Igor Schestkow "Madame Lili"

 

 

 

MADAME LILI

 

Ich lief das Trottoir entlang. Es regnete rings umher.

Die Straße fing an, sachte emporzusteigen wie eine Leningrader Klappbrücke. Sie stieg und stieg. Und wie eine Klappbrücke starrte sie schließlich senkrecht in den Himmel. Im letzten Moment klammerte ich mich an eine Gaslaterne und hing von ihr herab wie ein Tautropfen von einem Strohhalm. Ich funkelte und verströmte strahlendes Licht.

Schließlich verlor ich den Halt und sauste wie ein Meteor in die Leere des Weltalls.

Regen sprühte mir hinterher wie ein wild gewordener Wespenschwarm.

Die Jagd war auf ihrem Höhepunkt angekommen. Dutzende nackter Jäger rannten mit „Hussa“ und „Hoho“ durch die Straßen der Stadt und stachen mit langen, schweren Spießen um sich. Die Jagdbeute war ich, ein riesiger weißer Dackel. Feist und tapsig, mit langen Hängeohren.

Selbst wenn ich eine Chance zur Flucht gehabt hätte, so hätten mich meine kurzen Beine doch unmöglich vor diesen jungen Kerlen gerettet, die nur so glühten vor Jagdfieber und Blutrausch. Aber ich konnte nicht entfliehen: Atemnot, Alter und die im Überfluss genossenen Mehlspeisen machten sich unangenehm bemerkbar. Meine einzige Chance war, mich tot zu stellen. Ich legte mich auf den Rücken, verdrehte die Augen, holte ganz viel Luft und legte mir die Pfoten auf die Brust. Starr und atemlos wartete ich ab. Ich hörte, wie die Jäger mit ihren schweren Stiefeln über das Pflaster trampelten und versuchte vor ihrem kehligen Gebrüll nicht zu erzittern. Doch dann wurde es ruhig. Um mich herum herrschte Totenstille.

Nach kurzer Zeit konnte ich mich nicht mehr beherrschen, stieß die Luft aus und öffnete die Augen…

Die Jäger standen um mich herum und betrachteten ihre fette Beute mit animalischen Blicken aus runden, roten Augen, die rechte Hand mit dem Speer emporgereckt, bereit, mein Herz zu durchbohren. Ich krümmte mich zu einer Kugel, schlotterte am ganzen Leib und ließ den Winden freien Lauf.

Dutzende von Spießen mit Bronzespitzen bohrten sich in meinen weißen Leib.

...

Das Haus des Grauens.

Auf dem Dach hockte ein Elefant, der fast aussah wie eine Spinne. Er betatschte mit Dutzenden abscheulich langer Rüssel das Haus und glubschte aus seinen acht weißgeränderten Kulleraugen nach mir. Ich verstand, was er im Schilde führte: Er wollte sich an der Hausfassade nach unten hangeln und sich dann auf mich stürzen. Aber da hatte er sich wegen seines üppigen Körpergewichtes glatt verrechnet. Ich schlich zu einem der eingeschlagenen Fenster und schaute hinein. Eine Horde wild gewordener Wurzelzwerge benagte die Knochen eines toten Greises, der in einem Schaukelstuhl saß. 

Das alles begann schon vor unendlich langer Zeit, als mich meine Mutter wegen kleinen Dummheiten in die Ecke stellte. Ich stand und schaute auf unsere ältliche Tapete mit ihren Schnörkeln und Ranken.

Ich schaute und schaute…

Und schon damals begannn SIE aus der Welt hinter den Wänden durch die Kringel des Tapetenmusters hervorzustarren. Die Kringel verwandelten sich in Augen. Schließlich stießen Tigerschnauzen oder Haifischgebisse aus der Wand und rissen ihre wüsten Mäuler auf, die von mächtigen Hauern nur so strotzten. Aus der Ecke quollen Ratten, die blaue Bändchen um den dicken Hals trugen und Dachse in rotlackierten Sandalen.

In der Tapete tat sich ein quadratisches Guckloch auf, aus dem eine riesige Kröte herausglotzte. Ich ganz allein stand ihr gegenüber, nur ich allein konnte diese Ausgeburt der Hölle bezwingen, die Erwachsenen waren dafür blind und taub. Eines Tages schlüpfte eine orange, zwei Meter lange Schlange aus meiner Ecke hervor, verschwand im halb geöffneten Mund meiner Großmutter und kam aus einem Ohr wieder heraus. Großmutter schien nichts davon zu bemerken.

Der Höllenschlund.

