Igor Schestkow "Siluschi"

 
 
Es war Ende September. Ich lag am menschenleeren Strand. Nicht weit von Anapa. Warm! Glückselig! Plötzlich sehe ich, dass eine komische Tante gelaufen kommt, sie schreit etwas und fuchtelt mit den Armen. Ich schließe die Augen. Ich weiß: Die Glückseligkeit wird zu Ende sein, sobald sie näher kommt. Und so geschah es. Die Tante erzählte weinend, dass der Sohn ihres Zeltnachbarn auf die Felsen geklettert und in Panik geraten ist und jetzt in fünfzig Meter Höhe festsitzt. Kann weder nach oben noch nach unten. Am Fuße der Felsen rennt verzweifelt sein Vater hin und her.
Ich musste aufstehen und Sandalen anziehen. Die Tante eilte mit mir zu ihrem Nachbarn. Es war ein Mann um die Fünfundvierzig. Mit Leninbärtchen. Ich befahl ihm: „Steigen Sie auf den Felsen links, nehmen Sie den Umweg, dort ist es nicht so steil. Neben dem Felsvorsprung warten Sie auf mich.“
Dann rannte ich los in die Siedlung zu den Fischern, um ein Seil zu holen. Es ist mühsam in der Hitze bergauf zu laufen. Kilometerweit und immer nach oben. Zum Glück haben mir die Fischer sofort geglaubt und das Seil gegeben. Das Seil wog nicht weniger als fünfzehn Kilo. Beim Rückweg fragte ich mich, krepiere ich jetzt gleich oder später? Angekommen. Das Seil haben wir um einen starken Baum direkt vor dem Abgrund gebunden und nach unten geworfen. Nach zehn Minuten war der Bub in Sicherheit. So habe ich seinen Vater Tolja Kirejew kennen gelernt.
Tolja war ein einfacher sowjetischer Mensch. Hatte neun Klassen der Schule beendet, in der Armee gedient und danach in einer Hülsenfabrik gearbeitet.
In der Fabrik gab es wie üblich eine Komsomolorganisation. Tolja hat es bis zum zweiundzwanzigsten Lebensjahr fertig gebracht, dem kommunistischen Jugendverband nicht beizutreten. Aber dann haben ihn die Freunde überredet. Zum Spaß. Er ist eingetreten. Und aufrichtig glaubte er fortan an das ganze propagandistische dumme Zeug. 
Es war im Jahr 1969. Dem Jahr der Konfrontation UdSSR und China. In der Fabrik fand eine Komsomol-Vollversammlung statt. Man donnerte auf Mao und seine Kulturrevolution los, man sprach auch über die „Ereignisse auf der Insel Damanski“. So wurde damals dieser kleine Krieg genannt. Ein paar Aktivistinnen ereiferten sich über die chinesischen Genossen, die den „falschen Weg“ gegangen seien. Von der Tribüne erhob sich der ehrenvolle Gast der Versammlung – der Sekretär des Fabrik-Parteikomitees. Und fiel über Mao her. Zwanzig Minuten lang.
Tolja hörte aufmerksam zu, konnte aber nicht herausfinden, worin die Schuld des Großen Steuermannes liegt. Es war ihm unmöglich, etwas aus den unklaren Worten der zahlreichen Redner zu verstehen. Was ist mit Mao Tse-tung eigentlich? Was ist auf Damanski geschehen?
Am Ende der Versammlung fand die Abstimmung für die Annahme einer Resolution statt. Der Sekretär des Parteikomitees fragte, wer dafür sei.
