Igor Schestkow "Psou"

 
  
 
Psou ist ein gelber abchasischer Wein. Sehr leicht.
„Nimm nicht diese Limonade“, sagte Gorgia zu mir, „kauf besser Gurdschaani.“
„Von Gurdschaani bekomme ich Kopfweh“, mischte sich Saschenka ein. „Lasst uns in die Berge gehen und bei den Abchasen den jungen Rotwein besorgen. Isabella.“
„Jeder trockene Wein ist eine Säure. Kauf Portwein, dann wird alles pico bello“, empfahl Walerka.
Ich schlug vor: „Wir nehmen jetzt fünf Flaschen Psou für die Mädchen, zehn Gurdschaani für uns und speziell für Walerka fünf Sprengminen.“
Niemand widersprach mir. Gorgia brummte: „Wie kann man diese Limonade bloß trinken, diesen süßen Urin!“
Mischa Malenki bezahlte mit dem Geld aus unserem gemeinsamen Geldbeutel. Es reichte auch für ein paar Chachapuri mit Ei und Käse. Die Chachapuri wurden brüderlich geteilt und sofort verputzt, dann zogen wir los Richtung Fischfabrik. Gorgia und Saschenka trugen die zehn Flaschen Gurdschaani. Ich schleppte den Psou. Walerka seine Sprengminen. Mischa Malenki hatte nichts in der Hand außer unserem Portemonnaie. Er war ein Mathematik-Aspirant. Bekloppten vertraut man keine kostbaren Flaschen an.
Der Wein war für den Abend gedacht. Ninotschka hatte Geburtstag. Wir vereinbarten in der Kaschemme bei der ersten Schlucht zu feiern. Der Wirt versprach uns besten Schaschlik: „Wir werden ein Schäfchen für euch schlachten. Lawasch und Tomaten gebe ich umsonst her. Die Tische stellen wir an den Strand, direkt ans Meer. Ihr werdet speisen wie die Götter im Paradies! Und den Wein bringt ihr selber, ich darf euch keinen anbieten.“
Im Sportlager herrschte Alkoholverbot. Die Leitung befürchtete, dass sich sonst „alle tot saufen und unkontrollierbar sind“.
In jenem Juli herrschte in Pizunda eine richtige Affenhitze. Tag und Nacht sechsunddreißig Grad! Seit fünf Tagen kein Wind. Und eine solche Feuchtigkeit, dass die auf dem Balkon zum Trocknen aufgehängte Wäsche in der Nacht wieder nass wurde. Aber uns war das egal. Jugend! Der älteste unter uns, Mischa Malenki, war zweiundzwanzig. Alle anderen keine neunzehn. Affenhitze ist eben Affenhitze. Hundertprozentige Feuchtigkeit – wunderbar! Goga der Unheimliche prahlte: „Ich mag die Wärme!“ Und schlief am Strand. Den Kopf auf dem Festland, die Beine im Wasser.
Wegen der totalen Windstille war es quälend am Tag zu baden, das Wasser war zu warm. Studenten nannten es verächtlich „Tinte“. Das Schwarze Meer „die Lache“.
Am Abend versammelten wir uns in der Kaschemme.
Wie versprochen, standen die Tische direkt am Meer. Auf ihnen – Besteck, Gläser, Teller und zwei riesige Platten mit zubereiteten Tomaten und Lawasch. Wir stellten die Flaschen dazu und nahmen vergnügt Platz.
Gorgia schenkte den Wein ein und brachte einen Trinkspruch aus: „Auf die Gesundheit des Geburtstagkindes!“
Er schaute Ninotschka schmierig an. Er schaute alle Mädchen so an. Wir erhoben die Gläser, tranken und küssten Ninotschka.
Ich küsste Ninotschka, dann ihre Freundin Werotschka und zuletzt Tanja. Ninotschka sagte eifersüchtig: „Obwohl ich heute Geburtstag habe, gucken alle auf Werotschkas schlanke Beine. Sie hat Glück. Alle Jungen fliegen ihr zu.“
Wir warteten auf den Schaschlik.
Endlich erschien der Wirt und hielt in beiden Händen riesige degenartige Fleischspieße. Die großen, rot gebratenen Hammelstücke rochen aromatisch.
Der Wirt schob gekonnt das Fleisch von den Spießen auf unsere Teller. Wir begannen zu essen. Der Schaschlik war leicht zu kauen. Die reifen kaukasischen Tomaten schmeckten süß. Den Lawasch tunkten wir in Tomatensaft, in dem Dill, Petersilie und weiße Zwiebelringe schwammen.
