Igor Schestkow "Jasmin"

JASMIN

 

Anneliese ist ganz verrückt nach Jasmin.

Der Juni ist ihre liebste Jahreszeit, weil es warm ist und der Jasmin blüht. Auf dem Weg zur Arbeit bleibt Anneliese gerne unter einem riesigen Jasminstrauch stehen, der in der Nähe ihres Hauses wächst, und betrachtet die Zweige und die weißen Blüten. Sie schnuppert daran und genießt den betörenden Duft, wobei sie vor tiefem Wohlbehagen die Augen schließt. Ihr schmales, spitzes Näschen, das mit dichten Sommersprossen (oder sind es Altersflecken?) übersät ist, zittert unwillkürlich.

Anneliese riecht selber nach Jasmin, weil sie immer Jasminöl ins Badewasser gibt, sich mit Jasminseife wäscht und ihren Körper mit Jasmincreme einreibt. Außerdem verwendet sie Parfüm mit Jasminduft.

Sie kauft sogar ausschließlich Zahnpasta mit Jasminextrakt.

Ich selbst kann Jasmin nicht ausstehen. Davon bekomme ich Kopfschmerzen. Und den Juni im sächsischen Kirlitz mag ich erst recht nicht, weil da der Jasmin blüht, den sie hier überall bis zum kalten Erbrechen angepflanzt haben. Das schwere Odeur kann sensible Leute ins Grab bringen. Und wie alle Emigranten bin ich nun einmal ein sensibler Mensch. Außerdem bin ich allergisch gegen alles und jedes, sogar gegen mich selbst. Auch gegen Kirlitz. Erst recht gegen Jasmin.

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Anneliese wohnt im Zentrum von Kirlitz in einem dreistöckigen Haus mit Balkon, Erkerchen und Türmchen. Es wurde noch vor dem ersten Weltkrieg erbaut. Die Zimmer sind geräumig, die Decken hoch und in der Ecke steht ein stattlicher Kachelofen, der vom Korridor aus mit Kohle beheizt wird und mit seinen beiden mächtigen Flanken bis ins Wohnzimmer und ins Kinderzimmer reicht. Auf den grünlichen Kacheln ist Roland abgebildet, der in der hoch erhobenen rechten Hand ein Schwert und in der linken einen Schild trägt. Darauf ist ein dreiköpfiger Adler zu sehen.

Im langen, schmalen Schlafzimmer, das durch seine Form an einen Sarg erinnert, gibt es keine Heizung.

Anneliese arbeitet mit mir gemeinsam in der städtischen Galerie für zeitgenössische Kunst namens "Blaue Lampe".

Erstaunlicherweise nahm das Haus keinen Schaden, als Kirlitz im März 1945 bombardiert wurde. Mit vereinten Kräften legten die Luftstreitkräfte der Antihitlerkoalition das ohnehin schon besiegte Deutschland damals systematisch in Schutt und Asche, damit es bloß nicht so schnell wieder auf die Beine käme, um neues Unheil anzurichten. Den englischen Piloten erzählte man zum Beispiel vor dem Abflug zur Zerstörung Dresdens hinter vorgehaltener Hand, dort befände sich nach Auskunft des Geheimdienstes der deutsche Generalstab mit Hitler höchstpersönlich. Warum man die Wohnviertel in ein flammendes Inferno verwandeln musste, wo nur alte Leute, Frauen, Kinder und Invaliden lebten, erklärte man den Piloten nicht. Aber die fragten offenbar gar nicht nach. Ganz gleich für welches Land sie kämpfen: Alle Soldaten stehen gerne für einen Massenmord zur Verfügung, solange man sie nicht bestraft.

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Fast alle Häuser in der Nachbarschaft waren den Bomben zum Opfer gefallen und wurden nie wieder aufgebaut. An ihre Stelle traten triste, mausgraue Bauwerke mit zwei Etagen, zusammengekleistert aus Müll, Schutt und Katzendreck . Darin befanden sich winzige Wohnungen mit viel zu kleinen Fenstern. Diese armseligen Kästen standen bis zur deutschen Wiedervereinigung. Aber erstaunlicherweise wollten viele Bewohner diese jämmerlichen Behausungen nicht verlassen, als der Stadtrat endlich beschloss, sie abzureißen und an ihrer Stelle moderne, helle Einfamilienhäuser für ältere Mitbürger hinzustellen. Allerdings sollte der Quadratmeterpreis um das Vierfache steigen.

Ältere Deutsche berichten nicht gerne über ihre Heldentaten an der Ostfront. Sie schweigen lieber oder behaupten, sich an Kampfhandlungen nicht beteiligt zu haben. Sie seien Funker, Pferdeführer, Köche oder Chauffeure gewesen. Nur ein alter Schauspieler, der ehemalige Direktor des Kirlitzer Stadttheaters, ein bemerkenswerter Kenner des Oeuvres von Bulgakow, schaute mich mit schwerem Blick an und bekannte: "Ja, ich war bei der Panzertruppe der SS. Jeden Tag habe ich eure Leute umgebracht, so viel ich nur konnte. Ich habe in der Schlacht am Kursker Bogen mitgekämpft. Das war das Allerschrecklichste, was ich jemals erlebt habe. Mein Panzer wurde in Brand geschossen, aber ich konnte mich retten. Alle anderen kamen um. Nahezu unsere gesamte Division wurde vernichtet. Das Kriegsende habe ich in Frankreich überlebt. Danach bin ich zu Fuß nach Hause marschiert, nach Kirlitz, das schon unter sowjetischer Verwaltung stand. Ich wurde in die Villa Morgenstern  zitiert, wo die Kommandantur untergebracht war. Der Kommandant saß an einem alten Tisch unter dem grässlichen Bild Stalins, das über ein vorher dort befindliches Goethe-Portrait geschmiert worden war.

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Er hatte schwer einen in der Krone und wollte wissen, wo ich gedient hatte. Ich erzählte es ihm. Er hörte aufmerksam zu, dann sagte er: 'Fritz, siehst du die Birke da draußen auf dem Hof? Da hängt ein Strick dran. Wir bringen wir dich jetzt dorthin und hängen dich auf. Das ist nämlich genau das, was du und alle deine Volksgenossen verdienen.' Ich sagte ihm, das sei seine Entscheidung. Er lachte und meinte, es habe mit dem Aufhängen vielleicht noch etwas Zeit, wenn ich bereit und in der Lage wäre, zur Ankunft des Hohen Oberkommandos in zwei Wochen Goethes Faust am städtischen Theater zur Aufführung zu bringen und selber den Mephisto zu geben. Er erklärte, auch andere Schauspieler habe er schon mit der Verurteilung zum Tod an der Birke eingeschüchtert und gefügig gemacht. Nach einem halben Jahr wurde ich von der Bühne herab verhaftet und in den Kaukasus verfrachtet, um am Ufer des Flusses Riza eine Straße zu bauen. Ich gelangte dorthin und wurde von Einheimischen gerettet, die mir Früchte und Wein brachten. Nach vier Jahren ließ man mich frei. Ich verstehe die Russen ja und kann ihnen keine Schuld geben, aber mich selber halte ich auch nicht für schuldig. Was hätte ich denn tun sollen? Ich war zum Nazi erzogen worden."

