Igor Schestkow "Ines"

 

Ines

(aus dem Tagebuch eines Flüchtlings)

 

Ich hielt einen Koffer in meinen Händen - und wusste: Darin war alles, was ich auf Erden besaß. Im Koffer lagen meine Zeichnungen und einige meiner Lieblingsbücher.

Früher einmal, noch in meiner Moskauer Zeit, hatte ich genauso einen altmodischen Koffer mit Metallnieten an den Ecken. Darin bewahrte ich tatsächlich meine Tuschezeichnungen auf. Irgendwann war er weg, verschwunden... oder ich hatte ihn einfach weggeworfen... ich weiß nicht mehr... aber in meinem vorgestrigen Traum kam der Koffer zurück zu mir, vollgestopft mit der Last tausender von Seiten und... und es war im Traum genauso schwer, ihn zu bewegen, wie es im wachen Zustand gewesen wäre.

Ja, im Traum... ich schlüpfte durch die runde Öffnung in der Wand des Hauses, das einem Dolmen glich, und lief den Gehsteig der breiten Straße entlang, an deren beiden Seiten gleichartige Häuser standen, die auch an riesige Dolmen erinnerten oder an Nistkästen. Ohne Fenster, aber mit runden, grob aus den massiven Betonwänden gehauenen Öffnungen. So gehe ich über das mit riesigen Platten belegte Trottoir und ziehe meinen Koffer hinter mir her.

Auf der Straße fahren keine Autos, aber am dunkelbraunen Himmel, der von unheilvollen Goldfasern durchwirkt ist, fliegen seltsame Aeroplane, die mich an Kinderspielzeug aus poliertem Holz erinnern. Vorne haben sie Propeller und verbreiten unerträglichen Lärm, diese Doppeldecker. Unförmige, asymmetrische Fluggeräte.

Ich komme an eine Kreuzung, und plötzlich wird mir klar, dass ich nicht mehr weiß, wohin ich gehen soll. Ich habe vergessen, wo ich wohne. Mich packt das Grauen. Ich fange an, hierhin zu rennen und dorthin... sause herum wie in Trance, in die Nacht hinein... diese endlose Straße entlang, zwischen schaurigen Häusern, die wie Dolmen aussehen. Irgendwo verliere ich meinen Koffer und bin gar nicht traurig darüber.

Plötzlich gerate ich in einen Tunnel, der wie aus dem Nichts sein Maul vor mir aufsperrt. Ich renne hindurch, und es scheint mir, als ob mir jemand folgt und mir glattweg sein Gebiss in den Rücken schlägt. Ich entkomme auf einen quadratischen Platz.

In der Mitte steht ein Monument, ein riesiger, aus Beton gegossener Spielstein, bei dem ein nackter Mann sitzt, ein Koloss mit dem Kopf und dem Schnabel eines Tukans. Sein langer Hals ist abgeknickt, er hat den Kopf in den Nacken gelegt und betrachtet den Himmel direkt über sich.

Ich laufe unter seinen zwanzig Meter breiten Hüften hindurch und finde mich wieder vor einem Haus mit der halbkreisförmigen Aufschrift "POLIZEI". Ich öffne ein Türchen und stehe plötzlich in einem Saal, an dessen gegenüberliegendem Ende ein Schreibtisch steht. Dahinter sitzt eine liebenswerte Dame und liest in irgendwelchen amtlichen Papieren. Ich gehe zu ihr hin, unter meinen Füßen knistert Sand.

"Ich heiße Anton Somna und habe vergessen, wo ich wohne. Könnten Sie mir vielleicht helfen?"

Die Polizeiangestellte nickt mir beinahe huldvoll zu.

"Zeigen Sie Ihren Pass, Herr Somna!"

