Igor Schestkow "Im Institut"

 
  
 
 
Ich ging den Korridor im Institut entlang. An der Ecke tauchte plötzlich Nikarew auf. Er hatte mich schon gesehen und winkte mir aufgeregt: Komm rasch! Ihm zum Trotz rannte ich nicht los, sondern ging ruhig weiter. Nikarew eilte mir entgegen und krächzte: „Dewin verlangt alle zu sich! Na los, geh! Schneller!“
Er joggte durch den Korridor zum Kabinett unseres Chefs. Nikarew war der Bucklige. Seine Bewegungen erinnerten an die Gangart einer Krabbe. Er fürchtete sich offenbar. Im Institut arbeitete gerade die Prüfungskommission, deshalb riefen sämtliche Neuigkeiten und anstehende Beratungen panische Ängste bei den Mitarbeitern hervor. Nach einer Minute öffnete ich die riesige, mit schwarzem Kunstleder bezogene Tür zum Kabinett von Dewin.
Auf dem Sofa und auf den Stühlen saßen die wissenschaftlichen Mitarbeiter.
Tolja Onegin, mit Spitznamen Toljan, ein kleiner, gewandter Parteiorganisator der Robotertechnik-Abteilung. Die Sekretärin Rajetschka, ein böses Weib und, wie ich vermutete, Dewins heimliche Geliebte. Schnittman, der kahle Jude mit leninschem Schädel, der sich bei Dewin, bei der Rajetschka und bei allen anderen, außer mir, einschmeichelte. Alik Roschalski und Edik Kurski, unsere Theoretiker, die einem Schwein ähnelnde Lydija Iwanowna, Nikarew und Jelisaweta Jurjewna, unsere Ingenieure. Dewin stand an der Tafel, stolz wie der amerikanische Präsident auf der UNO-Tribüne.
Ich kam immer als letzter. Das wurde im Labor als Frechheit angesehen. Fast alle schauten mich kritisch an. Aber unterschiedlich. Schnittman schaute geringschätzig, als ginge es um eine bedauerliche Störung. Als wolle er mit seiner Grimasse Dewin sagen: „Wieder kommt dieser Dima als Letzter. Ihm ist alles egal, sehen Sie! Er schändet unser Kollektiv! Entschuldigen Sie, Kim Palytsch, fahren Sie fort, Kim Palytsch!“
Rajetschka blickte mich aufrichtig böse und verächtlich an. Ich wusste nicht, wodurch ich diesen Blick verdient hatte, es bestand keinerlei Kontakt zwischen uns. Der eine halbe Minute vor mir angekommene Nikarew sah mich mit offener Schadenfreude an – bist in eine Falle geraten, du Dummkopf! Ich habe dich gewarnt! Nikarew war eifersüchtig, er beneidete mich. Er verstand nicht, dass ich kein Konkurrent für ihn war, dass mich diese hohe Wissenschaft nur von einer Seite interessierte, wie kann ich ihr die kalte Schulter zeigen und endlich meiner Wege gehen. Lydija Iwanowna schaute mich streng an, ihre Schweinsnasenlöcher blähten sich. Alik und Edik guckten mich nicht an, sie blinzelten nur und sahen schnell weg. Sie waren gute, kluge Menschen, jedoch von Dewins Herrschsucht schon geschädigt. Man kann nicht sagen, dass sie sich wie Schnittman vor ihm duckten. Ihre Position war diese: Wir sind Theoretiker, berühren Sie uns bitte nicht, und wir werden auch Sie nicht antasten, aber was notwendig ist, machen wir. Wenn jedoch Dewin jemandem an den Kragen ging, schauten sie weg. Kein Wort dagegen. Dewin sah durch sie durch, er schätzte ihre wissenschaftliche Kompetenz, verachtete sie jedoch als Menschen. Und er demütigte sie häufig. Ich schämte mich für sie.