Eine der vielen unangenehmen Überraschungen, die mich auf dem Gebiet der ehemaligen DDR erwarteten, war für mich, der ich mein bisheriges Leben in einer Wohnung mit Zentralheizung verbracht hatte, ein unförmiger Kohleofen wie bei Anneliese. Schon seine bloße Anwesenheit störte mich, genauso wie die Notwendigkeit, ihn zu beheizen. Als äußerst unangenehm empfand ich auch die Tatsache, dass es in meiner Wohnung kein Bad und keine Toilette ab. Letztere befand sich im Treppenhaus auf einem Zwischenstock. Es bedeutete jedesmal eine schweren Prüfung, barfuß und im Schlafanzug dorthin zu tapern, denn das Treppenhaus war nicht beheizt und die steinernen Stufen eisig kalt. Das stieß mir besonders sauer auf, wenn gleichzeitig Helmut, Ex-Taxifahrer, und Brigitta, seine Quietschnudel, in beschwipstem Zustand die Treppe hocheierten, um in ihr Liebesnest zu verschwinden, das sich genau über meiner Wohnung befand. Die beiden veranstalteten nächtlicherweile waschechte Orgien mit Hexentänzen, zu denen sie alle ortsansässigen Schnapsnasen einluden. Da war der Bär los: Es wurde gegröhlt, mit den Füßen gestampft und gebrüllt, ganz egal, ob die Polizei kam, per Telefon alarmiert von den sauertöpfischen Eheleuten Siegle oder von Siegfried, dem senilen Opa, einem ehemaligen Parteisekretär der hiesigen Maschinenbaufabrik.

An warmen Sommertagen verfügten sich Helmut und Brigitta auf den Balkon, der zum Innenhof hinausging. Dort drehten sie das Radio auf volle Lautstärke und genossen populäres deutsches Liedgut im Marschrhythmus. Es war mir schlechterdings unerträglich, dieses abgrundtief stumpfsinnige Gewummer anzuhören, das mir durch Mark und Pfennig ging und durch seine bloße Existenz die unfassbare Geschmacklosigkeit deutscher Kultur zu beweisen schien, über die ein Klassiker schon im 19 Jahrhundert zu klagen wusste. Hätte ich bloß ein Gewehr besessen, Helmut und Brigitta wären mit je einem sauberen Loch in der Schwarte gen Himmel entschwebt. Aber ich besaß keines, daher musste ich mich zähneknirschend in Geduld fassen oder mit dem Fahrrad eine Runde durch den Zeizigwald drehen, um dort Brombeeren zu sammeln. Letzteres tat ich allerdings nur, solange noch kein Schild am Parkeingang dringend vom Verzehr der Waldbeeren abriet, weil sie mit den Eiern des Fuchsbandwurms kontaminiert sein könnten.

Schlimmer als deutsche Schlagermusik der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts war nur übrigens noch, was damals aus sowjetischen Lautsprechern dudelte.

 

In meiner Küche befand sich neben dem kleinen Handwaschapparat mit üppigen Porzellangriffen eine Duschecke. Da konnte man sich der Körperreinigung unterziehen, wobei man in der rechteckigen Plastikwanne mit eingelassenem runden Ausguss stand. An den Wänden dieser Duschkabine machte sich eine widerliche Schimmelschicht breit. Immer wieder kratzte ich sie ab, worunter auch ein Teil des Putzes zu leiden hatte, sprühte sie mit einem Anti-Schimmel-Produkt ein und erneuerte Putz und Anstrich, so gut es eben gehen wollte. Aber das war völlig für die Katz, denn schon nach einem Monat blühte dort der Schimmel aufs Neue. Eines Tages duschte ich mich gerade, pfiff dazu wie eine Nachtigall und dachte an nichts Böses, als plötzlich die Duschkabine bedenklich zu schwanken anfing. "Ein Erdbeben!", dachte ich und glitschte eilig aus der Kabine hinaus. Wenige Sekunden später neigte sich die halb mit Wasser gefüllte Wanne adrett zur Seite (ihren Ausguss hatte ich mit einem Marmeladendeckel aus Plastik verstopft) und rauschte im Zeitlupentempo hinab in die Küche von Siegfried, dem unter mir lebenden Tattergreis aus der Maschinenfabrik. Meine  Geistesgegenwart hatte mir das Leben gerettet! Ich glaubte mich in einen Horrorfilm versetzt. Eigentlich hätte das sogar schon vor geraumer Zeit passieren müssen, denn die Zwischendecken unseres Hauses strotzten nur so von Nässe, die beständig aus der Duschwanne sickerte und die Holzbalken darunter vermodern ließ. Noch Monate danach beehrten mich Handwerker, die den Schaden reparierten und die Freundlichkeit besaßen, mir 10 Mark nebst einem Pullover zu stibitzen. Den Pullover brachten sie zurück, das Geld aber blieb verschwunden.

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Der Tag begann mit einem obligatorischen Besuch im Kohlenkeller, denn es galt, den Ofen zu befeuern. Im Keller befielen mich klaustrophobe Angstzustände. Mir schien, als böten die gaumenartigen Gewölbebögen Unterschlupf für eine Steinschildkröte von enormen Ausmaßen.

Stille dröhnte um mich her.

Aus den dunklen Ecken des Kellers, von staubigen Spinnennetzen bedeckt, erklang Geraschel, Geknister und Geknirsche. Ich malte mir aus, das seien die Seelen der Juden, die vor dem Krieg hier gelebt hatten, und die mich jetzt um Hilfe anflehten. Aber wie hätte ich ihnen helfen sollen? Manchmal, wenn ich in meiner Wohnung auf die verblichenen Rankenmuster der Tapeten starrte, wo einige verdächtig helle Bereiche auffielen, stellte ich mir vor, dort habe wohl der Wäscheschank gestanden, und da das Ehebett. Wie durch Zauberhand tauchte vor mir ein lichtes, leichtfüßig tänzelndes Mädchen auf, das ein langes, altmodisch cremefarbenes Kleid trug. Sie kokettierte ausgelassen, während hinter ihr die alten Eltern gemessenen Schrittes daherwandelten. Sie trugen Schwarz, wobei der Vater eine Zeitung hielt, während die Mutter einen dicklichen Dreikäsehoch im Matrosenanzug an der Hand führte. Der Kleine blickte schüchtern zu Boden... 

...

Die Bänder seiner Matrosenmütze schaukeln sachte im Wind. Er hebt den Kopf und schaut unverwandt zu mir herüber. Dann senkt der wieder traurig das Gesicht.

Tote...

In der Verwaltung bestätigte man mir teilnahmslos, alle früheren Bewohner des Hauses seien in Auschwitz umgebracht worden. Wisse, wohin du geraten bist, so sagt man, und was dir in Zukunft noch blühen mag. Das waren damals alte, hilflose, arme und vielleicht chronisch kranke Leute. Waisenkinder. Die jungen, reichen und dynamischen Juden hatten Deutschland nämlich schon vor der "Reichskristallnacht" verlassen. Nur einige Halbjuden überstanden den Holocaust und kehrten nach Kirlitz zurück. Man hatte sie gegen Ende des Krieges in das Kulissen-Lager Theresienstadt gebracht, wo sie wie durch ein Wunder überlebten.

...

