Igor Schestkow "Wildschweinjagd"

 

WILDSCHWEINJAGD

 

 

Wichtiger als eine Symphonie, ein Bild oder ein Roman ist das, was nach einem Monat davon übriggeblieben ist, nachdem man das Konzert gehört, die Galerie besucht oder den Text gelesen hat. Das ist die Quintessenz: Die Nachwirkung, das Echo, das neue Leben, das sich von der Vorlage gelöst hat, das sich in das Bewusststein, in die Erinnerung des Betrachters oder Lesers – ja sogar in seine Lebensrealität einschleicht. Und das vielleicht sogar sein Schicksal bestimmt.

Ein halbvergessenes Kunstwerk wächst in unserem Unterbewusstsein, bekommt eine ganz eigene, hybride „Gestalt“ und führt ein neues, bisher unbekanntes Eigenleben. Das muss natürlich nicht unbedingt fröhlich oder glanzvoll sein. Jeder Genuss fordert seinen Tribut. Eine herrliche Melodie wiederholt sich solange in unserem Kopf, bis sie zur Qual wird.

Eine fast vergessene Landschaft erscheint immer wieder vor unserem inneren Auge. Da gibt es kein Entrinnen. Oder, schlimmer noch: Der Anti-Held eines nur halbherzig überflogenen Romanes oder eines mehr nebenbei betrachteten Films bohrt sich in uns hinein wie ein tropischer Parasit und gewinnt Macht über uns. Er verwandelt uns in sein Medium, in seinen Sklaven, manchmal in seinen Doppelgänger, in sein Zerrbild, das immer unfertig, grotesk und schadhaft bleibt.

Die Veränderung betrifft manchmal gar nicht den Helden selbst, sondern nur sein Aussehen, seine Stimme, seine Art zu antworten, zu lächeln. Oder seinen Colt.

Durch unsere dünnen Schutzmembranen dringen sogar Charaktere hindurch, die schlimmmer sind als alle James Bonds oder Marilyn Monroes, und versuchen uns von innen heraus zu beherrschen. Das können Politschurken sein, Pfaffen, VIP-Prominenz aus dem Reich der Massenmedien, Designer und anderes Lumpenpack.

Mozart - zuckersüß und cremig fein - lebte nicht nur in Hesses "Steppenwolf" und im Geiste unzähliger seiner Anhänger wieder auf, sondern auch im Leckermaul des Paul Fürst zu Salzburg. Dort bekam das Musikgenie einen neuen Körper aus Marzipan und wurde in einen silbrig blauen Frack aus Stanniol gezwängt. Dabei hatte Mozart noch Glück: Er wurde zu einer Praline, wo er doch wie Beethoven zu einem Bernardiner oder wie Chopin zu einem Flughafen hätte werden können. Dostojewski und Swidrigailow schlenderten Ende der 80-iger Jahre zwischen den Wolkenkratzern Manhatans umher. Gentlemanlike, immerhin. Mit Zylinder.

Schließlich trat Dostojewski in ein Kasino ein, kam aber nie mehr heraus. Swidrigailow fand seine ganz eigene Kloake und blieb im Sumpf noch viel raffinierterer Genüsse stecken. Diese beiden Phantome wurden von dem Schriftsteller D. vor seinem allzu frühen Hinscheiden herbeigezaubert.

Die blauäugige Walli, Egon Schieles Geliebte und Aktmodell, wurde durch viele Werke des Künstlers bekannt. Sie schaffte den Sprung in unser kollektives Unterbewusstsein nicht nur wegen ihres beklemmenden Lächelns und ihres schmerzhaft expressiv verrenkten Körpers, sondern feierte ihre Wieder­auferstehung im Kino. Im frühen 21. Jhd. tauchte sie dann in einer neuen Rolle auf, nämlich als grausige Kunstwiederbeschaffungsschlampe, die den ehrenwerten Gemälde­sammler Mister Leopold ins Jenseits befördert.

Die Liste derartiger Erscheinungen ließe sich gewiss bis ins Unendliche fortsetzen.