Toljan schaute mich ruhig an, aber mit beißendem Lächeln. Er war mir ein Rätsel. Er war Dewin völlig ergeben und vulgär, nagte an seinen Fingernägeln. Erzählte unanständige Anekdoten. Litt an Migräne. Als Parteiorganisator leitete er die Parteiversammlungen. Dabei hatte er nicht den Wunsch, wie so manche Parteimitglieder, andere Menschen zu malträtieren. Deshalb verzieh ich ihm alles, sowohl seine schmutzigen Geschichten als auch seine abgebissenen Nägel und seine hündische Ergebenheit Dewin gegenüber. Jelisaweta Jurjewna begegnete mir mit ihrem guten Lächeln, ihre Augen sagten mir: „Setzen Sie sich rasch, sonst wird Kim sie beißen!“
Sie lachte leise, hielt sich dabei die Hand vor den Mund. Dewin hatte alles auffällig rasch begriffen. Zufrieden hatte er alle Blicke seiner Mitarbeiter registriert, die auf mich gerichtet waren. Jelisaweta Jurjewna schaute er mit seinem Zeusblick an. Dewin war klein, sportlich, kantig, meine Mutter nannte solche Vorgesetzte „böse Liliputaner“.
Dewin befahl mir: „Setz dich!“, und fuhr in seiner Rede fort.
„Ich wiederhole für die Neuankömmlinge! Von oben ist die Direktive gekommen, fünfzehn Prozent Personal zu reduzieren. Das bedeutet, jemand muss entlassen werden. Nicht ich entscheide das, das ist Sache der Prüfungskommission. Unsere Sache ist es, gut vorbereitet zu sein und die Ergebnisse der Arbeit unseres Labors auf hohem Niveau dem wissenschaftlichen Rat vorzulegen. Toljan soll über unsere Erfolge vor dem Parteiaktiv berichten. Roschalski und Kurski arbeiten die Präsentation des Labors für das interregionale Gremium aus. Schnittman wird. Lydija Iwanowna wird…“
Und so weiter und so fort. Alle sollten, sollten, sollten. Nur er selbst sollte nichts tun. Dewin sprach lange, zwanzig Minuten. Offensichtlich genoss er seine Rolle als Bote der Not. 
Ich parodierte innerlich seine Rede: „Einen von euch werde ich feuern, ihr Schurken! Da springt ihr wie Kaulquappen! Mich persönlich bedroht nichts. Ich bin stellvertretender Direktor! Aber jeden von euch könnte ich entlassen – das fällt mir nicht schwerer, als auf den Boden zu spucken.
Wer es sein wird, entscheide ich allein. Ich kann jemanden vom technischen Personal feuern, oder ich sage denen dort oben, niemand von meinen Leuten wird gehen. Alles in meiner Macht! Alles hängt von meiner Stimmung ab. Und ihr alle kriecht vor mir, ihr Würmer! Und meinen Arsch werdet ihr lecken. Zu meiner vollen Zufriedenheit. Also, was guckst du mich so finster an, Dima? Denkst du, dass dich deine Beziehungen retten werden? Meinen Arsch leckst du zwar nicht. Stolz, verdammt! Wir haben solche wie dich mit links herumgekriegt. Entweder tanzt du nach meiner Pfeife oder raus mit dir! Mit der Wolfskarte, einem netten Vermerk in der Personalakte!“
Danach tauschten sich alle aus.
Gaben Versprechen ab (Roschalski und Kurski). Bürgten (Nikarew und Rajetschka). Schlugen sich auf die Brust (Schnittman und Lydija Iwanowna). Allein Toljan sprach besonnen und ruhig. Vielleicht, weil er seit einem halben Jahr als Parteiorganisator fungierte, das bedeutete, er würde nicht entlassen werden.
Jelisaweta Jurjewna und ich schwiegen. Wir gehörten zu den Kleinstverdienern, sogar wenn wir beide hinausgeworfen würden, die fünfzehn Prozent würde man nicht zusammenkratzen können. Danach gingen alle zu ihren Arbeitsplätzen.