Drei schwere Eimer Braunkohle mussten in die zweite Etage getragen werden. Trotz mancher Brand­beschleuniger aus der Chemiefabrik und trockener Holzscheite zum Anfeuern wollte die billige Kohle polnischer Provenienz nicht richtig brennen. Sie sonderte aber umso mehr beißenden Gestank ab. War ich selber daran schuld, weil ich etwas falsch machte? Hatte ich die Feuerklappen nicht richtig geöffnet? In der Sowjetunion gehörte ich fast schon zu den besseren Leuten, musste nie, wie manche starken Zeitgenossen, als Hausmeister, Heizer oder Fabrikarbeiter dienen und bekam daher niemals einen Kohleofen zu Gesicht.

Mir kam es vor, als wollte der verdammte Ofen nicht brennen, weil ich Vorbehalte gegen Kirlitz und seine Bewohner hegte. Als wolle er sich dafür rächen.

Heinz, der Mann von Anneliese, ist ein arbeitsloser Alkoholiker. Immer steht er vor der Bierbeize am Bahnhof  herum, zwischen dem Kiosk und der Veterinär-Apotheke, wo ein unerzogener Spaniel, der einem früheren Russlanddeutschen gehörte, seines Zeichens ehemaliger Direktor der Musikschule in Ekibastus, wo also dieser Spaniel der Tochter des Oberbürgermeisters in den Finger gebissen hat.

Heinz hat seinen Saufkumpanen weisgemacht, er habe zu DDR-Zeiten als Ingenieur in einer medizintechnischen Fabrik gearbeitet. In Wahrheit war er Gas- und Wasserinstallateur. Das hat mir Anneliese verraten. Und er arbeitete im Erzgebirge in einer Motorradfabrik. Er reparierte Bedürfnisanstalten und Duschanlagen.

Eines Tages kam er zu uns in die Galerie, um seine Frau zu besuchen. Er erzählte mir Märchen über seine medizintechnische Fabrik. Nur Sigmund Freud könnte sagen, warum.

Im Internet stieß ich neulich per Zufall auf eine Seite, die über Sex mit einer arm- oder beinamputierten Frau berichtet. Ich wollte mir das eigentlich gar nicht ansehen, weil mir die Frau leidtat. Dann aber blieb ich doch dabei hängen. Uns allen sitzt doch ein neugieriges Teufelchen im Nacken. Der Frau fehlte nur ein Bein. Die übrigen Gliedmaßen, den hübschen, biegsamen Körper und wunderschönen Kopf brachte sie erstaunlich geschickt zum Einsatz. Ihr lüsterner Liebhaber bedeckte den Beinstumpf mit Küssen.

Jedem das Seine.

Die arme Anneliese hüstelte vor Scham über ihren Mann.

Heutzutage lügen viele Leute. Sie scheuen sich vor der Wahrheit. Einem ehrlichen Deutschen ist es unangenehm, tagsüber durch die Straßen zu schlendern oder am Bahnhof herumzustehen. Er sollte sich tüchtiger Arbeit widmen und Geld verdienen.

Einen nicht mehr ganz jungen Unternehmer, der bei mir einige Zeichnungen gekauft hatte und nach meiner Auffassung ziemlich reich war, ein hübsches Kapital und Renditeimmobilien am Rhein besaß, fragte ich eines Tages: "Warum arbeitest du und ackerst wie ein Gaul? Du solltest dich zur Ruhe setzten, um die Welt reisen und dein Leben genießen."

Der arme Reiche schaute mich entgeistert an. In seinen müden Augen blitzte für einen Moment ein Funke von Angst auf, erlosch aber gleich wieder. Er ließ eine Reihe von Banalitäten hören, ging weg und reagierte später nicht mehr auf meine höflichen Kontaktversuche.

Ein derart roboterhaft veranlagter Mensch ist machtlos gegen das Programm, das ihm eingeben wurde und ihn zu sinnloser Bereicherung zwingt. Seine inneren Leitbilder sind hoffnungslos überformt von der allgemeinen Konsumversessenheit unserer Wegwerfgesellschaft. Wer sich zum Sklaven des gesellschaftlichen Status, des Konkurrenzdenkens, des Wohllebens und des Geldes gemacht hat, scheut sich vor Untätigkeit. Nicht asphaltierte, nicht von Fabriken, Büros oder Renditeimmobilien erschlossene Flächen sind ihm zuwider, unbeackerte Felder bereiten ihm Befindlichkeitsstörungen, genauso wie ungejätete und ungestutzte Gartengrundstücke, denn er hegt Widerwillen gegen alles, was organisch wächst, sei es die Natur oder der Mensch. Er wünscht sie sich mit aller Macht unter Zaum und Joch, und wenn das gar nicht geht, dann baue man ein Gatter drumherum und verkaufe das Ganze. Abends kompensiert er sein automatenhaftes Dasein mit Sado-Maso-Sex gegen Geld, mit Tierliebe oder seiner Porzellansammlung...

Klaus, der wohlhabende Cousin meiner verflossenen Freundin, zeigte ihr bei einem Familientreffen seine Uhrensammlung. Einige davon waren über eine Million Euro wert.

"Schau dir diese Steine aus Südafrika an! Die haben Feuer! Dreißig Karat, Einfassung aus Platin, alles Handarbeit, mit Garantie für tausend Jahre..."

Die Gänge seiner Villa waren mit grellbunten Bildern behängt, in die er Geld investiert hatte, nach eigenen Worten erfolgreich. Seine Cousine, eine alleinerziehende Mutter mit drei minderjährigen Kindern, lebte zur gleichen Zeit in Armut und konnte ihren Sprösslingen zum  Frühstück nicht mehr bieten als eine kleine Scheibe Räucherwurst und billiges Brot. Klaus kam es nicht in den Sinn, ihr Hilfe anzubieten.

Klaus starb an einem Herzinfarkt mitten in der Aufsichtsratssitzung seiner Firma. Wegen der Unachtsamkeit eines Abteilungsleiters hatte das Unternehmen einen einträglichen Geschäftspartner im Ausland verloren. Klaus wütete herum, zerstritt sich mit den Kollegen - und starb. Er wurde beerdigt, seine Villa, seine Aktien, die Uhren- und Bildersammlung sollte unter den Hammer kommen. Das Testament bestimmte, dass alles Geld, das dadurch einlief, an ein Heim für herrenlose Hunde fließen sollte. Die Erben fochten das Testament an. Der Prozess zieht sich schon zehn Jahre dahin und kein Ende ist absehbar. Noch immer ist die Villa nicht verkauft, aber schon mehrfach wurde versucht einzubrechen. Die Uhrensammlung liegt in einem Banktresor. Wahrscheinlich erinnert sich außer meiner ehemaligen Freundin niemand mehr an Klaus. Nur sie kümmert sich noch um das Grab, pflanzt Veilchen und Stiefmütterchen darauf. Aus dem Streit um das Erbe hat sie sich herausgehalten.

Heinz knickte folgerichtig ein. Er hatte nicht als Ingenieur gearbeitet, sondern fertigte als Erfinder und Mechaniker Prothesen für beinamputierte Frauen. Er hielt eine Vorlesung an der technischen Universität von Kirlitz, sogar Professor Hempel lobte ihn und bot ihm einen Vertrag an. Nach fünf Minuten war er Dozent. Für die berühmte Eiskunstläuferin Gabi Esch.... fertigte er eine Stahlprothese mit beweglichen Zehen aus Hartgummi an.

