Igor Schestkow "Invasion"


I N V A S I O N

 

Invasion

Die ersten Luftlandeeinheiten rollten in Berlin ein am Sonnabend, dem sechsten Dezember 2014. Weit mussten sie nicht fahren – die Flugzeuge für den Militärtransport hatten sie auf dem verlassenen Flugplatz Werneuchen abgesetzt, zwanzig Kilometer von der Berliner Stadtgrenze entfernt, auf einer ehemaligen sowjetischen Militärbasis. Zwanzig die Landebahn begrenzende, halbmeterhohe Gummikegel, fest verankert im Beton, waren rechtzeitig von Putinschen Agenten entfernt worden, die nach Werneuchen in Kleinbussen zwei Stunden vor der Landung der ersten IL-76 aus Berlin angereist waren.
Diese unterstützten die frisch Angekommenen bei der Errichtung einer Rundumverteidigung, versorgten sie mit Karten und operativen Informationen. Übrigens griff niemand die Eindringlinge an. Nicht einmal die Polizei war vor Ort, lediglich etwa zehn vom Lärm angelockte Werneuchener Jungen und zwei hiesige Vietnamesen starrten mit aufgerissen Mäulern nach den aus den Leibern der gigantischen Maschinen hervorquellenden plumpen Raupenungeheuern mit noch abgedeckten Geschützrohren und nach den roboterhaften, finster dreinblickenden, hochaufgeschossenen Soldaten in merkwürdigen, schlecht genähten Uniformen.
An den nächsten drei Tagen gab es in Werneuchen etwa vierzig Landungen, die Russen verbargen ihre Technik in den alten Hangars, sie brachen ihr Zeltlager ab, und dann, in Anbetracht des Ausbleibens deutscher Truppen, formierten sie mehrere Konvois, durchbrachen mit Panzern den niedrigen Erdwall am Berlin zugewandten Ende der Rollbahn und schaukelten die Straße Nummer 158 hinunter. Nähe Bahnhof Ahrensfelde bogen sie auf die gleichnamige Straße und fuhren auf kürzestem Weg Richtung Stadtzentrum. Weiter auf die Falkenberger Chaussee, an meinem Elfgeschosser vorüber. Auch weiterhin gab es keinerlei Widerstand auf dem Weg ins Zentrum der Hauptstadt. Im Gegenteil, ich bemerkte Grüppchen von Berlinern am Straßenrand, die zum Willkommensgruß den Fahrern winkten, die ihre behelmten Köpfe aus den Luken hervorstreckten. Einige Leute warfen Blumen in Richtung der schwer dahinrumpelnden, grau-schwarze Auspuffgase ausstoßenden Fahrzeuge. Woher hatten sie Blumen? Die Blumenläden waren längst geschlossen. Wer waren sie, die Verräter? Linke, die selbst jetzt noch nichts begriffen hatten? Grüne? Ehemalige STASI-Agenten? „Schläfer“, von Putin gesandt? Oder Russlanddeutsche und ihre russischen Ehefrauen, welche Deutschland ins Land gelassen hatte, um irgendwie die wachsende türkische Population rassisch zu kompensieren?
Eine Oma tanzte vor Glück am Wegrand und schrie so laut, dass ich ihre Worte in meiner siebenten Etage verstehen konnte: Söhnchen, Söhnchen, kommt, kommt, wir haben euch lange erwartet, jetzt kehrt für uns das Leben ein!
Diese fröhliche Alte sah ich zuvor einige Male bei KAISER'S. Sie kaufte dort Zigaretten, Wein und Delikatessen zum Imbiss. Einmal wies eine magere, schüchterne Verkäuferin, offensichtlich eine hinzuverdienende Studentin, sie höflich darauf hin, das sie ein Stück Räucherwurst nicht bezahlt hatte, (sie hatte es nicht aufs Band gelegt, sondern in der Hand behalten). Die Alte erschrak sichtbar, aus Angst vor Bestrafung, und fing an zu jammern: Verzeihen, verzeihen, Frau Verkäuferin! Ich bin dumme Alte! Nix mehr, niemals!
Doch indem sie sich von der Kasse entfernte, zischte sie: Faschistin, verfluchte! Krepieren sollst du, und auch deine Faschistenkinder!
Nach den Luftlande-Einheiten rollten eiligst Divisionen von Motschützen über Polen an – es begann die Invasion im großen Maßstab.

Ich traute weder Merkel noch Obama, noch der NATO.
Die gealterte, amtsmüde Kanzlerin hatte sich so daran gewöhnt, ihre Zunge zu wetzen und nichts zu tun, dass sie nicht imstande war, irgendwelche Schritte zu unternehmen, Obama erwies sich nach Jahren seiner Präsidentschaft als Schlappschwanz, die „schreckliche“ Nordatlantische Allianz existierte wie sich zeigte einfach nicht, – ein bloßes Phantasiegebilde. Die Amerikaner wollten offenbar nicht für Europa sterben. Und der auf sich allein gestellte Alte Kontinent, der lange keine Kriege geführt hatte und erschlafft war und zerrissen vom Egoismus der Monopole und einflussreicher Klans, hatte keine Kraft sich gegen die Horden der neuen Hunnen zur Wehr zu setzen. Waffen und Soldaten hatte Europa mehr als genug, aber es bestand weder der Wille noch der Mut, sich dem unverschämten Aggressor entgegenzustellen. Der französische Präsident und der britische Premier erklärten öffentlich, dass sie „unter keinen Umständen“ ihre Atomwaffen einsetzen würden. Das gleiche verlautbarte Obama in einer Botschaft an das amerikanische Volk, nur eleganter und diplomatischer.
Russland, das in dem verdeckten, „Hybridkrieg“ gegen die Ukraine unterlegen war, hatte am 20. September die zuvor dem Nachbarstaat entrissene Krim wieder verloren. Der in die Ecke gedrängte Putin hatte den Atomknopf gedrückt. Am 21. September wurden Kiew und Lwow durch taktische Atomraketen vernichtet. Danach stellte Russland der Ukraine und dem Westen sein „Ultimatum zum Sonntag“. Die Politiker der freien Welt, nicht gewöhnt an verantwortungsbewusste Entscheidungen, verfielen in Hysterie oder wetzten ihre Hosenböden blank in nutzlosen Konferenzen, die Bürger zitterten vor Angst. Das Weltfinanzsystem brach am 23. September zusammen – dieses Datum ging in die Geschichte ein als „schwarzer Dienstag“. Das amerikanische Militär verließ Deutschland (eine der Bedingungen Putins), die Sechste Flotte entschwand nach Miami. Panik brach aus. Wohlversorgte Deutsche ließen ihre Häuser und Firmen im Stich und – jeder so gut er konnte – flog oder schipperte nach England und die Neue Welt.

Die unglückliche Ukraine kapitulierte nach dem Atomschlag des Brudervolkes bedingungslos, und die russischen Truppen breiteten sich darin aus wie vor fünfzig Jahren blaue Tinte auf meinem Schreibtisch, entquollen dem kleinen Tintenfass, das meinen ungeschickten Kinderhänden entglitten war. Die schutzlose Bevölkerung des tapferen Landes geriet in die Klauen der Putinschen Soldateska. Es begann Massenmord, Folterung, Vergewaltigung und Raub. Besonders wüteten die in ihrem Krieg unterlegenen und revanchelüsternen Donezker und Lugansker „Separatisten“, die von Poroschenko großzügig ins russische Reich entlassen worden waren. Die ukrainischen Soldaten, die sich ohne Widerstand ergeben hatten, all die Maidanteilnehmer, Enthusiasten und Patrioten wurden von den Russen schon in der ersten Woche nach der Kapitulation grausam gefoltert und ohne Ausnahme getötet. Männer von zwanzig bis sechzig wurden in Konzentrationslager geworfen, wo sie zwecks systematischer Vernichtung kräftezehrenden Arbeiten und regelmäßigen Prügeln ausgesetzt waren. Kinder wurden den Müttern entrissen und in russische Kinderheime verbracht – zur „Umerziehung in den Traditionen der großen russischen Kultur“. Die älteren Frauen zwang man zur Arbeit in Fabriken und Schächten zu Bedingungen der Stalinschen Trudarmee. Die ukrainischen Mädchen verkaufte man in Moskauer und arabische Bordells. Die Jungen von siebzehn bis neunzehn presste man in die Armee. Den Pensionären entzog man die Renten, in der Hoffnung, dass sie dann „von allein ihren letzten Schnaufer tun“, wie es der Helfershelfer Putins in nationalen Fragen Glinow ausdrückte. Von all diesen schrecklichen Dingen erfuhr ich aus den Sendungen des unabhängigen ukrainischen Radiosenders „Nadia“, der auf Kurzwelle aus London sendete.

Weißrussland hatte sich vor allen anderen ergeben. In den deutschen Nachrichten wurde vorgeführt, wie der knieweiche Lukaschenko dem wie eine Gottheit verehrten Putin symbolisch die Schlüssel von Minsk überreichte, wobei er ihn aus tränenden Augen anschmachtete.
Die russische Armee, verstärkt durch Millionen Freiwillige und Reservisten begann eine weitere Expansion. Und zu Monatsende herrschten die Putinisten schon in den fast ohne Kämpfe okkupierten Ländern Moldawien, Rumänien, Bulgarien, Litauen, Lettland, Estland, Polen, Slowakei, Tschechien, Georgien, Aserbaidshan und Armenien. Die russischen Minderheiten in diesen Ländern ergaben sich.
In Ungarn und Finnland stießen die Russen unerwartet auf den Widerstand von Partisanen. Im Kreml erwog man ernsthaft die Frage von Nuklearbomben auf Budapest und Helsinki, aber man hatte es mit einer Entscheidung nicht eilig.
Im Osten nahmen die tapferen russischen Krieger Astana (angetan mit einem goldbestickten Chalat begrüßte Nasarbajew Putin mit Brot und Salz, schenkte ihm einen fuchsroten Hengst, was ihn jedoch nicht vor dem Arrest bewahrte, vor Prügeln und schmachvoller Hinrichtung) und sie begannen weiteren Vormarsch nach Süden und Südosten … Nur eins im Sinn, „ihre russischen Stiefel im Indischen Ozean zu waschen“. Noch vor dem Zeitpunkt, zu dem das gleiche – mit chinesischen Stiefeln – der Große Bruder aus Peking tun würde, mit dem Putin eiligst einen tausendjährigen Frieden geschlossen hatte, untermauert von einer heimlichen Überschreibung des halben Chabarowsker Gebiets an China. Der Vorsitzende Su Kyi hielt bei der Unterzeichnung des Dokuments den Stinkefinger hinter dem Rücken, ganz so, wie es ihm in den fernen fünfziger Jahren während des Studiums in der Moskauer Staatlichen Universität die sowjetische Studenten beigebracht hatten.
Anfang November gab Putin den Befehl, den „unsinkbaren Flugzeugträger Amerikas – Japan“ vom Antlitz der Erde zu tilgen, was von seinen Generälen mit Vergnügen ausgeführt wurde. Die Moskauer Intelligenzler und Monarchisten knurrten, rachsüchtig blinzelnd: Das kriegen sie für Port Arthur und Zusima.

Die Mächtigen in der BRD wollten selbst nach der Dislozierung der russischen Truppen bis an die Ostgrenzen Deutschlands nicht öffentlich zugeben, dass der Einmarsch unvermeidlich sei. Das Privatfernsehen stellte seine Übertragungen ein, niemandem gelang es, Politiker vor die Kameras zu bekommen. Nur der erste und der zweite Kanal sendeten noch. Die Sprecher, die die Ereignisse kommentierten, verzogen die Münder und erröteten. Sie wussten, dass sie dem Volk ins Gesicht logen und dachten nur noch daran, wie sie sich schnellstmöglich aus dem Staub machen könnten. Außer den Nachrichten sendeten die Stationen alte Komödien und Unterhaltungsprogramme.
Nach der Vernichtung Japans beluden Millionen Deutsche ihre Karossen mit ihren Habseligkeiten und düsten nach Westen in der Hoffnung, irgendwie fortzukommen – über den Ozean.
Die zivile Luftfahrt war eingestellt – russische Diversanten, von denen Europa wimmelte (das sie zuvor eifrig als Flüchtlinge aufgenommen hatte), zerstörten die Einrichtungen der Flughäfen, zerschnitten Kabel, sprengten unterirdische Treibstoffreservoire.
Niemand dachte auch nur daran, Militärmaschinen aufsteigen zu lassen.
Die Schweiz und Schweden schlossen ihre Grenzen für Flüchtlinge und erklärten sich für neutral. Sie hofften, dass der lange Arm Moskaus sie nicht erreichen würde. Die nachfolgenden Ereignisse zeigten, dass das ein vergebliches Hoffen war.
Richtung Österreich flüchtete niemand, weil schon am fünften November die russischen Truppen Wien eingenommen hatten. Es gelang dem Schriftsteller Leonid Kaloschnyi, einem früheren konsequenten Sowjetgegner, nicht rechtzeitig, aus der österreichischen Hauptstatt zu entkommen. Er war der erste Wiener, der von einem Putinschen Tribunal auf dem Rathausplatz aufgehängt wurde „wegen verbaler Verbrechen gegen sein früheres Vaterland“. Kaloschnyi hielt sich tapfer und schrie den Henkern vor der Hinrichtung zu: Alle werdet ihr nicht hängen können!

Einigen Deutschen gelang es, über den Brenner nach Italien zu entwischen, sie versuchten dort, ein Schiffsbillett zu erstehen. Oder einen Kutter oder ein Schlauchboot zu kaufen. Ein Teil von ihnen war so schlau, in winzigen Kähnen zur afrikanischen Küste zu gondeln. Die Machthaber in Libyen, Ägypten und Tunis empfingen die Flüchtlinge nicht so, wie noch vor kurzem die Europäer tausende Afrikaner empfangen hatten, die nach Europa auf der Jagd nach einem besseren Leben gekommen waren – sie befahlen ihren Truppen, aus großkalibrigen Maschinengewehren (die ihnen zuvor von den Europäern zum „Kampf für die Freiheit“ geliefert worden waren) ihr vernichtendes Feuer zu eröffnen, die Leichen warfen sie ins Meer zum Fraß für Fische und Medusen.
Die Türkei erklärte ihre Unterstützung für die „neue Politik Russlands“ und den Wunsch nach einer langwährenden Allianz „zur Festigung des Friedens und des Wohlstands in Europa, in Kleinasien und in den Seegebieten um das Schwarze und das Mittelmeer“. Worauf sie Griechenland und Albanien okkupierte, die Länder des früheren Jugoslawien und dort eine Schlächterei inszenierte.
Der Iran eroberte den Irak, Syrien und das von den amerikanischen Truppen verlassene Saudi-Arabien. Zwischen Indien und Pakistan begann ein Krieg, der sich über Jahrzehnte hinzuziehen droht.
Vietnam besetzte Laos und Kambodscha.
Israel hielt den Atem an, weil es spürte, dass die Muslime sich jeden Augenblick von allen Seiten wie ein Rudel hungriger Wölfe auf es stürzen und es in Stücke reißen würden. Die israelischen Bürger waren sich bewusst, dass ihre Atomwaffe die Araber schon nicht mehr zurückhalten könnte, und dass von Amerika, das den Schwanz eingezogen hatte, und von Europa, das sich zu Füßen Putins wand, keine Hilfe zu erwarten war.
Was tat die Bundeswehr ab Ende September bis Anfang Dezember, als schon alles entschieden war, ist mir unbekannt. Ich vermute, dass Offiziere und Soldaten, als sie begriffen, dass die politische und militärische Führung sich nicht bequemte, den Russen entgegenzutreten, die Waffen wegwarfen und schlicht und einfach nach Hause liefen.

Das Leben in Berlin wurde schwierig. Die Krankenhäuser arbeiteten nicht, ihr Personal zerstreute sich in alle Winde und überließ die Patienten der Willkür des Schicksals. Universitäten, Schulen, Kindergärten und Museen schlossen. Zeitungen und Journale stellten ihr Erscheinen ein. Das Internet, Telefone und Handys waren abgeschaltet. Die U-Bahn schloss, Straßenbahnen und Busse fuhren nicht mehr.
Ungeachtet, dass die Mehrheit der Bewohner Berlin verlassen hatte, brachen nicht selten ethnische Massenschlägereien aus, wo dann unflätiges Gebrüll und das Bellen von Schüssen zu hören war. Da und dort lagen Leichen von Tier und Mensch.
Am Freitag, dem fünften Dezember war es in Berlin noch möglich gewesen S-Bahn zu fahren.
Die wenigen noch geöffneten Lebensmittelläden erinnerten an diesem letzten Tag durch ihre leeren Regale an die Moskauer Selbstbedienungsläden aus den Zeiten der späten Perestroika. In ihnen wurde die „neue Mark“ entgegengenommen, eine Parodie auf die alte deutsche Währung, die Ende September anstelle des Euro eingeführt worden war. Nach Brot und Milch standen lange Menschenschlangen an. Die Kassenautomaten funktionierten nicht, die Kunden bezahlten bar. Weder Gemüse noch Obst, Fleisch, Fisch, Käse, Wurst, Quark, Jogurt und all die übrigen Köstlichkeiten waren ab Ende September nicht mehr vorrätig. Manchmal klatschte man noch irgendwelchen stinkenden, kaum essbaren Fisch auf die Theke.
Kaffee, Zigaretten und Schnaps war nur auf dem Schwarzen Mark zu haben, im Tausch gegen Goldmünzen, Goldketten und -ringe. Silber war nicht notiert. Eine Packung Zigaretten konnte man gegen ein eine warme Winterjacke tauschen, hundert Gramm Kaffee – für derbe Schuhe oder Stiefel. Für ein spielzeugkleines Fläschchen Wodka konnte man sich ein nächtliches Stelldichein mit drei asiatischen Nutten oder einer deutschen kaufen. Unwahrscheinlich hoch standen im Kurs Taschenempfänger, Batterien, Touristenmesser, Schlafsäcke, alle Arten von Feuerwaffen, empfängnisverhütende Pillen und Präservative.
Der Strom war abgeschaltet, aus den Wasserhähnen floss kein Wasser mehr, die Heizkörper kühlten aus. Trinkwasser pumpten die Leute aus Pumpen, die in unserem Bezirk einst vorausschauende DDR-Bürger für den Fall eines Angriffs durch den „aggressiven NATO-Block“ gebaut hatten.

Ich ging immer mit zwei Eimern zur Pumpe und stieg dann in meine siebente Etage (der Lift funktionierte nicht), machte eine Minute Pause in jedem Stockwerk. Versuchte das in Brust und Schläfen rasend pochende Herz zu beruhigen. In der Wohnung filterte ich das Wasser, kochte es ab auf meinem Spirituskocher, der unbegreiflicherweise alle meine Umzüge überlebt hatte, warf in ein Wasserglas einen viertel Teelöffel voll Kaffee und ebensoviel Streuzucker, rührte sorgsam mit einem gläsernen Löffelchen um und trank in kleinen Schlucken.
Mir war klar, dass ich nicht lange damit hinkommen würde, wir alle würden das nicht.
Ich begriff, dass die Russen mich bald finden und töten würden, wie sie schon zehntausende ihnen unfreundlich gesinnte Bürger der Länder des ehemaligen Warschauer Vertrages getötet hatten. Allzu oft in den letzten acht Jahren hatte ich ihr Idol samt Namen und Adresse einen Dieb und Mörder, kahlköpfigen Zwerg und Arsch genannt, und das ihn liebende Volk Schweineherde, Abschaum und stalinsche Bastarde.
Sie erinnern sich an dich, sagte ich mir, wenn sie dich hinreichend ausgeplündert und fertiggemacht haben, sagte ich mir, wenn ich aus dem Fenster die Bewegungen der russischen schweren Technik beobachtete.
Wie gut, dass ich meine Frau Marika zu ihrem Sohn in dessen Familie geschickt habe. Sie fährt sicherlich gerade auf einem Luxusdampfer nach Amerika, beobachtet Delphine und schleckt Eis. Und ich, sehen Sie, bin zurückgekehrt in die UdSSR. Hat es was gebracht, damals, im Jahr neunzig, aus dem Moskau Gorbatschows auszureisen, um mich 2014 im Berlin Putins wiederzufinden? Ja, seid gegrüßt, ihr Schützenpanzer, ihr „schwarzen Transporte“, ich grüße dich, Stacheldraht, Bonjour, ihr Spitzel, ihr Parteikomitees, ihr Geheimpolizisten, du, Lubjanka. Wie ich euch alle hasse! Warum bin ich nicht mit Marika gefahren?
Darum, weil ich nicht mehr wie ein Hase durch die ganze Welt hetzen wollte. Vor denen. War schon genug gehetzt. Weil ihr Sohn mir erklärt hatte, dass er nur seine alte Mutter aufnehmen würde, ohne ihren russischen Lebensgefährten.
Die bringen mich um, die bringen mich um. Ich werde krepieren, ja das werde ich.
So ganz unvorbereitet auf schlimme Zeiten war ich ja nicht. Ich hatte all das doch schon im August begriffen.
Begriffen, dass der Sieg der Ukraine sich für uns alle zu einer Katastrophe wenden würde, dass das Unglück auch zu uns kommt, in die scheinbar so stabile und ungefährdete deutsche Welt … Dass Putin sich rächen würde für die ihm entrissene Krim, für den Zerfall der UdSSR, für die Sanktionen. Nicht, weil er stark war, sondern schändlich schwach. Aber seine ökonomische Schwäche war nichts gegen die Impotenz Europas, die Unentschlossenheit des Obama'schen Amerika. Der russische Bär fühlte, dass seine Zeit gekommen war. Die Atompilze in der Ukraine erschreckten den Westen zu Tode, und die Vernichtung Japans paralysierte seinen Willen endgültig.
Die lang erwartete Abendröte des Westens, die Sternstunde der fauläugigen Viper waren angebrochen.
Ich begann, mich auf die bevorstehenden Torturen vorzubereiten. Ich vertat einen Haufen Geld für den Kauf einer Kiste kleiner blauer Fläschchen Schnaps (als Tauschware), vierhundert Kilogramm Lebensmittelkonzentrate und Konserven, fast eine halbe Tonne Zwieback, Wasserfilter, fünf Kilo Trockensprit, hunderte Rollen Toilettenpapier. Ich hängte zwei zusätzliche Vorhängeschlösser vor die Tür, verstärkte sie mit stählernen Riegeln, kaufte ein Samuraischwert, eine Luftpistole und die Nachbildung einer mittelalterlichen Hellebarde.
...
Das Militär fuhr vorüber und die Chaussee lag leer da.
Gelegentlich brausten verrückt gewordene Kradfahrer mit grünen Fahnen durch. Sie schrien „Allahu akbar“, rissen die Vorderräder hoch und balancierten auf den hinteren.
Ich ging zur Pumpe. In der Schlange standen sich ungefähr zweihundert Personen die Beine in den Bauch. Die Leute standen schweigend, seufzend, jammernd, traten von einem Fuß auf den anderen. Ich bekam mein Wasser und schleppte mich in die siebente Etage. Wieder Herzrasen, schweißtreibende Todesangst, Leere und Hoffnungslosigkeit. Vor dem Schlafengehen trank ich noch mal meinen Hausmacher-Kaffee und aß einen Zwieback. Legte mich hin ohne mich auszukleiden, hüllte mich in drei Wolldecken und schlief ein.
Ich erwachte ungefähr um drei von einem fürchterlichen Krachen und Poltern, das die Wände wie ein Erdbeben erschütterte. Die ruhmreichen russischen Krieger beschossen das Haus aus einer Abschussrampe „Grad“, die sie, ich weiß nicht wie, auf das Dach des Kaufhauses am Alexanderplatz gezerrt hatten. Sie schossen ein Loch in die Betonwand des Nachbaraufgangs, töteten zwei Rentner und setzten ihre Wohnungen und die der geflohenen Nachbarn in Brand. In der Stadt herumzuballern begannen die Iwans schon um zwei in der Nacht, vielleicht hatten sie sich vor Freude vollgesoffen, oder den Befehl erhalten, „das Deutschenpack ein wenig aufzumischen“.
Sie „mischten“ gründlich. Mit dem dritten Versuch trafen sie die Kuppel des Bundestagsgebäudes, zerstörten das Brandenburger Tor, lange feuerten sie auf den Fernsehturm, der nicht fallen wollte ungeachtet einiger direkter Treffer. Als er endlich kippte, verschüttete er beinahe die Schützen selbst mit seiner rot-weiß geringelten Spitze.
Ich wusste nicht, was ich tun sollte – vielleicht in den Keller rennen? Ich blieb in der Wohnung, allem zum Trotz, kochte Wasser, trank noch ein Glas Kaffee und aß noch einen Zwieback.
Einschlafen konnte ich dennoch nicht, auf der Straße bewegte sich mal hin, mal zurück ein Jeep und ließ die Hupe heulen. Ich hielt es nicht aus, stand auf, warf mir eine Decke über wie ein Mexikaner und öffnete das Fenster.