Zunächst trank ich Gurdschaani. Dann Portwein. Und erst danach, als ich schon blau war, Psou. Der Wirt schaltete das Tonbandgerät an. Otar Kikabidze sang mit schmelzender Stimme: „Ich bin trunken von der Liebe...“
Walerka begann: „Geht, ihr Kinder, nicht in Afrika spazieren. Wisst ihr, dass vor dem Lagertor auf dem großen Nussbaum Goga der Unheimliche sitzt. Seit heute früh sitzt er dort. Wenn ein Mädchen vorbeigeht, pfeift er wie eine Nachtigall. Ich, so spricht er, bin nicht Goga, sondern die Räubernachtigall.“
Mischa Malenki verstand nicht gleich und fragte: „Diese Nachtigall. ist wo? In Afrika?“
„Nein, er ist von der Journalistik.“
„Und was macht er auf dem Baum?“
„Sitzt.“
„Goga versteht das Leben gut“, ergänzte Gorgia. „Ich würde auch auf dem Baum sitzen, wenn ich auf der Journalistik-Fakultät studieren würde. Dort sind nur Mädchen. Du sagst ihnen: Kommt zu mir! Und sie antworten: Du, Schwein!“
Mischa Malenki redete Quatsch: „Ich will auch auf den Baum. Zu Goga. Nach Afrika. Zusammen werden wir dort schön pfeifen. Wie die Nachtigallen. Dima, klettern wir rauf?“
„Ich habe nichts dagegen, aber jetzt – baden!“
Ich habe die Kleidung ausgezogen und bin ins Wasser gegangen. Nur drei Schritte waren es bis dorthin, aber ich bin auf dieser Strecke zweimal gestolpert.
„Dima ist fix und fertig“, sagte jemand.
„Blau wie eine Pflaume“, rief eine andere Stimme.
Die übrigen stiegen auch in die Tinte. Wie zum Trotz gab es im Wasser sehr viele Quallen.
„Medusen!“, kreischten Ninotschka und Werotschka.
Tanja kam langsam ins Meer. Vorsichtig wie ein Kätzchen.
„Das Wasser ist wie in der Badeanstalt von Tiflis. Die Quallen kann man als Seife benutzen“, bemerkte Gorgia und schwamm los. Dabei prustete er und spuckte ins Wasser.
Saschenka brüllte wie ein Bär, versuchte mit den Händen seinen Weg von den Quallen zu befreien. Er lärmte, sprudelte und spritzte um sich.
„In Afrika Gorillen und böse Krokodilen.“, rief Walerka aus, nahm seine dicke Brille ab, legte sie auf seine Kleidung und tauchte ein, versuchte unter den Medusen zu schwimmen. Es misslang ihm, nach fünf Metern tauchte er bereits wieder auf, rang nach Luft und schwamm weiter mit geöffnetem Mund...
Mischa Malenki ging nicht ins Wasser. Er war schmächtig. Ihm war überall und immer kalt. Sogar in der kaukasischen Hitze. Er behauptete: „Meine altertümlichen Knochen werden erst auf dem Berg Zion erwärmt werden.“
Deshalb wurde er manchmal „verfluchter Zionist“ genannt. Wir badeten lange. Tauchten unter den Mädchen durch, erschreckten sie. Sie quietschten. Walerka tummelte sich um Tanja. Das gefiel mir gar nicht. Nach dem Baden trockneten wir uns ab und setzten uns wieder an den Tisch. Ich nahm neben Tanja Platz, küsste sie auf den Hals. Sie küsste mich auf die Nase und lachte.
„Warum dreht sich Walerka wie ein Kreisel um dich?“
„Sei nicht eifersüchtig, das ist völlig sinnlos.“
„Auf dem Rückweg werden wir zurückbleiben. Sitzen eine Zeit lang auf den Felsen und...“
„Warum nicht?“
„Du schweigst heute den ganzen Tag. Das Leben ist schön! Und ich bin bei dir.“
„Du bist ein Schatz, aber die Welt bist nicht nur du, mein Liebster. Mir ist heute nicht danach.“
„Aber auf die Lippen kann ich dich küssen.“
„Auf die Lippen kannst du, aber alles andere ist verboten!“
„Verstehe.“
„Du verstehst nichts, du Dummerchen. Ich mag dich!“
„Und ich dich. Das Leben ist schön!“
Saschenka hatte offensichtlich zu viel getrunken. Er sprach sehr laut: „Ja, ich bin ein Komsorg. Und ihr alle seid Komsomolzen. Wer braucht diese ehrenamtliche Tätigkeit, diese „freiwillige“ Kacke, ich vielleicht?
 Ich brauche ein Mädchen und nicht die Komsomolorganisation. Was aber sind denn alle sowjetischen Mädchen? Komsomolzinnen. Und wer ist ein Komsorg? Ja. Logisch? Dima, du bist ein Mädchenspezialist, sag mir bitte, ist das logisch oder nicht?“
„Logisch, aber trink bitte nicht mehr aus der Sprengmine, sonst müssen wir dich tragen.“
„Wenn es sein muss, trägst du mich eben. Deine Hände werden davon nicht abfallen“.
