Igor Schestkow "Liebe"

 
 
 
LIEBE 
(Geschichte eines Krankenbettnachbarn)
  
 
Mein Familienname ist Sirotkin, Waisenkind. Und, was denken Sie, Dima, kann man mit so einem Namen ein langes, schönes Leben führen? Wie oft habe ich meine Mutter angefleht – ändere unseren Familiennamen! In unserem Hof zum Beispiel hieß einer meiner Kumpel Glasperlow. Er änderte seinen Namen auf Kollierin und war zufrieden. Doch meine Mutter ließ unseren Waisen-Namen nicht ändern.
„Wie könnte ich das! Mein Großvater, der Tolstoi-Anhänger, war ein Sirotkin!“
Doch sie wollte damit auch meinen Vater ärgern.
Sein Familienname war Katz. Er hat uns verlassen. Machte sich beim „ersten Aufruf“ 1969 aus dem Staub und ging nach Israel. Doch meine Mutter hatte sich glattweg geweigert auszureisen. „Ich fahre nicht weg. In diesem Israel wartet nur das Grab auf mich. Dort gibt es keine Wälder, es ist heiß und um dich herum nur Juden. Dort ist mein Tod. Und den Sohn lass ich auch nicht weg.“
Mein Vater bat, bettelte auf Knien. Alles umsonst. Er wurde von der Arbeit entlassen. Ein halbes Jahr verzögerten sie es, dann gaben sie ihm die Ausreisegenehmigung. Er verschwand. Wir aber blieben in Moskau. Seither habe ich meinen Vater nicht mehr gesehen. Nur manchmal hatte er mich im Traum besucht. Im Traum versuchte ich, mit ihm zu sprechen. Aber er schwieg. Ich weinte, bat ihn nicht wegzufahren. Alles vergebens. Mein Vater blieb still. Er saß auf einem Stein, hatte den Kopf in die Hände gestützt. Und hinter ihm war ein Berg, der bis in den Himmel reichte. Auf ihm befanden sich alte Gräber. Als ich sechzehn wurde erzählte mir meine Mutter, dass mein Vater nur drei Jahre in Israel gelebt hatte. Er war an einem Infarkt gestorben. In Jerusalem. Er war empfindsam.
Und nun ist mir der Weg zu ihm verschlossen. Schade, dass Geister nicht träumen. Und an einen Ort gebunden sind. Da im Museum kannst du herumspazieren so lange du willst, aber hinter die Schwelle darfst du nicht. Man hatte ihr einen Spezialsiegel aufgedrückt, sodass ich nur durch die Säle und in die Bilder reisen konnte. Ich hatte es selbst so gewollt. Vielleicht bummelt mein Vater, ein ruheloser Geist, dort am Goldenen Tor vorbei. Es wäre interessant, sich mit ihm zu unterhalten. Nun ja, ich will meine Seele nicht weiter drangsalieren.
Mein Familienname ist also Sirotkin. Waise sozusagen. Mit den Jahren habe ich mich daran gewöhnt, habe dem keine Aufmerksamkeit geschenkt. Meine Klassenkameraden lachten über mich, hänselten mich, nannten mich „Verwaister“, „Waisentuntchen“ und auch völlig unverständlich „Weißwürstchen“. Vor allem dieses „Weißwürstchen“ hatte ich satt. Ich bekam eine Gänsehaut, wenn ich dieses Wort hörte. Und in meinem Hals juckte es.
Wir wohnten mit meiner Mutter in einer kleinen Wohnung nahe dem Komsomolski Prospekt. In einem neuen Plattenbau, in dem sich ein Schuhgeschäft befand. Küche, Gang, zwei Zimmer. Meines hatte acht Quadratmeter, Mamas siebzehn. Eine Kooperative. Mama arbeitete auf der Militärakademie als Übersetzerin. Sie bekam 250. Es reichte für uns. Auch mein Vater hatte dort gearbeitet, als Zuschneider in der internen Werkstatt. Wahrscheinlich hat er Uniformen genäht. Er war nicht in der Lage, seine Stellung auszunutzen: Er lebte mit seiner Frau in einer Kommunalwohnung und erst als ich zur Welt gekommen war, kaufte er eine kooperative Wohnung. Bekannte halfen ihm. Für die erste Zahlung lieh er Geld von Oma Riwa. Die Großmutter wollte es lange Zeit nicht hergeben. Sie brummte: „Da heiratet er eine Russin, verunreinigt unser Blut und jetzt will er Tausend Rubel!“
Dann gab sie es ihm. „Zjama, ich kann deine Qualen nicht ertragen!“
Meiner Mutter zufolge hatte Oma Riwa meinen Vater „genervt und gebettelt“, damit er ohne uns nach Israel ging. Sogar eine Braut hatte sie für ihn gesucht: „Sarah mit dem dicken Hintern und den behaarten Beinen“. Sie wollte der großen jüdischen Verwandtschaft die russische Schwiegertochter und den Goi-Enkel nicht zeigen.
