Igor Schestkow "Saschas Tod"

 
 
 
Sascha hat bis zu seinem sechsten Lebensjahr nicht gelächelt.
Das erste Mal lächelte er, als Großmutter ihm ein kleines Geschenk mitbrachte – drei Mandarinen und eine kleine Schokoladenmedaille in Goldfolie. Weder das eine noch das andere hatte er je gesehen. Er wusste nicht, wie man die Mandarinen isst, an der Medaille befestigte er einen Faden und hängte sie an einen Nagel. Bald riss der Faden und die Medaille rollte irgendwohin. Sascha fing an zu weinen. Sein strenger Vater schimpfte ihn mit heiserer Stimme wegen der Tränen aus und stellte ihn in die Ecke. Der Mutter tat er nicht leid, sie war gestorben, noch bevor Sascha drei Jahre alt war. Und Großmutter war nicht zu Hause.
Schon in der Schule nannte man Sascha einen Trottel. Er war lang, tollpatschig, apathisch. Schwer von Begriff. Die Lehrer gaben ihm Vierer statt Fünfer, weil sie befürchteten, dass er die Klasse wiederholen müsste, und sie sich weiter mit ihm abzumühen hätten. Nach der achten Klasse ging er in die Berufsschule, danach trat er ins Technikum für Maschinenbau ein. Auch dort lernte er nicht gut, aber irgendwie schaffte er es bis zum Abschluss.
In seiner Spezialausbildung – Automatisierung technologischer Prozesse und Produktionsverfahren – hat er niemals gearbeitet.
Er kam zur Armee. Die Altgedienten demütigten ihn, wie sie es mit allen Rekruten machten. Sascha reagierte träge. Ihn zu schlagen versuchten sie gar nicht erst. Saschas lange, hagere Arme, die großen Arbeiterfäuste, die knochige, unangenehme Figur und sein stumpfsinniges Gesicht luden keinen zu einer Schlägerei ein. Die „Alten“ tauften ihn „Gerippe“ und ließen ihn in Ruhe.
Nach der Armee ging er schließlich doch ins Leben hinaus. Ohne Wissen, ohne Fertigkeiten. Ohne Interessen, ohne Absichten, etwas zu erreichen. Doch das hinderte ihn nicht, in der sowjetischen Gesellschaft zu leben, im Gegenteil, es half. Die für viele Menschen seiner Generation fatalen Prozesse und Ereignisse, wie die mit den Siebzigerjahren einsetzende Emigration, der Afghanistankrieg, die Zerschlagung der Dissidentenbewegung durch den KGB, die Verbannung Solschenizyns ins Ausland, die Deportierung des Akademiemitgliedes Sacharow nach Gorki, die Perestroika und sogar der Zerfall der Sowjetunion – Sascha bekam sie einfach nicht mit. Er lebte, wie man so lebt. Trank, aß. Sah Fernsehen. Arbeitete als Lagerangestellter. Einmal im Jahr ging er ins Luschniki-Stadion, zum Fußball. War Dynamo-Anhänger.
Er heiratete. Lebte bei der Schwiegermutter. Ließ sich scheiden. Übersiedelte in die leer stehende Wohnung des Vaters (der lebte bei der vierten Frau). Kaufte ein Landhäuschen auf der Dmitrowskoe Chaussee. Dort baute er eine kleine Sauna. Er heiratete zum zweiten Mal. Zog zur Frau. Verkaufte das Häuschen. Zerlegte die Sauna. Ließ sich wieder scheiden. Begann ein Verhältnis mit Walja. Mit ihr lebte er bis zu seinem Tod. Kinder hatte er keine. An den Abenden zu Hause schwieg er. In der Arbeit hatte er nur mit endlosen staubigen Regalen und den Kisten Umgang. Er liebte die Kisten und Hebekräne nicht, er liebte seine eintönige Arbeit nicht. Kollegen, die das Ende des Arbeitstages mit ausgiebigen Zechgelagen feierten, konnte er nicht ausstehen. Er war frei von geheimen und offensichtlichen Lastern. Er träumte nicht. Er rauchte nicht einmal.
