Igor Schestkow "Nacht mit einem Toten"

 

 

NACHT MIT EINEM TOTEN

                                                        

Die Mieten in den besseren Vierteln Berlins sind in den letzten zehn Jahren um die Hälfte gestiegen. Besonders teure Luxuswohnungen wurden um etwa 30 Prozent teurer. Billige Ein- oder Zweizimmerwohnungen verteuerten sich hingegen um das Doppelte oder sogar Dreifache. Wohin soll das noch gehen? Trotz dieser Preissteigerungen bewerben sich 20  oder sogar 50 Interessenten um jede freie Berliner Wohnung - eine sehr ungute Situation.

Als ich am Anfang dieses Jahrhunderts aus Sachsen nach Berlin übersiedelte, war die Lage noch ganz anders, viel einfacher und entspannter. Ich suchte damals eine günstige Zweizimmerwohnung, möglichst zentral gelegen im westlichen Teil Berlins. Nachdem ich fast 30 Jahre in der DDR gelebt hatte, wollte ich lieber ein Westberliner sein und den Ostteil der Stadt nur ab und zu als Tagesgast besuchen. Mein finanzielles Limit lag bei 310 Euro pro Monat. Heute bekommt man dafür in Berlin Mitte nicht einmal ein Zimmer in einem Studentenheim. Damals fand man für dieses Geld durchaus noch eine gemütliche Junggesellenbude. Noch zogen nicht ganze Heerscharen von reichen Westdeutschen und übrigen Europäern an die Spree, um sich dort einen Lenz zu machen und ihr Geld zu verprassen; noch war Westberlin nicht an den östlichen Teil angeglichen, hatte allerdings die Pracht und den Glanz der Sechzigerjahre bereits verloren.

...

Für die Wohnungssuche brauchte ich etwa vier Wochen. Ich schaute in Zeitungen, durchforstete entsprechende Internetseiten, besuchte Makler - und fand schließlich für 300 Euro im Monat eine wunderbare Zweizimmerwohnung in gutem Zustand mit Loggia und Einbauküche. Sie befand sich im Westfälischen Viertel, ungefähr da, wo in den Fünfzigerjahren noch die Synagoge gestanden hatte, die später abgerissen wurde. Ich zog ein, lebte dort zirka ein Jahr und schrieb erste Erzählungen, die später in meinem Büchlein "Wehmut und Stillstand" veröffentlicht wurden.

Ganze Tage lang streifte ich durch Westberlin, besuchte Kunstgalerien und Museen, fotografierte, nahm einen Kaffee auf dem Kurfürstendamm...

Leider lernte ich keine neuen Leute kennen. Kontakte entstehen nun einmal nicht von selbst. Aber ich wollte nicht so weitermachen wie in Sachsen, wo ich mich dreißig Jahre lang durch das Kulturleben gewühlt, gebohrt und gefressen hatte, nicht ohne ständig herumzumäkeln und zu provozieren. Keinem Streit unter Künstlern war ich aus dem Weg gegangen, mit dem einzigen Ziel, auf mich aufmerksam zu machen. Meine Kraft für all diesen Trubel war genauso aufgebraucht wie mein Bedürfnis danach.

Die Wohnung hatte natürlich auch ihre Schattenseiten. Von meiner Nachbarin - einer armen, arbeitslosen Tschetschenin, bei der rund um die Uhr der Fernseher lief - trennte mich nur eine dünne, feuchte Mauer. Sie hatte ihren verdammten Glotzkasten so laut gestellt, dass sie ihn in jeder Ecke ihrer Wohnung hören konnte, wo sie ohne Unterlass Staub saugte, wischte und wienerte. Nachts schlief sie zwar, aber in der Dachwohnung des Nebenhauses feierten temperamentvolle Studenten aus Südamerika bis zum Morgengrauen wilde Partys. Die Musik dröhnte so laut, das an Ruhe nicht zu denken war.  Mir kam es vor, als befände ich mich im Fokus einer kolossalen, akustischen Linse. Das machte mich mit der Zeit kirre, denn ich fühlte mich ihnen ausgeliefert. In kalter Wut holte ich die Polizei, aber die cleveren Latinos tricksten sie aus: Einer stand Schmiere, und wenn sich ein Polizeiauto näherte, riefen sie per Handy ihre Kumpanen in der Nähe an, die dann dort bei sich die bulligen Lautsprecher auf maximale Leistung drehten. Unsere Radaubrüder zogen sich diskret zurück, so dass hier im weiten Rund tiefster Frieden herrschte.