Ein Händemeer. Alle. Enthaltung? Niemand. Gegenstimmen? Tolja hob die Hand. Allein. Stille im Saal. Der Sekretär konnte es nicht fassen. Er fragte: „Wer ist der Kerl?“, und erfuhr, „Schlosser Kirejew. Vor kurzem in den kommunistischen Jugendverband aufgenommen. Naiv wie eine Schwalbe!“
Der Sekretär wandte sich an Tolja: „Genosse Kirejew, ist Ihnen vielleicht etwas unklar? Wenn Sie Fragen haben, bitte!“
Tolja versuchte sich zu rechtfertigen: „Uns wurde immer gesagt, dass Mao ein Freund der UdSSR, ein Held, ein Retter Chinas sei, wir haben das Lied „Der Osten wird rosa“ gesungen. Und auf einmal soll Mao schlecht sein. Hier reden alle, agitieren, aber worin seine Schuld liegt, bleibt mir unverständlich.“
Der Sekretär hatte einen solchen Angriff nicht erwartet. Er wurde wütend, begann zu schreien: „Was? Bist du gegen die Linie der Partei? Du bist ein Revisionist, Kirejew! Ein Hooligan bist du und keine Schwalbe! Solche Schwalben kennen wir! Hau ab in dein beschissenes China, wenn es dir so gefällt!“
Alles Nachfolgende waren Szenen des sowjetischen Surrealismus. Der Sekretär schrie, rot vor Zorn, unter anderem versprach er „alle Maoisten in der Fabrik auszurotten“. Dann ist er weggegangen. Die Arbeiter grinsten vor sich hin, sie waren mit dem Skandal auf der langweiligen Versammlung zufrieden. Die fast einstimmige Resolution wurde nach oben weitergeleitet, landete in der Schublade und wurde für immer vergessen. Alles wäre wunderbar, wenn Tolja nicht so naiv gewesen wäre. Schlosser Kirejew verstand alles pur und direkt. Die Beleidigungen des Parteisekretärs hat er als reale Anweisung verstanden, nach China auszureisen. Den Einreiseantrag schickte er an die chinesische Botschaft in Moskau. Darin schrieb er, dass er den Vorsitzenden Mao Tse-tung tief respektiere und die Vorwürfe an ihn seitens der UdSSR nicht verstehe.
Toljas Brief hat natürlich die Botschaft nicht erreicht, sondern gelangte direkt zur Lubjanka. Tolja musste zum Verhör. Die KGBler fälschten die Akten, fanden fingierte Zeugen, die bestätigten – ja, Kirejew ist ein chinesischer Spion.
Der Richter hat die Wahrheit geahnt, er wollte nicht die unschuldige Seele ins Verderben stürzen. Tolja kriegte nur fünf Jahre. Er saß seine Strafe in Mordowien ab, wo es viele politische und religiöse Gefangene gab. Demütig brummte er seine Zeit ab und wurde kein Krimineller, sondern verließ das Gefangenenlager als überzeugter christlicher Prediger.    
Eines Tages ruft Tolja mich an und sagt: „Im Dorf Siluschi steht eine alte hölzerne Kirche, komm bitte, dort wird Hilfe gebraucht!“
Und ich bin gefahren. Eigentlich wollte ich auf Siluschi pfeifen. Es lag weit entfernt – eine Stunde mit der Metro und noch zwanzig Minuten mit dem Vorortbus. Aber ich überwand mich. Manchmal macht man nicht, was man will, nicht das, was notwendig ist, sondern wer weiß was.
Die Kirche in Siluschi ähnelte einer großen hölzernen Scheune, gekrönt mit einer abgestürzten Zwiebelkuppel. Das Gotteshaus stand in einer verwahrlosten Ecke des kilometerlangen „kleinen“ Friedhofes. Es war von alten Gräbern und wildem Gebüsch umgeben. Nicht weit davon verlief der Moskau-Kanal. Auf dem riesigen, von Unkraut zugewachsenen, Feld zwischen der Kirche und dem Kanal hatte man zur Stalinzeit die sterblichen Überreste der auf der Kanal-Baustelle gestorbenen Gefangenen begraben. Die Ortsbewohner versicherten mir, dass zehntausende Menschen dort vergraben seien. Die Knochen liegen überall. Einfach unter dem Gras. Zehn Minuten entfernt erreichte man den „großen“ Friedhof, drei Kilometer lang und zwei breit. Und hinter ihm erstreckte sich eine gigantische Mülldeponie. Was für ein wundervoller Ort!