Wenn ich genug davon habe, mich mit "ewigen Werten" herumzuschlagen, wenn die literarischen Helden es fertig bringen, sich in penetranter Manier in mein Bewusstsein zu drängen und ich ihr forderndes, bohrendes Flüstern leid bin, wenn ich nicht mehr die Kraft habe, ihre abgezirkelten Pirouetten, ihre abgeschmackten Possen und Kunststückchen zu betrachten, dann stehle ich mich fort aus meinem mit freundlichen Monstern durchsetzten Prosa-Laboratorium und lasse mich haltlos einsinken in die Welt "fremder Kreaturen". Dann zahle ich manchmal sogar alte Schulden zurück und erfülle schon vor langer Zeit eingegangene Verpflichtungen. In diesem Frühjahr war es wieder einmal so weit. Ich stöberte in meinem kleinen Archiv und stieß auf die Skizze eines Aufsatzes über meine erste Begegnung mit dem Oeuvre des Zeichners und Schriftstellers Bruno Schulz. Damals, am Anfang der neunziger Jahre, besaß  ich noch keinen Computer, sondern schrieb mit Kuli auf Papier. Auf den vergilbten Blättern hatten sich die magischen Kreisspuren meiner Milchkaffeetassen niedergeschlagen.

Ich scannte den Text in "WORD" ein, begann zu verbessern, zu ergänzen und... fing an, völlig abzuheben. Mit Mühe stöberte ich später nach fehlendem Quellenmaterial, betrachtete stundenlang die Zeichnungen, studierte mindestens fünfmal die Texte, schrieb etwas und schmunzelte dabei vor mich hin.

Für etwa zwei Monate blieb ich in Schulzes Welt versunken. Dabei entstand ohne besondere Absicht eine etwa vierzigseitige Textcollage mit dem Titel "Futter für den Lemuren".  Ich schickte sie Batschew, dem Chefredakteur des "Literarischen Europäers" und der "Brücken", in dem naiven Glauben, das Kapitel "Bruno Schulz" sei damit für mich beendet.

Ich dachte mir: In einigen Jahren werde ich - so Gott will - Schulz noch einmal in der Badewanne lesen und mir die Bilder ansehen. Vielleicht passiert da ja etwas in meinem Kopf.

Ich räumte die Bücher von Schulz von meinem Arbeitstisch und stopfte sie mit einiger Mühe in das Bücherregal neben die Kataloge von Felix Nussbaum und Alfred Kubin. Ich entspannte mich. Aber irgendetwas fehlte noch.

Alles begann mit einem Brief vom Jobcenter.

Ich kann diese Briefe mit den scheußlichen grauen Umschlägen nicht leiden. Ich konnte es noch nie. Noch nie stand irgendetwas Nützliches darin. Nur finstere Drohungen gab es und Vorladungen zu völlig sinnfreien Gesprächen. Noch nie hat ein deutsches Jobcenter mir irgendeine vernünftige Arbeit angeboten. Sie wollten mich immer nur in unnützige Kurse zur Weiterqualifikation zwingen, in irgendwelche "europäischen Projekte". Meine Jobs habe ich immer selber gefunden, ohne Hilfe von diesen Sklaventreibern.

Ich machte den Brief auf. Eine Einladung! Aber, oh Wunder, nicht etwa ins Jobcenter, sondern zu einem ihrer Ärzte, Doktor Otto Dratog, mit Praxis im Bezirk Wedding. Wahrscheinlich Ungar oder Jugoslawe. Er hatte drüber zu befinden, ob ein Arbeitsloser arbeitstauglich ist oder nicht. Ein echter Experte also.

Der Brief bestand aus fünf Seiten, die von Paragrafen nur so strotzten. Für die Einladung selbst reichte eine halbe Seite. Der gesamte Rest enthielt nichts als Drohungen für den Fall, dass ich etwa vorhätte, mich der Anordnung zu widersetzen oder das Gutachten zu umgehen. Der erste Härtegrad der Strafe bestand in der Kürzung meiner Bezüge um ein Drittel, der zweite in der Kürzung um ein weiteres Drittel und der dritte im völligen Wegfall der Unterstützung. Das hätte ohne jede Übertreibung den Hungertod eines Obdachlosen in der Gosse bedeutet. Ist schon gut, ich fahre ja hin zu eurem Quacksalber, macht euch nur keine falschen Hoffnungen...

Bitte sehr, meine Herren! Hören Sie auf mit ihren grauen Charakterköpfen zu wackeln. Für das deutsche Sozialsystem empfinde ich größte Hochachtung. Solange ich arbeitete, habe ich immer meinen bescheidenen Obulus dazu beigetragen. Immer war ich bestrebt, diese durchgeknallten Hitzköpfe nicht zu reizen, sondern mich an ihre Regeln zu halten. Mir ist ja klar, dass so ein Jobcenter die Fortsetzung der Gestapo in Friedenszeiten ist. Zu den Gesprächen mit meiner jetzigen "Jobberaterin", Frau Scheper, gehe ich mit schöner Regelmäßigkeit. Wir plaudern dann hauptsächlich über Politik. In ihrem Leben ist auch nicht alles so, wie es sein soll. Wenig Geld, viele Sorgen. Die Kinder sind aus dem Haus, bereiten aber immer noch Kopfzerbrechen. Ewig haben die Enkel irgendwelche Wehwehchen. Der Mann hat sich schon lange aus dem Staub gemacht. Nach München ist er gefahren um Arbeit und Brot, aber er vergaß leider, wieder heimzukommen. Alimente hat er auch nie bezahlt. Der Schlag soll sie treffen. Sie kann mir nicht helfen und sie weiß das ganz genau. Wie soll man denn jemandem einen Job verschaffen, der die Sechzig überschritten hat? Meistens lässt sie mich ja in Ruhe, aber einmal im Halbjahr zitiert sie mich zu einem Gespräch. Dann fragt sie mich über Russland aus, meistens nach dem Motto:

