Igor Schestkow "Karls Erkenntnis"

Karls Erkenntnis

 

Viele Häuser in Sonnenberg waren nach der Wende von ihren Bewohnern verlassen worden und standen leer, andere waren mit ihren Besitzern in die Jahre gekommen und verfielen allmählich – und obwohl das Städtchen breitflächig dem Verfall preisgegeben war, liebte Karl sein Sonnenberg, ging stundenlang darin spazieren, philosophierte, betrachtete alles mit höchster Aufmerksamkeit und zeichnete manchmal sogar dekorative, architektonische Details nach. Ihm gefielen die wuchtigen deutschen Fassaden, die mächtigen, rechteckigen Pfeiler, die kleine, dreieckige Ziergiebel stützten, aus denen manchmal ein blindes, allessehendes Auge aus einem Kranz geheimnisvoller Strahlen in die Welt hinausspähte. Karl liebte auch die soliden Balkengesimse und die Jugendstilumrahmung der hohen, oftmals schmucken, grün-orangen Buntglasfenster. Vor den Kellerfenstern prangten reich verzierte Eisengitter mit Teufeln, Schlangen, Flaggen, Rosetten, Hirtengöttern und Kassetten. Schwere, geschnitzte Holztüren verwandelten die Häuser in geschmückte Kommoden und andere Wunderwerke der industriellen Revolution zu Beginn des 20. Jhd.

Vor allem machte ihm die Tatsache zu schaffen, dass sich all diese ehrwürdigen Häuser, der Stolz der Bürgerschaft, in völlig verlottertem Zustand befanden und eine Art Endzeitstimmung verbreiteten. Sie hatten mehr als hundert Jahre eines prallen Lebens voll mit stürmischen Ereignissen hinter sich. Da wäre es schon der Pietät halber längst an der Zeit gewesen, sie abzureißen und durch elegante, lichtdurchflutete Funktionsbauten zu ersetzen, solche mit Balkonen, Gärten im hinteren Bereich und Sonnenkollektoren auf den Dächern, mit Tiefgaragen und Swimming Pools.

Sonnenberg bildete für ihn die monströse Kulisse einer veralteten Lebensform, das angestaubte Dekor eines längst aus der Mode gekommenen Schauspiels. Diese Tatsache beschäftigte ihn und regte seine Phantasie an.

Das lag sicher auch daran, dass ihn selbst vor zwanzig Jahren das Schicksal aus unerfindlichen Gründen als Fremdling in diese Stadt verschlagen hatte und er dort seitdem, ohne zu wissen wieso und warum, ein sinnfreies, gleichsam der Realität enthobenes Leben führte.

Er kam sich wie eine leere Hülle vor, die den eigenen Tod als wandelnder Leichnam überlebt hatte und nicht tot genug war, um friedlich ins Grab zu sinken, und nicht lebendig genug, um sich des Lebens zu freuen, einem Tagwerk nachzugehen, aus vollen Lungen zu atmen und die Stadt mit ihren Bewohnern fröhlich in die Arme zu schließen.

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So betrachtete er denn diese düsteren, fünfstöckigen Gehäuse als Brüder im Unglück, als zerbröckelnde Seelen aus Stein, von der schnöden, halbseidenen Welt der Zukunft an den Rand gespült wie Ausschussware, die ein schieläugiger Linkshänder fabriziert hatte. Untoten gleich, schienen sie wegen irgendeines fatalen Irrtums im Hier und Jetzt übrig geblieben zu sein, ohne der Gnade des Vergessens teilhaftig zu werden und die ihnen vorbestimmte Selbstauflösung vollziehen zu können.

Während die Herbst- und Winterstürme durch Sonnenberg heulten, war es Karl oft, als höre er nicht das Kirschen bröselnder Wände, nicht das Knistern berstenden Gebälks, nicht das Klirren splitternden Glases, sondern das klagende Schluchzen und Stöhnen sterbender Häuserseelen. In ihren schon vor langer Zeit erkalteten Öfen hausten die Mäuse, in den Schornsteinen schlotterten die Kobolde vor Kälte, und in den grausigen Kohlenkellern huschten fette Ratten umher.