„Doch, sie werden abfallen.“
Gorgia sagte: „Du, Saschenka, frag besser mich in Sachen Mädchen. Ich werde dir ein Mädchen finden helfen. Willst du eine Blonde oder eine Brünette? Es gibt so viele verschiedene schöne.  Sehr zärtliche Gazellen. Alle, außer den Journalistinnen.“
Ninotschka hatte ihm das übel genommen. Sie widersprach Gorgia: „Was willst du von Journalistinnen. Du bist selbst eine Gazelle. Mit behaarten Pfoten. Und sie sind sehr klug und belesen.“ 
Werotschka ergänzte: „Und mit viel Sex-Appeal.“
Gorgia nuschelte durch die Zähne: „Sex-Appeal, ja. Und käuflich dazu.“
Der betrunkene Walerka drohte: „Sie werden euch beißen, schlagen und zerreißen. Geht, ihr Kinder, nicht in Afrika spazieren.“
Mischa Malenki bemerkte: „Ohne Visum darf man nicht nach Afrika. Und das Visum kriegst du nicht! Ach, es ist gut in der sowjetischen Heimat! Zu gut!“
Saschenka-Komsorg hatte es gehört und explodierte: „Du bist ein verfluchter Zionist! Provoziere mich nicht! Du denkst, ich verstünde nichts. Du denkst, ich sei hier der Dümmste. Nein! Ich kenne euch! Ihr, Besserwisser! Es hat euch hier nicht gefallen, und ihr verschwindet. Für immer. Und wir bleiben. Ihr seid die Zugvögel! Ich bin in Moschaisk geboren. Zwischen Kriminellen und Schwachsinnigen. Ich bin Russe. Ich studiere an der Wirtschaftsfakultät der Moskauer Universität! Und die sowjetische Macht, ich mag sie. Wäre hier eure Macht, ihr hättet mich gefressen. Uns alle hättet ihr gefressen!“
Dann hört er auf zu sprechen, schluckte, schaute den schmächtigen Mischa an und sagte versöhnend: „Also, gut, Mischa, sei nicht böse, ich spinne nur. Dima, schenk mir Portwein ein!“
„Ich sagte doch, trink nicht mehr!“
„Mehr oder weniger – egal!“
Es war inzwischen dunkel geworden. Der Wirt zündete Kerzen an. Sofort flogen Insekten herbei.
Wir brachen auf und trotteten langsam zum Lager. Ich umarmte Tanja. Gorgia flirtete mit Ninotschka und Werotschka. Er erzählte ihnen witzige Geschichten aus seinem Leben in Tiflis. Saschenka-Komsorg ging allein, er monologisierte leidenschaftlich. In der Dunkelheit ähnelte er einer großen weißen Säule. Mischa Malenki hatte mit Walerka eine unendliche Diskussion begonnen. Darüber, wer besser denken könne, die Mathematiker oder die Physiker. Walerka studierte an der Physikfakultät.
 „Ihr Mathematiker seid bornierter als die Fahrkartenautomaten in den Moskauer Bussen!“, griff Walerka an.
„Dafür können wir logisch denken“, entgegnete Mischa.
Auf halber Strecke sind wir zurückgeblieben. Fanden die ebene Stelle auf den rauen, mit Wasserpflanzen bewachsenen Felsen. Wir beobachteten das nächtliche Meer, das wirklich wie ein riesiges Tintenfass aussah. Zum Lager kamen wir zurück, als der Horizont allmählich hell wurde und die ersten goldenen Sonnenstrahlen schon die Gipfel der Berge beleuchteten. Ich ging zu unserem Bungalow, wo ich mit Walerka, Mischa, Saschenka und Gorgia ein Zimmer teilte. Die schläfrige Tanja schlich sich in ihr Zimmer.
„Ninotschka und Werotschka“, erzählte sie mir später, „schliefen wie zwei rosa Ferkel.“ 
Als wir beim Lager eintrafen, haben wir vom großen Baum, der unweit vom Tor steht, ein Lied gehört. Jemand pfiff und sang ein damals unter Studenten populäres Lied: „Ich wurde vom Flusspferd gebissen, ich kroch davon auf einen großen Baum, auf ihm sitze ich nun und pisse, mein Bein ist fort, und das Flusspferd geht ins Blaue hinein.“
Sang da wirklich Goga? Muss ihn morgen fragen, dachte ich beim Einschlafen. Aber ich fragte ihn nicht. Der Morgen kam unerwartet schnell. Kaum hast du den Kopf auf das Kissen gelegt, heißt es schon nach einem Augenblick: Aufstehen! Mischa Malenki hat alle geweckt. Antreten zur Morgengymnastik. Ich bin nicht angetreten. Das mögliche Strafmaß dafür konnte ein spezieller Auftrag sein, in der Küche ein paar Zentner Kartoffeln zu schälen oder etwas anderes in dieser Art. Das sowjetische System verwandelte alles in ein Ebenbild der Armee oder des Gefängnisses. Das Studentenleben im Sportlager bildete da keine Ausnahme. Dieser ständige Druck brachte keine vernünftigen Ergebnisse, vergiftete aber unsere Existenz. Möglicherweise war gerade das sein Hauptzweck.
Walerka ist auch nicht zum Frühsport gegangen. Er fragte mich: „Dima, haben wir noch etwas Brennbares?“
„Es ist noch genug da. Zwei Sprengminen, drei Flaschen Gurdschaani und ein paar Flaschen Psou“.
„Gib mir von diesem Psou zu kosten.“ Wir öffneten den Psou und leerten die Flasche. Die Stimmung besserte sich sofort.
Ich sagte: „Lass uns baden gehen, bevor es noch heißer wird.“
„In die Tinte!“
Wir stahlen uns heimlich davon. Der Strand war leer. Wir sprangen ins Wasser. Die Medusen waren verschwunden. Ich bin einige hundert Meter von der Küste weg geschwommen. Und begann im Wasser Purzelbäume zu schlagen. Wie ein erfahrener Fallschirmjäger in der Luft. Was für eine Glückseligkeit! Der Morgen ist frisch. Der Himmel blau. Das Wasser blitzt, leuchtet. Du schwimmst wie in Brillanten. Betrunken. Und pfeifst auf alles! Du bist ein Teil des blauen, sich vor Glück berstenden Universums. Schwimm, tauche ein, dreh dich! Lass das Wasser deine Poren auswaschen, deine Genitalien kühlen, die Wangen und die Schultern erfrischen.
