Igor Schestkow "Unterm Rock der Hofmamsell"

Igor Schestkow

 

 

 

UNTERM  ROCK  DER  HOFMAMSELL

 

 

 

Als ich zum ersten Mal heiratete, war ich noch Student. Meine Auserwählte, Marisol K., Enkelin spanischer Kommunisten, verbarg sich in den stinkigen Stiefel der Kommintern vor Franco - wofür sie bitter bezahlen musste. Außerdem rannte sie zu Lesungen und Seminaren. Wir hatten es eilig, die Eheringe überzustreifen. Vorher mussten wir die Mühlen des sowjetischen Standesamtes durchlaufen. Danach hatten wir miteinander zu leben, uns besser kennenzulernen und uns aneinander abzuarbeiten. Also lebten wir zusammen, lernten uns besser kennen und arbeiteten uns aneinander ab, bis wir schließlich, wie es oft so geht, das Streiten anfingen, getrennter Wege gingen und uns scheiden ließen.

Das liegt nun schon fast 40 Jahre zurück. Ich habe sie wirklich geliebt... Noch zehn Jahre nach der Scheidung dachte ich Tag für Tag an sie und stellte mir vor, wie ich ihren Körper mit Zärtlichkeiten bedeckte. Doch heute kann ich mich an keine einzige Liebesnacht mit ihr erinnern, an kein einziges unserer Gespräche - dabei redeten wir oft und lange miteinander. Ich habe auch den Streit vergessen. Ich weiß nur noch, dass wir uns mit Inbrunst und voller Hysterie in der Wolle lagen, wobei wir auch vor Handgreiflich­keiten nicht zurückschreckten. Aber die Inhalte unserer Diskussionen vermag ich nicht mehr aus meinem Gedächtnis abzurufen.

Was bleibt mir also von den fünf Jahren unserer Ehe? Körperliche Eindrücke - ihre schwarz glühenden Augen, die einen in die Knie zwingen konnten. Ihre Wangen aus Milch und Blut. Ihr frischer, betörender Jungmädchenduft. Ihre schlanken Beine, die sich mir um den Rücken schlingen. Rosige, feste Brüste. Meine täglichen Orgasmen - und ihre Frigidität und Frustration. Ihre Verschlossenheit, ihr Schweigen, ihre Enttäuschung über mich und über unsere Ehe. Dagegen war ich völlig machtlos, so sehr ich mich auch anstrengte. Meine Ehefrau brauchte offensichtlich einen anderen Kerl, einen mit mehr Erfahrung, stärker, stürmischer. Vielleicht hätte es ihr irgendein abgefuckter Spanier besser besorgt? Wer weiß... Als wir uns trennten, spuckte sie mir vor die Füße: "Als Mann taugst du keinen Schuss Pulver, dass du's nur weißt! Du bist ein elender Schlappschwanz. Außerdem ist dein Kerl viel zu klein!"

So eine Schlange. Es war mehr als bitter, es war vernichtend, so etwas von der Frau zu hören, die ich auch nach der Scheidung noch bis zur Bewusstlosigkeit liebte. Doch was hätte ich tun können? So nahm sie mich nun einmal wahr, wobei ich mich selbst natürlich ganz anders fühlte. Das nützte aber nichts. Marisol kam mit mir einfach nicht zum Höhepunkt, und ich machte mir deswegen Vorwürfe. Ein Jahr danach heiratete sie wieder, diesmal in  Spanien. Ich kann ihr nur wünschen, dass sie glücklich geworden ist.

Manchmal erscheint mir nachts ihr Doppelgänger, ihr solarisierendes Fluidum, ihre astrale Projektion... Was wirklich in einem vorgeht, erkennt man an den Bildern, die man im Schlaf sieht oder in den halbbewussten Tagträumen. Gerade heute war es wieder einmal soweit.

Da saß ich nach dem Mittagessen in meinem Sessel und gönnte mir einen Kaffee aus Java, mit leichtem Schokoladenaroma. Dazu knabberte ich Nüsschen und blätterte in meinem Kindle-Reader.