Heute war wieder so ein entsetzlich feuchtkalter Tag. Schneidender Nordostwind zog einem mit seiner Eiseskälte bis ins Mark und riss die wirklich allerletzten Blätter von den finsteren Baumgerippen herunter, die aussahen, als wollten sie sich verpuppen.

Zitternd vor Kälte wachte Karl auf, schaute auf die ungemütliche, schäbige Tapete mit dem Vogelmuster, die er schon hundert Mal hätte abreißen und überkleben wollen, konnte sich aber noch nie dazu aufraffen. Er sah aus dem Fenster, um sicher zu sein, dass es bereits tagte. Ein Strom röhrender Autos ergoss sich über die schmuddelige Straße und karrte seine Besitzer zur täglichen Fron. Und wie das in letzter Zeit öfter geschah, konnte er sich weder an seinen Beruf, noch an seinen Namen, noch gar an den der Stadt erinnern, in der er lebte...

Als er sich schließlich doch all dessen bewusst geworden war, fragte er sich kopfschüttelnd, wie er es denn endlose zwölf Jahre hier hatte aushalten können, ohne verrückt zu werden.

Wie üblich beschloss er, seinem Schicksal flink eine entscheidende Wende zum Besseren und Wärmeren zu geben. Nein, nicht in Gestalt einer Frau, denn von denen hörte er in letzter Zeit nichts als Gebettel um Geld und um Mitleid. Nein, auch nicht in Form einer Reise zu den karibischen Inseln, denn beim letzten Ausflug dorthin hatte er sich die Malaria und einen wüsten Dauerdurchfall geholt und hätte es fast nicht geschafft, die Beine aus diesem tropischen Paradies wieder freizubekommen. Nein, diesmal stand ihm der Sinn nach etwas Handfestem und Konkretem, nämlich einem heißen Kaffe und einem ordentlichen Frühstück.

Karl war ganz jipperig nach einem Omelette.

Im Kochbuch stand geschrieben, dass ein Omelette eigentlich nur dann seinen Namen verdient, wenn sich darauf Scheibchen von Emmentaler Käse befinden, auf den man etwas zart geriebenen Geryerzer gestreut hat. Dann, so hieß es im Kochbuch, bekomme das Omelette seinen klassischen, feinherb-würzigen Geschmack, "der sich noch verbessern lässt, wenn Sie zarte Scheiben gekochten Schinkens dazugeben, ein paar jungfräuliche Champignons, etwas Petersilie und eine winzige Spur Koriander."

In Karls Kühlschrank befanden sich seit etwa einer Woche noch Reste von Gryère und Schinken, seit dem Moment nämlich, als er hier für den Inhaber des Hotels, dessen Frau und ausgewählte Gäste eine kleine Party mit Flaschendrehen und Auszieh-Mäxchen veranstaltet hatte. Die Frau des Hoteliers war eine rätselhafte Kreolin aus Miami, die sich an die hiesige, krypto-rassistische Umgebung nicht gewöhnen konnte und deshalb zeitweise in Depressionen verfiel, aus denen man sie irgendwie herausholen musste. Der Hotelier versuchte das, so gut er konnte, mit Hilfe seiner Angestellten, denen er für die Belustigung seiner Kreolin jedesmal nach den reihum stattfindenden "Partys" oder "Picknicks" eine kleine Prämie von 200 Franken zukommen ließ, manchmal auch eine Büchse Champignons und ein Paket Koriander, die sich irgendwo in den Tiefen seines Küchenschranks  unter Bergen von essbarem Krimskrams befanden. Dummerweise war kein Emmentaler dabei.