Ich ziehe ein dickes Büchlein aus der Tasche und überreiche es der Ordnungshüterin. Ich weiß, dass meine Adresse nicht im Pass steht, aber ich vertraue ihrer Amtsautorität und glaube, dass sie zwischen den Zeilen lesen kann. Geduldig warte ich, während sie meinen Pass durchblättert und den Finger über die mit Stempeln bedeckten Seiten gleiten lässt, als läse sie ein Buch mit Blindenschrift. Sie legt den Pass auf den Tisch, öffnet eine Schublade des Schreibtischs, entnimmt ihr ein staubiges Buch, sucht die Seite... scheint etwas zu finden und nickt zufrieden.

Sie sieht mich an... In ihrem Blick liegt eisige Geringschätzung. Eine lange Pause entsteht. Der Treibsand unter meinen Füßen beginnt mich in seine schaurige Tiefe zu ziehen. Ich klammere mich an dem Stuhl fest und sende der Polizistin einen flehenden Blick, bereit, ihr die Geringschätzung zu verzeihen. Ich will ja nur die Adresse wissen, will nach Hause, mich in eine warme Ecke verkriechen und in den Schlaf sinken.

Endlich bricht sie ihr Schweigen.

"Herr Sonma, ihr Name steht nicht im Verzeichnis. Aber ich fand einen Pass der Polizei in Miranda. Sie sind vor 34 Jahren im Schlaf gestorben und treiben sich seitdem gesetzeswidrig in den Unterwelten herum... Verstehen Sie bitte, es gibt bei uns keinen Platz für Sie. Hier ist für Sie keine Bleibe. Ich kann Ihnen nicht gestatten, ewig herumzustreunen."

...

Während sie redet, verzerrt sich ihr angenehmes Gesicht und verwandelt sich in das Zerrbild eines Tukans. Aus ihrem Rücken wachsen Flügel. Da öffnet sie auch schon ihren riesigen Schnabel und fliegt davon. Der Saal erfüllt sich mit ihrem unerträglichen Gekecker und dem Kratzen ihrer Klauen.

In kaltem Schweiß erwachte ich auf meiner schmalen Pritsche und stellte fest, dass es an der Zeit war, eine eigene Wohnung zu nehmen. Am gleichen Tag noch ging ich zur Gemeindeverwaltung und bat eine Angestellte, mir einen Wohnungsmakler zu empfehlen. Sie fragte mich, ob ich denn Geld hätte, und rief, als sie meine bejahende Antwort vernommen hatte, irgendjemanden an. Danach übergab sie mir den Telefonhörer. Man fragte mich, wie viel ich denn für die Wohnung zu zahlen bereit sei und in welchem Stadtviertel ich wohnen wolle. Ich antwortete und wurde um etwas Geduld gebeten. Man würde mich zurückrufen.

Eine halbe Stunde später verabredete ein gewisser Herr Bruckner mit mir ein Treffen für den morgigen Tag. Eine Viertelstunde vor dem vereinbarten Zeitpunkt erschien ich am Treffpunkt, um nicht abgehetzt  zu wirken.

Nun ja, die Straße war wie andere Straßen auch. Nicht besonders breit, vielleicht zwanzig Schritte von einer Seite zur anderen. Der Verkehr läuft einigermaßen flüssig. Es riecht fatal nach Abgasen und noch etwas anderem, das mir den Magen umdreht. Azeton? Schwefel?

Die Häuser machen einen soliden Eindruck und stammen noch von vor dem ersten Weltkrieg. Alle haben vier Stockwerke und ein Satteldach. Sie stehen eins am anderen ohne Zwischenraum und sind mit grünlichen Kacheln verkleidet. Die Laternen sind alt und schief. Anscheinend Gaslaternen. Warum stellt man sie nicht wieder gerade?

...

Die Häuser gegenüber stehen verlassen, ihre Eingänge sind mit Brettern verrammelt. Vor den Fenstern Pressspanplatten. Auf ihnen sieht man Graffiti, hier einen blauen Schädel, der seine lange, gespaltene Zunge herausstreckt, dort ein Portrait Cäsars in trüber Stimmung. Er trägt ein Nachthemd und auf seinem kahlen Kopf ein Diadem. Cäsars Hand ruht auf einer hölzernen Lehne, auf seiner Schulter sitzt ein Geier.

