Igor Schestkow "Im Krankenhaus"

 
  
 
Ich hatte Bauchschmerzen.
Natürlich war das schon öfter vorgekommen. Zu viel gesoffen. Überfressen. Oder verdorbene Sprotten.
Aber so schlimm hatte es mich noch nie erwischt. Als hätte ich einen Schrank aus Eisen geschluckt. Und der drückt von innen mit seinen harten Kanten. Dort, wo es drückt, ist es heiß. Kein Schrank, ein Ofen. Eine Dummheit, an einem Samstag zu erkranken. Den freien Tag mit so einem Mist zu vergeuden. Sommer. Die Freundinnen warten. Die Blätter auf Moskaus Bäumen haben sich noch nicht einmal braun verfärbt, und du hast einen Schrank im Bauch. Und eine unangenehme Vorahnung. Dieses Mal kommst du nicht davon. Dieses Mal sitzt es ganz tief. Angst? Mit achtzehn Jahren hast du vor allem Angst. Weil dein Körper surrt wie ein Organ und alle seine Zellen rufen dir zu – leb, tanz, freu dich! So fein wie jetzt, wird es nie mehr sein.
Ich rief Vater in der Arbeit an. Die Sekretärin stellte mich lange nicht durch. Demonstrierte, wie beschäftigt sie war.
„Paps, ich hab’ solche Bauchschmerzen. Keine Kraft. Ich weiß nicht, was ich tun soll.“
„Hast du Mutter angerufen?“
„Nein.“
„Gut so, wozu sie beunruhigen. Schaffst du’s bis zur Bezirkspoliklinik?“
„Nein, da komm’ ich nicht hin, sobald ich aufsteh’, krümm’ ich mich. Die Rettung rufen?“
„Warte noch mit der Rettung. Ich schick’ dir jetzt gleich Igor. Geh in fünf Minuten hinaus. Er bringt dich in unsere Poliklinik. Geh zu Luise Isaakowna, Zimmer 118, sie untersucht dich, schickt dich weiter, wo du hingehörst. Ich muss gehen, hier beginnt gleich die Redaktionssitzung.“
Der Schrank wurde heißer.
Ach, wie ich Ärzte hasse! Okay. Vielleicht helfen sie einem. Die Leute in den weißen Kitteln.
Die sollen sich auch mal so winden vor Schmerz!
Gott, wie weh es tut. Und wenn der Lift stecken bleibt? Dann ist es aus mit mir.
Ich ging hinaus, gekrümmt, in die Hauseinfahrt. Igor wartete schon. Der Rücksitz im Dienstwolga war breit. Man könnte sich hinlegen. Was Chauffeure für dicke Hälse haben. Ein Stiernacken. Ein Bulle. Er wandte mir nicht einmal seine Visage zu. Auf mein „Utn Tag“ antwortete er nicht.
 
In der Klinik tanzte alles vor meinen Augen auf und ab. Ich rutschte aus, fiel aber nicht hin. Setzte mich auf einen Stuhl. Eine Tante im weißen Kittel kam zu mir und fragte: „Wohin wollen Sie? Wer sind Sie? Dieser Stuhl ist nur für Personal, es ist nicht erlaubt, darauf zu sitzen. Zu wem kommen Sie?“
„Ich bin niemand, ein Mensch einfach. Ich komme zu Luise. Ein biblischer Vatersname. Hab ihn vergessen. Sehen Sie, ich habe einen Schrank verschluckt. Es brennt! Jetzt erinnere ich mich. Zur Isaakowna. Wissen Sie, Abraham hatte einen Sohn, der Vater wollte seinen eigenen Sohn erstechen. Eine Opferzeremonie veranstalten. Gott hat ihm aber einen Hammel zugesteckt, ja. Unters Messer.“
Da kam noch eine Tante im weißen Kittel.
Ich hörte: „Ob er im Fieber spricht? Vielleicht betrunken? Schaut nicht so aus. Sauber angezogen. Was soll Luise Isaakowna mit ihm machen? Oder der Sohn von einem hohen Tier. Hat sich irgendwas reingezogen. Untersuch seine Venen.“
Nach einigen Minuten saß ich im Zimmer von Luise Isaakowna. Es stank nach Salmiakgeist. Sie nahmen mir Blut ab. Die mit einer kleinen Nadel durchstochene Kuppe des Ringfingers juckte unerträglich. Konzentriert saugte die Krankenschwester das Blut an. Dann pustete sie es aus dem gläsernen Röhrchen in ein Reagenzglas.
