Igor Schestkow "Notizen eines Ermittlers"

 
 
 
Wieder ein Mord. Am Montag nach den Feiertagen.
Der Erste Mai marschiert um die Welt! Im Dorf Stoletowo wurde besonders ausgiebig gefeiert.
Das Opfer – Fedotja Andrejewna Lipkina, Russin, parteilos, acht Jahre Schulausbildung. Ein Vierteljahrhundert hat sie also gelebt. In Stoletowo! Zwei Kinder. Der Bub ist zwei Jahre alt. Und das Mädchen elf Monate. Wurde noch gestillt. Der Verdächtige – Fedotjas Ehemann, Afanasi Prokopijewitsch Lipkin, Russe. Parteilos. Elektriker. Verhaftet im Haus der Mutter, Pelageja Lipkina. In betrunkenem Zustand. Er sagt, dass er sich an nichts erinnert.
Heute ist es in der Seele so finster, dass man Hand an sich legen könnte. Aber etwas hält mich zurück. Nicht, dass ich auf etwas hoffen würde. Ich will einfach noch weiter leben.
Ich fuhr nach Stoletowo. Wie angenehm es war, nach unserem Stadtgestank frische Luft zu atmen. Ein Dorf wie ein Dorf eben. Hat sogar ein kleines Kirchlein. Felder. Birken. Mist.
Die Nachbarin. Sidorowna. Hat angeblich die ganze Nacht Schreie gehört. Eine Frau hat geschrien. Oder ein Kind. Vielleicht war es auch das Miauen einer Katze.
Früh am Morgen kam Pelageja, die Schwiegermutter von Fedotja, ins Haus. Eigentlich war alles ruhig. Nur waren weder Sohn noch Schwiegertochter da.
Der Sohn hat vielleicht beim Taufpaten übernachtet. Aber wo war die stillende Schwiegertochter?
Die Kinder jammerten. Sie kletterte in den Keller, um Konfitüre zu holen. Und dort lag Fedotja. Mit herausgestreckter Zunge. Tot. Aus den angeschwollenen Brüsten tropfte Milch. Um ihre Kehle war dreimal ein Telefonkabel gewickelt. Pelageja fing zu schreien an. Die Leute kamen herbeigelaufen. Polizei. Krankenwagen.
Ich untersuchte den Tatort. Kein Blut. Ein normaler Keller. Eine Kiste für Kartoffeln. Konserven und Einweckgläser. Auf dem Boden glänzt etwas. Ein kleines Stück Eisen liegt unter einem schmutzigen Brett. Ein Haken mit einem Gewinde. Und an der Wand direkt bei der Decke ist ein ausgemergeltes Loch. Dort also hatte er gesteckt. Vielleicht hatte sie sich an diesem Haken erhängt? Nein, das ist zu niedrig. Aber sonst scheint alles normal zu sein im Keller. Der Oberleutnant von der Miliz sagte: „Sie wurde erdrosselt, vielleicht hat sie sich auch selbst erdrosselt.“ Gut analysiert.
Warum schweigen die übrigen Nachbarn über jene Nacht? Kriegen den Mund nicht auf. Irgendetwas verheimlichen sie. Versuch mal, in diesem Haufen etwas zu verstehen. Einschüchtern muss man sie, Vorladungen verschicken. Davor haben Dorfleute Angst.
Der ausgenüchterte Ehemann, dieser Lipkin, ein langer Lulatsch, wiederholte wie ein Papagei: „Ich habe keine Schuld! Betrunken war ich. An nichts erinnere ich mich. Ich habe Fedotja mit keinem Finger angerührt. Der Teufel soll mich holen.“
Der wird dich holen, da gibt’s keine Zweifel. Wer sie getötet hat, weiß ich nicht, aber eingebuchtet wirst am ehesten du.
„Woher ist das Kabel?“ frage ich.
Er schweigt, zuckt zusammen. Und dann leiert er wieder: „Ich bin unschuldig...“
Von wegen „nicht angerührt“, da lügt der Bursche. Seine Frau hat man früher schon mit blauen Flecken unter den Augen gesehen. Das hat mir ihr ehemaliger Lehrer, Jelkin, gesagt. Er erinnert sich noch an sie als kleines Mädchen. Eine Fleißige war sie, sagte er. Konnte „Opa Mazai und die Hasen“ auswendig aufsagen.
Vor der Abfahrt warf ich einen Blick in die Scheune. Da gab es Kabel an den Wänden – die reichten für ein ganzes Elektrizitätswerk. Und Spulen und Rollen hingen an riesigen Nägeln an der Wand. Wohl geklaut. Alle Dorfleute stehlen. Kolchose, Kolchose! Arbeitseinheiten! Und stehlen, alles was es in der Kolchose zu stehlen gibt.
Aufmerksam untersuchte ich die Scheune.
Eine rostige Bohrmaschine, alte Feuerlöscher, Fensterglas – zwei Tonnen. Ziegel – ein Kubikmeter. Der lebt gut. Spinnweben. An einem Trägerpfosten – ein Loch. In ihm war entweder ein riesiger Nagel oder ein Haken gewesen. Sonst entdeckte ich nichts Interessantes.
In der Nacht ein fürchterlicher Traum. Ich befand mich im Keller. Ich wartete, wie man im Theater auf die Aufführung wartet. Plötzlich öffnet sich direkt in der Ziegelwand die Bühne. Ein riesiger Hase sitzt dort. Groß wie eine Kuh. Hält mit den Vorderpfoten einen alten Mann fest. Und rammelt ihn von hinten.
Der alte Mann hat den Mund geöffnet und reißt die Augen weit auf.
Auf der Bühne beginnen Hasen herumzuspringen.