So nannte ich im Stillen das Haus gegenüber. Vor seinem pompösen Eingang kamen Leute um. Ich konnte sehen, wie sie verschwanden, als hätte ein höllischer Staubsauger sie verschluckt - und stieße sie im gleichen Moment am Hinterende wieder aus. Sie strichen die Kleider glatt, klopften sich den Staub ab und trollten sich wie Straßenköter, als wäre nichts geschehen.

Ich wusste, dass es sich bei dem pompösen Eingang in Wirklichkeit um den Schlund der Hölle handelte. Teufel, denen die Monotonie ihres Daseins an den Nerven zerrte, zogen harmlose Passanten durch dieses Tor in den Orkus, um sie dort zu schikanieren wie ein Kind ein Kätzchen quält. Ich hätte nicht sagen können, wie lange sie mit diesen Pechvögeln ihr Schindluder trieben - in senkrechten Zeitläuften verfliegt ein Jahrhundert im Augenblick. Wenn sie dann genug hatten von ihrem infernalischen Schabernack, schleuderten sie die bedauernswerten Opfer wieder zurück in unsere Welt. Die Leute, die in der Unterwelt waren, wussten von nichts mehr. Keine Blutergüsse, keine Wunden erinnerten später daran.

In diesem Haus war damals eine Diakonie untergebracht. Ich konnte sehen, wie Menschen mit schwarzen Gewändern und kalkweißen Gesichtern an einem riesigen, ovalen Tisch saßen, wo sie Litaneien und Unterweisungen von genauso schwarz gewandeten, kalkgesichtigen Pastoren über sich ergehen ließen.

Häuser ohne Behaglichkeit.

Früher lebten Leineweber in diesen ärmlichen Häusern ohne sanitäre Einrichtungen.

Nach einem quälend langen Arbeitstag an den Webstühlen gingen sie heim und hätten sich gerne frischgemacht, doch das ging in diesen Häusern nicht. Also taten sie das nur in den Fabriken. Zu Hause sahen sie fern, aßen, schliefen und warteten ab...

Jeden Morgen sputeten sie sich zur Arbeit.

Manchmal hüften sie auch.

Sie pfiffen und tröteten wie Lokomotiven.

U-UU-UUUUUUUUUU

...

Ein Radfahrer, der vorbeisauste, sah nach diesem Haus.

Das Haus war für ihn ein Omen, denn hatte er 15 Jahre darin verbracht. Er wohnte dort, bevor ihn ein Auto vor einem Blumengeschäft glatt überfuhr.

Der Radfahrer wurde auf dem städtischen Friedhof beerdigt, nicht weit vom Krematorium. Seitdem fährt er auf seinem alten Fahrrad Marke "Diamant" durch die Straßen der Stadt. Manchmal stellt er das Rad ab und tritt in das Haus ein. Ich hatte kein einziges Mal den Mut nachzusehen, was er da tat...

Diese Fabrik war schon vor zwanzig Jahren geschlossen worden.

Trotzdem steigt Rauch aus ihren hohen Schornsteinen auf, und hinter den Fenstern treiben böse Geister ihren Mummenschanz. Nächtlicherweile fahren Dutzende von Lastwagen auf das Fabrikgelände.

Aber seit zwanzig Jahren kam kein einziger Lastwagen aus der Fabrik heraus.

Es gab einmal einen Tunnel unter der Fabrik, in den aber Wasser aus dem Fluss einbrach. Die Lastwagen rosten dort unter Wasser vor sich hin. In den Führerhäusern schwimmen fette Fischmonster herum, die im Dunklen leuchten.

In diesem Haus lebte nach dem Krieg ein Menschenfresser, der ewig von Heißhunger geplagt wurde.

Er aß seine Nachbarin auf.

Dann den Nachbarn.

Dann ihren Sohn.

Dann ihren Hund.

Dann seine Cousine.

Er lud sie ein zum Kuchenschmaus, dann brachte er sie um, verging sich an ihr und zerstückelte die Leiche.

Als ihn die Polizei verhaften wollte, briet er gerade die Nieren seiner zweiten Cousine und bot den Beamten an, davon zu kosten.

Als man ihn ins Gefängnis transportierte, klagte er über Hunger. Er behauptete, er könne keiner Fliege etwas zu Leide tun.

Man werde schlecht versorgt, meinte der Menschenfresser stöhnend, sogar an der Front sei man besser verpflegt worden.

Wie viele andere Männer auch diente der Menschenfresser an der Front als Koch. Andere waren übrigens Funker. Telefonisten. Experten für Tarnung. Pferdeführer. Chauffeure. Ärzte oder Dantisten. Agenten.