Meine Augen schließen sich, Marisol erscheint... Ich atme tief ein, und schon liege ich auf einem Luftballon wie Cyrus Smith mit seinen Kumpanen. Unter mir tost der Ozean, über mir wabern dunkelgelbe Wolken, in deren seltenen Lücken nichts als sternenlose Dunkelheit gähnt. Nur der Saturn blinzelt mir mit seinem perlmuttenen, obsidiangesäumten Auge zu. Ein böiger Wind treibt mich vor sich her, niemand weiß, wohin. Nur ich selber weiß es: Zu einer Insel, aber nicht zu der von Kapitän Nemo.

Sondern: Zu DER Insel. Da kommt sie auf mich zu, meine geliebte Spanierin mit ihrem enormen Schopf schwarzer, leicht gelockter Haare. Endlich werden wir wieder zusammen sein - wenn ich nicht vorher Fallenstellern auf den Leim gehe, von meinem Balkon im elften Stockwerk springe oder in den Aufzugsschacht stürze.

Wie oft war ich nicht schon auf dieser Insel! Das erste Mal verschlug es mich dorthin in der Kindheit, als ich etwas ausgefressen hatte und dafür in der Ecke stehen musste. Ich hatte nämlich einen Klecks im Schulbuch für Russisch hinterlassen. Nein, mehrere sogar, und die hatte ich auch noch mit Linien verbunden. Zusammen ergaben sie die Figur eines Gnomen, weil ich der Ansicht war, dass zwischen den komplizierten Regeln der russischen Grammatik nur ein hingekleckster Gnom hausen konnte. Daneben hatte ich einen zweiten Gnom gemalt, und schließlich noch einen dritten. In der Schule erklärte ich, diese Gnome würden mir beim Memorieren der Ausnahmen helfen, und ich beschrieb genau die Eselsbrücken, die sie darstellten.

Die Klasse amüsierte sich prächtig, aber die Russischpaukerin wurde fuchsteufelswild und bestellte meine Eltern zum Gespräch. Meine arme, alte Großmutter, die als Elternersatz fungierte, schnaufte hinkend und hustend zum angegebenen Treffpunkt mit unserem borstennasigen Schuldirektor, den alle nur "Schnapsknolle" nannten. Der brüllte sie an: "Anscheinend verhätscheln Sie Ihren Enkel wie einen spanischen Prinzen. Erklären Sie ihm gefälligst, dass Zeichnungen ins Malbuch gehören und nicht ins Russisch-Lehrwerk. Und bestrafen Sie ihn für seine Ungezogenheit, bevor wir es tun. Ich habe schon überlegt, ob ich die Schulaufsicht einschalten soll. Nicht einmal der größte Schulkasper hätte sich solche Eseleien erlaubt, in denen Ihr Enkel zu baden scheint wie der Fisch im Wasser. Haben Sie das gesehen? Gnome hat er gemalt. In höchstem Maße ärgerlich! Wenn jeder anfangen wollte, Gnome in Schulbücher zu zeichnen, was wäre denn dann? Blödsinn im Quadrat, Bockmist, Wildwuchs und Antisowjetismus!"

Großmütterchen antwortete nicht, nickte nur und verließ erleichtert das Direktorzimmer, wo an der einen Wand eine große Reproduktion des Bildes "Lenin und der Hafner" hing, an der zweiten, nur wenig kleiner, der lächelnde Chruschtschow in Paradeuniform mit den drei Sternen an der Brust, und an der dritten eine Photographie, von der herab der Päderast Majakowski den Besucher vorwurfsvoll anschaute.

Zu Hause stellte mich Babuschka in die Ecke.

"Weil du in diesem Lande lernen musst, nicht aufzufallen, sonst kannst du im Lager Staub fressen - wenn sie dich nicht gleich in die Klapsmühle stecken."