Dunkel, Sterne wie Goldstaub, kühle Luft … nur stinkt sie nach Pulverrauch. Am Horizont – erstes Morgenrot. Um die Sparkasse und um den Fahrradladen herum verdächtiges Treiben, offenbar wird dort geplündert.
Ich legte mich wieder hin. Eine Zeitlang hörte ich nur das Krachen der Grad-Geschosse. Dann drang von der Straße das trockene Knattern von MP-Salven herauf, Flüche und Gebrüll … Getrampel einer Verfolgungsjagd, das Geräusch eines zu Boden fallenden Körpers… Heulen, Flehen um Gnade … erneut Schüsse und ein nicht mehr menschlicher Schrei.
Das Herz blieb mir stehen. Und da blinkte etwas wie ein violetter Blitz, explodierte … wie mir schien, direkt im Zimmer. Eine ungeheure Kraft hob mich hoch und warf mich wie einen Ball an die Decke. Ich kam mit dem Kinn unten an … spürte, wie mir Blut aus dem Mund quoll … ich verlor das Bewusstsein.
Ich kam erst nach einigen Stunden wieder zu mir. Unerträglich schmerzten meine durchbissene Zunge und die Löcher meiner ausgeschlagenen Zähne. Eine glühende Metallsaite schnitt mir ins Rückgrat. Auch Knie und Füße meldeten Protest. Ich zwang mich aufzustehen und die Wohnung zu inspizieren.
Alle Fensterscheiben waren zertrümmert, die Türen (einschließlich die Wohnungstür) herausgebrochen, die Bücherschränke – Schutt, die Außenwand der Küche fehlte, ein Teil der Wand im Wohnzimmer hing hilflos, wie eine Erhängte zur Straße hinaus, meine Kleider waren zerrissen, und meine Vorräte, mein ganzer Stolz, waren fast vollständig vernichtet, auf die Straße geschleudert vom eisernen Besen eines Riesen.
Ich leerte das einzig heil gebliebene Wodkafläschchen und warf es in den dem Fenster gegenüberliegenden Winkel des Kinderzimmers, zog mir ein paar größere Stofffetzen über, und so erwartete ich das Morgenlicht.
Am Morgen, in der Warteschlange an der Pumpe erzählten mir Mitbewohner, dass in der ganzen Stadt Pogrome stattfänden, dass die Russen Frauen und Männer vergewaltigten und totschlügen, dass diese Höllenhunde aus einem Granatwerfer nahe der Kirche unser Haus beschossen und meine Nachbarin im Treppenhaus gegenüber umgebracht hätten, jene schiefgewachsene alte Rumänin, die ich wegen ihres ewigen Geschimpfes verabscheut hatte, und ihren schwarzen Kater.
Den ganzen Tag strich ich wie von Sinnen durch unsere zerstörte Wohnung, durch die Schneeflocken stoben… Benommen blickte ich auf den erloschenen Bildschirm, auf die zerbrochenen Stühle und Tische, die angekohlte Reproduktion des „Ritters“ von Dürer, auf das aus der altehrwürdigen Uhr herausgeschlagene Zifferblatt, auf irgendeinen grünen Knopf, einen zerbrochenen Bleistift, eine Mattglasscherbe der Lampe, das Foto meiner Tochter mit einem Loch in der Mitte … ich suchte das Schwert und die Hellebarde.
Ich versuchte herauszufinden, woher wohl jene Schuhsohle stammte – von Marikas abgetragenen Schuhen oder von meinen geliebte gelben Tretern, ich las in einem zerfledderten, dreckigen Buch und fragte mich immer wieder, wer der Autor sei und kam nicht dahinter, dass das mein Afrikabuch war.
Am Abend holten mich zwei Soldaten mit Maschinenpistolen…

 

Ich liebe dich, mein Leben

Einer von ihnen war ein zwei Meter langer Schlägertyp, ein einfacher Soldat. Der andere, auch nicht klein, war Offizier, Oberleutnant. Ich stand vor ihnen, in meine Decke gewickelt und hielt die Sohle und das Buch in den Händen. Der Schlägertyp rammte mir den Lauf seiner Kalaschnikow in den Bauch und sagte: „Hey, Galgenvogel! Wie heißt du denn, du Eiterbeule? Zeig deinen Ausweis, stinkendes Aas!“
Nach einem Moment quälender Selbstüberwindung gab ich mich zu erkennen. Mein deutscher Pass steckte in der Tasche. Aber ich konnte mich nicht erinnern, wo sich die Tasche befand und was das überhaupt war, ein „Ausweis“. Ein Gebirgsblümchen mit wattigen Blütenblättern? Es wollte mir nicht in den Kopf, was denn ein russischer Soldat damit anfangen konnte. Ich fand mich nicht zurecht. Schließlich legte ich Sohle und Buch, die in meiner Hand warm geworden waren, auf den Boden und verstand auf einmal, dass das keine Sohle war, sondern eine meiner Badelatschen, die ich in Belgien gekauft hatte, damals im Juni, nach einem langen Spaziergang mit einer Freundin über den sandigen Strand. Wie hieß sie doch gleich? Ich weiß nicht mehr, ich erinnere mich nur noch an ihre weichen Brüste und ihren seidigen Bauch. Ich zog meinen Plastikausweis heraus und zeigte ihn vor.
Der Oberleutnant vereinfachte die Dinge: „Scheiß dir nicht in die Hosen, du Missgeburt. Wir brauchen dich lebend. Hast du Winterstiefel? Gescheite Hosen, ein Hemd, eine Jacke, eine Mütze? Schau Petro, den haben sie beinahe zu Klump geschossen. Alles ein Brei. Tjaja, die Artilleristen...
Einem solchen Redeschwall hatte ich nichts entgegenzusetzen. Ich sagte nichts, blieb stumm wie ein Fisch. Die Laune des Oberleutnants verfinsterte sich. „He Opa, du wirkst niedergeschmettert, als wärst du mausetot. Schweigt wie 'ne zerquetschte Laus, der Kerl. Der passt nicht zu uns, da haben sie in der Zentrale mal wieder Mist gebaut. Beschissene Agenten, die!“
Der Schlägertyp wurde ungeduldig. Er knallte mir seine schweren Faust von hinten in die Leistengegend. Mit Mühe hörte ich ihn noch sagen: „Dem werden wir mal ein bisschen einheizen.“
Die glühende Stahlsaite in meinem Rückgrad spannte sich wie die Sehne eines Bogens und zerplatzte. Mir kam es vor, als würde mich der Schmerz in Stücke reißen. Später wurde mir klar, dass dieser Schlag in die Nieren eine spezielle Aufmerksamkeit war, die der Schlägertyp Petja, vom Oberleutnant Petro genannt, für „Eiterbeulen“ wie mich in petto hatte. Dieser Schlag tötete nicht, er war der Tod selber.
...
Ich kam in einem halbdunklen, hohen Keller hinter einem Gitter wieder zu mir, auf einer Holzpalette, wie sie zum Stapeln von Kisten benutzt wird, die verladen und transportiert werden sollen. Von der schmutzigen Decke hing eine bläuliche Neonlampe, die an einem Ende flackerte und den Keller mit einem unwirklichen, stroboskopähnlichen Licht erfüllte. Die Wirbelsäule schmerzte mäßig, die Zunge brannte nicht mehr. Aber ich konnte meinen Kopf nicht drehen.
Ein alter Mann in dunklem Mantel näherte sich. Er stand auf seiner Palette etwa zwei Meter entfernt, schaute mir fragend in die Augen und streckte mir eine Flasche Coca-Cola entgegen.
„Nehmen Sie einen Schluck. Das beruhigt und hilft gegen Verzweiflung.“
Unwillkürlich griff ich nach der Flasche, trank aber nicht, weil es einfach nicht gehen wollte. Ich stellte die Flasche auf die Palette.
„Wo bin ich?“
„Sie werden es nicht glauben, aber...“
„Was ist das hier? Die Hölle?“
„Nicht ganz. Ein Lagerraum. Kisten.“
Er zeigte mit der Hand nach rechts und nach links. Ich erblickte riesige Stapel.
„Jaja, da ist Coca-Cola drin. Wir befinden uns am Herstellungsort dieses tödlich diabetischen Produkts, dem man früher Kokain beigemischt hat. Wir – das sind Sie, ich, Boris Kanjewski, zu Ihren Diensten, und Mark. Mark ist der andere da, links von Ihnen. Er lagert auf seiner Palette wie einst Diogenes im Fass. Der Junge schläft ein Ründchen, denn er hatte ein nicht sehr angenehmes Gespräch mit Petja. Sie haben ja offenbar auch schon nähere Bekanntschaft mit diesem liebenswerten Vertreter des modernen Russlands geschlossen. Er hat Sie hierher geschleift. Was hat er geflucht. Übrigens, mit welchem werten Namen darf man Sie denn anreden, wenn Sie erlauben?“
„Anton... Rosen... Entschuldigung, ich kann mich nicht erinnern. Muss im Pass nachgucken.“
„Geben Sie sich keine Mühe, unsere Ausweise sind bei denen. Aber langsam, langsam... Sind Sie derselbe Rosenmeyer, der im „Literarischen Europäer“, bei diesem Überläufer B., Geschichtchen publiziert? Hab welche davon gelesen, ganz klar... Aber warum brauchen die gerade Sie?“
„Keine Ahnung. Hab mich vom Leben verabschiedet, als ich die Soldaten sah. Wissen Sie, in unserem Haus hat eine Granate eingeschlagen. Genau in meiner Wohnung ist sie hochgegangen. Mir hat es den Kopf an die Zimmerdecke gehauen. Deshalb fühle ich mich jetzt... wie in einem Alptraum.“
„Ganz Europa befindet sich in einem Alptraum.“
Da mischte sich Mark in unser Gespräch ein: „Meine Herren Theoretiker, wir befassen uns hier mit intellektuellen Spitzfindigkeiten. Das ist natürlich lobenswert, aber vielleicht sind sie gerade schon auf dem Weg zu uns. Für die sind wir ein Verlustgeschäft. Aus einer lautlosen Pistole. Wir müssen etwas tun – wie der Baggerfahrer sagte, bevor ihn der Bagger überrollte."
Boris erhob seinen langen Zeigefinger. „Hören Sie, von Gefechtslärm ist hier fast nichts mehr wahrzunehmen. Kann sein, dass sie vom Stadium der Zerstörung zum Stadium des Wiederaufbaus übergegangen sind. Und dafür brauchen sie Leute. Deshalb haben sie uns festgenommen.“
Mark lachte auf und sagte höhnisch: „Wie könnte es anders sein! Mein lieber Herr Kanjewski, Sie sind eine durch und durch romantische Seele. Die Juden haben das Gleiche gedacht, als man sie nach Sobibor abtransportierte. Meinetwegen sagen wir, sie schicken uns zur Arbeit. Aber betrachten Sie die Fakten doch einmal ganz nüchtern. Sie sind Briefmarkensammler, Pensionär, Melancholiker. Anton Rosendingsbums oder wie er heißt, kurz gesagt: der Heilige Antonius, ist ein Schriftsteller, ein Schwätzer, also ein nutzloses Subjekt. Total exaltiert. Kommen Sie schon, Anton, regen Sie sich nicht auf, bei uns herrscht ein offener Ton, und es gibt eh nicht mehr viel, was noch zu zensieren wäre. Mit mir steht es noch schlimmer als mit Ihnen beiden. Ein Geiger ohne Instrument. Poet. Ein Mensch, von dem nicht klar ist, von was und zu was er lebt. Vollkommen unbrauchbar, sowohl in Russland, als auch hier, sogar im Amazonasdschungel, wohin es mich allerdings nie verschlagen hat. Nein, hier handelt es sich um etwas anderes. Sie brauchen uns nicht für die Arbeit. Hier ist sicher irgendeine Schweinerei im Gange.“
„Mark, Sie sind ein Genie. Genauso ist es. Aber langsam... Ich bin studierter Physiker. Anton, welche Ausbildung haben Sie?“
„Geologie, Schwerpunkt Erdöl“
„Aha, und Sie Mark?“
„Ich habe keinen Abschluss, allerdings habe ich zwei Studiengänge angefangen: Schon hier, in Deutschland, wollte ich Archäologe werden und Designer. Aber ich habe alles vermasselt wie Onkel Wanja bei Tschechow.“
„Beklagen Sie sich nicht, Sie haben doch alles noch vor sich. Oder hinter sich, auch nicht schlecht. Aber das ist ja das Elend: Wir sind nicht unter einen Hut zu kriegen. Lassen Sie uns überlegen, was wir gemeinsam haben. Also... fangen wir mit dem Wichtigsten an: Wir sind Männer.
Mark gluckste vor Lachen und meinte: „Naja, das müssen wir wohl erst noch beweisen.“ Boris tat so, als hätte er Marks Einwand nicht gehört und fuhr fort: „Wir sind Emigranten aus der ehemaligen Sowjetunion.“
Mir schien es richtig einzuwenden: „Ich bin nicht aus der ehemaligen, sondern aus der damaligen UdSSR ausgewandert. Sie wissen schon: Das war jener Arbeiter- und Bauernstaat, wo man das Volk mit Buchweizengrütze gefüttert hat, und einmal im Vierteljahr gab es Büchsenmilch.“
„Na ist ja gut, das wissen wir doch. Wir stammen schließlich auch von da und sind alle dank unserer jüdischen Abstammung hier gelandet. Ach – da haben wir es doch: Wir sind typisch jüdische Migranten. Und die da wollen irgendwas genau von uns. Aber was?
„Ich bin Halbjude, und Sie, Mark?“
„Ich bin Zweidritteljude“
„Gibt’s ja gar nicht.“
„Klar gibt es das. Es gibt alles unter der Sonne. Es gibt Zweidritteljuden und Vierdritteljuden, es gibt auch bloß Dritteljuden. Ich kann dieses ewige Judengeschwätz nicht leiden.“
...
Am Morgen kam Petja, der Schlägertyp, und gab uns sechs Flaschen Cola und 600 Gramm deutsches Schwarzbrot. Er schickte uns aufs Klo, wartete vor der Tür auf uns, steckte uns wieder in unseren Käfig und verschloss ihn. Dann ging er, bemerkte aber noch vielsagend: „Achtung ihr Eiterbeulen, heute knallt es noch. Und wehe, ihr wagt es, euch zu mucksen, dann stopf ich euch das Maul, kapiert?“
Boris flüsterte kaum hörbar: „Halt selber das Maul, du Arschloch.“
Schließlich kam der Oberleutnant, verteilte Zahnbürsten, Seife und Handtücher und scheuchte uns in die Dusche. Er mahnte uns zur Eile.
Boris versuchte, ihn in ein Gespräch zu verwickeln, aber diesen Versuch erstickte der Oberleutnant im Keim. Er sagte, er sei in zwanzig Minuten zurück und wolle uns dann an die frische Luft führen.
“Wir machen eine Exkursion! Paradeuniform bitte sehr!“, scherzte er und grinste fies, wobei er seine schiefen Vorderzähne zeigte.
Boris insistierte: „Eine Exekution?“, worauf Mark konterte: „Eine Exhumierung. Binden Sie sich ein Schnuddeltuch um den Hals, sonst erkälten Sie sich noch. Der Sprengmeister ist auf Zack!“
„Sie haben Zahnbürsten verteilt, das heißt, heute knallen sie uns nicht ab. Was morgen ist, liegt im Dunkel der Ungewissheit“, bemerkte Boris und seufzte.
„Morgen auch nicht, aber vielleicht übermorgen. Sie haben die Zahnbürsten ausgegeben, um uns zu beruhigen, und dann... piff paff, ganz geräuschlos aus einer schallgedämpften Pistole... Dann sind Sie im Himmel, Genosse – wenn die Zeit dafür reif ist.“
„Jaja, immer einen ätzenden Spruch auf den Lippen, aber die Hosen gestrichen voll.“
„Dafür ist in Ihren immer alles tot.“
Ich klaubte meine Oberbekleidung vom Rand der Palette zusammen: grünes Sackhemd, schwarze Strickmütze, Lederhandschuhe und schwere Winterstiefel, die Marika und ich letzten Winter im Lindencenter beim Ausverkauf erstanden hatten. Ich zog die Sachen zu mir her und versank in Erinnerungen. Alles strahlte in rosafarbenem Licht. Die rosarote Marika kichert und zieht mich in ein schräges Geschäft. Ich ziehe mir rosa Stiefel über meine rosa Füße.
Wo bist du jetzt, meine arme Alte? Zu gerne wüsste ich, wie es dir geht. Was, wenn du es nicht aufs Schiff geschafft hast und in Frankreich festsitzt? Vielleicht haben dich die Franzosen rausgeschmissen und nach Deutschland zurückgeschickt, und du irrst irgendwo im Schwarzwald herum wie eine streunende Hündin. Ach meine Süße, das Leben mit dir war ja arg langweilig, aber ohne dich ist es gar nicht zu ertragen.
Der Oberleutnant und Petja führten uns zum Ausgang des Kellers. Dort wartete ein Militärjeep mit einem Maschinengewehr auf dem Dach. Der superschlaue Mark brummelte: „Ach, du meine Fresse: ein Tiger!“
Der Schlägertyp hörte das und brüllte: „Maul halten, Stein, oder ich brenn dir ein Loch in den Buckel!“
So kam heraus, wie Mark mit Familiennamen hieß. Edelsteinbranche.
Warum Buckel? Ach ja, Mark ging gebückt, wie alle langen und dünnen Juden. Mark sah aus, als sei er dreißig. Langnasig, traurige Hundeaugen, der sattsam bekannte Typ. Ganz das Gegenteil von mir.
So krochen wir ins Innere des Tigers, der nach russischer Kaserne roch. Der Oberleutnant setzte sich ans Steuer, der Schlägertyp Petja platzierte sich neben ihm. Durch die engen Seitenfenster konnte man kaum etwas sehen, und die Sicht nach vorne wurde vom riesigen Rücken des Schlägertypen in seiner Tarnjacke versperrt. Wir sahen nur Feuer, nahmen Brandgeruch wahr und hörten vereinzelte Explosionen.
Nach einer halben Stunde hielt der Tiger an und wir stiegen aus. Wir befanden uns vor dem Eingangstor des sowjetischen Ehrenmals im Treptower Park. Mark bemerkte trocken: „Hübscher Platz für eine Exekution. Da können sie uns auch gleich verscharren.“
Petja brüllte ihn wieder an: „Hast du Fürze im Hirn? Einen wie dich legen wir doch nicht neben die Helden! Für Eiterbeulen wie euch gibt es andere Plätze: auf der Müllhalde.“
Dann richtete er seine Maschinenpistole auf uns und sagte: „Na, vorwärts mit euch, ihr Judenschwengel! Hübsch die Beinchen bewegen!“ Wir gingen durch das Tor. Meinen Freunden war leider ziemlich schwummerig. Boris knabberte vor Angst an seinen Fingernägeln, zuckte seltsam und fing an zu husten. Mark schaute nach unten, machte einen Buckel und ließ die Kaumuskeln spielen. Mir war alles egal.
Wir kamen zum ersten Monument, dem gramgebeugten Mütterchen Russland, mit einem langen, um den Kopf geschlungenen Zopf, wie bei Timoschenko. Dort erwartete uns ein Mensch mit Kamera, neben ihm zwei Soldaten. Dem einen hingen zwei Gewehre mit aufgepflanzten Granatwerfern von der Schulter, ein deutscher und ein russischer, der legendäre sogenannte „Siebener“ zur Panzerabwehr, mit dem uns damals bei Wehrertüchtigungsübungen der Oberstleutnant Jablokow bekannt gemacht hatte. Dessen Füße hatten so entsetzlich gestunken und ihm war oft Blut aus der Nase gelaufen. Der andere Soldat hielt einige Packsäcke mit Granaten in den Händen.
Der Oberleutnant verteilte aus unerfindlichen Gründen schwarze Barette der Panzersoldaten von der Bundeswehr, befahl uns, sie aufzusetzen und gab dem Fotografen das Kommando: „Nimm die drei Judenschwengel auf! Fotografiere auch die Visagen, damit man sie später erkennen kann. Und ihr drei Arschgeigen hütet euch zu grinsen, das hier ist Krieg und kein Ausflug ins Vergnügungslokal.“
Dann nahm er dem Soldaten den deutschen Granatwerfer ab, drückte ihn Boris in die Hand und bellte: „Ziele auf das Denkmal. Keine Angst, das Ding ist nicht geladen. Fotograf, mach ein Bild von dem Saujuden mit der Kanone. Zeig deine Fresse, Finger an den Abzug, geh in Stellung. Bild im Kasten? Gut. Jetzt die anderen. Stein, nimm du den Granatwerfer. Einen steilen Riechkolben hat der, nimm den auf, und dass man den Buckel gut sieht. Prima. Jetzt du, Fettwanst, mach schon, hopphopp! Was der für riesige Ohren hat. Gut. Jetzt an die Arbeit!“
Der Oberleutnant gab dem Soldaten den deutschen Granatwerfer zurück und nahm die sowjetische Panzerabwehrkanone, lud sie mit einer Hohlraumgranate, betrachtete die Zielvorrichtung und wischte sie sauber. Dann gab er Kanjewski die Kanone und befahl: „Los, Onkelchen, mach schon, baller auf die Soldaten! Auf die vom Denkmal, du Arschgeige! Such einen aus und baller drauflos. Wenn du's nicht machst, blas ich dir das Licht aus. Petja, ziele auf seinen Nacken. Zum Nachdenken gebe ich dir zwanzig Sekunden. Fotograf, mach dich bereit, nimm den Saujuden und die Fahne auf. Jetzt fange ich an zu zählen: Zwanzig, neunzehn...“
Der arme Boris hob bei „zehn“ die schwere eiserne Musspritze mit dem zylindrischen Aufsatz vorne, zuckte ein paarmal hilflos, kniff beide Augen zu – und schoss plötzlich los. Die Granate traf das rechte Dreieck, die Explosion war stärker als ich gedachte hätte. Die Figur des gramgebeugten Soldaten nahm aber keinen Schaden, der Einschlag zwackte nur den oberen Rand des granitenen Banners ab. Der Oberleutnant betrachtete aufmerksam die Bilder des Fotografen und sagte etwas zu ihm, worauf jener nickte. Boris musste noch zweimal schießen. Dann nahm der Oberleutnant selbst den Granatwerfer in die Hand. Er schaffte es mit dem ersten Schuss, die rechte Figur herunterzuschießen. Der Fotograf nahm nur die Explosion auf.
Mark schoss den zweiten Soldaten und das Granitbanner über ihm mit vier Schüssen herunter. Als er abdrückte, leuchtete in seinen Augen etwas wie ein religiöser Schimmer: Kummer und Schicksalsergebenheit. Danach gingen alle zu der Stelle zwischen den abgeschossenen Bannern. Von dort musste ich schießen, und zwar auf den Soldaten mit dem kleinen Mädchen im Arm.
Es war eine Sache, den anderen zuzuschauen, und eine andere, selbst auf das Denkmal zu feuern. Nachdem der Schlägertyp mir den Lauf der Maschinenpistole an den Nacken gesetzt hatte, versuchte ich mich zu konzentrieren. Ich sammelte alle sowjetischen Abscheulichkeiten zusammen, die ich bis an den Rand meines Bewusstseins verdrängt hatte, und projizierte sie auf diese Figur mit der metallischen Visage eines Kochs. Der Kameramann fuchtelte mit dem Apparat vor meinem Gesicht herum. Ich zielte und schoss. Rauch und Feuer spuckten mir in die Augen, aber der Rückstoß war nicht stark.
Der Oberleutnant schaute durch das Fernglas und fing an zu lachen. Er reichte dem Schlägertypen das Glas, worauf dieser ebenfalls loswieherte. Der arme Bronzesoldat stand nach wie vor auf seinem Podest, in seinem Soldatenmantel, mit dem Töchterlein eines sowjetischen Kommandanten in den Armen und einem enormen Schwert. In seinem Bauch klaffte jedoch ein unregelmäßig geformtes Loch.
Die Deutschen nannten ihn das „Denkmal des unbekannten Vergewaltigers“...
Die weitere Arbeit erledigten der Oberleutnant und der Schlägertyp gemeinsam für uns. Sie waren mit Feuereifer bei der Sache und begleiteten die Ballerei mit Kommentaren wie: „Gibs dem Väterchen mit einer Granate. Und ich gebs dem Weibsbild mit der Maschinenpistole, voll auf die Titten! Ich gebs Minin und Poscharskij! Ich gebs Lenin auf die Fahne und auf den Bart! Ich baller auf den Panzer! Ich auf das heldenhafte Leningrad, hols der Teufel, da haben sie mir meine Schweizer Uhr vom Handgelenk geklaut!
Nach einer halben Stunde lagen alle Figuren und Basreliefs mit Zitaten Stalins in Trümmern. Mit der letzten Granate fegte der Schlägertyp Mütterchen Russland vom Sockel. Danach genehmigten sich die Verteidiger des rechtgläubigen Vaterlandes einen halben Liter Wodka aus der Flasche. Wir standen schweigend daneben. Auf dem Rückweg zur Fabrik sang der Schlägertyp im Tiger mit heiserer Stimme das Lied „Ich liebe dich, mein Leben.“ Dazu rülpste er laut, so dass man seine Wodkafahne roch.
...
Zum Abendessen bekamen wir wieder Cola und Brot.
Danach sagte Boris: „Seht ihr, jetzt ist alles klar. Das ist das Ende. Jetzt sind wir der Abschaum der Menschheit. Und alles steht im Protokoll. Das Video, unser Geständnis. Jüdische Terroristen mit deutschem Barett. Faschisten. Haben einen Anschlag auf das Heiligste verübt. Übrigens habe ich Parkinson.“ Mark tröstete ihn: „Warten Sie nur, was noch passiert. Heute haben sie das sowjetische Ehrenmal in Klump geschossen, morgen schicken sie uns zu einem Anschlag in den Berliner Dom, dann ins Schloss Charlottenburg, und übermorgen werden wir auf dem Alex öffentlich hingerichtet. Vielleicht direkt vor dem Roten Rathaus, damit man es von überall sehen kann. Oder sie schicken uns nach New York, direkt in die Generalversammlung. Schaut nur, die da sind an der Invasion schuld! Da stehen sie!“
„Während ich schoss, habe ich ihn mir vorgestellt“, sagte Boris ängstlich, wobei er schaute, dass nicht etwa fremde Ohren ihm zuhörten. „Den Glubschäugigen, wie man sagt. Ich wollte ihm direkt eins auf seinen kahlen Schädel brennen. Wie können sie nur zulassen, dass dieser Hamster mit den Wattebäckchen sie so lange regiert, und dass er sogar einen Weltkrieg anfängt.
„Die sind nicht besser als er. Genau solche R-R-Rindviecher.“ Mark fing vor Aufregung und Wut an zu stottern. „Lausige R-R-Rindviecher. Sollen sie doch alle im atomaren Feuer versch-sch-schmoren.“
Er fasste sich an die linke Seite und krächzte unverständlich, sackte schwer in sich zusammen. Boris rief laut: „Mark stirbt! Zu Hilfe!“
Der Oberleutnant und der Schlägertyp tauchten verdächtig schnell von irgendwoher auf, öffneten den Käfig, packten Mark und trugen ihn wie eine große Puppe hinaus.
„Wo schleppt ihr ihn hin?“, schrie Boris und wurde mit einem bösen Blick des Schlägertypen und einer verbissenen Miene des Oberleutnants belohnt. Nach einigen Minuten kamen sie zurück. Diesmal wegen Boris. Er wollte sich ihnen nicht ausliefern, und der Schlägertyp verpasste ihm seinen Spezialschlag. Dann brachten sie ihn hinaus. Ich wartete darauf, dass sie mich jetzt holten und machte mich bereit, wieder zu Erde zu werden. Aber sie ließen sich nicht blicken. Auch Boris und Mark bekam ich im Keller nicht wieder zu Gesicht. Ich stellte mir vor, dass sie erschossen worden waren – mit der lautlosen Pistole.
Am Abend kam der Oberleutnant zu mir, bat mich erstaunlich höflich, ich möge mich anziehen und führte mich auf den Hof hinaus. Da stand der Tiger. Er setzte sich ans Steuer und ließ mich neben sich Platz nehmen.
Wir schwiegen die ganze Zeit, während wir fuhren. Als wir nach Werneuchen kamen, erzitterte der Tiger im grässlichen Geheul eines startenden Riesenflugzeugs. Der Oberleutnant erklärte: „Wir fliegen nach Moskau. Na was, du Itzig, sehnst du dich etwa nicht nach der Heimat?“
Ich nickte mechanisch.
„Und sie sehnt sich nach dir.“