"Wie bitte? Die hat noch alle Arme und Beine? Na ja, dann eben für die andere Gabi. Seifert. Wie? Frau Seifert läuft immer noch Schlittschuh? Sie war erst vor kurzem hier in der Galerie? Na gut, ich weiß nicht mehr so genau, vielleicht war sie auch keine Eisläuferin, sondern Sängerin. Genau, Ihre frühere Frau... Ebstein."

"Nun entschuldigen Sie bitte, ich heiße zwar Ebstein mit Nachnamen, aber die Sängerin Katja Ebstein hat mit mir überhaupt nichts zu tun. Außerdem braucht sie, so weit ich weiß, keine Prothese."

Noch eine Überraschung. Stoff für Mythen und Märchen. Ich weiß nicht warum, aber fast alle meine Bekannten in Kirlitz sind überzeugt davon, dass ich der frühere Ehemann der bekannten deutschen Sängerin          Katja Ebstein bin. Außerdem wissen sie ganz genau, dass ich unermesslich reich bin, wenn auch im Verborgenen. Irgendwo verstecke ich nämlich einen dicken weißen Mercedes und nenne ein sattes Geldvermögen auf einem Schweizer Nummernkonto mein eigen. Das äußerst bescheidene Leben, das ich in Kirlitz führe, ist nur Maskerade, ist Tarnung aus nur mir selber bekannten, aber sicher finsteren Gründen. Wie oft ich meine Freunde auch davon zu überzeugen versuchte, dass ich mit Frau Ebstein nicht bekannt bin, dass ihr wahrer Familienname außerdem Witkiwitsch ist, dass ich wirklich arm bin und keinen weißen Mercedes, ja nicht einmal den Führerschein besitze, auch kein Nummernkonto oder irgendwelche finsteren Ziele - alles vergebliche Liebesmüh! Sie taten fast so, als wollten sie mir glauben, verbreiteten dann aber hinter meinem Rücken, sie hätten mich auf dem Ku-Damm in einem weißen Mercedes gesehen, und neben mir habe Katja Ebstein im Nerzmantel gesessen .

Wegen solcher hirnlosen Gerüchte fühlte ich mich in Kirlitz wie Gogols Tschitschikow. Zum Glück haben sie mich wenigstens nicht für Napoleon gehalten. Immerhin ging ich für einen russischen Spion durch, Gott sei's geklagt. Diese dritte Überraschung ereilte mich nämlich eines Abends. Ich saß zu Hause in meinem geliebten roten Sessel mit Fußstütze und las in einer Monografie, wahrscheinlich über Pieter Breughel. Der Sessel war mir übrigens als Geschenk eines ehemaligen Richters zugeflogen, eines baumlangen, hochmögenden älteren Herrn, der Bismarck ähnelte. Er hatte beschlossen, seinen Lebensabend an der Nordsee zu verbringen und verschenkte seine Möbel an Bedürftige. Ich bedankte mich dafür bei seiner Frau und zerrte den Sessel aus der neunten Etage die Treppe herunter, weil er nicht in den Aufzug passte. "Wo steht denn Ihr Auto?", fragte mich die Gattin des Richters, und wunderte sich sehr, weil ich erklärte, den Sessel per Hand nach Hause transportieren zu wollen. Das war gar nicht so weit, einen Kilometer vielleicht. Gepeinigt von Schmerzen in den Händen, schleppte ich den Sessel unter Aufbietung aller Kräfte etwa hundert Meter weit, dann stellte ich ihn auf dem Gehsteig ab und setzte mich hinein, um ein wenig auszuruhen. Danach schleppte ich weiter. Die Passanten wunderten sich und machten Glubschaugen. Sogar ein Polizeiwachtmeister kam längsseits und erkundigte sich, warum ich den Sessel denn nicht per Lastwagen transportiere. Ich erklärte es als mein Hobby, Möbel über die verschneiten Straßen zu ziehen. Der Polizist grinste schief, ließ mich aber ansonsten in Ruhe.

Da saß ich also zu Hause im richterlichen Stuhl und hörte ein unnachgiebiges Klingeln an der Tür. Meine Wohnungstür hat einen Glaseinsatz, durch den ich beobachten konnte, dass draußen zwei Herren in Behördentracht standen. Ich öffnete.

"Sind Sie der und der?"

"Ja."

"Wir kommen vom BND und möchten uns gerne mit Ihnen unterhalten."

"BND? Nie gehört!"

"Das ist der Bundesnachrichtendienst."

"Kommen Sie rein."

In diesem Moment erinnerte ich mich daran, wie zwei Herren in Schwarz den unglücklichen Joseph K. an seinem 30. Geburtstag festnahmen. Die beiden Kerle vom BND hätten ungeschminkt deren Rollen spielen können. Nur ich selber ähnelte dem armen Joseph K., dem literarischen Doppelgänger von Franz Kafka, in keiner Weise.

Die Männer vom BND erläuterten die Natur der von ihnen durchgeführten Untersuchung. Sie hatten mich auf der Straße fotografiert und die Aufnahmen danach verschiedenen Leuten in Kirlitz gezeigt. Um welche Leute es sich dabei handelte, sagten sie nicht, aber später kam ich darauf. Sie hatten diese Leute gefragt, ob ich nicht etwa ein Spion sei, und sie waren sich sicher, dass ich, jaja, ganz klar, ein Spion sei, und zwar nicht etwa ein einfacher Spitzel, sondern der sächsische Bezirksdirektor des russischen Geheimdienstes.

Ich konnte von Glück sagen, dass ich nicht sogar der deutschlandweite Chef war.

Während sie das alles erzählten, musterten mich die beiden Kerle vom BND mit eiskalten Augen. Ich erklärte ihnen mit deutlichen Worten, dass ich kein Spion sei, und dass sie mit diesem Mummenschanz aufhören sollten.

"Das sagen alle Spione."

"Aber ich bin wirklich keiner."

"Sie täten besser daran, die Wahrheit zu sagen."

Unser Gespräch zog sich etwa eine Stunde lang dahin. Dann wurde mir klar, was hier zu tun war.

"Meine Herren, alles Nötige ist besprochen, ich muss jetzt aus dem Haus und möchte Sie bitten zu gehen."

Sie stimmten widerwillig zu, kamen aber nach etwa zwei Monaten wieder. Nach diesem zweiten Besuch schickte ich eine E-Mail an das Hauptquartier des BND und bat, niemanden mehr vorbeikommen zu lassen, sonst würde ich mich bei der Kanzlerin beschweren und allen Zeitungen mitteilen, dass ich, ein politischer Flüchtling jüdischer Abstammung, vom BND belästigt werde. Danach kam wirklich niemand mehr.

Am nächsten Tag ging ich zur Stadtbibliothek um ein ausgeliehenes Buch zurückzubringen. Die Direktorin, eine alte Bekannte, nahm mich zur Seite und flüsterte mir ins Ohr: "Jetzt sag mal bloß, du bist doch nicht etwa ein Spion, oder wie?"

Dieser Heinz ist nicht zu retten. Er hat grausig entzündete Augen. Seine Pupillen sehen aus wie bei einem toten Fisch.

Viele Deutsche haben solche Augen. In meinen ersten Jahren auf deutschem Boden kam es mir ständig vor, als würden auf der Straße alle nach mir schauen, mit stierem Blick aus ihren toten Augen, um sich über mein Ungeschick zu amüsieren und mir Böses zu wünschen.