Herr Bruckner, ein etwas altmodisch gekleideter Gentleman von mittlerem Wuchs, erschien genau zur festgesetzten Zeit. Er glitt aus seinem schwarzen Pickup, stampfte alert mit den Füßen auf, hielt sich ein wenig gekünstelt, schaute umher und  fasste sich an den Hals, wobei ein Goldring an seinem kleinen Finger aufblitzte. Dann verbeugte er sich ein wenig schief, aber formvollendet, wobei er seinen rötlichen Zylinder lupfte und mit sicherer Gebärde die Richtung wies. Wir verzichteten auf einen Händedruck.

Wir schlüpften durch einen dunklen Bogen. Es roch faulig. Auf der rechten Seite befanden sich drei Stufen und eine schwere, schmuddelige Eingangstür, an deren Unterkante anscheinend die Ratten genagt hatten. Im Treppenhaus roch es nach Katzenpisse. Die Wohnung, die er mir anbieten wollte, war die einzige im Parterre. Auf der linken Seite befand sich ein unbewohnter Raum, der zu DDR-Zeiten als Tanzsaal gedient hatte und vor dem Krieg als Bordell namens "Käthe Kruse". "Die Miezen dort waren drall wie die Wutzchen, steckten in buntem, halbdurchsichtigem Nuttenfummel und waren grell geschminkt", so erklärte Herr Bruckner.

Der Makler zog einen gewichtigen Schlüsselbund hervor, öffnete die Tür, ließ mich vorgehen und kam dann selbst hinein. Sogleich fing er an, die Wohnung - oder wie er es nannte: das Studio - über den grünen Klee zu loben. Dabei stotterte er ein wenig und stapfte aus unerfindlichen Gründen im Kreis umher wie ein Zirkuspferd. Eigentlich ging er gar nicht, sondern trabte gemächlich, wobei er Staubwolken vom Boden aufwirbelte und mit der Kruppe wackelte. Dadurch bauschte sich die graue Pelerine seines Mantels in alberner Manier zu einer Art Buckel auf und ließ das gescheckte Innenfutter sehen. Manchmal wurde das Gegacker des Maklers durch Gewieher oder Geblöke unterbrochen.

"Gar nicht weit vom Stadtzentrum! Ein Park mit einem Teich, eine Kirche, alles ist ganz in der Nähe. Gehen Sie spazieren, beten Sie, mieten Sie sich ein Pferd oder rudern Sie, solange Sie wollen. Natürlich ist die Wohnung nicht besonders edel, aber für Sie als alleinstehenden Herrn doch gut genug! Man sagte mir, Sie sind Künstler. Gerade Künstler können wir hier gut gebrauchen. Also los! Verkaufen Sie haufenweise Bilder, werden Sie reich, dann können Sie sich eine Wohnung auf dem Kasberg leisten oder eine Villa kaufen. Dann müssen Sie mich zu Pelmeni einladen. Alle Russen essen Pelmeni oder Borschtsch und trinken Wodka. Ich weiß noch, wie euer Kommandant mich damals eingeladen hat. Danach war ich drei Tage weg vom Fenster. Wie bitte, Sie trinken nicht?

