Igor Schestkow "In der Kindheit"

 
 
In der Kindheit quälte mich ein Albtraum: ich fliege, nicht hoch, entlang der Straße einer unbekannten Stadt, suche mein Haus und kann es nicht finden. Und ich kann auf keine andere Straße gelangen, weil die Häuser dicht aneinander stehen – Schulter an Schulter wie Soldaten,  zwischen ihnen sind keine Durchgänge und landen kann ich auch nicht. Da, endlich eine Kreuzung, ich biege auf eine andere Straße ab, doch auch hier ist mir alles unbekannt. Es ist furchtbar. Es nieselt. Der Raum hat keinen Ausgang. Mit dem Körper kommst du nicht aus ihm raus.
In den Häusern sind die Glasscheiben zerschlagen, drinnen herrscht Finsternis und Verödung. Geraschel. Ich fliege weiter, spüre aber den Wind nicht auf dem nassen Gesicht. Der Himmel ist nicht zu sehen – sei es durch Nebel, sei es durch die tief hängenden grauen Wolken. Steile, mit schwarzem Schiefer gedeckte Dächer glänzen vor Nässe. Vage hebt sich ein riesiger Schornstein ab. An den Bäumen braungraue Blätter, klein und verrunzelt. Weder Autos noch Menschen sind zu sehen. Es riecht widerlich nach Kohlenstaub, Stahlspänen und Maschinenöl. Der Asphalt ist brüchig geworden, in den Pfützen steht braune Brühe. Ich sehe da eine Brücke über einem nicht sehr breiten Flüsschen. Das Wasser ist braungrau. Entlang des Flusses erstrecken sich in einer endlosen Flucht Ziegelbauten von Fabriken. Über ihnen ein Ziegelturm mit einem Zifferblatt ohne Zeiger...
Diesen Albtraum hatte ich einige Male, doch jedes Mal klammerte ich mich, erwachend, fester an meine Moskauer Alltagswelt, und der düstere Spuk verschwand. Der Traum war derart irre, dass ich ihn selbst meiner Mutter nicht erzählte. Nachdem ich 1991 nach Chemnitz geraten war, habe ich es sofort erkannt – dies war die grässliche braungraue Stadt aus meinem Kindertraum. Irgendwelche unbekannten Kräfte hatten sich, nachdem sie Welten und Epochen verwechselten und mir den Ort einst aus Versehen gezeigt hatten, entschlossen, den Fehler zu berichtigen – und entsandten mich nach einem Vierteljahrhundert in die verdammte Stadt. Ja, natürlich war in der realen Stadt  nicht alles ganz so wie im Traum – da waren sowohl Autos als auch Menschen und ein Teich im Zentrum und herrliche alte Parkanlagen. Doch vieles wiederholte meinen Traum in allen Einzelheiten: Das stinkende Flüsschen floss unweit meines Hauses vorüber, der verfluchte Turm mit dem zeigerlosen Zifferblatt ragte in der Nähe empor und die riesige Esse beherrschte den Himmel.
Mein Gott! Das ist meine Stadt, ich muss in ihr leben und vielleicht hier sterben...
Leicht gesagt: leben. Doch was tun, wenn die Zeit stehen geblieben ist? Der Raum, der sich vor deinen Schritten öffnet, rollt sich hinter deinem Rücken sogleich zusammen. In der Leere ist es unmöglich, eine Spur zu hinterlassen – und da bist du hier, doch eigentlich gibt es dich nicht, du existierst nicht. Der Körper altert, der Sand verrinnt aus dem himmelblauen Glaskegel, doch Erfahrung kommt nicht hinzu, die Trägheit der Materie rettet nicht – verweht hat es den Blödmann in eine parallele Welt und die Dämonen lachen wiehernd, wobei sie das hilflose Gezappel beobachten.
Das Schreckliche des Lebens besteht nicht darin, dass eine beliebige Phantasie, nachdem sie sich unerwartet materialisiert hat, dein Gefängnis werden kann, sondern darin, dass diese Materialisierung etwas Halbes, Imaginäres sein kann. Nach oben geflogen, ist es nicht furchtbar herunterzufallen, sondern für immer in der Luft stecken zu bleiben.
 
Viele werden denken: so geschieht es dir ganz recht, musstest ja nicht den heimischen Herd, das eigene Volk, die eigene Stadt verlassen. Hast dich vom Pferd auf den Esel gesetzt! Hast Moskau gegen Chemnitz eingetauscht.
Ich hasse diese Anmaßungen, diese Gerichtsverhandlungen und Selbstrechtfertigungen. Der Schlag muss ja doch aus zwei Richtungen weggesteckt werden: Die verlassene Heimat antwortet mit Gleichgültigkeit, durch die hindurch die verborgene Drohung gleitet: Verräter! Deserteur! Auch das Aufenthaltsland kann ätzenden Hass nicht lange verbergen – Die verfluchten Ausländer! Ausweisen! Rausschmeißen! Und selbst aufrichtige Hilfe und Mitgefühl von Freunden hat einen leichten, aber unausrottbaren Beigeschmack von Verachtung gegenüber dem Flüchtling, dem Fremdling, der auf fremdes Hab und Gut aus ist.
„Wozu bist du hierher gekommen?“ schreit diese Verachtung. „Wozu lebst du überhaupt, du Aas?“ hallt es aus der Heimat herüber... „Raus!“ brüllt Deutschland, „Wirst verrecken wie ein Köter!“ echot Russland. Diese Schreie, dieses Gekreische der Walküren und das Gebell des Zerberus sind, wenn man's genau nimmt, nicht gar so schrecklich – da schreit doch deine ersehnte Freiheit, es ist die Stimme der Befreiung von den widerlichen Phantomen der Staatlichkeit, der Nationalität, es ist der Willkommensgruß der Seraphe, gerichtet an den, der den Styx durchschwommen hat.
 
Apropos Nationalität. Auch hier: Ein Riss. Ein Bruch. Emporfliegen ohne Fall. Mein Vater, Sohn eines der Partei angehörenden, ambitiösen und der Sowjetmacht treu ergebenen jüdischen Ingenieurs und einer feineren Petersburger Jüdin (in ihrer Jugendzeit – Gouvernanten, Konservatorium, Französisch, Spiritismus, später – Kinder, der Krieg, Verlust des Sohnes, im Alter – Asthma, Krankenhäuser, Romanlektüre), nahm eine schöne Russin mit einem Einschlag türkischen Blutes und mit einem, bis hin zur Streitsucht gehenden, starken Charakter zur Frau – meine Mutter. Im Ergebnis dessen hielten mich die „echten“, hundertprozentigen Juden nie für einen der „ihren“, die Russen aber, die stets zwischen Judophobie und Judophilie schwanken, stuften mich als „Jud“ (oder Freimaurer-Jud!) ein.
Zwei Arbeitsjahre in einer russischen Kirche unweit von Moskau endeten für mich mit einer Denunziation beim „allerheiligsten Patriarchen.“ „Das verdammte Judenpack hat die Macht in der Kirche ergriffen“, hatten gute russische Omas zu Papier gebracht – Eiferer der Reinheit der Orthodoxie, die aus tiefer Überzeugung annahmen, dass Jesus Christus, die Jungfrau Maria und die Apostel in Russland gelebt hatten und Russen waren.
„Der Staat Israil (Betonung auf der Endsilbe) betreibt die zielstrebige Vernichtung der Mutter-Kirche“, beschwerte sich bei mir der Pope einer anderen Kirche. Doch an die Theorie der Verschwörung des Weltjudentums und des gesamten „Westens“ gegen Russland glauben fast alle Russen, selbst hochgebildete und selbstständig denkende – anders zu denken bedeutet, sich zu Schlussfolgerungen zu verurteilen, die für das russische Volk sehr unerfreulich wären...
 
Als ich mich 1990 an die Westberliner Synagoge um Hilfe wandte, fragten mich die dortigen Juden, ob ich beweisen könne, dass ich Jude bin. Wobei sich diese netten Menschen nicht für meine religiösen Überzeugungen und nicht für die Beschneidung interessierten, sie wussten ja, dass 99% der jungen Juden aus der damals noch existierenden Sowjetunion weder religiös noch beschnitten waren, nein, sie wollten Einblick in meine sowjetischen Geburtsurkunden nehmen und sich davon überzeugen, dass meine Eltern Juden laut Ausweis waren, laut stalinistischem Ausweis... So ist es mir auch nicht gelungen, Jude zu werden. Meine Mutter ist ja keine Jüdin. Wieder ein Riss, ein Schlag, ein Flug, ein Schweben. Und Befreiung. Deshalb, Dank den russischen Denunzianten-Omas, Dank auch den selbstzufriedenen Berliner Juden. Sie haben mich von der Sklaverei befreit, der mich zu ergeben ich freiwillig bereit gewesen war. Der stickige national-religiöse Pferdestall erwies sich für mich als geschlossen – ich weide unter freiem Himmel!
„Und was ist mit deiner Nationalität?“ – fragt mich eine aufdringliche Stimme. „In Ordnung“ – antworte ich. Ich habe einen deutschen Pass, aber in Sachsen bin ich für immer ein „Russe.“ Deswegen bezeichne ich mich so, obwohl ich kein Recht und keine Lust habe die hiesigen Russen und die Bewohner Russlands zu repräsentieren.
 
Die Erinnerung geht zurück an das Dorf K., das sich entlang des Ufers des M-Stausees erstreckte. Ein Erholungsheim der MGU. Die sechziger Jahre. „Altes“ Gebäude. Der Speisesaal im Keller. Serviererinnen, die schwere Tabletts auf der Schulter tragen. Auf den Tabletts in mehreren Schichten eiserne Suppenschüsseln und Teller mit dem Essen. Die Serviererinnen haben rote verschwitzte Gesichter. In der stinkigen Kellerküche, aus der sie kommen, ist es heiß, von dort hallt Geklapper, Geklirr, Geschimpfe herüber, dort sind Köche. Die Serviererin Nastjuschka. Immer wenn wir einen Tisch des Kellerraumes auswählten, suchte die Großmutter ihn so aus, dass er nicht am Gang war und zu Nastjuschka gehörte. Sie war sanftmütig und zärtlich. Man bedauerte Nastjuschka, ihr Mann verprügelte sie, später hat er jemanden erschlagen und saß ein.
Niemandem kam der Gedanke in den Kopf, dass schwere Servierbretter mit Eisenschüsseln, gefüllt mit brühend heißem Borschtsch oder mit Tellern von Makkaroni und kleinen Stückchen schlecht durchgebratenen Fleisches zu schleppen, eine höllische und erniedrigende Arbeit ist. Die  Professorengattinnen mit ihren Sprösslingen hegten nicht den geringsten Verdacht, wie sie alle gehasst wurden von den Serviererinnen, Köchen, Zimmermädchen, ja dem ganzen riesigen Dorf, in dem es kein einziges Familienoberhaupt gab, das nicht einmal im Gefängnis gesessen hatte. Gut zumindest, dass das Erholungsheim für die Dörfler eine Futterkrippe war, dort konnte man sich etwas dazuverdienen, es gab ein Kino, Tischtennis, dort spielte man Volleyball.
Einst war das Alte Gebäude Altersheim für die Bediensteten irgendeines Würdenträgers gewesen. Während des Krieges war in ihm, so die Überlieferung, die Gestapo untergebracht, und im Kellergeschoss, wo später der Speisesaal eingerichtet wurde, ist gefoltert und erschossen worden. Man erzählte auch, dass der Keller während des Bürgerkrieges als Gefängnis der örtlichen Abteilung der Tscheka („Außerordentliche Kommission“) diente, doch fürchtete man in der Zeit meiner Kindheit darüber zu sprechen.
Im Alten Gebäude gab es ein Billardspiel. Mit trockenem Krachen stießen die schweren Elfenbeinkugeln mit ihren Stirnen aufeinander. Man spielte und machte Witze. Man ächzte. Ich entsinne mich an die angespannte Erwartung im Billardraum im August 1968, als man dort einen Drahtfunkempfänger aufstellte und die Nachrichten von Prag schweigend zuhörte.
 