Der Chirurg kam. Ein großer, kluger Onkel mit Schnurrbart. Er sagte, sieht aus wie ein eitriger Blinddarm bei dem Burschen, man muss ihn auf den Tisch legen, solange noch keine Bauchfellentzündung eingesetzt hat. Und dann flüsterte er mit Luise.
„Nicht unser Patient. In die Kremlklinik schickst du nicht einfach wen. Ich weiß nicht, wie man in solchen Fällen vorgeht. Was, Unsinn? Bei uns ist alles Unsinn. Ich nehme die Verantwortung nicht auf mich. Ruf die Rettung aus Gradskaja. Sollen die ihn aufnehmen.“
Danach, so erinnere ich mich, hat Luise mich ausgefragt: „Anton, bist du schon achtzehn Jahre alt? Wo bist du gemeldet? Bist du Student? Hast du einen Pass bei dir?“
Ich verstand nicht, was sie meinte. Der Schrank schmerzte in mir. Ich wand und krümmte mich.
„Achtzehn wovon? Gemeldet, registriert, Polizei, Kartei. Ich hau’ nicht ab. Pass? Was ist das, dieses Büchlein mit dem Foto? Oder dieser kleine Schrank, in dem ein winziger Mensch eingesperrt ist? Sitzt dort und heult. Sein Bäuchlein tut ihm weh. Ich hab’ keinen Pass bei mir. Nur ich selbst bin da. Student. Hab’ nur mich selbst. Rufen Sie den Arzt.“
Dann verschwamm alles vor meinen Augen. Den Schmerz durch die Nadel, die unsicher, wie ein Vögelchen, die Vene in der Armbeuge suchte, spürte ich nicht.
Leninski Prospekt. Die Sirene – eine verrückte Schnecke brüllt ins Ohr. Wen transportieren sie denn da? Ha-ha-ha! Mich! Seltsam, der Schmerz ist so gut wie weg. Und der Schrank? Jetzt bin ich selbst ein Schrank. Ich habe keine Arme und Beine. Dafür habe ich Fächer und Ecken. Öffnet mich und löscht den Brand!
Aus dem Aufnahmeraum schickte man mich sofort in den Operationssaal. Man rasierte mich gleich auf dem Tisch. Ein Krankenpfleger rasierte mich. Ruhig, geschickt. Er sprach vor sich hin: „Messer, Schere, Gabel, Licht, rasieren wir den kleinen Wicht.“
Ich versuchte ihn zu verbessern: „Sind für kleine Kinder nicht.“
Aber der Krankenpfleger verwandelte sich in einen riesigen Stern. Er flammte direkt vor meinen Augen auf, überflutete alles mit Licht und Wärme. Und auf meinem Bauch goss jemand einen Eimer heißes Wasser aus. Eine Frau mit weißer Maske sagte: „Halte durch, Antoscha, wir müssen den Darm ausdehnen. Du kannst ruhig schreien.“
Und sie begann, den Schrank aus mir zu entfernen. Aber er wollte nicht herausgehen. Sie zog und zog. Dann zeigte mir die Maske einen langen weißen gedrehten Wurm.
„Na, da ist er ja, voller Eiter. Schau dir die Bescherung an. Da hat man dich gerade noch rechtzeitig gebracht. Ein Stündchen später wäre dein Wurmfortsatz geplatzt. Jetzt müssen wir die Bauchfellhöhlung untersuchen. Es dauert nicht lange.“
Als man mich nähte, hörte ich ein Knirschen. Es war äußerst schmerzhaft. Ich schrie nicht, weil ich keine Luft in der Kehle hatte und die Töne verschwanden irgendwohin. Alle, außer dem Knirschen.
Man brachte mich ins Krankenzimmer. Dort war Sturm. Die Metallbetten wurden in die Höhe gehoben, wie Wellen – rauf und runter. Später kam der gute Krankenpfleger. Er spritzte mich in den Oberschenkel, ich schlief ein. Ein Schlaf ohne Träume. Erwachte am Abend. Im Bauch war kein Schrank mehr. Aber an seiner Stelle hatte sich ein Orchester niedergelassen. Und es spielte und spielte. Ah-a-a!