Na wunderbar, da werden sie ja steinalt! I-iiii-ho-ho! Zum Busbahnhof sind es 100 Meter, zur Eisenbahn zehn Minuten zu Fuß. Nach München fährt man sechs Stunden, nach Berlin zweieinviertel. Nur die Straße ist wegen einer Überschwemmung unpassierbar, müssen Sie wissen. Ganz in der Nähe gibt es eine Konditorei, an der Ecke ist ein Edeka, an der anderen Ecke eine Kohlenhandlung. Sie müssen die Kohle also nicht von weither transportieren. Kleiner Tipp für Sie: Kaufen Sie Briketts. Kaufen sie bloß nicht diese furchtbare Kohle aus Polen. Da kommt nur Qualm heraus, wie aus Ihrem Sozialismus. Na klar, Kohle-Einzelöfen. Dafür ist aber die Miete spottbillig. Wo bekommen Sie sonst noch eine Wohnung für 210? Geschenkt, geschenkt, heute habe ich die Spendierhosen an! Sonderpreis, nur für Sie! Kaution 500. Ich hoffe allerdings, dass Sie nicht alles mit Farbe vollkleckern, mir die Bude nicht abfackeln, sich aber eine Hausratsversicherung zulegen. Maklergebühr: 150. Zahlen Sie Kaution, Maklercourtage und die Miete für zwei Monate im Voraus, dann können Sie heute noch hinein. Gleich jetzt! In bar, wenn ich bitten darf, gegen Quittung. Nehmen Sie das Bett vom Vormieter, es ist aus echtem Palisander, genau richtig für Sie. Schlafen Sie tief und fest, wie Gott in Frankreich. Hier sind die Schlüssel! I-i-i-iiii-ho-ho."

Der Makler sah die Geldscheine in meiner Hand und fing besonders laut an zu wiehern. Er stemmte die Arme in die Hüften, sprang hoch und hüpfte von einem Bein auf das andere. Die Pelerine flog auf wie ein Adler und landete wieder auf seinen Schultern. Herr Bruckner nieste, bekam keine Luft mehr, fing an zu husten und griff sich an den Hals. Er händigte mir drei Schlüssel aus, sah mich bedeutungsvoll aus den unergründlichen Tiefen seiner Morphinistenaugen an und sprach in vertraulichem Ton wie bei der Beichte: "Fast hätte ich es vergessen: Auf Sie wartet hier eine ganz bezaubernde Überraschung." Dann verließ er hastig die Wohnung und erinnerte mich, schon im Treppenhaus, daran, dass ich morgen um 10 Uhr zu ihm ins Büro kommen sollte, um den Mietvertrag zu unterschreiben. Ich war froh, sein überdrehtes Gewirbel nicht mehr sehen und seine grelle Vogelstimme nicht mehr hören zu müssen, die teils operettenhaft-schmachtend, teils melodramatisch-bedrohlich klang, so dass mir die Ohren gellten.

Ich ging nochmal in mein Studio zurück.

Zwei Zimmer. Das erste sah fast wie ein Flur aus. Darin standen ein Tisch, ein Stuhl und eine Handwaschgelegenheit, schwarz vor Dreck. Darauf lag ein gefährlich schartiges Rasierbesteck, das aussah, als stamme es aus vorrevolutionären Zeiten. Dazu ein zweiflammiger Gasherd und ein Backofen. Es gab eine Toilette ohne Tür, die von der übrigen Wohnung durch eine dünne Wand abgetrennt war, eine offene Dusche, eine Kloschüssel, und an der Mauer zwei Pissoirs. In einem davon lagen ein paar Zigarettenkippen, und am vergilbten Rand des anderen klebten einige Schamhaare, die fast wie Fragezeichen aussahen. Im Flurzimmer gab es kein Fenster. Genauer gesagt, da war ein kleines verglastes Guckloch, das aber nicht nach draußen, sondern ins Nachbarzimmer ging.

Um aus dem Flurzimmer in den zweiten, größeren Raum zu kommen, musste man ein Sicherheitsschloss aufschließen. Was das wohl sollte?

Das zweite Zimmer war geräumig und hell. Es hatte so etwa fünfunddreißig Quadratmeter, wenn nicht sogar vierzig. Drei große, altertümliche Fenster gingen auf die Straße.