Wie bunte Luftballons. Sie hüpfen, spielen. Und sie sehen mich gar nicht wie Hasen an. Da begreife ich es – es sind Häsinnen. Und sie wollen genau das eine von mir. Ich springe zu ihnen hin. Und los geht das Hüpfen mit ihnen. Ach, was für ein böses Glück! Der zarte Pelz. Diese süßen Häsinnen. Lange hüpfte ich mit ihnen herum. Dann fiel ich zu Boden. Und alle Hasenweibchen – auf mich. Mit ihren dicken Popos rutschten sie auf mir herum. Eines setzte sich auf meinen Stängel. Ich packte es bei den langen Ohren...
Ich erwachte – feucht vor Erregung. Brachte mit der Hand das zu Ende, was der Traumgeist nicht fertiggebracht hatte. Danach hatte ich schlechte Stimmung. Was bin ich für ein Mensch? Ein Hase. Gut, auf geht’s. Muss zur Arbeit.
Ich saß in der Parteiversammlung der Staatsanwaltschaft. Langweilte mich. Sie reden und reden, finden kein Ende. Das ist eine Strafe! Aha, eine neue Gruppenvergewaltigung. Eine Minderjährige. Bestimmt haben sich da die Arbeiter vom Stickstoffwerk hervorgetan. Ganz sicher war es so. Am ersten Mai nach der Feiertagsschicht machten sie einen drauf. Mit tödlichem Ausgang. Zogen sich Methanol in die Nasen – und los. Zum Sieg des Kommunismus. Zwölf Leute. Und die Bierflasche steckten sie dorthin, wo sie nicht hingehört. „Aus Fahrlässigkeit“. Das ist die sowjetische Jugend! Ein Nachtwächter hat sie gesehen. Alle wurden verhaftet. Bis jetzt sträuben sie sich. Nun, Prichodko wird es nicht lange aushalten. Wenn man dem Ersten in die Nieren haut, fangen alle übrigen auch gleich zu reden an.
Dann muss man die Anstifter auswählen. Damit es Parteilose sind. Ihnen droht die Erschießung. Den übrigen – acht bis fünfzehn Jahre. Auch Unschuldige können eingesperrt werden. Wenn es sich so ergibt. Eine kostenlose Arbeitskraft. Den Burschen ist bestimmt schwindlig vor lauter Angst. Gegenseitig werden sie sich die Schuld in die Schuhe schieben.
Sie fragten, wie ich mit meinem Mordfall vorankomme. Ich erklärte es ihnen. Dann ließen sie mich in Ruhe. Aber bald werden sie Druck machen. Und ein Geständnis fordern. Aber mein Mörder hört nicht zu, wiederholt immer nur seinen Spruch: „Ich bin unschuldig.“ Nein, mein Freund, so etwas gibt es nicht. Wenn du geboren bist, bist du schon schuldig. Lebst du und krepierst nicht, bist du noch schuldiger. Und alle bekommen für das Leben nur eines – höchstes Strafmaß.
Taufpate von Afanasi, Mitka, der Mechaniker, versicherte mir: „Sie hat sich selbst erdrosselt. Keiner hat sie angerührt.“
Sie ist also in den Keller gegangen.
Vorher hat sie die Kinder gefüttert und sie dann oben gelassen. Das Kabel hat sie um den Haken gewickelt, ist auf den alten Stuhl geklettert, stand mit dem Rücken zur Wand, hat sich die Schlinge um den Hals gelegt, ist in die Knie gegangen und… Aber in diesem Keller kann ein normaler Mann nicht stehen, so niedrig ist der, dass die kleine Fedotja nicht auf einem Hocker hätte stehen können – ihr Kopf hätte die Decke durchbrochen.
Schläge auf den Körper hatte es keine gegeben. Die Obduktion bestätigte – Tod durch Ersticken. Eingetreten zwischen acht Uhr abends und zwei Uhr morgens. Und die Sidorowna sagt, die ganze Nacht gab es Schreie. Blaue Streifen am Hals. Aber hinten auf dem Hals – keine Streifen. Das heißt, sie wurde von hinten erwürgt. Aber die Schlinge war nicht zusammengeschnürt. Kann sein, dass der Kragen vom Kleid gestört hat. Oder noch etwas anderes.
Man muss Prichodko zum Verhör einladen und aus dem Zimmer gehen. Dann wird es nach fünf Minuten ein Geständnis geben. Gute Idee! So werde ich es machen. Dem Parteigruppenorganisator muss ich eine Flasche spendieren. Oder irgendwelche Bullen kommen lassen? Aber diese Monster brechen einem die Knochen. Und ich werde dafür bestraft. Der verfluchte Haken lässt mir keine Ruhe. Fedotja kann sich nicht an ihm erhängt haben. Ist er etwa von selber aus der Wand gefallen?
Gegen Morgen träumte ich wieder, dass ich im Keller sei. Es war dunkel dort. Feucht. Und dann wurde es wie im Kino etwas heller. Als wäre mein Zimmer aufgetaucht, nur war in den Fenstern nicht Licht, sondern die Kellermauern. Ich sehe den Schreibtisch.
Auf dem Tisch sind nicht Telefon und Papiere, sondern Lipkin, mein Untersuchungshäftling, liegt dort gefesselt. Daneben Prichodko mit einer kleinen Rute in der Hand. Mit dieser Rute drischt er auf Lipkins nackten Hintern ein. Das Zischen der Peitsche in der Luft ist zu hören. Lipkin ächzt. Prichodko erblickt mich und sagt: „Ach, du bist es, Schurik, nun mach selber weiter.“
Er gibt mir die Peitsche. Und verschwindet. Ich nehme die Peitsche in die Hand, da beginnt sie zu wachsen und sich zu verändern. Schon habe ich einen Soldatengürtel mit Schnalle in den Händen.