„Bei dir lässt die Betäubung nach“, sagte mein Bettnachbar, ein langer, schwarzhaariger Typ mit Stirnfransen. „Für die Nacht geben sie dir noch eine Spritze, dann kommst du erst zu dir! Ich heiße Seryj. Und du bist Antoschka. Und spielst auf der Harmoschka. Bei mir ist es ein Geschwür. Zwei Wochen bin ich schon hier. Eine Prozedur nach der anderen. Die Ärzte befürchten einen Durchbruch.
Da haben wir eine nette Gesellschaft – du und ich, und Pachomytsch. Er hat einen Bruch. Einen eingeklemmten. Er wurde vor drei Tagen operiert. Übermorgen wird er entlassen. Der heulte auch, als die Betäubung nachließ. Und jetzt ist er wie neu. Pachomytsch, würdest du es schon mit einer treiben? Sag es nur ehrlich! So sieht’s aus. Drei Betten sind noch leer. Nachts werden welche kommen. Ein heiliger Platz bleibt nie leer. Heute hat Wera Pawlowna Dienst. Eine eiserne Frau. Du bist auch durch ihre Hände gegangen. Stöhn ein bisschen. Hier sind wir unter uns.“
„Und wie kann man den Krankenpfleger kommen lassen?“
„Wanjatka meinst du? Soll er gerufen werden? Ich geh’ ihn holen.“
Der Krankenpfleger kam nach zwanzig Minuten.
Wanjatka, ein Student im Praktikum, wirkte zwar noch wie ein Kumpel, aber er schaute die Patienten schon vorwurfsvoll an. Aufs Haar genau wie sein geliebter Professor, der alte Chirurg Uglow. Wanjatka beruhigte mich: „Halte noch ein paar Stunden durch, für die Naht ist es besser, wenn wir nicht noch Chemie hineinpumpen.“
Nachdem er weggegangen war, erklärte Seryj mir: „Du, Antoschka, hör nicht auf Wanjatka. Er steckt sich jetzt dein Morphium selber in den Arsch. Alle hängen hier an der Nadel. Warte ein wenig, vielleicht schaut Wera herein, dann sag ihr, dass du es nicht mehr aushältst.“
Aber ich hörte ihm schon nicht mehr zu. Das Orchester spielte was das Zeug hielt. Heulen wäre peinlich, obwohl mir sehr danach zumute war. Ich drehte das Ende des Lakens zu einer Röhre und biss die Zähne zusammen. Ich wandte mich zur Wand und weinte leise.
Der Vater kam auf einen kurzen Besuch. Umarmte und küsste mich. Nahm den Krankenpfleger zur Seite und gab ihm einen Zehnrubelschein.
In der halbdunklen Wäschekammer fand er die Krankenpflegerin Iljinitschna und schenkte ihr zwei Tafeln Schokolade „Zolotoj Jarlyk“. Sie war vom Auftauchen dieses luxuriösen Mannes gebieterischen Typs in ihrer Welt so verblüfft, dass sie nicht einmal dazu kam, die Schnapsflasche von den Lippen zu lösen, aus der sie gerade in Ruhe und Frieden getrunken hatte. Der Vater sprach auch noch mit Wera Pawlowna, die nicht ohne Stolz die damals noch modernen kleinen goldenen Herzohrringe annahm, und teilte ihm mit: „Mit Ihrem Sohn ist alles in Ordnung. Keine Bauchfellentzündung. In fünf Tagen wird er entlassen. Dass er bei uns und nicht im Kremlspital operiert wurde, werden Sie nicht bereuen. Die Pflege und das Essen sind dort natürlich besser als bei uns. Aber die Ärzte sind alle Gauner. Operieren einmal in drei Jahren. Wie viele Menschen sie schon ins Verderben gestürzt haben. Aber hier – den ganzen Tag sind sie im Operationssaal, schneiden sogar Arme selber ab. Wir nehmen Antoscha unter unsere Fittiche. Bringen Sie ihm doch morgen passierte Moosbeeren mit.“