„Oh, dieses jüdische Wespennest! Dort hielt man unseren Katz immer für ein Küken. Oma Riwa erlaubte ihm nicht erwachsen zu werden, wenn sie nur schneller krepieren würde, dieses Scheusal“, schimpfte meine Mutter.
„Weshalb hast du ihn denn geheiratet? Er war älter als du und seine Mutter hat dich gehasst“, fragte ich meine Mutter und bemühte mich, etwas von der Logik der Erwachsenen zu verstehen.
„Weshalb, weshalb. Wenn du erwachsen bist, wirst du’s verstehen. Ich liebte ihn.“
Ich ging ohne große Lust zur Schule. Lernte mäßig. Meine Mutter kam müde von der Arbeit nach Hause, aber sie überprüfte noch meine Hausaufgaben. Ich erinnere mich, dass es mir nicht gelang, deutsche Vokabeln zu lernen. Ich hasste diese Sprache von ganzem Herzen. Ich lernte und lernte, wiederholte und wiederholte. Sobald ich das Heft schloss, war alles aus meinem Kopf verschwunden. Wegen der nicht gelernten Vokabeln bekam ich von Mama einen Rüffel. Sie schrie. Sie drohte, dass ich ein Hausmeister werden würde. Davor hatte ich große Angst. Ich stellte mir darunter einen riesigen dummen Kerl in einem Kittel vor. Aber ich wollte damals Außenminister werden.
Einmal gab mir Mama eine Ohrfeige. Ich hatte sie verdient, ich hatte eine Fünf in Deutsch im Aufgabenheft mit Tinte übergossen. An die freie Stelle hatte ich eine Eins geschrieben. Ich dachte, meine Mutter würde es nicht merken. Sie bemerkte es. Und sie wurde deswegen auch noch zum Direktor bestellt. Ich saß zuhause und zitterte. Mutter kam wütend nach Hause. Sie gab mir eine Ohrfeige! Und schluchzte.
Dann sagte sie: „Du bist ein Feigling! Du hast Mist gebaut – du musst dich dazu bekennen und es wieder gutmachen. Ist das ein Grund, um das Aufgabenheft zu besudeln! Ein Minister. Aber deine Swetlana Rodionowna ist ein richtiges Luder. Ich habe mit ihr gesprochen. Eine verfluchte Antisemitin. Sie sieht in dir deinen Vater Katz. Ich dachte, dass du nach deinem Großvater Kolja kommst, aber nun sieh mal, was herausgekommen ist – ein Zaddik aus dem Schtetl, wie werden wir da leben? Und für die Juden bist du ein Russe. So hat Gott es gefügt.“
Ich verstand erst später wovon sie sprach, als man mich bei der Aufnahmeprüfung für die Physikfakultät der Moskauer Staatlichen Universität durchfallen ließ. Bei der Berufung, als der erste Prüfer draußen war, um die Unterlagen zu holen, flüsterte mir der zweite Prüfer, ein Aspirant, zu: „Sirotkin, Sie sind wohl nicht ganz bei Trost! Denken Sie mal gut darüber nach, wo man einem „Halbwaisen“ wie Ihnen gestatten wird aufgenommen zu werden und wo Sie es gar nicht erst versuchen sollten.“
Unsere Lehrerinnen waren Drachen. Swetlana Rodionowna, eine kleine füllige Dame bewegte sich sogar wie eine Schlange, nur wie eine aus Plastilin. Irgendein Leiden peinigte sie innerlich und deshalb biss sie ihre Schüler. Für jeden von uns hatte sie ein besonderes Gift vorbereitet. Zum Beispiel sprach sie mit Wanja Sabitow, der großgewachsen und dünn wie eine Bohnenstange war, auf einfache Weise: „Iwan, du kannst schon wieder keine zwei Worte aussprechen. Was wird nur werden, wenn wir anfangen, komplizierte Texte durchzunehmen? Iwan, Iwan, du bist bloß ein Kopf mit zwei Ohren. Wir werden einen Antrag auf Entlassung beim pädagogischen Ausschuss stellen müssen. Es gibt da so Schulen für Zurückgebliebene. Für dich wird es dort schon einen Platz geben. Und deine Eltern bitte ich, morgen um drei Uhr zu mir zu kommen.“
Das Scheusal wusste natürlich, dass Wanja ohne Vater aufwuchs und seine Mutter eine arme, ungebildete tatarische Putzfrau war, die sich vor allen fürchtete, kein Russisch verstand, drei verschiedene Arbeitsplätze hatte und vier Kinder ernähren musste. Wenn sie käme, würde Swetlana sie quälen: „Ihr Sohn ist in seiner Entwicklung zurückgeblieben, er konnte den Text über die Odyssee nicht nacherzählen, im Unterricht stößt er unartikulierte Laute aus, nimmt die Hände nicht aus der Hosentasche.“
Und mich bearbeitete sie so: „Ich verstehe, dass es für dich unerwartet kommt, Sirotkin, dass du, obwohl deine Mutter Übersetzerin ist, kein Talent für Sprachen hast. Du musst mehr als alle anderen lernen. Wenn du eine Vier im Quartalszeugnis bekommst, ist das gut. Ihr drängt euch alle in Sprachschulen zusammen. Denkt ihr, man weiß nicht, weshalb ihr das macht?“
Ich verstand nicht, wer diese „ihr“ waren, die sich da „zusammendrängten“. Doch ich fühlte umso deutlicher einen unverhohlenen Hass, der von Swetlana Rodionowna ausging.