Im Jahr einundneunzig wurde das Lager an eine Privatfirma übergeben. Sascha flog raus. Im Chaos der neuen Zeit war es für alle schwer, Arbeit zu finden, aber für einen wie Sascha nahezu unmöglich. Es begann die Zeit der harten Männer, der Spekulanten und Banditen. Sascha gehörte nicht zu ihnen. Die Fähigkeit hart zu sein, besaß er nicht.
Er kaufte sich wieder ein Landhaus. Weit weg von Moskau, im Gebiet Wladimir. Er begann mit dem Bau einer Sauna. Legte einen Gemüsegarten an. Offenbar zog es ihn zur Erde. Er bezahlte für die Hütte 300 Dollar, die ihm vom Verkauf des ersten Hauses geblieben waren. Der Kauf erfolgte „laut Testament“. Ein rechtmäßiger Verkauf von Land war trotz der neuen Zeit verboten. Der Staat Russland war noch härter als seine Bürger und legte wie gewohnt seine schwere Tatze auf alles. „Laut Testament“ bedeutete, dass die tatsächliche Besitzerin des Hauses, Großmutter Darja, die bei der Tochter in der Stadt lebte, Sascha das Haus vermacht hatte und ihm erlaubte, dort zu leben, das Grundstück aber blieb im Besitz der noch immer nicht aufgelösten Sowchose „Leninbanner“, auf deren Territorium schon die Gemüseanbau-Kooperative „Kranich“ aufgetaucht war, wo merkwürdige Asiaten arbeiteten, die neben Rüben und Möhren auch falsche Jeans und das Parfüm der Marke „Schwarze Tulpe“ produzierten. Nach Saschas Tod kehrte Großmutter Darja in ihr Haus zurück, das Geld hatte sie sich eingenäht. Walja hatte es nicht verlangt.
In dem längst von den ursprünglichen Bewohnern verlassenen Dörfchen blieben nur zehn Hütten übrig. Sie vermoderten ohne Hausherrn und verfielen allmählich. In den unversehrt gebliebenen Häusern wohnten im Sommer Urlauber aus Wladimir. Aber im Winter wohnte hier niemand, außer Sascha, der ab und zu angereist kam, und dem einzigen ständigen Bewohner des Dorfes – Nikifor Petrowitsch, der Dreiäugige.
Dieser Dreiäugige war eine geheimnisvolle und unangenehme Persönlichkeit.
Sechzig Jahre alt. Witwer. Ehemaliger Auslandsjournalist. Wegen Trunksucht und Zynismus noch zu Breschnews Zeiten aus der zentralen Parteizeitung entlassen. Seither trat er in verschiedenen Rollen auf. Einmal war er ein Rowdy, ein Grobian, oder, wie er sich selbst bezeichnete, „ein Sozialrächer“. In diesen „roten“ Perioden fuhr der Dreiäugige mit seinem Motorrad „ISH“ samt Beiwagen durch die Gegend spazieren. Er schwang ein altes Gewehr und versetzte die Sommerfrischler aus den umliegenden Datschensiedlungen in Angst und Schrecken: „He, städtisches Hurenvolk, bald verbrennen wir euch alle, töten und verscharren euch! Ihr Missgeburten der Bourgeoisie. Ihr baut euch Datschen und glaubt, ihr könnt euch darin vor dem Zorn des Proletariats verstecken, ihr Scheißausbeuter! Plündert das Geraubte, Bauern und Arbeiter! Erhebt euch, Arme! Fürchtet euch, Reiche!“
Dann wieder war er Franz von Assisi. Hatte ein riesiges Kreuz um den Hals gehängt. Trug einen Sonnenhut aus Stroh. Predigte den Krähen auf den umliegenden Feldern. Sprach mit der Stimme des berühmten Moderators Lewitan: „Hoch lebe der XXIV. Parteitag und die stete Steigerung des Wohlstandes des Volkes! Wir sagen Partei und meinen Lenin. Denn Lenin ist jetzt lebendiger als alle Lebenden! Sofort sollen alle Lebensmittelkarten bekommen, die verfluchten Würstchen – vierhundert Gramm pro Fresse. Meine gefiederten Genossen, erklärt mir, wie ihr die führende Rolle unserer Partei und ihres Generalsekretärs, des Genossen Breschnew Israil Moisejewitsch, persönlich versteht. Sowchosen-Huren seid ihr. Habt ihr verstanden? Nichts habt ihr verstanden! Erschießen!“, befahl der Dreiäugige sich selbst mit schnarrender Leninscher Aussprache und feuerte volle Pulle Schrot auf die Vögel.