Ich verstand die Befürchtungen meiner Großmutter mit sicherem Instinkt, wobei mir aber einiges andere nicht in den Kopf wollte: Weshalb betrachtete es die Regierung des Landes, in dem ich das Pech hatte, das Licht der Welt zu erblicken, seit vierzig Jahren offenbar als wichtigsten Lebenszweck, die eigene Bevölkerung "im Lager Staub fressen" zu lassen? Warum ließ sie im großen Stil diesen leninschen Glatzkopf auftreten, damit er dem Hafner erklärte, wie man Öfen baut? Und das "Verfaulen in der Klapse", das jedem Individuum drohte, wenn es sich ein wenig vom grauen sowjetischen Hintergrund abhob - warum hatte dieser lächelnde Mensch mit den drei Sternen an der Brust, der ein wenig wie ein Schwein aussah, das erfunden und "erfolgreich in den Köpfen der Massen implantiert"?

Da stand ich nun in der Ecke und starrte sie an. Dabei hätte ich mich doch so gerne auf der Straße herumgetrieben. Mein Körper brauchte Bewegung, einen Ball, Spiele, Nachlaufen, Abwerfen...  Aber da stand ich, und die Beine wurden mir taub, die Arme schmerzten, die Wangen begannen zu jucken, vor den Augen zeigten sich blaue Schleier - und plötzlich machte ich einen Satz, aber nicht wie ein verrückt gewordener Grashüpfer, der sich in der Ecke des Kinderzimmers verfangen hat, wo er hin- und herspringt und sich den Schädel einrennt wie ein Taucher an der Glaswand. Nein, vielmehr so, wie ein Schwimmer, der vom Startblock losschnellt, voller Kraft und Konzentration. Und ich rannte mir auch nicht das Hirn ein, fiel nicht hin, jammerte nicht, sondern durchdrang die Mauer mit meinem jungen Körper, stürzte mich ins Nichts und plumpste in kaltes, klares Wasser.

Vor Überraschung ließ ich mich tiefer sinken, bis das Tageslicht schwand und ich unter mir nur noch grausige Krabbeltiere wahrnahm. Da wuselten große, dunkelblaue Wesen herum, die wie Oktopusse oder Kalmare aussahen. Ich tauchte auf und schöpfte Atem. Eine Welle, die aufs Ufer zurollte, erfasste mich sanft und trug mich an einen schmalen Kiesstrand. Dort erhob sich eine mächtige Betonwand. Ich erschrak, hütete mich aber zu brüllen oder um Hilfe zu rufen, denn mir war klar, dass all dies nicht echt war - oder besser gesagt: dass mein Moskauer Leben nicht echt war, die Schule, der Kasper, die Schnapsknolle, die Ecke im Wohnzimmer und die berühmte Masse, von der man sich nicht abheben durfte. Auf keinen Fall wollte ich, dass diese neue Erfahrung sich als Illusion oder Selbstbetrug erwies. Ich schritt auf dem Uferkies an der Mauer entlang und fand eine verrostete Eisentreppe. Dort kletterte ich hoch und stand auf der steinernen Strandpromenade, von der aus ich zum ersten Mal diese sonderbare Inselstadt erblickte, diese Anhäufung von Rechtecken aus Beton und gekreuzten Balken, dieses urbane Dickicht inmitten der Wasserfläche, den magischen Ort, zu dem mich eine unbekannte Kraft auch später immer wieder hinzog. Sie tat mir gut und bildete einen Gegenpol zum freudlosen Sowjetalltag. Das Erscheinen dieser Inselstadt überwältigte mich jedes Mal aufs Neue, so wie jeder Abschied von ihr einen schalen Geschmack hinterließ.