Walerka schrie: „Dima, Dima, ich sehe die Küste nicht!“
Ich kraulte zu ihm. Zeigte ihm die Richtung. Nach fünf Minuten erreichte Walerka das Ufer. Er schwamm sicher, sah aber schlecht.
Walerka hatte am Strand seine dicke Brille aufgesetzt und winkte mir zu.
Ich begann wieder Purzelbäume zu schlagen, habe es noch einmal versucht, die Ekstase der Existenz zu empfinden. Aber die Glückseligkeit stellte sich nicht mehr ein. Das Meer war nur Meer. Das Wasser nur Wasser. Tinte in der Lache.
Nach dem Frühstück haben wir entschieden, in der Baba-Jaga Schlucht zu wandern. Gorgia verzichtete.
„Schluchten habe ich schon genug gesehen. Und von der Baba-Jaga würde ich lieber im Restaurant eingeladen werden. Und außerdem erwarte ich heute Gäste.“
Saschenka ist auch nicht mitgegangen. Er hatte vor, Wolodja, den Einsiedler zu besuchen, der in Abchasien schon seit vielen Jahren von der Naturalwirtschaft lebte. Saschenka ist vor uns gestartet. Mit einem leeren Zwanzig-Liter-Kanister in der Hand. 
Wir übrigen haben uns zur Baba-Jaga Schlucht aufgemacht. Unser Proviant bestand aus Wasserflaschen und einem Dutzend saurer Äpfel. In der Schlucht liefen wir in einem Bächlein. Das war etwa zehn Zentimeter tief und drei bis vier Meter breit. Es plätscherte aus der Schlucht, die immer enger wurde. Im Schatten zu wandern war wohltuend. Das Süßwasser erfrischte unsere Füße, unsere Sportschuhe trugen wir zusammengeknüpft um die Schultern. Vorsichtig, um nicht von Steinen und Wurzeln verletzt zu werden, tasteten wir uns voran. Wir alberten, bespritzten uns und erzählten einander Anekdoten.
Mischa kramte seine „Kronen-Anekdote“ hervor. Sie fing so an: Also, beim Lagerfeuer sitzen Tschapajew, Winnie Puuh, Breschnew und Ho-Chi-Minh und streiten, wer von ihnen Jude ist und wer nicht.
Walerka trug die Anekdote von der Kuh auf der Birke vor.
Ninotschka, Werotschka und Tanja amüsierten sich mit Weiberklatsch. Alle drei studierten in derselben Gruppe der philologischen Fakultät. Sie kicherten. Werotschka mokierte sich über eine Kommilitonin: „Also, Turpin bat sie zu sich nach Hause. Sie dachte, wegen ihres Talents. Und in Wirklichkeit war es wegen ihrer kurzen Beine.“
Ich schlenderte dahin und dachte an nichts. Bestaunte das reine Wasser, darin die farbigen Steinchen, die Lianen, die von den Wänden der Schlucht hingen. Mir war heiter zumute. Die Gedanken, diese Satelliten der Besorgtheit, schwärmten irgendwo daneben, wie Bienen. Mein Kopf war glückselig leer. 
Ich fragte Walerka: „Sag mal, dort, auf dem Baum beim Lager, sitzt da wirklich Goga? Gestern in der Nacht pfiff dort jemand und sang ein Lied.“ Goga war Walerkas Nachbar im Wohnheim.
„Über das Flusspferd?“
„Über das Flusspferd.“
„Dann war er es! Manchmal singt er den ganzen Tag! Er behauptet, das hilft ihm beim Denken. Unheimlich ist er, was kann man tun?“
„Und was singst du?“
„Ich singe gar nichts, hab keine Stimme“, aber sofort legte er los: „In Afrika Gorillen und böse Krokodilen. Sie werden euch beißen, schlagen und zerreißen.“
„Er singt über Flusspferde und du über Krokodile und Gorillas, ihr seid beide schizophren!“
„Stimmt genau!“
„Schau dir das an, entweder bin ich verrückt oder der Bach wird tiefer.“
„Der Bach wird zum Fluss. Seltsam.“
„Wenn in den Bergen ein Gewitter ausbricht, hören wir es hier nicht. Und im Fluss wird der Wasserpegel in einer halben Stunde auf fünf Meter steigen! Wir müssen jetzt einen Ausgang aus der Schlucht suchen. Noch ist es nicht zu spät.“
„Und du nennst mich schizophren! Auf fünf Meter. Unmöglich!“
Ich habe versucht, die anderen zu überzeugen. Nur zögerlich und ungern stimmten sie zu. Das Wasser war rasant angestiegen, als wir endlich ein trockenes Flussbett entdeckten, das von der Schlucht wegführte. Das Wasser reichte uns schon bis zu den Knien. Und die Strömung wurde schneller. Ich begann die anderen anzutreiben.