Und er spielte auch Tolstoi in Jasnaja Poljana. Ließ sich einen Vollbart wachsen, spazierte barfüßig in einem bodenlangen weißen Hemd im Dorf umher. Weinte demonstrativ, und wenn er von weitem Zuseher erblickt hatte, schlug er sich auf die Wangen und schrie: „Freiheit für Luis Corvalan, Angela Davis und für das vom Weltzionismus unterdrückte palästinensische Volk!
Sagt mir, Genossen, wann schütteln sie das Regime von Smith ab? Wann wird Schluss sein mit der Apartheid? Wer stürzt die Diktatur der Schwarzen Generäle?
Wer zerstört die Chicagoer Schule und das Bollwerk des Weltimperialismus – die Vereinigten Staaten von Amerika? Hört mir zu, Landsleute, dem letzten großen Schriftsteller von Mütterchen Russland! Tut Buße, denn das himmlische Reich ist nahe. Verteilt euer Geld an die Bettler und verpisst euch!“
Dann hörte er auf zu weinen und sich auf die Wangen zu schlagen, machte ein gruseliges Gesicht und brüllte aus vollem Hals, die friedlichen Wladimirer bis zum Tode erschreckend: „Viva Chunta! Viva General Augusto Pinochet! No Pasaran, Hurenvolk!“
Der Dreiäugige ließ Obdachlose bei sich wohnen. Man munkelte, dass sie dann „verschwunden seien“.
Im Sommer, wenn nebenan neugierige Urlauber wohnten, fuhr der Dreiäugige gewöhnlich weg oder gab seine Vorstellungen, spielte den Narren. Aber im Winter empfing er Gäste. Sascha bemerkte einige Male Landstreicher, die aus dem Beiwagen des Nachbarn zum Vorschein kamen, aber infolge seines phlegmatischen Charakters behielt er die Gäste des Dreiäugigen nicht in seinem Gedächtnis. Er schenkte ihnen keine Aufmerksamkeit. Er dachte nicht an sie.
Er dachte überhaupt nie an etwas. Er reflektierte nicht, analysierte nicht, er stritt nicht mit sich selbst oder mit eingebildeten Gegnern, er beklagte sich nicht, er prahlte nicht, er genoss keine angenehmen Erinnerungen seiner Seele, er erschreckte sich nicht mit Grausamkeiten. Sascha war im gegenwärtigen Moment gefangen. Er hatte der Beklemmung der Realität nichts gegenüber zu stellen. Vergangenheit und Zukunft existierten für ihn nicht. Nichts existierte für ihn, außer er selbst und seine unmittelbare Umgebung.
Arbeitslos geworden begann Sascha zu trinken. Mit Walja. Mit ihren Freunden. Aber am häufigsten allein im Dorf. Er saß da und trank, starrte die Wand an. An der Wand gab es nicht einmal Bilder. Hin und wieder krochen Schaben über sie. Sascha zerquetschte sie mit bloßer Hand.
Vier Hunde lebten bei ihm, einer dümmer als der andere. Sascha fütterte sie. Spielte mit ihnen. Als einer der Hunde starb, war Sascha nicht einmal verstimmt. Denn für ihn war es, als hätte der Hund nie existiert. Berühren konnte er ihn, aber gedanklich zu einem fremden Wesen durchzudringen war ihm, der so fest an sich selbst geheftet war, unmöglich. Dafür wäre die Fähigkeit zur Wahrnehmung, zur Abstraktion notwendig gewesen, die er nicht besaß. Sascha verscharrte den Hund im Gemüsegarten und fuhr fort mit den anderen Hunden zu spielen. Er goss ihnen etwas Wodka ins Glas. Die Hunde leckten das Glas aus, und es wurde ihnen übel. Sie liefen im Hof herum. Stießen sich an den Bäumen. Sie stürzten, winselten, machten Männchen. Sascha lachte nicht. Was ging in ihm vor?