Nachdem mein Vater gegangen war, setzte mir der irritierte Wanjatka trotzdem eine Spritze und murmelte: „Na, Anton, dein Vater ist ja ein starker Typ! Wera hat er ganz schön angespornt, eben kam sie verschwitzt angelaufen, schnell wie ein Luchs. Eine Spritze, jagt ihm rein, sagt sie, gut brodelnd, damit er einschläft. Der Sohn von einem solchen Menschen. An uns soll es nicht liegen. Wir jagen sie ihm rein. Wir kriegen selten Geld in die Finger. Leben vom Stipendium.“
 
Die Bewohner des Krankenhauses stehen früh auf. Um sechs Uhr morgens weckte mich Seryj und fing an, mir ins Ohr zu plappern, als würde er mich mit Gewehrkugeln überschütten: „Hör zu, Antoschka, in der Nacht haben sie einen Alten gebracht. Ich habe seine Krankenakte gesehen – ein hoffnungsloser onkologischer Fall. Tipenko heißt er mit Familiennamen. Vierundsiebzig Jahre ist der Opa. So alt wie ein Jahrhundert! Er stöhnt die ganze Zeit. Hat sich voll geschissen, aber keiner macht es weg. Iljinitschna hockt besoffen in der Wäschekammer, Wanjatka pennt. Und noch zwei hat man einquartiert. Einen dickbäuchigen blinden Kapitän und Filippytsch mit der eisernen Gurgel. Vom Saufen am Ende. Den Kapitän haben sie in der Nacht aufgeschnitten. Ein komplizierter Appendix. Wera hat ihm den Wanst in Streifen geschnitten, weil er über den ganzen Bauch verteilt lag. Zwei Stunden haben sie ihn gequält. Unter örtlicher. Er ist noch nicht zu sich gekommen. Hörst du, er schnarcht wie ein Ross. Und den Filippytsch legen sie morgen auf den Tisch. Stell dir vor, nachts hat bei ihm eine Blutung eingesetzt, er ist halbtot, aber betrunken. Mach dich fertig, bald ist Visite. Wera besucht die Patienten, bevor sie abgelöst wird.“
Während Seryj so dahin plapperte, ging er plötzlich zu Pachomytsch hinüber, der unzufrieden und stumpfsinnig die Neuankömmlinge anschaute, und wandte sich seinem großen zottigen Ohr zu.
Nach der Visite kam Filippytsch zu mir. Er war klein, dürr wie ein Skelett. Gesicht und Hände karottenfarbig. Die Augen hatten die Farbe einer Belomor-Zigarettenpackung. Er begann in zischendem Flüsterton zu sprechen: „Was machst du denn hier, Bursche?“
„Den Blinddarm haben sie mir herausgeschnitten. Jetzt lieg ich da. Und du, ist es wahr, dass du in der Gurgel ein Röhrchen hast, erzähl.“
„Die Geschichte, Bursche, ist folgende. Es war also, nun... Wir hatten das fünfzigjährige Oktoberjubiläum gefeiert. Wir hatten noch nicht genug, es war zum aus der Haut fahren. Aber es gab nichts. Ich durchsuchte alles. Fand ein Fläschchen im Küchenkasten. Dachte, meine Frau hat es dort versteckt. Ich kapierte nicht, dass es eine Essenz war. Nun und dann mein Lieber, hab ich mir dieses Zeug ins Glas gekippt. Und in einem Zug hinunter damit. Sofort wusste ich, das ist ein Unglück. Die Eingeweide verbrannten. Das Feuer verging. Und ich, was hatte ich zu verlieren, stieß noch ein Glas hinunter. Sie haben mir eine künstliche Speiseröhre eingesetzt. Das ist die da. Sie löst sich ab. In der Nacht brach Blut durch, ich dachte ich ersticke und sterbe. Man brachte mich hierher. Sie wiederbelebten mich. Sie werden mich aufschneiden. Ist nicht mein erstes Mal. Komm, nehmen wir einen Abschiedstrunk?“ Und er zog ein Viertel aus seinem Schlafanzug.