Es gab einen Fernseher. Einmal erwartete man eine Komödie. Doch anstatt der Komödie übertrugen sie eine Rede Breshnews von irgendeinem Plenum – alle dachten, er werde sprechen und dann käme der Film, aber er redete und redete drei Stunden lang. Man ging auseinander, ohne das Ende abgewartet zu haben. Bis zum Schluss hörte nur ein halbtaubes altes Männchen zu, das einschlief und allein im Fernsehraum erwachte – vom Postament wandte sich der „Gensek“ höchstpersönlich an ihn.
 
Oft habe ich längere Zeit das andere Ufer des Stausees betrachtet. Dort gab es mit Gebüsch bewachsene Uferpartien, Birken, Kiefern, sanfte Hügel am Horizont, der Staudamm. Und eine verwahrloste Kirche mit einem schief gewordenen Kreuz, in der sich damals noch ein von niemandem benötigter, halb durch Feuer beschädigter Ikonostas mit großen senkrechten Ikonen befand.
Ich stellte mir vor, dass mein Blick so etwas wie ein fliegendes Geschoss oder eine Kugel wie die, auf der Münchhausen reiste, ist, die ich nach Belieben lenken und frei durch den Raum fliegen kann. So flog ich zum anderen Ufer, und dort schien alles ungewöhnlich und seltsam zu sein, vor allem deshalb, weil ich ja tatsächlich nicht dort war, doch siehe da, ich fliege von Kiefer zu Kiefer, gehe hinaus auf die Straße, hebe ein Steinchen auf, werfe es und vernehme den Laut seines Aufschlages, ich schaue durch die Mauerdurchbrüche in die Kirche hinein und betrachte das leidverzerrte Gesicht Christi in der Höhe, fliege mit Leichtigkeit auf die zerstörte Kuppel hinauf, beschaue mir von dort die Ferne. Doch in der Ferne ist nichts außer glühendem nebligem Zauberrauch, in dem ich stets irgendwelche kribbelnden optischen Würmchen, Seidenspinner des Raums wähnte.
 
Der Großvater hatte mir ein Fernglas geschenkt, so wurden meine Flüge noch interessanter. Jeder Baum, das Feld, ein aus dem Wasser ragender Zweig erschienen mir als Ton, Signal und Wort einer in die Landschaft chiffrierten Phrase, eines Satzes, den ich hören, erraten, lesen wollte...
Und ich las und hörte und flog von einem Wort zum anderen, die Freiheit und Leichtigkeit der Flüge genießend. Eine bekannte Pappel murmelte monoton: Tag...Tag...Tag.
Der riesige, beim Anlegen des Stausees überschwemmte Baum, der von unten aus dem Wasser graue tote Zweige herauswarf, die an die Arme des Gekreuzigten erinnerten, echote ächzend: Och... och... der August, er ist zu Ende.
Man schenkte mir auch ein großes Fernrohr. Das war ein herrliches Instrument, vorgesehen zum Durchstechen der Leere des Weltalls. Der schwere, kalte Stahl des Rohrmantels erfreute die Hand, während mich die wunderbaren violetten Schlieren der entspiegelten Optik um vieles weiter weg katapultierten, als der ältliche Feldstecher – auf die Sterne. Diese Welt hatte ich sofort lieb gewonnen. Mich zogen die Grenzen der Realität an, die neutralen Zonen zwischen den dies- und jenseitigen Welten. Bis heute schweift mein kindlicher Doppelgänger irgendwo in den Ansammlungen der Galaxien meiner geliebten Plejaden umher und sucht Tunnel ins Jenseits. Und wenn ich, der 44-jährige beleibte Narziss, auf dieses kleine Gestirn schaue, so regt sich in mir so wie damals in der Kindheit die Hoffnung, dass ich irgendwann einmal für immer dorthin fliegen und meinen verstorbenen Angehörigen – den Großmütter, dem Vater, dem Großvater, dem schmutzigen Dorf K. und dem stinkenden grünen M-Stausee begegnen werde.
 
Großmutter führte mich hinaus in den Wald. Dort suchten wir eine schattige Lichtung. Wir breiteten eine Decke aus und setzten uns. Der blaue Himmel leuchtete, die weißen Wolken funkelten und die Sonne brannte. Es war heiß. Leise greinten die Mücken. Großmutter las, wobei sie sich hin und wieder einen Klaps gab, ich schaute ins Gras und machte mich ganz klein, so sehr, dass das Gras zum Wald, Dschungel, zu einem Brasilien wurde. In meinem „Grasbrasilien“ kämpfte ich nicht gegen Käfer und Grashüpfer, nein, ich suchte dort das von bösen Insekten verwundete Mädchen – eine kleine aus Lehm modellierte und lebendig gewordene  Puppe. Ich baute für sie ein Häuschen und ein Grasbettchen, legte Wege an und machte kleine Teiche, in die ich die Wasserreste aus der Flasche goss. Aus Blütenblättern der Blumen bereitete ich Verbände, um ihr die kleinen Wundchen von Schnitten und Stichen zu heilen. Ihr Lehmkörper verwandelte sich durch meine Heilbehandlung in einen wahrhaftigen, menschlichen Körper. Ich sehnte mich danach, sie zu umarmen, und diese Gedanken versenkten mich in erotische Glückseligkeit – die wonnigste in meinem Leben.
 
Eben da, im Wald unweit des Dorfes erlebte ich auch die erste sexuelle Erschütterung, deren Erinnerung mich bis heute quält. Es trug sich zu, als ich bereits „erwachsen“ war. Ich war 15 geworden und reiste zum letzten Mal mit der Großmutter. Ich ging allein im Wald spazieren, einfach so, ohne Ziel. Plötzlich bemerkte ich irgendwas sich Bewegendes, etwa zehn Meter von mir entfernt. Dem Instinkt des Selbstschutzes folgend bückte und versteckte ich mich. Mein Herz begann vor Angst zu schlagen –  ich hörte ein herzzerreißendes Miauen. Auf dem Gras  halb liegend – vögelte ein alter,  mit einer Wattejacke bekleideter Hirte, den Dorfnarren Wofan, Nastjuschkas Sohn. Wofan hatte einen Strick in den Händen, der über den hohen Ast eines vertrockneten Baumes geworfen worden war, an dessen anderem Ende baumelte, krampfhaft mit den Pfoten rudernd, ein kopfüber aufgehängter Kater, unter dem ein Lagerfeuer glühte. Der Hirte sang mit heiserer Stimme irgendeine Melodie vor sich hin, sein magerer entblößter Hintern zuckte sehr, sehr schnell. Wofan hielt den Strick mit beiden Händen, zerrte ihn hin und her und wieherte wie ein Hengst...
 
Meine letzte Erinnerung an das Dorf K. ist eine winterliche. Februar. Ferien. Ich bin Student im fünften Studienjahr an der Universität, seit einem Monat verheiratet. Meine junge Frau N. ist Studentin an der philologischen Fakultät. Wir sind im Neuen Gebäude, essen in einer neuen Kantine, in der die älter gewordene Nastjuschka, die in der Küche Karriere gemacht hatte und Wirtschafterin geworden war, nicht mehr serviert. Der Hirt ist gestorben. Wofan sitzt im Gefängnis. Am anderen Ufer des Stausees ist alles mit hohen Schneewehen bedeckt. Das märchenhafte Sternbild des Orion flimmert am frostigen Himmel. Aus der verwahrlosten Kirche war der einst nicht gänzlich verbrannte Ikonostas verschwunden.
Wir sind komfortabel untergebracht, haben ein hübsches Zimmer mit Balkon. Abends machen wir es uns, die Beine im Sesseln angezogen, gemütlich und rezitieren einander Gedichte. Wir trinken Wein. Wir tanzen. Draußen ist Frost. Die Scheiben sind mit Eisblumen bedeckt. Im Zimmer steht weihnachtlicher Tannennadelluft. Wir gehen auf den Balkon hinaus. Meine liebe Frau fängt Schneeflocken mit den Lippen. Sie sind süß. N. liebt es, Schnee zu essen. Vor drei Wochen war ihre betagte Großmutter gestorben, die sie sehr geliebt hatte. Daher ist N. nachdenklich.
Es ist keine leichte Prüfung – die Erfüllung von Wünschen, die Folter durch das Glück. Keine Sackgasse, die hoffnungsloser wäre als diese. Der verdammte Augenblick hätte verweilen sollen, doch statt dessen entschlüpft er. Von der Spitze einer Pyramide ist nur Abstieg möglich, der von niemandem abgeschaffte Kronos arbeitet präzise mit seinen Kiefer-Prothesen und alles fährt sacht zur Hölle.
Kurzum, irgendwann einmal waren wir auf Skiern unterwegs über den Stausee. Was für eine Idylle – ein junges Paar läuft Ski. Mich brachte schon alles zur Raserei – die Skier, der Wind, der Schnee und die Frau. Und das Wichtigste – meine idiotische Rolle eines glücklichen Ehegatten. Und da geschah ein Wunder. Über uns brach ein Schneesturm herein und im Gewirbel des Schnees verloren wir einander für eine kurze Zeit. Als sich aber der Sturm gelegt hatte und sogar die liebe Sonne auf den Schneeflocken glänzte, erblickte ich mich selbst und meine Frau von der Seite. Sie fuhren nebeneinander her, gestikulierten, schimpften. Der Körper aber, in den ich mich befand, war schon weit weg von ihnen. Zuerst geriet ich in Verwirrung und wusste überhaupt nicht, was zu tun sei, dann jedoch kam ich darauf, dass mein früheres, linear verlaufendes Leben nun nie wiederkehrt. Und ich begab mich eiligst nach Moskau.
 