Unsere Klassenlehrerin, Albina Fjodorowna, unterrichtete russische Sprache und Literatur und war ein beleibtes Riesenweib. Aus irgendeinem Grund sprach sie immer in einem singenden Tonfall mit uns. Die Schüler fürchteten sich vor ihr, weil sie auf der Oberlippe einen abstoßenden dünnen, schwarzen Schnurrbart hatte und in ihrem Mund ein Goldzahn glänzte.
„Unser Direeektor hat entschiiieden, dass jeeede Klasse am sozialiiistischen Wettbewerb teilnehmen wiiird, je nach Leiiistungsfortschritt. Wir alle aus der sechs „Beee“ haben die Pfliiicht, unseren Leiiistungsfortschritt um zwei Komma viiier Prozent zu erhöööhen“, hämmerte die Klassenlehrerin uns ein.
Und wenn sie über General Karbyschew sprach, schwoll ihr langgezogenes Heulen zu einem Schrei der Seele an, der bis zur Zimmerdecke reichte. „Genossen Pioniiiere! Karbyyyschew leeebt! Die Faschisten haben seinen Kööörper eingefroooren, aber sein Geiiist wird immer weiterleeeben in unserem Pioniiiergefolge!“
„Eiszapfen“, sagte mein Schulbank-Nachbar Sucharew leise zu mir und zeigte mit seinem schmutzigen Zeigefinger auf ein schreckliches Bild. Ein nackter Mensch, der von den Faschisten bei Eiseskälte mit Wasser übergossen wurde. Seine Beine waren bereits mit Eis überzogen. Sein Körper dampfte.
Der nackte Rücken Karbyschews prägte sich mir ein – der Künstler hatte die Muskeln so nachgezogen, dass es vollkommen unverständlich war, wie ein solcher Athlet es einem ziemlich kümmerlichen Soldaten mit einer Rattenphysiognomie gestatten konnte, ihn bei dieser Kälte mit Wasser aus einem Schlauch zu bespritzen.
Im Gegensatz dazu riefen Lehrer bei mir kein Gefühl der Abneigung hervor. Vor einigen fürchtete ich mich natürlich ein wenig. Andere waren mir gleichgültig. Einen liebte ich sogar.
Es war der Geschichtslehrer Petr Samuilowitsch. Er war der einzige zurechnungsfähige Pädagoge an der Schule. Er sprach in kurzen Sätzen und leicht verständlich.
Mir gefielen besonders seine Kommentare. Petr Samuilowitsch erzählte: „Cäsar eroberte seine Popularität beim Plebs durch das Veranstalten prunkvoller Aufführungen und die Verteilung von Brot. Theateraufführungen gibt es auch heute noch genug, aber mit dem Brot ist das komplizierter. Und die Popularität ist überhaupt ein Problem. Cäsar ärgerte sich über seine Glatze, weil man über sie lachte. Um sie zu verstecken trug er ständig einen Lorbeerkranz.
Die hätten mal versuchen sollen, über Josif Wissarionowitsch mit seiner trockenen Hand und seinem kurzen Bein zu lachen! Die hätte ich mir angesehen!“
Wir wussten nicht, wer dieser Wissarionowitsch war, aber wir stellten ihn uns als rachsüchtigen, bösen Zwerg mit einer schrecklich trockenen Hand und einem kleinen kurzen Bein vor.
Im September 19…, dem letzten September in der Schule, kam ein neuer Schüler in unsere Klasse – Armen Salski. Er war dürr, groß, hatte schwarzes Haar. Er verhielt sich ruhig. Sprach mit einem leichten kaukasischen Akzent. In vielen Fächern wurde er rasch zum Klassenbesten. Offensichtlich langweilte er sich im Unterricht. In diesen Armen verliebte ich mich. Bis über beide Ohren.
Mir gefielen Jungs. Im Duschraum, nackt, schämte ich mich meines Körpers. Ich fürchtete mich, meine Gefühle zu zeigen. Ich fürchtete mich nicht vor den Klassenkameraden, sondern vor mir selbst. Ich dachte, ich sei ein Ungeheuer oder verrückt. Ich wollte den Mädchen nicht mal hinterhersehen. Sie erschienen mir alle affektiert und falsch.
