokoll der Anrufe. Dabei beobachtete ich auch die Spuren meiner eigenen Versuche, mit meiner Freundin in Kontakt zu treten und sah die Anrufe der Polizei. Magdalena hatte gestern nur einmal von diesem Handy aus telefoniert, und zwar um die Mittagszeit ins Skilager. Heute hatte sie niemanden angerufen. Auch die Diebe hatten das Handy nicht benutzt, wahrscheinlich aus Angst, dass sie dadurch sonst auffliegen könnten. Ich sagte zu Peter:

"Hör bitte zu. Magdalenas Telefon wurde geklaut, aber sie hat es nicht blockiert. Seltsam..."

"Vielleicht hat sie den Verlust gar nicht bemerkt. Oder sie kam nicht dazu. Möglich ist alles. Wir müssen nach Autos mit Nummernschildern aus unser Stadt Ausschau halten."

"Sollten wir nicht zur Polizei gehen?"

"Die haben vieleicht schon zu, es ist ja schon spät."

"Was sollen wir tun?"

"Wir müssen irgendwo übernachten."

"Wo?"

"Wir suchen uns ein Hotel."

Im Schritttempo fuhren wir durch die Straßen von "Berg des Heiligen Nepomuk". Wie um uns zu ärgern senkte sich dichter Nebel über das Städtchen, man sah fast die Hand vor den Augen nicht. Peter schaltete die gelben Nebelleuchten ein. In dieser Beleuchtung sahen die elenden Häuser wie Brüstungen und Befestigungswälle einer unbekannten Bastion auf einem Berggipfel aus, einer Festung, die Peter und ich unbedingt finden mussten.

Wir irrten endlos herum.

Beinahe gleichzeitig wurde uns klar, dass wir dieses rote Zeug nicht hätten trinken sollen, diese verdammte "Seele Tschechiens". Damit stimmte etwas nicht, und zwar ganz und gar nicht.

Je länger wir durch die Gassen des "Berges" irrten, desto fantastischer kam uns die Architektur des Städtchens vor. Ich könnte schwören, dass ich mehrmals die schlanke Silhouette der Hagia Sophia in Istanbul gesehen habe, die einem riesigen Taschenkrebs ähnelt. Für Peter, der in Köln geboren ist, schien es der Kölner Dom zu sein.

Ich begann zu glauben, im Auto führe eine dritte Person mit. Ich schaute zum Hintersitz des Lexus. Da lag in einem halbdurchsichtigen Stück Seife von der Größe einer Badewanne ein nackter menschlicher  Körper. Das war Magdalena!

Ich hörte, wie ihre violetten, toten Lippen flüsterten: "Warum hast du mich getötet?", und fragte Peter: "Hörst du das Geflüster? Das Geflüster von Magdalena?"

"Nein, mit mir spricht meine tote Mutter. Sie will, dass ich sie aus dem Grab heraushole und sagt, sie langweilt sich so. Ich werde noch verrückt."

Musik ertönte, irgendetwas aus Japan. Die dunklen Fenster der Häuser erstrahlten plötzlich in einem rätselhaften, rötlichen Licht. Überall war Kinderspielzeug ausgestellt, Püppchen, kleine Autos. Sie leuchteten von innen heraus. In einigen Fenstern saßen Kinder wie in Vitrinen. Sie bewegten ihre Hände und winkten uns zu sich her.

Ich sagte:"Siehst du das Spielzeug und die Kinder?"

"Ja".

"Hast du Lust?"

"Ja."

Wie es vor sich gegangen war, weiß ich nicht, aber wir kehrten in den "Kuss der Kleopatra" zurück. Wir suchten die verborgene Treppe, fanden sie aber nicht. Also gingen wir durch das rosafarbene Tor und stießen im Eingang auf eine riesige Neonfigur an der Wand (Leuchtstoffröhren formten eine ziemlich hässliche Vulva, wahrscheinlich genau die der ägyptischen Herrscherin). Dort saß auf brokatbesticktem Thron eine Frau in bläulichem Kleid mit unerhörtem Ausschnitt auf dem speckig glänzenden Rücken. Auf ihrem Kopf leuchtete eine Diamantkrone. Sie roch nach teurem Parfüm. An den Füßen trug sie kristallene Stöckelschuhe mit unglaublich hohen Absätzen.

"Wo ist denn Marek?"

"Wie bitte? Hier gibt es keinen Marek."

