Igor Schestkow "Juni"

 
 
  
Schön ist es in Moskau im Juni.
Besonders, wenn du fünfzehn Jahre alt bist und draußen sitzt. Du isst Kuchen und schwatzt mit deinem engsten Freund. Leckeren Kuchen konnte man Anfang der siebziger Jahre im Erdgeschoss des Restaurants „Kristall“ auf dem Leninski Prospekt kaufen. Dort, wo später das „Havanna“ war. Und jetzt befinden sich in dem Gebäude das Kasino, eine Sauna und der Puff „Gladiator“. In ihm kann man laut Werbung „in die Atmosphäre des Mittelalters eintauchen“.
Ja, lecker und preiswert waren die Kuchen. Ich wählte ein Eclair und einen Mandelkuchen, beides für sechsundzwanzig Kopeken. Und Witka Rubin saß vor zwei prachtvollen Stücken Prager Torte. Witka ist klein und dick, er mag Schokolade. Und ich bevorzuge ein Eclair. Der Teig ist leicht, die Creme süß und fettig. Du beißt hinein und das Wasser läuft dir im Mund zusammen. Man will gleich noch mal reinbeißen. Und dann kaust du anstelle eines zweiten Eclairs einen weichen Mandelkreis. Er zergeht auf der Zunge.
Acht Schuljahre liegen jetzt hinter uns. Klasse! Es riecht angenehm nach Großstadt. Dieser Geruch narkotisiert uns. Das Laub flammt in der Junisonne. Das Fensterglas blendet uns mit seinen Reflexionen. Das ist kein Prospekt, sondern der Weg in die lichte Zukunft, wie es auf Plakaten beschrieben wird. Der Asphalt zerfließt von der Hitze wie Lava, die Luft über ihm flimmert, Trugbilder zeigen sich.
Das Meer ist sichtbar. Die Schiffchen schwimmen. Mein Kopf ist voll von Dummheiten. Die Ferien sind angebrochen. Ein großes Stück strahlender Leere. Man darf relaxen, nichts tun, einfach leben. Und von der Liebe träumen. Nicht nur träumen, vielleicht auch das Fruchtfleisch berühren. Oder sogar mit dem Finger dorthin. Wahrscheinlich ist es süß, süßer als das Eclair, als die Prager Torte.
Dreiunddreißig lustige Bengel fangen Mädchen. Schön wie Engel. Beim Springbrunnen. Beim Springbrunnen. Das lustige Spiel. Ganz und gar ohne  Stil…
 So saßen wir glückselig auf dem von Sonnenschein überfluteten Leninski Prospekt und aßen Kuchen. Ahnungslos wie in einem süßen Traum. Witkas Lippen sind mit Schokoladencreme beschmiert. Seine weißrosa Finger mit den kleinen Nägeln arbeiten wie Tentakel. Akkurat und leicht. Und ich bemühe mich meine stummelartigen Finger nicht zu zeigen. Ich geniere mich. Ich fragte Witka: „Wohin führt dich die Reise?“
„Aufs Land, und später nach Sudak, auf die Krim. Und du?“
„Nach Fersanowka, bei Moskau. Ich habe es so satt. Aber kann man Eltern irgendwas erklären? Sag, hängen dort in Sudak viele Mädchen am Strand herum?“
„Natürlich, viele. Dort gibt es auch noch die genuesische Festung, die Höhlen, das Kloster und die Schönheiten am Strand, die schieben ihre Beine auseinander, und man kann die Schamhaare sehen!“
„Versuch nicht ihnen zwischen die Beine zu greifen – sie werden dir so eine pfeffern, dass dich deine Mutter nicht wiedererkennt.“
„Hör zu, ich erzähle dir etwas. Also, ich war gestern bei einem Bekannten. Wir saßen beim Tee. Stell dir vor, plötzlich hopst sein Töchterchen, zirka sechs Jahre alt, herein, läuft zum Vater hin und knöpft ihm wie selbstverständlich seinen Hosenschlitz auf. Der Vater sitzt ruhig da und liest seine „Literarische Zeitung“. Sie zieht sein Glied aus der Hose wie Majakowski seinen rotledernen Ausweis und beginnt es zu liebkosen. So ein großer Eskimo! Prima. Sie hat beim Vater eine Weile gesaugt und ist dann gegangen. Zum Schlafen.“
„Wer ist dein Bekannter? Makarenko?“
„Ein Schriftsteller. Er schreibt populäre historische Romane. Er sagt, dass vor zehntausend Jahren alle so frei lebten.“
„Die Schriftsteller wissen alles. Sag ehrlich, hast du dir das jetzt ausgedacht? Oder schon gestern, beim Wichsen?“
Blöde Witze waren üblich bei uns. Witka hat mich häufig verarscht. Und ich blieb ihm nichts schuldig.