Natürlich kann man ein Omelette ohne Emmentaler zubereiten. Es geht sogar ohne Gryère und ohne Schinken. Eine Eierspeise lässt sich mit Bauchspeck herstellen, ein Gericht, dass der unvergessliche Billy bei schlechtem Wetter gerne in seinem gemütlichen Gasthaus „Admiral Benbow“ bestellte und es mit reichen Mengen jenes Gesöffs herunterspülte, das man damals als Rum bezeichnete. Er streute nicht einmal Koriander drauf, sondern einfach nur Salz.

Das wäre sicher eine nahrhafte und leckere Speise gewesen, besonders wenn man dabei nicht an Bauchspeck gespart hätte. Gleichzeitig war dieses Gericht aber doch arg schwer und unharmonisch. Karl bedurfte gerade heute in besonderem Maße der Ausgewogenheit und inneren Ruhe - eine Eierspeise mit Bauchspeck wäre jedoch nicht in der Lage gewesen, ihm dieses Gefühl zu vermitteln.

Harmonie und inneres Gleichgewicht brauchte Karl heute nicht nur, weil draußen wieder der Wind heulte, Müllkübel umstieß und die wenigen Fußgänger gleichsam vorwärtspeitschte. Vielmehr lag das auch daran, dass seine innere Zerrissenheit Ausmaße angenommen hatte, die befürchten ließen, sie könnte sich in einen Topf mit Brei verwandeln, der überkocht, seinen Inhalt über die wohlgeordnete Alltagswelt ergießt und sie auf ihrem Weg unter sich begräbt wie Lava an den Steilhängen des Ätna.

Ohne die entzündeten Augen zu öffnen, an deren verklebten Lidern Eiterklümpchen hingen, nahm Karl eine kalte Dusche und bemühte sich, nicht an seinen Traum aus der vergangenen Nacht zu denken. Dann aß er, um sich nicht übergeben zu müssen, eine halbe Banane und das Viertel eines Brötchens von vorgestern, das schon so zäh geworden war wie ein Eheleben nach zehn gemeinsamen Jahren. Dazu trank er Espresso mit einem Viertellöffelchen Zucker und einer Prise rotem Pfeffer, zubereitetet mit seiner noch fast neuen, sündhaft teuren  Espressomaschine, die trotzdem schon zweimal auf Garantie hatte zurückgebracht und repariert werden müssen, was nur unter Geschimpfe und Drohungen zu bewerkstelligen war. Er streifte sich warme Flanellwäsche über und zog die Winterstiefel und die schwarze Wollmütze an. Die hatte ihm seine letzte Dulcinea gestrickt, ihn dann aber nach einem fürchterlichen Krach, nach der Verbrennung gemeinsam erworbener Habseligkeiten, nach Ohrfeigen und einem Polizeieinsatz verlassen. Schließlich warf er sich den langen Ledermantel mit Pelzbesatz um die Schultern, den er in der Türkei auf dem großen Bazar für 300 Dollar bei einem geschwätzigen Armenier erstanden hatte, knöpfte ihn zu und tauchte in den Weiten des Marktplatzes unter.

Der Wind zog ihm die Beine weg. Er rutschte aus und krachte in eine große Pfütze, an deren Rändern sich Eis gebildet hatte.

Darin erblickte er sein Spiegelbild – und erkannte den fremden Herrn nicht, der ihm entgegensah.

Unter­wegs dachte er an Emmentaler und überlegte, was man denn noch anstellen könnte, um den miesepetrigen Chef und seine herrliche Kreolin bei Laune zu halten, die ihn bei der letzten Party mir nichts, dir nichts auf höchst frivole Art geküsst hatte... Es schien ihm, als wäre es kein Fehler, ihr vielleicht doch ein wenig an die Wäsche zu gehen und er dachte darüber nach, wie man das einfädeln könnte. Verschiedene Möglichkeiten kamen ihm in den Sinn. Am besten gefiel ihm schließlich die mit dem Smaragdring, ja genau, mit Smaragd... Außerdem ging ihm durch den Kopf, dass er neue Schnürsenkel für seine beigen Winterstiefel mit den dicken Sohlen kaufen musste, weil die alten schon ziemlich schäbig aussahen und ihm eigenartige Gefühle von Menschenverachtung einflößten, zu denen sich der Wunsch gesellte, ein Siebtel der Erdoberfläche mit Napalm in ein flammendes Inferno zu verwandeln.