 

Wintermärchen

Wir starteten etwa um Mitternacht. In der IL-76 waren Sitze aufgestellt, der Raum platzte vor Passagieren aus allen Nähten, und die Koffer hatte man auf einen riesigen Haufen im Heckteil der Maschine geworfen. Es war schwer abzuschätzen, wie viele Leute sich an Bord befanden, vielleicht 150. Fast alles Soldaten, betrunkene, verwegene Gestalten. Keiner war ohne Trophäen... Sie prahlten voreinander mit falschen Rolex-Uhren, neuesten Smartphones, teuren Kameras, goldenen Kettchen, eleganten Damenschuhen von Versace oder Gucci, die man Leichen abgezogen, jemandem weggenommen oder aus zusammengeschossenen Geschäften und Lagerhäusern konfisziert hatte... Man gestikulierte, krakeelte, rauchte, einige versuchten sogar eng umschlungen zu tanzen. Es war unsagbar stickig im Flugzeug, es stank nach Wodka und Schweiß.
Moderne russische Musik heulte wie ein waidwunder Bär aus den Lautsprechern, die Passagiere stampften dazu mit den Füßen im Takt. Ihr Höllenlärm übertönte das Dröhnen der Turbinen. Die Texte verstand ich nicht, aber es schien mir, als erklängen in dem von grauem Zigarettenrauch geschwängerten Raum durch das dumpfe Gebrüll und das frenetische Prasseln des Händeklatschens hindurch liederliche Schnadahüpferln aus Sowjetzeiten. Es juckte einen alten Bock... zu schwimmen durch den Fluss Moskwa...
...
Der Oberleutnant hatte mich mit Handschellen gefesselt. Wir saßen nicht auf Sesseln, sondern auf Klappstühlen. Erst wütete der Oberleutnant herum, verlangte einen Platz im Sessel von einem schmierigen Major mit Klunkern an den Handgelenken, und hielt ihm irgendwelche Dokumente vor die unrasierte Visage. Dann diskutierte er mit dem Piloten. Niemand ging auf ihn ein, wahrscheinlich weil er Zivil trug. Nach einer Stunde Flug wurden mir die Beine steif, ich wollte aufstehen und mich bewegen, doch der Oberleutnant schlief wie ein Murmeltier. Hätte ich ihn aufgeweckt, wäre er wütend geworden und hätte diesen Schlitzaugen vielleicht sogar erzählt, dass ich einem Soldaten der Befreiungsarmee den Bauch durchlöchert hatte... Die hätten mich am Ende noch aus dem Flugzeug gekippt.
Natürlich gab es nichts zu essen und zu trinken, dabei hätte ich jetzt so gerne kalten Tomatensaft zu mir genommen. Bei der Landung wurden wir unsanft durchgeschüttelt, und zwar so stark, dass die Offiziere das Flugzeug vollkotzten.
Wir landeten in Bykowo und traten auf die vereiste Landebahn hinaus, wo uns nasse Flocken ins Gesicht klatschten. Ein Schneesturm tobte ringsherum. Die Eiseskälte der Heimat drang mir bis in die Knochen, Schüttelfrost beutelte mich durch. Die Flughafengebäude waren nicht zu sehen... Alles stockfinster. Der Oberleutnant murmelte versöhnlich: „Sie haben Bykowo plattgemacht. Das ist der Kapitalismus. Nur ein Landestreifen ist übriggeblieben. Gehen wir nach Hause, ich koch dir ein Käffchen.“
„Und was ist mit den Dokumenten, den Passkontrollen, dem Zoll?“
„Du bist nicht in Europa, gewöhn dich dran. Wir sind mit einem Spezialtransport hergekommen, was hast du da mit einer Zollkontrolle im Sinn? Stell dich um, du Itzig! Morgen erwartet dich ein ernsthaftes Gespräch. Denk nach, bevor du was sagst. Wenn du Mist baust, kannst du dir selbst in den Arsch beißen. Wie man sich bettet, so liegt man...“
Draußen kamen wir auf eine enge, dunkle Straße, die durch eine Art Datschensiedlung führte. Wir stolperten etwa einen halben Kilometer durch den Schneesturm und gelangten zu einem achtstöckigen Gebäude. Alles kaputt und dreckig. Auf dem Rasen brannte ein Feuer, eine Tanne schimmerte in den Flammen. Daran hing eine flackernde Aufschrift aus Leuchtstoffröhren: „Wintermärchen.“
Der Oberleutnant klärte auf: „Das ist eine Nachtbar, die heißt so. Hihi, jede Menge Flittchen. Von jeder kannst du dir für'n paar Kröten einen blasen lassen... Und Väterchen Frost ist der Rausschmeißer.
Schnee-witt-chen, Schnee-witt-chen – so nannten sie die Kinder unterm Weihnachtsbaum damals im Pionierlager, in den Sechzigerjahren. Lang, lang ist's her.
Schnee-flitt-chen.
Aus einer dunklen Ecke kam eine breitgesichtige, plattnasige Schönheit mit betont feierlichem Gang herausgewatschelt, eine grell geschminkte Animatrice in einem schaurigen Kostüm voller Strasssteine, das auf höchst unvorteilhafte Weise ihre hässlichen Beine verdecken sollte. Dieses Schneewittchen forderte uns mit klangvoller Stimme auf: „Kinder, lasst uns alle zusammen Väterchen Frost rufen.“ Und 250 zukünftige Vorkämpfer des Kommunismus blökten unisono: „Vä-ter-chen Frost, komm her zu uns!“
...
Unter einer blinden Straßenlaterne döste ein Auto, ein Lada. Der Oberleutnant sprach mit dem Chauffeur, und wir setzen uns auf die Rückbank. Ich schlief während der gesamten Fahrt. Der Oberleutnant weckte mich, als wir an einem Haus angekommen waren. Die Straße, das Haus, der Eingang – alles kam mir bekannt vor. Wir fuhren mit dem Aufzug in den achten Stock. Da gaben die Beine unter mir nach und ich sackte zusammen. Der Oberleutnant bekam mich zu fassen und schleifte mich in die Wohnung, löste die Handschellen und setzte mich in einen Sessel. Dann brachte er heißen Kaffee. Ich nippte daran, aber mein Mund kam mir vor wie der eines Fremden und wollte mir nicht gehorchen.
...
Schließlich weckte mich eine Frau. Sie schaute freundlich und sagte: „Es wird Zeit, dass du ins Bad gehst.“ Mir verkrampfte sich das Herz und rutschte in die Hose. Mich fröstelte. Wer war sie? Wie im Tran stand ich auf und schleppte mich vorwärts, wobei sie mich ganz sachte anschob und dirigierte. Ausziehen musste ich mich nicht. Grünlicher Schaum, Geruch nach Tannennadeln... Ich kletterte mit einiger Anstrengung in die Wanne und blieb lange darin sitzen, wässerte mich gründlich, spürte die Wärme und versuchte, mit Schaum ihr Gesicht zu formen.
Ich musste weinen, denn ich erkannte sie. Die Frau, die hier bei mir auf dem Schemel saß und mich mit einem goldgelben Badeschwamm abrieb, war meine Ehegattin, die ich vor 33 Jahren verlassen hatte.
„Ja, mein Lieber, ich bin es tatsächlich, besser gesagt das, was noch von mir übrig ist.“
„Und wo ist dieser grässliche Typ, dieser Oberleutnant? Ist er weg?“
„Ja, er hat nur seinen Job erledigt und dich zu mir gebracht. Du brauchst keine Angst zu haben, alles ist in bester Ordnung. Ich wasch dich ein bisschen, dann bringe ich dich in die Heia und du schläfst eine kleine Runde.“
„Sag mal, bin ich im Paradies?“
„Du bist in Jasenewo, in unserer Wohnung. Warte nur, das bekommst du alles heute Abend erkärt. Mach dir keine Gedanken, alles wird gut. Du brauchst ein wenig Ruhe.“
Sie nahm mich in den Arm – und verwandelte sich plötzlich in eine andere Frau, in eine, die ich auch verlassen hatte, in eine, die ich auch geliebt hatte, die aber jetzt mit unserer Tochter in Argentinien lebte. Wir weinten miteinander und liebten uns. Dann verwandelte sie sich in Marika. Ich küsste ihr altes, vertrautes Gesicht und versuchte herauszubekommen, ob sie es nach New York geschafft und dort ihren Sohn getroffen hatte, aber sie lächelte nur. Alle Frauen, die ich liebte, waren bei mir. Sie liebten mich, und ich liebte sie.
...
Der Abend vertrieb mich wieder aus dem Paradies. Die Zeit hatte mich eingeholt und warf sich mir auf die Schultern. Ich öffnete die Augen und sah neben mir einen weißen Kittel mit Schmerbauch. Was für ein Kloß! In seiner Hand blinkte eine Spritze. Ich zuckte instinktiv zurück. Er folgte mir nicht, sondern betätschelte meine Fußsohle, wackelte behäbig mit dem Kopf und meinte: „Ist ja gut, ist ja alles gut. Das stärkt Sie nur und beruhigt, stärkt und beruhigt... Ein bisschen Mescalin... Hihi, kleiner Scherz...
Er stach mir die Nadel in die Hüfte und leerte die Spritze ganz langsam. Dann klopfte er mir auf die Schulter und nickte mir zu wie ein chinesischer Glücksgott aus Porzellan.
„Sie halten sich tapfer! Nerven wie Drahtseile. Ein anderer an Ihrer Stelle... Aber jetzt essen Sie ein bisschen, da auf dem Tablett steht etwas, und dann setzen Sie sich in den Sessel und wir unterhalten uns. Wir plaudern ein Weilchen, denn mir scheint, ich sollte Ihnen einiges erklären. Danach können Sie selber entscheiden, was wir machen. Jaja, Sie selbst können entscheiden.“
Ich aß ein Brötchen mit Butter, trank einen Becher Orangensaft, stand auf, zog meinen Pyjama an und ging ans Fenster.
„Hier hat sich nicht viel verändert, stimmt's? Nur der Kapitalismus hat alle verdorben“, bemerkte der Fettkloß nachdenklich. „Die Häuser sind älter geworden, und ihre Bewohner... Na, Sie werden schon sehen. Gehen Sie in die Küche, schauen Sie in den Kühlschrank, und Sie werden spüren, dass Sie sich in der Realität befinden, nicht in einem Albtraum. Wir haben uns bemüht, alles in Ihrer Wohnung so einzurichten, wie es in Ihrem früheren Leben war, um Ihnen den Übergang in Ihre neue Existenz zu erleichtern. Damals hatten Sie keinen Fernseher, und wir haben beschlossen, auch jetzt darauf zu verzichten. Einen Computer gab es natürlich ebenfalls nicht. Aber hier ist ein Radio, bitte sehr, hören Sie Radio, so viel sie wollen. Ein Gerät Marke 'Spidola' steht zu Ihrer Verfügung. Ich würde Ihnen nicht empfehlen, heute noch das Haus zu verlassen, aber morgen können Sie das ruhig tun. Sie sind hier kein Gefangener und keine Geisel. Und nun bin ich bereit, auf Ihre Fragen zu antworten. Machen Sie es sich doch im Sessel bequem. Fragen Sie, mein Lieber, fragen Sie, was Sie wollen.“
Ich wusste nicht, womit ich anfangen sollte und schoss einfach los: „Sind Mark und Boris noch am Leben?“
Der Fettsack legte das Gesicht in Falten. Nach einer Pause, die sich ziemlich in die Länge zog, krächzte er leise:
„Ja.“
„Sind sie in Moskau?“
„Ja.“
„Arbeiten sie mit Ihnen zusammen?“
„Ein Schlauberger sind Sie! Eine richtige Spürnase!“
„Was wollen Sie von mir?“
„Ich kann mir kaum vorstellen, dass Sie das nicht bis aufs kleinste Tüpfelchen ahnen.“
„Und was heißt das genau? Ein Film, ein Interview, ein Canossagang?“
„Helles Köpfchen. Der Film wird schon zusammengeschnitten, das Interview läuft extra. Ja, und da wäre noch etwas.“
„Irgendwelche Termine?“
„Genau an Ihrem Weihnachtsfest, einige Tage vor Neujahr, da zeigen wir das auf allen Kanälen. Dazu eine Übersetzung in Englisch und in andere Sprachen.“
„Und wenn ich mich weigere?“
„Sie werden sich nicht weigern.“
„Was macht Sie da so sicher?“
„Sie werden sich nicht weigern.“
„Wen habt ihr noch in der Mangel?'„
„Ihren Sohn, seine Frau und Ihre Enkel. Außerdem Ihre erste Ehefrau. Und noch dazu – kleine Überraschung, hihi – Ihre Marika. Alle sind bei uns, und ihr Schicksal und ihre Gesundheit liegen in Ihrer Hand. Wir werden Ihnen nicht jeden Tag ein Fingerchen hierher auf dem Teller bringen... oder ein Äugelchen... Aber wer weiß, was IHM noch alles in den Sinn kommt? Ein Grübler ist ER, unser Wackelpudding aus dem Kreml, aber IHM sitzt der Schalk im Nacken, wissen Sie... ER könnte Sachen erfinden, die es nicht einmal in Ihren Erzählungen gibt.“
„Und warum gerade ich? Ich bin alles andere als fotogen.“
„Ach, wie lustig! Sie überlegen, warum das Los auf Sie gefallen ist? Sie sind doch selbst daran schuld! Sie haben selbst alles auf sich geladen. Geben Sie niemand anderem die Schuld außer sich selber! Emsige Sachbearbeiter haben Ihren Text gelesen, jaja, den über unsere Tätigkeit in London... Sie haben darin irgendwas angestrichen und es IHM auf den Zeitungstisch gelegt. ER hat es gelesen und entschieden, Sie sozusagen persönlich einzuladen.“
„Sehr schmeichelhaft. Und was kommt danach? Ein Schauprozess, eine Hinrichtung? Wie geschmacklos!“
„Sie wissen sicher, dass es bei uns keine Hinrichtungen gibt. Natürlich wird Ihnen der Prozess gemacht, und sein Ende wird von Ihrer Bereitschaft abhängen, mit uns zusammenzuarbeiten. Es gibt da breit gefächerte Möglichkeiten. Wir reden von lebenslanger Einzelhaft bis hin zu freundlicher Unterstützung. Wir können Ihnen diese Wohnung schenken und Ihnen gestatten, nicht nur zu schreiben, sondern auch in anständiger Auflage zu publizieren.“
Da hielt ich es nicht mehr aus. Ich knallte dem Fettsack meine Faust in seine aufgedunsene Fresse. Als er umfiel, trat ich ihm mit dem Fuß in seinen wabbeligen Bauch und zerschlug den Schemel auf seinem Kopf, bis er keinen Mucks mehr von sich gab. Dann besudelte ich seinen blutbefleckten Leichnam mit meiner Pisse.
Kleiner Scherz, diesmal meinerseits. Natürlich habe ihn nicht einmal mit dem Finger berührt, sondern stellte keine weiteren Fragen. Eine Stunde lang redete ich auf ihn ein: „Meine Familie muss aus dem Spiel bleiben, lassen Sie noch heute meine Schwiegertochter und die Enkel frei, ich werde alles tun, was Sie verlangen. Sie werden zufrieden sein, und außerdem... Geben Sie mir etwas Geld, damit ich mich ein wenig einleben und erholen kann. Ich laufe Ihnen schon nicht weg, keine Angst.“
Der Fettwanst ging hinaus in die Küche und redete dort etwa zehn Minuten mit irgendjemandem am Mobiltelefon. Dann kam er strahlend zurück.
„Na also, ER ist mit allem einverstanden. ER hat auch Geld für Sie bewilligt, obwohl es da Widerstände gab. Jaja, es gab welche. Die Schwiegertochter und die Enkel lassen wir frei, wenn der Film und das Interview fertig sind, die anderen werden nach dem Prozess entlassen. Der morgige Tag gehört Ihnen. Im Hause sind Sie allein, aber wenn Sie spazieren gehen oder irgendwo hinfahren wollen, wird Ihnen ein Auto folgen, in dem zwei Begleiter sitzen, natürlich in Zivil. Sie bringen Sie überall hin, wo Sie möchten, und für alle Fälle... Sie wollen doch nicht James Bond spielen? Fassen Sie unsere Beschattung als persönlichen Schutz auf. Moskau ist ja so gefährlich. Wie schnell hat da einer ein Loch im Bauch. Alles geschieht in Ihrem Interesse und zu Ihrem Wohlergehen. Ja, zu Ihrem Wohlergehen und zu Ihrer Unterstützung. Hier haben Sie ein Handy, um sich mit mir in Verbindung zu setzen. Dazu müssen Sie erst diesen Knopf drücken und dann den da. Die Bedienung ist ganz einfach. Fügen Sie niemandem Schaden zu. Und jetzt wollen wir uns verabschieden. Wie man so sagt: Es war angenehm, Sie kennen zu lernen. Im Kühlschrank finden Sie was zu essen. Fast hätte ich vergessen zu sagen, dass Sie nicht erschrecken dürfen, wenn... wie soll ich mich da am besten ausdrücken..., wenn etwas nicht so sein sollte, wie Sie sich das vorgestellt haben. Auch dann nicht, wenn es ganz anders sein sollte. Sogar dann nicht, wenn es völlig surreal und fantastisch ist. Nehmen Sie es völlig gelassen hin, und alles, wirklich alles wird ganz wunderbar.“
Ich nahm das 'Spidola' in die Hand wie eine alte, liebgewordene Katze. Ich stellte die BBC ein und wartete auf Nachrichten.
Deutschland war besiegt, Frankfurt war zur Hauptstadt der „Neuen DDR“ erklärt worden, abgekürzt NDDR. Frankreich hatte Elsass-Lothringen verloren, das der NDDR angegliedert wurde. Der NDDR wurden außerdem zugeschlagen: die Schweiz, Österreich, Ungarn (dessen Widerstand erst durch ein Flächenbombardement gebrochen werden musste), Tschechien, Westpolen und Süd-Tirol. Auf dem gesamten Gebiet der NDDR begann die Bildung eines Netzwerkes von russischen Garnisonen und Militärflughäfen, deren Versorgung den örtlichen Behörden oblag. Diese wurden mit linksgerichteten Politikern aus den eroberten Ländern besetzt. Zu den Wiederaufbauarbeiten werden Häftlinge herangezogen. Russlands eigener Machtbereich wurde auf Kosten folgender Gebiete erweitert, die ihre Maßnahmen zur Selbstverteidigung eingestellt hatten: Finnland, Schweden, die baltischen Staaten, Weißrussland, den Ostteil Polens, Rumänien, die Slowakei, Moldawien, die Ukraine, Georgien, Kasachstan und die früheren zentralasiatischen Republiken der Sowjetunion.
China wurde gestattet, das frühere Japan zu kolonisieren und Sibirien von Sachalin und der Halbinsel Kolyma bis zu einer Linie Krasnojarsk – Norilsk zu besetzen.
Bulgarien, Aserbaidjan und Armenien überließ Russland der Türkei „aufgrund des tief empfundenen Wunsches der werktätigen Menschen in diesen Republiken“.
Russische Truppen, die zum Indischen Ozean vorstoßen wollten, wurden von unbekannten Gegnern vernichtet. Diese Vorgänge waren unter strenge Geheimhaltung gestellt worden.
In einer feierlichen Sitzung des diplomatischen Corps im Kreml erklärte Putin, Russland habe die erste Etappe einer gerechten Umformung Eurasiens erfolgreich beendet. Er erklärte ein fünfjähriges Moratorium der Kriegshandlungen.
Der Kommentator von BBC beendete den militärpolitischen Teil seiner Nachrichtensendung mit der sarkastischen Bemerkung: „Moskau hat Norwegen, England, die Benelux-Staaten, Restfrankreich, Italien, Portugal und Spanien in Ruhe gelassen – damit es in fünf Jahren noch etwas zu erobern und auszuplündern zu gibt.“
...
Ach, meine armen Anverwandten, wie soll ich euch aus den Klauen dieses grauenerregenden Apparates befreien? Ich versuchte mich selbst mit dem Rat eines erfahrenen Hundeführers zu beruhigen: Manchmal muss man ganz einfach weitergehen, ohne sich umzuschauen, egal wohin. Nichts sagen, nichts berühren, und vor allem dem wütend bellenden Tier nicht in die Augen sehen.