„Reine Wahrheit, sie saugte wie das Bezirks-Pumpenhaus!“, beharrte Rubin, in sein Gesicht war das geheimnisvolle Lächeln von La Gioconda eingezogen.
„Witka, hast du schon eine Fotze gesehen?“
„Einmal. Als ich noch jung war. Bei meiner Mutter. Haarig, mit rosa Lippen. Die Mutter hat geschlafen, mit geöffneten Beinen. Ich bin erschrocken und habe sie zugedeckt. Aber danach habe ich die Decke noch einmal hoch gehoben. Seitdem hab ich so etwas nicht mehr gesehen. Nur bei den kleinen Mädchen am Strand – ihre Muschis. Der Schriftsteller hat auch noch behauptet, dass früher Mütter mit ihren Söhnen geschlafen haben. Das ist vielleicht was. Den Vater sehe ich häufig nackt. Es ist widerlich. Er ruft mich ins Bad, um seinen Rücken einzuseifen. Er hat überall Sommersprossen oder Muttermale, was weiß ich. Abstoßend! Und der Schwanz. Dunkel, alt, faltig, wie ein Pilz. Du, Ton-Ton, steht er bei dir. Einfach so?“
„Ich krieg auf alles Mögliche einen Ständer. Auf den Bus, auf die Metrobrücke. Auf Sonne und Mond. Und auf das Lenin-Denkmal. Und wenn ich verliebt bin, pennt er. Vor drei Monaten verknallte ich mich in eine Schwarzäugige. In welche, sage ich nicht, sonst erfahren es alle. Ich wollte sie küssen, sie erlaubte es aber nicht. Also umarmten wir uns. Mein Herz brannte, und der Schwanz schlief. Mir schien, dass ich selber ein Schwanz bin. Ein Glied in Flammen.“
„Du hättest darüber in deinem Aufsatz geschrieben. Was werde ich. Ich werde ein flammendes Glied. Mitglied. Ein Politbüromitglied. Worüber hast du geschrieben? Über Radistschew? Oder über Koschewoj?“
„Über Koschewoj. Ein Drittel von der „Reise von Petersburg nach Moskau“ habe ich nicht gepackt. Unlesbar! Die Sprache ist uralt. Eine andere Sache ist „Die Junge Garde“. Die Gestapo-Menschen ziehen Uljana Gromowa aus und foltern sie. Und sie singt die „Internationale“. Toll! Weißt du, was mir passiert ist, als ich mit sechs Jahren auf der Krim war? Mich hat ein sexueller Straftäter entführt. Fast entführt. In Simferopol. Auf dem Bahnhofsplatz. Meine Großmutter und ich wohnten in Alupka. Auf dem Rückweg, von Jalta nach Simferopol, erschreckte der Taxifahrer seine Passagiere, er wusste, dass eine Bande von Sexualtätern auf der Krim herumlungert. Sie entführen Kinder. Sie vergewaltigen sie und verbrennen sie im Wald. Lebendig! Fünf verbrannte Kinderleichen seien angeblich gefunden worden. In den Bergen, unweit der alten Jaltastraße. Wir stiegen am Bahnhof in Simferopol aus. Die Großmutter lief zur Toilette. Ich sollte auf das Gepäck aufpassen. Vor der Frauentoilette – eine Schlange. Das konnte lange dauern. Also spiele ich auf dem Bahnhofsplatz.