Etwas Ähnliches ist mit mir schon einige Male geschehen. Besonders in der Erinnerung verblieben ist die Abreise nach Deutschland.
Das Schreckliche der Emigration besteht darin, dass sie ihrem Wesen nach unmöglich ist – natürlich kann man die Heimat verlassen und sich sogar bemühen sie zu vergessen, doch es ist unmöglich, den eigenen Doppelgänger loszuwerden, der zurückbleibt und wie die Seele eines nicht beigesetzten Menschen rings um die im vergangenen Leben gewohnten Stätten umherschweifen wird. Weil irgendein Teil der Persönlichkeit allen Naturgesetzen zuwider, möglicherweise aber auch dank derselben, deine Existenz in einem von dir abgespaltenen Klon fortsetzt. Und das Unbegreiflichste und Rätselhafteste besteht darin, dass sich dabei nicht nur deine Persönlichkeit und dein Schicksal spalten, sondern auch das ganze All – jener andere Teil desselben wird auch weiter so existieren, als wärest du nicht weggefahren. In ihm werden sich alle deine Ängste verwirklichen und über die Träume zu dir herüberfliegen. Kurzum, Emigration – das ist Klonen der Persönlichkeit und die Spaltung des Alls, nicht aber Flucht. Aus dem Wunsch heraus, ins Paradies zu kommen, schickst du deinen Doppelgänger zur Hölle.
 
Ich bin im September 1990 vom Belorussischen Bahnhof abgereist. Moskau hatte mich ausgestoßen. Meine geliebte Stadt war mir fremd geworden – dies war etwa fünf Monate vor meiner Abreise geschehen. Gleichsam unsichtbare fremde, böse Geister waren in der Stadt eingezogen. Bekanntlich blickt alles, es blicken die Häuser, Autos, Straßen, es blickt der Himmel, der Mond, der Tisch usw.. Ja nun, ich fühlte plötzlich, dass Moskau schwer, hasserfüllt durch seine mehrgeschossigen Gitter hindurch auf mich blickt. Die geliebten Straßen hatten aufgehört, mich zu erfreuen und aufrechtzuerhalten – sie glotzten mich mit unverhohlener Gereiztheit an, die Häuser neigten sich zur Seite und waren bereit, mich mit ihrer Schwere zu zerquetschen. Glauben Sie mir, ich projiziere mitnichten die eigene Laune auf die Physiognomie meiner Stadt. Ich war fröhlich und voller Energie, leichtsinnig, beschwingt und neugierig.
Möglicherweise war in dieser Zeit das von Generationen geschaffene Schutzfeld zerstört worden und die grandiose Illusion „Moskwa“ begann ihr wahrhaftiges, nicht mythologisches, doch recht widerwärtiges Äußeres zu finden. Das majestätische Phantom, die von Stalin und seinen Nachfolgern errichtete, auf natürliche Weise mit unserem geistigen Körper zusammengewachsene Fata Morgana, zerlegte sich in Schichten, zerfiel zu Asche, und auf uns schauten die furchtbaren bleifarbenen Augen der Wahrheit – des Todes, der Verwesung und Ohnmacht. Es war ja nicht die UdSSR zerfallen, sondern wir – ihre Kinder, ihre Würmchen, ihr Vieh.
 
Niemand hat mich begleitet. Es ist nicht üblich, Männer zu begleiten, und ich hatte mich überdies von den Freunden ferngehalten. Damals waren alle ständig mit den eigenen Sorgen beschäftigt. Ich war allein auf dem Bahnhof, allein im Abteil. Es war traurig. Und auf einmal bemerkte ich auf dem Bahnsteig irgendeinen mir bekannten Menschen, der dort stand, betrübt und gleichsam fassungslos lächelte und mir zuwinkte.
Der Zug setzte sich in Bewegung. Er stand da und schaute mich an. So bin ich eben mit dem Gedanken abgereist, dass mich jemand begleitet hat. Und habe das sogar vergessen. Erst nachdem ich in Dresden angekommen und zur Ruhe gekommen war, mich erholt und mit dem gastfreundlichen E. Wein getrunken hatte, begriff ich, wer auf dem Bahnsteig gestanden hatte...
 
Das allerbeste Glück ist das ohne besonderen Grund. Es war manchmal in der Kindheit zu mir gekommen. Dabei immer nur zu jenen Zeitpunkten, wenn in der äußeren Welt irgendeine, und sei es eine noch so kleine und nur mich allein betreffende Katastrophe, geschehen war. So etwas trat ein, als ich in der neunten Klasse aufhörte, zur Schule zu gehen. Das heißt, das Haus verließ ich pünktlich, ging jedoch nicht zur Schule, sondern traf mich neben dem Kaufhaus „Moskwa“ am Leninprospekt, mit meinem Freund Shenja R., fuhr mit ihm ins Kino, zur „Illusion“, im Hochhaus am Kotelnitscheskaja-Ufer. Sowohl ich, als auch Shenja wurden schließlich von der Schule geschmissen, und es hatte den Anschein, als sei nun das ganze Leben verpfuscht, aber es kam ganz anders. Beide absolvierten wir andere Schulen und später auch die Universität, arbeiteten in einem angesehenen Forschungsinstitut, aber all dies hatte uns keine große Freude bereitet – Glück und Freude haben wir nur in jenen gestohlenen, von Determinierung freien, trunkenen Tagen empfunden. Der Clou bestand nicht in der Faulheit und nicht im Schwänzen des Unterrichts – es ging einfach um die Geometrie des Tages an sich.
 
Ein lichter Zustand von Zeit und Raum – der Tag – duldet keinerlei Zwang. Adam war nicht zur Arbeit und Liebe erschaffen worden, sondern zum zeitplanlosen Spazieren durch Eden.
Ein determinierter Tag – das ist eine Kathedrale, die in eine Fabrik umgewandelt worden ist. Ihr Raum ist in Teile zerschlagen, funktionalisiert, dient der Verarbeitung von Materie, Energie und Information aus einer Art in eine andere. All dies ist sowohl nützlich als auch notwendig, bringt aber kein Glück. Z.B. sind Europäer satt, arbeiten, reisen, sind aber nicht glücklich, sie sind Erwachsene, die das Mysterium verlassen haben, deren Tage determiniert sind. Noch im Mysterium lebende Russen, diese gealterten Kinder, vermögen es, kraft der Unvereinbarkeit des Maßstabes ihrer Zeit und der Geografie des riesigen Landes nicht den Tag zu planen, und daher unterjochen oder befreien sie sich und andere so oft und empfinden Glück. Wodka ist auch ein Mittel gegen Determinierung, einen Betrunkenen kann man betrügen, verprügeln, berauben, aber es ist unmöglich, ihn zum Roboter zu machen. Den Idioten kann man nicht in einen guten Arbeiter verwandeln (die Gaskammer hätte in Russland nicht funktionieren können – in ein paar Tagen wäre das Gas geklaut worden).
 
Die alten Meister bauten gotische Gewölbe zur Offenbarung der verborgenen Formen des Raumes. Ihn durch genau vorgezeichnete Gewölbebogen begrenzend, verliehen sie dem Raum durch diese Grenzen – Form. Sie brachten nur der Mathematik zugänglicher göttlicher Eigenschaften, die sich mit Klang und den Ansichten der Gemeindeglieder füllenden luftigen stereometrischen Figuren zu Tage. Die gotische Kathedrale stammte vom Luftbogen ab, von der Überdachung, von rotierenden und überflüssigen Gewicht verlierenden Bögen. Aufbauen kann man die Tag-Kathedrale ausgehend vom Primat des Raumes oder der an Form gewinnenden Leere. Nach diesem letzterem Prinzip baut sich eine konstruktivistische Skulptur oder das Leben im Kloster, ein Spaziergang, der Besuch eines Museums usw. auf – der Leere wird zeitliche Form verliehen, diese Form schwingt mit anderen Formen mit, es entsteht die Glück bringende Sphärenmusik. Die Schule, die Universität, die Fabrik – sie bauen keinen Raum auf, sie beuten ihn aus, füllen ihn mit nutzlosen Mauern und Trennwänden, lassen die Leere nicht ihre  göttlichen Eigenschaften offenbaren und ertönen. Ihre Tätigkeit ist freilich erforderlich, doch bringt sie viel weniger gute Früchte, als üblicherweise angenommen wird. Genau genommen, verwandeln sich Unterricht, Produktion, Arbeit, Geld zum Selbstzweck werdend, in eine ziemlich giftige Illusion, welche den Raum zerstört und die Zeit besudelt.
Meine Erfahrung hat mich zu der unerfreulichen Schlussfolgerung gebracht: Glück – das ist die einzige Gabe der Götter, alles Übrige obliegt dem Zufall und mechanisierten, chemischen etc. Naturgesetzen. Das heißt, wenn du ein reueloser Mörder bist, dann kannst du möglicherweise alles erreichen, nur eines nicht – das Glück. In der Kunst ist das Äquivalent des Glückes – die Harmonie. Im alltäglichen Leben ist es – der freie Atem der Leere.
 
Meine frühen Kindheitsjahre verbrachte ich im Haus Nr. 14 auf dem Lomonossow-Prospekt gegenüber dem Kinotheater „Progress“. Es war ein gigantisches Gebäude im Zuckerbäckerstil (auch das „stalinistische Empire“ genannt), bewohnt von einigen Tausend Menschen, welches einem aus beeindruckenden Würfeln zusammengesetzten menschlichen Ameisenhaufen glich. Für uns Kinder war es angenehm, auf seinen Höfen – eingegrenzt durch gewaltige, aus der Erde emporragende Backsteinschultern – zu spielen. Dank seiner soliden Formen vermittelte das Haus Ruhe und Sicherheit. Stalinistische Architekten waren Magier der Beruhigung. Ein friedlicher und schlummernder Gigant, in dessen porösem Körper privilegierte „Vögelchen“ – Lehrkräfte der Universität mit ihren Familien – Unterkunft fanden.
Wir wohnten in der vierten Etage. Fenster und Balkon gingen auf den Prospekt hinaus und obwohl es bis zu diesem 200 Meter waren, verstummten das Autogeheul und Straßenbahngequietsche – diese Begleitmusik des Moskauer Lebens – nur in der Nacht. Im Winter vermischte sich der Benzingestank mit dem Schneegeruch und im Sommer mit dem Duft der blühenden Linden und Blumen vom „Ring“ – ein großes Blumenbeet, welches für die auf den Prospekt führende Hofseite seinen Name geschenkt hat. Mit meinem Kindermädchen ging ich auf dem „Ring“ spazieren. Ich betrachtete die in den Asphaltrissen lebenden Ameisen und murmelte etwas vor mich hin.
Ebenfalls auf dem „Ring“ auf einer Bank sonnte sich eine Omi, die immer ein und denselben grauen Drapmantel und ein altmodisches, schräg aufgesetztes Hütchen trug, unter welchem die grauen Haare hervorlugten. Sie murmelte ebenfalls oft irgendetwas in ihren Bart hinein. In ihren dunklen Augen stand wie versteinert eine für uns, nach Stalins Tod Geborene, unbegreifliche Furcht. Die sechs- bis siebenjährigen Kinder hänselten sie auf gemeine Art und Weise, spuckten ihr ins Gesicht. Sie taten dies weniger aus einem angeborenen Sadismus als vielmehr einem Instinkt heraus, alt gewordene Menschen ins Nichts wegzudrängen. Damals hat mir diese Frau nicht einmal leid getan, im Gegenteil, es bereitete mir Vergnügen, dass die diesem schutzlosen Wesen zugefügten Schmerzen ungestraft blieben. Später verlor ich aufgrund von Bösem, welches mir selbst angetan wurde, dieses Gefühl. Wenn ich heute auf dem Sonnenberg spazieren gehe, die Blicke junger Menschen treffe und in ihren gleichgültigen Augen  eine irrationale Bosheit bemerke, denke ich an die Moskauer Großmutter in ihrem grauen Drapmantel zurück. Der Krieg der Generationen - der grausamste aller Kriege überhaupt – hat nun auch mich ereilt.
 
