Igor Schestkow "Kolja und Petja"

 
  
 
Der elfjährige Kolja fragte den zehnjährigen Petja: „Na, und was?“
Petja antwortete: „Und nichts.“
„Was – nichts?“
„Alles – nichts!“
„Petja, du Dummkopf, kapierst du gar nichts mehr? Was hat Salyga auf deine Zeichnung geschrieben?“
„Was, was. Er schrieb – Gut, nur die Sterne waren ihm zu düster. Was soll ich denn tun? Diese blöden Buntstifte. Ich soll das Licht zeichnen. Sterne will er sehen! Auf grauem Drei-Kopeken-Papier! So ein Wichser!“
Petja hob eine Haselnussrute auf und peitschte wütend auf das Gebüsch ein.
„So was. Pfeift wie ein Teekessel! Du, Kolja, lass uns einander mit den Ruten peitschen! Spielen wir Duell! Wie Lermontow mit dem, ich hab es, also, wie... Dubrowski und Gribojedow! Die Marxina schwärmte in der Russischstunde davon.“
„Petja, du kennst dich vielleicht aus. Petschorin duellierte sich mit Schwabrin! Verstehst du, Tochter des Kapitäns Grant? Sie duellierten sich mit Fleischwölfen. Na los! Duell, aber nicht auf die Eier schlagen!“
Die Freunde gingen von der Straße weg, Richtung Gebüsch, verschwörerisch blickten sie um sich. Kolja schnitt mit dem Taschenmesser zwei lange frische Gerten ab. Sie waren biegsam und rochen nach saurem Holz. Petja verglich die Ruten, zeigte mit seinem schmutzigen Finger auf den Unterschied in der Länge. Kolja grinste und schnitt das Überflüssige akkurat ab. Zog eine Streichholzschachtel aus seiner Hosentasche, entnahm zwei Streichhölzer, zerknickte eines mit leisem Knirschen, warf die Hälfte ohne Kopf weg, legte die andere Hälfte zu dem vollständigen Streichholz in die Hand, pustete, zauberte und rief: „Zieh! Langes Streichholz – erster Schlag“.
Petja schloss die Augen und zog das kurze Ende. Die Jungen traten Freund gegen Freund an. Kolja peitschte zur Probe ein paar Mal die Luft, spuckte durch seinen abgebrochenen Eckzahn und schlug unvermittelt seinen Freund von oben auf die linke Schulter. So, dass die Rute auch den nackten Rücken erreichte. Petja durchzog ein schneidender Schmerz, er schrie aber nicht auf, sondern revanchierte sich mit einem kräftigen Schlag auf Koljas Beine. Kolja krümmte sich, hob die Rute, schlug aber nicht, sondern spottete.
„Petja, was ist mit dir? Vielleicht unterbrechen wir das Duell? Bevor du dir in die Hosen pisst! Und zu deiner Mutter rennst und petzt. Pisse-pisse!“
Er gab Petja keine Zeit zu antworten, sondern schlug ihn mit voller Wucht in die Nierengegend. Das war seine Trumpfkarte. Petja blieb die Luft weg, er hielt sich die Seiten und fiel wie ein Sack zu Boden. Aber er heulte nicht. Er rieb mit den Handflächen den glutroten Striemen, der seine Taille umzingelte und an manchen Stellen blutverschmiert war. Nach einer Minute stand er auf. Mit voller Wucht peitschte er Kolja ins Gesicht. Die Spitze der Rute zischte wie eine Natter und traf auf Koljas Lippen.
In Koljas Mund kochte das Blut auf, wie ein kleiner Vulkan. Mit beiden Händen drückte er auf seine Lippen aus Furcht, dass sie abgerissen, auf die Erde gefallen und in ein Mauseloch gekrochen seien und er, ihr ehemaliger Besitzer, ohne Lippen leben müsse. Ade Mädchenküsse!
 