Was geht in jedem von uns vor? Je tiefer der Mensch in sich selbst versinkt, desto unverständlicher, absurder wird für ihn sein eigenes „Ich“. Wie ein Tauchen in den Tiefen des Ozeans. Oben scheint noch die liebe Sonne, die Strahlen durchdringen die blaue Wasserschicht. Die bunten Fischchen schwimmen durcheinander, die Krabben kriechen. Aber in der Tiefe – nur Finsternis und gruselige, vor Millionen Jahren ausgestorbene Ungeheuer. Und ganz unten ist kein Gott, kein Teufel, sondern nur der Grund. Auf dem alle, die genug gespielt haben, sich als Sand und Kalk ablagern. Um dann zu versteinern. Sascha, dieser Märtyrer des Augenblicks, versteinerte schon zu Lebzeiten. Genauer gesagt, er war nie ins Leben geboren. Sein Körper kam aus dem Körper der Mutter heraus. Aber der wichtigste menschliche Wesenszug blieb in der Welt unbelebter Materie. Nicht in der Mutter, nicht im Vater. Im Nirgendwo. Im Plasma der Zeit. In jenem, aus dem die Welt entstanden ist. In vorewiger Leere.
Mit dem Dreiäugigen hatte Sascha keinen Umgang. Sprach nicht einmal mit ihm. Nickte ihm nur mürrisch zu, wenn er ihn traf. Und jener belästigte Sascha nicht. Er verstand, dass seine Gefühlsausbrüche diesen Griesgram nicht berühren. Am Tag von Saschas Tod war jedoch alles anders.
 
Es war frostiger Winter. Sascha hockte schon die fünfte Woche im Dorf. Ohne Telefon, ohne Fernseher, ohne Bad. Vor Kälte erstarrt. Er langweilte sich und beschloss, nach Moskau zurückzufahren.
Eine Flasche Wodka war noch übrig. Er hatte Lust zu trinken, aber man soll doch nicht immer alleine trinken. Sascha zog es zu Leuten. Aber woher diese nehmen? Gegen seinen Willen beschloss er zum Dreiäugigen zu gehen.
Das Haus des Nachbarn war nicht weit, nur über die Straße. Sascha zog die stinkenden, schwarzen Filzstiefel an, die vom Großvater Matwei, dem Mann von Großmutter Darja, der im Sumpf ertrunken war, übrig geblieben waren. Er hängte sich eine alte Wattejacke um die Schultern, auf deren Brust mit dickem weißem Faden „Verreck du Hündin in Mordowien“ gestickt war, zog die Fellmütze tief ins Gesicht, nahm die Flasche und trat aus der Hütte. Überquerte die Straße. Klopfte an die Tür.
Die Tür öffnete sich. Hinter ihr war niemand. Hatte sie sich etwa selbst geöffnet? Sascha ging in den Flur, dann in die Stube. Dort war es düster, eine alte Petroleumlampe stand auf dem Tisch. Sie leuchtete schwach. Ihr Licht verlor sich im Raum und an den schmutzigen Wänden verschwand es ganz. Als wäre es in sie eingesickert.
Außer dem Tisch mit der Lampe, Stühlen, einer riesigen Kommode und einem großen Eisenbett befand sich nichts im Zimmer. Plötzlich hörte Sascha eine Stimme: „Saschka, setz dich an den Tisch.“
Sascha setzte sich, wie befohlen. Stellte die Flasche vor sich hin.