Anneliese erzählte mir später, ihr Mann habe nach der ersten Begegnung in der "Blauen Lampe" gesagt:

"Diese verdammten Juden! Parasiten sind das! Schade, dass unser Adolf sie nicht alle vergast hat. Jetzt sind sie wieder da. Die wollen doch nur unser Geld. Trau bloß diesem Kerl nicht! Guck dir nur dieses hochnäsige Fratze an. Alles erstunken und erlogen, niemand krümmt denen in Russland ein Haar. Sie haben nur keine Lust zu arbeiten und suchen sich andere, denen sie das Blut aussaugen können. Arische Mädels wollen sie vögeln, am liebsten Blondinen! Fang bloß nichts mit dem an, sonst mach ich dich kalt!"

Bei Licht betrachtet hatte dieser Heinz gar nicht so unrecht. Nicht nur ich, sondern viele andere "Juden" aus der früheren Sowjetunion - ich schreibe in Anführungszeichen, denn etwa 60 Prozent davon gehörten zu anderen Nationalitäten, sie haben nur Ende der Achtzigerjahre für 50 Dollar falsche Geburtsurkunden gekauft, und noch einmal 25 Prozent waren mit Russinnen verheiratet, echtgläubige Juden gab es überhaupt nicht - waren nach Deutschland gekommen, weil es sich da gut und entspannt leben ließ. Wer schuftet sich gerne den Buckel krumm? Den Job in der Galerie konnte man kaum als "Arbeit" bezeichnen. Das war ein einziges Zucker­schlecken. Die Künstler waren ein nettes Völkchen, das Publikum war höflich. Deutsches Geld hätte ich sicher nicht gebraucht, aber wenn sie es einem für nichts und wieder nichts hinterherwerfen, warum sollte man es dann nicht annehmen?

Blut saugen ist unhygienisch. Wie leicht kann man sich da etwas einfangen... Aber gegen Blondinen lässt sich nichts einwenden. Sie haben lange, schlanke Hälschen mit zarter Haut, wie bei gerupften Hühnchen. Ich bin kein degenerierter Steppenwolf, der sie fressen möchte, aber warum sollte man nicht ab und zu ein kleines Techtelmechtel mit ihnen anfangen? Man könnte ihnen, wie es mein verblichener Freund Bob Frenkel ausdrückte, der ein ausgefuchster Schürzenjäger war, ruhig mal ein Zündplättchen unter den Abzugshahn legen.

Deutsche Mädels sind rattenscharf und zicken nicht lange herum, ganz anders als gebildete russische Damen, die das raue Sowjetleben ausgelaugt hat. Sie haben, um noch einmal Bob zu zitieren, hübsche Möpschen, aber auch Flausen im Kopf. Die Frauen von Rittern. Ich erinnere mich noch an eine Affäre mit einer blonden Arierin. Das liegt etwa zwanzig Jahre zurück. Sie bezauberte mich anlässlich eines musikalischen Events mit ihren wunderschönen Haaren, die sie wie ein junges Fohlen schüttelte. Dazu trug sie ein Röckchen aus Wildleder, das kaum ihre langen Schenkel bedeckte, die an hydraulische Triebwerke erinnerten. Eine alte Negerin sang den Blues so gut, dass ich mir am liebsten sofort ein Ticket nach Amerika gekauft hätte um mich irgendwo in Alabama niederzulassen, in der Nähe von Glasastik und Boo Radley Coca-Cola zu trinken und den lieben langen Tag immer nur Blues zu hören.

Das hübsche Kind hörte auf den slawischen Namen Vlada. Sie war ein seltsames Mädchen. Sie konnte Tag und Nacht vögeln wie eine läufige Füchsin, hatte aber haltlose Angst davor, dass ich ihre goldenen Haare verschandele. Sie machte ein fürchterliches Tamtam damit, wusch sie täglich, bürstete sie dreimal täglich und streichelte sie unentwegt. Sie zwang mich, während des Liebesaktes eine spezielle Binde um den Kopf zu tragen, damit nur ja kein Tröpfchen Schweiß auf ihr Haar fiele.

Doch als ich es ihr von hinten besorgte, flüsterte mir der Teufel ins Ohr: "Binde ihr Flachsgold um die Hand und ziehe dein Pferdchen tüchtig an den Haaren, wenn es ihr kommt." Sechs Monate lang hatte ich danach nichts mehr vom Teufel gehört, aber dann zog ich sie doch an den Haaren. Nicht sehr fest, nur so zum Spaß. Die Süße fing an zu kreischen und glitschte im null Komma nichts unter mir heraus. Mit versteinertem Gesicht stand sie auf. Sie zog sich an, sagte, sie ginge zur Tankstelle Zigaretten kaufen und verschwand. Ich schlummerte friedlich ein. Anderthalb Stunden später kam sie mit zwei Polizisten zurück. Es stellte sich heraus, dass sie zuerst zu ihrem Hausarzt gerannt war, der ihr, ich weiß bis heute nicht wie und warum, ein nicht existentes Hämatom am Handgelenk bescheinigte. Mit diesem Dokument sauste Vlada zur Polizei, wo sie zu Protokoll gab, ich hätte sie vergewaltigt, geschlagen und an den Haaren gerissen. Die Polizisten nahmen mich mit auf die Wache und verhörten mich, aber ohne großen Nachdruck. Ich erzählte ihnen von unserer Beziehung. Ich gab zu, dass ich sie im Taumel der Lust an den Haaren gezogen hatte. Die Polizisten hörten mich gleichmütig an, betrachteten mich mit ihren sumpfigen Augen und gingen hinaus, um sich mit ihrem Chef zu beraten. Gelangweilt kamen sie vom Chef zurück und entließen mich in die Freiheit. Ich fühlte mich wie im siebten Himmel. Wie Gogols Fähnrich Pirogow eilte ich mit fliegenden Fahnen in die nächste Konditorei, wo ich eine heiße Schokolade und  Donauwellen bestellte. Vier Schichten Kuchen und Schokoladenglasur obendrauf. Sahnepudding, Kirschfüllung und leichter Bisquit. Man könnte verrückt werden, so gut schmeckt das.

Bald bekam ich heraus, warum sie mich damals freigelassen haben. Ein städtischer Angestellter, den ich kannte, erzählte es mir. Es zeigte sich nämlich, dass Vlada bei der Polizei kein unbeschriebenes Blatt war. Drei oder viermal hatte man sie erwischt, als sie im Supermarkt Kosmetika klaute, ein paarmal war sie Arbeitskollegen gegenüber handgreiflich geworden (Vlada arbeitete als Synchrondolmetscherin aus dem Tschechischen, Slowakischen und Ukrainischen, und es blieb unklar, wen sie geschlagen haben sollte). Außerdem hatten sie schon sechsmal Männer verschiedenen Alters und unterschiedlicher Nationalität fälschlich wegen Vergewaltigung und Prügelei angezeigt. Also wirklich: Jedem das Seine. Mein Bekannter schloss seinen Bericht über Vlada mit den Worten: "Reg dich nicht auf, die hat ganz einfach einen an der Klatsche. Du musst das verstehen: Ihre Mutter, eine Buchhalterin, hat sich das Leben genommen, als sie 14 oder 15 war. Sie kam aus der Schule heim, als die Mama blau angelaufen über dem Gasherd lag. Das reicht doch zum Überschnappen, oder?"