Fünf Minuten später war Karl am Ziel.

Er betrachtete den Marktplatz und suchte die Bude des Flickschusters mit den Augen, fand sie aber nicht.

Ihm fiel auf, dass am Rathausturm und seinem zehn Meter hohen Roland blaue Plakate mit orangem Schrägstreifen prangten, von denen einige schon arg vom Wind zerzaust waren. Sie warben die für eine Ausstellung von Horst Müller, der seit dreißig Jahren ausschließlich nackte Weiber mit fetten Bäuchen malte, denen die riesigen Hängetitten um die Knie schlackerten. Diese Damen lieferten einander wüste Schlachten, und Horst Müller machte mit solcherlei Darstellungen nach Aussagen gemeinsamer Freunde, mit denen Karl vor einem halben Jahr um tausend Franken gewettet und verloren hatte, richtig Kohle. Aus unerfindlichen Gründen war das Fotoatelier "Wonnebildchen" gegenüber vom Rathaus geschlossen. Wahrscheinlich hatte es sein Besitzer, ein sozialdemokratischer Trauerkloß mit Namen Chris, finanziell an die Wand gefahren, obwohl er, Karl, ihm schon vor sieben Jahren Vorhaltungen gemacht hatte wegen seiner unzulässigen Großzügigkeit bei der Preisgestaltung,  mit der der gutherzige Chris die chronische Unterbezahlung seiner Angestellten auszugleichen versuchte, wobei er jedoch regelmäßig all seine Einnahmen mit Pferdewetten durchbrachte. Darunter hatte seine Familie zu leiden, die aus Hund, Mutter, Schwiegermutter, Ehefrau und drei Töchtern bestand. Mit einer von ihnen, einem durchgeknallten Emo namens Irma, verband Karl eine Art wechselseitiger platonischer Leidenschaft, die schließlich zu einer Abtreibung führte.

Wenn Karl besonders viel verloren hatte, kam er immer bei Karl längsseits, heulte, lamentierte, bettelte um "fünf kleine Tausender" und erzählte zum hundertsten Mal die Geschichte von dem Reichen, der einem Armen nicht helfen wollte, worauf dieser sich aufhängte, nachdem er Frau und Tochter des Reichen vergewaltigt und umgebracht hatte. Karl mixte ihm einen Martini-Cola, gab ihm einen Hunni und schlug vor, seinem Chef das Fotoatelier zu verkaufen, das diesem schon lange in die Augen stach. Karl knüpfte gerne solche "Überkreuz­kontakte" an, wie er das nannte.

Karl fand die Bude des Schusters nicht, stieß aber zufällig auf einen Käsestand. Er stellte sich als Dritter in die Schlange und zitterte, klapperte mit den Zähnen und seufzte vor Ungeduld, weil die Käse-Verkaufsvorgänge so entsetzlich langsam vonstatten gingen. Beide Kunden vor ihm schwatzten ohne Unterlass mit dem Verkäufer, kosteten verschiedene Sorten und beschrieben des Langen und Breiten ihre Vorzüge und Unzulänglichkeiten.

Schließlich kaufte Karl ohne große Diskussion ein Pfund Emmentaler. Dabei vergaß er sogar zu fragen, ob dieser Käse aus Bayern oder aus der Schweiz stammte.

Danach wechselte er in weltmännischer Manier einige Worte mit dem Verkäufer, denn er konnte es sich nicht verkneifen, den alten Knacker, der hinter ihm stand, ein wenig zu ärgern. Das war ein Dickerle mit Zylinder und hölzernem Gehstock, den er ungeduldig an die Aluminiumwand des Verkaufsstandes schlug.