In der Kirche habe ich Vater Ermili und Mutter Fotinja kennen gelernt. Sie waren die von Gogol beschriebenen „Alte-Welt-Landbesitzer“, allerdings ohne Landbesitz. Vater Ermili trug einen vollkommen unmöglichen Ziegenbart. Er war ein kleiner Mann mit flinken Kinderhänden und stark kurzsichtigen Augen. Mutter Fotinja hingegen war wohlbeleibt und plump. Eine Riesin. Sie putzte, kochte, lenkte alles, leitete den Kirchenchor, ohne eine Note zu kennen. Die  Güte dieses Pärchens waren unbegrenzt. Sie wurden oft belacht und hintergangen – sie segneten und liebten alle, schenkten anderen alles, was sie hatten.
Besonders liebten sie die Kinder, sie selber waren kinderlos. Wenn die Mutter erfuhr, dass jemand sie betrogen hatte, weinte sie wie ein Kind, und der Vater ging zum Altar, um zu beten. Dort beschimpfte er insgeheim die Gauner, machte sich jedoch später arge Vorwürfe, sprach demütig mit Gott und betete für die Betrüger.
Nachdem er meine Malereien betrachtet hatte, sagte Vater Ermili: „In Ihren Farben, lieber Wadim, steckt zu viel Sinnlichkeit, eine Ikone braucht geistiges Kolorit. Lernen Sie, bändigen Sie das Herz.“
Und Mutter Fotinja ergänzte: „Kommen Sie zu uns, kosten Sie unsere Suppe.“
Diese berühmte Mütterchen-Suppe – war etwas Ungenießbares. In ihr schwammen die nicht fertig gekochten Pilze, die Zwiebeln, der Buchweizenbrei, die Salzgurken, das Sauerkraut, die Kartoffeln und noch anderes, mir Unbekanntes. Wie konnte ich solche Leute im Stich lassen? Ich habe der Kirche meine beste Ikone geopfert. Schleppte Balken, warf den Bauschutt hinaus, schichtete Ziegel. Und am nächsten Tag kam ich wieder, um zusammen mit Tolja eine Holztoilette zu bauen. Und am übernächsten Tag, um sie fertig zu machen. Nach zwei Wochen Arbeit bezahlte mir Vater Ermili 100 Rubel. Die folgenden anderthalb Jahre, bis zu meiner Abreise aus der UdSSR, arbeitete ich in der Siluschi-Kirche. Räumte den Weg vom Schnee frei, zersägte Brennholz, mauerte einen Ofen, heizte, half am Altar, sang im Chor, organisierte Baumaterialien. Erlebte einen Brand und zwei Überschwemmungen. Manchmal wurde ich bezahlt und manchmal nicht. Letzteres nahm ich nicht übel. Meine innere Welt war so absurd, dass einige Seltsamkeiten der äußerlichen Welt mir nur halfen. Das Schicksal schlägt nicht so fest zu, wenn du bereit bist, ihm den Kopf hinzuhalten. Dabei war ich gar kein russisch-orthodoxer Christ. Ich las damals mit ekstatischer Freude die Bücher von Swami Prabhupada. Brachte dem Gott Krishna Opfer in einem inoffiziellen Gebetshaus in einer Privatwohnung.
 
Es war im späten Herbst, im ersten Schneesturm. Den ganzen Tag arbeiteten wir zu zweit in der Kirche, legten den Fußboden. Diese Arbeit war sehr angenehm, wie fast alle Arbeiten mit Holz. Lange flache Bretter musste man auf Länge sägen und auf den quer verlaufenden Balken, die auf niedrigen Ziegelsockeln lagen, festnageln. Die Bretter waren gerade, sie reihten sich wie geklebt aneinander. Das Ergebnis unserer Arbeit lag vor uns. Noch gestern hatte die Kirche keinen Fußboden, und heute konnte man darauf hin und her laufen. Es hat wunderbar nach Harz gerochen. Niemand störte uns und wir hatten nicht bemerkt, wie der Tag vorbei gegangen und der Abend gekommen war. Ungefähr um zehn waren wir müde. Eine Viertelstunde wollten wir uns noch erholen und dann nach Hause fahren. Schweigend saßen wir auf unserem neuen Holzboden. Hörten das Heulen des Schneesturms und das Ächzen des alten Gebäudes. Die Wände arbeiteten, die Balken knirschten. Man hörte seltsame leichte Schritte. Ich sagte: „Tolja, hörst du die Schritte?“
„Ich höre sie.“
Wir lauschten. Die geheimnisvollen Laute wurden klar hörbar. Dazu kratzte jemand an der Außenwand der Kirche wie mit einem Stäbchen. Und wieder – die Schritte.