„Jetzt wird Kim uns alle foltern“, flüsterte mir Jelisaweta Jurjewna zu. „Man muss dem Schnittman eine zweite Zunge annähen, damit er besser lecken kann. Der Chef wäre begeistert!“, antwortete ich leise.  
Am nächsten Tag kam Jelisaweta Jurjewna mit verweinten Augen zur Arbeit. Ich wartete bis wir allein im Zimmer waren, gewöhnlich wusste ich, worüber sie sprechen wird. Sie beklagte sich immer über ihre erwachsene Tochter, die Mutter ihrer Enkelin.
„Sonja sperrt die kleine Anitschka in das dunkle Badezimmer. Die Mutter! Und das Kind sitzt dort Stunde um Stunde und weint vor lauter Angst. Sie sagt, dort steht ein Bär. Groß. Schwarz. In der Ecke. Er will sie auffressen. Er steht da und glotzt sie mit seinen roten Glasaugen an. In Wirklichkeit reflektiert dort ein Kleiderhaken. Ich habe es gesehen.
Wie oft habe ich mit meiner Tochter Sonja darüber gesprochen! Aber, sowie ich weg bin, sitzt Anitschka wieder im Badezimmer. Ohne Licht. Sonja ist eine Sadistin. Hysterikerin. Komm nicht vorbei, schreit sie am Telefon, ich will nicht leben, ich hasse das Leben, ich hasse euch alle. Sie arbeitet nicht, ich muss für alles aufkommen. Sie trinkt jeden Tag. Und raucht so ein Zeug. Woher nimmt sie das Geld? Sie lässt sich mit verdächtigen Kerlen ein. Und wenn ich sie zur Rede stelle, kreischt sie. Sie schreit, raus aus meinem Haus, wozu bist du hierher gekommen, du alte Närrin! Und dann weint sie. Ich bemitleide sie und Anitschka. Mein Mann ist gestorben, nur er konnte mit ihr reden, nur ihm hat sie zugehört. Mich hat sie schon als Kind nicht geliebt. Nun, ich bin ja an allem selbst Schuld. Mit Eineinhalb schickte ich sie in die Krippe. Dort gaben die Erzieherinnen den Kindern nicht genug zu trinken. Nicht einmal Wasser, damit sie nicht ins Bett  machten. Sie heulte dort tagelang. Und zu Hause trank sie immer. Das arme Kind. Wie blöd ich war! Ich dachte, diese verfluchte Arbeit hat einen Wert, ist nützlich. Diese Satelliten, Raketen. Der Mond. Ein Dreck ist das alles, Dima!“
„Ganz Ihrer Meinung, Jelisaweta Jurjewna. Sowohl die Satelliten als auch die Raketen und die Roboter und vor allem der Mond. Alles Dreck.
Versuchen Sie Anitschka zu sich zu nehmen. Sonja wird vernünftig werden, eine Arbeit annehmen. Obwohl, eine anständige Arbeit zu finden, ist wahnsinnig schwer, und in der Fabrik wird sie nicht durchhalten, da braucht man Ausdauer.“
„Ich bot es ihr hundertmal an. Sie stimmt nicht zu. Wehrt sich wie eine verletzte Katze. Wenn ich Anitschka zu mir nehme, verliert Sonja die Rechtfertigung für ihr Leben. Sie muss dann die Verantwortung für sich übernehmen, und das will sie nicht.“
„Es ist für alle nicht leicht. Ich würde auch kreischen, wenn jemand mich hören würde.“
„Mit Ihnen ist das eine ganz andere Sache. Halten Sie noch eine Weile bei uns durch, und dann finden Sie etwas Besseres. Schauen Sie die Fotografien an. Mein Neffe hat sie gemacht.“
Ich nahm die Fotos. Ein sechsjähriges jüdisches Mädchen sah mich mit erschrockenen Augen an.