 

Der Tasmanische Tiger

Vor dem Schlafengehen machte ich eine Runde durch die Wohnung.
Die Einrichtung erinnerte tatsächlich an die von damals. Ein dunkler, dreiflügeliger Schrank, im Möbelhaus auf dem Leninprospekt gekauft. Ein rotes Doppelbett. Stehlampen.
Ungefähr dreißig Bücherbretter an der Wand. Alte Bücher... Ihr lieben, einzigen Freunde... Ihr allein habt mir dabei geholfen, in der dumpfen Breschnew-Ära nicht zu ersticken und das fröhliche Gleichmaß eines freien Lebens zu spüren, auch wenn es keinen Ausweg aus dem sowjetischen Gefängnis gab.
Faulkner, Proust, Hesse, „Die Inseln im Strom“ und noch ein halbes Hundert Bände aus der Reihe „Literaturdenkmäler“. Das lesbare Drittel der Weltliteratur. Zehn Bände des „Mahabharata“, Dickens; Tschechow, Die Tagebücher des Schriftstellers. Bulgakow, Thoreau, Bierce, Platonow, Rimbaud... Sogar eine winzige Ausgabe von „Lolita“ und einen riesigen, zweibändigen „Don Quijote“ mit Illustrationen von Doré hatten die Schergen des NKWD organisiert.
Ein alter finnischer Schreibtisch, von Papa geerbt. Seitlich an Breschnews Todestag mit einer Ahle eingeritzt das Bibelwort: Mene, mene, tekel, uparsin.
Nur die Küche ist irgendwie anders, mit allem Schnickschnack. Unsere Küche damals war ganz einfach. Ein Kühlschrank der Marke „Saratow“. Und komisch: Drinnen sind nur deutsche Waren, Joghurt von Lidl, Käse und Wurst von Aldi. Ein Herd Marke „Lyswa“. Teller und Tassen aus Italien...
Da öffnete sich die Flurtür und ein rotes Flämmchen tanzte darin herum.
„Wer sind Sie?“
Aus dem Dunkel die Antwort: „Hast du das nicht kapiert, du Itzig?“
„Der Oberleutnant?“
„Ganz zu Ihren Diensten. Aber jetzt dürfen Sie einfach Gena zu mir sagen. Ich werde Sie beschützen. Im Auto unten vergeht Petja übrigens vor Sehnsucht. Er macht schon lange Zähne nach Ihnen.“
„Der soll sich lieber im 'Wintermärchen' einen langen Schwanz machen.“
„Und Sie können hier bei uns den Helden spielen, Genosse Rosen!“
„Wollen Sie einen Kaffee?“
„Das wäre schon gut, es geht aber nicht. Sie werden sich gleich mit dem Kloß unterhalten, und ich kriege dann eins aufs Dach. Na, ist schon gut, Sie sind jetzt das Lämmchen und ich bin Ihr Anstandswauwau. So geht unser Rollenspiel. Legen Sie sich jetzt in die Koje, denken Sie nicht mehr groß nach, schlafen Sie drüber. Morgen sieht die Welt ganz anders aus. Dann gehen Sie ein bisschen spazieren und schauen sich das neue Moskau an. Irgendwas werden Sie schon kapieren, ganz allmählich werden Sie ein bisschen schlauer. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen, alles andere wird weiter oben entschieden. Aber es kommt natürlich auf Sie selber an... Gute Nacht!“
Gena knallte die Tür zu, und ich legte mich ins Bett. Fragen über Fragen piesackten mich wie die Klo-Fliegen.
Hatte mich dieser verdammte Kloß nicht angelogen? Hatten sie wirklich meine ganze Sippschaft in ihrer Gewalt? Sogar meinen Sohn und seine Frau, die ich noch nie gesehen hatte? Meine erste Angetraute? Hatten sie die arme Marika aus Frankreich hergebracht? Oder sie vom Dampfer geholt? Hatten sie etwa ein U-Boot nach ihr ausgeschickt?
Ich sollte wohl mehrere Telefonnummern anrufen, die ich zum Glück auswendig wusste. Ob ich sie jetzt gleich durchprobiere? Aber nein, der Fettsack hat dich doch gewarnt: Reißen Sie nicht noch mehr Leute ins Schlamassel. Bitte irgendjemand um Hilfe, gleich nehmen sie ihn hopp und werfen ihn zu den anderen ins Kittchen.
Was meinte er bloß, als er sagte: „Irgendwas werden Sie schon kapieren“? Was gab es hier denn noch zu kapieren? Sie haben mich geschnappt, haben Geiseln genommen, sie ziehen mir die Daumenschrauben an, sie bereiten mir Schimpf und Schande, überschütten mich mir Eimern voll Dreck und zerren mich dann auf den Marktplatz, damit die Leute mich in Stücke reißen.
Aber dafür hätten sie doch meine Bücher nicht herbringen und den Schreibtisch nicht seinem jetzigen Besitzer abklemmen müssen... Wahrscheinlich stand auch die Wohnung vorher nicht leer. Es hätte doch gereicht, mich festzunehmen und in den Knast zu stecken. Was haben die denn noch vor? Welche Sorte Wurzelzwerg wollen sie aus mir schnitzen? Was wird passieren – 'nicht so, wie ich es erwartet habe'? Was heißt: ‚surreal und fantastisch‘?
...
Natürlich – hier ist nichts, wie es sein soll. Alles ist surreal und fantastisch.
Der Hof, das Haus, der Eingang, die Wohnung, die Bücher... Alles ist irgendwie unecht!
Meine erste Frau, Natka... Irgendetwas an ihr war seltsam... unwirklich... Aber was war das nur?
Ich hab's: So zärtlich und leidenschaftlich war sie nicht einmal in der Hochzeitsnacht!
Diese heutige Natka war so, wie ich meine Frau damals schon gerne gesehen hätte, im Jahre 78.
Und sie war gar nicht gealtert.
Schlaf dich aus, hast es nötig!
Ich nicke ein... und liege auf sandigem Grund, an dessen Rand sich eine nicht sehr hohe Böschung befindet, rundherum Einsenkungen und Geröll. An den Ufern ausgetrockneter Flüsse erheben sich konisch geformte Türme wie dicke Pfannkuchen aus Lehm und braunem Sand, die einer neben dem anderen liegen. Ich erkenne diese Landschaft, ich hatte sie in Masada gesehen. Aber dort war alles hell, funkelnd, sonnig – hier ist es dunkel.
Der zwielichtige, grau-lila gefärbte Himmel wird andauernd von elektrischem, orangem Geflacker beleuchtet. Schleierkraut, sonst kein Bewuchs. Karstdolinen reißen die Mäuler auf. Seltsame, dumpfe Töne quellen daraus hervor. Sind das Skorpione? Ich schaue auf meine Finger. Unter den Nägeln Schmutz... Das sind nicht meine Hände... Sie sind sechsfingrig, mit Schwimmhäuten. Das sind auch nicht meine Beine, sie sind ellenlang wie bei einem Basketballspieler, sehnige Stelzen, jedes hat zwei Knie... Das obere schaut nach vorne, das untere nach hinten. Ich stehe auf, schüttele mich und renne los. Ich springe. Während des Sprungs breite ich häutige Flügel aus und gleite durch die Luft wie ein Flughund. Ich lande hart und liege auf dem Rücken. Es dunkelt. Am Himmel zeigen sich seltsame Leuchterscheinungen. Zwei Monde gehen auf, beide zwielichtig, bleiern violett. Jemand reißt mich an der Hand, es ertönt ein gutturaler Gesang. Ein Wesen meinesgleichen, ein Weibchen. Sie neigt ihren Kopf mit mächtig gezackten Hauern meinem Hals entgegen, als wollte sie ihn beschnuppern und wackelt mit dem Kopf, als wollte sie ein Zeichen geben: Mir nach! Sie springt auf und fliegt davon.
Ich hinterher.
Wir rasen wie wildgewordene Teufel über den Treibsand, hüpfen von Klippe zu Klippe, fliegen, landen, schlagen Purzelbäume im kalten Sand, schnellen empor, springen wieder und schweben, gleiten zwischen den bleiernen Monden und der von Schluchten zerklüfteten Erde hindurch.
Ich versuche sie zu überholen, doch sie ist größer, stärker und schneller. Manchmal lauert sie mir auf, wobei sie im Lotussitz auf einer Sanddüne sitzt, ihre Hauer in die Luft gereckt.
Mit ihrer bläulichen, sechsfingrigen Hand weist sie nach einem kollosalen, ganz aus funkelnden Brillanten bestehenden Standbild einer Gottesanbeterin mit zum Himmel erhobenen Vorderbeinen, um die herum Glühwürmchen gaukeln.
Wir lieben uns im Flug, wie die Bienen.
Sie beißt mir im Rausch des Orgasmus den Kopf ab.
...
Schweißgebadet wachte ich auf. Ich duschte mich und putzte mir die Zähne. Alles war wie gestern. Seife, Zahnpasta und Zahnbürste stammten aus deutscher Produktion, sogar das Toilettenpapier. Ich trank Pulverkaffe der Marke Kontal-Penny und aß ein Brötchen mit französischem Ziegenkäse in deutscher Verpackung. Herrschaften, was soll das denn?
Ich sprang ans Fenster und bohrte meinen Blick in den Himmel – der aussah, wie ein Moskauer Morgenhimmel im Dezember eben aussieht: käsebleich wie saure Dickmilch. Auch der Hof war ziemlich der gleiche, ziemlich schmuddelig, ziemlich leer, schneebedeckt. Vor dem Haus parkten die gleichen Autos wie in Berlin, nur dass sie hier dreckiger waren. Ein herrenloser Hund schnürte vorbei, Moskauer Straßenkreuzung mit Schäferhundanteil. Er hob die Schnauze und glotzte mich an.
Aber mal langsam, was ist denn das? Rechts sollte man die Umgehungsstraße sehen, und dahinter müsste die KGB-Zentrale sein, ein wuchtiges Hochhaus. Aber nichts dergleichen war zu erkennen, nur bläulich-grau verschneiter Wald, der sich endlos bis zum verwaschenen Horizont dehnte. Ist das das winterliche Seahaven?
Doch jetzt, während ich darüber nachdachte, sah ich tatsächlich die Umgehungsstraße und das Gebäude. Dabei hätte ich schwören können, dass noch vor einer halben Minute da nichts war außer Wald.
...
Im Schrank fanden sich frisch gebügelte Jeans, ein Flanellhemd und mein heißgeliebter englischer Mantel, den ich damals in K. gekauft hatte. Höchst seltsam! Ja und da... Woher kommen denn diese Stiefel mit Reißverschluss? Die habe ich doch selber weggeworfen! Und diese Kappe? Die habe ich für eine Kleidersammlung zugunsten Bedürftiger gespendet und sie eigenhändig in den Container geworfen.
Völliger Blödsinn, Quatsch mit Sauce! Was war denn nur los mit mir?
Ich zog mich an und ging hinaus auf die Straße.
Ich schlenderte am Haus entlang in Richtung Kaufhalle.
Unser Haus war lang, mit sechs oder sieben Eingängen. Ich lief daran vorbei, ohne eine Menschseele zu treffen. Und ehrlich gesagt, ich hatte auch gar keine Lust, jemandem zu begegnen. Damals gab es ja ein paar Bekannte hier, und wenn sie mich gesehen hätten, wäre die Fragerei losgegangen und sie hätten mich wohl sogar eingeladen.
Ich kam mir vor wie einer der Passagiere von Flug Nummer 29, als sie in Bangor landeten. Langoliers waren allerdings nicht zu hören. Trotz der Minustemperaturen stieg ein Gestank von saurer Fäulnis aus den Müllcontainern. Die Fenster waren erleuchtet. Ich ging durch den Torbogen auf die Paustowski-Straße und hielt mich linker Hand. Kein einziges Auto war zu sehen. Verdammt, was ist das nur?
Da kommt ein Omnibus angeschnauft, er nimmt die Steigung mit Mühe. Dort kommt ein anderer, der hinunterfährt. Er steuert die Haltestelle an der Kreuzung an, nimmt zwei Passagiere auf und fährt auf die Umgehungsstraße. Shigulis, Toyotas, Fords. Sie fahren wie von selbst. Warum habe ich sie nicht gleich gesehen? Und die Leute laufen ihren alltäglichen Kleinigkeiten nach. Da saust ein Junge von vielleicht zehn Jahren in die Kaufhalle, Rentner mit Einkaufsnetzen kommen durch den Torbogen zurück, ein fettes Weibsbild geht vorbei und umhüllt mich mit einer Alkoholfahne. Hinter ihr sieht man noch eine, ganz klar eine Hausfrau, mit Fuchspelz und Ledertäschchen. Ein Säufer mit speckiger Pelzkappe und wattiertem Überzieher schlurft egal wohin...
Ging hier alles mit rechten Dingen zu? Nicht wirklich. Die Kirche ließ sich nämlich nicht finden, dort rechts, ein bisschen weiter oben. War sie nicht zu sehen? Zumindest nicht gleich, aber eine Kapelle aus rotem Backstein stand da, dunkel das Dach und die Kuppel. Ich schloss die Augen und stellte mir vor, die Kirche sei quietschgelb gestrichen, mit blauem Dach und blauer Kuppel. Ich schaute hin – und wirklich, da stand sie.
Ich ging zur Kaufhalle. Eine ganz normale Kaufhalle, nur dass sie jetzt irgendwie anders hieß. Außerdem glich diese Bruchbude in keiner Weise einem europäischen Geschäft. Hier sah es fast aus wie auf dem großen Basar in Stambul, nur fehlten in diesem russischen Kramladen leider das orientalische Kolorit, die orientalischen Düfte und der orientalische Charme. Er war in kleine Zellen – oder sagen wir besser: Koben – aufgeteilt, in denen ein paar Verkäufer in zerknautschten weißen Kitteln herumtrödelten. Ich ging in die Fleischabteilung. Es gab kein vegetarisches Schweinefleisch, ich fand auch keine so akkurat geschnittenen Stücke frisches Tiefkühlfleisch wie in Deutschland. Es gab nichts, was auch nur entfernt an Wurst oder Schinken erinnerte. Auf einem riesigen, glitschigen Zinkblech lagen blutige Brocken von Schweinekadavern. Köpfe, Beine, Rückenteile. Grüne Schmeißfliegen krabbelten darauf herum.
Ein Verkäufer schnitt mit einem langen, scharfen Messer Stücke davon ab und bot sie den Käufern an. Er klatschte sie auf die Waage. Die Kunden verlangten etwas mehr oder etwas weniger, ein bisschen was anderes oder ein bisschen was Besseres, sie maulten und nörgelten an allem herum. Der Verkäufer sah mich an und mir kam es vor, als ob... Nun hob er ein schillerndes Bein auf seine bulligen Schultern, riss die Augen auf, bleckte seine grausigen Schweinezähne nach mir und schnitt sich die Gurgel durch, so dass man es krachen hörte. Sein Blut spritzte auf den weißen Kittel und mischte sich mit dem Schweineblut auf den Fleischstücken vor ihm. Ich verließ die Fleischabteilung und geriet in den Bereich, wo man Milchprodukte verkaufte.
In dessen Mitte stand ein dicker Aluminiumtank, aus dem eine füllige Verkäuferin mit einer Halbliter-Schöpfkelle saure Sahne in die Glasgefäße der Kunden gab. Neben dem Kübel mit Sahne standen zwei weitere mit Milch. Auf der hölzernen Theke lagen kleine Berge von Paketen mit Quark. Die Verkäuferin verkündete mit Donnerstimme: „Leute, pro Nase gibt es ein halbes Kilo saure Sahne, einen Liter Milch und 500 Gramm Quark.“
Vor der Theke hatte sich eine Schlange gebildet, die aus etwa 35 Leuten bestand. Ich fragte eine Alte am Ende, warum es keinen Käse gibt, und bekam zur Antwort: „Ach, mein Bester, du weißt offenbar nicht, dass die NATO verhexte Nanoroboter in den Käse praktiziert hat. Wenn ein Russe solchen Käse isst, hat er nur noch eins im Sinn: Wladimir Putin umzubringen. Diese winzigen Mistdinger sind im Öl und auch sonst überall versteckt, deshalb trinken wir nur unsere vaterländische Milch, genießen unsere Sahne und mümmeln unseren Quark. Andere Leckereien brauchen wir nicht.“
Aha, dachte ich, Wladimiritsch ist wieder mal unsere Sonne.
Ich dachte darüber nach, dachte einfach nur nach, und da geschah es wie von selbst, dass ich dreimal ganz laut sagte: „Putin ist ein Verbrecher!“ Die Mütterchen in der Schlange wendeten wie auf Kommando das Gesicht zu mir und nahmen blutgierig meine Witterung auf.
Dann sah ich einen Totenreigen. Sie tanzten... Abgrundtief hässliche, sklerotische Beine, greisenhafte Hände mit langen Krallen, von braunen Blattern bedeckte Hängebrüste, faltige Hinterbacken. Aus der Mitte des Reigens ragte eine dürre, weißliche Alte hervor, die eine längliche Pyramide in den Händen hielt, welche mit Schleim beschmiert war. Darin befand sich ein Auge, das nach mir spähte. Die Alte hatte statt Beinen Fangarme voller Saugnäpfe. Aus ihrem bezahnten Maul ragte eine lange schwarze Zunge hervor, die schauerlich von einer Seite zur anderen schlackerte. Auf der Theke saß ein ausladendes, weißes Ungeheuer zwischen den Kübeln, das statt Beinen lange, weiße Säcke hatte, die bis auf den Boden hingen. Statt der Arme hatte es Ohren, die Augen hingen ebenfalls an weißen Säcken, aus denen ununterbrochen ein Pulver rann. Dahinter tanzte eine schwarze Greisin, die ganz mit Fischschuppen bedeckt war. Sie besaß eine Vielzahl von dünnen Händen, die an den Brüsten festgewachsen waren, und an der Stelle des Kopfes befand sich ein Hintern, der nur noch aus Haut und Knochen bestand und in dem eine Mohrrübe steckte. Von der Decke der Kaufhalle hing ein krankhaft aufgedunsener Körper, der ganz aus Beinen bestand, die mit Quaddeln übersät waren. Diese Beine traten eines nach dem anderen, wobei sie sich unmenschlich verbogen.
...
Ich kniff die Augen zusammen, und als ich sie wieder öffnete, war alles wie vorher. Die Kübel, die Milch, der Quark, die geduldige Schlange der Frauen und die dicke Verkäuferin mit rot gepuderten Wangen und blauen Schatten um die Augenlider.
Ich schaute nach dem Zeitungskiosk weiter hinten.
Dort gab es nur die „Iswestia“. Aber da arbeitete kein Mensch als Verkäufer, sondern ein tasmanischer Tiger, der auf den Hinterbeinen stand. Er war gestreift, hatte ein langes Maul und trug eine seltsame Hornbrille. Er erklärte: „Brüll, brüll, brüll, frische Zeitungen, brüll, brüll, 25 Rubel!“ Von dem Tiger ging seltsamerweise ein Geruch nach versengten Federn aus. Ich legte einen Hundertrubelschein auf den Geldteller, einen mit Quadriga und Apollo.
Der tasmanische Tiger knurrte mich an: „Es gibt hier kein Kleingeld.“
„Sie müssen mir nicht herausgeben, kaufen Sie sich selbst was Schönes, Fleisch zum Beispiel...“
„Für das bisschen Geld gibt es in Moskau kein Fleisch, höchstens Knochen.“
„Na gut, dann kaufen Sie sich Knochen, schlucken sie sie runter, sonst werden Sie verhungern und aussterben.“
...
„Der tasmanische Wolf ist schon 1930 ausgestorben, mein lieber Herr.“
„Sie sind gar kein Verkäufer, sondern das Lexikon von Brockhaus.
„Ich habe viel von meinen Kunden gelernt. Und ich muss gestehen, dass ich auch in Büchern schmökere, ich kleiner Sünder.“
„Na, ich gehe dann mal. Schönen Tag noch!“
„Gehen Sie nur, gehen Sie nur, solange das Spiel noch läuft, und vergessen Sie nicht, sich den Mund auszuspülen.“
„Wozu soll das denn gut sein?“
„Ich dachte an Ihr Unterbewusstsein, Mister Meyer! Der Traum der Vernunft bringt Monster hervor.“
„Schon bis zu den Beutelwölfen hat er sich treiben lassen, der Saujude!“, sagte der Oberleutnant und wiegte skeptisch den Kopf.
„Jetzt kriegst du wieder den Nierenschlag, du verfaultes Arschgesicht“, knurrte der Schlägertyp Petja und wieherte dazu wie ein Hengst.
„Wollen Sie nicht gegrilltem Kinderfinger versuchen, oder Äugelchen?“, quiekte der Kloß und rollte irgendwohin zur Seite.
Zu Hause schlug ich die Zeitung auf. Vorne und übrigens auch auf allen anderen Seiten glotzte mich Putin an. Im Anzug, lächelnd, konzentriert, im Judoanzug und im Kimono, mit Pilotenhelm, im Taucheranzug, mit Fliegermütze, mit Kindern, mit Vögeln, mit Wöchnerinnen, auf dem Mond, auf dem Mars, an der Werkbank in der Ural-Waggon-Fabrik.
Vom Inhalt der Artikel zu sprechen ist müßig. Es genügt, einige Überschriften zu zitieren: „Wir alle sind für Putin! Die Krim gehört uns, und Europa auch! Wladimir Putin ist der wertvollste Besitz der Russen!
Unsere Sonne besucht Turkmenistan.
Wladimir Putins Besuch in einem Waisenhaus in Birobidschan.
Premiere im Bolschoi-Theater: Ballett und Oratorium: 'Er ist größer, schneller und schöner als alle!'
Europa und die USA auf den Knien.
Eröffnung des Denkmals 'Hier diente er' in Dresden.
Die Türkei schenkt Putin drei neue Mützen des Monomach und ein diamantenes Zepter.
Zereteli, Russlands Bildhauer des Volkes, begann seine Arbeit an einem zwanzig Meter langen Skulpturenzyklus aus Granit: „Die Sonne und Putin – sie mögen immer scheinen“.
...
Vielleicht sollte ich versuchen.... Ob es klappt? Ich entschied mich für eine Strategie der kleinen Schritte. Ich schloss die Augen, ballte die Fäuste zusammen und konzentrierte mich, aber ich wurde schwach und fing an zu dösen. Ich erwachte von dem schrillen Schrei: „Was haben Sie angestellt? Was für eine unverzeihliche Kinderei! Sie Idiot!“ So schrie der Fettsack, der neben mir stand und mit der Iswestia in der Luft herumfuchtelte. Bebend vor Zorn drückte er mir die verknautschte Zeitung in die Hand.
Das altbekannte, von Botox entstellte Gesicht lächelte noch genauso von der ersten Seite wie vorher. Aber die Riesenschlagzeile über dem Foto hatte sich verändert. „Wir sind alle für den Stinker! Der Abzocker, der Stinker, das ist der wertvollste Besitz der Russen! Unser Abzocker ist größer, schneller und schöner als alle... Fallt auf die Knie vor unserem Abzocker... Der Stinker ist unsterblich, weil er ewig stinkt!“
Ich schaffte es nicht, loszulachen, denn es geschah etwas völlig Unglaubliches. Eine unbekannte Kraft drückte den Kloß zu einem Punkt zusammen, und dieser Punkt flog aus der halb geöffneten Eingangstür summend von dannen.