Wie ich später erfuhr, hätte ihn schon das erste Glas umbringen müssen, die Essigsäure verätzte die Speiseröhre. Das zweite Glas war Selbstmord zum Quadrat. Aber Filippytsch überlebte. Und lebte schon sieben Jahre mit dem Röhrchen in der Kehle. Und trank.
Wera Pawlowna sagte zu mir – auf die Toilette gehst du heute selbst, lass dir Zeit, streng dich nicht an. Geh! Zuerst musste ich mich aufsetzen. Ich saß. Befürchtete, dass die Naht sich öffnet wie ein Fischmaul, und die Eingeweide herausfallen. Ich erhob mich langsam und ging zur Toilette, den Bauch hielt ich mir dabei.
Es schien das Schwierigste im Leben zu sein. Pissen!
Unmenschliche Anstrengungen. Drei Tropfen. Und wie schaffst du es, dich auf dieses schäbige Krankenklo zu setzen?
Irgendwie schleppte ich mich zurück, legte mich hin. Der Schmerz ließ nicht nach, das Orchester spielte. Aber nicht mehr so laut wie früher. Schlimmer als der Schmerz war, dass die Zeit aufgehört hatte zu vergehen. Du liegst und liegst, erinnerst dich an dein Leben, alle Geliebten umarmst und küsst du, aber die Zeit – es war halb zehn und das ist es noch immer. Ohne Schlaf zieht sich der Tag ewig in die Länge.
Mutter kam, ein paar Freunde und die Freundin schauten vorbei. Dann setzten sie mir Schröpfköpfe an, zwangen mich aufzustehen, zu essen – das alles ging in einem Nebel, wie in einem schlechten Film, vor sich. Erst gegen Abend wurde es etwas klarer im Kopf. Der Schmerz ließ ein bisschen nach. Das Orchester verstummte. Die Augen fokussierten wie Objektive. Das anstrengende Getöse, das nach der Operation in den Ohren angedauert hatte, verschwand.
Auf der Straße zwitscherten die Vögel. Unter der Decke kreisten Fliegen rund um die weiße kugelförmige Lampe. Das Leben ging weiter. Aber in unserem Zimmer war es still, alles war starr, wie auf einer Fotografie. Der Kapitän schlief. Pachomytsch strich sich mit beiden Händen über den Bauch und stöhnte. Der unglückliche Krebsopa ächzte leise. Seryj las mit Interesse die Zeitung „Trud“.
Er ähnelte einer Eule mit schwarzer Perücke und Stirnfransen. Filippytsch-Metallgurgel lag auf seinem Bett und starrte auf die abgeblätterte Zimmerdecke, bewegte die Karottenlippen und zwinkerte. Großvater Tipenko zuckte plötzlich, als hätte ihn ein Blitz erschlagen, es schüttelte ihn und er ächzte laut. Er griff sich ans Herz. Der Kapitän regte sich, versuchte sich auf die Seite zu legen, fing vor Schmerz zu knurren an. Seryj legte die „Trud“ zur Seite, sprang beschwingt aus dem Bett und freute sich darüber, dass er irgendwem irgendetwas mitteilen könne, er lief, um Wanjatka zu holen.
Pachomytsch murmelte: „Na, jetzt wird es ein Gejammer geben! Hurerei verdammte, jawohl, das Leben ist vorbei. Der Opa gehört ins Leichenhaus, nicht hierher. Und den Kapitän muss man festbinden, sonst öffnet sich sein Bauch. Das ist die Medizin des Sowjetlandes. Das ist sie, die Sorge um das Volk.“
Tipenko ächzte immer lauter. Plötzlich verstand ich, dass er nicht stöhnte, sondern Bitten von sich gab. Er flehte jemanden an: „Mein Herz, Herzallerliebste, verzeih mir, lass mich los. Der Tod steht vor mir. Die Sense schneidet ins Herz. Die Sense. Ins Herz. Schneidet. Mein Herz, Herzallerliebste. Lass mich los, Bronja, lass mich in Frieden sterben.“
Sein Gerede brach plötzlich ab. Mir schien, dass jener Teil des Krankenzimmers, in dem Tipenko lag, leer wurde. Der Krankenpfleger und Seryj kamen ins Zimmer gelaufen. Wanjatka nahm geschäftig die knöcherne Hand des Alten, fühlte den Puls und seufzte, danach bedeckte er den Körper mit der Decke, löste an dem Bett auf Rädern die Bremsen, sah uns vorwurfsvoll an und schob Tipenko aus dem Zimmer. Nach einiger Zeit brachte er ein leeres Bett zurück. Auf ihm lag frische graue Bettwäsche und die alte Decke.