Erst jetzt fiel mir die ungewöhnliche Form des Zimmers auf, wobei "ungewöhnlich" noch sehr milde ausgedrückt ist. Es handelte sich um ein unregelmäßiges Fünfeck, dessen Grundlinie aus einer langen, geraden Wand bestand, die von den drei Fenstern durchbrochen war. Die beiden angrenzenden Wände standen nicht in rechtem Winkel dazu. Von den übrigen Wänden war die eine recht kurz, die andere lang, krumm und nach innen gebogen. Offenbar befand sich hinter ihr der Tanzsaal "Käthe Kruse". Die Decke war nicht waagerecht, sondern sah aus, als rollte sie sich von der Auflagefläche auf der einen Seite zur gebogenen Wand hoch. Die Wände des Zimmers hätten eine Überprüfung der Senkrechten mit der Wasserwage ganz offensichtlich nicht bestanden, und der schrundige Linoleumboden schlug kleine Wellen.

Das Seltsamste an diesem Zimmer war aber nicht seine Form, sondern eine eiserne Wendeltreppe, die sich in einer dunklen Ecke befand  und nirgendwo hinführte. Sie verschwand in der Zimmerdecke und ging vielleicht in der oberen Wohnung weiter und noch höher, bis zum Dach.

Das Bett, das der Makler erwähnt hatte, stand unter dem Guckloch zum Vorraum. In allen Regenbogenfarben schillernde Flecken verzierten die ältliche Matratze, die schon arg schäbig geworden war und ihre ursprüngliche Form verloren hatte. Ich setzte mich auf eine Bettkante und wippte ein paarmal heftig auf und ab. Das Bett quietschte herzzerreißend, brach aber nicht zusammen. Das freute mich, denn ich brauchte kein neues zu kaufen. Mit Geld sah es bei mir nämlich recht mau aus. Die Kosten des Umzugs übernahm Gabi, eine betagte Deutsche, die ich im Wohnheim kennen gelernt hatte. Sie steckte mir 1200 Mark zu und flüsterte: "Geben Sie es mir wieder, wenn Sie Arbeit gefunden haben. Ich kenne den ganzen Zinnober und weiß, was Not ist."

...

Mir fehlte die Kraft, ihre Hilfe abzulehnen, denn das Leben im Wohnheim war scheußlich genug. Ich bedankte mich bei Gabi und gab ihr einen Kuss auf ihre wohlriechende Wange, worauf sie errötete. Später erfuhr ich, dass Gabi eine Ungarndeutsche war, die nach der Befreiung Ungarns von Sowjetrussen geschnappt und nach Workuta deportiert worden war. Erst nach zehn Jahren kam sie zurück.

Neben dem Guckloch im Vorraum hing eine Wanduhr mit Pendel. In einem einfachen Holzrahmen befand sich oben ein rundes Zifferblatt und darunter ein rechteckiges Fenster, durch das man sehen konnte, wie das Pendel hin und herschwang. Am seinem Ende sah man eine Messingscheibe von der Größe einer Untertasse. Bei jeder Stunde saß eine alberne, schluderig gearbeitete Holztaube. Ich beschloss, die Uhr mit ihren Tauben wegzuwerfen, denn ich konnte dieses Ticken nicht ertragen, das mich immer penetrant an die Endlichkeit allen Seins erinnerte. Außerdem mag ich keine Tauben.

Der Mietvertrag war nach zwanzig Minuten unter Dach und Fach.

Der Makler schwatzte in einer Tour, wobei er sich immer wieder an die Gurgel fasste. Er beschrieb mir die Vorteile der Wohnung, die er mir vermittelt hatte. Dabei drehte er hektisch den Ring an seinem kleinen Finger und prophezeite mir eine große Zukunft. Unbedingt wollte er zu Wodka und Pelmeni eingeladen werden, er blökte und wieherte. Zum Glück hüpfte er nicht auch noch im Kreis herum.

Ich stand neben seinem Tisch und blickte nach unten. Ich kam mir vor wie der fleischgewordene Turm von Pisa. In Deutschland war ich der rechtlose Flüchtling. Ich hatte ziemlich schnell gelernt, was ich in meiner sowjetischen Heimat nie hätte lernen können, nämlich Stillschweigen und Geduld einem Menschen gegenüber, der sich durch mangelnden Kunstsinn auszeichnet.

