Igor Schestkow "Rendezvous"

 
 
 
Sie rief mich in der Arbeit an. Der bejahrte dicke Pronow schmunzelte und reichte mir den Hörer.
„Eine Dame für dich!“
Er verzog sein Gesicht und schaute vielsagend zur Dwinskaja. Die lächelte schief, hob verächtlich die Schulter und sagte giftig: „Dima soll noch einmal zur Zahnärztin!“
„Zum Gynäkologen“, erwiderte Pronow mit einem unangenehmen Grinsen.
Und mir pochte das Herz, als das Telefon schrillte. Sie?
Wie können wir wissen, wer uns anruft? Ein Geheimnis! Du denkst an jemanden. Und da klingelt es auch schon. Oder umgekehrt. Du rufst an, und sie sagt dir: „Gerade habe ich an dich gedacht.“
Die Physiker lügen. Es muss einen Äther geben, der unerkennbar für wissenschaftliche Geräte die Gedanken und Emotionen von Lebewesen überträgt. Ohne Elektromagnetismus. Und dieser Äther füllt das gesamte Universum aus. Kann es diese geheimnisvolle, unsichtbare, dunkle Materie sein?
Ich nahm den Hörer und fragte leise, das Mikrofon mit der Handfläche geschützt: „Du?“
„Ich.“
Schweigen.
Ich presste die Zähne zusammen und versuchte nicht zu heulen. Die Jagdhunde mussten von ihrer Spur abgebracht werden. Mit geschäftlichem Ton sagte ich: „Nein, Marija Wiktorowna, ihre Tochter ist noch nicht genug für die Prüfungen vorbereitet. Ich denke, dass sie noch mindestens drei Monate Nachhilfe nehmen muss. In Geometrie hapert es und Algebra sollte auch aufgefrischt werden.“
„Was sagst du da? Ach du lieber Gott, ich verstehe. Bin ich eine Närrin! Also, sprich, denk dir etwas aus!“
 „Die Ungleichungen? Das ist ein schwieriges Thema. Zwei Stunden sind viel zu wenig. Mindestens einen Monat oder länger.“
„Mein Lieber, sprich schneller! Gleich kommt jemand ins Zimmer. Ich vermisse dich. Ich warte auf dem Leninski Prospekt. Wie immer. Beim „Spartakus“. In einer Stunde. Du hast mich bestimmt vergessen!“
„Nein, natürlich nicht. Wie können Sie so denken? Ich habe Ihre Tochter nicht vergessen! Im Gegenteil! Was sagen Sie, Marija Alexandrowna? Die Kontrollarbeit ist schon morgen?“
„Wir wissen, wie du Algebra auffrischst! Den Vatersnamen nur zweimal gleich auszusprechen, sogar darum bemühst du dich nicht!“, zischte die Dwinskaja und blickte mich eifersüchtig an.
„Sie haben Recht, selbstverständlich muss man noch was tun. Heute noch. Wenigstens eine Doppelstunde. Wann? In einer Stunde! Ich weiß nicht, da muss ich erst Leonid Leonidowitsch fragen. Wenn er nichts dagegen hat, dann bitte. Ja, gegen vierzehn zwanzig. Beim Hauseingang neben dem „Spartakus“. Alles klar.“
Jetzt muss ich den Chef bearbeiten. Das ist nicht so schwierig. Obwohl, manchmal geht er sinnlos wegen irgendeiner Bagatelle an die Decke. Unser Chef scherzt und lacht gern und mitunter äußert er sich sehr vernünftig: „Nachmittags sollte ein anständiger Mensch ein Stündchen schlafen, dann einen süßen Tee trinken. Tja, mit einem Pilzauflauf. Und hier sitzt du, sitzt und sitzt, wie ein Pinguin auf Eiern, und brütest doch nichts aus.“
Nicht selten verließ er nach dem Mittagessen die Arbeitsstelle. Sobald er die Tür hinter sich geschlossen hatte, verminderte sich unsere tägliche Anstrengung. Es ist angenehm, wenn dich niemand beobachtet und kontrolliert. Da könnte man sich sogar mit der Wissenschaft beschäftigen. Unsere Damen zogen das Teetrinken vor. So schwatzten sie manchmal stundenlang.