Lipkin sagt zu mir: „Genosse Hauptfeldwebel, geben Sie sich Mühe, kommen Sie mir entgegen! Peitschen Sie mich feste! Nur nicht mit der Schnalle!“
Ich sage: „Wozu die Schnalle, wir schlagen dich mit dem Riemen. Wie es in der Armee üblich ist.“
Ich beginne Lipkin zu verprügeln.
Ich prügle lange, bis aufs Blut, und mein ganzes Inneres singt und leuchtet vor Verlangen.
Ich frage: „Warum hast du Fedotja erwürgt, du Meeresungeheuer?“
Und er zu mir: „Aber sie hat sich doch mit Petka, dem Sohn von der Sidorowna eingelassen.“
„Was“, sage ich, „mit Petka? Die Sidorowna hat gar keinen Sohn. Du lügst doch nur, du Schuft. Willst jede Schuld von dir weisen. Warum hast du den Haken aus der Wand im Keller herausgezogen?“
„Ich bin unschuldig, Genosse Ältester, ich wurde verleumdet!“
„Wer hat dich, verfluchten Hund, verleumdet? Wer zum Henker braucht dich?“
„Ich bin uuuuunschuldiiiiiig...“
Da dreht er sich plötzlich mit dem Gesicht zu mir und sein Gesicht ist das eines Toten. Vor mir auf dem Tisch liegt schon nicht mehr Lipkin, sondern Fedotja. Eine schreckliche Gestalt, mit Leichenflecken. Aus den verbeulten Brüsten sickert bläuliche Milch. Die Zunge reicht bis zum Kinn. Da war ich im Traum völlig verdutzt. Plötzlich zieht sie ihre aufgedunsene Zunge ein, schaut mich mit ihren glasigen Augen an und sagt: „Komm zu mir, Geliebter!“ Und spreizt die Beine.
Ich lege mich auf sie...
Wieder erwachte ich schweißgebadet. Was ist los mit mir?
In der Staatsanwaltschaft schnappt man öfter über. Sollte ich zum Arzt gehen? Erzähle ich eben, wie es ist, dass mir von Toten träumt, mit denen ich Geschlechtsverkehr habe. Der Arzt meldet alles weiter, wie es sich gehört. Man sperrt mich ins Irrenhaus. Haloperidol. Und… Lebe wohl! Es ist grausam – zu sterben. Vielleicht ist dort nur ein Keller voller Spinnweben. Das haben wir in der Schule gelernt.
Ich fuhr noch einmal ins Dorf. Befragte alle der Reihe nach.
„Haben sie jemanden bei Fedotjas Haus gesehen? Ist jemand ins Haus gegangen?“
„Zu den Feiertagen geht jeder zu jedem, aber am Dritten – nein, wir haben niemanden gesehen.“
In der Elektromontage-Abteilung frage ich: Wann ist Afanasi am Montagabend nach Hause gegangen?“
„Vielleicht um fünf, vielleicht auch um sieben. Er war alleine, alle anderen sind in den Dörfern herumgelungert. Vom Morgen an ist er schon allein dort gesessen und hat einen Transformator repariert.“
„Funktioniert der Transformator wieder?“
„Nein, so arbeitet der nicht. Die Spule glühte, man müsste sie neu wickeln. Aber wir haben solchen Draht nicht.“
Wir wissen, wo der Draht ist.
„Also, was hat er gemacht?“
„Weiß der Kuckuck, er hatte einen Kater, geschlafen vielleicht.“
Der Kuckuck weiß natürlich alles, aber ich muss die Sache abschließen, und es gibt weder ein Geständnis noch Beweise.
Ich habe nicht einmal eine Ahnung, wo mein Verdächtiger den Montagabend verbracht hat. Die Mutter erinnert sich nicht, der Vater erinnert sich nicht. Die Nachbarn schweigen. Und alle schneiden auch noch Grimassen. Warum quälst du uns so. Das ist deine Arbeit, los ermittle!
Ich spüre es, die lügen. Heißt das, sie wollen jemanden schützen? Aber wen? Afanasi? Mit ihrem beharrlichen Schweigen stürzen sie ihn erst recht ins Verderben.
Ich ging noch einmal zu Jelkin, dem Lehrer. Der freute sich, wurde ganz zappelig. Lud mich zum Samowar ein. Kochte Tee. Stellte Lebkuchen auf den Tisch.
„Woher haben Sie so köstliche Lebkuchen?“
„In Tula gab es zum Feiertag eine Sonderlieferung.“
„Ich habe alle im Dorf befragt. Und habe den Eindruck, dass sie alle jemanden decken. Oder Angst haben, die Wahrheit zu sagen. Ich will keinen Unschuldigen einsperren, dort hat auch so schon jeder Zweite gesessen.“
„Aber nein, das kommt Ihnen nur so vor. Sie decken niemanden. Sie wissen einfach aus Erfahrung, dass es besser ist zu schweigen. Sonst kommt das Unglück über sie. Wie sie darüber denken? Da kommen die aus der Stadt und verurteilen drauflos. Wie in der Zeit Saltykow-Schtschedrins, so ist es auch jetzt. Die Stadt der Dummen!“
„Sie glauben, Afanasi hat sie getötet? Die Mutter seiner Kinder? Ein junges hübsches Weibsbild?“
„Wer kennt ihn denn schon. Mutter, oder nicht Mutter. Hier im Dorf, da kann jeder Besoffene einen Menschen umbringen. Hundertundein Kilometer.“
„War er vielleicht eifersüchtig? Haben Sie nichts bemerkt? Vielleicht hat sie von wem Besuch bekommen?“
„Wer sollte da hingehen? Vor aller Augen.“
„Eine junge Frau. Allein. Solala. Haben Sie vielleicht doch etwas aufgeschnappt?“
„Es gab ein Gerücht, aber das ist Quatsch. Und ich will nichts sagen.“
„Besser Sie sagen es, ich erfahre es ohnehin.“
„Die Leute erzählten, dass Prokopi bei Fedotja vorbeischaut, der Schwiegervater.“
„Bei der Schwiegertochter?“
„Früher gab es das oft. Wenn der Schwiegervater mit der Schwiegertochter. Im Bett...“
Ich verließ den Lehrer, ging zu Prokopi. Der war auf der Arbeit. Pelageja ließ mich nicht ins Haus. Ihre Augen wirkten erschrocken.