Noch am gleichen Tag holte ich meine Habseligkeiten aus dem Wohnheim in mein Studio und versuchte dort mit aller Kraft, Ordnung zu schaffen. Ich kaufte Putzmittel, reinigte die Fenster, kratzte die widerlichen rotbraunen Schichten um den Herd herum ab, scheuerte die mit Schimmel überzogene Dusche sauber, schrubbte die Toilette, den Tisch, den Stuhl und das Bett. Mit einem feuchten Lappen rieb ich die mit Fettfarbe beschmierten Wände sauber, wobei ich nur mit Mühe eine aufsteigende Übelkeit unterdrücken konnte. Ich schnitt die alte Matratze in vier Teile, schleppte sie in zwei Anläufen aus dem Haus und stopfte sie in den Müllcontainer. Im Möbelgeschäft erstand ich eine neue Matratze und zwei Garnituren Bettwäsche aus Flanell, mit lila Birnen und Äpfeln dekoriert, und brachte alles ins Studio, wo ich die Matratze ins Bett legte und bezog. Ich aß ein Roggenbrötchen und trank warmes, abgekochtes Wasser. Dann nahm ich eine Dusche, legte mich ins Bett und schlug das Buch mit dem Titel „Die Frau im Mond“ auf. Zum Lesen kam ich nicht mehr, denn ich schlief ein wie tot. Im Traum war ich eine mächtige Götzenstatue aus Holz, die irgendwo in der Steppe herumstand, trug eine Mongolenmütze auf dem Kopf und hielt eine Keule und einen Reichsapfel in den Händen. Nicht weit entfernt stand ein weibliches Skelett mit einem riesigen, fluoreszierenden Bauch, der wie ein Ei aussah.

Nachts wachte ich auf. Die Uhr an der Wand zeigte halb drei. Sogleich fiel mir auf, dass die Taube fehlte. War sie entflogen? Aber vielleicht war an dieser Stelle nie eine gewesen? Ich lauschte. Die Straße war still, um diese Uhrzeit fuhren noch keine Autos. Kein Vogel zwitscherte, obwohl sie doch sonst Anfang Juni immer singen. Es herrschte eine bleierne, unnatürlich Stille.

Ich ging auf die Toilette und beschloss, das Pissoir zu benutzen. Doch zu meiner Überraschung lag ein Zigarettenstummel darin! Wie kam denn der dorthin? Ich hatte doch erst vor wenigen Stunden alle eigenhändig entsorgt und gründlich geputzt. Ich legte mich wieder hin und glitt in den gleichen Traum zurück, nur dass ich jetzt keine Statue mehr war, sondern ein barfüßiger Hirte, nackt bis zu den Hüften. Eine höhere Macht zwang mich, meinen knochigen Körper mit einer Geißel zu traktieren und dabei eine Treppe emporzusteigen, und zwar die bereits erwähnte Wendeltreppe. Ganz oben, auf dem Mond, erwartete mich eine Frauengestalt von ungeheuren  Ausmaßen, die in den sandigen Dünen lagerte. Ihre Beine erstreckten sich wie ein Gebirgskamm bis zum Horizont.

...

Ein seltsames Geräusch weckte mich. Jemand klapperte mit etwas herum, lachte dröhnend und begann sogar ein Lied zu singen. Ich rieb mir die Augen... Im Zwielicht des Morgengrauens kam mir mein Zimmer vor wie die Kulisse eines expressionistischen Stummfilms. Das Kabinett des Dr. Caligari.

