Igor Schestkow "Kupala"

 
 
KUPALA
(Johannisnacht)
 
  
Heute Nacht träumte ich. Es war, als würde ich zwischen Häusern schwimmen. In einer Stadt, im Jenseits. Straßen und Gehsteige gib es dort nicht, überall nur Wasser. Keine Menschen, keine Bäume. Nur riesige rechteckige Häuser stehen im Wasser. Das Wasser ist weiß und schwer. Die Häuser haben dunkle Wände. Als wären sie aus der Dunkelheit selbst herausgestanzt.
Oder sind das Satans Bienenhäuser?
Und aus ihnen fliegen gigantische Bienen, die auf Höllenfeldern Leichengift sammeln.
„Wohin schwimmst du? Wozu?“, frage ich mich im Traum. Und antworte mir selbst: „Ich schwimme zum Turm. Ich muss schwimmen. Schwimmen.“
Ich werfe die Arme nach vorne. Ich kraule. Kraule.
Das weiße Wasser teilt sich vor mir in zwei Wellen. Ein seltsames Wasser. Es schäumt nicht. Milch des Nichtseins.
Hinter den Häusern erscheint der konische Turm. Was für ein Koloss! Reicht bis in den Himmel. Durch die schmalen glaslosen Fenster flackert Licht. Ich schwimme durch das majestätische Tor. Von innen ähnelt der Turm einem gigantischen Zelt auf dem Wasser. In der Mitte eine Sandinsel. Auf ihr ein Lagerfeuer. Die Flamme ist gelb und hoch. Neben dem Lagerfeuer liegt ein Toter.
Ich steige aus dem Wasser. Nähere mich dem Körper. Es ist ein toter Mann. Ein Ertrunkener. Sein Körper ist aufgedunsen. Der Bart zottig. Die wasserblauen Augen sind geöffnet. Ich lege die Hand auf seine kalte Stirn, um ihm die Augen zu schließen, aber da erhebt sich etwas, fasst mich unter den Armen und wirft mich über das Lagerfeuer. Ich falle, stehe auf und – im Banne einer unerklärbaren Kraft – springe ich erneut über das Lagerfeuer. Springe leicht. Hoch. Toll! Und noch mal. Und wieder. Immer schneller und schneller. Ich sprang die ganze Nacht, und der Ertrunkene sah mir mit seinen toten, wasserblauen Augen zu.
Ich erwache. Das Zimmer ist lichtdurchflutet. Halb zehn Uhr morgens. Juni. Samstag. Ein glutheißer Tag. Die Wohnung ist leer. Frau und Tochter sind auf der Krim. Zur Arbeit muss ich erst am Montag. Freiheit!
Nur eines quälte mich: Wer war nur der Tote im Turm? Diese verdammten Augen schleichen sich ständig in meine Gedanken. Irgendwo habe ich ihn schon mal gesehen. Das Gesicht kommt mir bekannt vor. Vielleicht von Redons Zeichnungen?
Frühstücken!
Tee kochen. Zwei Stück Weißbrot. Und Rosinenquark. Die Tochter hat nicht aufgegessen. Ließ es für Papa übrig. Eine luxuriöse Kost. Ich aß und trank Tee.
Ich trat ans Fenster, öffnete den Mund sperrangelweit, um die Sonne zu verschlucken. Und fing wie in der Kindheit beim Arzt an zu schreien: „Aaah!“
Eine seltsame Stimmung. Ich wollte etwas so Verrücktes machen, dass selbst dem Teufel davon kotzübel würde. Obwohl ich Müdigkeit in den Knien und der Hüfte spürte, als wäre ich wirklich die ganze Nacht über das Lagerfeuer gesprungen. Woher kam das?
Und was machte ich?
Fuhr nirgendwo hin, unternahm nichts. Rekelte mich auf unserem breiten Sofa. Begann meine eigenen Bilder zu betrachten. Entdeckte, dass die „Engel“ und „Christen“ darauf alle Ertrunkenen ähneln. Sie vermitteln nicht die Spur von Seligkeit. Nicht ohne Grund hatte ich von einem Toten geträumt!