Der hielt dann ungefähr fünf Minuten. Kaum war die Polizei verschwunden, dröhnte die Musik noch lauter als vorher. Offenbar wollten sich die jungen Kerle rächen und der miesepetrigen Nachbarschaft zeigen, wer die wahren Herrscher über die neue Welt und über die Nachtruhe waren.

Seltsamerweise rief ich als Einziger die Polizei. Die anderen Leute tat das nicht. Deutsche sind nun einmal von Natur aus geduldig und zurückhaltend, nur ich besaß so ein dünnes Nervenkostüm.

Nach meinem zehnten Anruf kam die Polizei nicht mehr. Man drohte mir sogar mit einer Anzeige wegen übler Nachrede. Da half es auch nichts, dass ich den billigen Trick der Latinos verriet. Niemand glaubte mir, was wohl mit daran lag, dass ich an meinem Akzent leicht als ehemaliger Sowjetbürger zu erkennen war, die auf der ungeschriebenen polizeilichen Rangskala noch unter den Lateinamerikanern rangierten. Vielleicht sogar zu Recht. Also blieb mir nichts anderes übrig, als mein hübsches Refugium aufzugeben und in das ruhige und etwas spießige Köpenick umzuziehen, wo es so viele herrliche Gewässer gibt und wo die berühmte Geschichte des "Hauptmannes" spielt.

 

Das nächtliche Vorkommnis, von dem ich berichten will, ereignete sich genau in der Zeit, als ich mich, von Schlaflosigkeit gepeinigt, auf die Suche nach einer neuen, möglichst ruhigen Bleibe in Berlin begeben hatte.

Ein ungefähr passendes Quartier in der Cauerstraße fand ich auf der Internetseite einer Immobilien-Agentur. Dort hatte ein Herr namens Cauer gelebt, der sich zu Goethes Zeiten darum bemühte, deutsche Sprösslinge im stramm patriotischen Sinne zu erziehen. Die anbietende Firma wendete sich mit folgenden Worten an potentielle Käufer: "Wenn Sie unsere Wohnung nicht sofort kaufen wollen, mieten Sie sie doch ganz einfach für drei Jahre. Wir garantieren Ihnen, dass Sie zufrieden sein werden." Ich rief dort an und traf mich am nächsten Tag mit dem Makler, von dem ich annahm, er würde mir vorschlagen, gemeinsam zur Besichtigung nach Charlottenburg zu fahren. Der junge Mann in ausgesucht schicken Kleidern (spitze Schuhe, langer, warmer Mantel, gelber Schal) betrachtete mich kritisch von Kopf bis Fuß. Sein Blick verweilte lange auf meinem roten Bart, der damals noch üppig spross, bis er erklärte, er schenke mir vollstes Vertrauen. Aus unerfindlichen Gründen lächelte er dabei, händigte mir zwei Schlüssel aus (einen für den Hauseingang, einen für die Wohnung) und fügte hinzu, ich könne dorthin fahren, wann es mir beliebe. Er erwarte nach drei Tagen eine Unterschrift unter den Mietvertrag oder spätestens nach vier Tagen die Schlüssel zurück. Eine Anzahlung verlangte er nicht.