Der Sozialismus ist Himbeere mit Schlagsahne für gute Menschen. Und eine Strafanstalt, wenn energische Schurken alles in der Hand halten.
„Leonid Leonidowitsch, die Mutter einer meiner Schülerinnen hat mich angerufen. Sie bittet um zusätzlichen Nachhilfeunterricht für ihre Tochter. Geben Sie mir bitte drei Stunden frei. Ich habe noch Überstunden für zwei Tage.“
„Überstunden? Hast du mich beruhigt! Danke! Also, flieg ab, du junger Star. Gib ihr Unterricht beim Spartakus! Tja. Es ist auch für mich langsam Zeit zu verschwinden, muss noch Milch und Käse für meinen Kleinen auftreiben.“
Unser Chef ist pures Gold! Der ehemalige Flieger, der Stalinfalke. Später – der Gelehrte. Der Preisträger irgendeines staatlichen Preises. Laborchef mit Morbus Alzheimer. Aber voller Mitgefühl für seine Untergebenen. Bei weitem nicht die schlimmste Variante. Vor zwei Jahren überraschte er alle. Er hatte zum vierten Mal geheiratet. Und schon nach einem Monat bekam der Siebenundsechzigjährige Familienzuwachs. Sohn Mitja wurde geboren. Die Mitarbeiter unseres Labors tratschten gern über dieses pikante Thema. Alle bedauerten den Alten. Seine vierte Frau mochten sie nicht. Sie war viel jünger als die Chefkinder aus erster Ehe. Hinter dem Rücken wurde sie „die tatarische Gastarbeiterin“ genannt. Die für die polizeiliche Anmeldung in Moskau „den Alten gefangen hatte und vom Briefträger schwanger geworden war“.
Bevor ich aufbrach, ging ich zur Dwinskaja: „Hast du nicht alle? Tausendmal haben wir alles besprochen. Warum blamierst du mich?“
„Ich finde es ekelhaft, wenn du lügst.“
„Ich lüge nicht, du weißt, dass ich bei meinem Gehalt ohne Nachhilfestunden vor Hunger verrecke.“
„Ich kenne deine Nachhilfe! Du hast mir genug davon gegeben!“
„Und ich kann sie dir noch immer geben. Warte bis die Wohnung frei ist. Dann reden wir darüber. Oder vielleicht treffen wir uns bei dir? Machst mich bekannt mit deinem geliebten Ehemann. Mit deiner Frau Mutter.“
Die Dwinskaja schwieg. Sie konnte zischen wie eine Schlange, aber wenn man ihr auf den Schwanz trat, wurde sie zahm. Gerade deshalb hat sie mir damals gefallen. Schon vier Jahre ging dieses Techtelmechtel. Sollte das längst einstellen. Ich Waschlappen.
Als ich aus dem Institut trat, entschied ich, zu Fuß zu den Leninbergen zu gehen bis zur Aussichtsplattform. Und von da aus, sind es mit dem Trolleybus Nummer sieben noch zehn Minuten bis zum „Spartakus“. Schlecht dabei ist nur, dass der Schnee nicht vom Fußweg entfernt wurde. Bis zum Knöchel dringt er in die Schuhe, die Füße werden nass. Dann kommt der Schnupfen. Na, und? Es ist angenehm, in der Kälte spazieren zu gehen. Schon die Abwesenheit der Kollegen erheitert das Herz wie ein Glas Sekt. Jeden Tag dieselben lästigen Fratzen. Wie in der Kaserne.
Es ist noch nicht dunkel. Man will das Licht sehen! Normalerweise gehst du vor der Morgendämmerung zur Arbeit und kommst nach Sonnenuntergang nach Hause.
Im Labor dringt zwar blasses Tageslicht durch die Fenster, aber es erfreut dich nicht. Zu dicht ist die sowjetische Finsternis.