"Was soll das denn? Vor einer halben Stunde haben wir uns hier mit ihm unterhalten, in dem Büro, wo das Portrait von Presley hängt. Uns wurde gesagt, er sei hier der Chef. Er kredenzte uns die 'Seele Tschechiens'."

"Tschechien hat keine Seele, nur einen Körper, da können Sie Gift drauf nehmen. Und der einzige Chef hier bin ich. Ich heiße Frau Kleopatra und bin die Eigentümerin dieses Etablissements. Willkommen im Paradies, verehrte Herren!"

"Aah..."

"Treten Sie ein, meine Herren, kommen Sie gleich in den Salon. Sie sind heute unsere einzigen Gäste, wir haben Sie erwartet. Sie sollen es nicht bereuen, zu uns gekommen zu sein. Sagen Sie mir bitte nur, zur Vermeidung von Missverständnissen" - Kleopatra öffnete ihre riesigen Augen und spitzte die fleischigen Ohren, die wie Bidets aussahen - "wie viel Sie hier auszugeben gedenken. Wir würden Ihnen gerne besondere, frische Leckerbissen anbieten Das ist teuer, aber natürlich ganz und gar exquisit."

Kleopatra schwenkte eine nackte Kinderpuppe vielsagend vor meiner Nase hin und her. Diese Anspielung verstand ich nicht, aber Peter schaltete schneller. Ich sah ein wölfisches Blitzen in seinen Augen und antwortete für ihn und mich gleichzeitig, denn Geld spielte bei mir damals keine Rolle.

Wir verfügten uns in den Salon. Dort roch es unerträglich intensiv nach etwas Süßlichem. Nach Sünde? An den Wänden und der Decke leuchteten etwa vierzig Neonmuschis von unterschiedlicher Größe, die sich manchmal blinkten. Rote, orange, fliederfarbene...

Mich schreckte das eher ab, aber Peter gefiel es. Er murmelte:

"Das ist monströs und grotesk. Dieser elektrische Sex-Schock ist derartig intensiv, er ist stärker als alle Gewöhnlichkeit und sieht aus wie moderne Kunst. Diese Leuchtpussys sind kalt und giftig, aber mit besonderer Energie geladen."

Peter philosophierte gern.

Frau Kleopatra klaschte in die Hände und schrie unerwartet laut: "Mädels, Hanna, Lola, kommt schnell hierher! Und ruft die kleinen Zuckerpüppchen, die Gäste haben genug gewartet."

...

Ein paar junge Nuttchen in Bikinis hüpften in den Salon. Vier nackte, barfüßige und ziemlich verschüchterte Mädchen folgten ihnen. Sie waren vielleicht fünf oder sechs Jahre alt und trugen Hasenohren an den blitzblank gewaschenen Köpfchen. Peter schnappte sich eines dieser Kinder, hob es hoch und berauschte sich hemmungslos an einem Kuss auf ihre knallroten Lippen.

 

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Etwa um fünf fuhr Magdalena aus der vierten Etage im Lift hinunter, wo ein riesiger Spiegel dazu einlud, Garderobe und Schminke zu kontrollieren. Sie trat auf die glatte, verschneite Straße hinaus und schlüpfte wenige Sekunden später in den EDEKA-Laden, der ihr empfindliches sächsisches Riechorgan mit allen möglichen  Düften konfrontierte, von denen ihr einige nicht behagten. Sie zog das Näschen kraus und fing an, nach Bananen zu suchen. Nicht zu reif sollten sie sein, aber auch nicht zu unreif, noch nicht ganz gelb, aber nicht mehr ganz grün... Mit skeptischen Blicken beäugte sie spanische Erdbeeren und holländische Tomaten. Sie legte ein Paket Magerquark in ihren Korb, ein Tütchen Rosinen, eine Packung roten Fisch und eine kleine Flasche Eierlikör.

Da spürte sie mit ihrem Rücken, dass jemand sie aufmerksam betrachtete. Es kam ihr so vor, als brenne ihr dieser Blick ein Loch in die Haut. Sogleich erinnerte sie sich, um wessen Blick es sich handeln musste. Nur einer allein war dazu fähig. Ihr Herz stand still und erzitterte. Sie drehte sich um und... traute ihren Augen kaum.

