Igor Schestkow "Kokosbällchen"

 

KOKOSBÄLLCHEN

 

In deutschen Provinzstädten gibt es hyperaktive Betriebsnudeln, die keinen Auftritt eines Pop-Sternchens versäumen, kein Konzert, keine Opernpremiere, keine Vernissage oder Dichterlesung, auch dann nicht, wenn die Übermüdung wegen eines schlafgestörten Kleinkindes sie plagt. Gerne überreichen diese Damen dem Sänger, Künstler oder Dichter ein Blumenbouquet...

Sie kennen alles und jeden, verkehren in den besten Häusern, auch wenn sie selbst von staatlicher Unterstützung leben. Klatsch und Tratsch sind ihr Lebenselixir, aber sie nehmen auf so diskrete und delikate Weise daran teil, dass man es ihnen nicht verübeln kann. In ihre Garderobe investieren sie viel Geschmack und noch mehr Geld, weshalb sich vergoldeter Talmischmuck, edle Halstücher oder seidene Rüschen nicht ganz vermeiden lassen.

Sicher kennen Sie diese Subspezies des Weiblichen zur Genüge. Im denkwürdigen Sachsenstädtchen K. lernte ich eine Vertreterin dieses Genres, Charlotta R., näher kennen. Sie war eine stattliche junge Frau von etwa 28 Jahren, hübsches Gesichtchen und Bubikopf mit gelb-grünen Strähnen. Ihre schwarzen, ägyptisch anmutenden Augen lenkten ein wenig von der langen Nase ab. Sinnlich volle Lippen versprachen dem kühnen Eroberer erlesenste Genüsse, und beim Anblick ihrer wogenden Brüste dachte man instinktiv an die unermessliche Dünung des Stillen Ozeans.

Die Geschichte unserer Verbindung mag ich hier nicht erzählen, dafür ist sie zu kurz und zu banal. Jedoch verstand ich mich damals als Künstler und galt im Städtchen K. nach einigen sehr erfolgreich verlaufenen Ausstellungen für eine Weile als neuer Komet am Himmel. Doch kann man solch glückliche Zufälle überhaupt als Erfolg bezeichnen? Jedenfalls widmete mir das örtliche Käseblättchen gleich auf der zweiten Seite einen üppigen Artikel, der mit der entsetzlich unscharfen Abbildung eines meiner Bilder und der Überschrift "Magische Konstrukte eines Emigranten" garniert war. Die Veranstaltungschronik brachte eine unerträglich schwülstige Rezension des lokalen Kulturpapstes, die mit den Worten begann: "Aus östlichen Gefilden kam er zu uns, dieser dunkle Beschwörer des Zeichenstifts..."

Offenbar genügte dieser "Beschwörer", um Charlotta eine Einladung zur einer "Party mit Marzipanplätzchen" zu entlocken, an deren Ende sie mir schmachtende Blicke aus ihren ägyptischen Augen zuwarf, verheißungsvoll ihren wuchtigen Busen wogen ließ und mir ins Ohr hauchte: "Ach bitte bleiben Sie doch, ich fühle mich nachts immer so einsam. In diesem alten Haus ist es nämlich so kalt..."

Ich blieb und wärmte sie zweimal aufs Sorgfältigste. Dann war ich müde, aber Charlotta ließ mich nicht schlafen, sondern wollte mir unbedingt ihre Geschichte erzählen. Ich war ja selbst daran schuld. Warum musste ich sie auch nach der Herkunft dieses Fleckes fragen?

In der Mitte ihres Unterarmes - also zwischen der Handfläche und der Stelle, wo uns die Kranken­schwestern das Blut abzapfen - befand sich bei ihr nämlich ein großer, runder Fleck, der fast wie ein Medallion aussah. Oder wie eine Narbe. Oder so, als habe jemand ein Stück Haut von einer anderen Körperstelle dorthin transplantiert, um eine alte Tätowierung oder Wunde zu verbergen. Dieser Fleck beunruhigte mich, und ich fragte Charlotta genau in dem Moment nach seiner Herkunft, als sie mit einem Tablett zu mir kam, auf dem die besagten Marzipanplätzchen unter schlanken, leise klirrenden Sektgläsern lagen. Sie lächelte tiefsinnig und legte ihren Zeigfinger auf die mit dicker Pomade bräunlich geschminkten Lippen.

...

Und jetzt, um drei Uhr in der Nacht, entschloss sie sich, mir die grausige, herzzerreißende Geschichte dieses Fleckes zu erzählen, anstatt nach den redlichen Mühen fleischlicher Hingabe erschöpft in den Ozean ihres kolossalen Bettes zu versinken, in dem man leichterdings sechs stämmige Matrosen hätte unterbringen können. Ich bedaure zutiefst, während ihres romanhaften Berichts ein paarmal eingenickt zu sein, und bitte daher den geneigten Leser, sich an der einen oder anderen Lücke in meinen Darlegungen nicht allzu sehr stören zu wollen.