"Was macht eigentlich euer Putin? Hat der denn noch alle Tassen im Schrank? Kapiert der denn nicht, dass wir vielleicht in einen neuen Weltkrieg hineinschlittern? Und die Russen selber, was ist eigentlich mit denen los? Das sind doch bestimmt ganz normale Leute, warum mussten die denn in die Ukraine einmarschieren? Die Krim haben sie sich unter den Nagel gerissen. Die haben ja wohl völlig den Verstand verloren. Und was heißt 'Faschismus in Kiew'? Den einzig wahren Faschismus hatten wir hier in Deutschland..."

Ich versuche ihr dann klarzumachen, dass die sogenannten Sowjetrussen schon immer Schweinehunde waren. Das ist doch nichts Neues. Und der wahre Faschismus wohnt nicht im Kreml, sondern in den postsowjetischen Köpfen der Leute. Ich spüre nur, dass sie mir nicht glaubt. Sie kann Äpfel nicht von Birnen unterscheiden, war aber Russland und den Russen eigentlich immer zugetan. Doch in letzter Zeit kommt es ihr vor, als ob von Putins Russland eine Bedrohung für den Weltfrieden ausgeht. Das macht ihr Angst. Bei unserem letzten Beratungsgespräch bat mich Frau Scheper, ihr den Text eines Plakates ins Deutsche zu übersetzen, das eine mild lächelnde Slawentochter auf einem Foto im "SPIEGEL" hochhielt: "Wir sind sogar bereit zu verrecken, wenn es Putin nützt."

Ich übersetzte es, aber sie wollte mir nicht glauben.

Heute ist Donnerstag der Elfte. Ich muss nach Wedding fahren. Um drei soll ich dort sein. Heiß ist es. 28 Grad. Alles dampft. Irgendwo hört man Gewitter. Aber in Berlin herrscht nur Schwüle. Alles ist ausgetrocknet, das Gras ist braun.

Fast eine halbe Stunde überlege ich, was für eine Hose ich anziehen soll, eine lange oder eine kurze. Ich habe mich für eine mittellange entschieden. Da fühlt man sich etwas besser. In langen Hosen schwitzt man leicht.

Und welches T-Shirt soll ich anziehen? Das schwarze sieht gediegen aus, aber die Sonne heizt es zu sehr auf. Das hellgrüne ist besser, allerdings sehe ich darin aus wie ein Sommerfrischler. Es fehlt nur noch, dass ich einen Strohhut aufsetze oder Schwimmflossen und Taucherbrille. Da könnte dieser Strizzi von Dratog denken, ich wollte ihn auf den Roller nehmen. Vielleicht schreibt er mir dann irgendwas Böses ins Attest. Keine Ahnung, was ihm da einfallen wird. Vor Ärzten hatte ich schon als kleiner Bub einen Riesenbammel, auch wenn sie "Heile, heile Gänschen" sangen.

Ich wählte ein graues T-Shirt mit Firmenlogo, beige Hosen, eine sandfarbene Kappe und  Schuhe mit dicker Sohle. Dann machte ich mich auf den Weg.

Ich war noch nicht auf der Straße, da fingen schon die Absonderlichkeiten an.

Buchstäblich aus dem Nichts heraus packte mich eine Bö von eiskaltem Novemberwind.

Ohne zu wissen warum, fing ich an zu rennen. Ich glaubte zu ersticken. Mir wurde schwarz vor den Augen, als fiele ich gleich in Ohnmacht. Von der Seite erklang aus dem Off ein schrilles "Haaalt!"

Aber niemand kam angerannt, niemand nahm mich am Schafittchen, niemand gab Schüsse ab.

Die Straße war ganz ruhig. Kein Lüftchen regte sich, nicht einmal der leiseste Hauch.