Auf dem breiten Korridor unserer Wohnung standen ein großer Holzfernseher mit kleinem Bildschirm  auf einem Untergestell und ein Sofa. Abends sahen wir dort die Nachrichten, Filme (meistens „Kriegsfilme“) oder aber Fußball – ein geheimnisvoller weißer Punkt sprang von einer winzigen Figur zur anderen. Meine russische Großmutter, die manchmal zu uns zu Besuch kam, wunderte sich immer, warum man nicht jedem Spieler seinen eigenen Ball gab, da sie doch alle wegen dem einen so verbissen kämpften, rannten und sich rauften...
Die Tür des Zimmers, welches ich mit meiner Mama und meinem Papa bewohnte, führte auf den Korridor und so störte mich der Fernseher oft beim Einschlafen. Ich lag auf der Sesselcouch und beobachtete die an Wand und Decke wandernden Streifen-Muster des gelben Lichts, das Strahlen der Messingumrandung des Leuchters und die Lichtreflexion auf den Bücherregalen, das Entstehen und Verschwinden geheimnisvoller Figuren in dunklen Ecken.
In dem Versuch, dem aus dem Korridor zu mir dringenden, nervenden Lärm zu entkommen, vergrub ich meinen Kopf  in die Decke und schlüpfte in die Glückseligkeit einer Insektenpuppe.
Ich dachte an die Leninberge. In meiner Vorstellung waren das gewaltige, bläuliche, schneebedeckte Hügel, in deren Mitte auf einem Eisthron ein majestätisch wirkender  alter Mann in weißer Bekleidung - Lenin - saß. Auf seinen Handflächen liegt die in bunten Lichtern schillernde Druse-Stadt Moskau, stehen wie gigantischen Kristallprismen-Häuser. Dort sind die sechs Türme meines Hauses zu sehen, dort auch das mir vertraute Fenster. Hinter dem Tüllvorhang das nächtliche, grün schimmernde Licht.
 
Die wahren Leninberge (die nunmehr, in der postkommunistischen Epoche, ihren alten Namen, „Sperlingsberge“ zurück bekommen haben) – das sind keine Berge, sondern einfach ein erhobenes Süd-West-Ufer der breiten Moskwa-Flusswindung, welches das Plateau bildet, auf dem ein geometrisch aufgebauter Park mit Fontänen, Blumenbeeten und Bänken angelegt ist.
Am Rande des Plateaus, vor dem Abhang gibt es eine Aussichtsplattform, die einen phantastischen Blick auf die Stadt bietet. Unmittelbar hinter dem Fluss sieht man das Moskauer „Kolosseum“ – das Lushniki-Stadion, links das Neuen Jungfrauenkloster mit der Smolensk-Gottesmutter-Kathedrale und ihren fünf schweren Kuppeln sowie dem barocken Glockenturm, rechts die seit ewigen Zeiten in Reparatur befindliche Metrobrücke (um das Aushärten des Betons und damit die Übergabe der Brücke zum nächst anfallenden kommunistischen Feiertag zu beschleunigen, haben die Bauleute Salz beigefügt und damit fatal ihre Qualität beeinträchtigt), direkt in der Panorama-Tiefe, der Kreml, dahinter das gewaltige Gebäude des Hotels „Rossia“, 7 Stalinistische Hochhäuser und eine Uferstraße.
Dieses Panorama verfolgt mich in meinen Träumen über Russland. Es entwickelte sich zu meinem Peiniger, denn es ist nicht möglich, im Traum irgendetwas zu sehen, wie es in Wirklichkeit ist: Es ist verzerrt, verändert, deformiert, wie auf einem surrealistischen Bild, und diese teuflischen Deformationen parodieren auf spöttische Weise verborgene Ängste. Ich möchte ein Beispiel nennen: Der wohlgestaltete, weiße, gut von den Leninbergen sichtbare Glockenturm Iwans des Großen im Kreml (welchen Kandinsky die „Moskauer Sonne“ nannte) erscheint mir im Traum in Gestalt eines Busen mit einer nach oben emporragenden Brustwarze. Sie sieht so aus, als wäre sie aus einer fettigen, cremigen Masse gemacht worden. Die Brust ist riesig, platt gequetscht, porös und wurmig wie ein verfaulter Pilz. Sie beansprucht den halben Himmel und läuft Gefahr, die ganze Stadt, die ganze Welt mit ihrer zerfließenden Masse zu überschwemmen. Anstelle von Häusern stehen überall seltsame, rostige Stahl- und Betonkonstruktionen ohne Wände und Dächer.
 
Rechts hinter der Metrobrücke sind die Kreuze der „neuen“ Kathedrale des Donskoi-Kloster zu sehen. In den Schutz seiner hohen Wände habe ich mich oft vor der Moskauer Belastung gerettet. Dort zwischen Bäumen und Grabsteinen habe ich meine ersten Naturzeichnungen gemacht, dort bin ich auch mit meinen Freundinnen spazieren gegangen und habe einige merkwürdige Momente erlebt.
Das Kloster war immer eine unerwartete Oase der Ruhe und Stille, die man in dem lauten und schmutzigen Fabrikviertel nicht erwartete. Ein Besucher, der in das durch Festungswände begrenzte Innere des Geländes kam, befand sich in einer anderen, nicht der Moskauer Welt. Dort hörte man kein Fahrzeuggeheul und keinen Fabriklärm. Die Friedhofsruhe wurde lediglich im Frühling und Sommer durch das Blätterrauchen und den Vogelgesang gestört. Moskau gab sich nur durch ein stilles, dumpfes Grollen, ähnlich dem in einer leeren Muschel hörbaren Meeresrauschen, zu erkennen.    
Menschen konnte man im Donskoi-Kloster selten begegnen. Dafür einer Vielzahl Grabsteine, alte und relativ neue (bis zu den fünfziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts), mit gegossenen, auf Metallkreuzen gekreuzigten Christus-Figuren, mit traurigen Marmorengeln, als Grab mit barocken Löckchen, oder als  dekadenter „Lebensbaum“; sie umgaben und zogen dich in das Reich der Toten.
Ich ging im Frühling hierher, wenn Bäume und Sträucher bereits grün waren, und die schwarze, nach Tod riechende Erde mit gelbem Löwenzahn und kleinen blauen Blümchen bedeckt war. Nachdem ich mich vor einigen bekannten Grabstätten verneigt hatte, setzte ich mich auf eine Bank und breitete auf ihr Papier, Federn und Tusche aus. Ich zeichnete Bäume, deren mit keiner Kunst zu überbietende grafische Kompositionen. Ich zeichnete die Stämme, Zweige und Zweiglein, die Erde, Grabsteine und Silhouetten der Kathedralen.  Ich versank in der stillen Ekstase der Einsamkeit, in der die Gedanken, normalerweise graue, langweilige Tiere, plötzlich zu feuerbeflügelten Seraphen werden, und das Herz vom Gefühl der Erfülltheit und Freude des Daseins überläuft.
 
In einem derartigen Zustand unterhielt ich mich oft laut mit den toten Grabbewohnern, die mich von den in die Grabsteine eingearbeiteten Fotografien ansahen. Ich sprach mit ihnen ohne Pietät oder Ironie, so wie mit Lebenden. Ich erzählte ihnen etwas und stellte ihnen irgendwelche Fragen. Und mir kam es so vor, dass sie mir mit meinen Gedanken antworteten. Wer weiß, woher in Wirklichkeit unsere Gedanken kommen? Es ist schwer daran zu glauben, dass sie alle in unserem Gehirn entstehen. Ein Teil von ihnen wird doch von uns offenkundig über den  metaphysischen Äther empfangen. Aber mit wem, wenn nicht mit den Toten, wird sich dort unterhalten? Und wo sonst, wenn nicht auf dem Friedhof?
 
Und so saß ich, zeichnete, sprach und hörte. Mein Kopf war fast die ganze Zeit über gesenkt, ich ging von der Beobachtung zur aktiven Umsetzung über, schaute – vollkommen auf die Details der Komposition konzentriert – eine Zeit lang nicht auf. Das, was ich sah, als ich mich dann letztendlich von der Zeichnung los riss, erschreckte und begeisterte mich zugleich.
Neben den Gräbern standen deren Bewohner! Einfach schweigend standen sie da und schauten mich an. Die Verstorbenen trugen weder Lumpen noch Leichenhemden, sondern Alltagskleidung wie zu ihren Lebzeiten. Und sie hatten nichts Gruseliges an sich. Das waren keine Gespenster und keine Geister, sondern einfach Tote, die trotzdem irgendeine andere, unbekannte Lebensform genossen. Selbstverständlich habe ich mich stark in die Hand gekniffen. Es half nichts. Allerdings verflog meine Angst allmählich.
Ihre wachsbleichen und erstarrten Gesichter waren von der Verwesung  nicht zerfressen. Ihre Augen – unbeweglich, trüb, als wären sie müde, aber nicht vollkommen tot. Sie sahen mich leicht vorwurfsvoll an. Ich bemerkte, dass vor den halbtransparent gewordenen Klosterwänden Tausende Verstorbene standen, und hinter ihnen möglicherweise Hunderttausende. Ich kniff die Augen zusammen und ließ sie etwa eine Minute geschlossen. Als ich sie wieder öffnete, sah ich, dass meine cinematografische Vision beendet war, nahm meine Sachen und ging.
 