Die Orangerie, Ratten und eine Standuhr

Am Nachmittag entschloss ich mich, ins Stadtzentrum zu fahren (aber nicht mit der Linie Jasenewo-Oktjabrskaja, die die Verehrer von Surikow und Repin zur Tretjakow-Galerie bringt, sondern auf dem beliebten Pilgerweg der fahrenden Handwerksburschen, nämlich Jugo-Sapadnaja – Kropotinskaja, auf dem ich viele Jahre unterirdisch zum Puschkin-Museum hin- und hergefahren bin, um Cranach und die Fajum-Portraits zu sehen). Ich schaute in den Zeitungskiosk hinein. Alles war dort wie immer, die Vitrinen lagen vollgestopft mit Erzeugnissen der Boulevardpresse. Der kleine Verkäufer in beigem Anzug und gestreifter Krawatte erinnerte in keiner Weise an den tasmanischen Tiger. Er sprach mit hoher Stimme, verkaufte mir 20 Fahrkarten und wünschte mir einen schönen Tag.
Dann kam der Autobus Nummer 642.
Die ewige Routine siegte über alles, wie sie immer siegt. Die Naturgesetze übernahmen ihr verhasstes Regiment. Diesiges Licht, schmutziger Schnee, eisglatter Asphalt, erfrorene Bäume, dreckige Betonsilos, gnadenlos qualmende Autos... Der Moskauer Dezembertag, der sich irgendwo in den Tiefen des Weltraums das Rückgrat brach, überließ seinen Platz einer fliederfarbenen Dämmerung. Die Gesichter der Passagiere im Bus wirkten besonders übellaunig und düster... als hätte das Leben sie mit seinen strahlenden Gaben umstellt, ihre Körper aber in Gelatine verwandelt, alle Freuden aus der Welt geschafft und nur Schmerz und Sorgen hinterlassen.
Unweit von mir saßen zwei Leute, eine Mutter mit ihrem Sohn. Beider Augen wirkten so langweilig und ausdruckslos, dass man nicht verstand, wie sie überhaupt leben, atmen und laufen konnten, warum sie nicht schon gestorben waren.
Die Mutter stieß zwischen den Zähnen hervor: „Ich hab dir doch gesagt, dass sie Tartaren sind!“
Der Sohn erwiderte lustlos: „Na und, was sind Tartaren?“
„Na was schon, keine Christen sind sie. Verstehst du denn nicht? Sie essen kein Schweinefleisch. So isses nu mal.“
„ Na und, dann essen sie es halt nicht.“
„Aber Tomka hat Schweinefleisch gedünstet.“
„Na und, dann hat sie halt Schweinefleisch gedünstet.“
„Sie hat Schweinefleisch gedünstet, und die essen das nicht. So isses. Sie hat sich Mühe gegeben.“
„Mama, sag doch nicht immer 'so isses'! Du redest Schwachsinn!“
„Ich soll nicht so reden? Kapier doch, Tomka hat Schweinefleisch gedünstet. Für Timur, diese tartarische Missgeburt, kapier doch! So isses nu mal!“
„Aber die haben doch alle gesagt, Timur hat einen an der Waffel.“
„Einen an der Waffel oder nicht, das ist mir egal. Hätte er der Tomka doch früher gesagt, wir essen kein so'n Schweinfleisch! Der und sein Bruder, diese Missgebürter! Ich hab sooo'n Hals!“
„Warum rastest du denn derartig aus? Warum hast du sooo'n Hals? Hat doch alles keinen Wert.“
„Da soll ich keinen Hals kriegen? Sie hat sich Mühe gegeben, so isses doch! Immerhin ist sie seine Tochter, sein Fleisch und Blut. Und was ist dieser Timur? Ein Hackklotz, ein Kanake!“
Die Worte „Kanake“ und „Hackklotz“ ließen drei Dagestaner nicht gleichgültig, die in akustisch erreichbarer Nähe von Mutter und Sohn saßen. Einer von ihnen, anscheinend der Älteste, untersetzt, ungelenk, wie aus Baumwurzeln zusammengeschustert, stand auf, ging zur Mutter, zeigte mit schwerem Finger auf sie und sagte, schaurig mit dem schwarzen Haarschopf und den Augenbrauen zuckend: „Sag nicht solche Worte, du! Lass das, du schwarzärschige russische Kuh! Du bist eine Scheiß-Russin, aber unsere Nation...“
Weiter kam er nicht, weil sich vom anderen Ende des Busses ein junger Mann mit Schafspelz und Marinehemd entschiedenen Schrittes näherte, der offenbar die Worte „Kuh“ und „Scheiß-Russin“ gehört hatte. Einige national-erregte Männer verschiedenen Alters von slawischem Aussehen erhoben sich, um dem jungen Mann beizustehen, darunter ein mickriger, alter Knacker in kurzem Schafsfell und nicht mehr ganz nüchtern. Er trug einen Rohrstock in der rechten Hand, den er wie einen Knüppel nervös in die linke Handfläche schlug. Die Dagestaner zogen leise ihre Messer. Zwei Russen holten mit demonstrativem Gerassel Fahrradketten aus ihren Taschen. Eine Schlägerei mit nationalistischem Hintergrund bahnte sich an.
Doch da geschah etwas, das keiner der Anwesenden sich hätte vorstellen können. Vom Boden des Busses bis ganz oben zum Dach erhoben sich plötzlich üppige Flammenblumen und andere, mir unbekannte exotische Gewächse mit Blättern und Früchten von erstaunlichsten Formen. Der Innenraum verwandelte sich in eine Orangerie. Ringsherum verbreite sich seltsam rosafarbenes Licht. Eine Panflöte spielte betörende Weisen,
Glasglöckchen erklangen.
Der Raum weitete sich. Es bildeten sich lange Schneisen, die mit Rosen und Fackellilien bepflanzt waren. Marmorne Becken mit Goldfischen wurden sichtbar, weiße Lilien wuchsen üppig darin. Direkt vor mir sprossten riesige, flammende Gladiolen empor, die sich vor den Fahrgästen zu verbeugen begannen wie Bedienstete. Jenseitige Stimmen flüsterten im Dickicht der Tamarisken, rings umher wehten zauberhafte Düfte.
Die Einwohner von Jasenewo, die eben noch drauf und dran waren, sich eine wüste Schlägerei zu liefern, waren berauscht von diesem Anblick und erfüllt von dem Wohlgeruch. Sie schauten entgeistert auf die herrliche Pflanzenwelt. Niemand hätte sagen können, woher der große, blaugrüne Papagei geflattert kam, der sich mir auf die Schulter setzte. Auf seinem riesigen Schnabel saß schief eine Brille. Mit betonter Wichtigkeit schaute er durch sie hindurch auf die eben noch gewaltbereiten Streithähne und krächzte: „Herrschaften, besinnen Sie sich doch, piep, piep, lohnt es sich denn, Blut zu vergießen wegen einiger, piep, unüberlegter Worte?“
„Heiliges Himmelreich“, murmelte der zutiefst erschütterte Dagestaner, verbarg sein Messer und setzte sich auf den seidigen Rasen. Seine Stammesbrüder folgten dem Beispiel.
Der kampfbereite junge Russe, der mickrige, alte Knacker und seine Mitstreiter legten sich am Rand des Wasserbeckens auf ein mit Klee bewachsenes Rasenstück. Goldfische streckten ihre rosafarbenen Mäulchen aus den Fluten und hießen sie mit der Arie des Papageno willkommen. Pa-pa-pa-pa…
Tomkas Mutter war völlig verdattert. Sie beugte sich vor, schaute entnervt auf die Gladiole, die sich vor ihr verneigte und murmelte: „Nu da, nu da, ei, schau doch mal...“
Ihr Sohn war offenbar der einzige Insasse, den es kalt ließ, dass sich der schmuddelige Bus in einen himmlischen Garten verwandelt hatte. Er schwieg, aber sein steinernes Gesicht und seine sich blähenden Nüstern schienen sagen zu wollen: „Na was jetzt? Beeren und Blüten? Ich habe euch schon alle im Sarg gesehen.“
Bevor ich in die Metro umstieg, beschloss ich, noch ein wenig an der frischen Luft spazieren zu gehen. Diese Mischung von Autoabgasen und dem Gestank aus den Kiosken, wo tatkräftige Menschen aus östlichen Ländern irgendetwas brutzelten oder schmorten, konnte man allerdings keineswegs als „frische Luft“ bezeichnen. Mich kratzte es im Hals, die Augen tränten, aber den Moskauer Eingeborenen machte es offenbar nichts aus, diesen widerwärtigen Mief einzuatmen.
Ich verstehe die Moskauer nicht. Da haben sie riesige, hässliche Betonklötze hochgezogen. Dann haben sie sie, wo es nur irgend ging, mit Werbeplakaten zugepflastert, um diese architektonischen Scheußlichkeiten zu verbergen. Sie fahren Westautos. Aber es kam ihnen noch nicht in den Sinn, für saubere Luft zu sorgen, die sie und ihre Kinder in die Lungen aufnehmen können. Sie kamen auch noch nicht auf die Idee, in dieser riesigen Stadt ein halbwegs menschenwürdiges, öffentliches Nahverkehrs-System auf die Beine zu stellen. Tausende von Leuten standen an den unzähligen Haltestellen und warteten auf einen Bus oder ein Sammeltaxi. Wenn endlich so ein Vehikel kam, nahmen sie es wie zu Sowjetzeiten im Sturm.
Sie drängelten sich durch in die Tür, ließen nur ja keinen andern vorbei, sie knufften sich und pöbelten sich an. Glauben Sie mir bitte: Ganz gegen meinen Willen – das müssen Sie mir glauben! – stellte ich sie mir als gigantische Ratten vor, die sich in den Autobus drängeln, nacheinander schnappen, jaulen und sich gegenseitig in die Wolle geraten.
Herr im Himmel, das hätte ich mir nicht vorstellen sollen. Dieser Anblick wird mir nie mehr aus dem Kopf gehen. Die Ratten schubsten sich, fielen hin, standen wieder auf, knirschten mit den Zähnen, bissen sich gegenseitig die Pfoten ab. Ihre rubinroten Augen funkelten vor lauter Wut... Einige sprangen auf die Dächer und griffen die anderen an, die schon dort saßen. Die Großen fraßen die Kleinen.
Da fasste mich jemand am Ärmel.
„Was machst du denn, du Saujude, willst du uns alle ins Verderben stürzen?“
Die Stimme von Gena, dem Oberleutnant, zitterte teils vor Wut, teils vor Angst. Seine Hände bebten, Tränen liefen ihm über die Wangen. Seine Lippen waren blutig. Zwei Schritte weiter trat Petja, der Schlägertyp, hektisch von einem Fuß auf den anderen. Er schaute konsterniert auf seine großen Hände und Füße. Er befühlte seine Nase.
Mit einem Seitenblick bemerkte ich viele Männer, die das nächstbeste Sammeltaxi im Sturm erobern wollten und offenbar keine Ahnung hatten, dass sie für einige Augenblicke Ratten gewesen waren. Hätte ich sie weiterhin Ratten sein lassen, sie hätten es wahrscheinlich bis zur Rasur am nächsten Morgen nicht gemerkt.
„Du, Sie, schauen Sie doch nur, was Sie angerichtet haben“, beschwor mich der Oberleutnant, zeigte mit der Hand auf zwei kopflose Frauenleichen an der Haltestelle und schnäuzte sich in sein großes, weißes Taschentuch.
„Sehen Sie doch bitte ein, dass das gefährlich war, was Sie da getan haben! Die ganze Welt, ich, Petja, Moskau... Plastilin, Plastik! Verstehen Sie doch, Mensch! Herr Rosenmeyer atmet aus, und alles ist plötzlich anders. Er stellt sich etwas vor, und schon materialisiert er uns nach seinen Ideen, als seien wir aus Plastilin.“ Einige aufgeschreckt und exaltiert um uns herumwuselnde Passanten fingen an stehen zu bleiben, uns zu umringen und dem Oberleutnant zuzuhören. Der reagierte soldatisch: „Ich bitte ins Auto einzusteigen.“
Die Luft im schwarzen Cherokee-Jeep war rauchgeschwängert.
Wir fuhren einen halben Kilometer die Wernadski-Straße hinunter und bogen dann nach rechts ab. Wir fuhren auf das Trottoir vor einem weiträumigen, neuen Gebäude, das wie ein Flugzeug aussah.

„Sie verstehen doch sicher, dass das keineswegs nur Halluzinationen sind. Mit der Zeitung haben Sie sich einen kleinen Scherz erlaubt, aber Millionen von Leuten haben das gelesen und sich darüber aufgeregt... Sie haben sie nicht zum Lachen, sondern in Rage gebracht. Das sind doch Leute von uns! Sie haben sich irgendwas vorgestellt... und der Kloß wurde in eine Fliege verwandelt, ist weggeflogen, und fort ist er, einfach fort. Er hat zwei Töchter, eine Frau, ein Auto, eine berufliche Stellung... und entschwindet durch die Luft wie eine Fliege. Vielleicht hat er sich, pardon, irgendwo auf einen Scheißhaufen gesetzt.“
„Er hat mir jeden Tag gedroht, ein Fingerchen oder ein Äugelchen auf einem kleinen Teller zu servieren.“
„Er ist wie er ist, aber er bleibt ein Mensch. Gewiss ist er grausam, aber er könnte einem Kind doch keinen Finger abschneiden. Er hat Sie überprüft. Wir alle haben Sie überprüft, damals im Park. Die Dinge sind schwieriger, als sie auf den ersten Blick schienen. Vieles ist unklar. Die Physiker verstehen gar nichts mehr...“
„Sagen Sie mir, was Sie wissen. Ich verspreche ehrlich zu spielen und werde niemanden mehr in Ratten oder Kakerlaken verwandeln. Außer Geheimagenten. Haha, kleiner Scherz meinerseits.“
„Ich habe keine Ahnung. Sie sollten mit Boris sprechen. Kurz gesagt, Sie sind nicht der Einzige von Ihrer Art, es gibt noch mehr davon. Diese Fähigkeiten kommen und gehen wie Wellen. Und Ihre besondere Kraft, oder sagen wir, ihr Wirkungskreis, ihr Radius, kann sich auf einen Autobus beschränken, oder auf einen kleinen Platz, auf ein Fußballfeld, aber sie kann sich auch, wer weiß das schon, auf ganz Moskau auswirken oder auf die ganze Welt.
Hier holte der Oberleutnant eine kleine Pistole aus der Tasche, grinste schief, zeigte wieder seine schräg übereinander stehenden Vorderzähne und sagte: „Hier, das ist die lautlose Pistole, damit werde ich Sie jetzt erschießen, und diese Welt wird hart wie Beton. Sie wird sich auch in Zukunft nur den Naturgesetzen beugen. Aber ich, wir alle, hätten gerne, dass diese Welt besser wird. Daher lasse ich Sie leben und bitte Sie, nochmal ernsthaft darüber nachzudenken und endlich in Freundschaft mit uns zusammenzuarbeiten.
„Machen Sie den Mund auf.“
Gena spürte nun etwas, fasste mit der Hand nach seinen Zähnen, wurde bleich und sagte: „Dankeschön.“
„Sind meine Verwandten wirklich in Ihrer Gewalt?“
„Ja, und Ihre Kraft reicht nicht aus, um sie zu befreien. Sie befinden sich in einem speziellen Bunker. Da geht es ihnen nicht schlecht, ich habe es selbst gesehen. Ein Fünfsternehotel. Aber wo der Bunker ist, verrate ich nicht, und wenn Sie mich in eine Wanze verwandeln und auf die Folterbank legen.
„In eine Wanze habe ich noch niemanden verwandelt. Aber vielleicht fangen wir jetzt damit an? Petja...“
„Ich fordere Sie nochmals dazu auf, nichts spontan zu unternehmen, ohne nachzudenken und abzuwägen. Und Ihren Verwandten helfen Sie nur, wenn Sie machen, was wir von Ihnen verlangen.“
„Was hätten Sie gerne? Dass auf dem Mars Apfelbäume blühen, oder dass Putin in Rom Papst wird?
„Nein, wir wollen, dass die Welt wieder so wird, wie sie vor dem November 2013 war. Dazu brauchen wir so etwas wie einen Neustart beim Computer. Alles andere ist unsere Sache. Wir berichtigen unsere Fehler, wir waschen Asarow und Janukowitsch den Kopf, wir werden die Ukraine nicht strangulieren und nicht nach Europa einmarschieren. Wir werden alles so einrichten, dass die Wölfe satt werden und die Schafe verschont bleiben. Denken Sie darüber nach, bitte, überlegen Sie es sich. Wenn Sie nicht mit uns zusammenarbeiten wollen, aktivieren wir jemand anders, jemanden, den Sie nicht kennen. Wir werden ihn einladen, hihi, als Wolfshund, der Sie vielleicht in einen Heuhüpfer verwandelt und Ihre Enkel in Marienkäfer.“
„Glauben Sie denn wirklich, dass ich die Erde und das Weltall um ein Jahr zurückdrehen kann? Holen sie doch alle Soldaten aus Europa und Asien zurück. Befreien Sie die Ukraine, die Sie versklavt haben, reichen Sie ihr eine helfende Hand, bitten Sie um Verzeihung. Dann wird es nicht nötig sein, die Zeit zurückzudrehen und sich in die Geheimnisse des Weltengebäudes einzumischen.“
„Muss ich Ihnen erklären, dass das unmöglich ist? Es ist leichter, den Mond auf den Jupiter zu schießen als die Herrschaften im Kreml dazu zu bewegen, sich vernünftig zu benehmen.“
„Wollen Sie mich anwerben? Ich werde Ihnen nicht den Superman spielen, Gena. Gut, führen Sie mich auf den Roten Platz. Ich werde dort spazieren gehen, um meine Nerven zu beruhigen.“
...
„Alles klar. Ich bitte Sie nur, treiben Sie es nicht zu weit, vergreifen Sie sich nicht an Heiligtümern, Sie verbrennen sich nur Ihre Flügelchen, ich warne Sie.“
„Ich gebe mir Mühe.“
Der Schlägertyp Petja saß während der ganzen Zeit unserer Unterhaltung und während der anschließenden Fahrt angespannt da, schaute nur auf die Straße und wagte es nicht, die verschleierten Augen zu erheben und zur Seite zu blicken.
Sie setzten mich beim Historischen Museum ab, nahe der Reiterstatue von Schukow, dessen ganze Brust mit Orden bedeckt ist, so dass er aussieht, als trüge er ein Kettenhemd. Ich schaute mir das Denkmal an und bemerkte insgeheim die himmelschreiende Talentlosigkeit seines Schöpfers. Mir kamen Puschkins Verse aus dem Ehernen Reiter in den Sinn:
Im Mondstrahl den entsetzten Streiter
Verfolgt, ein ragender Koloß,
Erhobnen Arms der Eherne Reiter,
Auf dröhnend galoppierendem Roß... [Übersetzung: Wolfgang E. Groeger.]
Und nun ging am Moskauer Himmel ein verdächtig bleicher Mond auf...
Der bronzene Schukow veränderte sich, er wurde schwerer und schien die Energie eines vorbeischwebenden Höllengeistes aufzunehmen. Er hob plötzlich seine rechte Hand mit kaiserlicher Gebärde, schaute mit seinen toten Augen böse auf mich und erklang melodisch, als er seine Orden vom Körper entfernte. Dann ließ er das Pferd mit einer heftigen Bewegung hochsteigen und sprang damit vom Sockel. Schwerfällig trabte er in Richtung Twerskaja-Straße los und verscheuchte die Touristen.
Ich ging um das Historische Museum herum und trat auf den Roten Platz hinaus. Am Tor drehte ich mich um und sah nach dem Jeep, der nicht weit von hier parkte. Der Oberleutnant stand neben dem Auto und zeigte vorwurfsvoll auf das leere Postament. Bedauernd zuckte ich mit den Schultern.
Ich ging zum Mausoleum. Dort stellte sich heraus, dass ich in eine Falle geraten war. Ein anderer schwarzer Cherokee, eine genaue Kopie des unseren, fuhr in unerwartet scharfem Tempo vor dem Kaufhaus GUM los und jagte auf mich zu. Vier wüste Rowdys in Zivil sprangen heraus. Sie streckten die Hände aus um mich zu ergreifen. Ich schloss die Augen, der Jeep und die Schlägertypen verschwanden. Ich hätte sie auf den Mond schießen und sie oben lassen können, bis sie krepieren. Aber ich ließ sie nur nach Tscheljabinsk entschweben, und zwar auf den Platz vor dem berühmten Lenin-Denkmal.
...
Die Raufbolde äugten zunächst wütend nach dem Denkmal, dann begannen sie stupide den Platz entlangzulaufen, doch ihnen widerfuhr neues Ungemach: Der achtzehn Meter hohe Gigant sprang von seiner Säule, öffnete die Arme zum Empfang und stieß ein meckerndes Lachen aus.
Nicht weit entfernt stand ein rüstiger Rentner mit länglichem, eingedrücktem Hut in Schiffchenform. Er guckte verdutzt nach der Stelle, wo eben noch der Jeep mit offenen Türen gestanden hatte. Dann schaute er zu mir, duckte sich und suchte das Weite. Andere Passanten hatten nichts bemerkt. Auf sie wartete ein noch heftigeres Spektakel als das Verschwinden des Jeeps.
Wieder ging alles wie von selbst. Ich hatte die Augen nicht einmal geschlossen, sondern blickte zum Mausoleum. Mir fiel eine Anekdote ein, die schon einen langen Bart hatte. Da begann sich dieses dämliche Betongebäude, das außen mit Porphyr und Labradorit verkleidet ist, nach oben zu strecken wie ein Geist, der aus dem Grabe aufersteht. Das Mausoleum wurde zur gotischen Kathedrale, und aus der Kathedrale wurde eine gigantische Standuhr mit einem halbrunden Wandelgang unter dem Zifferblatt. Zwei Türen führten aus der Uhr auf diesen Wandelgang hinaus.
Und da... Passanten und Touristen schauen wie verzaubert nach der Uhr in der Höhe der Kremlmauer. Im Inneren der Uhr knarrt etwas, knirscht, singt, die Türen öffnen sich, und aus der rechten Tür fährt ein Panzerwagen in Originalgröße bis in die Mitte des Wandelgangs. Er sieht genauso aus wie der auf dem bekannten Bild von Samochwalow. Auf ihm steht der wiederauferstandene Lenin mit erhobener rechter Hand, wie ein toter Fisch.
Lenin überschaute den Platz. Er richtete die Augen gen Himmel, öffnete den Mund, der sich wie ein Vogelschnabel in die Länge zog und schrie mit greller, durchdringender, unerträglich lauter Stimme: Ku-ku, ku-ku, ku-ku...
Nachdem er zwanzigmal gekräht hatte, schloss der Führer des Weltproletariats den Schnabel. Der Panzerwagen brachte ihn durch die linke Tür ins Innere der diabolischen Uhr zurück, der Uhrturm wurde allmählich kleiner und verwandelte sich wieder in das Mausoleum zurück. Die Leute auf dem Platz zupften sich am Ärmel und rieben sich die Augen.
Ich schlenderte zum Lobnoe Mesto. Der Oberleutnant, der in der Menschenmenge die Metamorphosen des Mausoleums betrachtet hatte, machte keine Anstalten mir zu folgen, sondern trippelte zurück zum Museum, wo er in lebhaften Worten mit jemandem am Mobiltelefon sprach.