Sonnnenglut fraß den Beton auf, verbrannte mir die Hände und blendete mich. Über mir opalisierte eine Fata Morgana. Die Luft war flüssig vor Hitze und ergoss sich über den Asphalt. Ringsherum hingen Trugbilder über den Straßen. An der Hausecke, beim Fußgängertunnel, dort unter der hohen Pappel, wo sonst der Vietnamese lauert, der für einen Schieberring miserabel gefälschte Zigaretten vertickert, stand jemand anderes. Ich starrte ihn an, ging näher hin und erkannt ihn.

Das war der Dodo!

Fast die gleiche buntschillernde Figur wie bei Schulz.

Krummnasig, mit dichten schwarzen Brauen und Barthaaren...

Die Unterlippe neckisch aufgestülpt. Große, ausdruckstarke Augen, denen  aber die Tiefe fehlte, blickten betrübt in die Landschaft... ein dunkler Hut, ein Mantel mit plissiertem Kragen, ein Gehstock mit kupfernem Knauf. Allerdings schauten aus seinen elegant gebügelten, schlanken Hosen mit Zwickel keine Füße heraus, die in schmalen, feinen Schaftsiefeln steckten, sondern grindige Vogelklauen mit ekelhaften Krallen.

Der Dodo nickte mir wie einem alten Bekannten zu und sagte auf Deutsch: "Komm'Se Igorchen, wir spielen 'Hasch mich, ich bin der Frühling.' Ich wette um drei Papageien, dass Sie mich nicht kriegen." Ohne die Antwort abzuwarten, malte er mit blauer Kreide einen Kreis um uns herum auf den Asphalt, warf seinen Gehstock und seinen Hut zur Seite und rannte los wie ein Vogel Strauß.

Er sauste im Inneren des Kreises herum und wechselte die Richtung ohne jedes System. Dann blieb er plötzlich stehen, schlug die Ellenbogen an seinen Körper wie ein Vogel seine Flügel, klatschte mich ab und gackerte: "Frühling, Frühling, ich bin hier, leckre Würste bringe mir! Ich hab gesiegt, wie jeder weiß und verlange meinen Preis! Aber glauben Sie nur nicht, dass Sie mich mit  Zuckerwerk und Fingerhut abspeisen können, ich will einen Pokal aus Obsidian, mit einem Wappen drauf, und silberne Löffel!"

Da merkte ich, dass er einem Vogel nicht nur verflixt ähnlich sah, sondern - ein Vogel war. Ein großer, seltsamer, schwarzer Vogel mit einem mächtigen Schnabel. Er glotzte mich mit seinen riesigen, smaragdgrünen Kulleraugen an.

Aber was sage ich denn? Der Dodo war gar kein Vogel, nicht einmal eine Vogelscheuche. Er war der Vietnamese, der Schmiere stand. Aus irgendwelchen Gründen hielt ich ihn bei der Hand. Der Vietnamese wurde dünn wie ein Strich und lief rot an vor Zorn. Man konnte deutlich sehen, dass er sich kampfbereit machte. Ich ließ ihn los, entschuldigte mich und ging.

"Halt! Stehen bleiben!"

Wieder erscholl diese schaurige Kollerstimme. Oder waren es schon derer zwei?

Von Angst getrieben, machte ich mich aus dem Staub.

Der eisige Novemberwind blies mir in den Rücken. Hinter mir klapperten die Eisenbeschläge an den Stiefeln meiner Verfolger.

Keine Ahnung, wie ich in die Straßenbahn hineingekommen bin. In meinem Kopf wummerte ein Gewitter, vor meinen Augen tanzten drei Papageien, die silberne Löffel in den Schnäbeln hielten. Ich schaute aus dem Fenster, in der Hoffnung, SIE zu sehen, aber ich sah niemanden. Die Straße, die von der Haltestelle zu mir nach Hause führte, war menschenleer. Nur der unvermeidliche Vietnamese lungerte unter der Pappel herum. An seinen wilden Gesten und an seinen Mundbewegungen war zu erkennen, dass er etwas in sein Handy brüllte und seinen Spießgesellen von dem durchgeknallten Fettwanst erzählte, der ihn mir nichts, dir nichts am Arm gepackt hatte.

In der Straßenbahn sah es aus wie immer. Die Klimaanlagen spuckten Kälte aus. Die elektronischen Anzeigetafeln gaben akkurat Auskunft über die Haltestellen. Viele Sitze waren noch frei. Mürrische, grießgrämige Leute aus Marzahn fuhren ins Zentrum von Berlin. In Geschäften, um einzukaufen oder bloß, um sich ein wenig treiben zu lassen.