Die Ernüchterung hatte zwei Gründe. Einerseits wollte ich diese traumhafte Stätte nicht verlassen, diese ganz eigene Dämmerzone, meine Welt hinter den Spiegeln, wo ich Leute traf, die ich in meinem Alltag nie zu treffen gehofft hätte - ganz abgesehen von denen, die ohnehin nirgendwo sonst existierten. Andererseits musste ich immer genau dann Abschied nehmen, wenn ich mich gerade anschickte, dort etwas in die Tat umzusetzen, was ich schon lange innerlich vorbereitet hatte und was ich intensiv herbeisehnte. Dazu ein Beispiel: Als ich vor vielen Jahren einmal nach grauenhaften Zerwürfnissen im Zustand tiefer Zerrüttung auf die Insel gelangte - wobei ich eigentlich keine Angst davor hatte, selber Zerwürfnisse herbeizuführen, weil ich aus Erfahrung wusste, dass bei meiner Wiederkehr auf die Insel alles so sein würde wie zuvor, gleichsam auf null zurückgesetzt - damals also hatte ich vor, etwas Positives zu schaffen. Ich wollte nämlich ein Kino für verirrte Seelen errichten, für solche, die sich ziellos durch die Straßen treiben ließen oder in verwaisten Häusern vor sich hinvegetierten. Es sollte ein Kino werden, in dem jeder sein früheres Leben in realer, irdischer Gestalt betrachten konnte, ganz gleich, ob er dieses Leben nur zeitweise oder für immer verlassen hatte. Aus therapeutischen Erwägungen baute ich lange daran herum und errichtete steinerne Blöcke, die ich mit Hilfe der Telekinese in Bewegung versetzte, so dass sie nicht aufeinander stehen bleiben wollten, sondern langsam zu Boden sanken, in der Schwebe verharrten oder graziös zu schwanken begannen und in alle Himmelsrichtungen davonstoben. Es gelang mir nicht, das Dach auf gleiche Weise zu errichten. Dagegen tauchten die Stühle aus Nussholz mit türkischroter Samtbespannung, die ich eher nebenbei ersonnen hatte, gleichsam aus dem Nichts auf und formierten sich in Reihen wie Ulanen bei der Parade. Sie wieherten sogar und schlugen mit ihren Hufen auf den riesigen Webteppich, wo der feierliche Einmarsch der Kreuzritter in Konstantinopel abgebildet war. Auch der Projektor und die Filmstreifen materialisierten sich erstaunlich schnell.

Das bunte, aus vielen Völkerschaften zusammengewürfelte Kinopublikum betrat den Saal und sah aus, als stamme es aus Vampir- oder Zombiefilmen. Es nahm Platz, und ich wollte gerade die erste Vorführung beginnen, für die ich den Film "Nazarin" ausgewählt hatte - da klopfte etwas in meinen Ohren, und ich erwachte auf der alten Pritsche in meinem kleinen Dresdener Atelier.

Es war Zeit, die Galerie aufzusuchen, wo ich vor zwei Tagen die Zeichnungen eines behinderten Warschauer Künstlers ausgestellt hatte. Der Ärmste konnte nur seinen Kopf und die rechte Hand benutzen. Auf eine Krücke gestützt, schleppte er sich mehr schlecht als recht durch die Galerie. Mit der gesunden Hand zeichnete er aber ohne Unterlass mit der Energie eines masturbierenden Jünglings. Er malte Wüsten und gottverlassene Einsamkeiten, aber auch junge Mädchen, die an Laternen oder Bäumen aufgehängt waren, ebenso Straßen moderner Städte mit außergewöhnlichen Beton­konstruktionen. Seine Zeichnungen charakterisierte er mit den Worten: "Das ist die Hölle, in der wir alle leben." Unter jeder baumelnden Lady saß ein Hund mit zum Himmel erhobener Schnauze.

Mir kam es vor, als seien diese Hunde künstliche Wiedergänger des Zeichners, welcher sich von den aufgehängten Damen offenbar erotisch anregen ließ. Sie waren in hyperrealistischer Manier dargestellt. Aus einigen ihrer Münder schlängelten sich lange Zungen, die hängenden Brüste schauten unter den Kleidern hervor...

Man muss die metaphorische, widersinnige und antagonistische Sprache sexueller Phantasien nicht wörtlich verstehen. Aber wer weiß, vielleicht hatte die Natur diesen Unglücksraben ja aus gutem Grunde so grausam bestraft? Oder hatte die eine oder andere seiner Freundinnen es vielleicht verdient, mit herausgestreckter Zunge an der Laterne zu hängen?- Er möge gesund und stark werden. 