Monika, die Tochter von Anneliese, lebt mit zwei Kindern bei Lukas, der in einer Versicherungsagentur arbeitet. Sie wohnen in dem historischen Städtchen Rothenburg. Das ist da, wo noch alles aussieht wie im Mittelalter. Sogar ein Foltermuseum gibt es. Da steht ein Verhörstuhl mit Nadeln für Arme, Beine, Rücken und Hinterteil. Eine eiserne Jungfrau mit noch längeren Stacheln ist auch da, außerdem ein Metallkäfig, in dem Hexen ertränkt wurden, auch Galgen sowie spezielle Masken zur Erniedrigung und Verunglimpfung von Verbrechern. Alles, was das Herz begehrt.

Monika ist Verkäuferin in einem Souvenirladen, sie hat die 30 schon deutlich überschritten. Lukas ist beinahe 50. Er ist der dritte Mann von Monika. Nach einer schlimmen Scheidung von ihrem ersten Ehepartner, einem Freund aus Kindertagen, der sich als gewalttätig und arbeitsscheu erwies, lag Monika ein halbes Jahr lang in einer Psychiatrie. Ihr zweiter Ehemann war ein freundlicher Vietnamese, wie es deren zwei oder drei Millionen gab, die als Sklaven in der DDR-Industrie schufteten. Sie waren das natürliche Entgeld für Waffen, die Ostdeutschland nach Vietnam lieferte.

Der ehrliche, kleine Vietnamese arbeiteten wie ein Brunnenputzer. Die füllige Monika ließ sich noch vor der deutschen Wiedervereinigung von ihm scheiden. Man schickte den Vietnamesen ohne lange zu fragen in sein Heimatland zurück, wo sich die Lage zwar nach und nach besserte, das aber trotz allem ein totalitärer kommunistischer Staat blieb wie sein nördliches Nachbarland auch. Zu Hause ließ sich der Mann als Schuster nieder. Bis heute schickt er Monika per Post ihre liebste Leckerei, das sind Erdnussplätzchen in Honig. Manchmal überbringt er sie auch, je nach Lage der Dinge. Monika schickt ihm im Gegenzug bayerische Wurstkonserven.

Lukas war viermal verheiratet. Mit Sabine, seiner ersten Frau, war alles in Ordnung - bis das Kind auf die Welt kam, ein blinder und taubstummer Junge. Vier Jahre mühten sich die Eltern damit ab, dann gaben sie ihn in ein spezielles Pflegeheim und ließen sich scheiden. Das geschah aber nicht wegen des Kindes, sondern weil Sabine, die sich als Künstlerin und Schriftstellerin sah, in Gestalt eines Internisten eine bessere Partie machte. Um sich mit ihr zu treffen, kaufte der Internist eine mit teuren Antiquitäten vollgestopfte Jugendstilvilla in der Nähe von München. Dort gab es sogar einen ovalen, ausziehbaren Schreibtisch von van de Velde. Der Internist kaufte die Villa, ließ sich aber von Gudrun, seiner ersten Frau, nicht scheiden. Gudrun, die stolze Tochter des deutschen Botschafters in Venezuela, arbeitete übrigens in seiner Klinik als Krankenschwester. Ihr überschrieb er auch zur Sicherheit die Villa, nicht etwa Sabine. Die litt derartig unter der Sache, dass sie wieder für vier Monate in die Psychiatrie musste. Danach zog sie in Gudruns antiquarische Villa, zeichnete dort ihre Portraits und schrieb am ovalen Schreibtisch von van de Velde Liebesromane mit einem Watermann-Füller aus Paris.

Die zweite Frau von Lukas war Rosita, Mexikanerin aus Guadalajara, die an chronischer Eifersucht litt. Sie lernte Lukas auf einer Internetseite für Kaktusliebhaber kennen. Als Lukas sie in Guadalajara besuchte, zeigte sie ihm ihre Zucht seltener Kakteen im Hof des Hauses und fütterte ihn so ausgiebig mit scharfen, mexikanischen Spezialitäten, dass Lukas beinahe an Darmverschlingungen starb. Rosita kam zu Lukas nach Stuttgart und wurde schon eifersüchtig, wenn Lukas nur eine andere Frau ansah. Dazu hatte sie allerdings Grund, denn Lukas betrog sie mit seiner Chefin während häufiger Dienstreisen auf verschiedene Südseeinseln (beide liebten tropische Früchte, Kieselstrände und gegrillten Hummer mit Knoblauchsauce). Die Chefin war der Meinung, dass beide in der Versicherungsagentur keinen Knochenjob machten, um zu Hause zu versauern. Daher fuhr sie mit ihrem Liebhaber auf Firmenkosten nach Hawaii, auf die Malediven und auf das wunderbare Tasmanien. Als die Scheidung lief, zog Rosita im Gerichtssaal plötzlich eine Machete aus ihrem festlichen Gewand und bedrohte Lukas damit auf unmissverständlich Weise. Da erklärte er sich einverstanden, ihr sämtliche gemeinsam gekauften Besitztümer zurückzugeben. Er gab ihr sogar die Geschenke seiner Chefin, was diese zu Tode kränkte und von nun an mit einem anderen Mitarbeiter verreisen ließ, dem stattlichen und dynamischen Schotten Patrick, welcher ebenfalls Früchte, Strände und Hummer liebte, ebenso das giftige Fugu, das aus Kugelfischen hergestellt wird. Ob nun der Koch eines Tages nicht auf Draht war oder Patrick zu viel von seiner Lieblingsspeise verzehrt hatte, jedenfalls starb er unter entsetzlichen Qualen in den Armen seiner untröstlichen Chefin. Im Sterben flüsterte er seiner Chefin zu: "Wir hätten uns besser auf Nare Suschi beschränken sollen!"

 

Die dritte Frau von Lukas brachte zwei Kinder aus einer früheren Ehe in sein neues, auf Kredit gekauftes Haus mit. Der Vater des ersten Mädchens, einem Mischlingskind, fuhr in den Kongo, um dem Präsidenten Sassu Ngesso zu helfen. Dort wurde er dem Vernehmen nach von Rebellen gekidnappt und nach einem misslungenen Lösegeldtransfer enthauptet. Der Vater des zweiten Mädchens war ein Thailänder, der nirgendwohin reisen wollte, sondern in einem Chinarestaurant arbeitete, sein Leben genoss und von seiner Frau wegen Lukas verlassen wurde. Danach fuhr er aus Kummer nach Thailand. Dort arbeitet er in Bangkok als Koch. Die beiden Halbwaisen, eine mit dunkler, eine mit gelber Haut, entdeckten nach der neuen Heirat der Mutter ihre heiße Liebe zu den Vätern und begannen mit ihnen per Handy zu telefonieren, auch wenn der Kongolese offenbar schon tot war und der Thailänder gar kein Telefon besaß. Nach drei monatlichen Telefonrechnungen, die sich auf jeweils über zweitausend Euro beliefen, ließ Lukas sich scheiden. Acht Monate später hatte er schon die kinderlose Monika aus Ostdeutschland geheiratet, die keine Schulden hatte und interessante finanzielle Perspektiven bot — Annelieses Tochter.