Drei jugendliche Schlitzohren, in deren Adern ganz offensichtlich kein blaues Blut floss, schwatzten miteinander auf Russisch. Zu mir drang nur bla-bla-bla herüber. Die Kerle sahen aber aus, als wollten sie gleich jemanden umlegen und vierteilen.

Eine türkische Mama in grellbuntem Kopftuch und schwarzem Gewand, das ihren leicht verfetteten Körper umspannte, sagte etwas in ihrem Idiom zu ihrem dummdreisten, schwabbeligen Sohn und ihrer klapperdürren, vierzehnjährigen Tochter, deren verhuschtes Gesicht durchaus ansehnliche Züge erkennen ließ. Auch sie steckte in einem Türkengewand. Ich sah, wie der kleine Mistkerl der Schwester mit seinen dreckigen Schuhen ans Bein trat und nach ihrer Brust grabschte. Die Schwester wehrte sich nicht, aber der Mutter machten die Unverschämtheiten ihres Sohnes offenbar Spaß. Um ihren wulstigen, dick mit Lippenstift zugekleisterten Mund spielte der Anflug eines perversen Lächelns

Ein paar klobige Polenschwengel fuhren zum Malochen auf den Bau. Sie daddelten an ihren Smartphones herum und betatschten die Bildschirme mit ihren dicken Wurstfingern.

Die Tram glitt weich auf den Schienen dahin wie ein Fahrrad auf einem asphaltierten Waldweg. Ich merkte gar nicht, wie ich eindöste.

Vor Kälte wachte ich in einem Abschnitt der Realität auf, den man nie und nimmer für den Fahrgastraum einer Berliner Straßenbahn halten würde. Die einzige Gemeinsamkeit mit einer Straßenbahn bestand darin, dass ich fuhr, und zwar in einem hölzernen, fensterlosen Güterwaggon mit rundgebogenem Dach. Raureif bedeckte die schartigen Wände. Der Boden war übersäht mit Sägespänen wie eine Zirkusarena. Wie die anderen Passagiere, so saß auch ich auf einem vierfach gefalteten Sack. Mein Hinterteil war fast zu Eis gefroren. Alle trugen altmodische Kleider, Hüte und Pelze, nur ich steckte noch immer in diesen beigen Hosen und dem grünen T-Shirt.

Ich wollte mir einreden, dass ich haluzinierte und schloss die Augen in der Hoffnung, die Trugbilder würden von selber verschwinden, wie ja auch der Dodo verschwunden war. Aber sie taten es nicht. Im Gegenteil, alles wurde noch schlimmer. Es wurde so laut, dass mir vor Lärm die Ohren zufielen. Der alte Wagon quietschte und schepperte, die Passagiere stöhnten, röchelten und jaulten. Mir fiel auf, dass sie Foltermale trugen, viele waren verletzt, krank, dem Wahn verfallen. Gesichter und Arme waren von grausigen Martern gezeichnet, einigen fehlten Ohren oder Nasen. Der ganze Wagon stank entsetzlich nach Urin und Exkrementen. 

Irgendwie schaffte ich es, den Hintern von dem Sack hochzubekommen, stand auf und arbeitete mich bis zu den Schiebetüren vor. Dabei versuchte ich, auf keinen der Unglückswürmer zu treten, die mich mit flehenden Blicken anstarrten und Hände nach mir ausstreckten, an denen die Finger fehlten. Ich versuchte die Türen aufzustemmen, was aber nicht gelang. An der Decke fand ich ein kleines Astloch und schaute hindurch.

Draußen hatte sich nichts geändert. Die Linden blühten. Die Passanten wischten sich den Schweiß von der Stirn, auf den Straßen sausten Wagen von Mercedes und Opel.

Voller Verzweiflung umklammerte ich den rostigen Türgriff, doch auf einmal gab er ganz leicht nach, wie im Traum. Die Tür glitt unerwartet schnell zur Seite und ich wurde aus dem grässlichen Wagon heraus in ein sonnenbeschienenes Unkrautfeld geschleudert.

Da stand ich nun auf dem Bahnsteig der S-Bahn-Station Greifswalderstraße. Ein Zug der Ringbahn lief ein, und ich trat vorsichtig in den Wagen, wobei ich mich sorgfältig umschaute, denn ich befürchtete, jemand Schaurigem zu begegnen. Ich ließ mich auf einem Fensterplatz an der Schattenseite nieder.

Das Pulikum in der Ringbahn sah anders aus aus das von Marzahn. Schon ihre Gesichter verströmten nicht diesen chronischen Lebensüberdruss. Es gab viele Studenten, bunte, lärmende Leute mit Kopfhörern, Touristen aus allen Weltgegenden, die nach Berlin gekommen waren. Ein Hauch fröhlicher Welten­bummelei umwehte sie. Auch Türken waren da, bedrückt von der Last ihres Türkeseins. Hübsche Frauengesichter, kluge Männerköpfe. Und natürlich jede Menge Berliner Proletenpack. 