Die Stadt auf der Insel sah damals - und sieht heute noch - ungefähr so aus wie die Geisterstadt Hashima auf der gleichnamigen Insel unweit von Nagasaki. Deren verfallende Bauten dienten in einem der letzten Bond-Filme als Kulisse. Allerdings erlangte die Geisterstadt Hashima ihr Aussehen nicht wegen eines Erdbebens oder einer Atomexplosion, sondern weil sich das Kohlebergwerk, dessentwegen man sie errichtet hatte, als unrentabel zu erweisen begann. Kohlenwasserstoffe übernahmen das Zepter.

Glücklicherweise hat meine Insel, im Gegensatz zu Hashima, rein übersinnlichen Charakter, was sie unerreichbar macht für Kohlebergwerksbetreiber. Sie verdankt ihre Existenz keinen tektonischen oder vulkanischen Aktivitäten, nicht einmal Kränen und Bulldozern, (während Hashima teils von seinen eigenen Bewohnern aus dem Abraum der Kohleförderung gebaut wurde). Meine Stadt besteht aus taktilen Impressionen, aus Vorahnungen; dort wachsen Luftschlösser und Fatamorganen wie Pilze nach dem Regen, materialisieren sich Ängste und Hoffnungen. Man kann sogar behaupten, dass sie peripathetische  Eigenschaften hat, denn ich war dort fast immer am Spazierengehen, und zwar ganz ohne Eile, im Gegensatz zur landläufigen Vorstellung von irrlichternden Zauberlehrlingen. Ich wandelte dahin in Erwartung eines Wunders, und das tat sich meist keinen Zwang an, bald zu erscheinen.

Und es gibt noch einen Unterschied zu Hashima: Meine Insel liegt weit entfernt von anderen Inseln oder Kontinenten. Um sie herum ist nichts als Wasser, so weit das Auge reicht. Es symbolisiert das kollektive Unbewusste, das alles Seiende transzendiert und alles verneint außer sich selbst. Meist ist es friedlich, doch manchmal rennen schwere, dunkle Brecher gegen die Betonwände an, die die Stadt umgeben, und lassen sie bis in ihre Grundfesten erzittern.

Die Gebäude meiner Insel sehen ähnlich aus wie die auf Hashima, befinden sich aber nicht im Stadium des Verfalls und wirken auch nur scheinbar von jeder Menschenseele verlassen. Balkone und Dächer sind an ihrem angemessenen Platz, die Straßen nicht von Bauschutt übersät. Die früheren Bewohner sind nicht gestorben und verdorben, sondern haben sich einer märchenhaften Metamorphose unterzogen, so dass jetzt keiner mehr genau sagen kann, ob sie noch dort sind oder nicht, oder ob es sie überhaupt gibt.

Etwas anderes aber gibt es, was man sonst nirgends kennt und auch auf Hashima nie zu Gesicht bekam. Es handelt sich um halb verfallene Türme mit quadratischem Grundriss. Über ihnen steht ein Dunst­schleier. Außerdem findet man auffallend viele Standbilder in den Straßen. Diese Plastiken sind einzigartig, wie alles in dieser Stadt, denn sie verändern sich, sie vibrieren, tanzen... Ich weiß noch, wie überrascht ich bei meinem ersten Landgang auf der Insel über einen sich vorbeugenden Mann mit Schweinskopf war, dessen eines Bein fest auf dem Sockel stand, während er das Knie des anderen auf eine altmodisch kurze Krücke stützte. Auf dem Rücken trug er eine Miesmuschel, angefüllt mit Perlen von der Größe eines dicken Apfels. Die Muschel sang mit leiser Stimme eine fremde Melodie, und die Perlen pfiffen sich eins dazu.