Dann trat Lydija Iwanowna in das Zimmer. Sie schielte auf die Fotografien. Setzte sich, nahm ihren Lötkolben in die Hand und begann zu arbeiten. Ich dachte bei mir: „Sie lötet ein wenig, und dann rennt sie zu Kim. Um zu denunzieren.“
Genau so kam es. Lydija Iwanowna stand auf und ging. Nach zehn Minuten kam sie zurück und verkündete: „Jelisaweta Jurjewna, Sie werden zu Kim Palytsch gebeten.“
Dabei schaute sie mich rachsüchtig an.
Warum hasst sie mich? Weil ich dick bin? Aber sie ist selbst fett wie eine Sau. Und wofür hasst sie Jelisaweta? Dafür, dass sie nicht Ihresgleichen ist. In ihr gibt es etwas Edles. Sie gehört nicht zum Mob. Sie tratscht nicht mit den anderen, sie trinkt nicht mit ihnen. Sie nimmt nicht an ihren Intrigen teil.
Jelisaweta Jurjewna kehrte, blass im Gesicht und mit steinerner Mine, vom Chef zurück.
„Hat er Sie wirklich entlassen?“
„Nein, er quälte mich nur, er sagte, ich beeinflusse Sie schlecht. Jetzt will er Sie sehen. Bleiben Sie ja ruhig. Er wird losschreien, aber dann beruhigt er sich.“
Ich ging schweren Herzens zu Kim. Unterwegs bemerkte ich, wie Nikarew und Schnittman seitlich von mir gemeinsam nickten und lachten. So schnell wurden sie Freunde, Scheißkerle. Und doch, beide sind ja nicht die Schlimmsten. Schnittman spielte regelmäßig das Väterchen Frost auf dem Jolkafest im Institut. Nikarew kämpfte mutig mit seiner Behinderung.
Alle zwei Lakaien! Beide sind als wissenschaftliche Mitarbeiter gut. Das Pulver aber haben sie nicht erfunden. Und bei uns können sich nur die Stärksten durchsetzen. Und sie sind nur die Mittleren. Also, lecken sie eben. Gut, das geht mich nichts an! Ich habe hier alles satt! Schon seit zwei Jahren dulde ich diesen Quatsch. Hauptsache, ich verliere bei Kim nicht die Nerven! Nicht durchdrehen! Meine Nerven sind nicht aus Eisen. Ich hasse diese Arbeit wirklich. Deswegen, alles, was er sagt, ist die Wahrheit.
Ich kam in das Kabinett. Kim starrte mich an und befahl mit einem Nicken: Setz dich auf das Sofa! Er stand an seiner Tafel, diesmal wie ein Kapitän auf der Brücke des transatlantischen Linienschiffs. Sogar seine Schultern waren breiter geworden und er strahlte.
Untergebene durch intensive Gehirnwäsche zu unterdrücken war seine Lieblingsbeschäftigung.
Ich fragte mich, ob er sofort beginnt mich zu bearbeiten oder zuerst über sich erzählt, über seine Stiefel. Man muss versuchen, ihm nicht zuzuhören. Aber, wie? Er sieht dir immer direkt ins Gesicht, fixiert jede Reaktion. Seine einzige Schwäche ist, dass er sich selbst über alle Maßen liebt und seinen Einfluss auf andere überbewertet. Fazit: Ich muss ein untertäniges Gesicht aufsetzen und versuchen, an etwas anderes zu denken. Daran, was für mich wirklich wichtig ist. An Brueghel, an Bosch. Oh weh! Wird mir Dewin jetzt „Den Triumph des Todes“ zeigen. 