„Ich weiß nichts, mein Mann ist nicht zu Hause.“
Eine eingeschüchterte Frau. Eine einfache Person. Ob sie lügt?
Schwiegersex. Das ist ja schon was. Aber wozu der Mord? Hat der Schwiegervater die Schwiegertochter erdrosselt? Aber wozu? Um sich die Enkel aufzuhalsen? Oder hat es der Ehemann erfahren und ist fuchsteufelswild geworden? Afanasi soll ins Gefängnis. So oder so. Man muss Prichodko hinzuziehen. Sonst hat das ganze keinen Erfolg.
In der Staatsanwaltschaft sagte ich zu Prichodko: „Nikitytsch, sprich mit meinem Untersuchungshäftling. Beeinflusse ihn. Er will nicht gestehen. Und ich habe nichts, womit ich ihn festnageln kann. Wir sperren ihn natürlich ein. Aber ich bin blamiert.“
„Und, ist er eine harte Nuss?“
„Er ist keine Nuss, er ist ein Papagei. Beim vorigen Mal hat er zwei Stunden lang dasselbe wiederholt. Irgendein ganz Kluger hat ihm das geraten. Psychologisch, verstehst du, wirkt das sehr stark.
Er schweigt nicht wie ein Dummkopf. Niemanden umgebracht, niemanden umgebracht. Wenn er das im Gericht vor sich hinbrummt, macht das keinen guten Eindruck bei den Richtern.“
„Abgemacht, wir werden diese Sache morgen für dich deichseln. Eine Flasche kannst du schon heute kaufen.“
„Das werde ich auf jeden Fall tun.“
Ich kam erbost nach Hause. Begann Kartoffeln zu schälen – schnitt mich. Blut tropfte auf den Boden.
Wieder setzte mir ein schrecklicher Traum zu. Ich steige in den Keller hinunter. Dort hängt die schwangere Pelageja am Haken. Sie ist alt, voller Falten, welke Haut, die Haare sind wild durcheinander. Sie ist an den Händen aufgehängt. Und der kahlköpfige Opa – Prokopi, nur in Unterhosen, schlägt sie mit einer langen Peitsche auf den riesigen Bauch. Im Mund hat das Weibsbild einen Lappen. Die Hängetitten werden durchgeschüttelt. Die Peitsche pfeift.
Prokopi prügelt und schimpft: „Du alte Nutte, wo hast du dir den Wanst zugelegt? Du Sauvettel! Mit dem Soldatenvolk hast du dich eingelassen.“
Da lodert bei mir ein Feuerchen auf. Ich trete von hinten an ihn heran und lasse die Hosen runter. Er aber dreht und wendet sich gefällig und reckt seinen Hintern in die Höhe. Pelageja hat er verprügelt und mich lächelt er sklavisch an. Ich ramme ihn in seinen dürren Hintern. Er weint und brabbelt vor sich hin: „Genau so, Euer Wohlgeboren. Das ist Ihr Recht. Für so etwas sind wir immer für Sie da.“
Ich kam in dem Moment, als Pelageja gebar.
Als würde ein Achtfüßler aus ihr herausgleiten. Und am Erdboden auseinanderkriechen. Sogar es aufzuschreiben ist grauenhaft.
Und wenn es jemand liest? Wer soll es lesen? Wer braucht dich denn? Einmal im Leben warst du zu dir selber ehrlich und bist erschrocken.
Achtfüßler. Woher kommen die im Traum zu mir geschwommen? Ich habe diese Kreaturen im Aquarium im Moskau gesehen. Bis heute finde ich sie widerlich. Interessant, gibt es im Keller einen Boden? Bin ich schon dort oder noch beim Hinflug?
Ich sprach mit Prokopi. In Wirklichkeit war er gar nicht mager. Dem Körper nach ein Mannsbild, aber schlapp. Und noch nicht glatzköpfig. Hat es faustdick hinter den Ohren. Ist aber etwas einfältig. Und durch und durch Säufer. Schwiegersex? Nein, der hat eine Frau das letzte Mal vor zwanzig Jahren ohne Kleider gesehen.
Und Prichodko erreichte auch nichts.