Zwei typische Vertreter dieser Spezies saßen mir gegenüber, Mann und Frau. Sie fett bis zum Platzen, er dünn wie ein Strich. Gesichter von wilden Tieren. Ihres sah aus wie das eines verfetteten, verwahrlosten und zu Tode ermatteten Wildschweins, seines wie das eines Wolfs, der seit fünf Jahren nichts mehr zu fressen bekam. In seinen stechenden Augen brannte ein eigentümliches, kalt-graues Feuer, wie man es nur bei in der Wolle gefärbten Alkoholikern und bei Idioten findet.

Vor vielen Jahren zeigte ich meiner damaligen Begleiterin die Menschenmassen auf einem Ostberliner S-Bahnhof und frage sie, wie es denn möglich sei, dass Menschen so weit degenerieren, bis sie aussehen wie Volltrottel aus Stahlbeton (und ganz ehrlich: So sahen sie wirklich aus). Sie antwortete mir: "Du hast das Lumpenpack im Westen noch nicht gesehen. Dazu gehören übrigens auch Massen ehemaliger Landsleute von dir, und die sind noch schlimmer als die Deutschen."

Später, als ich dann in Westberlin lebte, konnte ich mich vom Wahrheitsgehalt ihrer Worte überzeugen. Der Abschaum dort, zu dem ohne weiter aufzufallen viele Kontigentflüchtlinge aus der früheren Sowjetunion gehörten, war wirklich noch um einiges schlimmer als der Ost-Mob. Im Westen ist die Arroganz nämlich noch erheblich größer, wofür es natürlich keinen Grund gibt.

Nach Berlin kommen Leute, um Karriere zu machen, um die Welt zu unterwerfen, um die letzten Lebensjahre dort zu verbringen, um herumzulungern, um im Untergund der Musikszene Party zu machen, um ein warmes Plätzchen in einem staatlichen Pferdestall zu finden und sich dort fett zu fressen. Um zu stehlen...

Das wunderbare Berlin der goldenen Zwanzigerjahre hat sich in Luft aufgelöst. Auch die Hauptstadt des Dritten Reiches ist verschwunden. Das elegante Westberlin der Nachriegsjahre ist perdu, weil es unter die Räder der Wiedervereinigung kam.

Die neue Megacity hat sich ganz allmählich in einen Filter für das gesamtdeutsche Latrinenbecken verwandelt, in ein urbanes Netz, in dem Millionen von kleinen Scheißkerlen herumwuseln.

Immerhin gibt es in Berlin eine astronomische Anzahl von Türken, Kurden, Arabern, Palästinensern und ehrwürdigen Bewohnern des Magreb, die völlig zu Recht davon ausgehen, dass es sich in Westeuropa leichter lebt als in der Wüste - alles Leute, die jeder für sich genommen vielleicht sogar nett und liebenswert sind sind. Aber in der deutschen Umgebung, so offen fremdenfeindlich sie nun einmal ist, werden sie aggressiv und zynisch. 

Zu allem Überfluss lebt da noch eine halbe Million Migranten aus dem kommunistischen Osten, alles hart gesottene Kerle, aber in ihren vom Kommunismus verwässerten Hirnen funkelt kein Arbeitseifer, sondern im Gegenteil die Lust, sich irgendwie durchzuschnorren. Natürlich gibt es in Berlin auch freundliche und gebildete Menschen, aber die fahren offenbar nur selten mit der S-Bahn.

Nun gut, ich zuckele so vor mich hin, und fast alles in meinem Wagon, in meinem Zug und in meiner Welt ist gut. Draußen lacht Frau Sonne, die Schmetterlinge flattern umher und die Vöglein singen... Die Studenten wackeln rhythmisch mit den Köpfen, die sie mit langen, farbigen Zöpfchen geschmückt haben, Touristen beugen sich aufmerksam über ihre Stadtpläne und suchen ein Restaurant aus, alle anderen starren auf die Bildschirme ihrer Smartphones.

Die schmierige Schlampe mir gegenüber setzt plötzlich ein fieses Lächeln auf, öffnet die Futterluke und zeigt ihre schiefen, gelben Hauer. In ihren schmalen Schweinsritzen funkelt es. Mit lüsternem Blick flüstert sie etwas in das moosig-behaarte Ohr ihres Weggefährten, und beide glotzen angestrengt nach etwas, das sich hinter mir befand. Durch den Wagon hindurch lief ein raschelndes Geräusch, ein befremdliches Schnaufen. Dann hörte ich ein unartikuliertes Stöhnen, eine Art Scharren. Ein kalter Windhauch wehte. Ich musste mich umdrehen und nachsehen. Und da sah ich es. 