Mischa schlug vor: „Dima, vielleicht müssen wir jetzt nicht bergauf klettern, sondern einfach im Fluss, schwupp, bergab.“
„Warum glaubt ihr mir nicht? Hier wird in einigen Minuten ein Alptraum beginnen! Es wird ein Knochen brechender Strom sein!“
„In Afrika Gorillen!“ (Walerka)
„Dima weiß immer alles besser!“ (Tanja)
„Die Baba-Jaga kommt, das Wasser wird steigen, und wir werden wie Luftballons zum Meer geschwemmt. Hi, hi, hi!“ (Ninotschka und Werotschka)
„Und böse Krokodilen!“ (Walerka)
Überraschenderweise kam mir in diesem Moment die Natur selbst zu Hilfe.
Zunächst schrien die Mädchen aus vollem Halse. Dann fluchte Walerka. Ekel bei Mischa: „Brr!“
Der Fluss trieb einen halbverwesten Hundekadaver daher. Geradewegs zu den schlanken Beinen von Werotschka. Sie schützte ihre Augen mit den Händen, um nichts zu sehen. Der Kadaver schlug mit dem geöffneten Rachen seiner Todesgrimasse an ihr hübsches Knie. Werotschka stieß die Leiche weg und kletterte unerwartet geschickt vom Flussbett in die Felswand, sie hielt sich an den Lianen und den ausgetretenen Wurzeln fest. Die anderen folgten ihrem Beispiel.
Nach zehn Minuten traten wir auf einen kleinen Felsvorsprung, von dem unsere Schlucht gut überschaubar war. Wir waren verschwitzt und schmutzig, aber zufrieden, wir haben unsere Kleider in Ordnung gebracht und Schuhe angezogen. Dann setzten wir uns, tranken Wasser und aßen gierig unsere Äpfel. Wir schauten zu den Bergen, die ungefähr zehn Kilometer von uns entfernt lagen. Genauer gesagt waren keine Berge mehr zu sehen, nur majestätisch aufgetürmte Gewitterwolken. Bald vernahmen wir ein anwachsendes Getöse. Offenbar war ein natürliches Hindernis durchbrochen worden und eine gewaltige Mure donnerte mit Geröll und entwurzelten Bäumen die Schlucht hinab. Der Lärm verwandelte sich allmählich in Gepolter. Die Schlucht in eine knirschende Hölle. Das Wasser stieg mindestens auf drei Meter. Es sah nicht mehr wie Wasser aus, sondern wie schwere fließende Erde. Uns wurde klar, wenn diese Erde uns erwischt hätte, wäre das unser Ende gewesen. Die Mädchen wurden ungewöhnlich still.
Wir mussten zurück zum Lager laufen. Ich wollte die Atmosphäre nicht vorzeitig entspannen. Ich setzte eine tragische Mine auf und meinte ernst: „Also, jetzt sind wir vom Rest der Welt abgeschnitten!“
„Dima, was s...s...sagst du da?“, Ninotschka stotterte ein wenig.
„Du spinnst!“
„Nein, abgeschnitten! Das ist unser Ende! Aus, Schluss!“
„Geht, ihr Kinder, nicht in Afrika spazieren.“, rief Walerka kaltblütig.
Tanja umarmte mich und küsste mich auf die Schulter. Und säuselte: „Lieber Dima, wir mögen dich, erkennen deine Überlegenheit an, und wir bitten dich, uns gnädig zu verzeihen und nach Hause zu führen“.
„Ihr Heuchler! Habt ihr den Hund gesehen?“
Wir foppten uns noch eine Weile, dann kletterten wir weiter.
Schließlich fanden wir den Pfad, der durch die Felsen zum Meer führte, und waren bald zu Hause. Wir duschten uns, aßen in der Lagerkantine miserable Buletten mit grauen Makkaroni, schlürften das obligatorische sowjetische Kompott und erst dann bemerkten wir, dass das Wetter umgeschlagen war, es blies frischer Wind. Durch die rasenden Wolken war die Sonne verdeckt. Das Meer rollte mit zweimeterhohen Wellen heran, sein Blau wurde von einer Armee weißer „Schäfchen“ übertüncht.
Saschenka hatte sein Programm am Morgen zu hundert Prozent durchgezogen. Er war bei Wolodja „auf der Ranch“ gewesen. Hatte den Wein Isabella gekauft und ihn mit Wolodja gekostet. Und er war als Gast zur Besichtigung des Süßkirschenbaumes zugelassen worden. Nach Hause schleppte er nicht nur den vollen Kanister, sondern auch einen Plastikeimer voller Kirschen, obwohl er „besoffen wie eine Sau war“. Und er war bereit für weitere Heldentaten.
„Und wo ist der mingrelische Fürst?“, fragte ich Saschenka. Gorgia hatte seine fürstliche Herkunft häufig angedeutet.
„Er ist verhaftet und sitzt auf der Miliz in Pizunda.“
„Was? Warum verhaftet? Wofür?“
„Wegen Vergewaltigung einer Studentin der historischen Fakultät.“
„Woher weißt du das?“
„Fantomas rief mich zu sich. Er fuhr mich zu einem Verhör nach Pizunda. Dort sitzen jetzt alle und warten auf den Geldboten aus Tiflis.“
„Welchen Boten, hast du zu viel Tschatscha zur Brust genommen?“
„Klappe! Gorgia kommt bestimmt bald und wird alles selbst erzählen.“
Gorgia erschien wirklich bald „mit tief verletzten Gefühlen“.