Mit sich selbst zu plaudern, das ist gut. Man denkt beim Spazierengehen leicht und heiter. Du läufst und guckst, als ob du aus einem Zugfenster die Welt betrachtest.
Also, worüber reden wir?
Natürlich über sie! Mit mir selbst? Mit wem sonst darf ich über sie sprechen? Mit meiner Frau vielleicht? Sogar mit meiner Mutter nicht. Sofort würde sie mich mit ihren Lebensweisheiten quälen: „Wie oft habe ich dich gewarnt! Verheiratete sind schwermütig. Und wenn du schon geheiratet hast, mache wenigstens das Leben deiner Frau nicht kaputt! Ihr habt ein Kind!“
Welches bei ihr übrigens keinerlei Beachtung findet.
„Hüpf nicht zu fremden Weibern ins Bett!“
Ich hüpfe nicht, sie kann sich beruhigen, ich hüpfe nirgendwohin. Wo lässt sich in Moskau denn ein Bett finden? Wir sind nicht in Paris! Dort stehen in jeder Absteige die Betten von fremden Frauen. Aber das ist Moskau. Kälte und Eis. Acht Monate im Jahr kannst du nicht einmal auf einer Bank sitzen, der Hintern friert dir am Holz an.
Und der Großmutter darf ich auch nichts über meine unglückliche Liebe erzählen. Sie würde zwinkern und sagen: „Du kommst nach deinem Großvater. Was treibt euch? Die Hummel im Arsch?“
Und später würde sie gefühlvoll ergänzen: „Heute bedauere ich es, dass ich deinem Großvater ein Leben lang treu gewesen bin. Wie sehr ich geliebt wurde! Aber ich fürchtete mich, dachte immer an die Kinder. Ich Närrin! Aber du, Klugscheißer, du musst deine Frau lieben. Sie ist ein Diamant. Sie ist klug, fleißig und freundlich. Ich habe dich gewarnt, und jetzt: Hier ist dein Ellbogen, aber ihn beißen kannst du nicht! So ist das!“
Und der Großvater? Er würde darüber überhaupt nicht diskutieren, nur feststellen: „Du bist noch zu jung, um untreu zu werden. Wenn du fünfzig bist, dann werden wir sehen.“
Ja, wir werden sehen. Gott, fünfzig Jahre! Mit fünfzig bist du kein Mensch mehr, sondern ein lausiger Affe! Meinen Kollegen sieht man es schon an. Der ehemalige Komsomolleiter Setschew klärte mich auf über den Stand der Dinge: „Weißt du, diese Sachen hören schon mit vierzig auf! So, Freundchen. Grüßchen!“
Vielleicht hatte er gelogen. Oder auch nicht? Doch, bei ihm hatte bestimmt alles aufgehört. Er war nur auf seine Parteikarriere aus und auf Konsum. Er wechselte deshalb sogar seine Wohnung, um dem Jasenewo-Kaufhaus näher zu sein. Nachdem er das Labor verlassen hatte, fanden wir in seinem Schreibtisch mehrere Schubladen voll mit Ehrenurkunden. Pfundweise. Alles für das Vorbild Setschew. Er hatte Auszeichnungen bekommen und ließ die ganze Makulatur zurück, als er auf seiner Karriereleiter weiter nach oben stieg. Die Dwinskaja und ich, wir haben den Kram eingepackt und zu ihm per Post nach Hause geschickt. Zum Spaß. Als Absender schrieben wir: „Parteikomitee der Staatlichen Universität Moskau“. 
Setschew wurde nach Kuba gesandt.
Um Wissenschaft für Castro zu machen und die dort lebenden sowjetischen Menschen zu bespitzeln. Dort schrieb er Denunziationen, ich denke, nicht nur mit den Händen, sondern auch mit den Füßen.