Welche Schlüsse musste ich daraus ziehen, wie sollte ich leben – ich hatte keine Vorstellung davon. Ich befriedigte mich selbst. Wie das alle tun. Und wurde wie alle von Gewissensbissen geplagt. Ich weiß nicht, wie das bei anderen ist, aber meine sexuellen Fantasien waren etwas in der Art von aufdringlichen Zwangsvorstellungen. Sie kamen, ja. Doch sie wollten nicht wieder verschwinden.
Damals las ich „Die drei Dicken“.
Der Erbe Tutti, Tibul, Suok. Das Buch hinterließ einen eigenartigen Eindruck – alles schien gut zu sein, aber widerlich. Nach dem Lesen wusch ich mich im Badezimmer. Und plötzlich, woher auch immer, waren da drei nackte dicke Männer, die sich auf mich stürzten. Und seit jener Zeit warteten, sobald meine Hormone anfingen verrückt zu spielen, die drei Dicken auf mich, entweder im Badezimmer oder im Bett. Und manchmal kamen sie direkt während des Unterrichts zu mir und führten sich unanständig auf.
Oder noch schlimmer – im überfüllten Bus. Natürlich konnte sie außer mir niemand sehen. Doch ich sah sie nicht nur, sondern fühlte sie auch. Mit meinem ganzen Körper. Sie brachten mich innerhalb von fünf Minuten auf den Höhepunkt. Ein Werk des Teufels? Aber es gibt noch Schlimmeres. In den ersten vierzig Tagen nach meinem Tod hat man mir Sachen gezeigt. Aus  satanischen Tiefen.
Die Verliebtheit war zu jener Zeit etwas Gefiedertes, Himmlisches für mich. Die mir zugängliche Erotik spielte sich sozusagen in den niederen Etagen des Lebens ab. Und ich hatte keine Vorstellung davon, wie die gefiederten Wolken meiner jungenhaften Verliebtheit mit den drei Dicken in Übereinstimmung gebracht werden konnten.
Mein Geliebter sah mich nicht einmal an. Es gelang mir nicht einmal mit ihm zu sprechen. An den schlüpfrigen Gesprächen unserer Mitschüler nahm er nicht teil. Kontakten ging er normalerweise aus dem Weg. Entweder auf elegante Weise oder ausgesprochen grob, aber seine Grobheit beleidigte mich nicht. Denn mir gefiel alles an ihm.
Einmal, in der Pause, fragte ich ihn, was er über den Sinn des Lebens dachte. „Hören Sie, Mischa“, antwortete er mit einem säuerlichen Lächeln, „solche Fragen stellen nur Menschen wie Sie, die nicht leben. Sie können es nicht. Gehen Sie… Und singen Sie patriotische Lieder!“
„Durch Täler und über Hügel?“
„Vielleicht, aber besser wäre: Das Wichtigste, Kinder, ist, dass man im Herzen nicht alt wird...“
Er drehte sich um und ging weg. Ich biss mir auf die Lippen.
 
Einmal gingen wir alle in die Fahrschule. Salski war offenbar gut gelaunt, deshalb gestattete er mir, neben ihm zu gehen. Ich fragte schüchtern: „Armen, was willst du nach dem Abschluss der Schule studieren?“
„Genosse Sirotkin, Sie sind weder mein Vater noch meine Mutter. Bleiben wir daher beim Sie. Ich möchte auf der mathematischen Fakultät studieren.“
„Sie wollen Mathematiker werden?“
„Ich weiß es nicht. Ich habe die Mathematik nicht deswegen ausgewählt, weil es dort etwas Bestimmtes gibt, sondern wegen dem, was es dort nicht gibt.“
„Was meinen Sie?“
„Für die Halbgebildeten erkläre ich es: Es gibt dort nicht so viel Ideologie. Vom XXIV. Parteitag und der anderen Scheiße...“
„Da hoffen Sie aber vergebens. Mein Cousin studiert dort, sie haben ihn so mit wissenschaftlichem Kommunismus fertiggemacht, dass er lange Zeit in der Kaschenko-Irrenanstalt liegen musste, und nur sein Jagdschein hat ihn vor der Armee gerettet.“ Das hatte ich erfunden – bedeutsamkeitshalber. Ich hatte keinen Cousin, der Mathematik studierte.
„Wozu ich ihn beglückwünsche...“
„Und was interessiert Sie außer der Mathematik?“
„Marcel Proust und Herman Melville, Henri David Thoreau und das Leben des Protopopen Avvakum, Joyce, Sartre, Kafka und Chlebnikow, Goya und Rembrandt, Delacroix und Paul Gauguin, Maillol und Edvard Munch, reicht Ihnen das?“
„Ich kenne diese Namen nicht. Wir haben nicht so viele Bücher zu Hause. Tschechow steht da und Gogol.“
„Und das ist nicht das Schlechteste, mein Lieber.“
„Es gibt auch noch diesen, wie heißt er doch gleich, Dreiser“
„Das ist vielleicht ein Langeweiler. Und die Forsyte-Saga habt ihr nicht?“
„Haben wir. Und Anna Seghers.“
„Hören Sie auf, sonst bekomme ich einen hysterischen Anfall. Waren Sie überhaupt schon einmal im Puschkin-Museum?“
„Wo ist das?“
„Auf dem Mond. Aber warum frage ich auch, das geht über Fritzchens Verstand.“
Da stiegen mir vor Beschämung Tränen in die Augen. „Für die Halbgebildeten“, „das geht über Fritzchens Verstand“ – er hält mich für einen Idioten. Natürlich bin ich auch ein Idiot.