Ich nahm mein Telefonbuch zur Hand. Blätterte. Wen sollte ich schon anrufen? Verwandte? Die würden mich bedrängen. Freunde? Die hatte ich satt. Ganz von selbst tauchte ein widersinniger Gedanke in meinem Kopf auf – ich rufe Milka an. Sie war weder Freund, noch Feind, noch Geliebte. Doch von allem etwas. Ich wählte die Nummer.
„Milka, bist du es? Hier ist Dimytsch. Was, welcher? Ist doch klar welcher, eben der. Was? Wieso soll ich in den Arsch gehen? Da bin ich ohnehin schon. Wo? Ist doch klar wo. Es ist Sommer, die Sonne scheint. Aber ich habe von einem Ertrunkenen geträumt. Was? Wieso durchgeknallt? Ich bin vollkommen in Ordnung, physisch und psychisch. Was? Warum ist dir das scheißegal? Wie, weggelaufen? Ich bin nicht weggelaufen, nur weggefahren, zu Hause haben meine Frau und Kinder gewartet. Was? Wieso, verarschen? Ich verarsche dich nicht. Was? Ein undankbares Mistvieh? Wofür sollte ich dir dankbar sein? Danke, dass du dich angesoffen, mich aufgegeilt und von der Bettkante gestoßen hast. Was? Was ist, willst du mich nicht sehen? Sag schon.“
Und trotzdem war Milka mit einem Treffen einverstanden. Bei ihr. Sie bat mich, Wein und etwas zu essen mitzubringen. Um acht Uhr abends.
Ich ging in ein Kaufhaus.
Bekam zwei Flaschen, moldawischen Rosé und Kagor. Ich hatte Glück. Zu jener Zeit gab es in den Weinabteilungen kaum Wein.
Einige Wissenschaftler unseres Instituts waren zur Selbstbedienung übergegangen – sie brannten Schnaps in Schnellkochtöpfen. Und die Arbeiter tranken sowieso alles, was brannte. Sie kauten Zahnpaste. Spritzten sich Eau-de-Cologne in die Augen.
Ich nahm Käse. Holländischen. Ein halbes Kilo. Und noch ein Weißbrot. Passt gut zum Kagor. Ich wollte Butter kaufen. Es gab keine. Ich nahm ein Stück Wurst. Die zu zwei zwanzig. Eine andere gab es nicht. Kam nach Hause. Nahm eine Dusche. Lag und las.
Gegen Abend fuhr ich. Bemühte mich die Umgebung nicht zu bemerken. Die Straßen in Jasenewo waren in den letzten Perestroika-Jahren erstaunlich schmutzig geworden.
Mein Kollege Portnjagin scherzte: „Das Chaos hat die sozialistisch definierten Räume erobert. Dafür wird es vor das proletarische Gericht gestellt werden. Und zur Strafe wird man die Quadratwurzel aus ihm ziehen.“
Metro.
Die Leute im Waggon sind verschwitzt. Es ist schwül und stickig. Die meisten von ihnen haben gallertartige, verdatterte Gesichter. Als befänden sie sich im Koma. Eine halbe Stunde bis ins Zentrum. Umsteigen. Und noch eine Viertelstunde nach Osten. Bus. Es stinkt nach Benzin. Angekommen. Wo bin ich? Irgendwo in der Nähe der Chaussee der Enthusiasten. Die Elektrodenstraße. Ein solcher Name trifft dich wie ein Stromschlag. Lagerhäuser. Verrottete Fabriken. Grässliche Orte.
Verständlich, dass Milka wegziehen will.
Hier zu leben ist schrecklich. Schlimmer als in meinem Traum. Die Häuser sind alt, keine Architektur. Proleten mit finsteren Mienen streunen umher. Mein Toter würde hier niemanden erschrecken. Man würde ihm sagen: „Na was ist, Alter, steh auf! Und hau ab von hier, solange du noch ganz bist.“
Milkas Haus.