„Ich wurde verleumdet, ich habe sie gar nicht angefasst!“, rief er schon von draußen.
Ich bat Gorgia sich zu beruhigen und später, wenn alle versammelt wären, alles zu erzählen.
Wir verabredeten uns zu einem Picknick. Hundert Meter vom Lagerstrand entfernt, fanden wir eine windgeschützte Stelle nahe den Felsen, legten die Stranddecken aus, spannten darüber eine alte Folie, sammelten trockene Zweige und machten ein kleines Lagerfeuer.
Während unserer Abwesenheit war ihm eine typisch kaukasische Geschichte passiert.
„Bei mir waren heute Gäste aus Tiflis, Bekannte meines Vaters. Mit dem „Wolga“. Nur für einen Tag. Drei Männer. Sie baten mich, weil ich mich hier auskenne, eine freizügige Blondine oder eine Rothaarige für sie zu besorgen. Eine Studentin. Wenn möglich ein Prachtweib. Sowohl hier als auch da sollte sie viel haben (Gorgia deutete auf Brust und Hintern). Und damit sie es tatsächlich mit ihr machen können, wollten sie Birnen und Tschatscha kaufen. Mir kam sogleich eine Studentin der historischen Fakultät in den Sinn. Marina heißt sie, sehr blond. Immer bereit. Ich habe mit ihr geredet, ihr unseren „Wolga“ gezeigt, auch die Birnen. Ich machte sie mit meinen Gästen bekannt. Alle fanden einander sympathisch. Wir sind ins Gebirge gefahren. Nicht weit. Haben einen schattigen Platz gefunden. Haben den Teppich ausgelegt. Haben getrunken. Haben uns amüsiert. Marina hat es einem Gast gegeben. Er war zufrieden. Sie auch. Dann dem nächsten. Er war auch zufrieden. Der dritte. Ich wollte mich auch anbiedern. Aber plötzlich. Plötzlich erschien aus den Büschen, ganz nahe von uns, dieser... Aktivist und Sportler Alexej Petrowitsch von der Lagerleitung. Er stand da und blickte zu uns her. Und wir – völlig nackt! Wozu schleicht er in den Bergen herum und erschreckt ehrbare Leute? Dieser Petrowitsch ist Dozent für Geschichte des Mittelalters. Er hat sofort seine Studentin erkannt. Und sie ihn auch.
Zu Tode erschrocken, dass er sie anschwärzen würde, griff sie in Panik nach ihren Sachen und schrie: Ich wurde vergewaltigt, ich wurde vergewaltigt! Diese blöde Ziege!
Dann rannte sie, schnell wie eine Ratte, zu Petrowitsch. Der ging schnurstracks mit ihr zu Fantomas. Fantomas rief die Miliz an. Die Miliz fand uns im Nu. Sie haben den „Wolga“ ins Lager abgeschleppt und uns verhaftet und zu den Abchasen nach Pizunda verfrachtet. Also, wir sitzen bei der Miliz. Kommt der Abteilungschef. Ihr seid mächtig im Arsch, sagt er. Auf euch Idioten wartet die beste Zelle im Stadtgefängnis. Oder werden wir die Sache wie Gentlemans erledigen?
Wir einstimmig: Besser wie Gentlemans! Ich habe, setze er fort, dieser Russin Angst vor der Untersuchung eingejagt, sie wäre mit fünfhundert einverstanden und würde alles vergessen. Der Dozent ist stur wie ein Esel. Den müsst ihr selbst überreden. Mir und meinen Leuten, viertausend für die Mühe. Heute vier, und morgen zehn. In bar.
Die Gäste riefen in Tiflis an, das Geld soll spät am Abend geliefert werden. Alle drei sitzen noch dort und warten auf den Boten. Und mich haben sie entlassen, damit ich mit dem Dozenten rede. Hab ich. Der Dozent hat lange gezögert. Dann sagte er: Ich werde schweigen, aber dafür lädst du mich für eine Woche nach Tiflis ein. Jetzt muss ich diesen Bock bei meiner Mutter empfangen! So war es.“
Walerka sang belehrend: „Geht, ihr Kinder, nicht in Afrika spazieren.“
Jemand fragte Gorgia: „Und Marina?“
„Sie wird nach Moskau geschickt.“
„Und die Gäste?“
„Die Gäste trinken in der Miliz mit dem Abteilungschef. Sie werden morgen nach Tiflis abfahren. Es reicht mit der Gastfreundschaft!“
Ich schlug vor: „Es ist an der Zeit, Fräulein Isabella zu kosten! Aber gleich aus dem Kanister.“
Als Belohnung für diese Initiative wurde mir als erster der Kanister gereicht. Saschenka hielt ihn. Ich trank in vollen Zügen. Der herbe Wein gluckerte durch die Kehle. Ich habe in den Kanister hineingeschaut. Dort war es dunkel, auf der Oberfläche kräuselten sich dunkelrote Wellen.
Nach dem zwanzigsten Schluck etwa schob ich den Kanister beiseite. Der Wein schoss über mein Kinn auf das T-Shirt. Mir wurde schwindlig. Ich stieg auf den Felsen, um frische Luft zu schnappen und einen Blick auf das Meer zu werfen. 