Da kommt ein Onkel zu mir und fragt: Willst du frische Erdbeeren? Und er reicht mir die offene Zeitungstüte mit Erdbeeren. Meine innere Stimme flüsterte – nimm sie nicht! Aber ich habe sie genommen. Eine Beere. Dann noch eine. Ich esse, und der Onkel schaut mich an. Ruhig und wollüstig. Dann steigert er sich: Ich habe auch noch Süßkirschen. Einen ganzen Eimer voll. Im Auto. Er deutet auf einen alten „Moskwitsch“. Wir werden dorthin gehen, du wirst mein Auto kennenlernen und Kirschen essen. Da flüsterte wieder die innere Stimme – geh nicht! Ich habe nicht auf sie gehört. Und bin mitgegangen. Ließ unsere zwei Koffer auf dem Platz zurück. Wir kamen zum Wagen. Der Onkel hat die Tür geöffnet. Auf dem Rücksitz steht der versprochene Eimer. Aber im Eimer sind nicht Süßkirschen, sondern drei blutverschmierte menschliche Hände, mit den Fingern nach oben, wie Hühnerpfoten. Und ihre Nägel sind blau, lang und gebogen wie Korkenzieher. Daneben liegt eine rostige Säge. Und der Onkel hat mich mit seinen eisernen Prothesen gepackt und gebrüllt: Gib mir meine Hände zurück!“
„Und im anderen Eimer waren Beine und Füße. Die Nägel – wie Säbel. Und daneben eine Kreissäge! Bitte, spinn weiter, interessant!“
„Alles war so, wie ich es erzählt habe. Nur waren im Eimer wirklich süße Kirschen. Ich habe sie mir schmecken lassen. Und der Onkel drängte weiter: Wir fahren jetzt zu mir nach Hause, dort im Hof steht ein Maulbeerbaum, süß wie Zucker sind seine Früchte! Und abends gehen wir ins Theater. „Der blaue Vogel“ wird aufgeführt. Ich habe zwei Karten. Und er streckt mir demonstrativ Tickets entgegen. So lenkt er meine Aufmerksamkeit ab und zieht mich mit der anderen Hand in den Wagen. Glotzt mich mit Rattenaugen an. Und keucht. Als ich schon im Wagen saß, wirbelt meine Großmutter herbei. Sie fasste meine Hand und zerrte mich aus dem Auto. Ruft die Miliz, schrie sie entsetzt, ruft die Miliz! Die Passanten glotzten uns stumpfsinnig an. Der Onkel hat mit seinem „Moskwitsch“ sehr schnell das Weite gesucht.“
„Bei uns auf der Datsche brachte unser Kater jeden Tag fünf tote blaue Vögel. Er dachte gewiss, er macht damit etwas Gutes. Meine Mutter bestrafte ihn mit einem Hieb einer gerollten Zeitung, aber er tötete weiter. Was hätte dieser Onkel mit dir gemacht? In den Keller gesperrt?“
„Ich weiß es nicht. Ich wollte so gerne zu den Maulbeeren.“
„Du, Ton-Ton, kennst du das große Haus am Universitätski Prospekt? Ziegelstein. Das mit den Türmen. Wir haben früher dort gelebt. Also, am großen halbrunden Fenster auf dem Treppenabsatz zwischen erstem und zweitem Stock unseres Hauseinganges versammelten sich die Kinder, um gruslige Geschichten zu erzählen und einander zu erschrecken. Maschka Fedotowa beglückte uns mit der Geschichte über die tote Mutter. Hör zu. Von einem Mädchen starb die Mutter. Sie wurde in einem Sarg auf dem Friedhof begraben. Das Mädchen lag allein zu Hause im Bett, sie wollte einschlafen. Plötzlich schaltet sich das Radio von allein an und verkündet: „Die Mutter steigt aus dem Sarg.“ Das Mädchen dachte, sie habe falsch verstanden und ist eingeschlafen. Nach einigen Minuten spricht das Radio: „Die Mutter geht nach Hause.“ Das Mädchen erwachte, dachte erneut, dass sie sich verhört habe. Wieder schlief sie ein. Nach zehn Minuten tönt es aus dem Radio: „Die Mutter kommt zum Haus.“ Das Mädchen war jetzt hellwach und konnte nicht mehr schlafen. Nach fünf Minuten berichtet das Radio: „Die Mutter geht durch den Hauseingang.“ Das Mädchen weint vor Angst. Das Radio spricht: „Die Mutter kommt durch die Tür.“ Dem Mädchen klappern die Zähne. Das Radio: „Die Mutter ist in der Wohnung.“ Das Mädchen schließt die Augen, versteinert vor Schreck. Das Radio meldet wahrheitsgemäß: „Deine Mutter steht vor dir.“ Dann spricht die tote Mutter: „Mir ist kalt, ich bin hungrig, ich bin gekommen, um dich zu holen, wir gehen auf den Friedhof und legen uns in mein Grab. In meinem Sarg wirst du mich erwärmen. Ich werde von deinem zarten Fleisch essen. An deinen weißen Knochen nagen.“ Vor kurzem habe ich erfahren, dass Maschkas Mutter tatsächlich gestorben ist. Und Maschka ist seit der Beerdigung spurlos verschwunden.“