Ebenfalls kein Le Corbusier. Ein Stalinscher Vieretagenbau. Ein verfallenes Haus. Im Eingang ist es feucht, dunkel und riecht nach Moder. Dritter Stock. Wohnung 69. Da ist es. 
Ich läute.
Einmal. Zweimal. Beim dritten Mal läute ich fast drei Minuten lang. Verdammt! Man kann sich mit den Weibern einfach nichts ausmachen. Entweder schläft sie oder sie ist weggefahren. Aus Rache. Weil ich sie das letzte Mal bei den Bekannten alleingelassen habe. Sie war ja sternhagelvoll. Und bissig wie ein Hund.
Ich läute noch einmal zur Kontrolle. Will gerade kehrtmachen. Da höre ich Schritte hinter der Tür. Sie öffnet.
„Hallo! Komm nicht rein, ich bin nackt, komme gerade aus dem Bad. In einer Minute kannst du hereinkommen. Dann geh ins Zimmer, wo die Sessel stehen, und warte dort. Ich wasche mich und komme dann.“ Sie ließ die Tür nur angelehnt.
Ich wartete eine Minute. Betrat die Wohnung. Sah mich um. Nicht einmal besonders schmutzig. Im Gästezimmer – Möbel, die aus der Sitzgarnitur der Eltern stammen.
Bücherregale. Große Lehnstühle. Bequem. Ein poliertes Tischchen. Gläser. Ein Aschenbecher. Eine Schachtel Zigaretten. Zeitungen. Das Ogonjok-Journal. Braune, karierte Vorhänge. Gemütlich, aber es stank nach Kippen.
Milka kam nach etwa fünf Minuten aus dem Badezimmer. Eine kleine Frau. Aber vollbusig. Jüdin. Ein bisschen dick. Nicht hübsch. Aber mit einem Funkeln in den Augen. Vulgär und selbstbewusst wie der Teufel. Man muss vorsichtig sein mit ihr. Sie ist anhänglich. Und zynisch.
Milka kam nur mit einem Frotteemantel auf der nackten Haut heraus. Ich war sofort entflammt. Ging zu ihr, umarmte sie, küsste sie auf die Wange, schob die Finger unter ihren Mantel. Das erlaubte sie nicht. Sie befahl: „Mach belegte Brote! In der Küche.“
Sie ging ins Schlafzimmer. Kehrte angezogen und frisiert zurück. Kauerte sich in den Lehnstuhl. Rauchte. Ich schenkte den Wein ein. Brachte einen Trinkspruch aus: „Auf unser Treffen!“
Wir tranken. Ich –  ruhig. Milka – gierig und zitternd.
Offensichtlich hatte sie großen „Durst“.
Ich sagte gedehnt: „Laaaaange nicht gesehen. Na, wie steht’s?“
„So la la. Man muss abhauen, solange das Loch noch nicht dicht gemacht wurde!“
„Und wohin willst du?“
„Wieso wohin? Als ob es eine Wahl gäbe. In den Süden.“
„Und in die Staaten?“
„Du weißt selbst, dass da keine Züge hinfahren. Man braucht Bürgen. Ich habe dort niemanden. Ich fahre in den Süden.“
„Und was wirst du da machen?“
„Weiß ich nicht. Das Wichtigste ist, aus diesem Scheißstaat abzuhauen. Schlimmer kann es nicht werden. Früher oder später wird es hier ohnehin ein Gemetzel geben. Projekte habe ich einen ganzen Sack voll. Vielleicht eröffne ich ein Krupskaja-Bordell für sowjetische Weiber. Finde starke Ficker. Masseure, Künstler, Sänger. Die sollen singen, hüpfen, Massagen zum Abnehmen geben. Sonst bleiben alle ehemaligen Kommunisten fett wie Schweine. Damit es auch Kultur gibt und Gesundheit und Zufriedenheit.“
„Nimmst du mich als Ficker?“
„Dimytsch, mein Lieber“, Milka war schon viel gutmütiger, „natürlich nehme ich dich. Aber nicht als Ficker. Du wirst mir die Wände bemalen, für besonders reiche Klientinnen wirst du Märchen erzählen und ihnen goldene Träume einflößen.“
Ach, du Hure!