„Wer ist da?“, fragte Tolja laut und nervös. Keine Antwort.
Jemand schlich im angrenzenden Altarraum herum. Leicht, nicht wie ein Mensch. Dort war noch kein Fußboden verlegt, das bedeutete, man ging auf blanker Erde. Wir zündeten zwei Kerzen an und wagten uns in den Altarraum. Aus der Dunkelheit starrten uns zwei grüne Katzenaugen an. Oh, Gott, der Kater! Wir haben uns gefreut. Der Kater, auch wenn es der schwarze ist, ist kein Mensch, kein Teufel. Er fängt Mäuse.
Tolja ist weggegangen. Sein Bus sollte in fünf Minuten kommen, meiner erst in einer halben Stunde. Ich wollte nicht in der Dunkelheit auf der menschenleeren Waldstraße stehen. Und so bin ich in der alten Kirche allein geblieben. Völlig unpassend erinnerte ich mich an den furchterregenden Gogolschen Erddämonen Wij. An seine eisernen Augenlider.
Es ist dunkel in dem alten Gemäuer. In der Dunkelheit krabbelt jemand. Und stöhnt! Vielleicht ruft mich Wij oder noch schlimmer – der tote Gogol… Der Kater läuft im Altarraum. Die Wände knirschen, der Schneesturm heult. Oder Wölfe? Zehn Kilometer von Moskau? Wer weiß. Russland ist eine Einöde, ureigene Mutter-Erde. Hier kann man eben auch Hexen, Zauberern und Wölfen begegnen.
Oder Schlimmerem. Vielleicht hat sich ein Halbtoter vom Friedhof hergeschleppt. Oder die Seelen der ermordeten Gefangenen suchen in der Umgebung nach Stalin, um seine Knochen zu brechen.
Ich habe mich umgekleidet und die Kerzen gelöscht. Ruhig trat ich aus der Kirche und begann die Tür abzuschließen. Hantierte mit den Schlüsseln und Löchern, da fühlte ich auf meinem Rücken einen Blick von jemandem. Als ich fertig war, drehte ich mich langsam um und erstarrte.
Was ich sah? Im ersten Moment – nur den Schneesturm, Bäume, schiefe Kreuze und schneebedeckte Gräber. Wenige Meter von der Kirche entfernt befand sich der kleine Glockenturm, eine zerplatzte Glocke hing auf dem Querbalken unter dem winzigen Dach. Unter der Glocke stand eine dunkle geflügelte Figur. Ein Dämon!
Er stand unbewegt und stierte mich an. Er war schwarz und groß. Der Schneesturm umwirbelte ihn wie ein Leichengewand. Ich blickte ihm ins Gesicht. In eine Leere. Ich erblickte mich selber in ihm. In mir kreisten tausende böse Geister. Zeigten mir ihre widerlichen Fratzen.
Nach ein paar Augenblicken drehte sich die düstere Figur um und ging in Richtung Kanal. Die riesigen schwarzen Flügel kratzten im Schnee, knickten die Zweige des gefrorenen Gebüsches. Er wandte sich nicht um, sprang seltsam auf, wie ein lahmer Vogel, der losfliegen will, es aber nicht kann. So verschwand er in der weißlichen Dunkelheit.
Ich ging zur Haltestelle. Erzählte daheim der Frau und den Freunden, was ich auf dem Friedhof gesehen hatte, aber niemand glaubte mir. Alle lachten und scherzten. Vater Ermilij verschwieg ich den Zwischenfall, ich wollte nicht, dass er mich für geisteskrank hält. Später erfuhr ich, dass an jenem Abend im nahe gelegenen Dorf ein Mord geschehen war. Betrunkene Kolchosbauern hatten eine Messerstecherei veranstaltet. Einer wurde tödlich verletzt. Der Mörder floh in seiner Raserei. Er hinkte und trug einen langen schwarzen Mantel. Die Miliz suchte nach ihm, fand ihn aber nicht. Erst nach einer Woche wurde er in einer Bierstube in Chimki geschnappt.