Ja, das war er, der sich damals, in ferner, sagenhafter Zeit José Martinez genannt hatte. Er war noch genau so groß gewachsen, schlank und durchtrainiert wie damals. Zwar war er grau geworden und hatte kleine Geheimratsecken, das besitzergreifende Gringo-Lächeln in seinem schmalen, markanten Gesicht wirkte aber nicht minder hinreißend.

War er das, wirklich er? Kam er aus dem Jenseits zurück? Wie lange was das alles her?

Es gelang ihr, sich zusammenzureißen und ihm, gleichsam auf Zehenspitzen, gegenüberzutreten. Doch glitt sie aus und wäre zu Boden gestürzt, wenn er sie nicht im letzten Moment aufgefangen und wieder auf die Beine gestellt hätte.

Sie flüsterte: "Du? Bist du das wirklich? Mein lieber, mein heiß geliebter..."

Er antwortete nicht, schaute ihr nur ins Gesicht und wischte ihr mit seinen schlanken, fein manikürten Fingern die Tränen ab.

…  

Sie stellten die EDEKA-Einkaufskörbe zur Seite. Zehn Minuten später saßen sie sich an einem kleinen Tisch im wohl besten Restaurant der Stadt beim bläulichen Schein der Tischlampe gegenüber. Magdalena konnte nichts zu sich nehmen, sie schaute ihn nur immer mit glühenden Blicken an und schlürfte Weißwein in winzigen Schlucken. Sie konnte immer noch nicht glauben, dass der Mann, der vor 23 Jahren im nicaraguanischen Dschungel verschwunden war, ihr jetzt gegenüber saß. Sie hatte ihn so rasend geliebt, er hatte ihr so unendlich viel bedeutet! Kein anderer würde ihm je das Wasser reichen können. Seinetwegen hatte sie die Kinder, den Ehemann, den neuen, den Russen verlassen, ihrem Land den Rücken zu kehren oder von der Klippe über dem Fluss ihrer Heimatstadt zu springen, an deren Rand sie beide so gerne spazieren gegangen waren.

Welch ein Glück, dass er zu ihr zurückgekehrt war! Jetzt konnte man das Erdendasein wieder "Leben" nennen, jetzt war es keine ewig gleichförmige Abfolge von Tagen mehr, die ihr sauer aufstießen wie die Apfelsinen aus dem EDEKA.

Welch ein Glück, dass sie wieder in seine wunderschönen blauen Augen schauen, den warmen Bariton seiner Stimme hören und ihre Wange an seine Brust legen konnte. Wie unbeschreiblich schön war es doch, dass er damals nicht verunglückt und nicht in diesem sinnlosen Krieg vor die Hunde gegangen war.

José hatte keine Eile, sich mit dem Kalbsfrikassee an Spargeln zu beschäftigen. Auch er war tief bewegt und glücklich, doch wenn Magdalena genau genug in sein Gesicht geschaut hätte, dann wären ihr einige unheilvolle Schatten auf seinen Schläfen und kleine Sorgenfalten auf seiner Stirn und in den Mundwinkeln nicht entgangen, dann hätte sie verstanden, dass dieser Mann etwas anderes von ihr brauchte als menschliche Nähe und sich quälte, weil er nicht wusste, wie er von Schluchzern und freudigen Ausrufen zur der Sache übergehen sollte, wegen der er hierher in die westdeutsche Provinz gekommen war.

Die Diskretion verbietet mir zu beschreiben, was in den nächsten zwei Stunden zwischen den früheren Liebesgefährten passierte, aber in dieser Zeit trank unser verehrter Berichterstatter seinen Espresso, erinnerte er sich wieder an seinen Traum mit den Wellen, dachte nach und überlegte verschiedene Gründe für das Verschwinden von Magdalena. Eng umschlungen lag sie nämlich mit José nackt und verschwitzt im breiten Bett eines feinen Hotels im Zentrum von K. José, der die wilden Gelüste von sich und seiner Partnerin zu beider Befriedigung erfüllt hatte, erklärte Magdalena mit eindringlichem Flüstern, was er tatsächlich von ihr wollte. Diese, noch schaudernd und in Liebe zerflossen, verstand kaum, was er sagte, sondern wiederholte nur mechanisch: "Ja, ja, ja, ich verstehe dich, ich mache das, ich fahre dorthin und übergebe das Paket..."

