Igor Schestkow "Kakerlaken"

 
 
 
Rita hat angerufen. Wir haben entschieden, in ihre zweite, zurzeit leer stehende Wohnung in Medwedkowo zu fahren. Wir trafen uns in der Metro. Vor lauter Schwatzen bemerkten wir fast nicht, dass wir unsere Station erreicht hatten.
Draußen war der Himmel durchdringend blau. April. Die Luft, noch winterlich frisch, ließ dennoch den Frühling erahnen. Das Leben fing von Neuem an.
Wir gingen die hohen Schachteln der Betonhäuser entlang. Oft wichen wir den tiefen Pfützen aus, balancierten auf instabilen Brettern. Endlich kamen wir an.
Ein schmutziger Hauseingang in dem Plattenbau.
Wir riefen den Fahrstuhl. In diesem Moment kamen vier betrunkene Kerle.
Schwarze zerknitterte Hosen. Zerschlissene Hemden. Zerdrückte dunkle Mäntel. Dem Aussehen nach fünfundzwanzig Jahre alt. Sie stanken nach Alkohol und Schweiß. Ihre Physiognomien waren stumpf und böse. Sie fühlten sich offensichtlich physisch überlegen. Der verflixte Fahrstuhl steckte irgendwo. Es war peinlich.
Die Kerle begannen zu reden.
Erster: „Also, Wowa, was hast du gemacht? Hast du sie gefickt? Scheiße!“ (Er hatte versucht, sich eine Zigarette anzuzünden und sich dabei die Finger verbrannt.)
Zweiter: „Liska? Liska ficken alle. Sie ist eine gefickte Sau!“
Erster: „Sie ist eine Saufotze. Und du bist ein Sauficker!“    
Dritter: „Liska wird in den Arsch gefickt! Und du (in Richtung Rita, aber ohne ihr in die Augen zu schauen), wurdest du auch in den Arsch gefickt?“
Dritter (aggressiv): „Wowa, lass uns jetzt diese dumme Kuh ficken!“
Vierter: „Oh, Sania, siehst du nicht. Sie ist alt und hässlich. Zum Teufel mit ihr. Sie wird von dem Onkel gefickt.“   
Dritter (zu mir): „Du, Onkel! Warum gaffst du so blöd? Ja, wir haben getrunken. Nach der Nachtschicht. Haben die Proletarier nicht das Recht auf Erholung? Wowka, gib mir eine Zigarette!“
Zweiter: „Du, Onkel, gib mir einen Rubel!“
Dritter: „Niemand wird dir, Wowik, einen Rubel geben. Dieser dicke Päderast gibt dir nichts und. Und (schluchzend) ganz Moskau wird dir, Wowik, keinen Rubel geben!“ 
Zweiter: „Sania, erinnerst du dich, wie der Einäugige im Depot prahlte? Er sagte, er würde einen roten „Wolga“ kaufen. Senka schulde ihm Geld. Eine Million!“ 
Vierter: „Bla-bla! Senka hat keine Million. Er schuldet mir zehn Rubel. Schon seit einem Monat schuldet dieser Lump mir Geld. Und du sagst – ein roter „Wolga“!“  
...
Endlich kam der Fahrstuhl. Ich nahm Rita am Arm und ging mit ihr nach draußen. Die Betrunkenen beachteten uns nicht weiter, sie fuhren mit dem Fahrstuhl nach oben. 
Nach einer Weile sind wir in den fünften Stock gefahren.
In der Wohnung war es sonnig, aber kalt. Auf einem lange nicht geputzten Fußboden liefen schwarze Kakerlaken herum. Auch in der Wanne saßen welche. Wir mussten sie wegspülen.
Die Kakerlaken versuchten verzweifelt, sich mit den Füßen an den senkrechten glatten Wannenwänden festzuhalten, um dem Wasser zu entkommen.
Erst duschte Rita, danach ich. Es gab kein heißes Wasser und das kalte war eisig. Sich zu waschen fiel schwer. Die Seife wollte nicht schäumen. Aber nach so einer kalten Dusche brannte der Körper und freute sich.
Wir lagen nackt auf dem alten Sofa. Rita schaute mich zärtlich an.
Ich fragte sie: „Was denkst du, sind alle Kakerlaken ertrunken?“
 
 
 

Zurück