Als der Mann meinen erstaunten Blick auffing, zuckte er unwillkürlich zusammen, und eine Perle kullerte aus der Muschel. Ich fing sie mir und verbarg sie in beiden Händen. Da verlor sie ihren Glanz, wurde weich und verwandelte sich in eine orange gefleckte Kröte. Diese blickte mich mit ihren grünen Augen an, drehte sich auf der Spitze ihrer dreizehigen Klaue um und sprang auf den leeren Denkmalsockel, wo vor wenigen Augenblicken noch der Mann mit der Miesmuschel gestanden hatte. Sie wuchs, straffte ihre Schultern und versteinerte. Auf dem Sockel erschien die Aufschrift: "Rosalinde, Königin der Mücken". Die letzten drei Buchstaben des Wortes "Mücken" hatte schon jemand unterstrichen.

Ich verließ sie und schlenderte lange durch diese märchenhafte Stadt, ohne mich anderen Statuen zu nähern, denn mich gruselte ein wenig, auch wenn sie einladende Gesten machten.

Da war das Gebäude einer ehemaligen Waffenfabrik, auf dessen Wand man ein gewaltiges Reklameschild mit der Abbildung von Panzern und drei lächelnden Arbeiterinnen sehen konnte. Sie trugen Schürzen und Halstücher, dahinter sah man hunderte von Geschossen verschiedenster Kaliber, und darüber die Aufschrift: "Hier arbeiten wir für den Weltfrieden!" Eine Frau mit altmodischem, grünem Brokattuch näherte sich mir. Sie trug eine Glocke auf dem überlang in die Höhe gezogenen Kopf. Dieser hatte kein Gesicht, auch keinen Mund, trotzdem begann die Frau mit mir zu sprechen.

...

"Ich begrüße dich auf unserer wunderbaren Insel, mein kleiner Russenschwengel! Hoffentlich hast du dich nicht verletzt, als du durch die Mauer eurer grausigen Genossenschaftswohnung gesprungen bist. Und hoffentlich hat dich diese verteufelte Rosalinde nicht zu Tode erschreckt. Mit Neuankömmlingen treibt sie gerne ihren Schabernack, macht sich auf dem Denkmalssockel breit und präsentiert ihre froschigen Reize in aller Öffentlichkeit... Und Horazio, dieser elende Jammerlappen, naja, der mit den gefälschten Perlen und der Krücke, der macht sich dünne und flieht zum Sonnenbaden auf das Dach von diiiesen Turm dort. Siehst du ihn? Man nennt ihn "Das himmlische Fangeisen". Dass du dich da nie hinwagst, verstanden? Du gehst garantiert vor die Hunde. Da - Horazio schaukelt in seiner Hängematte und jongliert mit Perlen. Wahrscheinlich kommt dir mein Kopf komisch vor. Das geht allen so, mir übrigens auch. Hör dir meine Geschichte an, dann verstehst du, woher ich diesen Kopfschmuck habe. Früher war ich nämlich einmal Hofmamsell im Schloss des Goldenen Kaisers..."

Nun begann sie ihre todlangweilige, nicht enden wollende Geschichte, während der ich so tat, als hörte ich zu. Bald hatte ich aber genug davon, und... ich weiß selbst nicht mehr warum, jedenfalls lupfte ich ihr brokatenes Kleid und schlüpfte darunter. Wie nicht anders zu erwarten war, erblickte ich zwei Frauenbeine, die in lächerlichen Unterhosen steckten. Die frühere Hofmamsell bemerkte anscheinend meinen Frevel nicht und setzte ungerührt ihren Bericht fort. Ihre Stimme klang hohl. Ich umarmte eines ihrer Beine, wie der Dichter Jessenin seine Birke umarmt hatte, und fing an wegzudusseln.  Nur für einen Moment, denn im nächsten Augenblick hatte die Geschichtenerzählerin viele, viele Beine... aber das waren gar keine Beine mehr, sondern große Bäume.