Ein Idiot und ein Flegel. Aber wenn du klug bist, unterrichte mich, statt mich zu erniedrigen. Ich möchte dich umarmen und auf die Lippen küssen, und du verachtest mich. Und das Museum werde ich schon noch besuchen, gib mir nur etwas Zeit. Und ich lese Bücher, bin im Jugendsaal der Zentralbibliothek eingeschrieben...
Ich sah finster drein und schwieg.
Salski wurde plötzlich gesprächig.
„Ich verstehe Sie. Ich verstehe Sie besser als Sie denken. Ihr Leben ist für mich so nachvollziehbar wie dieses Ahornblatt. Bis in alle Äderchen. Ihre Wünsche und Träume sind mir klar. Ich weiß, was du willst, Mischa Sirotkin. Du siehst nichts oberhalb des Hinterns. Du willst mir einen blasen!“
Er blieb stehen, sah mich durchdringend an und fasste mich an den Schultern. Mir blieb vor Aufregung fast das Herz stehen. Salski zitterte. Sein Gesicht hatte sich gerötet. Die sinnlichen orientalischen Lippen waren zusammengepresst. Die schwarzen Augen schienen Funken zu sprühen. Ich presste mit großer Mühe ein paar Worte hervor.
„Ja, ich will, wenn du… Das willst. Und ich liebe dich.“
Dann passierte es. Salski küsste mich zärtlich. Dann ging er weg, machte einen unerwarteten Sprung und blieb in der Luft hängen. Blieb lange hängen. Danach löste er sich auf, verschwand. Ich stand da, machte große Augen. Mein Herz schlug so stark, dass ich fürchtete, es würde zerspringen. Halb so wild, es verging. Das Leben trägt uns ständig von uns selbst fort. Rettet uns.
 
In der Fahrschule saßen die anderen Mitschüler, die uns überholt hatten, schon auf ihren Plätzen und der alte, unordentliche Lehrer, Aleksandr Pawlowitsch Nosikow, erklärte, wie der Verbrennungsmotor funktioniert.
„Die Vergaserdüsen dürfen nicht mit einem Draht, Nadeln oder anderen metallischen Gegenständen gereinigt werden!“, versicherte der Lehrer. „Mit einem angespitzten Streichholz geht es oder noch besser ist es, sie durchzublasen.“
Plötzlich fällt mir auf, dass Salski da ist, er sitzt zwei Personen von mir entfernt, schreibt sogar etwas ins Heft. Wie ist er nur hierher gekommen? Ist er etwa geflogen? Ich sah ihn an. Er antwortete mit einem höflichen, ruhigen Blick.
„Das Herz des Vergasers ist die Venturidüse“, erläuterte Nosikow in vertraulichem Ton. „Im Zentrum befindet sich die Einspritzdüse. Und warum schreibst du nicht mit, Sirotin? Schon gelernt, ja?“
„Mein Name ist Sirotkin, nicht Sirotin.“
„Sei kein Besserwisser, Sirotin. Die Düse reguliert die Einspritzung des Benzin-Luft-Gemischs in die Kammer. In welche Kammer, Sirotin?“
„In die Verbrennungskammer, aber mein Name ist Sirotkin.“
„Du bist ein Waisenkind aus Kasan, Sirotin. Pass auf und schreib mit. Träumer!“
 
Das nächste Mal gelang es mir erst nach einigen Jahren wieder kurz mit Armen zu sprechen. Wir waren bereits beide Studenten. Ich bin auf der Physikfakultät durchgefallen und dann in das Moskauer Staatliche Luftfahrtinstitut eingetreten. Salski studierte, wie er es beabsichtigt hatte, Mathematik an der Moskauer Staatlichen Universität. Zu jener Zeit hatte ich das Puschkin-Museum schon besucht. Und nicht nur einmal. Ich liebte und studierte die alte holländische und deutsche Malerei. Ich hatte Sartre und Thoreau und sogar Marcel Proust in der Übersetzung von Ljubimow gelesen. Damals kamen diese Buchbände gerade heraus. Zuerst war es schwierig. Doch dann wurde es mir unverständlich, wie ich ohne diese Bücher hatte leben können.
Wir trafen uns zufällig. In der Metro „Oktjabrskaja“. Unten. Wir wären fast mit der Stirn zusammengestoßen. Seine Augen verrieten mir sofort, dass er mich erkannt hatte. Dass er nicht weggehen würde. Ich versuchte locker zu sein.