Er erzählte mir: „Du, Dima, stell dir vor, die Fische an Kubas Küste haben vor Menschen keine Angst. Du schwimmst zu ihnen hin, es stört sie nicht. Jeden Tag habe ich mit der Harpune stundenlang die schönsten Exemplare herausgeholt. Schleppte sie eimerweise nach Hause. Nur wussten wir nichts mit dem Fisch anzufangen. Sogar die Katzen wollten ihn nicht mehr fressen. Wir warfen ihn schließlich in den Müll, wer weiß, vielleicht war er giftig.“
„Tat es dir nicht leid um den Fisch? Um das Lebewesen?“
„Warum sollte es mir leid tun, es war nicht unser Fisch!“
„Kein sowjetischer, oder was?“
„Na klar.“
 
Mein bester Freund Aljoscha neckte: „Hamster, Hamster!“
So nennt er meine Lana, wegen ihrer Wangen und ihres kleinen Doppelkinns.
Bei manchen Frauen ist es so, dass sie kein Fett am Körper haben. Aber ein opulentes Gesicht, mädchenhaft wie ein Backfisch. Die Haut ist sehr dünn, empfindlich, man sieht sogar Blutgefäße. Muttermale überall. Solche Frauen weinen bei jedem Anlass. Ebenso lachen sie häufig. Dafür sind sie sehr erregbar. Aber abhängig: Auf Feuer antworten sie mit Feuer. Und selber sind sie wie Wasser bei Zimmertemperatur.
Aljoscha ist ein Zyniker, aber nur in Worten. Er mag meine Frau sehr.
„Du Dima“, scherzte er, „bist ein Snob, deine Nelja – ein Engel.“
Wenn er sie so liebt, warum heiratet er sie dann nicht. Er ist dreißig Jahre alt und lebt allein. Meine Frau ist ein Engel. Aber manchmal will man vom Engel weg zum Hamster. Zartes Fell streicheln. Engel haben doch nur weiße Federn. Mit ihnen kann man nur über Göttliches reden. Nelja klagt gern. Nimmt mich beim Wort. Erzieht und belehrt mich. Ich mag das nicht, obwohl sie immer recht hat.
Ich werde durch ihre Worte nicht besser. Sie ist meine Anklägerin.
Lana aber ist meine Verteidigerin, sie ist selbst eine Sünderin. Eigentlich ist es für sie grundsätzlich egal, mit wem sie die Liebe dreht. Heute hat sie mich auf ihrem Weg getroffen. Morgen wird es ein anderer sein. Aber das ist für mich nicht wichtig, weil ich genauso bin. Kann sein, dass mein Herz gerade deswegen so weh tut.
Kennen gelernt haben wir uns neben dem Pasternak-Grab in Peredelkino. Romantisch! Meine Freunde hatten mir damals „Doktor Schiwago“ kopiert. Ich las den Roman zweimal. Er berührte mich.
Nicht die Liebesgeschichte, nicht die Überlegungen, nicht einmal die Poesie, sondern die allgemeine Struktur. Die Komposition. Die Zusammenhänge des Lebens. Der Weg ins Nichtsein. Orchestriert wie die letzten Mahler-Sinfonien. Die Themen entwickeln sich und verstummen langsam, im Spiel der Variationen.
Nach dem Lesen zog es mich zum Grab des Autors. Ich kam an. Dort stand eine Frau. Neben dem weißen Stein. Allein. Schlank. Jung.
„Heißen Sie zufällig Lara?“
„Fast erraten: Lana.“
Wir gingen zusammen zur Zugstation. Fuhren bis zum Kiewer Bahnhof. Sie musste ins Institut auf dem Leninski Prospekt. Ich begleitete sie. Wir begannen uns zu treffen. Nicht häufig. Wir schlenderten in Samoskworetschje. Besuchten auch den Gorki Park, waren im Donskoi-Kloster. An warmen Tagen saßen wir auf der Bank unter einem Ahornbaum. An kalten gingen wir ins Kino. Meistens in das „Illusion“ auf der Kotelnitscheskaja Uferstraße. Manchmal küssten wir uns.
Sie hatte Familie, Mann und Kind. Scheiden lassen wollte sich keiner von uns. Beide waren wir Egoisten. Eine banale Geschichte. Ohne Fortsetzung. Nur mit Tränen. Alles verstehst du, über alles legst du klar Rechenschaft ab. Du machst keine Dummheiten. Und es ist dennoch sehr schmerzhaft. Und schön.