Filippytsch stieß auf, fing heftig zu husten an und fauchte: „Das Himmelreich, ewige Ruhe. Wir waren nachts gemeinsam in der Aufnahme. Er redete viel. Und er bat, dass man ihm Sülze bringt. Mit Meerrettich. So ist das. Jetzt ist es Zeit für eine Zigarette. Schwer ist es, wenn der Mensch in die Erde muss.“
Seryj kam mit philosophischen Sprüchen daher: „So endet eben alles. Wozu leben wir? Wie Vieh. Und dann der Tod mit der Sense. Und ein voll geschissenes Bett. In der Scheiße ist der Opa gestorben. Und da hatte er noch Glück. Ich habe hier in den letzten zwei Wochen allerhand gesehen. Im Nachbarzimmer ist einer vom Wundliegen gestorben. So ein Dicker. Er heulte und brüllte, und dann furzte er wie ein Elefant und starb.“
Pachomytsch brummte voller Wut: „Das ist also unsere Medizin? Das sowjetische Land, alles für die Menschen? Ich frage euch, alles für die Menschen?“
 
In jener Nacht träumte ich von unserem Krankenzimmer. Alle schlafen. Und Tipenko scheint noch immer auf seinem Bett zu liegen. Ich schaue in die Dunkelheit und sehe, wie Tipenko sich in die Luft erhebt und zu mir fliegt. Er setzt sich zu meinen Füßen. Er nimmt von irgendwoher einen Teller mit Sülze und beginnt, sie mit den Fingern zu essen. Mich ekelt, aber ich schweige. Tipenko isst die Sülze auf, wischt sich die Finger in ein Handtuch mit Waffelmuster, wendet sich mir zu, seine Augäpfel glitzern in der Dunkelheit wie Perlmutt, und beginnt mit einer schrecklichen Grabesstimme zu sprechen: „Eine hervorragende Sülze.
Gekühlt, mit Meerrettich. Und Schmalz liegt darauf, wie Sandkörner. Ohne Knorpel, nur Fleischteilchen sammelte Matrena Iwanowna. Die Schweinsfüßchen ähnelten den kleinen Fersen von Säuglingen. Du Rotznase, ich habe die Blockade überlebt, bin nicht gestorben. Ich bin Leningrader, verstehst du. Denkst du, dort war alles, wie es in den Büchern steht? Der Heldenmut der Verteidiger? Fick dich doch. Wir haben Menschen gegessen. Haben Sülze aus Leichen gekocht. Verstanden? Sonst hätte keiner überlebt. Alle, außer den Stalinschen Speichelleckern, sie haben sich vollgefressen. Wir hatten eine Nachbarin, Bronja. Ohne Lebensmittelration. Ich hatte was mit ihr vor dem Krieg. Wenn meine Frau im Dienst war. Haben wir’s getrieben. Bronja starb im Februar zweiundvierzig. Wir brachen die Tür zu ihrer Wohnung nicht auf. Ich hatte einen Schlüssel. Wir schleppten die Möbel zu uns. Zum Verheizen. Und die Leiche nahmen wir mit. Ich zerhackte sie mit der Axt. Auf dem kleinen Kanonenofen kochten wir sie. Im Kochtopf. Einige Fleischstücke tauschte ich auf dem Markt gegen Salz und Brot. Sagte, es sei Pferdefleisch. Dann vergaßen wir alles. Einfach weg, aus dem Kopf. Wir wollten leben. Aber als ich dann krank wurde, begann Bronja zu mir zu kommen. Du, Sidorytsch, sagte sie, hast mich gegessen, jetzt habe ich Lust, dein Fleisch zu essen. Sie aß mich zur Gänze auf. So bin ich gestorben. Schau, was sie für eine ist. Steht da, mit ausgebreiteten Armen, diese Hündin. Verschwinde! Hau ab. Ich bin gestorben, tot. Was willst du noch?“
 
Am nächsten Tag wurde Pachomytsch entlassen. Zum Abschied gab ihm die Krankenschwester eine Spritze mit Analgin. Damit er den Nachhauseweg besser verkraftet. Filippytsch operierten sie und legten ihn in die Reanimation. Und der Kapitän kam schließlich zu sich. Ging mit meiner Hilfe zur Toilette. Nach dem Mittagessen wurde er redselig. Es stellte sich heraus, dass er nicht Kapitän, sondern Pilot war.