„Und der Vater?“
„Weiß ich nicht, es kann sein, dass er schon früher die Familie verlassen hat. Übrigens, über einen Vater erzählte uns der dicke Waska. Einem Jungen ist der Vater gestorben. Er hatte schwarze Nägel. Er wurde begraben. Am nächsten Tag ist der Junge auf den Basar gegangen, um Essen zu kaufen. Er sieht, wie ein Weib dort Fleischtaschen anbietet. Der Junge kauft eine und fängt an zu essen. Er verschluckt sich, hustet und spuckt einen Teil eines menschlichen Fingers aus. Eine Fingerkuppe mit schwarzem Nagel. Der Junge erkennt den Finger, rennt zu Schelochols (so nannte er Sherlock Holmes). Schelochols hin zum Markt. Fand das Weib mit den Fleischtaschen, kaufte auch eine, zerbrach sie, findet dort ein Auge. Das Auge glotzt Schelochols an. Eine Stimme spricht: „Geh in den Keller, dort liegt das Fleisch.“
Schelochols konnte den Keller nicht betreten, die Tür war verschlossen. Er versteckte sich und wartete. Das Weib kam vom Basar, öffnete das Schloss, ging in den Keller. Er hinterher. Schelochols sieht – der Keller ist bis zur Decke mit Menschenfingern gefüllt. Schelochols betritt einen anderen Kellerraum. Randvoll mit Augen. Alle schauen Schelochols an. Eine Stimme spricht: „Geh zum Friedhof! Dort gräbt das Weib die Verstorbenen aus und macht aus ihnen Gebäck.“
„Also, und Waskas Vater ist auch gestorben?“
„Nein, ich weiß nicht, aber man sagt, dass die Fleischkuchen, die man beim Kaufhaus „Moskau“ verkauft, auch...“
„Flunkerei!“
„Hast du beim blauen Vogel und bei den Süßkirschen nicht auch geflunkert?“
„Und du, bei Makarenko? Das Mädchen mit sechs...“
„Weißt du, dass ich fast von einem Einbrecher erdrosselt wurde?“
„Bei dir ist alles – fast, du bist ein Fast-Mensch!“
Wir haben uns noch eine Stunde so genarrt und gefoppt. Dann trennten wir uns. Witka ist mit dem Bus weggefahren. Und ich flanierte noch auf dem Leninski Prospekt.
 
Kurios, gerade als wir noch blödelten, unterschrieb ein gewisser Genosse Rjabow in einem gewissen Chefbüro ein Papierchen. Unterschrieb und stempelte es. Er hat es nicht getan, weil er ein menschenfreundlicher Genosse war, ganz im Gegenteil. Er war bekannt für seine Standhaftigkeit im Kampf gegen die Feinde des sozialistischen Vaterlandes. Nein, er hat unterschrieben, weil er dafür ein Schmiergeld von Witkas Vater, dem ehemaligen Hauptökonomen im Ministerium, bekommen hat. Und dieses Papierchen war schon am nächsten Tag im Briefkasten der Familie Rubin im sechzehnten Stock des Wohnhochhauses auf dem Leninski Prospekt. Eine wunderbare Wohnung mit Aussicht auf Wald und See. Und eben dieses zauberhafte Papierchen hat Witkas Leben radikal verändert. Weder die Datsche noch das schöne Sudak hat er je wieder gesehen. Weil ihn schon nach drei Wochen ein weißer Aluminiumvogel für immer aus der UdSSR ausflog. Über Berge und Meere.
Im neuen Land hat es Witka sehr gefallen. Dort war es immer warm oder heiß, im Radio wurde Rock and Roll gesendet und nicht Ljudmila Sykina, und die Mädchen waren nicht zimperlich. Sie alle hatten schwarze oder rote Löckchen und braune oder grüne Augen. Er beendete dort die Schule und wurde vor der Uni in die Armee einberufen. Unweit der Wüste wurde er von unbekannten, dunklen Menschen getötet. Sein Tod hat sie vermutlich sehr erfreut. Denn sein Körper wurde von ihnen den ganzen Tag auf den Straßen an einem Strick geschleift. Und die kleinen Mädchen traten ihn mit Füßen...
 
Und mir passierte folgendes.