„Dein Lipkin schweigt. Stur wie ein Ochse. Singt immer dasselbe Lied. Wie aufgezogen. Interessant wäre zu erfahren, wer den aufgezogen hat.“
„Hör zu, Nikitytsch“, sage ich, „erlaubst du mir die Sache ohne Geständnis vor Gericht zu bringen?“
„Das ist nicht wünschenswert. Mach es nicht unnötig kompliziert! Ich bin schon lange ein Strafrechtler, hab schon allerhand gesehen. Kommt vor, dass du den Täter nicht erwischst, aber die Leiche ist da. Irgendjemand muss bestraft werden. Denn wenn es keine Bestrafung gibt, urteilt das ganze Dorf, dass wir Schwächlinge sind. Aber wir sind keine Schwächlinge! Die sowjetische Rechtsprechung ist stark wie noch nie. Uns ist es eigentlich egal, wer sitzen wird. Der Sohn oder der Vater oder der Heilige Geist. Von keinem dieser armen Schlucker kann man was nehmen. Aber die Ordnung und Achtung gegenüber der sowjetischen Macht verteidigen wir.“
„Gut, Nikitytsch, reg dich nicht auf, irgendwie kriege ich das hin.“
„Zieh die Sache nicht in die Länge, auf dich warten noch fünf Fälle. Mach schneller! Und die Flasche ist trotzdem fällig. Der Bursche ist ein Ochse, meine Hand schmerzt. So einer erwürgt ein Weib mit links.“
Ich war in Stoletowo. Sprach mit Afanasis Bruder, Mischka.
„Michael Prokopiewitsch, sagen Sie mir, Fedotja und Afanasi... Hatten die eine gute Ehe, keine Streitereien?“
„Wos? Ganz normal. Wie alle.“
„Bekam Fedotja vielleicht von irgendwem Besuch?“
„Wos? Fedotja Besuch? Wer sollte zu ihr kommen? Sie hat doch einen Mann. Der würde den windelweich prügeln.“
„Was glauben Sie, hat sie sich selbst erhängt? Oder hat wer nachgeholfen?“
„Wos? Wos ich glaube? Ich glaube gar nichts, von mir aus ein Pferd...“
„Und was sagt man im Dorf über Fedotja?“
„Man sagt, sie war eine Hexe, der Satan hat sie aufgehängt.“
Das fehlt gerade noch! Hexen und Teufelspack.
„Und warum? Nennen Sie mir einen Grund.“
„Worum? Worum? Ich weiß es nicht. Fragen Sie die Alte – Kaldyricha.“
„Was ist das für eine Alte?“
„Wohnt dort auf einem Gehöft. Hext. Dort drüben, hinter dem Wald. Bei ihr parken sogar Moskauer Autos...“
„Ist es weit dorthin?“
„Sie haben doch einen Jeep – auf der Waldstraße sind es zwei Kilometer. Auch wenn die Straße sehr schlecht ist, Sie kommen hin.“
Ich fuhr zur Kaldyricha.
Der Wald neben der Straße war unberührt, dicht. Gleich taucht wohl eine Hütte auf Hühnerknochen auf. Aber nichts dergleichen kam zum Vorschein. Ich bemerkte nur einen aufgehängten schwarzen Kater. Zehn Meter von der Straße entfernt. Wahrscheinlich hat sich die Jugend einen Streich erlaubt. Ich bin nicht einmal stehen geblieben.
Die Straße war voller Matschfurchen und Pfützen. Dreimal blieb mein Kozlik stecken. Ich musste aussteigen und Fichtenzweige unterlegen. Ich machte mich schmutzig. Einmal hatte ich Angst, dass ich gemeinsam mit dem Auto in der Pfütze versinke. So tief war die. Diese Frühlinge! In der Seele ein Durcheinander und im Wald nichts als Dreck. Ich fuhr aus dem Wald hinaus. Stieg aus dem Auto. Sah mich um.
Auf der Wiese kam das erste Gras hervor.
Ein See wie eine blaue Untertasse. Die Sonne brennt herunter. Am Waldrand des Birkenwäldchens steht eine Hütte. Ich gehe zur Pforte, schaue in den Garten. Da wachsen Apfelbäume, einen Gemüsegarten gibt es, die Blumenbeete sind noch nackt. Hennen laufen herum. Die Hütte ist alt, aber in Ordnung. Nicht schlecht haben sie früher gebaut.
„Ist da jemand?“
Aus der Hütte tritt eine Frau. Grauhaarig. Vielleicht siebzig Jahre. Um die Schultern ein Orenburger Tuch. In den Haaren ein Band. Eine ruhige Frau.
„Komm herein, Saschenka, ich habe dich schon lange erwartet.“
„Sind Sie die Kaldyricha?“
„Kaldyrina Angelina Dmitriewna. Du kannst mich Angelina nennen. Obwohl ich um zwanzig Jahre älter bin als du.“
„Und woher wissen Sie meinen Vornamen?“
„Seit drei Tagen spricht man im Dorf vom Ermittler. Das dringt auch bis zu meinem Hof durch.“
„Und was spricht man so?“
„Man sagt, graue Schläfen, aber kein Verstand!“
Ich ärgerte mich. Wie immer. Du gehst menschlich mit ihnen um. Willst dir über die Dinge klar werden – und sie halten dich für einen Trottel. Beginnst du aber wütend zu werden – achten sie dich.
„Ach so? Warum halten sie mich für dumm?“
„Du mein Lieber, hast dich mit einer unreinen Kraft angefreundet, aber von den Menschen hast du dich völlig entfernt.“
„Mit welcher unreinen Kraft, du Alte, was redest du für dummes Zeug daher?“
„Jetzt ist er wütend, dabei wollte ich dir helfen. Damit du nicht noch mehr Teufel zur Welt bringst. Es schweifen auch so schon Unzählige in der Welt herum. Sie kriechen den Menschen direkt in die Seele. In die weiße gute Stube, die für Swjatozar hergerichtet ist. Und dort besudeln sie alles. Swjatozar kommt nicht. Und der Mensch zerreißt sich, ein Armer, der nicht versteht, was Traum ist und was Wirklichkeit.“
Was für eine Hexe!