„Hallo, Salski.“
„Hallo.“
„Was hast du denn hier verloren?“
„Ich muss etwas erledigen, Kleinkram. Und du?“
„Ich auch. Habe oben Farben gekauft. Im Künstlerbedarfsgeschäft.“
„Du malst?“
„Ich versuche es. Du hast mich damals mit dem Museum beleidigt. Jetzt bin ich oft dort. Na und dann hab ich selbst angefangen. Ein wenig… Zu zeichnen. Ich habe sogar ein paar Stunden genommen. Bei den alten Meistern. Auf der Maslowka.“
„Ist das in dem Haus, wo es nur Ateliers gibt? Das kenne ich. Hast du versucht eine Ausstellung zu machen?“
„Wo denn, ich bin ja nicht Mitglied beim Verband.“
„Warst du im Bienenzüchterpavillon?“
„Wieso?“
„Da war eine Ausstellung – nonkonformistische Künstler haben dort ihre Arbeiten gezeigt. Rabin, Zelkow, Plawinski...“
„Ich wusste nicht mal, dass so was bei uns möglich ist.“
„Was bei uns nicht alles möglich ist. Ach du armes Waisenkind!“
„Fängst du schon wieder damit an. Hör mal, und warum bist du damals davongelaufen. Oder davongeflogen. Erinnerst du dich? Auf dem Weg. Nosikow hat uns noch die Venturidüse eingebläut.“
„Ich erinnere mich an alles, wie die vom KGB vergesse ich nichts und niemanden.“
„Na dann... Antworte. Meine Gefühle sind die gleichen geblieben...“
Wie ich das aussprechen hatte können, weiß ich nicht. Meine Zunge bewegte sich von selbst. Die drei Dicken liefen irgendwo an der Peripherie des Gesichtsfeldes vorbei. Eine rote Venturidüse, die einem Grammofontrichter ähnelte, posaunte mir direkt ins Ohr, wie eine lebendige Tuba in einem Trickfilm. Vor mir flammten plötzlich zwei teuflische Augen auf. Ich versuchte, meine Augen mit den Händen zu bedecken und etwas zu sagen, konnte es aber nicht, dann fiel ich hin, krabbelte durch die Dunkelheit.
Als ich zu mir kam, saßen wir auf einem hölzernen Bänkchen. In der Metro. Salski stützte mich und versetzte mir mit den Fingern leichte Klapse auf die Wangen.
„Wach auf, wach rasch auf, Mischa Sirotkin. Deine Stunde ist noch nicht gekommen.“
„Was ist passiert?“
„Nichts Besonderes, alles ist gut“, sagte Salski.
„Alles ist wunderbar, nur wärst du fast unter den Zug geraten. Ich hab dich vom Rand des Bahnsteigs weggezogen.“
„Danke.“
„Dann hast du etwas von drei Dicken gemurmelt. Was ist denn das für ein Unsinn?“
„Seit ich ein Junge war quält mich die Fantasie, dass drei dicke Männer zu mir kommen.“
„Na, du hast vielleicht eine Einbildungskraft. Ich dachte, so etwas kann nur einem Autor passieren. Die Quälgeister lieben die Schriftsteller. Hinter dem Olescha sind, denke ich, eine ganze Teufelsschar her. Aber einen Leser verfolgen? Und auch noch eine Waise. Und wie geht es dir überhaupt so?“
„Ich lebe noch immer mit meiner Mutter zusammen. Ich kann niemanden mit nach Hause nehmen. Ich lüge meiner Mutter etwas über Treffen mit Mädchen vor. Ich traue mich nicht zum Bolschoi-Theater zu gehen.“
„Verstehe, verstehe. Es ist richtig, dass du nicht zum Bolschoi gehst. Dort sind nur Lackaffen. Weißt du, ich hab da eine Idee. Es gibt da morgen bei einem Bekannten eine Feier, eine besondere. Da werden nur solche wie du und ich sein. Verstehst du? Möchtest du mit mir hingehen?“
„Ja.“
Dann machen wir es so. Ich schreib dir jetzt meine Telefonnummer auf einen Zettel. Ruf mich morgen am Abend um sechs an. Dann werden wir uns verabreden.“
Boris überreichte mir die Notiz und ging. Ich blieb noch ein wenig sitzen, dann ging ich auch weg. Ich musste umsteigen.
 
Den ganzen Tag über konnte ich nichts unternehmen, ich dachte nur nach, dachte nach und stellte Vermutungen an. Ich war aufgeregt. Hatte etwa diese im Strafgesetzbuch nicht vergessene Seite meines Lebens ein Recht auf Existenz? Und wie einfach das klang, als er sagte, „solche wie du und ich“. Das war quasi ein Ritterschlag.
In der Nacht schlief ich kaum. Die drei Dicken waren neben mir. Sie lachten und schnitten Fratzen. Am nächsten Tag um sechs rief ich Armen an.