Einmal bummelte ich auf dem Leninski Prospekt in Richtung Kaufhaus „Syntetika“. Ich wollte den Prospekt überqueren, musste aber auf dem Übergang warten. Der Regierungsautokorso flitzte vom Flughafen Wnukowo ins Moskauer Zentrum. Zuerst zischten die neuen „Wolgas“ vorbei. Mit den vielfarbigen Signal-Blinkern. Sie betäubten die Passanten mit ihrem Sirenengeheul. Damals tauchten diese Autos in Moskau auf. Man hatte gehofft und erwartet – der „Wolga“ wird wie der „Cadillac“. 
Nach den „Wolgas“ rasten die „SILs 114“ vorbei.
Das Volk nannte diese prachtvolle Limousine „Sack mit Mist“. Breschnew wahrscheinlich. Noch ein „SIL“. Und noch zwanzig. Alle Passanten standen eingeschüchtert an der Straße. So einer fährt dich tot und merkt es nicht einmal. Die Geschwindigkeit – bei zweihundert. Und eine Masse wie beim Panzer
Nach den „SILs“ brausten die „Tschaikas“ vorbei. Dreißig mächtige Autos. Wrr-wrr-wrr.
Also, sind die Oberen schon vorbei. Jetzt kann man hinüberlaufen. Ich bin losgespurtet. Habe den letzten „Tschaika“ nicht bemerkt. Er flog von oben, wie aus den Wolken.
Die letzte, zurückgebliebene, weiße Möwe. Ich habe den Schrei der Passanten nicht gehört: Stop! Wohin? Da kommt noch einer! 
Auch den Schlag von der gerippten Tschaika-Schnauze spürte ich nicht. Ich bemerkte nicht, dass ich fliege, dass ich noch in der Luft gestorben bin.
Ich sah nicht, wie der „Tschaika“ anhielt, wie aus ihm der verwirrte Fahrer ausgestiegen ist. Ich konnte den Frauen nicht helfen, die den Fahrer mit ihren Taschen an den Kopf schlugen. Ich sah nicht die Kefir-Flasche mit der grasgrünen Kappe, die neben mir auf dem Asphalt lag. Ich konnte nicht sehen, wie das Volk von den Menschen in grauen Anzügen vertrieben wurde. Wie sie meinen Körper packten und abtransportierten.
Beerdigt wurde ich auf dem Wostrjakowski Friedhof. Dort, wo die Körper nicht verwesen, sondern sich mit einer Art Seife überziehen und jahrzehntelang unter der Erde liegen wie grausige Plastikpuppen im Leichenschaum. Weder Würmer noch Bakterien fressen sie.
Meine Verwandten weinten auf der Beerdigung, besonders stark hatte es meine Mutter erwischt, meine Mitschüler spielten Fangen. Andrjucha Schapowal verfolgte Natascha Marez, die schwarzäugige. Und sie flirtete mit dem Schönling Newerow.  
Mein Tod hat in dieser Welt nichts verändert. Beim Kwass-Fass steht immer eine lange Schlange. In der Panferow-Straße tobt häufig der Wind. Die Erde ist von der Umlaufbahn nicht abgewichen, sie bewegt sich wie immer nach dem Keplerschen Gesetz.
Und ich habe mich in einen Schmetterling verwandelt. Nicht in einen „Admiral“ oder in ein „Pfauenauge“, aber auch nicht schlecht. Mit schwarzen Tröpfchen auf den Spitzen der Flügel. Zuerst zog es mich zu Blümchen, um ihren Nektar zu genießen. Ich schlug Purzelbäume in der Luft, war unartig. Vögel mied ich, obwohl mir erklärt worden war, dass ich nichts mehr zu befürchten hätte. Ich suchte meine Vorfahren, habe aber niemanden gefunden.
Als ob mir jemand einen fliederfarbenen Filter vor die Augen geschoben hätte. Ich sah Häuser, Leitungen, Busse, Straßenbahnen, Fußwege. Aber anstelle der Menschen erschien mir etwas Unklares, Schattenähnliches. Gesichter wie Teller.
Bis zum Herbst flog ich durch Wälder und Felder. Ich war erschöpft. Mit dem Todeswind hat es mich nach oben in die Wolken gezogen. Die Flügelchen wurden von mir abgerissen. Mein Körper verwandelte sich in eine Silbertaube. Und schon flog ich nicht mehr, sondern drang ähnlich einer Schraube in den leeren Raum ein.
Der Mond hat mich zu sich gezogen.
Ich aß mich dort mit Staub und Sand satt und verbarg mich in der Spalte zwischen grauen Felsen.
 
 

Zurück