Ich sah es und dachte: "Aha, das geht ja schon wieder los." Gleichzeitig schloss ich die Augen. Auf dem Mittelgang zwischen den Sitzreihen kroch in aller Gemütsruhe ein dünner, splitternackter Mann von etwa 50 Jahren auf allen Vieren daher.

Ich habe ja in Berlin schon alles Mögliche und Unmögliche gesehen, aber so etwas war mir bisher noch nicht passiert. Er hielt ein Bündel mit Reisern in der Hand und bot sie höflich den Passagieren an. Sie nahmen die Reiser, als seien sie von seinem kläglichen, aber hartnäckigen Blick hypnotisiert, und klatschten sie ihm auf den Rücken und das Hinterteil, sogar auf den Kopf. Manche taten es ohne großen Nachdruck, wie zum Spaß, aber andere schlugen fester und leidenschaftlicher zu. Die Reiser pfiffen, wenn sie durch die Luft sausten. Manche standen sogar von ihren Plätzen auf, gingen zu dem Mann und hauten drauf. Sein dürrer Körper war bald mit Striemen bedeckt, als hätte jemand rote Linien mit Filzstift daraufgemalt.

Nun robbte sich der Unglücksrabe herbei und wollte mir und meinen Nachbarn eine Rute schenken. Ich nahm sie nicht an, aber die anderen taten es und fingen gleich an draufloszudreschen. Der Wolf versuchte, ins Gesicht zu treffen, aber die Wildsau zielte auf seine Weichteile. Der Kerl drehte den verzottelten Kopf und schaute mir in die Augen. Er blickte irr und gequält, sein Gesicht ähnelte dem des gekreuzigten Jesus Christus auf altertümlichen Darstellungen. Aber trotz seiner Maske eines Schmerzensmannes schimmerte auf dem blutverschmierten Gesicht eine deutlich wahrnehmbarer Ausdruck von perverser Lust an der Qual.

Wir kamen nach Wedding. Schleunigst stieg ich aus dem Zug, ging die Treppe hinunter und tauchte an der Sonnenseite der Lunastraße wieder auf. Nach zehn Minuten öffnete ich eine Metalltür und trat ein in das unauffällige Mietshaus in der Tegeler Straße. An der Tür prangte ein Schild: "Doktor Otto Dratog. Medizinische Gutachten".

Ich ging hinein und fand mich in einem erstaunlich geräumigen Saal mit quadratischem Grundriss wieder. Hier gab es keinerlei Möbel, außer einigen Plastikstühlen, die entlang der Wände aufgereiht waren. Die Zimmerdecke war mit Stuck und Basreliefs verziert, die eine Wildschweinjagd zeigten. Außer mir befand sich noch ein weiterer Herr im Wartesaal, den es offenbar ebenfalls wegen eines medizinischen Gutachtens hierher verschlagen hatte. Er war nicht sehr groß und trug schwarze Kleider. Er saß da, ließ den Kopf hängen und schaute auf den weißen Kachelboden.

An der gegenüberliegenden Wand erblickte ich ein winziges Türchen, das aus "Alice im Wunderland" hätte stammen können. Darauf stand "REGISTRATUR". Um einzutreten, musste man sich bücken. Hinter der Tür befand sich ein verdächtig langer Gang, von dem rechts und links Türen abzweigten. Es roch nach Krankenhaus.

Am Anfang des Korridors stand etwas, das an einen Bar-Tresen erinnerte. Doch auf den Regalen standen nicht etwa Wein-, Congac- oder Likörflaschen mit glitzernden Etiketten, sondern Wasseruhren von unterschiedlicher Form.  Statt eines Barmannes führte hier eine junge Dame in weißem Kittel die Geschäfte. Sie sprach Deutsch mit einer Art schnarrendem Akzent. Immer wieder öffnete sich der Kittel und enthüllte intime Details ihres ansehnlich gebräunten Körpers. Mir kam es so vor, als zeige sie sich gerne vor mir. So ein Früchtchen!