Auf einem Wanderpfad spazierte ich durch Buchen im dichten Spätsommerwald und hielt auf einer mit Blumen überwachsenen Lichtung an. Da sah ich einen Bären, der mit seinen Zähnen einen noch lebenden Hirsch zerfetzte. Nach wenigen Sekunden gab der Hirsch seinen Kampf auf und starb, wobei er mir zum Abschied traurig in die Augen sah... Der Bär stieß einen Siegesschrei aus und riss ein großes Stück Fleisch aus seinem Hals, das er herunterzuwürgen versuchte. Sein Maul war blutverschmiert. Um mich vor ihm in Sicherheit zubringen, eilte ich zu einem Bach, der in der Nähe floss. Als ich bemerkte, dass der Bär mir nicht nachsetzte, ging ich den schilfbestandenen Bachlauf entlang in Richtung zu einem nahen Hügel. Er sah aus, als bestünde er aus den zerstörten Resten einer riesigen Statue. Man konnte noch die Stirn, die Nase und den Arm eines Giganten erkennen, sowie eine Hand, die eine Fackel hielt.

Ich betrachtete den gefällten Riesen, erblickte einen mir unbekannten Baum mit spiegelglatter Rinde, riss ein Kräutlein aus und kaute darauf herum, gedachte des Bären und lief weiter. Nach kurzer Zeit ertönte Gekrächze und ein Geräusch von etwas offenbar sehr Großem, das über den Boden rumpelte. Wenig später sah ich einen nackten Mann mittleren Alters, der aus dem Gebüsch heraustrat und eine stattliche Krone schleppte, die offenbar aus echtem Gold war, besetzt mit verstaubten (daher nur matt schimmernden) Brillanten in der Größe von Teekannen. Er schaffte es wohl nicht, sie sich aufzusetzen, daher hatte er sie auf den Rücken gewuchtet. Aber die Krone schleifte immer noch auf der Erde entlang und pflügte sie um, riss Büschel von Pflanzen mit den Wurzeln aus und gab ein unangenehmes Kratzen von sich. Ich starrte natürlich wie gebannt auf den Träger und seine Last.

Der Nackedei benahm sich seltsam. Er legte die Krone ins Gras, machte vor mir einen Kratzfuß mit seinen krummen, schmuddeligen Beinen, lupfte einen unsichtbaren Hut vom kahlrasierten Kopf und stellte sich vor: "Herzog Angulemski, König von Frankreich. Es ist mir eine Ehre, Sie im sonnigen Burgund begrüßen zu dürfen. Wir haben Kenntnis davon, dass Sie Waise sind. Höchst bedauerlich. Soll ich Sie im Schnellverfahren und zu einem Spezialtarif an Sohnes Statt annehmen? Für lächerliche, sagen wir: 10.000 Pfund erhalten Sie den Titel eines Dauphin. Und nach meinem Tod werden Sie als König Louis der XX. gekrönt. Auf meine Anweisung hin wird der Diamant 'Regent' in Ihren Säbel eingearbeitet. Zum Frühstück wird man Ihnen einen zarten 'Coq au Vin' kredenzen. Oder bevorzugen Sie ein Omelette-Soufflé mit Beeren? Ich werde Sie mit Marie-Antoinette bekannt machen, die sich hier ganz in der Nähe in Milch badet. Sie sind ja schon ein großer Junge."

Ich versuchte, die mir zugedachte Rolle zu spielen.

"Vielen Dank für Ihren Vorschlag, Sire, aber zur Zeit stehe ich noch in Diensten einer besonders strengen Dame aus dem Geschlecht derer von Este. Sie hat einen unglaublich langen Kopf und war früher Hofmamsell beim Goldenen Kaiser. Ich bin in geheimer Eilmission für sie unterwegs nach Ferrara und befürchte, meinen Zug zu verpassen. Daher bitte ich mich zu entschuldigen. Ich bin gezwungen, mich zu entfernen."

Von weitem hörte man den Pfiff einer Dampflokomotive.

Bei der Erwähnung des Goldenen Kaisers richtete sich der Herzog unwillkürlich zu voller Größe auf und ging in Habachtstellung wie ein standhafter Soldat. Angesichts seiner Nacktheit war das zwar unangemessen, aber doch herzergreifend. Er tat mir leid. Im Weggehen streifte mein Atem die Krone, die augenblicklich auf die Größe einer Streichholzschachtel zusammenschrumpfte. Da ging es los:

"Was hast du angerichtet, du Taugenichts?", schrie eine vorbefliegende Schiffsplanke mit rötlichen Flossen, "was hast du angerichtet?"