Mir war das recht, denn ich wollte, durch bittere Erfahrung klug, höchstpersönlich und "mit eigenen Ohren" herausfinden, ob es dort spätabends und nachts ruhig war.

Ich dankte dem gelben Schal für sein Vertrauen, nahm die Schlüssel und fuhr heim. Abends packte ich eine Luftmatratze, Bettwäsche, eine Decke und eine Thermoskanne mit Kaffee ein und begab mich zu Fuß in die Cauerstraße, denn sie lag nur etwa zwanzig Minuten von mir entfernt. Mein Plan war, dort zu übernachten und am Morgen zu entscheiden, ob mir die Wohnung gefiel oder nicht.

Ich ging los und fand das fünfstöckige, mausgraue Gebäude, dessen Hausnummer ich vergessen habe. Es sah düster aus und war als einziges in der Straße noch nicht renoviert. Im Vergleich zu dieser finsteren Bausünde hier glich das bläulich gekachelte, vierstöckige Haus in Moskaus Jasenewo-Viertel, in dem ich 1978 meine erste eigene Wohnung bezogen hatte, einer Villa in Hollywood. Wie sagte damals ein Bekannter, der 30 Jahre in Westeuropa gelebt hatte: "Du kannst von Glück sagen, wenn es dir gelingt, im Westen dein Moskauer Lebensniveau zu halten. Pass nur auf, dass du keinen Absturz erlebst und im Sumpf versinkst wie ein lahmer Esel. Hier bist du König, dort wirst du ein Diener sein." 

Ich trat in den Hausflur. Dunkel war es. Es stank, und zwar heftig. Aber es stank nicht nach Katzen- oder Menschenpisse und Exkrementen wie in den Hauseingängen meiner alten Heimat, sondern nach schmutziger Wäsche und verdorbenem Essen. Hier wohnten wohl arbeitslose Migranten, denen das egal war. Da galt es zu abzuwarten, wie die Wohnung selbst aussah. Ich stieg in den dritten Stock. Vor der Tür war ein Riegel. Sie hatten ihn irgendwann stümperhaft mit der Säge aus der Tür ausgeschnitten. Wahrscheinlich würde er keinem Stoß mit der Schulter standhalten.

Ich trat ein und schloss die Tür hinter mir. Drinnen stank es ebenfalls, aber anders und sogar noch schimmer. Auf meinem Rundgang durch Wohnung sah ich zuerst in die Toilette, ein übles Dreckloch. Nun gut, das ließ sich putzen. Auch die Badewanne sah aus, als hätten sich jahrelang Wildschweine darin gesühlt. Immerhin war das wohl nicht die Ursache des Gestanks. Die Küche war klein, die Möbel stammten noch aus den Sechzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts. Sie atmete den Geruch allen Essens, das man dort zubereitet hatte und war speckig von Ausdünstungen und Fett. Trotzdem könnte man hier, wenn man etwas Geld in neues Linoleum und frische Farbe investierte, Essen kochen und Mahlzeiten zu sich nehmen. Es stank wenigstens nicht zu sehr.

Dann waren da noch die zwei Zimmer.

Das Fenster des kleinen ging auf die Cauerstraße, wo auch jetzt, um elf Uhr abends, noch ein ununterbrochener Strom von Autos entlangdröhnte, bläuliche Wolken von Abgasen hinter sich herziehend. Hier könnte man - nach einer Schönheitsreparatur - das Arbeitszimmer mit dem Computer einrichten. Zwei Tische von Ikea und einen Drehstuhl. Bei der Arbeit stört ja der Verkehrslärm nicht so. Lüften konnte man nachts.

Das große Zimmer hatte sogar einen Balkon. Mir wurde augenblicklich klar, dass der Gestank von hier ausging. Das Linoleum in einer Ecke war kohlschwarz mit blutroten Blumenranken. Sogar die Silhouette eines liegenden Menschen war zu sehen. Das wirkte höchst befremdlich.