So kam es vor, dass du am Abend wie gewöhnlich den Tag verabschiedest. Vor dem Schlaf spielst du mit deiner Frau. Und dann, wenn alles schläft, nur der Schneesturm in der Straße heult, dann liegst du da und träumst. In deinem Traum bist du körperlos. Du schläfst nicht weiter im warmen Bett, sondern verlässt frei wie ein Dämon deine kooperative Hundehütte. Du fliegst empor und fliegst, fliegst durch die Nacht. Langsam. Erst über den Moskauer Ring. Dann entlang der Eisenbahn.
Unter dir sind Häuser, Wald, verschneite Felder.
Hinter dir Moskau, schimmernd wie ein leuchtender Teppich. Über dir das Sternbild des Orion. Wenn du willst, kannst du auch dorthin fliegen, aber was sind für dich die Sterne, die Galaxien und der übrige Staub im Vergleich zu den Augen deiner zarten Geliebten? Nein, du fliegst dorthin, nach Peredelkino, zum alten Holzhaus zwischen den Kiefern.
Ins Haus einzutreten bleibt mir jedoch verwehrt. Dort schläft Lanas Mann und vertreibt mit seinem Schnarchen böse Geister. Ich verwandele mich in eine riesige Krähe. Mit grünen Augen. Ich lande am Fenster, schaue ins Schlafzimmer, ich krächze und klopfe mit dem Schnabel ans Glas. Lana erhebt sich vom Bett und schwebt zu mir. Dem grünen Licht entgegen.
Zwei riesige Höllenvögel fliegen über den Kiefern. Sie fliegen in ihr himmlisches Nest. Auf die dunkle Seite des Mondes.
Also, hier ist schon die Aussichtsplattform.
Rechts – die Sprungschanze. Links – die Dreifaltigkeitskirche. Ich trete an die Granitbrüstung heran. Das Jungfrauen-Kloster ist gut sichtbar, der Kreml versteckt sich im Nebel. Drittes Rom.
Unten sind Bäume. Ihre schwarzen Zweige glänzen. 
Der Trolleybus kommt. Ich mag die Linie Sieben, man bekommt dort immer einen Sitzplatz. Muss nicht im Gedränge fremden Schweiß riechen. Die Fahrkarte. Die Sitze sind kalt, aber ich fahre nicht lange. Der Palast der Pioniere. Das Hotel. Leninski Prospekt. Da steht sie, auf der anderen Seite. Wunderschöner Pelzmantel mit Fuchskragen. Ein bisschen provinziell. Was hat sie in den Händen?
Ich bin aus dem Trolleybus hinausgesprungen. Bin losgerannt. In den Fußgängerdurchgang hinabgestiegen. Uh, wie tief. Jetzt gehe ich langsamer. So gut ich eben kann, stelle ich einen entspannten Dandy dar. Trotz Herztrommeln.
„Lana, meine Liebe.“
„Dima, ich warte schon zwanzig Minuten. Ich bin früher gekommen, ich dachte, du würdest es erraten. Und kommst auch eher.
Küsse mich nicht, hier könnten uns meine Kollegen sehen. Warte, du Ungeduldiger. Wir verstecken uns im Park. Weinst du?“
„Nein, ich weine nicht, es ist der Schnee an den Augen. Aufgetaut.“
„Meine Hände sind eisig, wärme sie mir!“
Ich nahm ihre Hände in meine. Lana hatte rosafarbene, unförmige Finger. Die weißlackierten Nägel waren unschön breit. Deswegen mochte ich ihre Hände so. Meine Frau hat adlig schmale Finger, aber sie gehören nicht zu mir. Weil sie mich nicht liebt. Ich drückte Lanas Hände an meine Lippen, küsste und wärmte sie. Wir kamen vom lärmenden Prospekt in den „Nichtlangweiligen Garten“.