 
Einmal wurde Vater Ermili gerufen, um einer sterbenden Greisin die letzte Ölung zu geben. Ich begleitete ihn. Wir kamen in ein altes russisches Bauernhaus, gingen durch einen schmalen dunklen Flur. Gelangten in das Wohnzimmer. Im gelben Licht der altmodischen Lampe sahen wir Fernsehgerät, Sofa, Stühle, verblichene Teppiche.
Das Schlafzimmer. Hier standen das Federbett, ein Hocker, Nachttisch. Fotografien von Verwandten schmückten die Wände. Ein paar billige Papierikonen in der „roten“ Ecke. Bunte Ikonenlampen.
Wonach riecht das russische Bauernhaus? Nach unerträglicher Fäule. Und im Schlafzimmer roch es dazu noch nach Medikamenten, Kerzen, verschwitztem Bettzeug und Weihrauch. Die Sterbende röchelte. Um sie herum saßen Frauen, in Tücher gehüllt. Sie jammerten oder beteten.
Vater Ermili fühlte sich in dieser Atmosphäre wie ein Fisch im Wasser, er hatte seine Priesterkleidung angelegt, trat zur kranken Frau, redete zärtlich mit ihr, legte seine heilige Ausrüstung auf den kleinen Nachttisch und begann mit seiner Zeremonie. Die Tochter der Sterbenden begleitete mich zur Küche. Sie war schon nicht mehr ganz jung, um die fünfzig, abgearbeitet wie ein Zugpferd. Die russischen Frauen auf dem Lande altern schnell, sie haben ein schweres Leben hinter sich, kümmern sich nicht um ihre Gesundheit und ihr Aussehen. 
In der Küche saßen die Männer. Der große Tisch war mit einem blaukarierten Wachstuch bedeckt. Man schenkte mir ein halbes Glas Wodka ein. Ich durfte unseren Gastgeber nicht kränken, also trank ich wie die anderen. Dann aßen wir gekochte Kartoffeln, schwarzes Brot mit Zwiebeln und Salzgurken.
„Warte mal“, sagte mir der Mann der sterbenden Greisin, „Enkel Senka kommt gleich, bringt Krebse. Dann werden wir richtig essen.“
Er schenkte mir wieder ein. Ich trank. Mir wurde langsam leicht ums Herz. Der Gestank hatte aufgehört zu quälen. Die Muschiks waren freundlich. Das schmeichelte mir. Üblicherweise hielten die russischen Bauern einen Stadtmenschen für einen Fremden und benahmen sich ihm gegenüber verschlossen oder aggressiv. Das Gespräch drehte sich um den Basar, auf dem Senka Kaninchenfleisch verkaufte. Es wurde über Preise gesprochen, über andere Verkäufer, über korrupte Milizionäre, die „schlimmer als die Juden sind“. Ich schwieg und hörte zu, wollte erfahren, was und wie das sowjetische Volk spricht. Moskau war eine Insel. Das echte Russland fing außerhalb der Moskauer Ringstraße an. Im Fernsehen kam es nicht vor.
Senka kam. Mit mehr als fünfzig Flusskrebsen. Sie wanderten sofort in die Wanne mit Kaltwasser, dort mussten sie „baden“. Ein riesiger grüner Kochtopf mit Wasser wurde auf den Gasherd gestellt. Die Krebse sollten bei lebendigem Leib gekocht und dann sofort verspeist werden. Senka war schon besoffen, offensichtlich feierte er den Verkauf der Kaninchen. Er äußerte den Wunsch mit den Krebsen zu baden. Davon wurde er abgebracht, man bat ihn zu erzählen, wie es auf dem Basar war. „Ich bin erst am Nachmittag hin, damit die verfluchte Gesundheitskontrolle mein Kaninchenfleisch nicht inspizieren konnte. Diese korrupten Schweine kommen nur vormittags. Habe meine Tiere auf den Tisch gelegt. Zunächst wollte niemand etwas kaufen. Ich dachte schon – fährst nach Hause. Dann aber lief das Geschäft. Erst kam ein kahler Jude. Später – ein Jud mit seiner Jüdin. Sie kauften. Danach – ein junger Jud. Er kaufte gleich drei Kaninchen! Und auch später kaufte nur Judenpack, nur Judenpack!“, schluchzte Senka, so als ob er uns eine sehr traurige Nachricht überbrachte.