"Alles begann vor drei Jahren. Sie sind neu in dieser Stadt, aber ich bin hier zur Welt gekommen und aufgewachsen. Meine Eltern und Großeltern waren stadtbekannte Persönlichkeiten. Ständig fühlte ich mich beobachtet, manchmal stand sogar etwas über mich in der Zeitung. Leider interessierten sich für mich aber nicht nur vernünftige Leute, etwa Schauspieler, Künstler und Musiker, sondern auch Neonazis, die hier nach der deutschen Wiedervereinigung ans Licht krochen wie Ratten aus der städtischen Müllkippe. Sie glauben gar nicht, wie viele es davon gibt. Ich reiste herum, die Leitung der Müllhalde lud mich zu einem Vorstellungsgespräch, ich organisierte Aufführungen eines Puppentheaters für die Kinder der Angestellten. Man spendete höflichen Beifall und sammelte Geld für die Veröffentlichung meines Gedichtbandes. Ich schreibe nämlich Haiku, müssen Sie wissen, allerdings nicht mit Wörtern, sondern bloß mit einzelnen Silben.

Wie ich ins Visier der Neonazis geriet? Nun, ich beteiligte mich aktiv an der Organisation der 'Jüdischen Kulturtage'. Auch die kleinsten Aufträge führte ich aus, ich verköstigte die neu angekommenen Künstler und ließ sie bei mir im Haus übernachten. So beherbergte ich die Schriftstellerin Salomea Genin aus Berlin, das Klezmer-Trio von Ignaz Berditschewskij und viele andere. Nazis gehen natürlich nicht zu jüdischen Kulturtagen, deswegen konnten sie mich dort auch nicht sehen, als ich den Darstellern Blumen überreichte, um ein Beispiel zu nennen. Aber irgendjemand hat mich an sie verpfiffen und ihnen meine Adresse genannt. Solche nützlichen Idioten gibt es immer wieder. Schließlich fand vor unserem Rathaus eine große antifaschistische Demonstration statt, bei der ich auftrat und den Neonazis riet, sich an unsere Vergangenheit zu erinnern. Ich sprach von 'Schuld' - und sie sannen auf Rache, allen voran ein gewisser Paul N. Mit ihm war ich auf dem Gymnasium liiert, aber dann trennten wir uns und er geriet in die Fänge der Braunhemden. 

...

Er arbeitete als Koch im 'Schwarzen Raben' am Kasberg. Dort hängt ein Schild im Schaukasten: 'Echt deutsche Küche'. Da gibt es Würstchen mit Kraut und Bier. Früher war er ein hübscher Kerl mit platinblonden Haaren, aber jetzt ist er fett geworden und hat sich den Schädel kahl rasiert. Trägt Springerstiefel bis zu den Knien, mit roten Schnürsenkeln. Das heißt bei denen, dass einer bereit ist zu töten. Und dieser Paul schrieb mir nun einen Brief. Ich war damals in Jurij verliebt, einen Juden. Jeden Freitag kam er aus Köln zu mir, und montags fuhr es ganz früh wieder zurück, direkt in sein Büro. Er war nicht besonders gläubig, trug aber immer die Kippa. Er hat mich sehr geliebt und schenkte mir einen silbernen Davidstern im Ring mit einem Kettchen dran. Wahrscheinlich haben sie diesem Paul auch von Jurij erzählt... Jedenfalls drohte er in seinem Brief, ihn umzubringen, meinen Juden, und mich wollten sie brandmarken, weil ich eine 'Judenmatratze' war und mein arisches Blut mit dem eines 'räudigen Hundes' besudelt hatte.

...

Drei von diesen Nazis drangen in meine Wohnung ein. Ich fing an zu schreien, aber Paul schlug mir ins Gesicht, stopfte mir irgendeinen schmierigen Lappen in den Mund und verklebte ihn mit Isolierband. Dummerweise hatte ich Schnupfen und konnte kaum durch die Nase atmen. Ich musste husten, und meine Augen fingen an zu tränen. Paul riss mit einem Ruck das Klebeband wieder ab, zog den Lappen heraus, gab mir ein Taschentuch und erlaubte mir, mich zu schnäuzen. Dann kam der Pfropfen wieder in meinen Mund. Der wurde zugeklebt und meine Augen verbunden. Zum Glück war Jurij an diesem Samstag nicht bei mir, sonst hätten sie ihn gelyncht. Und diese drei Scheißkerle hielten nun über mich 'Gericht'. Ich konnte sie nicht sehen, hörte aber ihre säuischen Witze, ihr perverses Gelächter und fühlte, wie sie mich begrabschten. Die 'Gerichtssitzung' dauerte etwa eine Stunde. Schließlich verlas Paul mein Urteil, von dem ich nichts verstand, weil sie mir ein Glas Schnaps mit einem Röhrchen durch die Nase einflößten. Dann zogen sie mich aus, und ich spürte...