„Verlass das Haus um Mitternacht. Geh zur Metrostation „Sportiwnaja“. Von dort zur „Kirowskaja“. Ich warte beim Denkmal auf dich.“
Meiner Mutter sagte ich, dass ich mich mit einem Mädchen treffe. Sie schüttelte den Kopf.
„Um Mitternacht?“
Sie schwieg. Meine Mutter versteht mich nicht, aber sie hat Mitleid mit mir. Ich habe nicht die Kraft, ihr alles zu erklären. Die Beziehungen zu erörtern. Sie steckte mir einen Dreirubelschein in die Tasche. Die Gute. Ich ging ohne Eile zur „Sportiwnaja“, kostete es aus. Eine stürmische Moskauer Nacht, keine Passanten zu sehen. Der Raum summte. Ich unterhielt mich mit den mir von Kindheit an vertrauten Häusern. Bat sie, mich zu unterstützen. Ich sprach auch mit der Metro-Brücke. Ihr riesiger asphaltener Rücken hatte mich immer beeindruckt  durch seinen Geschwindigkeitsverstärker. Das ist keine Brücke, sondern Moby Dick.
Ich äugte schief zur erleuchteten Spitze der Universität hinauf. Sie haben mich nicht zum Studium zugelassen und mit Schande bedeckt. Gut, weiter. Bei der Metrostation „Kirowskaja“ in der Nähe der Büste war niemand. Ich stand und dachte nach. Plötzlich hielt mir jemand mit schwarzen Handschuhen die Augen zu. Dieser Scherz hatte mir nie gefallen. Nicht, weil man erraten musste, wer es war, sondern weil man in Moskau auch ein Messer in die Nieren gestoßen bekommen konnte – einfach so, ohne Grund.
„Armen?“
„Nein, der Barmen“, witzelte Salski. „Cocktail und Weintrauben warten schon auf uns.“
Wir verließen die Metro. Eine Querstraße, noch eine, eine mir unbekannte Kirche, eine kleine Sackgasse. Jetzt durch einen Bogengang. In den Hof, noch ein kleiner Durchgang. Und da ist auch schon der Aufgang. Erster Stock. Wir läuteten. Ein nackter junger Mann, der eine Maske trug, öffnete uns. Mir verschlug es auf der Stelle den Atem. So gut war er gebaut. Und ich hatte auch lange keinen nackten Körper gesehen. Er sagte etwas auf Grusinisch oder Armenisch zu Armen. Dieser antwortete. Er gestikulierte während er sprach. Er deutete auf mich, seinem Ton nach zu schließen rechtfertigte er sich. Wir betraten das große Vorzimmer. Dort roch es eigenartig. Drückend. Wir zogen unsere Mäntel, Mützen und Schuhe aus. In der Wohnung war es warm. Von irgendwo her war eine mir unbekannte, melodische Streichmusik zu hören.
Salski sagte: „Gehen wir in die Küche“.
Er fasste mich am Ellenbogen und führte mich. Ich geriet in Verwirrung. Mein Wille schwand. Mein Instinkt sagte mir: „Wenn du zuckst, bist du verloren. Schwimm mit dem Strom. Er ist stärker als du. Vielleicht wird er dich auch forttragen.“
In der Küche zog Salski aus der Innentasche seines Jacketts ein Päckchen mit einer Einwegspritze. In der Spritze war eine dunkelrote Flüssigkeit. Mit einer Geste bat er mich die Hüfte freizumachen. Er setzte mir eine Spritze. Dann nahm er ein zweites Päckchen heraus und setzte auch sich eine Spritze. Ich schwieg, obwohl ich keine Stiche ertragen kann. Danach führte er mich ins Badezimmer. Er sagte: „Zieh dich aus.“
Ich zog mich aus.
„Zieh alles aus!“
Ich gehorchte. Auch er zog sich aus. Es zeigte sich, dass Armen gänzlich, von der Schulter bis zu den Fersen behaart war, mit schwarzen, krausen Haaren. Ich sah auf sein Glied. Zweimal so groß wie meines. Gut, es ist, wie es ist. Wir krochen beide in die Wanne. Begannen uns zu waschen. Ich drückte meine Lippen auf seine Schulter, legte meine Hand auf seine Hüfte. Er nahm meine Hand von seiner Hüfte und sagte: „Jetzt ist es noch nicht so weit. Die anderen müssen sich auch waschen.“
Nach dem Waschen trockneten wir uns mit sauberen Frottierhandtüchern ab. Wir verließen das Badezimmer. Armen legte mir eine Halbmaske mit Gummizug an. Und legte selbst auch eine an. Außer den Masken hatten wir nichts an. Die Kleidung, Uhren und Schuhe schob er sorgfältig in unsere zusammengelegten Mäntel. Wir betraten das Zimmer, aus dem die Musik ertönte.