 

Lobnoe Mesto

Der Anruf des Oberleutnants blieb nicht ohne Folgen.
Gena telefonierte offenbar mit Agenten, die den „Wolfshund“ kontrollierten und gab die Anweisung, denselben zur Jagd auszuschicken. Zur Jagd nach mir.
Die Jagd fing sogar lustig an: Die Anzahl der Leute auf dem Roten Platz nahm auf einmal merklich zu. Den Kleidern und Frisuren nach waren diese Neuankömmlinge keine modernen Moskauer, sondern Leute aus der Stalin-Ära. In ihren Gesichtern und ihrer Körperhaltung lag etwas Besonderes – die Melancholie der Totgeweihten. Außerdem waren diese Leute schwarz-weiß wie Schauspieler in alten Filmen.
Auf dem Roten Platz arbeitete jemand, der mit leichter Hand, aber zielstrebig die Realität veränderte. Und dieser Jemand nahm seine Sache äußerst ernst. Schon wenige Sekunden nach der Ankunft der Schwarz-Weißen saßen sie an mir wie Kletten. Einer drückte mir mit seinen gusseisernen Schultern in die Seite und stieß hervor: „Pass auf, du europäische Eiterbeule! In fünf Minuten lässt du die Zunge heraushängen. Warte nur ab.“
Ein Normbrecher, der mich auf der anderen Seite mit den Ellenbogen traktierte, fügte hinzu: „Kommst du, um dich über uns lustig zu machen? Da bist du leider in die Schlinge geraten.“
Eine Dame hatte sich von hinten an mich gehängt, beackerte mich mächtig mit Fäusten und Knien, die so hart waren wie Pleuelstangen und zischte mir ins Ohr: „Na, du miese Null, du steckst wohl in der Klemme? Jetzt macht der KGB Kleinholz aus dir. Du wirst ihnen die Stiefel lecken, damit sie dich möglichst schnell hinrichten.“
Während dieser Zeit entstand auf dem Lobnoe Mesto ganz von selbst – langsam, langsam – ein Podium mit einer kleinen Tribüne, und daneben erhob sich ein beachtlicher hölzerner Galgen mit unmissverständlicher Schlinge. Auf der Tribüne erschien eine Troika: Staatsanwalt und Richter in einer Person, und zwei Beisitzer, die gleichzeitig Henkersknechte waren. In ihren Gesichtern stand die finstere Entschlossenheit griesgrämiger Idioten.
Ich schloss die Augen und stellte mir anstatt der Menschenmenge, der Basilius-Kathedrale und dem Lopnoe Mesto die Piazza di San Marco in Venedig vor. Ich öffnete die Augen, aber nichts geschah. Da war die Menschenmenge, die Tribüne, die Henkersknechte, der Galgen, die grauen Leute...
Der Staatsanwalt nahm ein dubioses Mikrophon in die Hand und fing an zu reden:
„Wir haben uns heute hier versammelt, liebe Genossinnen und Genossen, um gemeinsam einen Feind Stalins und Putins der Schande zu überantworten und ihn zu bestrafen, einen Gegner unser kommunistischen Partei des Einigen Russland und des sowjetischen Volkes. Er heißt Rosenmeyer. Hier steht er vor euch, grinst und hofft, dass alles gut geht, dass er ungeschoren davonkommt, dass er das Gericht betrügen und unsere Wachsamkeit einschläfern kann, um in aller Ruhe weiter Schaden anzurichten. Schaut ihn euch an! Schon seit zweihundert Jahren nagt dieses Scheusal an unserem großen Vaterland, vergiftet Brunnen, trinkt das Blut christlicher Kinder, er verleumdet und vergewaltigt unsere Frauen. Doch dieser Abweichler, dieser Judas, dieser Erzfeind wird seiner verdienten Strafe nicht entgehen!“
Nun wies der Redner mit seinem kurzen Finger auf mich. Die grauen Leute, die um mich herumstanden, packten mich, schüttelten mich und warfen mich in die Mitte der Arena. Die Henkersknechte fesselten mich mit einem Seil wie Spinnen ihr Opfer, schleppten mich wie einen Mehlsack zum Galgen und stellten mich auf die geschlossene, quadratische Klappe. Sie legten die Hanfschlinge um meinen Hals.
Bei alledem zeigten sie keine Eile.
Ich betrachtete die Menge, die starr war in Erwartung der Hinrichtung. Aus ihrer schrecklichen weißen Umgebung heraus glotzte mich die riesige, farblose Pupille der wutentbrannten Menge an. Im Gewühl erkannte ich den Oberleutnant und den Schläger. Gena schüttelte den Kopf, als wollte er sagen: „Habe ich dich nicht gewarnt, du wirst dir die Flügel verbrennen, du Motte?“
Der Schlägertyp schaute zur Seite, offenbar hatte er immer noch Angst. Er wollte sich nicht wieder in eine Ratte verwandeln.
...
Neben ihnen standen Boris und Mark. Boris diktierte Mark etwas in geschäftiger Manier, und dieser schrieb auf einem kleinen Block mit. Als sich meine Augen mit den seinen trafen, nickte mir Boris mit einem sardonischen Lächeln zu: Hab keine Angst, jetzt ist alles vorbei. Vielleicht war er der Wolfshund des FSB?
Überraschenderweise sah ich Marika in der Menge. Sie weinte und streckte mir die Arme entgegen, als wolle sie Hilfe erflehen... Sie war mit Handschellen gefesselt.
Die Klappe unter mir öffnete sich und ich fiel ins Bodenlose.
Ich wachte in einer Arena auf. In einer Stierkampf-Arena.
Ich war der Stier, ein schwarzer, furchtbarer Stier, aber in meinem Widerrist steckten verschiedenfarbige Banderillas, die entsetzlich schmerzten. Über meine brennende Körperseite rieselte Blut.
Ich raste wie verrückt in der Arena herum und hatte keine Ahnung, was mit mir geschah. Endlich bemerkte ich in den Händen des ganz in Gold gekleideten Matadors die Muleta und den Degen. Jetzt war klar, dass er mich töten würde. In wilder Wut stürzte ich mich auf ihn. Sein blödsinniger Lappen war mir völlig egal. Es gelang ihm, mir den Degen ins Herz zu stoßen, bevor ich ihm meine langen, spitzen Hörner bis zur Wirbelsäule in den Bauch rammen konnte. Während ich starb, hörte ich das frenetische Gebrüll des von meinem Tod verzückten Publikums.
Damit endeten meine Qualen aber nicht. Der Wolfshund tobte sich richtig aus.
Nach dem Tod durch Erhängen auf dem Lobnoe Mesto und durch den Degen in der Arena steckte er mich in ein Flugzeug von Rio nach Paris und brachte mich mit all den anderen Unglückswürmern aus elf Kilometern Höhe zum Absturz in den Ozean. Dann warf er mich der Abwechslung halber in den Schlot eines ausbrechenden Vulkans, unterzog mich anschließend der Folter in einem Chicagoer Mafia-Keller, machte mich mit den Henkersknechten der Heiligen Inquisition bekannt und sogar mit Herodes dem Großen. Er zwang mich, an der Seite der Konquistadoren gegen die Inkas zu kämpfen und brachte mich schließlich Satanisten zum Opfer dar.
Danach langweilte die geostrategische Feldforschung offenbar den Wolfshund oder seine Chefs, und sie beschlossen, eine andere Platte aufzulegen.
Da gehe ich bereits durch die runde Eingangshalle der Metrostation „Oktjabrskaja“, welche mit Lampen geschmückt ist, die in die gewölbte Decke eingearbeitet sind. Sie sehen wie Sterne aus. Das Licht der Lämpchen sticht mir in die Augen, aber sonst geschieht eigentlich nichts Furchtbares. Ich gehe zur Rolltreppe, die nach unten führt, in Moskaus grauenhaften Untergrund, aus dem mit den wenigen Passanten ein fauliger Geruch heraufweht. Ich laufe durch die Eingangshalle, streife die Rakete, die dort in der Leere waagerecht liegt und erreiche den Bahnsteig. Seine Pfeiler sind mit hellem Marmor verkleidet und mit giftig gelben Kunstblumen geschmückt. Ich fühle eine Gefahr, aber ich kann nicht aus der Rolle schlüpfen, in die mich der Wolfshund hineingezwungen hat. Der Zug fährt ein, mit Leuten schmerzhaft vollgestopft wie eine Gallenblase mit Steinen. Die Türen öffnen sich mit einem schweren Seufzer, aus der Tür direkt vor mir steigt niemand aus.
Eine zerbrechliche, rothaarige Dame von hünenhaftem Wuchs trägt einen rosa Mantel mit riesigen Zierknöpfen, dazu einem unbeschreiblichen, blauen Hut, der sie unvorteilhaft überwölbt, weil sie ohnedies einen runden Kopf hat. Diese Dame flüstert einer kleinen, schieläugigen, barhäuptigen Freundin, die einer Elster ähnlich sieht, mit einem Seitenblick zu mir ins Ohr: „Da guck den Fettwanst! Wenn er so gerne frisst, soll er doch mit dem eigenen Auto fahren. Uns tritt er nur auf die Füße... Scheißkerl!“
Die Freundin flüstert ihr zur Antwort in das rundliche Ohr, das mit einem goldenen Ring in Form einer Rose geschmückt ist: „Das ist kein Mann, sondern ein Nilpferd. Warum lassen sie solche wie den überhaupt in die Metro? Dem müsste man den zehnfachen Fahrpreis abknöpfen.“ Ich will eigentlich nicht in den Wagon einsteigen, aber eine unbezähmbare Kraft zwingt mich dazu, in das Gedränge einzutauchen, direkt in eine Mauer aus Menschen... Ich bin hineingeschlüpft, habe mich hineingedrückt, habe mich an die Rothaarige und ihre Freundin gepresst. Die Rothaarige traktiert mich mit ihren riesigen Fäusten. Die Freundin schnappt ein paarmal nach meinem Hals und piekst mich mit ihren Fingernägeln, die so spitz sind wie eine Kosmetikzange, in die Seite. Und ihr siebenjähriger Sohn beißt mich in den Hintern. Der Fahrer kann die Wagentür erst nach drei vergeblichen Versuchen schließen.
Nun setzt sich der überladene Zug schwerfällig in Bewegung, nimmt langsam Fahrt auf, bremst aber nach einer Minute plötzlich und bleibt im halbdunklen Tunnel stehen. Von den segmentierten Betonwänden hängen Kabel herab, die aussehen wie die Venen von Leuten mit Krampfadern.
Da ist es!
Dass ein Zug auf offener Strecke anhält, kommt vor. In der Moskauer Metro geschieht das sogar häufig. Wir stehen da und berühren einander. In drei Minuten werde ich an der Haltestelle Akademitscheskaja aussteigen (die Station Schabolowaskaja war damals noch nicht eröffnet). Nicht weit von dort, in der „Birke“ auf der Fersmannstraße, wohnt meine Verlobte.
Klaustrophobie. Die Wände des Wagons quetschen deinen Körper zusammen wie eine hydraulische Presse. Die Finger werden dir kalt und feucht. Unterhalb des Bauches entsteht ein Oktopus-Säugling. Er rollt durch die aufsteigende Aorta heran, umschlingt sie mit seinen Tentakeln und beginnt dich von innen heraus zu erdrosseln. Der Atem stockt, das Herz setzt aus... Die Augen scheinen im nächsten Moment aus den Höhlen zu treten.
Du sackst zusammen wie ein Erschossener, und nur die schweißbedeckte menschliche Mauer verhindert, dass du ganz nach unten sinkst, unter die Füße der blindwütigen Masse.
Nach fünfzehn Minuten geht im Zug das Licht aus.
Rinnsale von Flüssigkeit sickern an den Fensterscheiben hinunter. Das ist ein Kondensat aus Atemluft und Ausdünstungen der Menschen, die von der schwülen Luft gepeinigt werden. Die Leute versuchen, die gläsernen Luftklappen zu öffnen. Du stirbst nur deswegen nicht, weil dein Wolfshund-Gott dich nicht sterben lassen möchte.
Du wartest... Du erinnerst dich... Nach einer zwanzigminütigen Folter setzt sich der Zug endlich wieder in Bewegung, das Licht geht wieder an, du steigst an der Haltestelle Akademitscheskaja aus und gehst zu ihr. Sie umarmt dich verstört vor den Augen ihrer Mutter und küsst dich ungeschickt auf die Nase.
Es reicht! Es reicht!
Oh, dieser rattige Hauch der Kehrschaufel... Dem Wolfshund gefiel es, Pfeffer an die Suppe zu geben. Er zog die in Dunkelheit und schwüler Hitze verschmachtenden Passagiere aus bis auf die Haut.
Es fing unerträglich an zu stinken. Ich fühlte unangenehme Berührungen von nackten, glitschigen Körpern. Ganz allmählich gingen die Berührungen über in Besitznahme, Erdrücken, Verschlingen.
Die rothaarige Dame hatte sich anscheinend mit ihren riesigen Brüsten und ihrem Bauch an mir festgesaugt. Ihre Freundin zerkratzte mich mit ihren Schamhaaren aus Draht, und ihr kleiner Sohn scheuerte mir mit seinen dornigen Schwimmflossen das Gemächte auf.
Die völlig außer Rand und Band geratenen Leute fingen an, sich aneinander zu reiben.
Als die Frauen sich jedoch ihrer Nacktheit bewusst wurden, erhob sich ein unvorstellbares Geschrei. Auch die Männer wurden nach kurzer Zeit von Panik erfasst. In der unerträglichen Enge begann ein grausames Gemetzel.
Männer, Frauen und Kinder – alle schlugen und bissen sich. Sie zogen sich an den Haaren, teilten Hiebe aus, traten sich, stießen ihre Stirnen aneinander, bohrten sich die Finger in die Augen, rupften sich die Ohren ab, rissen sich die Mäuler und die Nasenlöcher auf, bissen nach allem, was sich erreichen ließ...
Es schien, als wolle die Qual kein Ende nehmen. Doch plötzlich kam ich genau auf dem roten Platz wieder zu mir. In Moskau war es kalt. Am bräunlichen Himmel leuchtete kein einziger Stern, ein Wind blies, auf dem eisigen Pflaster wirbelten Schneeflocken. Außer mir waren nur einige Touristen auf dem Platz. Ich verzog mich zum Museum. Am Denkmal von Schukow stand ein schwarzer Jeep. Sie ließen mich hinein fuhren mich nach Jasenewo. Ich legte mich schlafen und versuchte nicht an das zu denken, was ich durchgemacht hatte.

 

Eine furchtbare Erkenntnis

Und was jetzt? Man hat dich in deine Schranken verwiesen, man hat dich bestraft. Leute, die stärker sind als du. Vielleicht hast du wegen ihrer negativen Energie dein bisschen Kraft vertan. Was bleibt noch? Diesen Bunker zu suchen? Aber wie? Selbst Geiseln nehmen und versuchen, beim grausamen Schabernack der Unmenschen aus der Lubjanka mitzuspielen? Dafür bist du selbst nicht grausam genug. Die tricksen dich aus wie Hütchenspieler. Es wird Zeit herauszufinden, ob du noch zu irgendetwas taugst.
Ich schließe die Augen und stelle mir vor, ich läge am Strand von Blanes in den warmen Fluten des Mittelmeeres. Dann öffne ich die Augen wieder.
Wie ruhig es hier ist! Das malerische Städtchen breitet sich aus wie ein Amphitheater. Auf einem kleinen Hügel steht der rundliche Turm San Juan, über der Bucht ein paar Felsen, die fast aussehen wie auf der Krim. Hotels, ein botanischer Garten, in dem einst Goethe und Byron spazieren gingen.
Ich schwamm ein wenig, setzte mich dann auf die Steine und erinnerte mich, wie ich hier mit meiner zweiten Frau und meiner Tochter vor zwanzig Jahren gebadet habe. Ich versuchte meine Sehnsucht von ihnen loszulösen, von ihrer Gestalt, ihren Händen. Ich scheute mich, mir ihre Gesichter in Erinnerung zu rufen. Oder sollte ich weiterleben, als sei nichts geschehen?
Könnte ich mich doch in einen arabischen Scheich verwandeln und eine Villa in Monte Carlo bauen, meinen Harem mit einem Flor junger Models besetzen, die dir die Füße küssen und dich über kurz oder lang mit ihren Wächtern betrügen. Du könntest dich in deinem Harem verlustieren, und deine Verwandten würden weiter im 5-Sterne-Hotel namens Lubjanka schmoren. Die KGB-Bullen würden sie niemals laufen lassen. Und der Kloß würde dir nach einigen Wochen ein Fingerchen mit der Post schicken.
Ich kehrte nach Jasenewo zurück und benutzte das Handy, das der Kloß mir gegeben hatte.
„Das bin ich. Kommen Sie her, wir müssen reden.
„In einer halben Stunde bin ich da.“
Der Kloß setzte sich in den Sessel und schaute mich argwöhnisch an. Die Stunden, die er im Körper eines zweiflügeligen Insektes verbrachte, hatten seltsame Spuren hinterlassen. Er streckte oft seine auffallend dünne Zunge heraus und leckte sich die Lippen, einmal sogar die Augen. Manchmal rieb er sich nach Art der Fliegen mit beiden Händen die Schläfen… Und wenn er sprach, summte er unwillkürlich.
„Wir konnten Ihre widerlichen Faxen nicht ungestraft lassen. Summ summ. Wir wollten Ihnen zeigen, wie andere sich fühlen, wenn sie von Ihnen malträtiert werden."
„Gena hat mir erzählt, dass Sie tatsächlich etwas von mir wollen. Aber was denn, wenn Ihnen ein Wolfshund mit derartigen Fähigkeiten zur Verfügung steht?
„Sie sind Schriftsteller, summ, und haben den Unterschied nicht verstanden? Der Wolfshund ist ein Apparatschik, ein Vollstrecker, aber Sie sind Poet, Romantiker, Fantast, ein Verehrer von E. T. A. Hoffmann. Der andere kann sein Opfer auf höchst subtile Art quälen, summ summ summ, und genau ausführen, was ihr ihm ssssagen. Sie hingegen können improvisieren und die Welt grundlegend ändern, den Lauf der ganzen Strecke neu verlegen. Daher gibt es momentan niemanden, der Sie ersetzen könnte.“
„Dann lassen Sie meine Verwandten frei, und wir machen uns an die Arbeit.“
„Sie haben kein Recht, uns Bedingungen zu stellen. Wir können Sie, simm simm, zu jedem beliebigen Zzzzeitpunkt vernichten. Und Sie können vor uns nicht in eine selbst erdachte Welt fliehen. Unser Wolfshund kann Sie überall aufstöbern und Sie sofort wieder nach Golgatha befördern, wenn Sie bockig werden. Kirchen anzumalen oder Rosen im Omnibus wachsen zu lassen, das war ja nicht so schlimm. Aber das Ansehen unseres allerhöchsten Führers durch den Schschmutz zu ziehen, summ, summ, dasssss geht erheblich zzzzu weit! Auf der obersten Etage wurde beschlossen, Ihnen nicht entgegen zu kommen. Sie müssen selber den ersten Schritt machen.

Nachdem der Kloß weg war, saß ich noch lange im Sessel und dachte nach. In dem allgemeinen Tohuwabohu, das so verfilzt war wie die Haare eines Obdachlosen, versuchte ich einen Leitfaden zu finden, aber alles, was ich herauszog, waren nur kurze, bunte Stückchen Schnur.
Endlich brachte ich die Frage auf den Punkt: Die Welt, in der du dich gerade befindest – was ist das? Die Realität? Oder deine Fantasie?
Schau dir doch diesen Autobus an. Hättest du dich nicht eingemischt, dann hätten sie sich dort gegenseitig die Köpfe eingeschlagen. Was ging also tatsächlich vor? Mord und Totschlag im Omnibus – oder Friede, Freude, Eierkuchen im Paradiesgärtlein?
Im Radio ‚Spidola‘ stellte ich „Das neue Echo Moskaus“ ein. Nach zwanzig Minuten geduldigen Wartens hörte ich endlich folgenden Bericht: „Gestern kam es im Autobus der Linie ... zu einem seltsamen Zwischenfall: Im Fahrgastraum wuchs wie aus dem Nichts heraus ein ganzer Wald von exotischen Pflanzen. Marmorne Springbrunnen und singende Fische tauchten auf, ebenso ein sprechender Papagei und weitere Absonderlichkeiten...“
Du hast die Realität verändert, hast das Weltall auf ein anderes Gleis gestellt, hast es auf ein neues Blatt geschrieben, das nicht mit dem vorigen identisch ist, sondern selbständig existiert. Das alte ist vielleicht verschwunden, verdampft, als wäre es nie dagewesen.
Was ist jetzt eigentlich mit den Hooligans in Tscheljabinsk?
Erneut half das ‚Spidola‘ weiter. Radio Leuchtturm berichtete nämlich: „Gestern wurde in Tscheljabinsk eine ganz und gar unglaubliche Straftat verübt. Unbekannte Übeltäter erdrosselten vier Männer in der Nähe des Lenin-Denkmals auf dem Platz der Revolution. Auch das Denkmal selbst wurde schwer in Mitleidenschaft gezogen. Der Anführer des Weltproletariats steht seitdem mit ausgebreiteten Armen auf dem Asphalt, als wolle er nach jemandem haschen.“
Zehn Minuten später murmelte die Sprecherin wie gegen ihren Willen: „Im Moskauer Bezirk Jugo-Sapadnaja brach eine Art Massenpsychose aus. Viele Leute fühlten sich wie Nagetiere, genauer gesagt wie Ratten. Das Phänomen dauerte nur einige Sekunden, trotzdem kam es unter noch ungeklärten Umständen zu einer Reihe von Morden an Passagieren des öffentlichen Nahverkehrs. 347 Leute mussten in Krankenhäuser eingeliefert werden.“
...
Mein armer Sohn, arme Enkel, arme Schwiegertochter. Natka, Marika... Wie kann ich euch nur aus diesem Abgrund befreien? Ich versuchte mir meinen Sohn vorzustellen, aber ich konnte mich nicht an sein Gesicht erinnern.
Wann hast du ihn zum letzten Mal gesehen?
Vor vielen Jahren.
Nein, gib Antwort: Wann genau?
Ich weiß nicht mehr.
War das etwa das Gaukelspiel des Wolfshundes und seiner Schergen? Ich versuchte erst gar nicht, mir meine Schwiegertochter und die Enkel vorzustellen. Ich sah sie nur auf einem Foto.
Welchem Foto?
Auch das weiß ich nicht mehr…
Wie hieß denn deine Großmutter? Deine Mutter? Dein Vater? Wie heißt du selber?
Keine Ahnung.
Welchen Schulabschluss hast du?
Wie sieht Marika aus?
Wie alt bist du?
Wer bist du?
Schriftsteller?
Wo sind denn deine Bücher?
Wo hast du deine Kindheit zugebracht?
Wem gabst du den ersten Kuss deines Lebens?
Ich erinnere mich an gar nichts mehr. Durch mein Gehirn geistern nur verschwommene Schatten.
Ich erinnere mich an einen übermütigen Flug über Moskau.
Kristallene Flügel.
Himmlisches Licht in einem Reagenzglas.
Dann laufe ich ein Feld entlang. Ein schmutziger, unwirtlicher Ort. Als hätten sie vor einigen Jahren den Mutterboden mit dem Bulldozer abgeschoben und die darunter liegende, dunkle Lehmschicht kann sich nicht in fruchtbare Erde verwandeln. Am Rande des Feldes stieß ich auf einen von Rissen zerfurchten Holzpfahl, an dem mit zwei Nägeln ein stark verrostetes Schild befestigt war. In dessen Zentrum befand sich ein gleichseitiges Dreieck mit einem Ventilator in der Mitte. Über und unter ihm konnte man mit Mühe die Aufschrift entziffern:

SPERRBEZIRK
EINTRITT UND DURCHGANG FÜR UNBEFUGTE VERBOTEN!