Er kaufte einige weiße Rosen für sich selbst und erkundigte sich bei einem Juwelier nach dem Preis eines Ringes mit einem kleinen Smaragd, kaufte ihn aber nicht. Nach vorne gebeugt wie ein Schlittschuhläufer hechtete er dem heimischen Herd entgegen, geriet aber schon dreihundert Meter weiter vor der Einbiegung in seine Straße plötzlich in einen äußerst heftigen Angstzustand.

Er blieb stehen und richtete sich auf.

Fast hätte ihm der Wind die Mütze vom Kopf gerissen.

Er schwitzte heftig. Griff sich ans Herz. Riss den Mund auf wie ein Fisch auf dem Trockenen.

Er wollte zum Käsekiosk zurückgehen, überlegte es sich aber anders, zappelte herum und schrie wirres Zeug, was wiederum zwei alte Nonnen in Angst und Schrecken versetzte, die gerade mit ihren weißen Hauben vorbeikamen, verständnislos nach Karl schauten und, sich bekreuzigend, weitergingen.

Karl verweilte einige Minuten am Platze, tat so, als habe er das neue Porschemodell im Schaufenster betrachtet und lief dann weiter.

Das Grauen packte Karl nicht unvermittelt, denn schon in der Nacht hatte er nicht schlafen können und sich gefühlt wie gelähmt. Er hatte ohne Unterlass im Spinnennetz der Welt nach jenen heißersehnten Seiten gesucht, deren Anblick unter Strafe steht. Erst um halb vier war er endlich eingeschlafen, völlig erschöpft und entmutigt.

Schon um halb vier schreckte er wieder hoch.

Was war es denn, was ihn dort an der Straßenkreuzung derartig mitnahm?

Nichts weiter. Da holte ihn nur das Grauen ein, das er zehn Minuten vorher erlebt hatte.

Der Verkäufer war es, der ihn so erschreckt hatte. Ja, der Käseverkäufer.

Und was hatte der so Schreckliches an sich? Er war ein Verkäufer wie tausend andere und trug einen weißen Kittel sowie Gummihandschuhe, die mit irgendeinem Puder bestäubt waren. Um zu vermeiden, dass Haare auf den Käse fielen, hatte er eine weiße Haube auf, an der eine kleine, silberne Taube befestigt und mit blauem Faden seine Initialen aufgestickt waren. Der Mann war von mittlerem Wuchs, blond und hatte die Vierzig wohl knapp überschritten.

Er war höflich und bescheiden, nicht so dumm, breit und wasserdicht wie die Fischverkäuferin gleich nebenan. Deren plattes Geschwätz rief bei Karl nämlich den heißen Wunsch hervor, als Eremit in die Wüste zu gehen, weitab von jedem Meer, jedem Fluss und jeder Insel, so laut krakeelte und salbaderte dieses glotzäugige Fischweib mit seinen violetten Klauen. Ihre Finger waren entzündet von der ständigen Berührung mit den toten Säften ihrer glitschigen Ware. 

Der Käseverkäufer hingegen sprach seeelenvoll und legte, während er redete, sorgfältig Butterröschen auf Käsestücke. Aus Versehen biss er einmal das erste Glied seines Zeigefingers ab und verzehrte es in aller Seelenruhe mit dem darauf befindlichen Stück Handschuh.

Karl schaute zu, begriff aber nicht, was da vor sich ging. Daher wunderte ihn das nicht weiter und er fing auch nicht an zu schreien. Der Verkäufer machte jedoch einen Diener, steppte mit seinen langen Beinen einen Dreier und raunte Karl in vertraulichem Tone zu, Käse sei gut gegen Impotenz und Kopfschmerzen. Goethe und Schiller seien von Emmentaler begeistert gewesen und hätten und ganze, schwere Laibe davon auf ihre weltumspannenden Reisen mitgenommen. Und Hermann Hesse soll nach Emmentaler völlig verrückt gewesen und nach Indien gereist sein, um dort eine Rasse fremder Bienen zu züchten, die ein spezielles Wachs zur Beschichtung von Emmentaler-Leiben produzieren.