In diesem quadratischen Zimmer waren keine Möbel außer einem langen, schmalen und niedrigen Tisch mit Flaschen, Pokalen und Weintrauben. Die Fenster wurden von kompakten dunkel-beigen Vorhängen bedeckt. Auf dem Boden lag ein schwerer roter Teppich mit einem geometrischen Muster. Auf dem Teppich saßen und lagen nackte Männer mit Masken. Alles Erwachsene. In der Ecke saß im Türkensitz ein Hindu in einem bunten Seidenhemd und spielte auf einer riesigen, schwarzen Balalaika. Ein anderer schlug mit den Händen auf eine kleine Trommel. Armen flüsterte mir ins Ohr: „Das ist eine Sitar. Auf ihr spielt man die Raga – Meditation zum Sonnenaufgang.“
Von hierher kam also die Musik! Leise aber ekstatisch. Die weichen, das Gehör liebkosenden Streichmodulationen vermischten sich mit mächtigen rhythmischen Schlägen. In der Luft schwebte der bläuliche Rauch von der Wasserpfeife, die von einem zum anderen weitergereicht wurde. Das Zimmer wurde von winzigen Lämpchen an den Wänden beleuchtet – es waren drei oder vier Neujahrsgirlanden. Diese Beleuchtung erinnerte an einen Weihnachtsbaum, die bunten Glasspielzeuge, den gefärbten Schnee.
Wir saßen auf dem Teppich. Armen sagte leiste: „Sitz bequem. Entspann dich. Atme den Rauch der Wasserpfeife nur einmal ein. Versuch nicht zu husten. Jetzt beginnt die Spritze zu wirken. Hab keine Angst. Dir wird niemand etwas tun. Wenn dir schlecht wird, sag es mir. Oder geh auf die Straße hinaus. Die Kleidung ist im Vorzimmer.“
Man gab mir die Wasserpfeife. Ich atmete ein. Konnte aber nicht ausatmen. Fast hätte ich keine Luft mehr bekommen. Aber ich nahm mich zusammen, ich hustete nicht. Vor meinen Augen wurde es langsam dunkelviolett. Als befände ich mich in einem Aquarium mit lila Wasser.
Ich schwamm in der Tiefe zwischen wogenden Wassergewächsen. Stark wie ein Atlant. Das erste Mal in meinem Leben tauchte in mir Hoffnung auf. Das unbekannte Gefühl der Fülle des Seins überschwappte die Seele und entzündete die Flamme der Liebe in mir. Ich brannte wie eine bengalische Fackel. Meine Hände begannen den Körper meines Freundes zu suchen.
Um mich herum waren anziehende, gepflegte männliche Leiber. Meine Lippen suchten etwas, das man in den Mund nehmen, lecken konnte, an dem man sich ergötzen konnte. Über meinen Körper floss ein Fluss der Freude. Er ergoss sich in meinen Hintern und floss mir aus dem Mund. Und ich selbst war auch ein Fluss. Ich ergoss mich in fremdes Fleisch und suchte nach Genuss. Die goldenen, pulsierenden Ringe des Glücks verwandelten sich in eine sich drehende Spirale. Die Spirale drehte sich ungestüm und zerstob in Tausende leuchtende Tropfen...
Ich weiß nicht, wie lange diese Glückseligkeit gedauert hat. Ich erinnere mich, dass ich neben Salski erwachte. Ich erwachte durch einen stechenden Schmerz. Jemand trat mir mit dem Stiefel auf die Brust.
Dann hörte ich Schreie: „Was, ihr Päderasten. Habt herumgemacht. Ihr schwulen Böcke!“ 
Die Milizionäre und Einsatzleute schrien das. Sie prügelten mit voller Wucht mit ihren schwarzen Gummiknüppeln auf die liegenden nackten Menschen ein. Traten sie mit Füßen. Ich versuchte aufzustehen. Da kam auch schon eine dunkle Gestalt auf mich zu.
„Liegen bleiben, du schwules Luder. Liegen bleiben, sage ich!“
Ich erblickte über mir das schwitzende, stumpfsinnige, vor Wut völlig außer sich geratene Gesicht eines Milizionärs. Er schlug mir den Knüppel auf den Kopf. Mein Schädel zerbrach in Stücke. Ich starb.
Jetzt fliege ich also durch das Museum. Ich kann ein Fisch werden. Ein Vogel...
 
So beendete Mischa Sirotkin seine Geschichte. Nicht nur die Ärzte und Schwestern, sondern auch alle anderen Patienten auf der Krankenstation versuchten, ihn zu überzeugen, dass er lebte. Dass er nicht im Museum war, sondern in einem Krankenhaus. Aber er hörte auf niemanden. Nicht einmal auf seine Mutter. Sie kam jeden Tag zu ihm. Strich ihm über den bandagierten Kopf. Fütterte ihn mit einem Löffel. Doch Sirotkin versuchte ständig aufzustehen. Er wollte ihr die Bilder zeigen. Antwortete nicht auf ihre Fragen. Warum er mit mir gesprochen hat, weiß ich nicht. 
 
 
 
Übertragung aus dem Russischen: DAJA

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