"Hallo Herr Sch., wir haben Sie schon erwartet. Zeigen Sie mir bitte Ihren Pass und ihre Patientenkarte.Wunderbar. Jetzt werden wir Ihren Blutdruck messen. Na ja, der ist ein bisschen hoch, 190 zu 125. Sind Sie aufgeregt? Was beunruhigt Sie denn? Dafür gibt es gar keinen Grund. Und schauen Sie mich doch nicht so an. Heiß ist es hier, die Klimaanlage funktioniert heute nicht. Übrigens: Haben Sie Hausschläppchen mit? Und Krankenhauskleidung? Handtücher, Bettwäsche? Sie fragen mich warum? Nun, eine solche Untersuchung kann sich in die Länge ziehen, vielleicht bis morgen oder sogar noch länger. Kommt ganz auf Sie an. Bei dem einen reicht eine Anamnese, beim nächsten muss es ein Kardiogramm sein, eine Computertomografie... Manch einem muss auch eine Geschwulst entfernt werden. Oder Gallensteine. Für alles haben wir Spezialisten und die passenden Apparaturen. Bei uns wird untersucht und operiert, sogar Fangopackungen können Sie kriegen. 

Warum man keine Ärzte und Krankenschwestern sieht? Sie sind alle in den Operations... äh, Anwendungszimmern. Bei uns gibt es auch Elektroschocks und Spezialkameras, falls jemand den Anweisungen nicht folgen will. Auch Massage, ein Fitness-Studio, einen SM-Salon, ein Leichenschauhaus. Zu unserem besonderen Stolz gehört uns auch ein kleines, fahrbares  Krematorium. Es steht draußen auf dem Hof und sieht aus wie ein Omnibus ohne Fenster. Aber innen, oh la la... Es wurde nach den Plänen eines Sternenforschers konstruiert und funktioniert ungefähr wie ein Refraktor-Teleskop. Hundert Prozent umweltverträglich, mit Solarzellen auf dem Dach. Fährt ganz von alleine durch Berlin, vom Zoo bis zum Alex, und kann bis zu zwanzig Leute am Tag verarbeiten. Völlig wartungsfrei. Exportmodell, die russische Armee hat schon Hunderte davon gekauft. Na na, wer wird denn da blass werden? Vielleicht  ist das bei Ihnen ja gar nicht nötig. Bitte gehen Sie jetzt wieder ins Wartezimmer, der Herr Doktor wird Sie dann persönlich aufrufen."

Ich verließ die Anmeldung und tastete mich in das quadratische Wartezimmer zurück.

Ich muss zugeben, das mir die Enthüllungen dieser süßen Kleinen im weißen Gewand ziemlich eingeheizt hatten. Operative Resektion? Elektroschock? Krematorium? Ich muss hier wohl ganz schnell die Fliege machen, bevor sie mich auf den Operationstisch schnallen oder mich sogar umweltgerecht einäschern.

Und was bedeuten die Drohungen des Jobcenters? Sie sind noch schlimmer als die Schulze'schen Schreckgespenster. Die streichen mir mein Hartz IV und lassen mich in der Gosse krepieren wie einen Hund. Ich muss unbedingt mit dem Doktor reden. Vielleicht hat der ja das Herz auf dem rechten Fleck und versteht mich...

Wie der Blitz ging mir ein Licht auf: Diese schnatternde Mieze war die gleiche, die Schulz viele Male mit einer Peitsche in der Hand dargestellt hat. Eine Ukrainerin mit hohen Backenknochen. Und Doktor Dratog... Der Name roch nach Hölle und Teufel. Wie konnte ich das nur übersehen: Das war ja "Gothard",  rückwärts gelesen. Und die Wasseruhren an der Wand. Ich bin in einem Sanatorium. In einer anderen Zeit. Doch in der Jetztzeit, im echten Berlin, werde ich vielleicht in diesen Minuten beerdigt.

… 

Ich setzte mich auf einen Stuhl. Unwillkürlich spähte ich nach dem anderen Patienten. Er saß noch immer da wie vorher, den Kopf gesenkt und auf die Fliesen gerichtet. Auf einmal öffnete sich die Tür der "REGISTRATUR" und ein donnernder Bass war von dort zu vernehmen: "Herr Schulz, bitte kommen Sie ins Behandlungszimmer."

Der kleine Mann stand auf und schaute voll Trauer zu mir herüber (es war ganz eindeutig er, das war Schulz). Er trat in den türähnlichen Durchschlupf ohne sich zu bücken und schritt mit unklarem Ziel durch den endlosen Korridor, der dem Inneren eines Omnibusses ähnlich sah.

Im Wartezimmer war es kalt geworden. Die Mauer fingen an mich in Zange zu nehmen und die Decke versank.

Ich lag auf dem Kachelboden, kreuzte die Arme vor der Brust und schloss die Augen.

 

 

(Aus dem Russischen: Klaus Kleinmann)

 

 

 

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