Wieder sprach die Stimme: „Was hast du da? Ein Fläschchen Wodka? Und ich habe nur etwas Brot.“
Dann knarrte das Bett, und der Dreiäugige erhob sich, in einem langen Nachthemd. Er drehte den Docht in der Lampe höher. Es wurde etwas heller. Dann ging er in die Küche, holte Brot und zwei Gläschen. Er kam zurück, stellte alles auf den Tisch. Setzte sich Sascha gegenüber. Brach das Brot in Stücke. Entkorkte die Flasche, schenkte ein und trank, ohne ein Wort zu sprechen. Nahm einen Bissen. Sascha trank auch. Blickte dem Dreiäugigen ins Gesicht. Das Gesicht war nicht zu sehen. Dunkelheit.
Der Dreiäugige begann zu sprechen. Dieses Mal wählte er die Rolle des russischen Patrioten.
„Alle sprechen vom neuen Russland. Jelzin! Gaidar! „Tschuk i Gek“! Aber mir tut es um die UdSSR mehr leid als um den ermordeten Zaren. Man lebte arm, aber in Gleichheit. Konnte einander verstehen. Aber jetzt – jeder ist in seine Ecke gekrochen. Dort versteckt er sich, sitzt da und zittert. Denn findet man ihn, kriegt er eins auf den Deckel. Der Mensch ist dem Menschen ein wildes Tier geworden. Sie töten einander, wie die Neger. Die jüdische Zeit ist angebrochen. Jetzt nehmen sie die Macht in die Hand. Alles, was die Union erarbeitet hat, zerschlagen sie. Das Erdöl saugen sie aus, das Gas. Sie nehmen sich ihr Recht. Sie wurden verfolgt, daran erinnern sie sich. Dir, Sascha, tragen sie das nach, als hättest du an irgendetwas Schuld. Ich bin vor ihnen geflüchtet, hierher ins Dorf, aber ich fürchte, sie werden mich auch hier finden, mich hinauszerren und in Fesseln an die Wand stellen. Ich habe schließlich in der Prawda über sie geschrieben. Alles rufen sie mir ins Gedächtnis, die Blutsauger. Knochen für Knochen werden sie brechen. Die Zehen werden sie von den Füßen schneiden und in den Hodensack einnähen, diese Biester. Wie es sich für ihr Freimaurerritual gehört. Und dir, Saschenka, du einfacher russischer Bursche, werden sie den Judenstern aus der Haut auf dem Rücken schneiden. Kastrieren werden sie dich, mein Lieber. Und mit dem Stern aus deiner Haut schmücken sie ihre Synagoge und deinen Rücken bestreuen sie mit Salz und geben dir die Peitsche! Die Peitsche ins Fleisch! Bis zum Tod quälen sie dich!
Ich hatte eine Tante, Marusja. Eine stille Oma. Sie arbeitete in einem Taxiunternehmen. Als Putzfrau. Der Direktor dort war Jude und sein Vertreter war Jude und zu ihnen kamen lauter finstere Juden. Nun, und einmal kam Tante Marusja ins Zimmer des Direktors. Sie dachte, es sei niemand dort. Wollte saubermachen. Sie ging hinein und sah – rund um den Tisch sitzen Juden, und auf dem Tisch – ein Berg Gold, Ringe, Broschen, Perlenhalsketten, Smaragde und Diamanten. Sie lief davon. Aber sie kam nie nach Hause zurück. Die Taxifahrer erzählten, dass die ganze Nacht aus dem Keller ein Stöhnen zu hören war, dort nagten die Juden an Tante Marusja. Nicht einmal der Leichnam blieb übrig. Ihren gesamten Körper haben sie wie Ratten zerfressen. Und das Blut getrunken. Verurteilt wurde niemand für diese Tat. Die Bullen wurden bestochen. Wer setzt sich für uns, die Ärmsten, ein? Die Behörden sind alle von ihnen gekauft, sogar Jelzin, nicht Jelzin, sondern Jelzer – der Oberfreimaurer. Trismegistos, verdammte Scheiße! Verkauft Russland dem Westen. Wehe, wehe uns. Aber macht nichts, sollen sich die Scheusale ruhig hierher trauen. Ich halte das Gewehr für sie bereit. Soll ich es dir zeigen?“
Sascha antwortete nicht. Er hatte nicht verstanden, wovon der Dreiäugige gesprochen hatte. Er hörte auch nicht zu. Er hörte nur das Dröhnen des Raumes, das Murmeln der Dunkelheit in den Ecken. Und er dachte an nichts. Er trank einfach Wodka, kaute das Brot und schaute vor sich hin. Spielte mit den Bizepsen.