Das toste. In der Dunkelheit sahen die Wellen wie riesige, mit Schaum gekrönte Hügel aus. 
Nach zehn Minuten waren auch alle meine Freunde berauscht. Ich wollte den Mädchen meinen Mut beweisen.
„Ich weiß nicht, was die anderen möchten, aber ich will baden. Wer kommt mit?“
„Bist du durchgedreht?“
„In der Nacht, im Sturm! Wir können dich nicht retten!“
Nur Walerka hat die Herausforderung angenommen.
„Ich gehe mit, aber du musst neben mir schwimmen, sonst verliere ich die Richtung. Meine Brille lasse ich am Ufer.“
Ich bedauerte, dass es mir wieder nicht gelungen war, Tanja zu zeigen, was für ein Held ich sei. Walerka riskierte zehnmal mehr als ich.
„Freunde, seid ihr total übergeschnappt? Walerka, was machst du?“, rief Tanja aus, als wir aufstanden. Ihre Worte haben mich verletzt. Welche Sorge um ihn sie zeigte!
Wir traten an einer Stelle in das schaumige Wasser, wo nur kleine Steine lagen. Das Geheimnis beim Baden im Sturm ist einfach, man muss vorsichtig ins Wasser steigen, schnell dorthin schwimmen, wo die Wellen nicht so hoch und gefährlich sind, und dort mit ihnen spielen: rauf und runter. Dann muss man rasch die gefährliche Stelle durchqueren und das Meer im seltenen Moment relativer Ruhe verlassen. Ich besprach es vor dem Baden mit Walerka. Wir haben auf eine schwache Welle gewartet und sprangen bei der Gelegenheit ins Wasser, mit dem Kopf voran. Dann kraulten wir rasch von der Küste weg, wie verabredet. Ich blieb neben Walerka und gab ihm durch meine Stimme Orientierung. Alles wäre gut verlaufen, wenn Walerka schnell geschwommen wäre. Aber er schwamm zu langsam. Deswegen konnte er auch nicht unter einer Welle durchtauchen und geriet in einen drehenden Wasserfleischwolf. Er schluckte Salzwasser, hustete. Dann verschluckte er sich. Verlor die Kontrolle. Ich habe ihn beim Ellbogen gepackt und zu mir herangezogen. In Richtung Küste wurden wir von den Wellen dreimal erfasst. Einmal habe ich Walerka sogar verloren, aber, zum Glück, schnell wieder gefunden. Es gelang uns verhältnismäßig gut an Land zu kommen. Ich hatte nur zwei Kratzer. Walerka viel mehr. Aber er beklagte sich nicht.
„Seid willkommen, ihr Helden!“, begrüßte uns Tanja.
„Der Kanister wartet auf euch!“
Ich flüsterte Walerka zu: „In Wirklichkeit hätten sie es nicht bemerkt, wenn wir ertrunken wären.“
Er antwortete mir leise: „Das ist vielleicht nicht schlecht.“
Und dann sang er mit Begeisterung mit seiner heiseren Stimme das alte Lied: „Geht, ihr Kinder, nicht in Afrika spazieren. In Afrika Gorillen und böse Krokodilen. Sie werden euch beißen, schlagen und zerreißen.“
Das Feuer brannte noch. Ninotschka und Werotschka gingen schlafen. Komsorg schlummerte bereits vor Ort. Mischa Malenki hielt einen Monolog mit leicht jüdischem Akzent.
„Ich bin in Kischenau geboren. Du, Dima, bist ein Moskauer. Du weißt nicht, was es bedeutet, in der Provinz zu Hause zu sein. Meine Eltern lebten wie im neunzehnten Jahrhundert. Die Tanten, die Onkels, die Brüder, die Schwestern, die Vettern, die Kusinen, die Großmutter, der Großvater – alle sind Juden. Niemand besucht die Synagoge, auch Jiddisch spricht niemand, aber alle besprechen ernsthaft, wie viel Prozent jüdischen Blutes in ihren Adern fließt. Wann und wohin er oder sie emigrierte. Später sind alle auseinandergegangen. Eine nach Israel, viele in die Staaten, manche nach Kanada und Südafrika, zu den Rassisten. Mein Vater ist Kommunist, Oberst a.D., er ist nicht abgehauen. Er mochte Stalin und Breschnew und Chruschtschow. Meine Mutter ist Buchhalterin. Als Kind war ich immer krank. Jüdisches Glück! In der Schule lernte ich schlecht. Später bin ich zufälligerweise in die mathematische Schule geraten. Sie wurde damals in Kischenau eröffnet. Habe den ersten Platz bei der mathematischen Olympiade bekommen. Dann wurde ich zur internationalen Olympiade geschickt und machte den dritten. Deshalb wurde ich, ein Jude, in der mathematischen Fakultät eingeschrieben. Ohne Prüfungen. Und du, Dima, bist du ein Jude?“
„Ein halber.“
„Ich hatte so was im Gefühl...“    
In Tanja erwachte der Patriot.