„Zu Swjatozar kommen wir später, erzählen Sie mir lieber etwas über Fedotja. Ich habe gehört, dass Sie mit ihr bekannt waren. Sind Sie vielleicht gemeinsam zum Hexensabbat geflogen?“
„Nun gut, du scherzt. Aber du bist doch schon völlig verkrampft. Nein, fliegen kann ich nicht, sollen die Vögel fliegen. Ich gehe lieber auf der Erde. Wie eine Maus. Ja, Fedotja war bei mir. Drei Jahre lang bekam sie keine Kinder, ich habe mit ihr gesprochen, ihr was zugeflüstert, Kräuter empfohlen. Und so blühten zwei Kamillen auf. Sie war ein naives Mädchen. Und liebte Afanasi, obwohl er ein Hahn ist. Er beleidigte sie. Aber er hat keine böse Seele. Er trinkt. Dient dem Prisnoirod.“
„Wer hat sie umgebracht? Prisnoirod? Warum? Das kann ich nicht fassen. Helfen Sie mir, bringen Sie mich auf eine Spur.“
„Es ist eine große Sünde, den Kindern die Mutter zu entreißen. Ich weiß nicht. Vielleicht ein Fremder? Keiner der Unsrigen? Kam, vollbrachte die Gewalttat, und weg war er. Von der Bundesstraße zum Dorf sind es fünf Minuten, Asphaltstraße. Und deren Haus ist nicht weit weg. Der Mann war nicht da. Vielleicht hat er grad mit Freunden getrunken. Wer weiß. Vor nicht langer Zeit waren irgendwelche Städter beim Dorfpfarrer. Vielleicht sie?“
„Die Freunde sagen über den Abend des Dritten – wir erinnern uns nicht. Sie haben sich vom Saufen noch nicht erholt.“
„Das sagen sie aus Angst. Jeden Abend betrinken sie sich. Sie haben immer Feiertag. Saufen bis zum Umfallen. Mir haben sie am Dritten den Kater gestohlen.“
„Nun danke, Angelina Dmitriewna, Sie haben mir geholfen. Ich gehe jetzt.“
„Du, Saschenka, komm zu mir, wenn du die Sache abgeschlossen hast, sonst bist du verloren.“
Ich fuhr schnell weg von ihr. Sie hatte gutmütige Augen, aber katzenähnlich. Sie durchschaut mich.  Morgen besuche ich den Popen. Und im Dorfkaufhaus muss ich noch mit der Verkäuferin reden, um zu erfahren, ob Lipkin am Dritten Alkohol gekauft hat.
Auf dem Rückweg hielt ich an und zog den Kater aus der Schlinge. Ein Telefonkabel. Zufall? Ich warf den Kater in eine Erdgrube und fuhr weiter.
Wieder träumte mir vom Keller.
Als würde ich Swjatozars Sohn beweinen. Und so schwer war mir ums Herz. Ich legte ihn ins Grab. Mit sechzehn Jahren ist der Arme gestorben. Noch nichts von der Welt gesehen, die wahren Freuden noch nicht kennen gelernt. Da saß ich also neben dem Grab und heulte. Dann nahm sich das Verlangen das seine. Meine Hände begannen vor Leidenschaft zu zittern. Ich zog den Toten aus. Sein Körper war knabenhaft, die Formen aber weiblich. Gelockte hellbraune Haare. Ich legte mich zu ihm ins Grab. Begann ihn zu liebkosen. Ich leckte ihm die Ohren und biss ihn in den hellen Rücken. Was für eine Versuchung!
Dann landete ich im Traum auf einem Hexensabbat. Die alte Kaldyricha schaltete und waltete dort. Sie war riesig, dick, nicht so wie in Wirklichkeit. Zu Beginn wurden Säuglinge in einem riesigen Kessel gekocht, bis das Fett aus den Knochen floss. Dann verschlangen die nackten Hexen die Kinder, als wären es Sardellen. Sie steckten sie einfach in sich hinein. Dann flogen sie unter der Decke umher, bildeten einen Reigen und begannen mit krächzenden ekstatischen Stimmen zu singen. Den Sinn der Lieder konnte ich nicht verstehen.
„Stehen, sitzen, liegen, hängen, lieg und blas, ohne Maß, heißer Mund, steifer Grund, Blitz im Bauch, Sonnenfunkel, Mars entschläft, Saturn wird dunkel, Venus liebt die krummen Beine, iss die Steine, iss die Steine, der im Stall beim Hengst geboren, wird als Hahn die Frauen bohren, Magda hat ein großes Loch, Opa spielt mit schwarzem Bock, stehen, sitzen, liegen, hängen, Hexen ändern alle Mengen, Glocken locken, Schlag im Hals, zeig uns Zucker, zeig uns Salz…“
Dann starrten sie mich alle an und begannen wie Pferde zu wiehern. Da sprang die Kaldyricha zu mir her, packte mich mit beiden Händen bei den Ohren und steckte meinen Kopf in ihren Schoß. Dort war es rot und feucht. Wie in einer Melone aus Taschkent. Ich streckte die Zunge aus und leckte die vibrierenden Reize. Und Kaldyricha nahm meinen Ständer und begann ihn zu kneten.
Ich erwachte vom Samenerguss. Aus der Kehle brach noch ein Stöhnen hervor.
Irgendjemand klingelte hartnäckig an der Wohnungstür. Ich warf mir den Morgenmantel um die Schultern. Öffnete die Tür. Die Nachbarin.