Da hörte Sascha zum ersten Mal ein schwaches Ächzen aus dem Nachbarzimmer. Er fragte: „Wer stöhnt denn da bei dir?“
„Kommt dir nur so vor, Saschok. Niemand, außer uns beiden ist hier in der Hütte. Vielleicht pfeift der Schneesturm? Oder deine Hunde haben zu heulen begonnen?“
„Meine Hunde heulen nicht. Sie schlafen.“
„Ich habe auch geschlafen, du hast mich aufgeweckt, aber ich freue mich immer über Gäste und ein Gast mit goldenem Wodka ist ein goldener Gast!“
Da fing wieder ein dumpfes Stöhnen an. Es war etwas in der Art: „Bindet mich los. Ich kann nicht mehr. Wasser!“ zu hören. Sascha stand auf und öffnete entschlossen die Tür zum Nachbarzimmer. Dort war es zwar dunkel, aber nicht so sehr, dass nicht zu verstehen gewesen wäre, dass dort niemand ist. Sascha kam zurück, ging hinaus in die Diele, betrat die Küche. Das Haus war leer.
„Willst du vielleicht in den Keller hinuntersteigen? Herzlich willkommen, der Eingang ist in der Küche. Öffne und schau nach! Ich bleibe hier, damit du nicht was Falsches denkst.“
Sascha öffnete die quadratische Luke des Kellers in der Küche. Es war nichts zu sehen. Tastend fand er auf dem Küchentisch Streichhölzer. Zündete ein Streichholz an und stieg auf dem wackligen Treppchen hinunter. Und erst dann konnte er etwas erkennen. An der Wand hing ein gekreuzigter Alter, ein Landstreicher. Zottig wie ein Waldgeist, in schmutziger alter Kleidung.
Da schloss sich der Deckel zum Keller über Saschas Kopf mit einem widerlichen Krachen. Sascha begriff nicht sofort, welche Dummheit er begangen hatte. Er stieg die Treppe hinauf und begann mit den Händen an den Deckel zu schlagen. Von oben ertönte es: „Klopf nicht unnütz, sitz ein Stündchen, und ich überlege mir, was ich mit dir Dummkopf anstelle.“
Durch Tasten fand Sascha im Regal eine Packung Kerzen, er riss sie auf, zündete eine Kerze an und befestigte sie auf einer Kiste vor dem Gekreuzigten. Sascha begann ein Messer oder eine Schere zu suchen. Fand nichts. Er zerschlug eine leere Flasche, die ihm in die Hände gefallen war und durchschnitt vorsichtig mit einer Scherbe die Stricke, befreite Hände und Füße des Landstreichers. Kraftlos fiel der Alte auf ihn. Sascha setzte ihn auf den Boden und fragte: „Du, was machst du da, Onkel?“
Der Landstreicher antwortete stöhnend: „Gib mir zu trinken, lass Gnade walten.“
Im Keller gab es jedoch kein Wasser. Sascha brüllte nach oben: „Gib Wasser her, Dreiäugiger!“
Von oben raunte es: „Du kannst mich mal!“
Sascha verstand, dass es nichts zu verlieren gab, und stemmte sich mit voller Kraft von unten gegen den Deckel der Luke. Nicht sofort, aber allmählich gab sie nach, begann zu knirschen und flog dann weit auf. Sascha kroch heraus und zerrte den Landstreicher nach oben. Er fürchtete, dass der Dreiäugige mit dem Gewehr auf ihn feuern würde. Aber er tauchte nicht auf. Sascha gab dem Alten zu trinken, beruhigte ihn, durchsuchte die Hütte. Der Dreiäugige war über alle Berge. Sascha beschloss, ihn auf der Straße zu fangen und zu fesseln. Und morgen bei Tageslicht würde er ihn zur Miliz zerren. Er zog mit Mühe seine Wattejacke an und ging auf die Straße hinaus. Er fand keine Spuren im Schnee. Von Weitem hörte er das sich entfernende Brummen des Motorrades. Der Dreiäugige hatte sich davongemacht. Sascha beruhigte sich, niemand musste mehr erwischt werden. Er verließ den Nachbarhof, überquerte die Dorfstraße, öffnete die Pforte und steuerte auf sein Außenklo zu.