Zu Hause erzählte ich meiner Oma von dem Erlebnis. Sie seufzte und riet mir, ich solle mich auf die bevorstehende Prüfungsperiode vorbereiten und nicht auf Friedhöfen herumlaufen.
Mich quälten Fragen wie: Warum die Verstorbenen sich mir gezeigt haben, warum es so viele waren, und warum es alles Tote aus Sowjetzeiten (wie man anhand ihrer Bekleidung beurteilen konnte) und nicht einer vom „alten Regime“ dabei war. Irgendetwas stimmte da nicht.
In den Zeiten der Spätperestrojka wurde das Rätsel teilweise gelöst. Da wurde bekannt, dass sowohl im Kloster selbst, als auch auf dem von der Seite des Krematoriums angrenzenden Gelände in riesigen Brudergräbern in Lubjanka zu Tode gequälte und erschossene Menschen beigesetzt wurden. Wie viele es waren, „weiß niemand“, aber man weiß, dass es viele waren.
Die Folklore aller Völker bestätigt, dass nur unrechtmäßig Getötete und nicht gerächte Seelen den Lebenden  erscheinen können. Wahrscheinlich ist etwas Ähnliches auch passiert. Die Opfer der Stalin-Ära sind mir erschienen, um an sich zu erinnern. Denn ihr Blut schreit bis heute zum Himmel – ihre Mörder und Peiniger sind nicht nur ungestraft, sondern wurden auch noch ausgezeichnet, leben in Ehre und Achtung, genießen Privilegien.
Die von Historikern oft erwähnte Duldsamkeit des russischen Volkes grenzt an Masochismus. Es hat die Sowjetmacht, die in gewisser Weise die Verkörperung der russischen Seele war, aufrichtig geliebt, liebt den Herrn, den Vorgesetzten und die Regierung und – ganz besonders – den Henker mit der Peitsche. Es schaut gern zu, wie  andere geschlagen werden und hält gern den Rücken hin. Und wie es ein populärer Witz besagt, bringt es zur Hinrichtung seinen eigenen Strick mit. Es zieht keinerlei historische Lehren. Nachdem es sich einen KGB-Emporkömmling, einen ehemaligen Spion, einen den Diktatorposten anstrebenden Henker Tschetscheniens, zum Präsidenten gewählt hat, hat das russische Volk zum wiederholten Mal seine Bereitschaft, Opfer zu sein, dokumentiert. Das alles verschwindet allerdings aus meinem Kopf, wenn ich mich an den Ausdruck des leichten Vorwurfs in den Augen der demütig an ihren Gräbern stehenden Toten erinnere.
 
Die Luftlinie „MGU (Moskauer Staatliche Universität) – Kreml“ ist die horizontale Hauptachse Moskaus. Das von überall zu sehende Hauptgebäude der Universität dient als eine Art Zielscheibe für die von Millionen Moskauern geworfenen Blicke, die danach streben, sich irgendwie dorthin nach oben, in den Süd-Westen, zu versetzen, aus der Moskauer schwarzen Hölle in das Licht und die Weite zu entfliehen.
Entlang derselben Linie, nur in anderer Richtung (von der MGU zum Zentrum), flog Matthias Rust, der mich vor der Armee gerettet hat.
Nach seiner Landung auf dem Roten Platz herrschte in den Moskauer Militärbehörden Chaos. Ein paar Tage vor diesem Ereignis bekam ich vom Wehrkreiskommando den Einberufungsbefehl. Ich sollte „mit persönlichen Dingen“ erscheinen, was nur eins bedeuten konnte: Einberufung als Offizier der Reserve.
Für nicht Eingeweihte zur Erklärung: Nach Beendigung des zweiten Weltkriegs verteidigte die Sowjetarmee nicht die UdSSR vor den sie „umgebenden Feinden“, sondern die regierende Nomenklatur vor dem eigenen Volk. Die Machthaber  des riesigen Landes, die im Prozess der Konsolidierung ihrer Macht mehrere Dutzend Millionen Menschen umgebracht haben, fürchteten nicht am meisten die Interventionen, sondern die Revolte, das Ausschweifen der sozialen Aktivitäten der „einfachen sowjetischen Werktätigen“. Und die Armee – wie auch andere Kräfte der Unterdrückung und Gewalt – spielte in der Innenstruktur der UdSSR die Rolle eines gigantischen Knüppels. Wie die schändlichen Kriege in Afghanistan und Tschetschenien zeigten, war sie wenig effektiv, fraß einen  Löwenanteil an materiellen und menschlichen Ressourcen, war eher dazu geeignet, die eigene Bevölkerung und die Leute in fremden Ländern zu erschrecken, als zu irgendwelchen vernünftigen Aktivitäten. In die Armee zu kommen, egal ob als Offizier oder Soldat, bedeutete nicht nur, in die Sklaverei von Schurken zu geraten, sondern auch deren Partei zu ergreifen. Eine positive Funktion hatte die Armee dennoch – die Angst vor ihr zwang intelligente junge Männer zum Lernen. Um die Prüfungen erfolgreich zu bestehen und in irgendeine Hochschulbildungseinrichtung aufgenommen zu werden - die Studenten wurden vom Soldatendienst befreit.
Ich komme also in das Wehrkreiskommando. Natürlich ohne persönliche Dinge, um die Lage aufzuklären. Es ist niemand drin. Es herrscht ein Hoffnung vermittelndes Durcheinander: Irgendwelche Papiere liegen herum, die Türen stehen offen, es zieht. Aus einem Dienstraum kommt ein Offizier herausgerannt – unordentlich  gekleidet, die Haare zerzaust, unruhige Augen.
„Was willst Du?“
„Nichts“ – antworte ich, „ich habe hier einen Einberufungsbefehl.“ Er sieht auf den Einberufungsbefehl, schaut mich an und wird rot vor Wut. Dann brüllt er mich an: „Scher dich zum Teufel!“
Selbstverständlich zwang ich mich nicht, lange zu warten. Mehr hatte ich mit dem Wehrkreiskommando nicht zu tun - sie hatten mich vergessen. Der meiner Taktlosigkeit geschuldete Schrei des wütenden Offiziers klingt noch heute in meinen Ohren  – wie der letzte Wille meines „Vaterlands“.
Nachdem ich nun 10 Jahre in Deutschland lebe und nach einem langen, unwürdigen Kampf mit der Bürokratie deutscher Staatsangehöriger geworden bin, habe ich, um die russische Staatsangehörigkeit abzulegen, meinen Pass und Wehrdienstausweis an das russische Konsulat in Leipzig geschickt. Als ich sie in den Umschlag steckte, zum Abschied noch einmal an ihnen roch und ein letztes Mal den vertrauten, sauren Geruch von sowjetischen Amtspapieren empfand, wovon mir irgendwie doch schwer ums Herz wurde, dachte ich bei mir – es könnte  alles anders sein, nicht so unsinnig und unmenschlich.
 
In den dreißiger Jahren plante man direkt im Zentrum Moskaus, dort wo gerade die Erlöserkathedrale gesprengt worden war (ein einer prachtvollen Metro-Station ähnelnder Doppelgänger von ihr, entstand auf Befehl des Gouverneurs Lushkow in den neunziger Jahren an alter Stelle), den gigantischen Sowjetpalast zu bauen. Der vom „Palastbaurat“ ausgesuchte und überarbeitete Projektvorschlag von Boris Iofan sah vor, dass auf der Palastspitze in einer Höhe von 420 m, eine metallene ca. 70 Meter große Leninfigur stehen sollte. Seine ausgestreckte Hand sollte auf die Leninberge, auf die Spitze eines anderen Gebäudes, zeigen, auf dem eine ebenso große Stalinfigur stehen und auf die Leninfigur zeigen sollte (darüber hat mir mein Großvater erzählt, der den Architekten des MGU-Gebäudes, Lew Rudnew,  gut gekannt hat und selbst am Bau beteiligt war). Auf diese Art und Weise gedachten die Bolschewiki sich den Raum unterzuordnen und eine Falle für die Zeit (in der Art der ägyptischen Pyramiden, oder des Babelturms) zu errichten, in denen sich Blick und Seele des Menschen wie eine Pingpongkugel von einem Götzen zum anderen und wieder zurück bewegen. In den Köpfen von Stalin und Lenin sollten Fachkabinette untergebracht sein, in denen es  Studenten, Stalin- und Leninstipendiaten, Gelehrten und Stalinpreisträgern ein Mal im Jahr erlaubt sein sollte, sich  dem Studium der „siegreichen Lehre von Marx, Lenin und Stalin“ zu widmen.
Es ist wirklich schade, dass dieses Projekt nicht realisiert wurde. Mein Großvater  erzählte auch gern einen alten sowjetischen Witz: Hätte man Stalin bei der Projekterörterung gefragt, was denn passieren werde, wenn die am Moskauer Himmel so oft anzutreffenden niedrigen Wolken die Oberteile beider Figuren zudecken und unten nur die gigantischen Stiefel des Generalissimus und die zivilen Schuhe des „Führers des Weltproletariates“ zu sehen sein würden? Stalin hätte überlegt und anstatt den Statuen die Spitzen gezeichnet.
Die historische Realität war anders: Stalin hat selber vorgeschlagen an der Spitze des Palastes der Sowjets eine Lenin-Statue zu errichten. Der ganze Komplex musste auch als ein überdimensionales Lenin-Denkmal dienen. Und wegen seiner besonderen diktatorischen Logik hat er die Umsetzung des Projektes gebremst, die Initiatoren teilweise vernichtet, teilweise beseitigt.
 
Letztendlich hat man in den pragmatischen Chruschtschow-Zeiten an Stelle der gesprengten Kathedrale und des nicht gelungenen Palastes der Sowjets ein Freiluftbad „Moskwa“ und auf den Leninbergen ein Hotel gebaut, welches im Verlauf der Dinge in die Staatliche Moskauer Universität umgewandelt worden ist. Es wurde wie auch alle anderen Stalinistische Hochhäuser von Häftlingen errichtet. Und über die Schwimmhalle wurde zu Zeiten meiner Kindheit geflunkert, dass dort religiöse Fanatiker aus Rache wegen ihres gesprengten Heiligtums unter Wasser Kinder abstechen würden.
Diesen Unsinn erzählte mir derselbe, mit einem gesunden Geist ausgestattete Großvater, der aus der Erfahrung seines langen Lebens wusste, dass in Russland alles möglich ist. Ihn selbst beispielsweise hätte man während eines in den dreißiger Jahren in einer Kleinstadt nahe Leningrad veranstalteten Judenpogroms fast umgebracht. Er erzählte, dass er nur deshalb verschont wurde, weil man ihn als Fußballspieler einer der populärsten Leningrader Mannschaften erkannt hatte.
 