Dewin begann den Angriff mit einer Frage: „Du, Dima, wo bist du geboren?“
Und er antwortete selbst: „In der Stadt, in einer Gelehrtenfamilie. Und ich bin im Dorf geboren. Vor dem Krieg. In Armut, im Schmutz. Wir hatten ein paar Stiefel gemeinsam, mein Bruder und ich. Unser Vater ist an die Front gegangen und nicht zurückgekehrt. Wer trat an seine Stelle? Der Bruder und ich. Wir pflügten das Feld und ernteten, was wir gepflanzt hatten. Und wir lernten in der Schule. Ich habe die Schule mit der Goldmedaille beendet und immatrikulierte 1949 an der Moskauer Universität. An der mechanisch-mathematischen Fakultät. Danach arbeitete ich in der Forschungsabteilung einer Rüstungsfabrik. Ich besaß keine Protektion. Alles musste ich selbst erringen. Mit meinem eigenen Kopf und Hintern. Denn ohne eisernen Hintern kann man in der Wissenschaft nichts erreichen! Ich arbeitete in der Fabrik und parallel dazu schrieb ich meine Dissertation. Nachts schlief ich kaum. Ich schuftete und schuftete. Ich aß nicht genug. Trank keinen Alkohol. Ging nicht zum Tanzen. Küsste nicht! Und warum das alles? Weil ich die Wissenschaft mochte. Und die sowjetische Heimat. Und die Heimat brauchte Raketen. Und stabile Gyroskope. Und Gyroskope kann man nicht ohne Disziplin und ohne Plan machen. Bei uns drückte jeder Ingenieur, wenn er aufs Klo ging, auf den speziellen Knopf am Zeichenbrett, und wenn er zurückkam, drückte er wieder, so kontrollierte der Chef alles. Und wenn jemand zu lange in der Toilette blieb, wusch ihm der Chef den Kopf, bestrafte ihn mit Gehaltsabzug.
Das war ein Titan! Später wurde er Akademiemitglied. Und zwei Leninorden hat er gekriegt. Für unsere sowjetischen Raketen! Alles hatte er unter Kontrolle. Und alle haben ihn geliebt. Faulpelze ertrug er nicht, er schmiss sie sofort raus. Ich weiß, warum du deine Stirn faltest, dir gefallen die Raketen nicht! Wissenschaftler wirst du sein, kein Militär! Wir brauchen die Raketen, damit unsere ehemaligen Landsleute uns nicht vernichten können! Du denkst, man ließ sie dorthin, ins Ausland, einfach so? Nein, Freundchen, so einfach lässt man niemanden ins Paradies! Alle Emigranten arbeiten gegen uns. Gegen dich und gegen mich! Sie wollen uns zerstören! Zermalmen! Pulverisieren! Weißt du, warum ich Juden in unserem Labor dulde? Ich zwinge sie für uns zu arbeiten. Unsere Roboter zu erschaffen. Damit sie nach dem atomaren Schlag durch Ruinen gehen können. Damit sie die Feinde aus den Höhlen kratzen!“
Es war gut, dass in diesem Moment an die Tür geklopft wurde. Ich spürte, dass Dewin meine Absicht, nach den Regeln zu spielen, den Todesstoß versetzt. Im Kabinett tauchte der kraushaarige Kopf von Rajetschka auf. Der Kopf fragte mit schmelzender Stimme: „Kim Palytsch, darf ich eintreten? Sie müssen die Papiere unterschreiben.“
„Komm rein, Rajetschka.“
Wie viel Feinheit plötzlich in seiner groben Stimme lag!
Während Kim die Papiere unterschrieb und mit Rajetschka tuschelte, saß ich wie festgeklebt auf dem riesigen Ledersofa und sah aus dem Fenster. In mir brodelte Hass, den ich zu unterdrücken versuchte. Durch das Fenster war das Glasdach des benachbarten Vivariums sichtbar. Ich lauschte und hörte von dort leises Wolfsgeheul.
Sollte ich wie ein Wolf heulen? Mit den Zähnen gegen unsere Feinde knirschen? Kim lässt mich dann in Ruhe. Oder heult er mit mir zusammen? Er ist von gleicher Art.