In dem Moment, als Sascha die Tür öffnete, bekam er von hinten mit etwas Schwerem einen heftigen Hieb versetzt. Saschas Fuß rutschte auf der vereisten Stufe aus. Er fiel hin und prallte mit der Stirn gegen die Tür des Scheißhauses. Zu seinem Unglück ragte aus ihr ein dicker rostiger Nagel ohne Kopf hervor. Schon lange wollte Sascha ihn herausziehen, hatte es aber nie in Angriff genommen. Der Nagel trat genau in eine Ecke des Auges, direkt bei der Nasenwurzel ein, mit einem Knirschen durchstieß er etwas und gelangte ins Hirn. Dann warf es Sascha mit entgegengesetzter Kraft wieder hoch, der Nagel ging aus dem Auge heraus und Sascha saß im Schnee mit dem Rücken zur Wand.
Da taucht ein riesiges Schneefeld vor Sascha auf. Der Wind fegt über das Feld, trägt Schnee davon. Am Himmel – grauer Nebel. Die Wälder nicht sichtbar. Als würde Sascha dasitzen, auf diesem Feld, direkt auf der Erde, nackt. Und kalt ist ihm, wie er da sitzt. Er will um Hilfe rufen, aber die Stimme löst sich nicht aus der Kehle. Er bemüht sich krampfhaft aufzustehen, aber er kann nicht. Da wird es plötzlich heller auf dem Feld. Und schon bald überflutet ein blendend weißes Licht Sascha und das verschneite Feld und die ganze übrige Welt. Wie ein eisiger Luftzug geht der Strom der Zeit durch Sascha hindurch. Dann umhüllt ihn der Strom, hebt ihn hoch, trägt ihn mit sich fort zum Nordpol, zur Schneekönigin aus dem Zeichentrickfilm. Sascha sieht die Königin an, lächelt ein zweites Mal in seinem Leben und stirbt.
 
Saschas Körper fand man erst nach fünf Tagen. Er war weiß, gefroren. Nur hinten am Hals war ein dunkelblauer Fleck und aus einem Auge war etwas Blut und Hirnmasse geronnen. Er lächelte. Die Hunde heulten, in der Hütte eingesperrt. Als man sie herausließ, liefen sie in den Hof hinaus, das Herrchen bemerkten sie nicht. Ein Hund wollte sogar auf den Gefrorenen pinkeln. Er wurde verscheucht.
Dann vernahm man den Dreiäugigen. Er bekräftigte, dass er in der letzten Woche in der Hütte gehockt habe, nicht hinausgegangen sei. Hatte anscheinend gesoffen und Radio gehört. Als man ihn fragte, was er zum Tod von Sascha sagen könnte, antwortete er mit der weiblichen Stimme: „Ich bin nicht schuld! Er ist selbst gestorben.“
Mit dem Dreiäugigen zu sprechen war vergeblich. So wurde niemand klug daraus, wer und warum jemand Sascha getötet hatte. Der Milizionär schrieb in der Rubrik „Todesursache“ – Unglücksfall. Den Körper übergaben sie der aus Moskau angereisten Walja. Die Miliz rauschte ab.
Im Frühling fand man im Nachbarwald den entstellten Leichnam des alten Landstreichers. Er wurde beerdigt, eine Akte legte man nicht an. Er ist tot und basta. Wer braucht ihn schon? 
 
 
 
 
Übertragung aus dem Russischen: DAJA

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