„Übrigens, ich hatte heute so einen eigenartigen Traum.“
Ich erzählte ihr den Traum. Und der Schönheit halber fügte ich noch etwas hinzu. Ich öffnete die zweite Flasche. Wir gossen nach.
„Weißt du eigentlich, dass heute Kupala, Johannisnacht, ist? Ivan Kupala, hast du davon gehört? Deshalb hast du auch von Feuer geträumt. Man springt in der Johannisnacht über das Lagerfeuer. Und der Tote hat deine Gestalt. Die blauen Augen. Das bist du selbst, Dummerchen.“
Das „Dummerchen“ brachte mich auf die Palme. Ich wurde böse. Und geriet in Rage. In meinen Gedanken riss ich ihre Bluse herunter und stach in ihren Busen wie eine Bremse. Milka fuhr fort: „Du hast dich mit deinem Sklavenleben selbst zerstört. Deine Frau liebst du nicht. Du lebst mit ihr, weil du zu feige bist, dich scheiden zu lassen, zu feige, du selbst zu sein. Du gehst ins Institut zur Arbeit, obwohl du Wissenschaft zum Kotzen findest. Nicht einmal promoviert hast du! Dimytsch, du hast alles verloren. Das Leben, deine Frau, die Wissenschaft. Und mich auch.“
Was meine Frau betraf, log sie. Ich liebte meine Frau. Aber es hatte mit uns nicht geklappt. Da könnte ich lange erzählen. Aber, was sie über die Wissenschaft gesagt hatte, stimmte. Und das über das Leben auch.
„Du Feigling. Toter. Aber immer noch ein Dämon!“
Da sah Milka mich kokett an.
„Kokett“ bedeutete bei ihr aber verächtlich. Sie presste die Lippen zusammen. Blähte leicht die Nasenlöcher. Bekam Schlitzaugen. Ich stand auf, ging zu ihr hin. Flüsterte ihr ins Ohr: „Ich will dich. Gehen wir ins Schlafzimmer.“
Milka zog sich sanft von mir zurück und sagte abrupt: „Später.“
Sie schenkte sich ein Glas Rosé ein und trank es gierig aus.
„Ja, du bringst dich selber um. Ständig zerstörst du dich. Schläfst mit deiner Frau. Aber sie liebt dich nicht. Du gehst zur Arbeit. Alles vergebens. Du malst schöne Bilder. Nur verstehe ich sie nicht. Ich verstehe überhaupt nichts. Ich hasse diesen moldawischen Rosé. Sie kaufte Rosen. Aber er zu einer anderen ging...“
Sie bekam Schluckauf.
Sie war noch nicht randvoll, aber es ging in diese Richtung. Bald wird sie sich übergeben. Das kennen wir alles. Wozu zum Henker bist du hierher gekommen? Nur um ihre hängenden Titten anzutatschen? Wichser! Den wunderbaren Junitag selber versaut.
Ich schlug vor: „Milka, iss wenigstens ein belegtes Brot. Sonst bist du besoffen, was fange ich dann mit dir an?“
Milka antwortete aggressiv: „Nichts erlaube ich dir mit mir anzufangen. Du Wasserleiche! In der eigenen Pisse bist du ersoffen. Warum seid ihr Typen alle solche Feiglinge? Keine Männer, sondern Scheiße. Wegen solchen wie dir existiert die Scheißsowjetunion überhaupt. Und man wird euch ewig zum Narren halten und bestehlen. Man wird euch scheren wie Schafe. Weil du in deiner Familie ein Feigling bist und in der Arbeit ein Feigling und im Bett wirst du auch ein Feigling und Schlappschwanz sein.“
Ich wurde wütend. Soll ich ihr die Fresse polieren? Aber ich wurde nicht handgreiflich. Noch nie habe ich jemanden geschlagen. Körperlich bin ich stark, aber geistig ein Schwächling. Feigling und Schlappschwanz.