Ich trat auf den Balkon hinaus. Der Mond schien, die Luft war frisch. Zum Glück! Nur das dumpfe Summen der großen Stadt durchdrang die Stille. Es klang, als käme das Geräusch von riesigen, unterirdischen Maschinen wie im Film "Metropolis". Doch es war kein Fernseher in der Nachbarschaft zu hören, keine Musik und keine Party. Was wollte ich mehr!

Aber was war das da unten? Es sah aus wie ein Gedenkstein... Ach so, ein kleiner Friedhof, nur einen oder zwei Hektar groß. Bitte sehr, Tote feiern nachts keine Feste und saugen auch nicht von früh bis spät Staub. Ich beschloss, die Nacht bei Mondschein im großen Zimmer zu verbringen.

Es gab kein Licht. Eine eigene Lampe mitzubringen hatte ich vergessen, auch eine Taschenlampe besaß ich hier nicht. Es galt also, im Dunkeln auszuharren.

Ich rollte die Matratze ein Stück weit von der finsteren Ecke mit ihren roten Mustern entfernt aus, trank meinen Kaffee, legte mich hin und vergaß die Welt.

Lassen Sie mich, bevor ich meine Erzählung fortsetze, einen kleinen Umweg machen. Vor einiger Zeit habe ich einen Horrorfilm mit John Cusack in der Hauptrolle gesehen. Das Drehbuch stammte von Steven King. Das war ein guter Film, den man ohne Langeweile bis zum Ende anschauen konnte.

Der Held der Geschichte wird, wie es bei Steven King öfter vorkommt, von schlechtem Gewissen geplagt. Er sucht Material für ein Buch über "Erscheinungen von Außerirdischen" und besucht Hotels, in denen jemand angeblich solche Erscheinungen hatte. Schließlich gelingt es ihm, das übel beleumdete Zimmer mit der Nummer 1408 im New Yorker Hotel "Delfin" zu buchen. Dort ruft er voller Wagemut böse Geister herbei, die nicht lange auf sich warten lassen. Aus dem Nichts kommt die vor kurzem gegessene Schokoladentafel zurück, im Radio werden bei der Zeitansage die Minuten in unheilschwangerer Manier rückwärts verlesen, die Kräne im Bad verbrühen den Helden mit kochendem Wasser, Fensterrahmen stürzen ohne erkennbaren Grund zu Boden, Gegenstände auf den Bildern werden lebendig, aus dem Lüftungsschacht kriecht eine Leiche, eine altes Mütterchen  attackiert den Helden mit einem Hammer, im Fernsehen werden Familienszenen gezeigt, die für den Helden schwer erträglich sind. Lautes Kinderweinen, das bis zu höllischem Geheul anschwillt, peinigt ihn, Blut quillt aus den Mauerritzen, Leichen stürzen sich aus dem Fenster, das Zimmer verwandelt sich bald in eine glühend heiße, bald in eine eisige Hölle, bald in abgrundtiefe Wasserfluten. Es gibt kein Klischee, das hier nicht bedient wird, sei es zur Peinigung des masochistischen Lesers oder zur Paralyse des sensationslüsternen Kinopublikums, dem das Popkorn im Hals stecken bleibt.

Die Sünden des Helden nehmen Gestalt an. Seine todkranke Tochter kommt zu ihm, weil er sich an ihrem Leiden schuldig fühlt. Sie stöhnt, weint, quält Vater und Mutter, sowie natürlich auch den Zuschauer. Der Vater, vom Helden aus egoistischen Motiven im Altersheim geparkt, erscheint ihm, um Salz in seine seelischen Wunden zu streuen. Seine verlassene Frau... Ich warne den Leser: Erwarten Sie von meiner Erzählung hier nichts dergleichen. Sie werden es nicht bekommen. Also können Sie jetzt die Lektüre leichten Herzens unterbrechen und sich angenehmeren Dingen zuwenden. Schnuppern Sie an Blumen, blättern Sie in einer Angelzeitung, planen Sie eine Reise nach Honolulu. Ich bin nicht Steven King. Meine Phantasie ist begrenzt. Beim Schreiben denke ich nicht darüber nach, wie ich den Leser faszinieren könnte, sondern berichte nur das, was ich selbst gesehen und erlebt habe.