„Pilot, ich bin ein ehemaliger Pilot. Der zivilen Luftfahrt. Ich war der zweite Pilot. In einer Tupolew. Wir erlitten einen Unfall bei Saratow. Unser Kapitän war sofort tot. Aber ich hielt das Steuer bis zum Schluss. Das Feuer brannte mir die Augen aus. Seither bin ich blind wie ein Maulwurf. Sie gaben mir eine Invalidenrente. Vierzig Rubel. Damit ich nicht vor Hunger krepiere. Hört zu, Burschen, habt ihr hier keine Weibsbilder? Mir würde jede passen. Auf die seriöse Art kann ich es nicht machen wegen dem aufgetrennten Bauch. Aber in den Mund… Wie viele Jahre ich schon davon träumte.“
Ich war verlegen, aber Seryj dachte ernsthaft darüber nach, richtete seine Stirnfransen und sagte: „Die Krankenschwestern hier sind was Besseres. An die kommst du nicht heran. Aber die Krankenpflegerin, Iljinitschna, die würde zustimmen. Und es gibt einen Platz – die Wäschekammer. Wenn du ihr einen Rubel zusteckst.“
„Steck ich ihr zu, na klar. Und was ist sie für eine? Eine dickere?“
„Sie ist eine Schönheit, Beine wie Papyrossi, aber die Fresse verlangt nach einem Ziegelstein“, sang Seryj und flog zu Iljinitschna, um die Sache zu regeln. Ich blieb mit dem blinden Piloten allein im Zimmer. Der wollte mit jemandem sprechen.
„Du, wie heißt du wieder, Anton, oder? Bist du da?“
„Ich bin hier, ich bin noch Teil des Raumes.“
„Halt mich nicht zum Narren, Bursche. Also diese Iljinitschna. Ist sie sehr hässlich?“
„Wie der Hintern eines hoch betagten Samurai!“
„Und wie alt?“
„Sie hat noch den jungen Lenin gesehen.“
„Dreckig?“
„Mäßig.“
„Ich habe seit fünf Jahren kein Weib angerührt. Meine Frau hat mich sofort verlassen, als ich blind geworden bin. Sie war Stewardess. Eine nette. Durfte auf ausländischen Linien fliegen. Wozu brauchte sie mich? Ich kam bei der Mutter unter. Dann starb Mutter. Ich lebe allein. Nicht weit von hier, beim Kaluschski Tor. Am Anfang war es sehr schwer, ich sehnte mich nach dem Himmel, dann gewöhnte ich mich daran. Ich trinke mit den Burschen Bier beim Kiosk. Sie begleiten mich nach Hause, teilen sogar Lebensmittel mit mir. Und meine Ex ist wieder mit einem Flieger verheiratet. Fliegt nach Kuba. Milka hat mich so geliebt, sie hatte Tripper in Betrieb...“
Da kam Seryj ins Zimmer gelaufen. Er platzte vor Neuigkeiten.
„Ich habe zwei Neuigkeiten. Eine gute und eine schlechte. Zuerst die schlechte. Stellt euch vor, unser Pachomytsch ist gestorben. Zu Hause. Nicht vom Bruch. Vom Analgin. Er hatte eine Allergie darauf. Wera wusste es, Wanjatka wusste es, aber die neue Schwester wusste es nicht. Sie wollte nur das Beste. Und da ist es passiert. Er ist erstickt. Hat Tipenko eingeholt. Jetzt kann er den Engeln was vorbrummen, der alte Furzer. Und nun die gute Nachricht. Iljinitschna ist einverstanden ihn in den Mund zu nehmen! Morgen, in der Wäschekammer. Sie hat versprochen, sich die Zähne zu putzen.“
 
 
 
 
 
Übertragung aus dem Russischen: DAJA

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