Ich beschloss zu gehen. Stand auf, ging ins Vorzimmer, zog die Sandalen an und begab mich zum Ausgang. Milka holte mich ein, umarmte mich, sah mir in die Augen und drückte ihre Brust an meinen Bauch. Augenblicklich spielte sie eine andere Rolle. Meisterhaft!
Sie flüsterte: „Geh nicht weg!“
Sogar eine Träne drückte sie heraus. Ich wurde natürlich weich. Und blieb. Milka ging ins Badezimmer. Machte sich zurecht. Sie kam heraus, frisch, und wie mir schien, sogar nüchtern. Was für ein Wunder! Wir setzten uns wieder in die Lehnstühle. Während der Unterhaltung tranken wir die zweite Flasche. Aßen belegte Brote. Ich goss den Kagor ein. Er war warm und süß.
„Ich bin noch nie im Ausland gewesen. Habe keine Ahnung, wie die Menschen dort leben. Im dritten Studienjahr wollte ich nach Bulgarien reisen.
Sie ließen mich nicht. Mein Vorgespräch bei der Komsomolleitung war schiefgelaufen. Politisch unreif! Diese Rindviecher. Und Israel ist für mich überhaupt ein weißer Fleck. Was machen die Unsrigen dort? Rundherum nur Araber. Eines Tages werden sie Israel zerstören. Und den ehemaligen Sowjetischen schneidet man als Ersten die Rübe ab. Kommen Sie her, Genossen Bojaren! Alle Köpfchen auf die Bank! Tja. Und was hast du sonst noch im Sinn? Außer dem Bordell.“
„Ich denke an eine Literaturzeitschrift. Du weißt doch, dass ich schreibe. Und alle Moskauer Schreiberlinge sind mir bekannt.“
Alles gelogen – dachte ich. Sie lügt, ohne rot zu werden. Über mich hat sie die Wahrheit gesagt, aber über sich selbst faselt sie Unsinn. Gar nichts schreibt sie. Und überhaupt können wir nur über unseren sowjetischen Mist schreiben. Wer braucht das?
„Zuerst – Bordell „Krupskaja“. Dann werde ich die Zeitschrift „Pisse von Onkel Monja“ für intellektuelle Sowjets herausgeben.“
„Hast du nicht hier schon genug von diesem Gesindel gesehen? Mach lieber eine Bulettenbude für Aborigines auf, benannt nach dem Siebzehnten Parteitag! Auf den Ruinen des Zweiten Tempels! Neben dem Nabel der Welt. Oder am Fuße des Ölberges!“
„Wie geistreich! Die Hälfte meiner Freunde ist schon im Süden. Unter ihnen sind auch solche, die ganz in Ordnung sind. Nicht nur Schwätzer wie du. Sie bitten mich zu kommen. Und ich habe noch immer die Einladung nicht abgeholt.“
„Wer braucht dich dort? Belüg dich nicht selbst.“
„Geh in Arsch!“
„Ich habe dir schon am Telefon gesagt, dass ich schon dort bin. In dem Riesenarsch. Mit Pickeln. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Wahrscheinlich verlasse ich das Institut. Das wird eine Freude werden. Auf ihre untertänigen Fratzen zu spucken und zu sagen: Lebt wohl, Genossen. Wie ich mich freue, euch nie wieder zu sehen. Satt habe ich euch, seit zehn Jahren Zwangsarbeit. Zum Kotzen satt!“
„Du gehst nicht weg, bist ein Vorsichtiger. Und wenn die Kommunisten das Politkarussell  zurückdrehen?“
„Dann lassen wir uns etwas einfallen. Und wenn dein ganzes Israel ein einziger großer Arsch ist? Dann wirst du dort in der brütenden Hitze sitzen, ohne Geld, ohne Sprache. Einsam und betrunken.“
Milka fing plötzlich zu schluchzen an: „Niemand braucht mich, Dimytsch. Nicht hier und nicht dort.“
Und wieder flossen Tränen.