Schön war es hier. Noch Winter, aber der Frühling ließ sich bereits ahnen. Die Bäume sahen schon anders aus. Sie wachten auf. Die Knospen begannen zu schwellen. Der Schnee war schwerer und nasser geworden und an manchen Stellen herabgefallen. In der Luft hing kalte Feuchtigkeit. Am Himmel zeigte sich Bläue.
„Sie ist zu fühlen. Die neue Klarheit. Die Sauberkeit in der Luft. Etwas hat sich verändert in der Natur. Dort unter dem Schnee, in den Wurzeln und den Stämmen brodelt neues Leben. Der März. Moskau hat immer einen wahnsinnigen März.“
„Dima, du bist den ganzen Winter in Moskau gewesen. Bei uns im Dorf war schon Ende Februar das erste Tauwetter. Ich habe das Wasser von den Zweigen gesammelt und mich damit gewaschen. Großmutter sagte, wer sich mit dem ersten Tauwasser wäscht, der wird glücklich.“
„Bist du etwa unglücklich?“
Nein, ich bin glücklich. Mit dir.“
„Was erwartest du noch vom Leben?“
„Man wartet immer auf das, was noch nicht war.“
„Nichts war, alles, alles ist immer neu. Was hast du in deinem Päckchen?“
„Ach, nichts. Irgendwelche Diagramme. Ich konnte nicht so grundlos weggehen! Ich sagte, dass ich zum Präsidium gehe und dann zur Bibliotheksfiliale. Unser Eduard ist beinahe durchgedreht. Selber fehlt er wochenlang. Eine Erholung für uns.
Und dann kommt er, beschimpft alle, kränkt uns, droht uns und zwingt uns, die Laborversuche zu wiederholen. Danach bittet er um Entschuldigung. Zu Talkina sagte er gestern, kommen Sie bitte, Ljudmila Nikolajewna, am Abend zu mir nach Hause und bringen Sie bitte Bettwäsche mit!“
„Er hätte sie noch bitten können, Seife und Präservative mitzubringen.“
„Er spricht nicht so, weil er ein Grobian ist. Er ist nur weltfremd, er weiß nicht, was man einer verliebten Kollegin sagen darf und was nicht.“
„Talkina weinte und quälte mich zwei Stunden lang! Was konnte ich ihr sagen? Dann hat sie sich doch entschieden, nahm die Wäsche und fuhr zu Eduard. Und heute war sie leise und geheimnisvoll. Alle unsere Klatschmäuler versuchten Einzelheiten aus ihr rauszuquetschen. Aber sie schwieg. Errötete wie eine Tomate.“
„Dir hat sie auch nichts erzählt?“
„Mir schon.“
„Also, was hat er gemacht? Wie ein Hahn gekräht oder ist er wie ein Frosch gehüpft?“
„Versprichst du, es niemandem zu sagen?“
„Du meine Güte, wem sollte ich davon berichten? Ich kenne weder Eduard noch Talkina. Pionierehrenwort!“
„Ohne Kreuze?“
„Ohne Kreuze!“
„Du wirst es niemandem, niemandem sagen?“
„Nein, zum Himmel!“
Lana flüsterte mir etwas ins Ohr. Dann schnellte sie zurück und drückte ihre Hand auf den Mund. Ich vernahm nur: „Und dann bat er sie zu.“
„Was hast du gesagt?“
„Er ist schon sechzig! Er ist korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Professor. Sein Sohn ist auch Dozent.“
„Ich habe gar nichts verstanden.“
„Um so besser. Wer viel weiß, lebt kürzer.“
So habe ich nichts erfahren über Talkina und Eduard. Kein Problem. 
„Die ganze Zeit lässt mir der Film keine Ruhe, den wir vor einer Woche gesehen haben.“
„Ah, Marco Ferreris „Dillinger ist tot“.“
„Ich verstehe ihn nicht. Er hat doch alles. Freiheit. Reichtum. Warum dreht er durch? Weshalb tötet er seine Frau?“
„Sie musste getötet werden. Sie war eine Bremse. Oder ein Symbol. Sie liegt, sie jammert, die ewige Grippe. Völlige Erschöpfung. Und das Dienstmädchen? Es zeigt Lebenswillen. Interesse. Wenn auch nur für das Geld.“
„Dir ist alles trallala. Und mich hat es tief beeindruckt.“
„Nichts ist mir trallala. Es gibt eine Binsenweisheit: Das Leben bringt dir nur dann Freude, wenn du nach etwas strebst. Wenn du auf dem Weg bist!