„Was schreist du so, Schurik? Soll ich die Rettung rufen?“
„Es ist alles in Ordnung, Tante Nastja, ich hatte nur einen Traum. Von Prisnoirod.“
„Mein Gott, steh bei. Ich dachte, du hast den Verstand verloren oder stirbst, bin ich erschrocken.“
„Danke für die Sorge um mich.“
Das Gespräch mit der Verkäuferin des Dorfkaufhauses fiel kurz aus. „Hat Lipkin am Dritten Alkohol gekauft?“
„Nein.“
„Erinnern Sie sich ganz genau?“
„Ja, es war nichts los. Der Ladentisch war leer. Alles schon vor den Feiertagen aufgekauft. Und wozu braucht er Wodka, wenn er genug Selbstgebrannten hat?“
„Wer brennt welchen?“
„Davon weiß ich nichts.“
Pelageja brennt wohl nicht selber. Werde noch einmal mit ihr reden. Ich ging zu ihrem Haus. Auf der Straße stehen so Typen herum, sehr mürrische. Käufer? Wie stelle ich es an, nicht von ihnen verprügelt zu werden. Ich möchte zur Pforte gehen, sie lassen mich nicht. Einer von ihnen schnauzt: „Hau lieber ab.“
Besser nicht mit dem Kopf durch die Wand. Komme ich eben das nächste Mal mit Milizionären. Die werden es ihnen schon zeigen. Ich ging zum Popen. Ins Häuschen neben der Kirche.
„Der Vater ist in der Kirche, liest die Totenmesse.“
Die tote Fedotja verfolgt mich. Ich gehe ins Gotteshaus. Dort steht der Sarg. Ein süßlicher Gestank. Weihrauch. Wenige Leute. Ich bleibe bei einer großen Ikone stehen.
Die Muttergottes „Lindere meinen Kummer“. Sehr treffend. Sie hat schöne traurige Augen. Sie blickt den Säugling an. Warum dringt ihr Blick direkt in meine Seele?
Ich mag es nicht, wenn man mir in die Seele schaut. Es ist nicht sauber dort. Ich gehe aus der Kirche hinaus. Spaziere auf dem kleinen Friedhof herum. Sie tragen den Sarg heraus, bringen ihn zu dem unweit stehenden LKW. Ich kenne niemanden.
Habe mich geirrt, es ist nicht Fedotja. Irgendein unbekannter Verstorbener. Dem Popen hatte man schon geflüstert, dass ich mit ihm sprechen möchte. Er kam selbst auf mich zu. Und rauchte sich eine Zigarette an. Aber so, dass niemand es sah. Heimlich.
„Man sagt, bei ihnen waren fremde Leute zu Besuch?“
„Das war mein Neffe aus Mzensk, mit Frau und Bruder.“
„Geben Sie mir Telefonnummer und Adresse?“
„Selbstverständlich. Glauben Sie bloß nicht, dass sie irgendeine Verbindung zum Unglück haben. Sie sind am Morgen nach den Feiertagen abgefahren.“
Wieder eine Spur verloren!
„Und kannten Sie die Verstorbene?“
„Sie ging nicht in die Kirche. Aber Pelageja manchmal.“
„Brennt Schnaps und geht in die Kirche!“
„Wer von uns ist ohne Sünde?“
„Und was denken Sie über Afanasi? Könnte er seine Frau getötet haben?“
„Das weiß ich nicht. Sie sind die Macht. Sie erziehen die Menschen. Geben Sie sich selbst die Antwort auf Ihre Frage. Und denken Sie auch darüber nach, wer Schuld daran hat, dass für Afanasi die einzige Freude im Leben der Wodka ist.“
   Ein kluger Pope. Wir sind also schuld. Die Sowjetmacht. Noch besser – ich allein bin an allem schuld. Ich bin also der Mörder. Das ist sie, die Antwort. Was treibe ich mich noch hier herum? Ich bin schuld. Punkt. In dem Moment ging mir ein Licht auf. Ich begriff, wie ich Lipkin verhören muss. Dank dem Popen. Ich fuhr zurück in die Stadt. Sie holten Afanasi aus der Zelle. Als er mich sah, begann er sofort wieder mit seiner Leier, der verdammte Papagei. Ich sage zu ihm: „Schweig eine Minute. Ich weiß, dass du sie nicht getötet hast. Du bist unschuldig. Ich war es, der deine Frau erwürgt hat.“
Völlig verdutzt sieht er mich wie ein Hammel an. Dann sagt er: „Sie haben sie getötet?“
„Ja, ich war es.“
„Sie haben sie erwürgt und dann auf den Nagel in der Scheune gehängt?“
„Jetzt hast du dich aber verplappert, du Schwachkopf. Antworte, wie es sich gehört, hast du an jenem Abend mit Freunden getrunken?“
„Ich hab die ganzen Feiertage getrunken. Und hab am Dritten getrunken. Hab schon in der Werkstatt begonnen, beim Taufpaten ging es weiter.“
„Dann bei der Mutter?“
„Ja.“
„Wann bist du heimgekommen?“
„In der Nacht.“
„Hast du dich wieder verplappert. Pelageja hat gesagt, dass du früh am Morgen noch nicht zu Hause warst. Wir werden eine Gegenüberstellung machen. Was hast du zu Hause gesehen?“
„Nichts. Es war alles normal. Fedotja hat gestillt, hat mir ins Gewissen geredet.“
„Und du?“
„Ich bin unschuldig! Hab sie nicht angerührt.“
Und weiter im Programm. Mir war schon alles ganz egal. Ich wusste nämlich schon, wie alles gelaufen war. Afanasi war betrunken nach Hause gekommen. Fedotja hatte zu schimpfen begonnen. Er geriet in Wut. Er würgte die Frau wie eine Katze. Mit dem Erstbestem, was ihm in die Finger kam, dem Kabel. Davon hatte er genug. Es war im Affekt. Und er hängte die Frau auf den Nagel in der Scheune. Was er anrichtete, verstand er selbst nicht. Er legte sich schlafen. Und natürlich dachte er nicht daran, dass der Nagel ziemlich hoch oben hervorstand und seine kleine Fedotja ihn nicht erreicht hätte. Wenn er sie dort hängen ließ, sollte er daneben eine kleine Treppe oder eine umgekippte Kiste hinstellen, damit alle der Meinung wären, es handele sich um Selbstmord. Vom Tisch der Bohrmaschinen-Werkbank konnte man sich nicht aufhängen. Der noch dazu am anderen Ende der Scheune stand. Ein unheimlich schweres Ding.