Da liege ich also auf der Luftmatratze in diesem leeren Zimmer, betrachte den Mond durch die Balkontür, höre das Brausen der Stadt und stelle mir vor, wie ich hier auf meinem eigenen Sofa schlafen werde. Die Lage ist nicht schlecht: Wir befinden uns in Westberlin, nicht weit vom Zoo und vom Ku-Damm, es gibt Theater, die Miete ist erschwinglich. Es ist einigermaßen still, schade nur, dass es hier stinkt.

Besonders in diesem Zimmer stank es nach etwas ganz Speziellem, geradezu bestialisch. Noch einmal prüfte ich die Luft und wurde mir darüber klar, wonach es stank: Das war Leichengeruch! Jetzt verstand ich auch, warum der geschniegelte Makler nicht hierher wollte. Es ekelte ihn, aber mich schickte dieser Mistkerl zur Besichtigung. Später las ich, dass eine Wohnung nur so stinkt, wenn jemand darin gestorben ist, dessen Leiche lange - ein Vierteljahr oder mehr - unentdeckt vor sich hingemodert hat. Dann durchdringt der Gestank nämlich die Wände, den Fußboden und die Zimmerdecke, so dass es unmöglich wird, den Geruch zu entfernen. Da kann man renovieren, so viel man will.  

Ich überlegte, ob es sich um eine Männer- oder Frauenleiche handelte. Es musste wohl ein Mann gewesen sein, denn zum Leichengeruch gesellte sich der von Tabak, und zwar von einer ziemlich üblen, billigen Sorte. Frauen rauchen so etwas nicht.

Das bedeutete wohl, dass hier ein Deutscher gelebt hatte, vielleicht ein ehemaliger Soldat der Wehrmacht. Nach dem Krieg arbeitete er als Omnibus-Chauffeur oder Kranführer, vielleicht auch als Techniker bei Siemens oder als Schlepper in einem Bordell am Ku-Damm.

Er wurde pensioniert, saß den ganzen Tag zu Hause, rauchte, schaute Fußball und trank Bier. Er war alt, einsam und verbraucht. Sein Augenlicht ließ nach, schließlich starb er. Vielleicht war er gestürzt, hatte sich das Becken oder das Rückgrat gebrochen und war nicht mehr in der Lage, den Notdienst anzurufen. So lag er zusammengekrümmt auf dem Boden. Sein einziger Sohn ließ nie etwas von sich hören und besuchte ihn nicht (er war also ein "verlassener Vater", für den es vor Steven King kein Entrinnen gab ???). Sein eigener Vater hatte nämlich nur mit ihm herumgeschrien, hatte seine Mutter verprügelt, sich volllaufen lassen und sich mit fremden Weibsbildern vergnügt. Nachbarn hatten ihn gemieden, denn sie waren genauso alt und gebrechlich. Auch sie brauchte niemand mehr.

So bleib der Leichnam lange Zeit in dieser grausigen, finsteren Ecke des Zimmers liegen, den Ratten zum Fraß. Das Blut lief nach allen Seiten und verursachte blutrote Rankenmuster. Die Rente wurde automatisch weiter überwiesen, genauso wurden auch die Miete und andere laufende Kosten automatisch abgebucht. Nach einem halben Jahr war der Gestank, der aus der Eingangstür drang, so unerträglich geworden, dass Nachbarn die Polizei riefen. Die brach das Schloss auf, öffnete die Tür und fand den Leichnam. Sie brachten ihn zum Krematorium. Möbel und übriger Plunder landete bald auf dem Sperrmüll.