Ich begann 1973 ein Studium an der Fakultät für Mathematik und Mechanik der MGU. Es gab keinen Grund, besonders stolz zu sein. Fast alle meine jüdischen Freunde wurden nicht aufgenommen. An dieser Stelle ist wiederum eine Einfügung für nicht Eingeweihte notwendig: beginnend mit dem Ende der sechziger Jahre, d.h. mit dem Beginn der Emigrationsbewegung nach Israel und in die USA, wurden aufgrund einer geheimen Anordnung der Parteiführung keine Juden mehr in die Moskauer und Leningrader Prestigehochschuleinrichtungen aufgenommen. Dies erfolgte, indem man mithilfe eines ausgeklügelten Systems unerwünschte Abiturienten in den Prüfungen scheitern ließ und wurde mit solchen Bemerkungen wie beispielsweise: „Wozu sollen wir Akademiker für Israel heranbilden?“ gerechtfertigt und begründet. Ich als Halbjude wurde, nachdem ich bei Passerhalt den jüdischen Namen meines Vaters in den russischen meiner Mutter geändert hatte, genommen, und ich schämte mich. Doch ich vergaß meine Scham als ich gleich nach den Prüfungen in das Studentenlager nach Pizunda am Schwarzen Meer kam. Die aufregenden, entkleideten und hübschen Mädchen, das warme Meer, der süßliche abchasische Wein „Psou“ und fünf transparente Zeittafeln – fünf vor mir liegende Studentenjahre lenkten mich von meinen schwermütigen Überlegungen ab.
Das Studium war leicht, weil ich nicht in die Tiefe von Mathematik und Mechanik eingedrungen bin, und nur einige Lehrfächer, die ich für meine allgemeine Entwicklung wichtig fand, belegt habe. Viel interessanter als zu studieren war, aus dem Fenster zu gucken und Luftschlösser zu bauen oder überhaupt die Vorlesungen zu schwänzen und auf den Gassen des Arbat spazieren zu gehen, das Puschkin-Museum der Bildenden Künste zu besuchen, um Cranach sowie Rembrandt zu begrüßen, im Cafe „Kosmos“ auf der Gorki-Straße zu sitzen und am Abend im Großen Saal des Konservatoriums eine Sinfonie von Schostakowitsch zu hören. Noch besser allerdings war es, auf einer Bank im Uni-Park sitzend oder aber irgendwo im hohen Gras auf einer Wiese liegend ein nettes Mädchen zu küssen und ihm irgendwelche Märchen zu erzählen.
So ungefähr habe ich gelebt und nicht besonders oft über die Zukunft nachgedacht, und schon gar nicht hätte ich einem lausigen Propheten geglaubt, wenn er mir vorausgesagt hätte, dass ich mit 34 Jahren in einem fremden Land, im halbtoten Chemnitz, leben würde. O selige Naivität der Jugend!
Die Juden übrigens, die nicht in die Universität aufgenommen wurden, kamen damals an weniger angesehene Moskauer Hochschuleinrichtungen und verließen, nachdem sie diese abgeschlossen hatten, das Land. Ihnen war klar, dass sie im Land der Sowjets keine Zukunft haben würden. Sie haben nicht unnütz Zeit vergeudet. In der Emigration haben sie sich nicht schlecht etabliert, Karriere gemacht, das bekommen, was sie wollten, und sind das geworden, was sie werden wollten. So haben sie – wie es oft mit Menschen geschieht, die in ihrer Jugend von irgendjemandem zu Unrecht verfolgt werden – im Endeffekt gewonnen.
 
Das Moskauer Leben in den 70-iger und 80-iger Jahren war metaphysisch betrachtet das hoffnungslose Warten darauf, dass neue Zeit oder – wie uns die Dozenten des Lehrfachs „Marxistische Philosophie“ lehrten – der „Wechsel der gesellschaftlich-historischen Formation“ kommen würde. Die UdSSR sah aus wie ein gewaltiges von Minenfeldern und Stacheldraht umgebenes Territorium, aus dem man „in die Freiheit“ ausbrechen wollte.
Über den „Westen“ urteilten wir im Wesentlichen nach dem, was wir im Kino gesehen haben. Als ich nach Deutschland kam, habe ich erwartet, Fassbinder-Leute zu sehen, in  New York hoffte ich, zufälligerweise singenden Jugendbanden aus der „West Side Story“ zu begegnen, in Italien suchte ich ungewollt Personen aus dem „Süßen Leben“ Fellinis und in Spanien die mit diskretem Charme ausgestattete Bourgeoisie von Bunuel.
Das Leben im Ausland stellten wir uns ungefähr so vor wie Lenin sich den Kommunismus vorstellte. Iljitsch behauptete: „Kommunismus – das ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung des gesamten Landes“. Wir vermuteten unsererseits, das „dortige“ Leben sei: Das „hiesige“ Leben plus Freiheit, Reichtum, Cadillacs, Coca-Cola etc...
Wir mutmaßten, dass die Leute im Westen mit ihrem klugen Staatsaufbau bereits soweit voraus wären, dass es schon nicht mehr möglich sei, sie einzuholen (über egoistische, verbrecherische und manchmal auch unvernünftige Dinge der „westlichen“ Zivilisation waren wir informiert worden, wollten es aber nicht glauben).
Gleichzeitig waren wir fest davon überzeugt, dass wir - was die humanitäre Entwicklung betrifft – schon weit voraus wären (das war eine Illusion – wir hielten die relative Jugend der russischen geistigen Zivilisation für deren Stärke).
In breitem Umfang die Vorzüge des sowjetischen Regimes nutzend und äußerlich dessen Riten befolgend widerstanden wir ihm innerlich so gut wie wir konnten. In gewisser Weise war unser Leben leicht, viel leichter als sich das die Leute aus dem Westen vorstellen. Viele Dinge haben uns gar nicht heiß gemacht. Beispielsweise hatten wir keine Geldsorgen. Fast alle ehrlichen Menschen waren arm. Reich werden konnte man nur über zwei Wege – entweder indem man zum Verbrecher wurde (was ekelhaft war) oder indem man Karriere machte (was noch schlimmer war). Immobilien oder überhaupt Privateigentum gab es praktisch nicht, Autos waren unerreichbar und man brauchte auch gar keins, da es in Moskau ja die Metro gibt, Reisen ins Ausland waren bis auf wenige Ausnahmen nur Arschkriechern und Spionen erlaubt und gute Klamotten waren viel zu teuer.
Wir ernährten uns mehr als bescheiden. Irgendwie ist mir im Gedächtnis haften geblieben, dass ich mit meiner Frau im November-Dezember 1980 auch weder Fleisch, Wurst, Käse noch den traditionellen Sekt für unsere Neujahrsfeier kaufen konnte. Wir waren aber nicht besonders sauer, kochten und aßen eben Reis mit Mayonnaise, tranken ein Glas Wodka, tanzten ein bisschen und legten uns schlafen.
Diejenigen, die nicht ins Ausland gingen, gerieten in eine „innere Emigration.“ Der Wunsch, inmitten des totalitären Staates die eigene Individualität und wenigstens die Scheinfreiheit zu bewahren, trieb in die Ecke des „Geistigen“. Ramakrischna und Laotsi, Machabcharata und Steiner, Veden sowie Werke von Thomas von Kempen, die russische religiöse Philosophie sowie die Lehren der Kirchenväter, Stern und Prust, die  klassische russische Literatur – all dies und vieles andere kompensierte uns das abartig armselige Alltagsdasein, das Fehlen eines normalen wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Lebens.
Wir zählten uns zu den „Auserwählten“ (obwohl wir nur „überflüssige Menschen“ waren) und bemühten uns hartnäckig,  senkrecht zur „Generallinie“ des sowjetischen Lebens verlaufende Wege zu beschreiten. Wir schrieben Gedichte, malten, lernten östliche Sprachen. Leider ist es unmöglich, sich vom Leben zurück ziehend, ein wahrer Poet, Kunstmaler oder Gläubiger zu werden. 
Es ist gefährlich, das Gelalle eines mit Lachgas Vergifteten für die Ekstase eines Eingeweihten zu halten. Die konzentrierte, aus Büchern geschöpfte Protest-Geistigkeit in Verbindung mit den Auswirkungen auf die Persönlichkeit der vergifteten sowjetischen Realität führte oft zur Entkräftung und Degradierung der Persönlichkeit...
Viele verloren den Mut, alterten frühzeitig, ergaben sich dem Suff. Einige wurden zu Nationalisten und religiösen Fanatikern. Andere, die sich an die kommunistischen Machthaber verkauften, wurden noch niederträchtiger als die „graue Mehrheit“. Und nur die Auserwählten der Auserwählten, im Maßstab des riesigen Staates betrachtet – Einzelne – hielten bis zum Schluss durch. Leider gehörte ich nicht zu ihnen, deshalb verließ ich, als es möglich wurde, meine Heimat.
 
Nach meinem Universitätsstudium nahm ich eine Arbeit in einem wissenschaftlichen Forschungsinstitut auf, wo ich fast 10 Jahre blieb. Es handelte sich um die Art von „Arbeit“, die sich aufgrund ihrer Fadheit schwer beschreiben lässt. Das Wesentliche bestand wahrscheinlich darin, dass sämtliche Laboratorien des Institutes den militärisch-industriellen Komplex wissenschaftlich betreuten. Das hinterließ von allem, was in dessen großräumigen Zimmern geschah, einen unheilvollen Abdruck. Der schwere Atem der bürokratischen Maschine, die dir ihr eisernes Gesicht nur dann zugewendet hat, wenn du versucht hast, gegen ihre Regeln zu spielen, und nur dafür, um dich mit ihren Stahlkiefern zu zerkauen, gab Hunderten von Leuten den Rhythmus für ihre unnatürliche, gemeinsame Tätigkeit, die „Arbeit“ genannt wurde, vor, um mit diesem Wort eine graue tägliche Existenz zu rechtfertigen.
Die Mehrheit der wissenschaftlichen Mitarbeiter liebte die Wissenschaft. Man sagte damals scherzhaft, sie würden „auf Staatskosten ihre Neugier befriedigen.“ Das wissenschaftliche Potential unseres nicht besonders großen Institutes war vergleichsweise hoch. Mich hat die Wissenschaft in der Gestalt, wie sie an den Institutswänden dargestellt wurde, nicht interessiert. Mich zog immer nur das an, was sich experimentell nicht wiederholte. Nicht die Naturgesetze und nicht deren Anwendung, sondern Verstöße gegen sie. Und meine „Arbeit“ habe ich nicht geliebt, sie verursachte in mir nur den von Sartre beschriebenen existentiellen Ekel.  
 