So einen lippenlosen Invaliden sahen die Jungen jeden Tag auf ihrem Schulweg. Er saß an der Kreuzung und bat um Almosen. Er hieß Onkel Witja. Hatte keine Beine, anstelle des Mundes klaffte ein Loch. Das Oberteil seines Körpers war mit einem alten graubraunen Jackett bekleidet. Darauf klimperten zwei angeheftete Kriegsmedaillen.
Der untere Teil seines Körpers war in einem ausgebeulten Ledersack untergebracht, der mit eisernen Krampen an einer Vierradkarre befestigt war. Es schien, als seien die Kugellager-Räder seine Beine.
Die Kinder bedauerten Onkel Witja keineswegs. Sie bewarfen ihn, aus sicherer Entfernung, mit Steinchen. Die besonders Tapferen liefen auf ihn zu, spuckten ihm ins Gesicht, versuchten das Loch zu treffen und machten sich dann aus dem Staub. Der Invalide reagierte zornig auf die Quälgeister. Er fuchtelte mit den Händen, stieß seltsame Laute aus und aus seinem Rachen stieg Schaum. Begann die Verfolgung. Wie ein Gorilla stieß er sich mit seinen langen muskulösen Armen ab. Aber die Kinder einzuholen, schaffte er nicht. Einmal gelang es ihm – einer der Bengel war gestolpert, hingefallen und hatte sich aufgekratzt. Er flennte und erwartete seinen Tod. Onkel Witja ließ ihn aber am Leben, er strich ihm über sein zerzaustes Haar, setzte ihn auf den Trotuarstein und krächzte durch sein Loch: „Na, na, Söhnchen, weine nicht. Bis zur Hochzeit ist alles wieder gut. Steh auf und lauf!“
Er klopfte dem kleinen Angeber auf die Schulter, wischte ihm die Tränen mit dem Taschentuch ab. Und fuhr zurück zur Kreuzung, wo seine fettige Schirmmütze lag. In ihr blitzten ein paar Kupfermünzen. 
 
Kolja nahm seine Hände vom Mund und schaute sie an – kein Blut! Vorsichtig berührte er seine Lippen und die Zähne. Alles war an seinem Platz.
Erfreut hob er bedrohlich langsam die Rute. Das konnte Petja nicht ertragen und rannte los. Ihn quälten Gewissensbisse. Kolja rannte ihm nach. Petja war der Schnellste beim Fangenspielen, ihn einzuholen war schwer. Nach langer Verfolgung erreichte er Petja, riss ihn im Sprung nieder und wälzte sich mit ihm auf der Erde. Bald war der Kampf zu Ende. Petja bekam auch eins auf die Lippen, aber nicht mit der Rute, sondern mit der Faust. Und Kolja wurde in den Arm gebissen, oberhalb des Ellbogens.
Die Kampfhähne standen auf, klopften den Schmutz ab, klebten ihre Wunden mit Spitzwegerich-Blättern zu, zogen sich Pflanzendornen heraus und trotteten die nach Akazien riechende Allee entlang, die zur Hohen Küste führt. Als ob nichts passiert sei.
Petja fragte: „Kolja, was hast du denn gezeichnet?“
„Die Rakete, den Kosmonauten und den Marsbewohner. Der Kosmonaut im Taucheranzug. Der Marsbewohner auf sieben Beinen, auf der Birne hat er eine Antenne.“
„Und Salyga?“
„Der brummte nur und erklärte. Auf dem Mars gibt es keine Atmosphäre. Also soll der Marsbewohner auch einen Spezialanzug tragen. Ich fragte – wie er damit pinkeln gehen könne? Im Taucheranzug? Verstehst du? Alle wieherten los. Und Salyga warf mich aus der Klasse.“
„Und welche Note?“
„Sechs! Dieser Arsch mit roten Ohren. Mein Vater bekam davon Wind. Die Prügel bekomme ich wie immer am Samstag.“
„Ja. Mist! Bei deinem Vater ist der Riemen scharf! Wie eine Bulldogge.“
„Mit einer Bulldogge kann man reden, mit meinem Vater nicht.“
Die Freunde saßen auf einer Bank. Petja betrachtete aufmerksam die Ameisen, die darunter kleine Nester gebaut hatten. Er nahm einen Zweig und begann die kleinen Pyramiden zu zerschlagen. Die Ameisen liefen unruhig hin und her. Petja stand auf und zerscharrte sie mit seinen Füßen. Eine nach der anderen.
Kolja saß da und bohrte in der Nase. Bemühte sich aus dem rechten Nasenloch einen großen Popel herauszupolken. Schaffte es. Betrachtete ihn eine Weile und schnipste ihn gen Himmel.
 
 

Zurück