Die Immobilienfirma, der die Wohnung gehörte, lehnte eine kostspielige Renovierung der Wohnung ab. Sie erhoffte sich vielmehr einen sozialschwachen Bewohner, der auf eine Kosten renovieren würde, weil er meinte, dass der Gestank mit der Zeit schon nachlassen würde. Dann könnte man ja die Miete erhöhen. "Wir garantieren, dass Sie sich bei uns sehr wohlfühlen werden..."

Wieder war ich in eine Falle getappt wie ein dummer Esel. Ich wollte gar nicht wissen, das wievielte Mal mir das im goldenen Westen schon passiert war.

Ich beschloss, sofort nach Hause aufzubrechen, jetzt, mitten in der Nacht. Aber ich wälzte mich endlos auf der Matratze herum und vermochte mir nicht den Ruck zu geben, der nötig gewesen wäre, um aufzustehen und wegzugehen, obwohl der Gestank buchstäblich zum Davonlaufen war und ich allmählich die Vermutung hegte, der verflixte Leichnam könnte immer noch wie ein makabrer Balg hier in der finsteren Ecke liegen.

Ich hörte sogar sein dumpfes Stöhnen.

Jetzt steht er auf und humpelt zu mir herüber. Seine Eingeweide zieht er auf dem schmutzigen Boden hinter sich her. Auf dem Kopf trägt er einen Helm mit feuerrotem Federbusch. In seiner linken Hand blitzt ein Schwert...

In dem Moment, als ich die Bettdecke mit Schwung zurückwarf, klopfte es an die Tür. Aber nicht an die Eingangstür, sondern an den Balkon. Im trügerischen Mondlicht erblickte ich menschliche Umrisse. Wer war das? Ein Dieb?

Ein Dieb würde nicht anklopfen, sondern einfach die Scheibe zerschlagen und in die Wohnung einsteigen. Ein Dieb konnte es also nicht sein. Oder doch? Wollte er vielleicht prüfen, ob jemand zu Hause ist? Ein Nachtmahr, ein Totengerippe, ein Wiedergänger oder sogar ein Wesen von einem anderen Stern?

Ich glaube nicht an Gespenster. Auch ein Geistwesen müsste nicht an die Scheibe klopfen, sondern könnte ohne Formalitäten durch das Glas diffundieren. Ich wickelte mich in meine Decke und ging zur Balkontür, wobei ich versuchte, nicht in die dunkle Ecke zu schauen, die ich mehr fürchtete als den nächtlichen Besucher.

Auf dem Balkon stand eine Obdachlose in zerfetzter Kleidung, schmutzig, verwildert. Ob sie alt war oder jung, konnte ich nicht erkennen. Wie war sie nur auf den Balkon im dritten Stock gekommen? Einerlei, sie stand da und trommelte an die Scheibe, nicht sehr laut aber hartnäckig. Was sollte ich tun? Die Polizei zu rufen widerstrebte mir. Also öffnete ich die Balkontür. Die Frau schlüpfte ohne ein Wort zu sagen in die Wohnung wie ein Hund oder ein Fuchs und steuerte geradewegs auf die Toilette zu. Ich setzte mich, in die Decke eingewickelt wie ich war, auf die Matratze. Gegen meinen Willen lugte ich in den düsteren Winkel. Außer den blutroten Ranken auf dunklem Linoleum, die sich im perlmuttenen Mondlicht abzeichneten, war da niemand.

Ich hörte, wie sie erst sich selber und dann ihre Unterwäsche wusch. Nach etwa vierzig Minuten erschien sie wieder, barfuß, in einer fürchterlichen Jacke auf nacktem Körper. Die Wäsche, die sie gewaschen hatte, hängte sie, so gut es ging, in der Toilette und an Türen auf.

Sie setzte sich neben mich und fragte mit heiserer Stimme: "Wer bist du?"

Ich nannte meinen Namen.