Wie oft es passierte, kann ich nicht mehr sagen. Ich weiß nur noch, dass sie mich dabei ins Gesicht schlugen. Dann fesselten sie mich mit einer Schnur, verschwanden in die Küche und hantierten dort lange mit irgendetwas herum. Sie schrien wie die Affen und wieherten. Endlich erschien Paul und sagte: 'Du musst jetzt sehr stark sein, Charlotta, denn wir werden dir deinen Judenstern ins Fell brennen.'

...

Dann schnappten sie sich meinen rechten Arm und verbrannten ihn mit etwas, das sich anfühlte wie glühendes Eisen. Vor Schmerz verlor ich das Bewusstsein. Als ich wieder zu mir kam, tat mein Arm höllisch weh. Die Nazis waren weg. Ich konnte mich selbst befreien, spuckte den Pfropfen aus, entfernte die Binde von den Augen und betrachtete meinen Arm. Dort befand sich ein blutrotes Mal. Sie hatten meinen Davidstern zum Glühen gebracht und mich damit gebrandmarkt. Ich rief ein Taxi und ließ mich ins Krankenhaus fahren. Dort wurde meine Wunde versorgt und ein Schwangerschaftstest gemacht. Oh, diese Schweine! Ich war doch tatsächlich...

Nach drei Wochen verpflanzten die Ärzte mir ein Stück Haut auf den Arm, und eine Woche später nahmen sie eine Abtreibung vor, denn ich wollte kein Kind von diesen Nazi-Vergewaltigern. Vor Gericht schrie mir Paul ins Gesicht: 'Dir Hündin hätte wir die Augen ausstechen sollen. Warte nur, bis ich aus dem Knast komme, dann kriegst du die Rechnung präsentiert!'

...

Alle drei wurden verurteilt. Sie bekamen fünf bis acht Jahre Freiheitsentzug. Aber Sie wissen gar nicht, wie nett die Richter hier zu Nazis sind. Einer wurde schon wegen guter Führung entlassen. Ich sah ihn auf dem Weihnachtsmarkt. Seine Augen blitzten zornig, und er senkte den Kopf. Paul hat jemanden im Gefängnis erwürgt und sitzt deshalb lebenslänglich. Der Dritte brummt noch ein paar Jahre, aber ich habe Angst, dass..."

Mehr hörte ich nicht. Ich schlief ein wie tot und wachte erst um 11 Uhr am nächsten Vormittag auf. In der Küche fand ich Kaffee in einer Termoskanne und zwei Scheiben Brot mit hartem Ei, Gurken und Salami. Daneben lag ein Zettel, auf dem stand: "Hallo mein Schatz, heute bin ich seit dem Morgen im Theater. Komm, wenn du magst, wir proben das 'Puppenhaus'. Ruf an! Deine Charlotta."

Nach einer Woche gingen wir auseinander, einfach so, nicht einmal im Streit.

Einige Jahre später lernte ich einen Liebhaber meiner Zeichnungen kennen. Er war ein vielbeschäftigter Chirurg am Städtischen Krankenhaus, ein knallharter Kerl mit einem Hang zum Zynismus. Er lud mich in ein indisches Restaurant ein, das gerade neu eröffnet hatte, wo wir uns an gebratenen Küken mit Fladenbrot delektierten. Beim Essen redeten wir über dies und das, und es stellte sich heraus, dass er Charlotta kannte - ungefähr so gut wie ich.

"Wahrscheinlich hat sie Ihnen auch die Geschichte von der Vergewaltigung und der Brandmarkung mit dem Silberstern erzählt", vermutete der Chirurg, der skeptisch ein rosiges Hühnerbein in der Hand herumdrehte.

"Natürlich, und zwar in allen Einzelheiten. Leider habe ich die Hälfte davon verschlafen."

"Da haben Sie fast nichts versäumt. Das sind alles reine Hirngespinste. Niemand hat sie vergewaltigt, niemand hat ihr den Davidstern eingebrannt. Der Fleck ist ganz einfach ein Muttermal. Hier, versuchen Sie diese Kokosbällchen mit Aprikosenmark - sie zergehen einem auf der Zunge."

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