Rajetschka hat sich mit den Papieren entfernt. Davor warf sie jedoch Dewin einen zärtlichen und mir einen verächtlichen Blick zu. Kim fuhr fort: „Unsere Arbeit wurde vom Rektorat prämiert. Von den Militärs ist sie gebilligt. Die besten Kräfte sind mobilisiert. Und ich werde es nicht dulden, dass jemand unser Werk bremst oder sabotiert! Mein ehemaliger Vorgesetzter trieb die Faulpelze raus. Wir aber vertreiben niemanden. Wir versuchen, jeden von seiner starken Seite zu nehmen. Das Löten war dir zu langweilig, wir haben dir etwas zum Programmieren gegeben. Wird dir auch das zu langweilig, werden wir etwas anderes für dich auftreiben. Warum verstehst du unsere Sorge nicht? Mit niemandem willst du gute Beziehungen pflegen. Mit den Familien bist du nicht befreundet. Auf Kompromisse gehst du nicht ein. Um Punkt fünf fällt bei dir der Hammer. Acht Stunden sind für die Wissenschaft zu wenig. Schau Toljan an. Er übernachtet manchmal im Labor. Mit Schnittman hast du vor einer Woche gestritten. Er hätte deine Arbeitskraft gebraucht, und du? Was hast du ihm gesagt? Dass du nicht fünf Jahre an der Uni studiert hast, um danach an der Werkbank zu arbeiten. Und wer soll, deiner Meinung nach, an der Werkbank arbeiten?“
„Die Arbeiter, sie können es, ich würde nur das Material verschwenden und mich selbst verletzen.“
Dewin wurde wütend: „Die Arbeiter? Und du, bist du besser als sie? Du denkst, du bist aus einer intelligenten Familie und kannst dein ganzes Leben als Taugenichts verbringen? Nein, das werden wir nicht zulassen. Solche Arbeitsscheuen brauchen wir nicht. Das hier ist keine Pension für höhere Töchter! Wer hat Lydija Iwanowna gestern zur Hölle geschickt? Denkst du, sie hat es nicht gehört? Sie hat alles gehört. Du hast mit halber Stimme gesagt: Geh zur Hölle, Idiotin! Und sie hat es mir sofort berichtet. Ich musste dich wieder schützen! Mit Nikarew möchtest du nicht zusammenarbeiten, er ist dir zu grob. Ja, er ist ein Grobian. Aber er ist unser Grobian. Verstehst du? Unserer! Er ist kein Junker! Und wer bist du? Weder Fisch noch Fleisch! Die Zeit ist sanftmütiger geworden. Beim Schnurrbärtigen, wärest du, weißt du wo? Genau dort, in Sibirien, im Lager. Mit Jelisaweta Jurjewna plapperst du, Fotografien betrachtest du, anstatt zu arbeiten. Und du lenkst sie auch von der Arbeit ab! Wofür zahlt man dir den Monatslohn? Für deine Redseligkeit?“
Nach fünfzehn Minuten war meine Geduld am Ende. Vor meinen Augen rannten farbige Streifen vorbei. Übelkeit rollte heran. Ich verstand, dass ich Dewin nicht weiter zuhören konnte. Dass er mich mit seiner Stimme, mit seiner schwarzen eckigen Figur, die wie ein Pendel schaukelte, töten würde. 
Unerwartet für mich selbst sprang ich auf. Ging auf Dewin zu. Schaute ihn zornig an. Mir wurde mulmig zumute, als ich meine Stimme hörte.
„Kim Palytsch, es reicht! Ich will mir das alles nicht mehr anhören. Sie müssen jemanden entlassen, entlassen Sie mich. Für mich ist es ekelhaft hier! Ekelhaft in deinem Schweinestall! Verstehst du?!“
Die letzten Worte sprach ich sehr laut.
Ich spürte, dass hinter der Tür jemand lauschte. Der Lauschende muss erstarrt sein. Zu ungewöhnlich waren meine Worte für das Institut. Ich war selber erschrocken. Aber ich fand in mir die Kraft, um dem Chef fest und unverblümt in die Augen zu sehen. In ihnen flammte satanisches Feuer. Der Triumph des Todes.