Die ganze Nacht brüllt das Kind, keiner kommt, keiner fragt nach. Alle sitzen in ihren Häusern. Saufen und pfeifen auf dem letzten Loch. Am Morgen schleppt sich die Mutter daher. Bemerkt die Abwesenheit der Schwiegertochter. Läuft in die Scheune – da hängt Pelageja wie eine Birne. Die Mutter weckt den Sohn. Sie haben es eilig. Zu zweit nehmen sie den Körper vom Nagel herunter. Den Nagel ziehen sie heraus. Den Körper tragen sie in den Keller. Versuchen ihn dort aufzuhängen. Es gelingt nicht. Und der Haken löst sich aus der Mauer und rollt unter das Brett. Es bleibt nicht viel Zeit, um richtig nachzudenken. Die Leiche in den Armen, hören sie die Kinder kreischen. Sie legen den Körper auf den Boden. Sie wickeln das Telefonkabel um den Hals, um die Sache zu verschleiern. Und den Haken vergessen sie. Pelageja schickt Afanasi zu ihr nach Hause. Befiehlt ihm, noch Selbstgebrannten zu trinken. Und erst dann erhebt sie ein Jammergeschrei. Trommelt das Volk zusammen. Alle bringt sie in die Hütte, lässt sie in den Keller, in den Hof, in die Scheune. Damit sie überall ihre Fußspuren hinterlassen und mit ihren schmutzigen Händen alles angreifen. Erst danach führt sie ihren Sohn wieder in sein Haus. Die Dorfleute verstanden sofort alles, das war nichts Neues. Und mich haben sie zum Narren gehalten, so gut sie konnten.
Nachts träumte mir wieder böses Zeug.
Am Anfang erschien mir Afanasi. Er würgte mich. Ich schrie, wehrte mich mit Händen und Füßen, aber er überwältigte mich. Und hängte mich in der Scheune auf. Und ich, der Tote, hänge also in der Scheune. An genau jenem Balken. Und meine Seele verlässt meinen Körper und fliegt in einer durchsichtigen Kugel in den Himmel. Wie eine Kinderpuppe in einer Seifenblase. Sie fliegt zu einem riesigen Thron, dort sitzt Gott selbst. Und meine Kugel setzt sich ihm direkt auf die Handfläche. Und da stehe ich also, wie ein Püppchen, auf Gottes Handfläche.
Und Gott sagt zu mir: „Nun, Schurik, was machen wir nun mit dir?“
Ich platze dummerweise heraus: „Bring mich in den Keller.“
Statt Einlass ins Paradies zu erbitten.
Und da... Als hätte man mich von der Handfläche fortgeblasen, fliege ich in den schrecklichen Abgrund, dabei höre ich ein teuflisches Lachen. Und dann bin ich im Keller. Dieses Mal riecht es dort nach Weihrauch. Und die Umgebung ist irgendwie kirchlich. Ich stehe nackt vor der Ikone der Muttergottes. Betrachte ihr Antlitz. Flehe sie um Gnade an. Und sie schaut mich von der Ikone herunter an. Mein Herz wird erleuchtet von Glückseligkeit. Und plötzlich steigt sie aus der Ikone heraus. Sie geht in der Luft wie auf einer Treppe.
Sie tritt an mich heran. Legt den Säugling in eine goldene Wiege. Umarmt mich. Sie schimmert blau. Und da liege ich schon auf der Muttergottes. Wir lächeln uns zu und sehen einander in die Augen. Wie Mann und Frau. Und ich bin tief in ihr. Rund um uns – keine Kirche, kein Keller, sondern eine Sternenlandschaft. Und Äolsharfen spielen Musik für uns. So weit ist es also mit mir gekommen. Gott hält mich in der Hand wie der wilde King Kong. Und ich schlafe mit der Muttergottes.
Ich habe alle Verhöre abgenommen. Eine Gegenüberstellung mit der Mutter durchgeführt. Afanasi wollte wieder sein Spielchen beginnen, aber als ich ihm drohte, dass wir Pelageja einsperren, hielt er es nicht mehr aus und gestand. Pelageja schluchzte, nahm den Sohn in Schutz. Ich war bei Prichodko. Stellte wie versprochen eine Flasche hin. Erzählte ihm alles. Zeigte ihm die Protokolle. Erbat die Genehmigung Pelageja nicht dem Gericht zu übergeben. Er schimpfte, erlaubte es aber. Die Flasche tranken wir aus. Ich widmete mich wieder anderen Fällen. Afanasi wurde nach drei Wochen verurteilt. Acht Jahre volles Strafausmaß gaben sie ihm. Rechneten ihm mildernde Umstände an. Es hätte schlimmer kommen können. Fedotjas Mutter nahm die Waisenkinder bei sich auf. Zur Kaldyricha bin ich nicht gefahren.
Ich lebe nicht schlecht. Nur ein schwarzer Kater belästigt mich nachts. Entweder scharrt er an der Türe oder springt mir von der Decke auf die Brust. 
 
 
 
 
Übertragung aus dem Russischen: DAJA

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