Das Gelächter und der Gesang kamen aus dem Vorraum merklich näher. Ich spähte durch das Guckloch… und erblickte mehrere Fratzen, die aussahen, als wären sie an Gelbsucht erkrankt. Sie glotzten mich neugierig an. Mit Mühe fand ich die Kraft aufzustehen und meine Hose anzuziehen. Ich ging in den Vorraum hinaus und fand dort drei Männer, nackt bis zu den Hüften. Zwei von ihnen rasierten sich und machten dabei gymnastische Übungen, der dritte putzte seine Zähne und sang dazu. Sie stellten sich mir als Schulze, Kunze und Müller vor. Das waren meine Nachbarn vom gleichen Treppenaufgang. Schulze und Kunze sahen mit ihren aufgedunsenen Visagen aus wie Biber oder Waschbären. Sie führten ein Bestattungsinstitut. Als sie davon erzählten, kicherten sie seltsam verklemmt und schlugen mir vor, einen Vertrag mit ihnen abzuschließen: Ich sollte ihnen 5000 Mark zahlen und sie würden mir jegliche Mühe und Plackerei abnehmen, wenn meine von Gott zugemessene Reise durch das irdische Jammertal zu Ende sei. Dabei schien es sie nicht weiter zu stören, dass sie gut und gerne 30 Jahre älter waren als ich.

Herr Müller sah aus wie ein Laufkäfer, der sich im aufrechten Gang übte. Als er sagte, dass er bei der Polizei arbeitet, kam mir die alte Volksweisheit in den Sinn: Ein Wolf im Schafspelz! Er verbirgt seinen schlechten Charakter hinter der Maske des Gutmenschen und seine kriminelle Energie hinter einer Uniform.

Auf meine bescheidene Frage, was sie denn hier in meiner Wohnung zu suchen hätten, antworteten die ungebetenen Gäste mit schelmischem Lächeln: "Werter Herr Somna, Sie haben offenbar nicht verstanden, dass dieser Raum nicht Ihnen allein gehört, sondern allen Bewohnern dieses Haues gleichermaßen als Toilette zur Verfügung steht. Sie mögen das bedauern, aber es ist nun einmal so, und wenn Sie uns nicht glauben, dann lesen Sie bitte genau, was in dem Vertrag steht, den Sie gestern unterzeichnet haben."

Da bleib mir nichts anderes übrig, als mich beschämt in mein Zimmer zurückzuziehen.

...

Ich verklebte das Guckloch so gut es ging mit Zeitungspapier, zog das Bett ein Stück davon weg und legte mich wieder hin. Und wieder befand ich mich auf dem Mond. Oh Graus! Ich hatte keinen Körper, sondern bestand nur aus dem Kopf und rollte die staubige Düne entlang. Gleichzeitig waren noch tausend andere Köpfe unterwegs. Fast wie ein Prozessionszug kullerten wir brummelnd dem aufgedunsenen Weibsbild hinterher, das voranging. Sie war unsere Gebieterin. Ihre langen schwarzen Haare flatterten im Mondwind. Sie hob den Arm, ließ die Hände schlaff herunterhängen und begann mit gutturaler Stimme ein leierndes Lied.   

Man ließ mich nicht lange schlafen.

"Herr Somna! Herr Anton Somna, ich weiß, dass sie da drin sind. Machen Sie auf!"

"Kommen Sie rein, die Tür ist offen."

Ein käferartiges Wesen krabbelte zu mir hinein und stellte sich als Polizeihauptkommissar Müller vor. Er trug eine niegelnagelneue, gelblich-beige Uniform, entschuldigte sich für die Störung und erklärte sodann, das Bett, in dem ich mich befände, gehöre ihm. Er hatte es angeblich von seinem Vater geerbt. Dazu wedelte er mit einer Quittung herum, die besagte, dass dieses - nicht etwa aus Palisander, sondern aus amerikanischer Pappel geschreinerte - Bett von seinem Vater anno 1933 in Dresden gekauft worden war. Mit äußerstem Missfallen habe er die Matratze zerschnitten im Müllcontainer gefunden. Daher habe er beim örtlichen Polizeikommissariat wegen gesetzeswidrigen Missbrauchs eines Abfallbehälters und teilweiser Vernichtung seines Besitztums Anzeige erstattet. Ich versuchte mich zu rechtfertigen und berief mich auf den Makler, aber Herr Müller ließ sich nicht erweichen. Daher schlug ich vor, er solle sein Eigentum doch aus meinem Studio abtransportieren, und die neue Matratze gleich mit dazu. Aber das gefiel dem Polizeihauptmeister Müller nicht, vielmehr  erklärte er mit hochrotem Kopf, er sei bereit, mir das Bett für 300 Mark zu verkaufen und dafür die Anzeige zurückzuziehen. Ein Blick in seine fahlgelb flackernden Augen überzeugte mich sehr schnell davon, dass das Bett nie im Leben ihm oder seinem werten Herrn Vater gehört haben konnte.  