José hatte bereits alles Nötige geregelt, bevor sie ins Hotel gekommen waren. Das schwere Paket, das sich auf keinen Fall in seinem Auto oder in seiner Nähe befinden durfte, wurde von zweien seiner Helfer bereitgestellt. Einem dritten Helfer, der nach Prag fuhr, übergab er das Handy von Magdalena. Er sollte es in irgendeiner kleinen Stadt auf tschechischem Gebiet gut sichtbar ablegen. Magdalena rief noch vom Hotelapparat in ihrer Firma eine Chefsekretärin an, mit der sie eine vertraute, beinahe intime Freundschaft verband, und bat sie mit warmen Worten rückwirkend um eine Woche Urlaub. Diese bewerkstelligte das am frühen Morgen des folgenden Tages. José hatte ein Flugticktet nach Kathmandu in der Tasche. Seine persönliche Anwesenheit in Deutschland konnte für das Projekt nur hinderlich sein, denn er wurde schon seit vielen Jahren als Terrorist und Mörder mit Haftbefehl gesucht und war nur für ein paar Tage mit falschen Papieren hier eingereist, nachdem er sich das Bärtchen abrasiert, seine Frisur verändert und sein Gesicht ein wenig hatte liften lassen.

Beim Abschied von José weinte Magdalena, während er ihr prüfend in die Augen sah, um herauszufinden, ob sie wirklich tun würde, was er wollte. Während Magdalena mit dem Paket im Kofferraum eines alten Peugeot auf der Autobahn an Leipzig vorbeifuhr, sprach unser Berichterstatter mit der Polizistin in Zimmer 34. José hatte den Peugeot vor der Begegnung mit Magdalena von einem Parkplatz gestohlen, wo er schon einige Wochen oder Jahre gestanden haben mochte. Er tankte ihn auf, vertauschte die Nummernschilder und stellte das Auto auf den Parkplatz des Hotels, in dem er ein paar schöne Stunden mit Magdalena zu verbringen gedachte. Sie hatte bisher immer noch nicht verstanden, was er vorhatte und in welchen Abgrund er sie riss. José nutzte ihre Liebe schamlos aus...

Sie ahnte nicht, dass sie in einem gestohlenen Wagen unterwegs war und dass eine mächtige Bombe mit Fernzündemechanismus im Kofferraum lag. Sie fuhr nach Hamburg und schlief eine Weile in einem Vorort im Auto. Etwa um elf parkte sie den Wagen in der Nähe des Terminals Tango am verabredeten Punkt neben einer großen Steinskulptur. Drei schweigsame Typen südländischer Herkunft kamen herbei, holten das Paket aus dem Kofferraum, legten es auf einen Transportkarren des Flughafens und verschwanden damit. Danach stellte Magdalena das Auto genau nach Josés Anweisungen in der Tiefgarage ab und wartete dort auf ihren wieder auferstandenen Freund, der sich bereits auf dem Weg nach Kathmandu befand - mit dem sie aber auf eine Karibikinsel zu entschwinden hoffte.

Ich möchte den Leser nicht mit unnötigen Details langweilen. 

José kam nicht. Magdalenas Leichnam wurde mit durchgeschnittener Kehle in einem Nebenraum des Parkhauses gefunden. Eine Stunde vorher hatte sich auf dem Flughafen eine Explosion ereignet, die fast 160 Menschen mit in den Tod riss. Ein Selbstmordattentäter hatte die Höllenmaschine am belebtesten Punkt des vierten Terminals vom Hamburger Flughafen gezündet. Magdalenas Leichnam kam zum Vorschein, als die Polizei die Umgebung des Flughafengeländes nach weiteren Bomben oder Terroristen absuchte. Die Polizei in K. identifizierte die Tote von Hamburg schnell als die Frau, die dieser schrullige Emigrant vermisste. Sie versuchten den Russen ausfindig zu machen, aber das gelang nicht. Später fand die Polizei heraus, dass Anton und sein Freund Peter am Tag der Explosion nach Tschechien gefahren waren, wo sie nach dem Besuch einer Bar und eines Bordells in der Kleinstadt "Berg des Hl. Nepomuk" spurlos verschwanden. Nach vier Wochen tauchten beide übrigens wieder in K. auf. Während der ganzen Zeit waren sie durch die Lasterhöhlen des nördlichen Tschechiens gezogen. Sie hatten gesoffen und herumgehurt, bis ihnen das Geld ausging.

 

 

 

Aus dem Russischen Klaus Kleinmann

 

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