Niemand hat irgendwelche Leute umgebracht.

Oder gar aufgegessen.

Ganz anders als in Friedenszeiten.

Wenn man von rechts nach links zählte, lebte in diesem Hause der fünfunddreißigste Postbote des Städtchens. Er war ein durch und durch friedlicher Mensch, er trug nur in dem Gebiet, für das er verantwortlich war, die Post aus.

Er läutete an der Tür, man öffnete, er überreichte die Post und ging wieder.

Er suchte mit niemandem Streit.

Manchmal nahm er sich Zeit und schwatzte ein Weilchen mit den freundlichen Plaudertaschen aus seinem fünfunddreißigsten Postzustellungsbezirk.

Er hechelte mit ihnen den neuesten Tratsch durch tauschte sich mit ihnen über das Wetter aus. Manchmal ließ sich manchmal sogar ein Tässchen dünnen Muckefuck anbieten.

Dann schwirrte er aber ab im Schweinsgalopp.

Niemals hat er jemandem auch nur ein Haar gekrümmt.

Obwohl er es eigentlich doch ganz gerne getan hätte.

Und in diesem verlotterten Haus wohnte der Goldfischverkäufer.

Er rührte kein Menschenfleisch an, trug keine Post aus und hätte nie seine tote Cousine geschändet.

Er züchtete und verkaufte Goldfische.

Und in seiner Freizeit sang er alte deutsche Volkslieder.

Auf diesem Platz fiel ich in Ohnmacht.

Immer wenn ich auf meinem Weg zu Lidl an diesem Platz vorbeikam, dachte ich: "Nur nicht in Ohnmacht fallen!"

Aber eines Tages fiel ich doch.

Ich betrachtete eine Kritzelei an der Hauswand und krachte zu Boden.

Ich schaute nach den Wolken, die mein Zwillingsbruder gezeichnet hatte. Er nickte mit einem seiner Köpfe und zeigte mir die gespaltene Zunge.

Aus Angst fiel ich in Ohnmacht.

Jemand hatte ein Plakat außen an der Bibliothekswand angeklebt.

Es war durch Sonne und Regen verblasst. Man konnte nicht mehr erkennen, was darauf abgebildet war.

Schließlich hatte es jemand mit Ruß beschmiert. Keiner weiß warum.

Dann aber geschah ein Wunder: Auf dem Plakat erschien ganz von selbst ein Portrait der verblichenen Stadtbibliotheksdirektorin.

Sie schaute lange mit ihren toten Augen in den Himmel, dann verschwand sie so plötzlich, wie sie gekommen war. Wahrscheinlich hat sie sich über die Graffiti aufgeregt, die die Kids an die Wände schmierten. Sie hatte immer ein gespanntes Verhältnis zu Heranwachsenden, erst recht nach dem Tod.

An dieser alten Backsteinwand wurde manchmal jemand erschossen.

Oder mit den Füßen getreten.

Oder gefoltert.

Gefoltert und dann vergewaltigt.

Oder erst vergewaltigt und dann gefoltert.

Aber ganz bestimmt nicht getreten.

Und erschossen.

Manchmal haben sie wohl auch gar nichts gemacht.

Es sei denn, irgendein räudiger Köter hob an dieser ekelhaften Wand das Bein.

...

Sie verbrachten fast 60 Jahre zusammen. Sie zogen Kinder groß, arbeiteten, liebten sich und fuhren zusammen in Urlaub. Dann starben sie. Zuerst die Alte, dann ihr Mann.

Nach dem Tod wachten sie auf dem Ozean auf wie nach einem langen Schlaf. Sie trieben auf Luftmatratzen dahin. Die See war ruhig, nur kleine Wellen plätscherten um sie herum. Die Sonne schien milde, kein Lüftchen regte sich. Durch das glasklare Wasser konnte man tief unten den Ozeanboden sehen, der mit bunten Steinen bedeckt war. Weder Fische noch Quallen schwammen im Wasser, keine Vögel flogen über den wolkenlosen Himmel, der gelb opalisierte.

Sie erkannten einander und lächelten sich mit ihren zahnlosen Mündern zu. Dann drehten sie sich auf ihre faltigen Bäuche und fingen an, rasend schnell mit den Händen zu rudern wie Schmetterlinge oder Libellen, die ins Wasser gefallen sind. Sie schlugen das Wasser zu Schaum, der bald die gesamte Meeresoberfläche bedeckte wie ein gelblicher Teppich.

Sie bewegten sich in unterschiedliche Richtungen und hatten einander bald aus den Augen verloren.

Madame Lili.