Als er von Goethe, Hesse und den Bienen hörte, dachte er bei sich: "Was schwafelt der da für ein Zeug? Was will er bloß von mir?" Er rollte die Augen und schaute den Verkäufer finster an, zwinkerte mit den Lidern und zuckte mit den Lippen in einem Anfall von Lidkrampf, den Doktor Winkel trotz aller Anstrengungen ihm nicht hatte wegtherapieren können. Der Verkäufer aber setzte ein enttäuschtes Lächeln auf, wedelte mit seinen kleinen Händen und sprach: "Kleiner Scherz meinerseits, guter Mann, Spaß muss sein, das verstehen Sie doch. Nur ein Sch-e-r-z."

Der Verkäufer drückte die Augen so schauerlich zu, dass es Karl vorkam, als verwandle sich sein Gesicht in einen kleinen Käselaib, auf den ein pedantischer Oberlehrer unzählige Radien gezeichnet hatte, um die Auswirkung der Erdanziehungskraft auf kleinwüchsige Männer zu verdeutlichen.

Ja, der Käseverkäufer war dem Käse sehr ähnlich. Er blinzelte sogar wie Käse, zwar nicht mit den Wimpern, aber mit den Rändern der rundlichen Löcher in seinen Wangen. Und es erschreckte Karl zutiefst, dass der Verkäufer auf dem Markt dem Käse nicht nur ähnlich sah, sondern tatsächlich aus Käse war. Emmentaler.

Ohne jede Diapher und Epipher.

Karl sah nämlich nicht nur, wie der Verkäufer sein eigenes vorderes Fingerglied verschlang, sondern wie er mit seinem Kittel den Boden umpflügte und ein Teil seines Schenkels abschnitt, als er merkte, dass alle 50 vorbereite­ten Stücke Emmentaler bereits ausverkauft waren. Es widerstrebte ihm ganz offensichtlich, einen neuen Käselaib, der immerhin 60 Kilo wog, mit einem Draht zu zerteilen. Vielleicht wollte er keinen Verwandten zerschneiden, keinen Bruder, keinen Vater, auch keine Geliebte. Deswegen bediente er sich seines eigenen Beines, entnahm ihm einen ordentlichen Brocken vom Knie und hinkte nicht einmal!

Dieses Knie lag nun in Karls Einkaufskorb.

Er trug es nach Hause, um es in Scheibchen zu zerschneiden, im Backrohr zu braten und mit Koriander zu bestreuen. Wie hätte er da nicht mehr als einmal in Angst und Schrecken verfallen sollen, wie hätte er Schweißausbrüche und Herzrasen vermeiden sollen?

 

* * * * * * * *

 

Als er heimkam, stellte er fest, dass die Eingangstür seiner Wohnung aus Karton bestand.

Die Tapeten waren abgefetzt, die Zimmerdecke schwarz.

In der Wohnung waren keine Möbel mehr, kein Kochherd, kein Kühlschrank.

Lediglich in einer Ecke lag ein übler Haufen Schmutzwäsche herum.

Daneben das Foto der nachdenklichen Kreolin.

Das Gebäude schwankte und war kurz davor einzustürzen wie ein Kartenhaus.

In seinem Einkaufskorb - Schlamm und Moder.

Er selbst lief in zerknüllten, zerlumpten Kleider umher.

Seine Beine bluteten, kein Zahn war mehr in seinem Mund.

In seiner Seele hausten nur noch Obsessionen und Schuldgefühle.

Am Abend des nämlichen Tages beobachtete Karl aus dem Fenster heraus den Mond, der im Hintergrund der Szenerie an einem Stück Draht baumelte und stellte fest, dass ein dreieckiges Stück davon heruntergesäbelt worden war.

"Der Mond", so erkannte Karl, "das ist ebenfalls dieser Lümmel, dieser dreimal verfluchte Käseverkäufer in dieser zwielichtigen Stadt... Wo kriege ich bloß neue Schnürsenkel her?"

 

 

(Aus dem Russischen: Klaus Kleinmann)

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