Jeden Morgen musste ich ins Institut fahren. Wenn ich aufwachte, war es noch dunkel. Meine Frau brachte unsere weinende Tochter in den Kindergarten. Ich ging mit dem schwer lastenden Gefühl der Sinnlosigkeit und Absurdität des Daseins aus dem Haus. Trottete zur Haltestelle. Nicht immer gelang es mir, mich in den Bus hineinzuzwängen, und ich musste auf den nächsten warten. Dann Metro - eine Prüfung für die Stärke des Herzmuskels. Anschließend wiederum in einen Bus – und schon laufe ich durch die pompöse Kolonnade und öffne die schwergewichtige Tür. Ich gehe in das Institutsgebäude, zeige meinen Ausweis, gehe in die dritte Etage und gelange ins „Laboratorium“.
Das Klima unter den Mitarbeitern war ziemlich warmherzig, natürlich nur bis zu dem Moment, wo es aufgrund des ständigen Kampfes um die Vorherrschaft zu Streitigkeiten kam, oder jemand von der Leitung anfing, seine Macht zu demonstrieren. Ich versuchte, mich nirgendwo einzumischen und mich ruhig zu verhalten. Das Einzige, was ich nicht ertragen konnte, war, dass einige meiner Kollegen unabhängig von ihrer Stellung und ihrem Intelligenzgrad mit einer gewissen Begeisterung für Kriecherei die sowjetische Propaganda nachplapperten. Als das koreanische Flugzeug abgeschossen wurde und zweihundertfünfzig unschuldige Menschen ums Leben kamen, war ich der Einzige in der Teerunde, der den Zeitungen, die behaupteten, dass die Boing-747 Spionageaufgaben erfüllte, nicht glaubte. Die „Homosowjetikuse“ glaubten das, was man ihnen suggerierte, auch wenn die Fakten die Propaganda in offenkundiger Weise widerlegten. Es war nicht möglich, sie umzustimmen. Als unsere Grenzsoldaten von Hubschraubern aus in der eisgefrorenen Beringstraße eine große Rentierherde abgeschossen haben, die unsere Tschuktschen den amerikanischen Tschuktschen abjagen wollten, konnte ich niemanden davon überzeugen, das dies ein Verbrechen war. Die Antwort lautete: Wir hätten diese Rentiere sowieso nicht mehr wiedergesehen (diese Brutalität übertrifft ja noch die Brutalität, die man „in Europa“ Tieren gegenüber zeigt).
Ich konnte in solchen Situationen meine Emotionen nicht unterdrücken und sagte, was ich dachte. Dafür war man mir böse, manchmal wurde es „nach oben“ gemeldet (denen „da oben“ war ich vollkommen schnuppe, ich wurde von niemandem verfolgt), sie reichten den Kuchen um mich herum. Ich brauchte ihren Kuchen nicht. Für mich war das Wichtigste, dass man mich nicht zwang, stumpfsinnig Stunden abzusitzen, wenn es gar keine Arbeit gab. Unter meinen Kollegen gab es Meister des Arbeit imitierenden Nichtstuns, die in diesem – täglich von ihnen praktizierten – Handwerk beispiellose und für einen normalen Sterblichen unerreichbare Spitzenleistungen erbrachten. Einer von ihnen beispielsweise hatte gelernt, mit offenen Augen zu schlafen und nicht zu schnarchen, eine andere Romane zu lesen und dabei so zu tun,  als schriebe sie auf der Schreibmaschine.
 
Mein tägliches Leben begann immer erst als ich nach Hause kam, einen Pinsel oder ein Buch in die Hand nahm. Ich führte – wie viele andere auch –  ein Doppelleben.
Aufgrund des nicht endenden Drucks, den das sowjetische System auf den Menschen ausgeübt hat, bildete sich in seinem Bewusstsein eine unsichtbare Wand. Diese trennte das offizielle Leben des Menschen von seinem Privatleben. Errichtet wurde diese Wand aus dem stabilsten Material überhaupt – härter als ein Diamant – aus Angst und Schrecken. In ihr gab es keine Durchgangspunkte. Vereinfacht kann man sie sich wie einen Kreis vorstellen: Im Innern dieses Kreises – grüne Farbe – dort lebt und regeneriert sich der Mensch, kommuniziert mit seiner Familie und Freunden und spricht die Wahrheit. Außerhalb dieses Kreises – rote Farbe – die staatliche Zone, die Zone der Lüge. Dort führt jeder gegen jeden Krieg, und, um dabei zu überleben, muss man lügen und sich verbiegen, Gewalt mit Niedertracht beantworten, Ränke schmieden, sich einschmeicheln, denunzieren, Gegner verschlingen.             
In Wirklichkeit war dies natürlich nicht nur ein Kreis, sondern eine Vielzahl von Kreisen, Schlingen und aller möglichen komplizierten Häkchen – ein echtes Labyrinth, in welchem das menschliche „Ich“ umherirrte. Und die ganze Konstruktion war natürlich räumlich oder vielblättrig, Eine Etage tiefer erstreckte sich das noch kompliziertere Labyrinth des Unterbewusstseins, eine Etage höher das des Überbewusstseins, ja und Farben und Farbschattierungen gab es dort unzählige. Oft wurde vom Künstler  versucht, solche „Karten des Bewusstseins“ zu Papier zu bringen um das gespaltene Bild des Innerlebens, wenn nicht zu überwinden, dann mindestens zu begreifen. Die Linien auf solcher Grafik sind eben jene, die Bereiche des Bewusstseinraumes trennenden Wände, die Farben – nahezu ethische Charakteristiken.
Die Spaltung unseres Bewusstseins aber erfolgte durch das reale Leben – Weltkriege, Revolutionen, die Errungenschaften totalitärer Regime. Die Menschen vergangener Epochen kannten ebenfalls unfassbare Formen des Bösen, aber ihr Innenleben war nicht derartig schizophren gespalten. Viele Verfechter der Wahrheit, die in der „Zone der Lüge“ versucht haben, die Wahrheit zu sagen, beendeten ihre Tage in der wahren „Zone der Wahrheit“ - in der  psychiatrischen Anstalt.
 
Im Gedächtnis haften geblieben sind seltene, immer dramatisch verlaufende Momente der Sprengung solcher Trennwände. Eine solche Episode spielte sich irgendwann in den sechziger Jahren vor meinen Augen ab. Ich fuhr mit meinem Großvater auf den Bahnhof, um die Schwester meiner Großmutter abzuholen. Wir gingen in die Metrostation „Universität“, fuhren hinunter. Ich litt schon damals an später unerträglich werdenden Klaustrophobieanfällen. Mir kam es so vor, als würde sich der geschlossene Raum wie eine Ziehharmonika „in Falten legen“ und uns zerquetschen. Ich habe meinem Großvater von meinen Ängsten erzählt. Er überzeugte mich, dass „die Ingenieure alles berechnet hätten und alles gut wäre.“
Der Zug fuhr ein. Wir stiegen in einen Wagon und nahmen auf den braunen Sitzen Platz. Wir passierten die Metrobrücke und kamen zum Leningrader Bahnhof. Der Zug hatte Verspätung, und so mussten wir warten.
 
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Es war ein früher Moskauer graubrauner Winterabend. Eine Unmenge von Menschen. Kofferträger laufen mit Koffern herum. Alle eilen irgendwohin. Die Menschen sind gereizt. Sie drängeln, schimpfen und hasten. Alte Weiber in altmodischen halbsamtenen Mänteln trotten in Richtung Metroeingang.
Und so stehen wir wartend vor irgendeinem Querbalken. Neben uns steht noch jemand. Er wartet aber nicht, sondern betrachtet irgendwie merkwürdig die Menschenmenge. So ein kleines Männchen, ca. 55 Jahre, mit rötlichen Haaren. Auf den ersten Blick sieht man, dass er psychisch leicht gestört ist. Bekanntermaßen können Kinder ihren Blick von Geistesgestörten nicht lassen, so habe ich ihn also aufmerksam beobachtet. Das Gesicht des Männchens vermittelte einen inneren Kampf. Ich ahnte, dass er mit sich selbst kämpfte, sich irgendwie zurückhielt, dass ihn der Wunsch, etwas zu tun, was seine Seele von der quälenden Belastung befreien würde, nahezu zersprengte.
Letztendlich erreichte dieser Wunsch seinen Gipfelpunkt, und er konnte sich nicht mehr zurückhalten. Aus seinem Mund trat Schaum heraus, er ballte seine Fäuste und schrie, die Menschenmenge mit seinen schreckgeweiteten, kugelrunden Augen durchbohrend: IHR ALLE HIER SEID STALINISTISCHE BASTARDE!
Und noch mal: IHR ALLE HIER SEID STALINISTISCHE BASTARDE!
Und noch mal. Es hatte den Anschein, dass die Menschenmenge wie versteinert war, aber nur für einen Augenblick. Schon nach einer Sekunde liefen alle wieder weiter, eilten dahin und hörten nicht auf die gellenden Schreie. Bald erschien die Miliz und die Schreie hörten auf. Mein Großvater nahm mich an die Hand und führte mich weg. Der Leningrader Zug kam an.
 
Eine zweite Episode ereignete sich im Jahr meiner Ausreise aus der UdSSR. Ich möchte daran erinnern, dass die Moskauer Welt damals, im Winter 1989-90 – Russland stand vor dem Putsch – vor der Auflösung der KPdSU und dem Zerfall der UdSSR usw. bei weitem nicht so aussah, wie sie möglicherweise heute aussieht. Und obwohl es schon Anfänge davon gab, dass man Leute ins Ausland und zurück ließ und gewisse verbotene Dinge veröffentlichte, herrschte in den Seelen immer noch die durch Stalin anerzogene Angst und die Inkarnation derselben – die innere Wand, dieser Hauptbeschützer der sowjetischen Ordnung, hatte nur geringfügig ihre Position geändert. Die Zone der Lüge wurde zugunsten der Zone der Wahrheit reduziert.
Ich ging mit Freunden auf eine Massendemo zur Unterstützung der Unabhängigkeit der baltischen Staaten. Die Menschen versammelten sich an zwei vereinbarten Stellen, um anschließend dann in Kolonnen zum Roten Platz zu gehen, wo auf dem Mausoleum Gorbatschow und andere Politbüromitglieder stehen sollten. Die Führungskräfte verschiedener, für Reformen eintretender Organisationen, die damals im ganzen Land entstanden, wollten den oberen den Willen der unteren Schichten nach demokratischen Veränderungen  demonstrieren. Unser Sammelpunkt war der Platz gegenüber dem Eingang zum Gorkipark.
 
Als ich eintraf, war der Platz schon voller Menschen. Die Krymski-Wal-Straße war frei vom Verkehr. Vom Oktober-Platz bis zur Krymski-Brücke-Mitte standen Menschen. Über der Menschenmenge wehten Flaggen. Besonders hervorstechend waren die gigantischen gelb-blauen Fahnen der ukrainischen Nationalisten und die schwarzen Flaggen der Anarchisten. Es waren auch russische Nationalisten und noch andere Leute da. Aber mehrheitlich standen in der Menschenmenge vom eisigen Wind fröstelnd „Vertreter der Intelligenz“, für die die Freiheit und Unabhängigkeit des Baltikums als Symbol der eigenen Freiheit und Unabhängigkeit stand. Die sowjetische Ordnung hatten wir satt, sie hing uns zum Halse raus wie den Kindern in den Pionierlagern die ranzige Perlgrütze.
 