Sie sprach aufgeregt und spitz: „Also, du meinst, dass Juden in der mathematischen Fakultät der Lomonossow Universität nicht angenommen werden. Jemand schummelt und lässt sie bei den Prüfungen nicht durchkommen. In unserem sowjetischen Land?“
Mischa antwortete traurig, aber sicher: „Ja, Tanetschka, genau so ist es! In unserem sowjetischen internationalistischen Land. Nicht in Südafrika.“
„Das ist nicht wahr! Es sind die ausländischen Radios, die solche Gerüchte verbreiten! Du wurdest ja angenommen. Ich kenne noch drei. Und du sagst – keine Juden!“
In dem Moment ist Saschenka aufgewacht.
Er war noch im Halbschlaf und hatte nicht verstanden, wer wo nicht angenommen wird. Er brabbelte: „Sie werden nicht angenommen und das ist richtig so! Alles ist richtig, was die Partei und der Komsomol machen!“
Und ist wieder eingeschlafen.
„In Afrika Gorillen und böse Krokodilen. Sie werden euch beißen, schlagen und zerreißen.“, sang  Walerka und gähnte.
„Walerka, hör auf, uns mit deinen Gorillas zu nerven!“, sagte plötzlich Gorgia gereizt, „die Georgier nimmt man auch nicht an der Lomonossow-Uni! Deswegen musste ich mich im Rektorat als Mädchen für alles lebendig begraben lassen.“
„Alle werden in der Uni aufgenommen! Georgier und Juden und Tadschiken!“, schrie Tanja wütend, „du bist einfach bei der Prüfung durchgefallen!“
Gorgia erwiderte: „Ich wollte zur Journalistik. Ich wurde nicht zugelassen. Nicht zugelassen zur Prüfung! Alle anderen wurden zugelassen!“
Gorgia verdeutlichte mit den Händen, dass alle diese schlechten Menschen studieren dürfen und er, der Gute, darf es nicht.
„Geht, ihr Kinder, nicht in Afrika spazieren.“, appellierte Walerka.
Am nächsten Tag wollten wir abends baden. Um Zehn Uhr trafen sich alle am Strand. Alle, außer Walerka. Niemand wusste, wo er steckte.
Das Meer war ruhig. Die Nacht – wie ein Wunder. Tanja und ich schwammen von den anderen weg.
„Dima, du weißt alles. Was denkst du, werden wir uns in Moskau weiter treffen? In Moskau ist alles anders als hier.“
„Ich denke, ja. Aber es ist sehr weit von mir bis zu dir. Wenn ich dich nach dem Kino begleite, verpasse ich die Metro.“
„Du bist heute nicht romantisch. Schau die Sterne! Erzähl etwas! Rezitier ein Gedicht!“
„Wie der Spiegel deiner Trauer, wirst du, ein freier Mensch, das Meer mögen. Nein! Ich kann nicht, besser singe ich das Lied von Goga über das Flusspferd oder das Krokodil-Lied von Walerka. Übrigens, wo ist der Kerl? Hast du ihn gesehen?“
„Am Morgen war er noch da. Und danach? Vielleicht sitzt er mit Goga auf dem Baum? Sie sind Nachbarn.“
„Alles ist möglich.“
Wir schwammen zur Küste. Nahmen wie üblich auf dem Felsen Platz.
 
Morgens weckt mich Komsorg.
„Dima, steh auf, Walerka ist ertrunken!“
„Wie ertrunken? Wer?“
„Walerka. Walerka ist ertrunken! Wach schnell auf, wir sollen nach Pizunda fahren, um ihn zu identifizieren. Der Milizionär vermutet, dass er beim Baden die Sicht zur Küste verloren haben könnte. Vielleicht suchte und suchte er und fand sie nicht. Kann sein, dass er im Kreis geschwommen ist, geschrien hat und schwach geworden ist. Schließlich hat sein Herz versagt. Der Körper wurde in der Nacht auf dem Kap gefunden. Es passierte gestern, nach dem Frühstück. Als du in der Nacht Tanja im Wasser begrapscht hast, schwamm seine Leiche irgendwo daneben.“
Ich kapierte langsam, was passiert war. Mein Herz krampfte sich zusammen. Als ob sich am Himmel ein schwarzes Loch auftat. Und unser ganzes Leben verschwand in diesem Abgrund.
Wir fuhren mit dem Lagerjeep auf dem staubigen Weg, dann auf der Asphaltstraße. Im Kopf hämmerte es: „Afrika. Afrika. Afrika.“
Das, was wir auf dem Zinntisch in der Leichenhalle gesehen haben, war Walerka kaum ähnlich. So hässlich aufgebläht war der Ertrunkene. Komsorg teilte mir mit, dass Fantomas ihn und mich gebeten hatte, Walerkas Mutter abzuholen, die abends auf dem Flughafen Adler landen würde. Die Fahrt nach Adler und die herzzerreißende Szene während der zweiten Identifizierung der Leiche will ich nicht beschreiben.       
Es blieb uns noch eine Woche in Pizunda. Wir tranken schon am Morgen aus dem Kanister. Gingen zu Wolodja, um noch mehr Wein zu kaufen. Abends saß ich mit Tanja auf dem Felsen. Und so war es bis zur Abreise. Wir luden Goga den Unheimlichen zum Trinken ein. Goga schlürfte und sang: „Ich wurde vom Flusspferd gebissen...“ 

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