„Zu meiner Mutter habe ich den Kontakt völlig verloren. Kommt sie, fängt sie an zu meckern. Vater ist schon seit Jahren gelähmt. Er schreit auch immer. Mein Sohn will mich nicht kennen. Wohnt irgendwo bei Freunden. Macht gar nichts. Liest diesen Syphilitiker. Nietzsche. Das Arbeiten habe ich satt. In unserer Werkstatt lauern alle wie Erdhörnchen. Riechen die Scheiße in der Luft. Manche haben sich schon aus dem Staub gemacht. Und der Chef ist vor Gericht wegen Spekulationen mit Edelmetallen. Mir begannen die Hände zu zittern. Meinen Mann habe ich schon fünf Jahre nicht mehr gesehen.“
„Und ist er wirklich ein Spanier?“
„Was zum Kuckuck ist er für ein Spanier. Kolumbianer! Ein widerliches Land. Außer Kaffee, Drogen und Rebellen gibt es dort nichts. Ein einziges Mal war ich dort, und ich fahre nicht mehr hin. Banditen, Moskitos, Hitze. Verschwunden ist er. Vielleicht getötet.“
„Heul nicht, es wird alles in Ordnung kommen, er wird dich noch besuchen in Tel Aviv.“
„Scheiß auf ihn!“
„Milka, bist du reine Jüdin?“
„Reiner geht’s nicht. Sowohl Mutter wie auch Vater. Der Großvater Rabbiner. Der Vater beschnitten.“
„Und die Mutter Kommunistin!“
„Die Mutter Kommunistin. Und der Vater. Sehr jüdisch. Ich hoffe, man versteht das dort. Die sind dort alle Linke.“
„Was denkst du, wird man die Scheißheimat dichtmachen? Denn wenn sie die Grenze nicht sperren, werden wir uns früher oder später alle in Bewegung setzen. Es bleiben nur die Faulpelze.
Die Scheißsowjetunion ist den Bach hinuntergegangen. Ich habe unterwegs so viel Dreck gesehen. Und die Leute wirken alle so, als seien sie gerade aus dem Irrenhaus entlassen worden. Abhauen möchte man, aber wohin. Israel macht mir Angst. Ich habe eine russische Mutter. Die Juden aber werden, wenn die Macht auf ihrer Seite liegt, zu solchen hochnäsigen Scheusalen. Schlimmer als die Russen. Das habe ich selbst in meinem Laboratorium erfahren.“
„Na so was, schreckt er vor den Juden zurück? Aber wer will denn was von deiner Mama? Mischlinge werden aufgenommen.“
„Ich bin ein Mensch der russischen Kultur. Glaube an Christus. Bin Orthodoxer.“
„Erzähl mir bloß nicht solche Sachen. Ich glaube... Russisch... Orthodox… Du bist ein solcher Orthodoxer wie Onkel Monja. Viel Bibel gelesen. Mit den Pfaffen geschwatzt. Sich selber an der Nase rumgeführt. Und deine Pfaffen sind KGBler!“
Milkas Stimme wurde grob. Vehement mischte sich der Tonfall eines Marktweibes ein.
„Du – ein Mensch russischer Kultur? Du scheißt doch bei der ersten Gelegenheit auf alles Russische. Und Christus verkaufst du als Erster! Ein Heuchler bist du und kein Christ!