Du arbeitest. Du kämpfst. Es ist nicht wichtig, ob für eine Idee oder für eine Frau. Und wenn du alles erreicht hast, dann zerfällt wieder alles. Es gibt etwas, das wir Menschen lieber nicht wüssten. Über uns selbst. Die negative Erfahrung.“
„So etwas wie eine vorprogrammierte Sackgasse?“
„Ja, so kann man es nennen. Die Sackgasse des Erfolges. Auf nervöse Menschen wirkt sie fatal. Du legst zum Beispiel all deine Kraft in deine Karriere. Du bist erfolgreich. Dann aber beginnst du seltsamerweise dich und das, was du erreicht hast, zu zerstören. Und landest auf einem Scherbenhaufen. Deshalb mache ich keine Karriere. Ekelhaft ist es, alles im Voraus zu wissen.“
„Deine liebste Ausrede! Und warum hat er Erbsen auf den Revolver gezeichnet?“
„Wegen des Designs. Des dortigen Wahnsinns. Uns rettet der Kommunismus von dieser Plattheit. Obwohl es bei uns in Mode ist, auf weißem Kattun blaue und grüne Erbsen zu drucken. Bei uns wirkt es armselig und dort reich und geschmackvoll. Aber Unheil verkündend.“
„Willst du aus der UdSSR auswandern?“
„Ich weiß nicht. Ich schmiede nicht gern Pläne. Ich lebe auch in der Prostration. In der Jahrzehnte dauernden Ohnmacht. Wie wir alle. Ich sehe dich und schon bin ich glücklich. Als ich jünger war, wollte ich in Paris oder in New York leben. Und jetzt zieht es mich nicht mehr in die Ferne.“
„Und wohin zieht es dich?“
„Zu Buchweizenbrei mit Milch zieht es mich. Nein, zum Sternbild Orion.“
„Du bringst mich zum Lachen!“
„Obwohl… Das Meer lockt mich. Und der Ozean. Mir hat jemand mal in mein Astronomie-Lehrbuch hineingeschrieben – ich will zum Mond! Und daneben, mit anderer Handschrift – Ziolkowski Wichser!“
„Prima! Hast du die aberwitzige Geschichte über Gagarin gehört? Angeblich wurde er von Außerirdischen entführt.“
„Wozu brauchen sie ihn? Um gemeinsam mit ihm zu saufen?
Es ist schade, dass die Außerirdischen nicht auch Tschernenko mitgenommen haben!“
„Man sagt, er ist schon gestorben. Aber es wurde noch nicht offiziell gemeldet.“
„In der körperlichen Kraftlosigkeit unserer Greise liegt etwas Angst machendes. Die Agonie zieht sich zu lange hin. In Wirklichkeit ist das unsere Agonie. Wir sind kraftlos. Es ist unser Antlitz. Das greisenhafte  Antlitz des sowjetischen Menschen. Wie lange wird es noch dauern? Eine Ewigkeit? Dann ist das unser Ende. Sie werden uns mit diesen unendlichen Beerdigungen in die totale Depression führen.“
„Sei nicht böse, ich will nicht über Politik sprechen, nicht einmal daran denken. Dima, ich habe Angst.“
„Schlimm ist nur, dass sie immer an uns denkt. Uns stets im Griff hat. Russland ist jetzt, wie auch unter Iwan dem Schrecklichen, ein riesiger heidnischer Altar. Darauf werden Menschenopfer dargebracht. Hier wird alles geduldet. Wir haben eine Schwelle erreicht. Noch ein Schritt, und der Wahnsinn ist nicht mehr zu stoppen.“
„Hör auf, beunruhige mich nicht. Küss mich!“
Lana küsste zart und hingebungsvoll. Wir haben uns aneinander gedrückt. So fest wir konnten.