Ein geräumiger Klassensaal. Tische.

An den Tischen sitzen Leute.

Sie schreiben schweigend in ihre grauen Hefte. Die Stille wird nur durch die monotone Stimme der Lehrerin unterbrochen, durch das Knarren der Stühle, durch Ächzen und Stöhnen.

Auch ich setze an einem dieser Tische. Vor mir liegt ein Heft und ein blauer Kugelschreiber mit angeknabbertem Ende. Wer hat daran herumgekaut?

Warum ist mir so bang?

Im Schlaf kann man schlecht nachdenken.

Ich weiß nicht, wer ich bin.

Ich weiß nicht, ob ich ein Mann bin oder eine Frau, ob ein Knabe oder ein Greis. Im Traum schaue ich auf meine Hand. Es ist eine Hand wie jede andere auch, ohne besondere Kennzeichnen, ohne Alter. Fast scheint sie mir nicht zu gehören.

Die Decke im Klassenraum ist sehr hoch. Rechts und links befindet sich ein breiter, weißer Korridor, in den kleine weiße Türen münden. Ist das hier ein Krankenhaus?

Die Lehrerin ist nicht zu sehen. Zwischen mir und ihr stehen riesige Büroschränke aus massivem Holz, die fast bis an die Decke reichen. Was wohl darin sein mag? Wahrscheinlich irgendwelche angestaubten Ordner. Mit Krankenakten?

Ich höre angestrengt zu und versuche zu verstehen, was die Lehrerin erzählt.

Aber ich verstehe kein einziges Wort.

Das klingt nicht wie eine menschliche Stimme, eher wie Mäusequieken und Geschnaufe.

Was schreiben meine Tischnachbarn bloß in ihre Hefte?

Fragt sie etwas? Fragt sie jemanden?

Das ist riskant. Plötzlich steht er oder sie auf, zeigt mit dem Finger nach mir und fängt laut an zu heulen? Da haben alle verstanden, dass ich nicht hierher gehöre. Und das ganze Rudel geht auf mich los.

Ich beschließe, die füllige Dame im lila Kleid um Hilfe zu bitten, die an dem Tisch vor mir sitzt. Vorsichtig stupse ich sie mit dem Zeigefinger an die Schulter.

"Entschuldigung, was schreiben Sie denn da?"

Die Frau dreht sich zu mir um.

Um Gottes Willen, das ist ja nicht eine Frau - das sind deren zwei! Siamesische Zwillinge, die mit dem Gesicht zusammengewachsen sind, das beinahe aussieht wie die unglückselige Frida Kahlo. Drei Augen und zwei Münder. Meine Dreistigkeit empört sie aufs Äußerste, sie runzeln grimmig die zusammengewachsenen schwarzen Brauen, ihre geschminkten Lippen zittern in einer Aufwallung gerechten Zorns.

Die Zwillinge versuchen zu sprechen, bekommen aber nur Gezische und Geröchel heraus. Sie drehen sich wieder um und machen sich bereit, mit ihrer einen rechten Hand weiterzuschreiben. Die anderen Hände sind klein und verkrüppelt. Sie starren wie Gerten aus dem Kleid heraus, in das zwei aufgedunsene, miteinander verwachsene Körper hineingezwängt sind.

Jetzt wende ich mich an den Mann, der rechts von mir sitzt und einem kleinen Raben ähnelt.

"Verzeihung, was schreiben Sie?"

Er hebt den Kopf und schaut voller Abscheu nach mir.

Verwirrung spiegelt sich in seinen geröteten Augen. Er knurrt: "Lassen Sie mich in Ruhe! Kar-kar... Ich schreibe mit, was die Lehrerin sagt. Warum belästigen Sie mich? Ich bin zu allem bereit, ich nehme jeden Job an. Ich kann Ihnen nach dem Unterricht gepflegt einen blasen, aber stören Sie mich gefälligst nicht beim Schreiben. Ich habe ein schlechtes Gedächtnis und kann mir nichts merken. Also muss ich Wort für Wort aufschreiben, was Madame Lili sagt. Abends versuche ich das auswendig zu lernen. Ich büffele die ganze Nacht durch. Irgendetwas bleibt schon hängen. Ja, lachen sie nur. Sie wollen mich doch nur aus dem Konzept bringen, und wenn ich deshalb in Wut gerate, dann ist Ihnen das ein innerer Reichsparteitag. Sie sollten sich schämen! Schreiben Sie, schreiben Sie wie alle anderen auch! Kar, kar..."

 

 

 

(Aus dem Russischen: Klaus Kleinmann)

 

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