...

Mein Gegenvorschlag lautete auf 75 Mark. Mehr hatte ich nicht. Müller nahm das Geld und entfernte sich mit schwerem Schnaufen, mahlenden Kinnladen und schlackernden Extremitäten.  

Draußen war es immer noch nicht ganz hell geworden. Ich schloss die Augen. Im Schlaf bekam ich Besuch von Frau Henne, die im dritten Stock wohnte. Sie erschien hüllenlos an meinem Bett, glotze mich schmachtend an und schlüpfte mir nichts, dir nichts unter meine Decke. Dabei spreizte sie ihre üppigen Beine, an deren Innenseiten sich zahlreiche Hämatome befanden. Einige kleinere Hämatome bemerkte ich auch auf ihren wogenden Hängebrüsten. Ihr entblößter Körper erinnerte mich an ein gekochtes Huhn. Frau Henne sprach schüchtern: "Herr Somna, glauben Sie nicht, dass das hier in Wirklichkeit geschieht. Das sind alles nur Hirngespinste von diesem gottverdammten Müller." Dabei umklammerte sie mich eisern mit ihren Schenkeln.

Als sie gegangen war, verrammelte ich die Tür zum Vorzimmer mit dem Schloss.

Ich wachte davon auf, dass mir jemand seine Hand auf das Gesicht legte und mich am Atmen durch Nase und Mund hinderte. Ich zuckte zusammen und stieß die Luft krampfartig aus.

"Sei ruhig, mein Kleiner, sei ganz ruhig. Herzblättchen, alles ist in bester Ordnung", sprach eine neben mir stehende Frau. Sie war spindeldürr wie der Tod und hatte lange Arme. Ihr Gesicht erinnerte an jenen blauen Schädel auf der Hauswand. Ein eng geschnittenes, trägerloses Kleid bedeckte nur mit Mühe ihren flachen Oberkörper. Aus ihrer rechten Brust stand eine längliche Zitze hervor wie ein kleiner Finger.

"Wer sind Sie? Wie sind Sie hier hineingekommen?"

"Ich heiße Ines Sibel. Ich bin nicht hineingekommen, ich war schon die ganze Zeit da. Du kannst mich einfach Ines nennen. Ines, Ines..."

Ihre Stimme hatte eine hypnotische Wirkung auf mich.

Mir war jetzt egal, wie sie in das von innen abgeschlossene Zimmer eingedrungen war. Weder ihr Äußeres noch ihre Anwesenheit in meiner Wohnung störten mich, genauso wenig wie dieses triste Haus, seine irren Bewohner und die halbtote Straße davor. Sogar die schwerblütige Industriestadt K. ließ mich jetzt kalt, obwohl sie mir doch schon von dem Moment an schwer auf der Seele gelegen hatte, als ich damals auf den Perron und in ihren sargähnlichen Bahnhof  hinaustrat - all das hörte in diesem Moment auf mich zu bedrücken und zu quälen.

Ich lauschte dem Rieseln des Mondsandes, den der kosmische Wind vor sich herwehte, ich spürte, wie Ines eine ihrer kalten, knochigen Hände auf mein Gesicht legte, die andere auf das Herz, und ich bäumte mich nicht einmal auf, als mein Atem erstarb.

 
 

(Aus dem Russischen von Klaus Kleinmann)

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