Halt mal, das ist gar kein Ventilator, sondern das Symbol für Radioaktivität. Wo bin ich nur hingeraten? In die Sperrzone von Tschernobyl? Aber hier sieht die Vegetation anders aus, eher nördlich.
Da ist eine Straße. Sie wurde schon lange nicht mehr ausgebessert, sie ist übersät mit tiefen Pfützen. Aber da ist noch Asphalt, ein Anzeichen für Zivilisation. Ich gehe 300 Meter weiter und stoße vor der Brücke über einen Fluss auf einen weiteren Pfahl. Auch hier befindet sich ein Schild. Darauf steht diesmal: „Fluss 'Tatscha'“.
Entlang des Flusses wächst Gras, saftiges, grünes Gras... Nur direkt am Wasser ist es rot. Seltsam. Braune, ausgemergelte Kühe zockeln am Ufer entlang. Gänse watscheln herum. Auf der anderen Seite der Brücke sehe ich eine Kirche mit Glockenturm. Kuppeln fehlen ebenso wie Fensterscheiben. Die Farbe blättert ab und die Ziegel sehen aus, als hätten böse Geister sie jahrhundertlang zerkratzt. Hinter der Kirche stehen Bauernhäuser. Anscheinend verlassen. Kein Licht, kein Rauch aus dem Schornstein. Ein Hund kommt angerannt, aschfahl, den Schwanz bis unter den Bauch eingeklemmt. Seine Lefzen zittern, als sei er tollwütig.
Auf der Brücke steht ein Mann und schaut ins Wasser. Er trägt Stiefel, Soldatenhosen, eine schwarze Jacke und eine Pelzmütze. Er raucht.

„Hallo Sie, ja, Sie da, was ist das für ein Dorf?“
„Weißt du das etwa nicht?“
„Stellen Sie sich vor: Ich weiß es nicht.“
„Du darfst nicht so viel trinken, schon gar nicht als Lehrer“
„Bin ich etwa Lehrer? Was faselst du da zusammen? Hier bin ich zum ersten Mal, hier war ich noch nie. Red‘ keinen Quatsch und sag mir, wo wir sind.“
„Na, wo schon? Wir sind in Ugrjumowo. Im Bezirk Uljumskij. Du bist hier Lehrer an der allgemeinbildenden Schule und wohnst schon vier Jahre bei uns.“
„Lehrer? Vier Jahre? Und warum warnt das Schild vor radioaktiver Strahlung?
„Was für'n Radio? Wir sind einfache Leut und verstehen sowas nicht. Und geh besser nicht an den Fluss, du riskierst dein Leben.“
„Und was machen die Kühe da? Siehst du, sie grasen direkt am Fluss, und ihr trinkt wahrscheinlich die Milch. Gänse gibt es auch.“
„Ein Klugscheißer bist du. Die Milch im Laden ist teuer, und Gänse gibt es überhaupt keine.“
„Ist ja gut, ist ja gut. Hör zu, Männchen, bring mich nach Hause!“
...
„Na gut, gehen wir zur Schule. Deine Alte wartet bestimmt schon sehnsüchtig auf ihren Kanarienvogel, aber der tschilpt auf der Brücke herum. Wegen Radiodingsbums. Sag das den Kinnern im Unnerricht, aber lass mich damit in Ruhe. Mir ist nich viel geblieben, lass uns gehen.“
„Aber warum in die Schule? Führ mich nach Hause.“
„Hast du denn vergessen, dass du in der Schule wohnst? Das hab ich dir doch schon erkärt, Pauker!“
„Wie heißt du eigentlich?“
„Ei, Michalitsch. Ich bin hier der Schlosser, hast du mich etwa nicht erkannt? Ich hab dir doch die Wasserleitung repariert. Erzähl mal, wie viel haste denn gepichelt? Oder biste auf Drogen?“
Wir gingen die unbefestigte Dorfstraße entlang. Die Häuser rechts und links waren klapprig, ärmlich zusammengeschustert, die Dächer mit löchriger Teerpappe gedeckt, die aussah, als hätten die Ratten sie benagt. Die Zäune waren umgestürzt. Es gab keine Gärten oder Gemüsebeete. Mehrmals rannten Hunde gespenstergleich neben uns her, Brüder und Schwestern des Ersten, Fahlen an der Brücke. Sie schreckten vor uns zurück wie Lämmer vor dem Wolf.
„Wer hat denen denn so viel Angst eingejagt?“
„Wem? Den Hunden? Was weiß ich? Die vom Kombinat schießen auf sie.“
„Von welchem Kombinat?“
„Wie willst du denn den Kindern was beibringen, wenn du dein Gedächtnis total verloren hast? Na also: 'Die Sterne des Sieges', 75 Kilometer weg von hier. Von denen kommt das verfaulte Wasser. Die haben da die ganze Erde weggebaggert. Wir leben wie ohne Haut. Stacheldraht haben sie den Fluss entlang gespannt, aber wir haben ihn runtergerissen und als Buntmetall verkauft.“
„Und warum gibt es keine Gärten und Gemüsebeete?“
„Weil es keine gibt. Alles ist vergiftet. So, und da ist ja schon die Schule. Mach et juut.“
Die Schule stammte aus der gleichen prähistorischen Epoche wie die Kirche. Drei Stockwerke, roter Backstein, helle Farbe. Schnörkel auf der Fassade. Die Farbe blätterte ab, die Schnörkel platzten weg, das Dach sackte ein. Alle Fenster im Erdgeschoss waren mit Brettern und Faserplatten verrammelt.
Vor der Schule war ein Platz für Appelle und ein Denkmal, ein Obelisk aus Beton. Oben war ein roter Stern an einer dicken Stange angeschweißt: Den gefallenen Helden. In der Mitte des Obelisken befand sich eine Vertiefung, in der früher einmal eine Tafel mit den Namen der Helden angebracht war. Aber jemand hatte sie wohl herausgerissen und verkauft.

Ich klopfte an die riesige Eisentür. Keine Antwort. Ich kramte in meinen Taschen und fand einen Schlüsselbund. Ich schloss auf, ging hinein und verlor mich in einem dunklen Korridor. Wo war denn hier der Lichtschalter? Ich streckte die Hände aus und fand ihn durch Zufall auf der rechten Seite. Allmählich gewöhnten sich die Augen an die schummerige Beleuchtung. Auf dem Korridor lag jede Menge Gerümpel in heillosem Durcheinander. Zerbrochene Schulbänke, Kleiderbügel, Kisten, Schulbücher, zerrissene Landkarten, zerdrückte Globen, verstaubte Portraits hochmögender Leute, altertümliche Volt-Ampèremeter, zerbrochene Glaskolben, Schwarz-Weiß-Fernseher mit Löchern in den Bildschirmen, Skier, eine Tafel mit Fotos der heldenhaften Pioniere, vier Leninbüsten mit abgeschlagenen Nasen. Ein räudiger Wolfsbalg und ein menschliches Skelett aus Plastik mit abgerissenem Arm.
Ich ging nach rechts weiter bis zum Ende des Korridors. Der linke Gang führte zur Treppe in den ersten Stock, an der rechten Wand befand sich eine weitere Tür, an der mit Kreide „Lehrerwohnung“ geschrieben stand. Darunter hatte jemand mit Bleistift das Bild eines schreibenden Menschen mit nacktem Hintern gemalt und geschrieben: „Anton Tschechow ist schwul“. Die Aufschrift war teilweise abgekratzt, daher sah sie aus wie „Antotschechwul“.
Auch zu dieser Tür fand ich einen Schlüssel. Ich öffnete mit klopfendem Herzen, denn ich fürchtete hier ein zänkisches altes Weib vorzufinden, das sich mit Flüchen und Gekeife auf mich stürzen und mir dann monatelang die Nerven schreddern würde wie eine waschechte Kreissäge.
Aber hinter der Tür war niemand.
Ich hatte den Eindruck, wieder in meiner Wohnung in Jasenewo zu sein. Vom Fenster aus sah ich den altbekannten Hof. Auf den Regalen befanden sich die gleichen Bücher, in der Küche stand der gleiche Herd Marke „Lyswa“ und auch ein Kühlschrank Marke „Saratow“ mit deutscher Wurst darin.

Da kam mir die Erleuchtung.
Ich hatte niemals Kinder oder Freunde gehabt. Ich war nie verheiratet. Ich war nie in der Metro steckengeblieben und hatte nie den Fluss Tatscha überquert. Es gab keine Natka, keine Marika, und meine Vergangenheit war nichts als Betrug, Fälschung und Schwindel von DENEN DA.
Du bist kein Mensch, sondern ein Fake, eine Schimäre, ein Antotschechwul.
Du hast keine Familie und keine Verwandten, aber jemand hat dir die schmerzliche Sehnsucht danach eingeflößt. Die haben sie dir eingetrichtert, damit sie dich leichter am Halsband führen, dich steuern können wie eine Marionette. Sie haben dir deine Fähigkeiten nicht gegeben, um in Omnibussen Gärten wachsen zu lassen, sondern damit du für sie etwas Besonderes, Unglaubliches schaffst. Die Schießerei am Denkmal war eine Probe, ob du das kannst. Das Sujet ist gut ausgearbeitet. An der nächsten Wegbiegung erwartet dich unweigerlich die nächste Krise.
„Den ersten Schritt müssen Sie selber tun“, hatte der Kloß gesagt. Jetzt war es wohl an der Zeit dafür.

 

Das Ende

Es ist erstaunlich leicht zu hexen, wenn du weißt, was du willst. Schon wenige Sekunden, nachdem ich meinen Entschluss gefasst hatte, saßen zwei Doppelgänger – oder besser gesagt Darsteller – neben mir. Dem Double Nummer eins, Jeckyll, sagte ich: „Räsoniere nicht, drück auf die Tränendrüse!“
Er nickte und machte sich auf den Weg, um den Jeep mit dem Oberleutnant und dem Schlägertypen zu finden. Er sollte sie bitten, ihn – aus reiner Nostalgie, versteht sich – zu dem Haus auf dem Lomonossow-Prospekt zu bringen, in dem ich einmal gewohnt hatte. Ja… Bevor ich beginne in die Geschicke der Welt einzugreifen und eine leibhaftige Gottheit im Kreml aufzusuchen, möchte ich alte Mauern meiner Kindheit anfassen.
Jeckyll hatte alles von mir bekommen, außer der Fähigkeit, die Realität zu verändern: mein Äußeres, meine Kleidung, meine Art zu sprechen und meine Stimme. Hoffentlich vergeigt er die Sache nicht.
Für den Wolfshund hatte ich ein anderes Täuschungsmanöver auf Lager: mein zweites Alter Ego, Mister Hide, das mir in keiner Weise ähnlich sah, ein garstiger Kerl, der an Rasputin erinnerte. Er sollte sich mit einem Koffer voll Feuerwerkskörpern zum Kreml aufmachen, um sie dort zu zünden. Der Wolfshund sollte denken, das sei ich, und dorthin fliegen.
Ich klopfte Rasputin auf die Schulter. Er machte große Augen und sah betrübt zu Boden. Ich stellte mir vor, wie er von der Blagoweschtschensker zur Archangelsker Kirche geht. Und schwupps, ist er auch schon dort, während ich noch hier am Fenster in Jasenewo stehe, von dem aus sich alles bestens beobachten lässt.
Alles lief nach Plan. Der Oberleutnant steuerte den Cherokee über unseren Hof durch den Torbogen des Hauses gegenüber und fuhr auf die Golubinskaja Straße hinaus. Ich trat aus der Wohnung ins Treppenhaus, öffnete das Fenster und spitzte die Ohren. Vom Zentrum her war ein dumpfes Rollen zu hören. Das ging auf das Konto von Mister Hide.
Ich lief in die Wohnung zurück, verabschiedete mich von den Büchern und schloss die Augen. Als ich sie wieder öffnete, stand ich auf einem kleinen, verschneiten Balkon in der 18. Etage der Lomonossow-Universität und schaute von oben auf meine geliebte Stadt.
Mir war klar, dass mir vielleicht zwei Minuten blieben, nicht mehr. Wenn der Wolfshund Rasputin sieht, wird er augenblicklich mein kindisches Täuschungsmanöver durchschauen. Vielleicht quält er mich noch, bevor er mich tötet. Allein, das ist mir völlig egal.
Ich mache jetzt den ersten Schritt, meinen einzigen und wichtigsten Schritt, der für euch, ihr Klöße und Wolfshunde, der letzte sein wird: Jetzt schicke ich IHN und euch alle zur Hölle!
Ich schloss die Augen und stellte mir vor, wie von allen Seiten Trident- und Minuteman-Raketen auf Moskau zufliegen.
Wo früher der Kreml stand, bildete sich ein Feuerball, der mit rasender Geschwindigkeit anschwoll und todbringendes Licht verströmte.


Der Andreassaal

Ich spürte den alles verschlingenden Atem des Todes. Aber plötzlich ließ die Hitze wieder nach, der Feuerball sank in sich zusammen. Die von der Explosion zerstörten und verbrannten Moskauer Häuser standen wieder auf. Vor meinen Augen erhob sich Moskau aus den Ruinen... Zuletzt nahmen die neu erbauten Wolkenkratzer Gestalt an und fügten sich zusammen wie futuristische Matrjoschka-Puppen.
Mich selbst zog eine Kraft vom Balkon hinweg und trug mich fort, weit fort wie einen Papierflieger, über die Moskwa, weiter, immer weiter.... Nun stehe ich schon im Andreassaal des Großen Kreml-Palastes mit seinen blauen Vorhängen an den Fenstern. Vor mir sitzt auf dem Thron unter einem geschnitzten, goldüberzogenen Baldachin – DER LEIBHAFTIGE. Hinter ihm befindet sich der russische Doppeladler, die Krone und über dem Baldachin ein riesiger goldener Stern. Die Sonne oder so ähnlich.
DER LEIBHAFTIGE sieht nicht wie der echte Putler aus. Ein unauffälliger Mann mit europäischen Gesichtszügen, der einen Anzug mit Fliege trägt. In der Hand hält er eine kleine chinesische Tasse und ein Stück Halva. Er hat seine Füße akkurat auf ein Kissen gesetzt, seine Schuhe sind wie zwei kleine Bügeleisen. Er schaut mich ruhig an, ohne Anzeichen von Zorn, sogar freundlich. Er lächelt allerdings ein wenig schief, fast strizzihaft, und spricht mit samtig leichtem Bariton: „Ich begrüße Sie im Kreml! Da ist ein Kissen für Sie, setzten sich doch einfach aufs Parkett. Und ich sitze auf meinem Thron. Ich setze mich manchmal dahin, aber selten, wissen Sie, nur wenn sich die Gelegenheit dazu ergibt… wie ein Zar zu sitzen.“
Er warf mir ein gemustertes Kissen zu, ich fing es auf, blieb aber stehen.
DER LEIBHAFTIGE fuhr fort: „Jaja, Sie haben uns Saures gegeben, haben ein Unwetter geschickt, einen Sturm im Wasserglas. Sie haben sich die Finger verbrannt, Sie, unser hochmögender Schriftsteller. In Ihrem spielerischen Überschwang haben Sie vergessen, dass Sie nur eine von Ihnen selbst kreierte Stadt vernichten können. Die Realität hat sich längst schon als graue Wolke Ihrem Zugriff entzogen. Sie leben hinter dem Schutzwall Ihrer Wahnvorstellungen, werter Herr. Schauen Sie mich nicht so an wie der Stier das rote Tuch, hihi, Sie können mich bestimmt nicht in eine Ratte verwandeln. Sie sind hier der Gast. Ich bin der Hausherr und kann mit Ihnen alles anstellen, was ich für richtig halte. Wollen Sie nicht in dem berühmten Städtchen Ugrjumowo unterrichten? Ich habe gemerkt, dass es Ihnen dort gefiel. Sie wollten mich doch nicht etwa an der Nase herumführen wie einen Schulbuben? Welch krankhaftes Hirngespinst. Rasputin im Kreml! Mit Feuerwerk. Sie standen derweil auf dem Balkon und haben die Raketen herbeigezaubert – Bum buum! So ein Quatsch. Das war wohl nichts! Bisher sind wir mit Ihnen sehr menschlich umgegangen. Schon gut, wir haben Ihnen ein bisschen an den Nerven herumgekitzelt, aber Sie wollten uns in radioaktiven Staub verwandeln. Wollen Sie wieder zu den netten Damen im Zug? Man erwartet Sie. Oder haben Sie Lust auf die Schlinge? Ist ein Betonmischer gefällig? Oder – allerletzter Vorschlag – ins Alexanderdorf, direkt auf den Spieß, oder vielleicht vorher abhäuten? In einen Kessel mit kochendem Öl? Na, zittern die Flügelchen? Keine Angst, der Löwe ist gerade satt. Ich habe keine Lust, Sie aus dem Jenseits wieder vor das Strafgericht zu zerren. Zuviel der Ehre. Aber es wäre schon spannend, dem Kollegen zuzuschauen… Wie kann einer nur so viel Macht besitzen und sie zu nichts Besserem benutzen, als Gemüse zu züchten oder mit Mumien Mummenschanz zu treiben? Und zur Vernichtung der eigenen Schöpfung? Traurig, traurig… Wir könnten doch unsere Kräfte bündeln, Sie und ich, eine neue, wunderbare Welt erschaffen und etwas ganz Grandioses und Außergewöhnliches kreieren.“
„So etwa wie dieser Saal mit vergoldeter Stukkatur? Wieviel haben Sie wohl für die Restaurierung berappen müssen? Das ist Spießerei. Eine Schnapsidee von Nikolai I. Diese goldene Horde. Für den Zaren Halva und Zuckerbrot – für den Sklaven die Peitsche, ein glitschiger Spieß und ein Kessel mit kochendem Öl.“
„Unnötig, völlig unnötig mit mir leeres Stroh zu dreschen, Herr Meyer. Das ist doch langweilig. Ich versichere Ihnen, wenn Sie an meiner Stelle wären, gäbe es noch mehr Todesopfer, wahrscheinlich fünfmal so viele. Wollen wir wetten? Kehren wir zu Jelzins Zeiten zurück, übertragen wir Ihnen die Verantwortung für Mütterchen Russland und schauen wir, was Sie damit anstellen. Dann können wir ja vergleichen.
Nein, ich weiß, Sie lehnen das ab... Ich selbst konnte mit meinen Leben nichts Besseres anfangen. Sie haben ja recht, und wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich alle bei lebendigem Leibe kurz und klein hauen. Ich würde versuchen, die Böcke von den Schafen zu trennen und würde alle Sowjet-Menschen auf den Mond schießen…
Ach, sie stimmen mir zu? Das heißt, dass meine Wunderhelden ihnen doch nicht alle Gehirnwindungen weichgeklopft haben.“
„Was für Wunderhelden, zum Teufel?“
„Die üblichen. Die, die aus den Abschussrampen „Grad“ geschossen haben. Ich zeige sie Ihnen sofort. . Man kann aus Langeweile oder aus Kummer ins Gras beißen. Aber um Gottes Willen ohne Savraska und ohne Sivka-Burka. Ich kann die Kavallerie nicht leiden. Sie machen einem das ganze Parkett kaputt.“ [Savraska – aus dem Werk von Dostojevski, Sivka-Burka – aus den russischen Heldenlegenden, beides sind Stuten. Anm. d. Übers.]
ER lachte sein Strizzi-Lachen und schnipste mit seinen zu kurz geratenen Fingern. Gleich darauf erschienen hinter mir drei Figuren. Ich kannte sie nur allzu gut. Zwei davon trugen einen Rauschebart, einer war glattrasiert. Der Erste war ein kerngesundes, kräftiges Mannsbild mit Namen Ilja Muromez. Er trug Kettenhemd und Knotenstock. Der Zweite war ein Bartträger mit Schwert namens Dobrynja Nikititsch, der Dritte trug Pfeil und Bogen und hieß Alescha Popowitsch.
Die drei stießen mich grob zur Seite, schritten die Stufen eines niedrigen Podests empor, auf dem ein Thron stand und postierten sich malerisch davor wie Musketiere. Sie beugten ein Knie, nahmen die Helme ab und verneigten ihre langmähnigen Köpfe.
ER betrachtete sie mit sichtbarem Wohlwollen, senkte gnädig das Haupt und schob sich ein Stück Halva in den Mund. Die Helden erhoben sich, schüttelten die Hosen glatt, legten sich die Hände gegenseitig auf die Schultern und tanzten schwerfällig einen dörflichen Sirtaki, ohne dabei ihre riesigen schwarzen Augen von IHM abzuwenden. Dobrynja spielte Lieder auf der Mundharmonika.
Ilja, der Postkutscher, lief gräulich über den großen Onkel.
Popowitsch drehte sich ungeschickt um und ließ seinen Köcher fallen. Die Pfeile rollten über das spiegelnde Parkett wie die Stäbe beim Mikadospiel.
ER grinste, schnippte nervös mit dem Finger, und die Helden verschwanden.
„Bravo, Bravo, Genosse Wolfshund. Sie sind enttarnt. Wen werden Sie noch zu Ihrer Erbauung herbeirufen? Prinz Eugen, den edlen Ritter, Karl den Großen oder Nessos, den Kentaur? Wo geht die Reise hin? Auf die Insel Capri oder zur Fähre über den Styx?“
Es lohnte sich nicht, ihn zu ärgern, aber es gab keine andere Möglichkeit, dieses Schauspiel zu beenden. Die Dekoration veränderte sich. ER verschwand mitsamt seinem Thron, der ganze Saal schrumpfte rasend schnell zusammen. Vor mir tauchten ein altbekannter Schrank, ein Sessel und eine rote Couch auf.
Sie scheuchten mich zurück in mein Nest in Jasenewo.
Mein Trick war misslungen.