"Hast du was zu rauchen?"

"Nein."

"Wo ist Martin?"

"Wer ist das? Hat er hier gewohnt?"

"Ja. Wo sind seine Möbel und seine Sachen?"

"Keine Ahnung, wahrscheinlich hat sie jemand entsorgt. Ich bin hier der neue Mieter - und wer bist du?"

"Ich heiße Magda."

"Bist du obdachlos?"

"Schon, aber ich bin hier gemeldet."

"Der Makler hat mir gesagt, die Wohnung ist frei zur Vermietung."

"Dein Makler kann sie sich sonstwohin schieben."

"Wie bist du denn in den dritten Stock hinaufgeklettert? Warum hast nicht von unten geklingelt? Ich hätte dir aufgemacht!"

"Ich habe ja geklingelt, aber die Klingel ist kaputt. Hast du was zu essen?"

"Ich habe nichts. Aber es ist Kaffee da, mit Zucker. Da, trink."

Magda machte sich gierig über meinen Kaffee her. Endlich schaute ich ihr ins Gesicht. Es war mager wie ein Totenschädel, verwildert, abgehärmt und böse. Wahrscheinlich geht sie auf den Strich, um Geld zu verdienen, macht die Beine breit für ein paar Kröten...

"Hast du Lust, einen wegzustecken? Gib zwanzig Mäuse im Voraus. In welches Loch du willst."

"Nein, keine Lust. Aber deine zwanzig kannst du trotzdem haben."

"Hast wohl Geld wie Heu, oder?"

"Wirklich nicht, aber du tust mir leid."

"Du kannst mich ruhig vögeln, ich bin sauber. Geschenke nehme ich nicht so gerne. Außerdem habe ich eine Überraschung für dich. So etwas magst du doch?"

Magda nahm meine Hand und führte sie sich ohne Umschweife zwischen die Beine. Ich riss sie wieder weg, fühlte aber trotzdem etwas, das da auf keinen Fall hätte sein sollen. Magda lachte laut und warf die Jacke von sich.

 

Im nächsten Moment bedauerte ich, dass ich sie in die Wohnung gelassen hatte. Die nackte Magda heulte wie eine Hyäne und stürzte sich auf mich, schlug mir einige Male mit der harten Faust ins Gesicht und fing an mich zu würgen. Ihre Fingernägel waren scharf wie Glas und bohrten sich in meinen Hals.

Ich war schockiert. Warum tat sie - er - das? Warum nur? Ich habe ihr Obdach gewährt... Erst als mich massive Angst überkam, spürte ich die Kraft und den Willen mich zu verteidigen. Mit äußerster Kraft löste ich ihre dürren Hände von meinem Hals, um den sie sich wie eiserne Klammern geschlungen hatten und konnte mühsam verhindern, dass sie sich mit ihren Klauen in Augen, Nase und Ohren krallte.

Wir bearbeiteten einander mit Fäusten, Ellenbogen und Knien. Mir kam es vor, als beteilige sich noch jemand an diesem Kampf. Martin?

Wir waren ein einziger, ineinander verkrallter, um sich schlagender Knäuel. Nach etwa fünf Minuten verbissenen Kampfes gelang es mir endlich, ihr den Arm auf den Rücken zu drehen und sie in ihrer Jacke zu fesseln. Es war verdammt schwer, dieses vertierte Wesen im Zaum zu halten und gleichzeitig mein Hemd in Streifen zu reißen. Aber ich schaffte es schließlich, band die Bestie fest und steckte ihr einen Knebel in den Mund.

Nun hätte ich Zeit gehabt, die Polizei zu rufen, aber ich tat es nicht. Eine halbe Stunde lang saß ich da wie gelähmt ohne mich zu regen. Magda beruhigte sich und schloss die Augen. War sie eingeschlafen? Ich versuchte mit ihr zu reden und zog ihr den Knebel aus dem Mund.