Anneliese ist 65 Jahre alt. Sie raucht und trinkt nicht, macht morgens und abends Gymnastik und züchtet auf der Datscha Rosen und Jasmin. Sie schleppt keine schweren Koffer und fährt zum Einkaufen mit ihrem kleinen VW in den Supermarkt. Sie trinkt nur Mineralwasser und macht manchmal eine Kur. Sie war sogar schon zu Schlammbädern am Toten Meer und kam mit der Haut eines Teenagers zurück, schimmernd wie die Morgenröte in den Pyrenäen.

Deutsche erfreuen sich allgemein einer Pferdsgesundheit, anders als meine früheren Volksgenossen. Es ist noch gar nicht lange her, dass ich mit Lukjan, einem Klassenkameraden telefoniert habe. Der wusste zu berichten, dass die Hälfte unserer Mitschüler aus dem Moskauer Abschlussjahrgang schon auf dem Friedhof liegt. Alkohol, Nikotin, unhygienische Verhältnisse, schlechte Ernährung, totalitäre Zustände. Zwei von ihnen sind bei Autounfällen gestorben. Einer zog sich eine Alkoholvergiftung mit Wodka zu. Natascha Golochwastikowa, unser aller Augensternchen, starb bei der zweiten Geburt. Das Kind konnte gerettet werden, sie nicht. Der Mann machte sich aus dem Staub, die Kinder blieben bei ihren betagten Eltern. Inka Malik starb an Nierenversagen, weil das Geld nicht reichte, um Medikamente zu kaufen. Dimka Banscho, unser Klassenclown, stürzte sich von der Krimbrücke in die Moskwa, weil er Schulden hatte. Das Eis brach ihm den Schädel. Dort blieb er stecken wie eine Rakete, die Füße in der Luft. Lukjan meinte, er habe wohl drei Tage dort im Eis gesteckt. Kein Wunder in Moskau, Januar 1993. Vielleicht hat jemand Beihilfe geleistet. Fünf unserer Ehemaligen wurden in den Neunzigerjahren von organisierten Banden umgebracht. Sie hatten aus dem Nichts heraus Firmen gegründet, Büros und Handelsstützpunkte eröffnet. Zweie kamen in den Nullerjahren des neuen Jahrhunderts ins Kittchen, nachdem man ihnen die Firma dichtgemacht hatte. Hinter Gittern haben sie sich die Tuberkulose geholt.

Vom menschlichen Standpunkt aus betrachtet ist Russland eine einzige, riesengroße Wüste, und zwar beim Leben, beim Arbeiten, sogar beim Sterben. Nach dem Gespräch mit Lukjan habe ich Anneliese ganz gezielt über ihre Schulklasse ausgefragt, um vergleichen zu können. Auch sie sind ja Kriegskinder. Dabei stellte sich heraus, dass noch alle am Leben sind. Sie treffen sich Jahr für Jahr im Goldenen Hahn. Jedes Treffen wird in einem Amateurfilm festgehalten. Annelise zeigte mir einen davon: Alle wirken kräftig, ruhig und solide, aber ein bisschen übellaunig. Deutsche eben, man kennt das ja.

Nach der Wende zog es viele in den Westen. Sie lebten dort und kamen zurück. Manche haben Heim und Familie verlassen und sind nach Amerika oder Kanada abgehauen.

Fast alle, die auf dem Gebiet der ehemaligen DDR geblieben sind, verloren ihre Arbeit. Die Betriebe in der DDR waren organisatorisch rückständige Dreckschleudern und schlossen oft schon in den ersten Monaten nach der Wiedervereinigung. Viele durchaus rentabler Betriebe der früheren DDR wurden aber auch ganz bewusst von der westlichen Konkurrenz in den Ruin getrieben. Anfangs brachten sich Leute deswegen um, mit der Zeit aber arrangierte man sich irgendwie mit den Verhältnissen. Hier und da gibt es etwas dazuzuverdienen. Manche kümmern von der Stütze vor sich hin. Aber auch so kann man leben, vor allem, wenn man ein Häuschen im Grünen besitzt, mit Garten und Garage.

 

Da sitzen die früheren Bauherren des Kommunismus in ihren gemütlichen Bierkneipen mit Hirschen und Wildschweinen an den Wänden, schimpfen aus vollem Hals auf die heutigen Zustände und trinken Bier dazu. Drei- oder viermal im Jahr fliegen sie nach Barcelona, Istanbul, Antalya, Griechenland, Tunesien. Und dann

erzählen sie einander...

"Da gibt es richtig gut zu essen, und alles ist so billig..."

"Nur das Hotel war ein bisschen schmuddelig. Günter hat sich einen arabischen Dolch mit Rubinen gekauft, und Erna einen Perserteppich und einen Kobold aus Krododilsleder mit Augen aus Malachit. Der Teppich war bald verschossen, die Rubine sind aus der Scheide vom Dolch herausgefallen und unter den Schrank gekullert, das Krokodil haben die Mistkerle vom Zoll, Gott weiß warum, einkassiert. Ich wollte, dass sie uns wenigsten die Augen überlassen, aber der Zöllner meinte, das sei kein Malachit, sondern Plastik. Und von dem Dolch hat er gesagt, dass er gar nicht aus Silber ist. Überall bescheißen sie dich. Aber das Meer ist dort smaragdgrün, nur leider ziemlich dreckig. Und es stinkt nach faulem Fisch."

Bei der Arbeit in der Galerie machte man sich die Hände nicht schmutzig. Die Besucher reisten für einen Tag an. Pro Tag kamen etwa fünf bis zehn Leute. Manchmal kam auch den ganzen Tag niemand. Ich rahmte die Bilder des Künstlers, der gerade an der Reihe war und hängte sie auf, ich organisierte und leitete die Vernissagen. Dabei stellte ich den Gästen den jeweiligen Künstler vor und skizzierte sein Werk mit kurzen Worten. Darauf folgte eine musikalische Einlage (Saxophon, Gitarre und Schlagzeug) und ein Imbiss (verschiedene Sorten Bier, Rotwein, Weißwein und Häppchen). Nach der Eröffnung gab es in der Galerie nichts mehr zu tun. Die Ausstellung dauerte bei uns zwei Monate. Anneliese räumte auf, putzte die Fenster und saugte Staub. Ich las kunstwissenschaftliche Bücher oder schrieb etwas aus Langeweile für mich selbst. Anfangs saßen wir ganz brav unsere sechs Pflichtstunden in der Galerie ab. Schließlich nahm ich mir ein Herz und beschwatzte die etwas schüchterne Anneliese, wir sollten uns doch die Stunden der Anwesenheitszeit teilen. Zunächst fürchtete Anneliese Kontrollen, denn ihr Weltbild war noch kommunistisch gefärbt: Wir arbeiten, aber die da oben passen auf und korrigieren. Sie sehen alles, wissen alles und bestrafen auch - das hatte man ihr von Kindesbeinen an so eingetrichtert. Erst allmählich entdeckte sie ihre Freiheiten und nutzte sie, indem sie während der Arbeitszeit zu Hause kleine Designaufträge ausführte (Anneliese hatte die Kunsthochschule absolviert). Außerdem streifte sie durch die Läden und besuchte ihre Freundinnen.