Unbezwingbar zog die Zukunft. Dieses Gefühl entstand 1982, als man den schweren Sarg mit den sterblichen Überresten des unvergessenen Leonid Iljitsch Breshnew mit einem ohrenbetäubenden Knall in einer vereisten Grube am Friedhofsrand des Roten Platzes niederließ.                               
Die zwei folgenden Regenten haben auf ihren Posten glücklicherweise das Zeitliche schnell gesegnet. In diesen Zeiten machte folgender Witz die Runde: Kommt jemand zum Haus der Gewerkschaften, wo man damals die Särge der verstorbenen Politbüromitglieder aufgestellt hat und will hineingehen, um Abschied zu nehmen. Auf die Frage: „Wo ist Ihre Einladung?“ antwortet er: „Ich habe ein Abonnement.“
1985 kam dann letztendlich ein neuer „junger“ und „redender“ Generalsekretär mit magischen Flecken auf der Stirn (auf dem lebendigen Gorbatschow waren sie zu sehen, auf seinen Fotografien und Porträts jedoch nicht). Das Volk empfand sofort eine Abneigung gegen ihn. Es mochte nicht seine Frau „Raisska“,  seinen „Liberalismus“, seine Unentschlossenheit. Es mochte ihn nicht, weil er niemanden hinrichtete, die Denunziation abschaffte, und dafür, wofür man in Russland sowohl den Zar liebte, als auch nicht liebte – nämlich,  weil er ein Zar war. Die aggressive Anti-Alkoholkampagne – das Erste, womit Gorbatschow in Erscheinung trat – brachte ihm ebenfalls keine Zuneigung ein. Allmählich aber begann sich alles zu ändern. Es wurde die „Perestrojka“ verkündet. Den jahrelang „Abgelehnten“ wurde die Ausreise genehmigt. Aus Afghanistan wurde die sowjetische Armee abgezogen. Der Akademiker Sacharow und seine Frau kehrten aus der Verbannung zurück. Man entließ manche politische Gefangene aus den Gefängnissen. „Doktor Shiwago“ wurde gedruckt. Ungern begann man, den ehemaligen sozialistischen Ländern ihre Freiheit zu geben. Die Hinrichtung Ceausescus und seiner Frau sowie die schicksalsträchtigen Demonstrationen in der DDR wurden im Fernsehen mit zurückhaltenden Kommentaren übertragen. Es begannen die alten, von der Sowjetischen Macht zum Stillstand gebrachten nationalen Konflikte. Das Baltikum erhob sich. Es wurde klar: Wenn es nicht zum Blut vergießen kommt, befreit es sich in einem Jahr vom Kommunismus. Und in diesem Moment musste auch gezeigt werden, dass die Zukunft nicht der staatlichen Gewalt sondern der freien Selbstbestimmung gehört.
 
Damals, auf dem Gipfel der Hoffnungen und guten Absichten schien es den Teilnehmern der Massendemos, dass die Zukunft des Landes von ihrer Wahl und ihrer Courage abhinge (im Herbst 1990 schwenkte Gorbatschow nach rechts ab, später versuchte er das Baltikum gewaltsam zu bändigen; der Putsch 1991 und seine schändliche Niederlage retteten ihn vor dem Schicksal eines Tyrannen und Verbrechers).
Wenige Wochen vor der Demo startete das Fernsehen eine Kampagne der Einschüchterung. Es wurden Gerüchte gestreut, dass der KGB Provokationen zur Rechtfertigung von Gewaltanwendung gegen Demonstranten organisiert, deren Ziel darin bestehen sollte, das Land „für die entschiedene Wende zurück“ vorzubereiten. Die nachfolgende Geschichte zeigte, dass dies alles mitnichten leere Worte waren.
Letzten Endes setzten wir uns in Bewegung.
Zu erst einzelne Personen, dann Gruppen und bald begann die ganze Menschenkolonne zu schreien: FREIHEIT FÜR DAS BALTIKUM! NIEDER MIT DEM POLITBÜRO! FREIHEIT! FREIHEIT!
 
Was war das für ein Glück, nach Jahren des Schweigens aus voller Kehle das zu artikulieren, was du denkst! Und das nicht allein im Gefängnis oder in der Psychiatrie, nicht ins Kopfkissen eines verschlossenen Zimmers, sondern auf den Straßen deiner Stadt, inmitten deiner Landsleute, die du erstmalig nicht als böse Herde, als einen Haufen grauer Automaten, sondern als freundschaftliche Versammlung freier Individuen siehst, geeint von der befreienden, altruistischen Idee. Und was für angenehme Gesichter ringsherum! Warum ist mir früher nicht aufgefallen, dass in Moskau so viele bemerkenswert helle Menschen leben?! Selbst die Gesichter der Milizionäre - diese Masken von Trotteln und Henkern - nahmen irgendwie gutmütige Züge an.
Wir gingen zum Roten Platz, betraten seine Mitte. Und sofort fiel uns das böse fast bis zur Nase von seinem Hut verdeckte Gesicht Gorbatschows und die hochmütigen, angewiderten Mienen der anderen Politbüromitglieder auf dem Mausoleum ins Auge. Und die Soldaten auf dem Dach des Kaufhauses GUM. Und ihre Maschinengewehre, die sahen eher wie Kanonen aus. Auf wen wollten sie wohl schießen?
 
NIEDER MIT DEM POLITBÜRO! FREIHEIT! FREIHEIT!
 
Und hier stürzte die verfluchte Wand der Angst im Bewusstsein zusammen und zwar nicht aufgrund nüchterner Berechnungen oder wegen des Gefühls der Masse. Nein, sosehr das Fernsehen im Nachhinein auch versuchte, die Menschen davon zu überzeugen, dass niemand die Absicht gehabt hätte, auf die Demonstranten zu schießen, dass de facto keine Gefahr bestanden hätte und alle Augenzeugenberichte Übertreibungen gewesen wären, ich habe die bösen Visagen der damaligen Machthaber des Landes und die auf die unbewaffnete Menschenmenge gerichteten Waffen gesehen, und ich habe daran gedacht, wie oft sie vor- und hinterher in meiner Heimat zum Einsatz kamen.
Nein, die Angst schwand deshalb, weil die Fristen verstrichen waren, die Frucht war gereift und als ich ein anderthalbes Jahr später von Dresden aus die Moskauer Ereignisse im August 1991 über das Fernsehen verfolgte, wusste ich - die Moskauer und die Zugereisten, die das Weiße Haus umzingelten, werden dieses und das gesamte Land nicht einer Bande von Schurken übergeben. Der Turm von Babel ist endlich gefallen.
 
Russland ist leider nicht in der Lage, die Früchte seiner Siege zu nutzen. Wir können entweder einen Himmelsturm bauen oder ihn zerstören. Langweilige rational ausführbare Aufgaben sind nichts für uns. Und auch das Stehvermögen vieler Russen, deren Warmherzigkeit und Religiosität helfen nicht, eher im Gegenteil - sie schließen eine demokratische Entwicklung aus. Viele Russen sind zu gut und viele - zu schlecht,  um in diesem „Königreich der grauen Mitte“ zu leben.
Und die Systemtheorie nimmt sich das Seine. Es wirkt der „Fluch des großen Territoriums“ und die damit einhergehende Verzögerung der historischen Zeit. Dem vermögen die Mächte nur  eine  Konsolidierung der Zentralisation sowie einen Totalitarismus, der seine Brutalität und Uneffektivität gezeigt hat, als Antwort entgegenzusetzen.
Ein großrussischer Dinosaurier mit der Denkweise eines Kretins und der Bewegungsart eines Paralytikers kann nicht inmitten von kleinen gewandten und klugen Tierchen überleben. Man muss sich in kleinere Staaten, die in der Lage sind, sich an die Veränderungen durchlaufende Welt anzupassen, aufteilen. Die Frage ist nur – wie?
Siamesische Zwillinge lassen sich nur mit großer Mühe durch einen chirurgischen Eingriff trennen, sie können dies aber nicht selbst tun. Besonders dann nicht, wenn die Zwillinge in ihren kindlichen Händen Tausende Atomraketen tragen.
 
Bereits wenige Tage nach dem Putsch war klar, dass Jelzin nicht der Mensch war, welcher der Schwierigkeit und der Verantwortung der historischen Aufgabe, vor der Russland in dem Moment stand, gerecht werden würde. Es war klar, dass die überwiegende Mehrheit des russischen Volkes das Gefühl eines Staatsbewusstseins verloren hat (wie sollte es sich auch entwickeln, da es ja in den letzten 1000 Jahren von einer Sklaverei in die andere kam), kein Verständnis für einen demokratischen Staatsaufbau und die damit verbundenen Rechte und Pflichten hat und dieses auch nicht aufbringen will. Dass man in einem von seinem festgefahrenen archaischen Paternalismus geprägten Russland, das immer auf irgendjemanden Druck ausüben, jemanden ausrauben, bekämpfen und sich vor irgendjemand retten muss, nicht einmal eine schwachentwickelte spießbürgerliche Gesellschaft eine Chance auf Existenz hat. Dass die Zukunft Armut und Verzweiflung für den Werktätigen, die Vereinnahmung des Nationaleigentums durch ein Häufchen Halunken, Reichtum für die Hauptstadt und Armut für die Provinz, lokale Kriege mit Zehntausenden Opfern, die Plünderung der Naturressourcen, Umweltkatastrophen, die Senkung der Geburtenzahlen und die Erhöhung der Sterblichkeitsrate, die Wiederherstellung der KGB-Herrschaft, die Verschmelzung staatlicher und krimineller Strukturen, eine antiwestliche Außenpolitik usw. bringen wird. Und in ferner Zukunft erwartet uns alle ein neues totalitäres Russland, eine Bedrohung für das Leben auf Erden.
 
Alles ging wiedereinmal zum Teufel. Die auf den Putsch folgenden 10 verlorenen Jahre lebte Russland nicht in der geschichtlichen Zeit, sondern in irgendeiner quälenden Zeitlosigkeit. Seine Bevölkerung erwartet schon nichts Gutes mehr, wenigstens das Letzte will man nicht auch noch verlieren. Das Einzige, was ungeachtet der Asche und Bitterkeit der Enttäuschung von der glorreichen Zeit der Hoffnung geblieben ist,  sind die von den inneren Stalinistischen Wänden der Angst befreiten menschlichen Seelen. Es sind Menschen, die zwar ein schlechtes, aber kein Doppelleben führen.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

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