 

Es klingelt an der Tür

Um halb Eins in der Nacht schrillte die Klingel. Ich döste im Sessel vor mich hin, das Geräusch schreckte mich auf. Nach dem misslungenen Versuch, die ganze Welt zu vernichten, bei dem ich gegen meinen Willen handelte, und nach der Begegnung im Kreml war ich desorientiert, passiv, schwach. Welten und Zeiten tanzten in meinem Kopf herum wie Schmetterlinge, ohne dass ich sie zum Stillstand hätte bringen können. In meinen Ohren summte das Echo einer Vielzahl von Stimmen, vor meinen Augen flimmerten Bruchstücke von Traumbildern.
Ich schaffte es erst nach dem dritten Schellen aufzustehen. Mir war nicht gleich klar, dass es an der Tür klingelte. Ich war so einfache Geräusche nicht mehr gewöhnt. SSSSSSiiiimm. Meine deutsche Tür sang wie ein Kanarienvogel. Ich schaute durch das Guckloch, konnte aber nicht erkennen, wer da stand.
Die Silhouette kam mir irgendwie bekannt vor, ein Mann in Mantel und Hut mit heruntergelassenen Ohrenklappen.
Der Oberleutnant? Nein, ganz gewiss nicht. Der zeigte immer militärische Haltung. Unverschämtheit sieht man am Auftreten. Diese Silhouette hingegen machte keinen feindlichen Eindruck, sie erweckte eher Mitleid.
Der Kloß? Der war um einen Kopf kleiner, machte immer demonstrativ selber mit seinem Nachschlüssel auf und drang ein. Ich sah dem Gast in die Augen und war völlig baff, ich richtete mich augenblicklich auf und ließ alle Müdigkeit von mir abgleiten wie zu eng gewordene Handschuhe. Ich umarmte ihn und drückte ihn an meine Brust.
„Komm rein, komm schnell rein, du bist sicher ganz steif gefroren. Hier, nimm diese Hausschuhe. Den Mantel hängen wir auf, den Schal kannst du ruhig anlassen, bei mir ist es kalt. Lass uns in die Küche gehen, ich mache uns einen Kaffee.“
Ich befürchtete, seine Stimme nicht zu erkennen. Wer weiß, vielleicht war er es, vielleicht aber auch ein Doppelgänger oder ein Trugbild.
„Antoscha, du weißt doch, ich trinke keinen Pulverkaffee. Ich habe echten Ceylon-Tee mitgebracht. Wo ist eigentlich Irchen? Wo ist die Kleine? Schlafen sie?“
Das war er, das war ganz eindeutig seine leicht angeraute Stimme.
Ich geriet ins Stocken. Ich konnte ihm nicht sagen, dass ich meine zweite Frau und mein Töchterlein vor 22 Jahren zum letzten Mal gesehen hatte, ihn selbst aber drei Jahre zuvor.
„Ja, sie schlafen. Setz dich auf deinen Platz am Fenster. Da zieht es ein bisschen, aber ich gebe dir unsere alte Decke. Weißt du noch, die synthetische mit Leopardenmuster, die ich auf dem Leninprospekt gekauft habe.“
Ich sagte das und erinnerte mich daran, unter welch unglücklichen Umstanden die Decke ihre irdischen Tage beenden musste. Meine Schwiegermutter hatte sie in der Küche versengt, sie wurde zu Lappen zerschnitten.
Wir setzten uns an unseren spiegelnd weißen Küchentisch, Mischa legte seine großen Geiger-Hände darauf und ließ den Kopf hängen. Er schaute nach unten, als würde er über etwas nachdenken. Ich sah ihn an, gab mir aber Mühe, ihn nicht durch Neugier zu beunruhigen, denn ich befürchtete ihn aufzuschrecken und wollte vermeiden, dass er sich wie ein Schatten auflöste und verschwand. Mein Freund, der jetzt vor mir saß, war Anfang der Neunzigerjahre in Spanien unter nicht hinreichend geklärten Umständen gestorben. Seine Verwandten hatten mir in einem Brief davon berichtet und vielsagende Andeutungen dazu gemacht. Die ganzen Jahre über hatte ich Sehnsucht nach ihm.
„Antoscha, tut mir leid, ich habe den Tee vergessen. Die Kälte hat wohl mein Gehirn in Mitleidenschaft gezogen. Nimm indischen, irgendwo lag bei dir doch immer welcher herum. Darjeeling. Mich fröstelt ein wenig. Wo ist denn deine Leopardendecke?“
„Ich bringe sie gleich.“
Schnell lief ich ins Zimmer und öffnete den Schrank. Da sollte sie akkurat gefaltet auf dem zweiten Regalbrett liegen, war aber nirgends zu sehen. Ich schloss die Augen. Bereitwillig tauchte die Decke auf, hatte jedoch keine Flecken im Leopardenmuster, sondern war bedeckt mit roten und grünen Dreiecken. Ich wollte keine Zeit mit Überlegungen verschwenden, also eilte ich wieder in die Küche und wunderte mich, dass dort kein Licht brannte. Nachdem ich es angeknipst hatte, fand ich die Küche leer. Nur auf der spiegelnden Oberfläche des Tisches waren Abdrücke von Handflächen zu sehen.

Im Badezimmer rauschte das Wasser.
Ich klopfte an und trat ein. Heißer Dampf umhüllte mich.
Mein Freund lag in der Wanne, lächelte zufrieden und betrachtete intensiv seinen Bauchnabel. Seine Kleider lagen auf dem Fußboden verstreut.
Ich sammelte sie ein, trug sie ins Zimmer und warf sie aufs Bett. Dann setzte ich mich auf einen Schemel neben der Wanne.
„Mischa, erzähl mir von dir. Wir haben so lange nicht mehr miteinander geplaudert, mein Freund.“
„Bei mir läuft es hervorragend. Ich gehe zur Arbeit und esse mein Brot. Abends höre ich Salvatore ‚Toto‘ Cutugno und lerne Italienisch. Nachts schlafe ich. Vor einer Woche war ich schon einmal bei dir. Niemals werde ich den Grappa-Aufguss mit Johannisbeeren und die Trüffeln vergessen. Irchen erzählte, dass ihr Chef nicht alle Tassen im Schrank hat und mit einer fülligen Schönheit herumknutscht, was seine Frau auf die Palme bringt. Du hast behauptet, man könne hören, was der Präsident der Vereinigten Staaten im Weißen Haus sagt, wenn man sich ganz genau darauf konzentriert. Die Kleine hat oft geweint, und Irchen gab ihr dann ein Stückchen Schokolade.”
„Ach ja, Grappa und Schokolade, ich weiß noch. Das war vor Breschnjews Tod. Ein Gast aus Italien war zu dir gekommen und brachte Geschenke mit. Wie hieß er gleich noch? Geronimo?“
„Giuseppe. Er ist gerade in Moskau. Übermorgen fliegt er heim. Du redest so, als sei das alles sehr lange her. Warte mal, starb Breschnjew nicht, während ich mit der Metro zu dir fuhr? Dabei ist er doch unsterblich. Was hast du, Antoscha?“
„Welches Datum haben wir denn heute, mein Lieber? Sag mir bitte den Wochentag, den Monat und das Jahr.“
„Den 10. November, Mittwoch. Ach nein, wir haben ja schon Donnerstag, den 11. Was soll ich noch sagen? Zweimal drei ist sieben. Dreimal acht sind 25. Reicht das?“
„Sag mir das Jahr bitte.“
„Hey, was ist los mit dir, hast du Fieber? Das Jahr ist lausig, wie alle anderen auch. Das zweite nach der Olympiade in Moskau.“
„Der Alte starb gestern Nacht. Dem haben sie in Taschkent mit einem Balken auf den Kopf geschlagen, danach ist er gestorben. Heute Morgen wird alles bekannt gegeben. Die Beerdigung findet am 15. statt. Andropow wird sein Nachfolger.
„Deine Phantasie gefällt mir. Zwei Sachen hast du immer ausgezeichnet gekonnt: Rennen und Spinnen.“
Plötzlich kam Irchen ins Badezimmer. Sie schüttelte das gelockte Haupt, grinste und fing an zu glucksen:
„Wie vertraut ihr miteinander umgeht, ich beneide euch. Hallo Mischa, du Nacktfrosch!“
Aus dem Zimmer hörte man das Weinen eines Kindes.
Ich fing so stark an zu zittern, dass ich befürchtete, einen nervösen Anfall zu bekommen und begann überlaut und überdeutlich zu sprechen: „Ja, Andropow hat ein Jährchen gemacht, dann ist er umgekippt. Danach kam dieser strohköpfige, kurzatmige Tschernenko. Auch der starb bald. Gorbatschew folgte ihm, er fing mit der Perestroika an und lockerte die Schrauben etwas. 1990 wanderte ich aus, und du kamst zu Geld. 1991 brach die Sowjetunion zusammen. 1999 flogen die Häuser in die Luft, der KGBler Putin folgte auf Jelzin und regiert bis auf den heutigen Tag. Vor sechs Jahren griff Russland Georgien an. Unlängst annektierte es die Krim und attackierte die Ukraine. Nun hat es halb Europa geschluckt und bedroht die ganze Welt. Mich haben sie mit Gewalt hierher geschleift. Schon lange weiß ich nicht mehr, ob ich schlafe oder wache. Kann gut sein, dass wir alle gar nicht mehr existieren. Du bist vor 23 Jahren in Barcelona gestorben, man hat deinen Leichnam am Strand gefunden. Erzähle mir, was passiert ist. Erzähl schon!“ Mein Freund schwieg, lächelte seltsam und schaute auf seinen Bauchnabel.
Dann stieß er überraschend hervor: „Ein Liebhaber erdrosselte mich. Morgen tritt das Gericht zusammen.“
Aus dem Zimmer war immer noch das Schluchzen meiner Tochter zu hören und die beruhigenden Worte von Irchen.
Nun schellte es zum zweiten Mal. Ich lief hin und öffnete die Tür, vor der der Oberleutnant stand. Ich schlug ihm die Tür vor der Nase zu und rannte ins Zimmer. Das war aber leer. Die Kleider von Mischa langen auf dem Bett. Ich schaute in die Wanne – auch sie war leer. Wieder ins Zimmer zurückgekehrt, bemerkte ich, dass die Kleider fehlten. In der Küche öffnete ich den Kühlschrank. Leer. Wieder zurück im Zimmer, fand ich dieses bis auf die nackten Wände völlig ausgeräumt. Auch die Küche war leer. Nur die Decke befand sich noch auf dem Fensterbrett. Ich wickelte mich hinein, legte mich auf den Fußboden und fing laut an zu heulen.
Die ganze Nacht über träumte ich vom nackten, toten Breschnjew. Er müffelte ekelhaft und schmatzte mit seinen totenstarren Lippen. Von Zeit zu Zeit fing er an, schauerlich zu lachen, wobei er sich den blauen Bauch hielt. Er kroch zu mir her und näherte sich mir mit seinem schauderhaften, toten Antlitz, riss den Mund weit auf, streckte seine schwarze Zunge heraus und zeigte die wenigen vergilbten Zähne, die er noch hatte. Unter seiner Zunge breitete sich Moskau aus, das in einem bleichen, gelblichen Schimmer lag.

 

Vor Gericht

Während der Nacht verwandelte sich mein Zimmer in eine fünf Quadratmeter große Arrestzelle. In die Tür war ein kleines Guckloch eingelassen. An der Decke befand sich eine Lampe, die sich nicht ausschalten ließ und den Raum in ein unangenehm flimmerndes Licht tauchte. Eine eiserne Pritsche mit Strohsack und Kolter, kein anderes Bettzeug; ein Waschtisch, aus dessen Kran trübe Brühe tröpfelte; ein schleimiges Plumpsklo ohne Sitz, kein Klopapier. Ich schloss die Augen. Der Versuch, die Lampe auszuschalten, blieb ohne Erfolg. Hier war ich also völlig machtlos und entrechtet. Mir drehte sich der Magen um.
Durch die rechteckige Öffnung in der Tür reichten sie mir Frühstück – einen Krug heißes Wasser und ein Stück Brot – dazu Gefängniskluft: Gestreifte Pumphosen, ein Hemd, Stiefel Größe 46 ohne Schnürsenkel. Alles war abgetragen und geflickt. Ich zog mich an und legte mich auf die Pritsche. Eine scharfe Stimme bellte vom Korridor aus: Nicht hinlegen! Stehen oder sitzen!
Die Stimme gehörte eindeutig Petja. Das Possenspiel ging also weiter, ich war noch nicht in der realen Welt. Es gab noch eine Chance zu entkommen. Schnell begriff ich, dass ich auf keinen Fall über den beengten Raum nachdenken durfte. Ich musste vielmehr die Augen schließen und versuchen, mir eine breite, helle Straße vorzustellen, eine Waldlichtung, auf der wilde Erdbeeren wuchsen, eine Allee mit blühenden Apfelbäumen, das grandiose Panorama des Kaukasus. Wie schön doch die Welt sein kann! Aber es gelang mir nicht. Gefängnismauern versperrten die sonnendurchfluteten Pariser Uferstraßen, am strahlend blauen Schwarzmeerhimmel brannte eine kalte Neonröhre, auf die schneeweißen Bergflanken der Alaska-Kette hatte jemand das Bild einer verrosteten Pritsche gekritzelt, die endlosen Tulpenfelder der Krim verwandelten sich in eine rot-blaue Kolter...
Ich mag nicht beschreiben, was schon oft von hochmögenden Literaten und prominenten Gefängnisinsassen beschrieben wurde. Hier in meiner Zelle quälten mich nicht so sehr die räumliche Enge, die klaustrophobe Ängste hervorrief, nicht Hunger und Durst, nicht die Einsamkeit, sondern das plötzliche Auftauchen eines ungebetenen Gastes – des depressiven Grübelzwangs. Jeder noch so nebensächliche Gedanke, der in meinem Kopf vorüberzog, rief eine Art krankhafter Entzündung hervor, wiederholte und multiplizierte sich, reproduzierte sich hundert, nein tausendmal. Der eigentliche Sinn des Gedankens verlor sich schon mit der fünften Wiederholung, und nach der fünfhundertsten zerbarst das Dasein selbst in lauter Splitter.
Ich probierte alles durch, versuchte nicht zu denken, sang laut, tanzte, schlug mit dem Kopf gegen die Wand.
Für wie lange ich solcherart den Verstand verloren hatte, weiß ich nicht mehr – für eine Woche, einen Monat, ein Jahr?
Endlich öffnete sich die Tür meiner Zelle. Petja, der Schlägertyp und der Oberleutnant, beide in Paradeuniform, legten meine Arme um ihre Schultern und zerrten mich zur Dusche. Dort ließen sie mich auf den Zementboden fallen und spritzten mich eine halbe Stunde lang aus einem Schlauch mit kaltem Wasser ab. Es hätte kaum schmerzhafter sein können, wenn sie mit den Füßen auf mich eingetreten hätten.
Dann bugsierten sie mich in die Duschkabine, schrubbten mich, rubbelten mich mit dem Handtuch ab, schnitten mir die Haare und die Fingernägel, rasierten und puderten mich und zogen mir anständige Kleider an. Sie stopften mir zwei Stücke Kandiszucker unter die Zunge und führten mich in den Gerichtssaal des Gefängnisgebäudes.
Unterwegs konnte ich mich nicht beherrschen und fragte, wie viel Zeit ich hier wohl eingesessen hätte. Petja, der Schlägertyp, antwortete mir: „Nur drei Tage. Aber für eine Eiterbeule wie dich reicht das schon.“
Er wendete den Blick von mir ab.

Die Gerichtssitzung fand in einem völlig gesichtslosen Raum statt, das einem Schulsaal ähnelte. Hinter dem Lehrertisch saß die gleiche Troika, die ich schon vom Lobnoe Mesto her kannte, Richter und Staatsanwalt in einer Person und zwei Beisitzer, die alles abzunicken hatten und gleichzeitig als Folterknechte dienten. In allen vier Ecken des Raumes standen Beleuchtungskörper und Videokameras. Gerichtsdiener installierten die Apparate. Eine fünfte Kamera hing an der Decke und fiepte unangenehm, während sie lief. Mein Platz war an der Seitenwand, rechts und links von mir standen Petja und Gena. Stuhlreihen für das Publikum nahmen den ganzen übrigen Raum ein. Die Fenster waren total mit Vorhängen abgedunkelt. Ich war bereit, hier die gleiche Komödie zu spielen wie früher. Ich erwartete die Gerichtsverhandlung und das Urteil. Einen Galgen, eine Guillotine und eine Mauer für Erschießungen gab es sicher im Gefängnishof. Man musste bestimmt nicht weit laufen. Ich befürchtete allerdings, dass dieses Gericht nur eine der üblichen Foltermaßnahmen darstellte und dass ich nach der Hinrichtung irgendwo zu mir kommen würde, vielleicht in meiner Gefängniszelle, wo sich alles wiederholen würde, so wie sich auch meine Gedanken wiederholt hatten, immer und immer wieder, und dass die Qual ewig dauern würde.
Zu Beginn der Gerichtsverhandlung wurde ein Film gezeigt: „Faschistisches Judenpack“.
Nach dem Titel erschien ein Sprecher auf dem Bildschirm, einer von Puntins Schleimscheißern, anscheinend Dmitirij Kiseljew. Vielleicht war er es auch nicht, aber für mich sahen die sowieso alle gleich aus. Er erzählte irgendetwas des Langen und Breiten, sabberte dabei, fuchtelte mit den Fäusten herum und knirschte mit den Zähnen. Dann zeigten sie schreckliche Szenen mit Erschießungen von Juden durch Hitlerschergen, von kämpfenden Soldaten in der Uniform ukrainischer Nationalisten (Szenen, die an Rollenspiele erinnerten). Die Gesichter von Boris und Mark schimmerten auf. Auch ich war zu sehen. Genüsslich brachte die Kamera die Schießerei am sowjetischen Ehrenmal im Treptower Park.
Natürlich endete alles mit der angeblichen Totalzerstörung des Ehrenmals durch uns drei, womit wir unsere krankhafte Russophobie befriedigen wollten. Danach bekam Kiseljew einen neuen Wutanfall. Man zeigte noch ein paar Erschießungen, dann sah man den Berliner Fernsehturm, der in sich zusammenfiel, eine Kirche, die gerade gesprengt wurde, die Ruinen des Bundestags-Gebäudes. Alles wurde uns in die Schuhe geschoben. Wir hatten angeblich Berlin zerstört. So wollte man die Schuld von den grundguten russischen Befreiungssoldaten abwälzen, die ja nur dorthin gekommen waren, um das deutsche Volk vor den faschistischen Judenverbrechern zu retten, was natürlich bedeutete: vor uns. Das Finale zeigte unter Fanfarenstößen Putin im langen Soldatenmantel mit einem riesigen Schwert in der rechten Hand, wie er mit der linken einen kleinen, flachsblonden deutschen Jungen an sein Herz drückt.
Allmählich verwandelte sich der lebendige Putin auf dem Bildschirm in eine Bronzestatue. Der Sprecher erklärte in pathetischem Ton, dass das Gute das Böse besiegt habe. Anschließend wurde ein virtuelles Modell des neuen sowjetischen Ehrenmals gezeigt, bei dem der bronzene Putin in beispielhafter Erhabenheit den Platz des Befreiungssoldaten einnahm. Anstelle von Mütterchen Russland saß Väterchen Russland auf dem Postament. Das war der gleiche Putin, nur diesmal aus Marmor. Damit ging der Film zu Ende, Gericht und Beisitzer applaudierten als Erste, gefolgt vom Publikum, das gleichfalls frenetisch in die Hände klatschte.
...
Die Darstellungen im Film überraschten mich nicht, aber ich wunderte mich über einige Aufnahmen, die in diesem grausigen Streifen wie zufällig vorbeigehuscht waren und in keiner Weise mit den jüdischen Verbrecherbanden zu tun hatten. Vielleicht hatte man im Schneideraum nicht genau genug aufgepasst oder ganz einfach gepfuscht. In diesen Film waren nämlich Szenen aus einem anderen Streifen geraten, die in verblüffender Weise meinen denkwürdigen Traum zeigten, in dem das hautflügelige Weibchen mir den Kopf abbiss. Ich erkannte dort auch die vorbeiflimmernde Landschaft mit den konischen Türmen und Einsenkungen, die zwei Monde und die gigantische Statue der Gottesanbeterin aus Brillanten mit zu unbekannten Göttern erhobenen Vorderbeinen.

Alles lief ab wie vorgesehen.
Der Richter-Staatsanwalt schleuderte Blitz und Donner. Die Beisitzer glotzten nach mir wie die Eule nach dem Küken, das Publikum johlte und forderte die Höchststrafe. Die Kameras fiepten ohne Unterlass. Ich schwieg und versuchte, mir diesen Schund nicht zu anhören. Mit innerer Gelassenheit wartete ich auf den Urteilsspruch und die Hinrichtung. Was das Verfahren jedoch ein wenig belebte, waren die Zeugenaussagen von Boris Kanewski und Mark Stein, die wegen aufrichtiger Reue und Unterstützung des Gerichts von weiterer Verfolgung befreit worden waren. Beide Zeugen sagten aus, sie seien von dem hier anwesenden Verehrer Hitlers und Banderas mit den Mitteln der Einschüchterung und Erpressung in eine Terrorbande hineingezwungen worden und hätten nur gegen ihren Willen an der Vernichtung des Denkmals für die sowjetischen Befreier teilgenommen, die Rosenmeyer, dieser zynische, nichtsnutzige Schweinehund, angezettelt hatte.
Den mit monotoner Stimme verkündeten Urteilsspruch des Gerichts hörte ich ebenfalls nicht, schloss die Augen und verabschiedete mich innerlich von allen, die mir nahe standen und mir gerade ins Gedächtnis kamen. Dabei war gar nicht wichtig, ob sie existierten oder nicht.
Plötzlich unterbrach der Richter seinen leiernden Sermon, weil ein Mann laut etwas in den Saal hineinschrie, während hinter ihm auch andere zu jaulen und zu belfern begannen. Ich öffnete die Augen...
Der Richter und die beiden Beisitzer kamen ins Zittern und fingen an transparent zu werden, wobei sie sich vor allen Anwesenden in Ungeheuer verwandelten, die wie Hirschkäfer aussahen. Ihre gegliederten Körper schillerten metallisch, sie wackelten furchterregend mit den meterlangen Hörnern und drehten ihre Fühler hin und her.
Das Publikum wich entsetzt zurück.
Der Oberleutnant und der Schlägertyp klemmten mich unter die Arme und zerrten mich aus dem Saal. Im letzten Moment sah ich noch, wie der Richterkäfer seiner Verwandlung dadurch die Krone aufsetzte, dass er sich auf eine füllige Dame mittleren Alters stürzte, die in der ersten Reihe saß, und sie in der Mitte durchbiss, während ein Beisitzerkäfer mit seinem Horn die Kehle eines Nachbarn durchstieß, eines jungen Mannes, der noch vor wenigen Minuten besonders laut nach der Höchststrafe für diesen Judenbanditen Rosenmeyer gerufen hatte.
Sie führten mich auf den Gefängnishof hinaus und ließen mich los. Ich atmete tief durch, sprang in die Höhe, breitete meine Hautflügel aus und flog hinweg zur leuchtenden Statue der Gottesanbeterin.
Die quadratischen Gebäude des Gefängnisses sahen von oben wie Briefmarken aus, die auf einem Sandstrand lagen. Eine Welle erfasste sie und spülte sie hinweg in die brodelnde Unterwelt.

 

Im Paradies

Ich stehe am Abhang eines sanften Hügels auf einer Lichtung mit kurzem, weichem Gras, am Rand eines ovalen, wie mit dem Messer aus der Erde geschnittenen Teiches mit warmem, klaren Wasser. Hinter den Hügeln erheben sich bläuliche Berge, über denen Vogelschwärme in großen Schleifen kreisen, weiße, gelbe, dunkelblaue.
Eine Robbe mit glitzernden Äuglein und einer Art Lächeln auf den Lippen schlüpft ans Ufer. Ein kleiner Hahn steht am Rand und trinkt, wobei ein warmes Lüftchen durch seine kurzen Schwanzfedern streicht und sie zu einem Fächer formt. Neben ihm sitzt ein Prachtkerl von Fasan. Er kollert und äugt misstrauisch mit schief gelegtem Kopf nach mir.
Ein fliegender Fisch mit delphinartigem Maul springt empor. Er fliegt ein Stück und taucht wieder ins Wasser, aus dessen Tiefe der Zopf einer Wasserjungfrau heraufglitzert.
Ein schwarzes Einhorn mit Fischschwanz, Froschbeinen und der langen Nase eines Ameisenbärs liest flott und mit wichtiger Miene eine Zeitung.
Ein dreiköpfiger Storch mit Pfauenschwanz sucht nach Fröschen. Seine verschiedenen Köpfe ziehen ihn dabei immer wieder in andere Richtungen und er pickt ständig daneben.
Ein nackter Jüngling sitzt im Gras. Er schaut fasziniert nach einem knienden Mädchen mit langen blonden Haaren. Sie betrachtet große, rote Ameisen, die eine fette, orange Raupe schleppen.
Ein tiefblauer Schwan reicht mir eine reife, straffe rote Johannisbeere, so groß wie eine riesige Melone.
Ach ja... ich fliege durch die lauen Lüfte und halte die Beere in den ausgestreckten Händen. Unter mir liegt ein tiefes Tal...

 

(Aus dem Russischen: Kapitel 1 – GS, alle anderen Kapitel – Klaus Kleinmann)

 

 

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