Wir standen umarmt da, wie eine lebende Säule. Allein auf der Lindenallee. In der Kälte. Im Wind.
 Zwei Stunden waren schnell verflogen. Lana musste unbedingt noch in ihrer Arbeitsstelle auftauchen. Ich wurde von Gefühlen zerrissen.
Einerseits wollte ich rasch weg, um allein zu sein, nach Hause fahren, mich in der bekannten Rolle spüren, wie ein Fuß im alten, warmen Strumpf. Andererseits wollte ich nur hier stehen, an Lana geschmiegt, ein Baum werden, mit ihr zusammenwachsen, einander mit den Wurzeln umschlingen und für immer dableiben.  
Du bist bald dreißig. Es wird höchste Zeit erwachsen zu werden. Du benimmst dich wie ein Sechzehnjähriger. Verknallt wie ein Junge. Was willst du jetzt tun? Fortlaufen? Dich auf die kalte Erde fallen lassen? Weinen? Oder singen und tanzen? Oder zu Aljoscha fahren und sich bei ihm betrinken?  Bist du dumm! Kaufen, betrinken, schluchzen – das ist die russische geheimnisvolle Seele. Idiot.
„Ich geh jetzt. Ich muss noch etwas Leckeres für den Feiertag kaufen. In Peredelkino gibt es nichts im Geschäft.“
„Zu welchem Feiertag?“
„Wo lebst du, mein Lieber! Auf dem Orion? In zwei Tagen ist der achte März!“
„Zum Teufel mit all den Feiertagen. Es ist so schwer, sich zu verabschieden.“
„Guck mich nicht so an! Ich rufe dich nächste Woche an. Wahrscheinlich am Mittwoch.“
„Eine ganze Woche warten! Und warum nicht am Montag?“
„Du bist wie ein Kind. Ich will das Spielzeug und basta! Am Montag ist bei uns Großalarm. Eduard hat eine Inventur angeordnet.“
„Und am Dienstag?“
„Am Dienstag helfe ich Talkina beim Malern. Allein schafft sie das nicht.“
„Am Mittwoch, am Mittwoch.“
„Auf Wiedersehen, mein Lieber.“
 
Sie ging weg. Und ich? Was soll ich machen? Wohin gehen? Trauer frisst meine Seele auf. In die Arbeit, in den Stall? Um dort zu sitzen und zu demonstrieren: Schauen Sie mich an! Hier bin ich! Bei euch, Arschlöchern! Oder nach Hause? Dort sind meine Frau und meine Tochter. Dort wird mich mein Gewissen quälen. Den ganzen Abend werde ich mich selbst zernagen. Und mit Nelja schimpfen. 
Da kam der Bus hundertvierundvierzig. Ich freute mich. Bin wie ein Räuber in die Postkutsche hineingesprungen.
Der Bus war voll.
Die Passagiere hatten Gesichter wie beim Gekreuzigten.
Sei verflucht, du Moskau-Golgatha!
Ich fuhr im Gedränge bis zur Straße der „26 Bakuer Kommissare“. Jemand sagte mir, dass die Schlauesten der Kommissare am Leben geblieben seien. So ist das immer, die Hinterlistigen bleiben am Leben und die Ehrlichen werden an die Wand gestellt. Kann es sein, dass gerade deshalb unser Leben so traurig ist?
Wir versuchen von ihm einen Tröpfen Glück herauszupressen, dass wir nicht verdient haben. Wir alle sind doch Nachkommen der Überlebenden.
Nach vier Tagen wurde mitgeteilt, dass Tschernenko gestorben war. Eine neue Epoche begann.
Ich traf Lana noch vier Monate lang. Dann ist bei ihr ein Neuer erschienen, ein wissenschaftlicher Mitarbeiter aus ihrer Abteilung. Pronow starb. Das Techtelmechtel mit der Dwinskaja dauert an.
 
 

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