Die Brücken waren verbrannt. Jetzt musste ich auf meiner Position bestehen. Ich bin aus dem Kabinett hinaus und den Korridor entlang gegangen. Nur mit großer Mühe habe ich den Weg in unser Labor gefunden. Ich setzte mich an meinen Tisch.
Jelisaweta Jurjewna hat mich im Flüsterton gefragt: „Haben Sie ordentlich Dresche gekriegt? Trinken Sie ein Glas Wasser, entspannen Sie sich, auch in jungen Jahren kann man einen Infarkt bekommen. Der ehemalige Parteiorganisator Porsow starb so. Nach einem Gespräch mit dem Chef.“
Ich schenkte mir ein Glas Wasser aus der alten Blechteekanne ein, konnte aber nicht trinken.
Meine Lippen waren taub.
Plötzlich kam Nikarew in unser Zimmer und brüllte los: „Was hast du gemacht? Was hast du ihm gesagt? Hast du den Verstand total verloren?  Idiot, er wird dich mit der Wolfskarte hinauswerfen! Niemand wird dir Arbeit geben! Geh, entschuldige dich, geh schnell, ehe er bei der Personalabteilung ist!“
„Ich gehe nicht, soll er mich doch entlassen. Lass mich in Ruhe!“
Nikarew verschwand.
Jelisaweta Jurjewna sagte: „Dima, was machen Sie? Dewin wird Sie auffressen! Mitsamt Knochen!“
„Er verschluckt sich.“
„Gott, steh uns bei!“
Nun kam Schnittman ins Zimmer. Er sah mich nicht direkt an, sang etwas vor sich hin, ging zum Labortisch, berührte dort einen Lötkolben, suchte einen Bleistift, fand ihn, legte ihn von einer Stelle auf die andere, dann kam er zu mir und sagte vertrauensvoll: „Dima, wie geht es dir? Beruhige dich, lass deinen Kopf abkühlen und dann ab nach Hause mit dir. Kim hat gesagt, du darfst. Du hast dich aufgeregt, das kann jedem passieren. Nimm zu Hause ein Bad. Lies etwas. Morgen kommst du, entschuldigst dich, und wir werden weiter arbeiten. Wo findest du solch schöne Arbeit? Immerhin gehören wir zur Akademie der Wissenschaften, ein prima Platz! Du kennst Kim, er ist streng und hart, aber nur zu deinem Wohl. Er will aus dir einen Menschen machen, aber du willst natürlich Affe bleiben.“
„Ich werde eher ein Affe, als so ein Arschlecker wie du.“
Schnittman wurde grün von Zorn. Er schrie: „Ich lecke seinen Arsch nicht zum Vergnügen! Ich mach es für meine Frau und meine Kinder! Mir hat keiner Arbeit gegeben, nachdem mein Bruder nach Israel emigriert war. Ein halbes Jahr war ich arbeitslos. Nicht einmal als Arbeiter konnte ich etwas finden. Wir hungerten schon. Und Kim hat mich genommen. Und du, Milchbart, kennst das Leben nicht! Aber wenn der gebratene Hahn dich in den Arsch pickt, wirst du auch ein anderes Lied singen und den Rücken krumm machen!“
Als er das Zimmer verließ, knallte er die Tür so stark zu, dass sie beinahe aus den Angeln flog.   
Dann kam der Auftritt von Lydija Iwanowna. Sie stieß mich an: „Schämst du dich nicht?! Unser sowjetisches Land hat dir zu Essen und Trinken gegeben! Du bist ein Nichtstuer! Wie kannst du es wagen, so grob mit Kim Palytsch zu reden?“
„Halt dein Maul, blöde Kuh!“
„Du kannst nicht allen den Mund stopfen, du Flegel!“, brüllte Lydija Iwanowna, wischte sich mit der Hand über ihr verschwitztes Gesicht und ging. Ich hörte, wie sie aufgeregt im Korridor mit jemandem sprach. Die Gerüchtesuppe wurde gekocht!