"Welcher Teufel hat dich denn geritten, so auf mich loszugsehen?"

"Du kannst mich mal kreuzweise, du Stinkbock!"

"Wenn hier jemand stinkt, dann bist du es - und dein toter Gefährte, den du hier verwesen lässt."

"Halt die Klappe, du Stück Hundescheiße, du Russensau!"

Magda sammelte Speichel im Mund und spuckte mir vor die Füße.

Ich bekam Lust, ihr weh zu tun. Sehr weh sogar. Ein Schwall atavistischer, dämonischer Raserei erfasste mein sonst so ausgeglichenes Gemüt. Ich vernahm das besinnungslose Geheul von Schamanen, sah tanzende Schatten an der Wand... Eine unbezähmbare, wilde Gier entfesselte die Bestie in mir.

Wieder stopfte ich ihr den Knebel in den Mund. Dann riss ich ihre Beine auseinander und band sie an einen Heizkörper. Als ich mit ihr fertig war, bäumte sich die Herumtreiberin auf und schrie wie am Spieß.

 

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Ihre Hände hatte ich straff auf den Rücken gebunden, ihre Schenkel waren gespreizt. Sie befand sich in meiner Gewalt. Ich betrachtete ihren sehnigen, dürren, aber starken Körper. Sie hatte breite Schultern, ausladende Hüften und kleine Brüste mit spitzen, dunklen Warzen. Ihr Glied war kümmerlich wie bei einem zwölfjährigen Jungen, und statt der Hoden hatte sie die Vulva einer reifen Frau. Sie war vielleicht vierzig Jahre alt, die Haut an den Armen war nicht faltig. Welch seltsame Erscheinung! Ein Hermaphrodit. So etwas hatte ich bisher nur auf Bildern gesehen. Ich zog den genoppten Gürtel aus meiner Hose und begann auf sie einzuschlagen.

Wie lange ich das tat, weiß ich nicht mehr. Sämtliche Regeln, wie man Mitmenschen zu behandeln hat, waren bei mir außer Kraft gesetzt. Ich brüllte vor Wonne. Um mich herum tanzte ein Reigen von Obdachlosen. Sie rasselten mit Tamburinen und schwenkten ihre riesigen Phalli wie Knüppel. Unzählige Soldaten zuckten hinter den Stadtstreichern aufgereiht im Takt. Tausende von Scheinwerfern durchbohrten den von Brandgeruch erfüllten Himmel. Ein schauriger Kobold mit wildem Gesicht schrie in ein Mikrophon: "Wollt ihr den totalen Krieg?" Irgendwann ertappte ich mich dabei, wie ich auf meiner Gefangenen lag, sie vergewaltigte und ihr Blut trank.

Ich stand auf, zog mich an, wickelte ihren Leichnam, der seltsamerweise klein war wie eine Kinderpuppe, in das blutbefleckte Leintuch, beförderte ihn aus der Wohnung hinaus und warf ihn in den Landwehrkanal. Danach kehrte ich in die Wohnung zurück, legte mich auf die Matratze und schlief. Niemand störte mich mehr in dieser Nacht.

...

Mit Kopfschmerzen und dem Bewusstsein der Verwerflichkeit meiner Taten wachte ich auf. Ich bereitete mich darauf vor, zur Polizei zu gehen und mich meiner Verbrechen zu bekennen wie Raskolnikow. Dazu verabschiedete ich mich von meinem bequemen, mitteleuropäischen Leben. Doch trotz intensiver Suche konnte ich keine Spuren von Magda finden. Da wurde mir klar, dass es sich bei den nächtlichen Ereignissen lediglich um albtraumhafte Wahnbilder handelte, die der grässliche Gestank hervorgerufen hatte.

Als ich dem Makler die Schlüssel zurückgab, schlug ich ihm vor, dort einen Nekrophilenclub zu eröffnen.

 

Aus dem Russischen  Klaus Kleinmann

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