Wer will denn was von dir? Wie arrogant du bist! Sprich mit keinem, geh ruhig in die Kirche. In Israel gibt es mehr davon als hier. Bete zu deinem Christus. Mach dir nicht ins Hemd. Ach, diese Sowjets! In unserer ruhmreichen Heimat lügen alle, passen sich brav an. Alle sind sie Atheisten-Kommunisten. Und wenn sie weggehen, heißt es: Ich bin Christ! Ich bin Jude! Ja, Scheiße seid ihr alle, und keine Christen. Ich kenne euch. Schauspieler. Unter Juden seid ihr Juden. Unter Orthodoxen – Orthodoxe. Und überall wollt ihr zu den Besseren gehören. Da sitzt du also und unterhältst dich mit mir, dabei denkst du nur an meine Möse. Scheißkerl!“
„Selber Scheiße!“
„Okay, hör auf zu labern. Schenk Kagor ein.“
Milka war am Durchdrehen.
Wir tranken. Nur ein Schlückchen Kagor war übrig. Ich nahm die Flasche und guckte hinein. Dort sah ich die nackte Milka, wie sie im Wein badete. Klein und rosarot. Die ganze Welt war rosarot. Und süß. Und es war nicht notwendig wegzufahren. Alles war wunderbar.
Ich war stockbesoffen. Diese Hexe!
Milka stand auf, taumelte ins Schlafzimmer. Auf dem Weg dorthin warf sie ihre Kleidung ab. Kroch unter die Decke. Und schloss die Augen. Ob sie sich noch daran erinnerte, dass ich da war?
Ich zog mich langsam aus. Legte mich zu ihr. Wollte mit dem Liebesspiel beginnen. Aber statt dessen schlief ich auf der Stelle ein. Fiel in einen toten betrunkenen Schlaf.
Und ich hatte einen Traum. Den gleichen wie in der vergangenen Nacht. Ich schwimme wieder in jener Stadt, im weißen Wasser. Aber dieses Mal ist das Wasser leicht, schmeichelnd, und es ist kein Wasser, sondern zu Schaum geschlagene Lichtteilchen aus der Engelsküche. Das Eiweiß des Tages. Himmelssegen. Ich kostete das Wasser – es war süß. Wie kondensierte Milch. Und die Häuser – als würden sie aufwachen. Sie werden hell, schimmern blau und färben sich rosa. Aus den Facettenwänden fliegen nicht böse Bienen, sondern kleine geflügelte Menschen. Elfen.
Sie umkreisen mich, setzen sich auf die Schultern. Sie wispern und schmeicheln sich ein. Und dann der Turm. Ganz aus buntem leuchtendem Chitin. Und im Inneren – ein Strahlenglanz. In der Mitte, auf einer kleinen Insel, sprudelt aus einem Springbrunnen lebendiges Wasser, und rund um ihn laufen wunderbare Strahlen kreisförmig auseinander. Neben dem Brunnen steht ein Mensch. Der Ertrunkene. Aber jetzt ist er lebendig. Sein Körper ist mit prächtigen Stoffen bedeckt. Er hat einen weißen seidigen Bart. Er ruft mich. Er lächelt. Seine blauen Augen leuchten wie Brillanten. Ich steige aus dem Wasser. Gehe zu ihm hin. Er umarmt mich. Küsst mich. Und plötzlich nimmt er mich auf den Arm und wirft mich in den Brunnen. Wie ein Ping-Pong-Ball bleibe ich auf der Spitze des zauberhaften Wassersprudels hängen. Ewiges Licht dringt durch meinen Körper. Und ich werde durchsichtig und leicht.
 
Milkas Schnarchen weckte mich.
Der Körper brannte noch. Aber die Sterblichkeit und die Schwere der Realität waren schon in einem breiten Strom in ihn geflossen. Ich lag eine Zeit lang da. Streckte mich. Mit großer Mühe stand ich auf. Machte das Licht an. Der alte lila Wecker auf dem Nachttisch zeigte drei Uhr nachts. Eine scheußliche Zeit. Ich zog mich an und ging hinaus. Auf der Straße Finsternis. Die Metro fuhr noch nicht. Ich hatte keine Ahnung, wo hier Taxis zu finden waren.
Das Haus von Milka ähnelte einem riesigen schwarzen Bunker. Kein einziges Fenster war erleuchtet.
 
 
 
 
Übertragung aus dem Russischen: DAJA

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