Ich fühlte mich wie ein in der Höhle sitzendes Tier, auf das die tückischen Jäger die Hunde gehetzt hatten.
Ich fragte die zitternde Jelisaweta Jurjewna: „Was denken Sie, wer kommt als Nächster? Die Kettenhunde waren schon da, jetzt sind noch die Einschmeichler dran.“
Sie antwortete nicht.
Eine halbe Stunde herrschte Unheil verkündende Stille.
Dann erschien Alik Roschalski. Er sprach ruhig und ausgewogen: „Du weißt nur zu gut, Dima, dass Kim dich nicht entlassen kann. Er möchte keinen Skandal. Eine junge Fachkraft wurde entlassen! Aufsteigender Kader, sogar mit dem Wettbewerbspreis für junge Gelehrte ausgezeichnet, und jetzt haben wir ihn entlassen! Das Labor wird blamiert sein!“
„Ich spucke auf das Labor!“
„Genau das ist das Schlimme. Das ist deine Selbstsucht. Du warst nicht gut im Studium. Aber wir haben dich hier eingestellt. Diese Ehre muss man sich erst verdienen. Und du hast diese Arbeit als Geschenk bekommen! Bist im besten Kollektiv. Hast die modernen Technologien. Alle Türen stehen dir offen. In ein paar Jahren wirst du promovieren. Du musst Dankbarkeit erweisen, stattdessen sprichst du frech mit dem Chef!“
„Erweise du ihm deine Dankbarkeit! Bedank dich und verbeuge dich. Wir bringen hier den Robotern bei zu sehen und zu gehen, aber selbst kriechen wir wie blindes Vieh. Verstehst du, Alik, ich kann einfach nicht so weiterkriechen! Ich will gar nichts von euch. Ich ertrage das demagogische Geschwätz von Kim nicht mehr, und diese blöde Dissertation brauche ich auch nicht!“
Alik seufzte und ging. Niemand kam mehr.
Um siebzehn Uhr fünfzehn verabschiedete ich mich von Jelisaweta Jurjewna und verließ das Institutsgebäude.
Leider nicht für immer. Ich arbeitete noch acht Jahre im Institut, aber in einem anderen Labor. Dort waren die Menschen angenehmer. Und die Hauptsache war, der Chef war kein solches Vieh wie Kim.
Mein einflussreicher Großvater half mir, diese Versetzung durchzubringen. Dewin sträubte sich, solange er konnte, dagegen. Aber dann beugte er sich höherer Gewalt. Davor aber versuchte er noch fünfmal, mich umzustimmen. Er schmeichelte mir, dann aber drohte er mit der Wolfskarte und geriet in Wut. Ich war gelassen, ich wusste, dass er verloren hatte. Endlich hörte er auf zu kämpfen, ließ aber das Gerücht verbreiten, dass ich wegen meiner angeblichen Unfähigkeit entlassen wurde. Ich widerlegte das nicht, weil ich darin einen Anteil Wahrheit sah.
Der einzige Mensch aus dem Labor von Kim Palytsch, der mich noch grüßte, war Jelisaweta Jurjewna. Wir schwatzten hin und wieder heimlich im Korridor. Sie beklagte sich über ihre Tochter und die Kollegen. Ich erzählte ihr über meine neue Arbeit.
...
Ungefähr nach einem Jahr kam Toljan unerwartet zu mir.
„Wir sammeln Geld für die Familie. Gibst du was?“
Ich fragte, hoffend, dass es nicht sie ist: „Wer ist gestorben?“
„Jelisaweta Jurjewna.“
„Wie?“
„Sie ist aus dem Fenster des neunten Stockwerks gesprungen.“
„Das Töchterchen?“
„Das Töchterchen und auch wir. Warum muss ich reden, du verstehst alles selbst.“
Ich gab ihm fünf Rubel.
 

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