So arbeiteten wir, lebten jeder vor sich hin und trafen uns nur samstags zu einer kurzen Lagebesprechung, die wir gemeinsam durchführten, um den Plan der kommenden Woche zu erstellen und die neuen Aufgaben zu verteilen. Danach gab es Kaffee und Kuchen. Wir genossen dieses einträgliche, friedliche Leben. Dabei wäre es wohl schwergefallen, auf dem Planeten zwei Menschen zu finden, die sich mehr voneinander unterschieden als wir. Ich war ein dicker, kahler Emigrant, Antikommunist, Misanthrop, Egoist, Eigenbrötler, Vielfraß und Zyniker. Außerdem noch Jude. Anneliese war zierlich und schlank, mit einem dichten Kranz rot gefärbter Haare, früheres SED-Mitglied, nett und hilfsbereit, ein ruhiger Familienmensch, eine pflichtbewusste Deutsche. Nichts im Übermaß! Dazu glaubte sie sogar irgendwie an Gott und spendete regelmäßig Geld für den Kampf gegen Malaria.

Bekanntlich ziehen sich Gegensätze an.

Eines Tages stellten wir nach einer langen und langweiligen Besprechung der Pläne für die nächste Woche fest, dass es keinerlei Pläne gab. Ich erfand aber immer Kleinigkeiten, damit Anneliese sich nicht überflüssig fühlte und es im Jahresbericht etwas gebe, was man als "soziale Projekte" bezeichnen konnte (ich mag den Ausdruck nicht, weil er meist von professionellen Scharlatanen verwendet wird). Dafür bekamen wir nämlich eine Sonderzuwendung vom sächsischen Kultusministerium.

Einmal bastelten wir ein vier Meter langes Segelschiff auf Rädern, bemalten es und stopften es voll mit Geschenken. Die Mannschaft bestand aus zwölf Puppen (deren Kleider Anneliese entworfen und genäht hatte). Es besaß ein großes Nilpferdmaul, das sich öffnen ließ. Darin versteckten sich Piraten-Puppen. Außerdem hatte es einen Bauch, in dem Überraschungen verborgen waren. Wir ließen unser Schiff fröhlich-feierlich den langen Gang der Stadtbibliothek entlangsegeln und stellten es im geräumigen Vestibül auf, wo die Advents­feierlich­keiten für Kinder stattfanden. Schon am ersten Tag plünderten die Kinder das Schiff aus. Sie zerbrachen und stibitzten, was sie nur konnten. Wir nahmen das Schiff nach Weihnachten mit in die Galerie und reparierten das ganze Jahr daran herum, um es für nächste Weihnachten flottzukriegen, wobei wir natürlich nicht vergaßen, für diese Arbeiten ein paar tausend Euro Staatsknete loszueisen.

Tja, und eines Tages, nach unserem Samstagskaffee...

Diesmal aßen wir Quarkkuchen mit Schlagsahne, Erdbeeren und Mandarinen. Welch göttliche Leckerei! Ich trank Cappuccino aus meiner Lieblingstasse, handgefertigt in Japan. Anneliese trank wie immer Espresso aus einem weißen, holländischen Fingerhut. Nach Kaffee und Kuchen probierten wir eine neue Sorte französischen Ziegenkäse, den wir in hauchdünne Scheiben zerlegten und auf  butterbestrichenem Weißbrot drapierten. Darauf kamen Stücke von roter Paprika und Petersilienblätter. Das alles schnitten wir mit einem luxuriösen Solinger Küchenmesser, das ich vor ein paar Tagen für unsere Galerie aus Mitteln für ein anstehendes Projekt gekauft hatte. Ich hatte dieses Messer mit angenehm dunklem Handgriff und eleganter, langer Klinge eigenhändig in einem noblen Haushaltswarengeschäft ausgewählt und war stolz darauf wie ein Hundeliebhaber auf ein Wurf reinrassiger Welpen.

Während ich meinen Cappuccino austrank, stellte ich mir schon vor, wie ich mich von Anneliese verabschieden würde und schaute sie an, wie man eine Arbeitskollegin oder ein altes Möbelstück eben anschaut. Nicht einmal gleichgültig, eher ein wenig angespannt wegen der Abgegriffenheit der immer gleichen Höflichkeits­gesten, Worte und Umstände.

Ich betrachtete sie und entdeckte auf ihrem Gesicht Anzeichen von Langeweile, gepaart mit leichter Beunruhigung. Mir schien, als lege die Besorgnis der redlichen Hausfrau und Mutter einen bläulichen Schatten auf ihre Mundwinkel.

Als liege auf ihrem Gesicht ein Anflug von Asche der vergangenen Jahre.

Das war wirklich beklemmend. Ich stand auf, ging zu Anneliese hin, umarmte sie zärtlich, schaute ihr in die Augen und küsste sie. Dann drückte ich meine Stirn auf ihre schmalen, trockenen Lippen. Ein Geruch von Jasmin traf meine Nase.

Erst versuchte Anneliese auszuweichen, dann gab sie ihren Widerstand auf und saß da wie gelähmt. Wenig später spürte ich, wie ihre heißen Tränen mein Gesicht herunterliefen. Und wieder etwas später spielte ihre Zunge schon mit meiner. Anneliese umschloss meinen Körper mit ihren Schenkeln. Irgendwie richteten wir uns auf dem Stuhl ein.

Unser erstes Liebesduett dauerte etwa eine Viertelstunde. Kurz vor dem Höhepunkt hörte ich, wie sich hinter uns die Tür öffnete und jemand die Galerie betrat. Er kam zu uns und fing an, heiser zu schreien. Er schrie immer weiter. Immer weiter, immer lauter...

Der über die Maßen süße Geruch von Jasmin stieg vor mir auf wie eine Wand, drückte zu und ließ nicht los, bevor ich alles gegeben hatte.

Nach einigen Sekunden kam ich zu mir und hörte endlich, was Heinz schrie, der uns auf frischer Tat ertappt hatte, weil er seine Frau abholen wollte, um mit ihr zur Eröffnung eines edlen Geschäfts in einem fünfstöckigen Gebäude zu gehen und einige nötige Einkäufe für das Wochenende zu tätigen. Er fuchtelte mit unserem neuen Solinger Messer herum und brüllte: "Verdammte Russensau!"

Die völlig verdatterte Anneliese befreite sich aus meiner Umarmung und verschwand auf die Toilette. Ich stand auf, strich meine Kleider glatt und nahm Heinz das Messer weg. Das war nicht schwer, denn die Hände des ehemaligen Schlossers zitterten kraftlos. Heinz hörte auf zu schreien, setzte sich hin und richtete seinen Blick auf ein Bild an der Wand. Dort war die verwaiste Straße einer fremden Stadt abgebildet. Eine rote Katze strich den Gehsteig entlang. Um den Hals hatte sie ein weißes Band mit einem blauen Schleifchen am Ende. Aus dem Fenster des Hauses gegenüber schaute ein Mann mit finsterem Blick nach ihr. Er trug den Schnurrbart eines Feldmarschalls, einen dunklen Dreiteiler und einen Schmetterling am Bowler-Hut. Der Mann riss die Augen weit auf und biss die Zähne zusammen.

Kurz darauf kam Anneliese wieder. Sie beachtete mich nicht, lächelte aber ihrem Mann zu, als wolle sie um Verzeihung bitten. Heinz fing an zu weinen, und er tat mir ein wenig leid.

Nachdem sie gegangen waren, beschloss ich, noch einen Cappuccino zu trinken...

 

(Aus dem Russischen: Klaus Kleinmann)

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