Dabei riss sie ihr gezahntes Maul auf.

"Jetzt stirbt er an innerer Zerrüttung. Dieses goldene Ding hinter sich herzuziehen, war Sinn seines Lebens, aber jetzt ist er dieses Sinnes beraubt, er ist unglücklich... unglücklich... Sie haben unseren König getötet! Und ich bin, nebenbei gesagt, sein Vasall", fügte der auf der Planke sitzende Ritter mit stählernem Harnisch hinzu. Er setzte vor Zorn sogar Rost an.

"Umgebrrracht! Den König umgebrrracht!", bestätigte eine Hexe mit knatterndem Zungen -r. Sie saß auf einem Karren, der von zwei gehörnten Teufeln gezogen wurde und fuhrwerkte mit einer Gabel in ihren Zähnen herum. Sie drohte mir mit ihrem Zahnwerkzeug und vergoss Tränen dabei.

"Für dich gibt es keine Gnade. Du hast uns alle ins Verderben geführt, du verdammte Missgeburt!", beschimpfte mich ein hölzerner Gnom mit hohem Hut, der neben mir herlief. "Ich gehe zum Eichenwäldchen, da essen wir Eichelbrei zum Zeichen des Protestes. Das kann zu epileptischen Zuckungen führen. Na, dann zucke ich eben, ich werde mich dabei schon nicht zerreißen, während du natürlich darüber lachen wirst. Aber nein, du musst dem Personal der Sagenwelt helfen, das Gesicht zu wahren. Doch du gehst deiner Wege und stellst die Ohren auf Durchzug. Geh nur weiter, mache dich mit dem Tannenzapfenfresser bekannt, da wirst du dich schon an den armen, nackten König erinnern."

Mir blieb nichts anderes übrig als umzukehren und die Krone noch einmal anzuhauchen. Herzog Angulemski saß auf seinen Hacken und schluchzte. Als aber die Krone wieder ihre frühere Größe erreicht hatte, stand er auf, hievte sie sich auf den Rücken und zockelte los.

Ich überlegte mir, wo er sie denn hintransportierte. Na, wohin denn wohl? Natürlich zum Schloss des Goldenen Kaisers. Ob es mir verboten war, dorthin zu gehen? Es hieß nämlich, dass die dortigen Köche mit besonderer Meisterschaft Sojasauce für gebratene Puten und herrliche Pflaumenlimonade zelebrierten.

Aber diesmal war ich nicht dafür ausersehen, ins Schloss zu gelangen, denn gerade, als ich an die Limonade dachte, stellte sich mir ein Magier in den Weg. Er trug ein weites, rotes Gewand, vor das er eine Schürze mit großen Taschen gebunden hatte. Seinen Kopf bedeckte ein aberwitziger Eisenhut, in der Hand er hielt einen Zauberstab. So stand er da und blickt streng auf mich herab. Zu seinen Füßen saß ein Kasperhündchen mit menschlichem Gesicht und den langen Ohren eines Vulkaniers. Vor dem Magier stand ein Tischchen, auf dem sich ein weißes Blatt Papier befand, ein Dolch, zwei Kugeln (eine rote und eine blaue), ein irdener Krug und ein ebensolcher Topf. Der Magier bedeutete mir mit einer Geste, ich solle mich zum Tisch begeben und eine Kugel in die Hand nehmen. Ich wählte die blaue.

Der Magier brach in Gelächter aus und meinte: "Sie haben eine unzulässige Auswahl getroffen, verehrter Dauphin. Das Urteil bleibt in Kraft!"

Aus einer Tasche holte er einen Tannenzapfen und aß ihn. Dann setzte er sich eine runde Brille auf die Nase, nahm das Papierblatt hoch und begann das Urteil vorzulesen.

 

 

(Aus dem Russischen Klaus Kleinmann)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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