Inzwischen hatte Vater Ermili seine Prozedur beendet, setzte sich zu uns an den Tisch. Segnete das Essen. Trank ein wenig Wodka. Die Krebse wurden aus der Wanne gefischt. Es war schade um sie. Die armen Tiere wurden in das kochende Wasser geworfen. Dort sind sie schön geworden. Knallrot.
Wir tranken weiter. Ich esse nicht gerne Krebse. Es gibt zu wenig Fleisch an ihnen, man muss sie mit den Händen zerteilen. Ekelhaft. Vater Ermili aß sie auch nicht. Aus alttestamentarischen Gründen. Eigentlich hätten wir schon gehen müssen, aber wir wollten die Gastgeber nicht betrüben. Nach dem siebenten Glas Wodka verlor Senka den Verstand.
„Meine Brüder!“, brüllte er. Danach schaute er Vater Ermili an und lallte: „Entschuldigen Sie, heiliger Vater! Meine Brüder! Ich werde jetzt die Krebse essen. Aber bei lebendigem Leib! Wie die verfluchten Japse. Wer hat etwas dagegen?“
Man versuchte ihn zur Vernunft zu bringen. Erfolglos. Senka wollte nichts hören, er wankte in das Badezimmer, zu den Krebsen.
„Ach, verflucht, sie beißen!“, hörte man ihn aus dem Badezimmer. Danach erschien Senka in der Küche. In den Händen hielt er einen großen schwarzen Krebs, der schlaff seine Scheren bewegte und Blasen aus seinem Maul stieß.
„Gebt mir den großen Teller!“, schrie Senka. Der Teller wurde gebracht.
„Und gib mir Wodka!“
Der Wodka wurde eingeschenkt.
Senka trank tapfer aus und versuchte dem Krebs die Schere abzureißen. Es gelang ihm nicht, der erboste Krebs klemmte Senkas Finger ein. So stark, dass es blutete. Senka zog die Hand rasch zurück, der Krebs fiel zu Boden und kroch unerwartet schnell unter den Schrank. Von da an besorgte man es ihm mit dem Schrubber. Das bedauernswerte Tier wurde im Waschbecken gereinigt und landete im siedenden Wasser. Senka saugte am verletzten Finger und jammerte. Später hat er einen anderen Krebs gefangen und ihm die Schere abgerissen. Er legte den verwundeten Krebs auf den Teller. Der aber kroch sofort auf den Tisch, hob aggressiv seine zweite Schere. Man versuchte ihn zu fangen. Die betrunkenen Männer haben zwei Gläser und eine alte Tasse zerschlagen. Ließen Gabeln und den Teller mit Kartoffeln auf den Fußboden fallen. Chaos brach aus...
Senka zerbiss die Krebsschere, kaute demonstrativ laut das feuchte, weiße Fleisch. Er schmatzte und saugte den Saft heraus.
„Oh, mein Gott, Jesus!“, sagte die Tochter der Sterbenden, als sie in die Küche kam, „Senka, mein Söhnchen, was machst du? Pfui! Hast du keinen Respekt vor dem heiligen Vater?“
Vater Ermili und ich verließen das Haus.
Die Sterbende ist übrigens nicht gestorben. Sie kam später mit ihrem Mann zum Gottesdienst in unsere Siluschi-Kirche und stand brav die langen Liturgien des Vaters Ermili durch.
Tolja Kirejew wurde am Ende der Perestroika von Rowdys getötet.
Vater Ermili und Mutter Fotinja sind Mitte der Neunziger gestorben. Keine sechzig Jahre alt.
Senka wurde in der Putin-Ära Abgeordneter der Staatsduma. 

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