Igor Schestkow "Hrrak, Hrrak, Hrrak!"

 

 

 

Hrrak, Hrrak, Hrrak!            

                                       

Im zweiten Teil meiner Erzählung "UFO über Berlin" habe ich das erstaunliche, unvergessliche Erlebnis beschrieben, als ich vor etwa zehn Jahren aus einer Berliner S-Bahn heraus ein UFO sah. Das war tatsächlich so, keine Silbe davon war erfunden oder übertrieben, aber natürlich wollte mir niemand glauben. Alle hielten das für eine Schrulle des Verfassers. Eine der notorischen Kritikerinnen riet mir allen Ernstes, das Feuer meiner Fantasie auf  kleinere Flamme zu stellen. "In Ihren Erzählungen gibt es so viel Unwahrscheinliches, so viel Unglaubliches. Das bekommt man mit der Zeit über. Außerdem leiden die Helden Ihrer Geschichten an einer hypertrophen Sexualität. Das wirkt abschreckend. Alles bei Ihnen wirkt düster und schwer. Herr S., wo bleibt das Positive? Schreiben Sie doch einmal über glückliche Pensionäre, die ein geistig erfülltes Leben führen. Das können Sie doch!" Ein Schriftstellerkollege, früher als arger Schwerenöter und Kinderschänder bekannt, fügte hinzu: "Und schreib doch nicht immer über Schwule und Wixer!"

Solch wohlwollenden Angriffen ausgesetzt zu sein, macht keinen Spaß, vor allem dann nicht, wenn sie unterhalb der Gürtelline stattfinden. Was müssen erst meine Feinde denken, wenn schon die Freunde mir raten, über glückliche Rentner zu schreiben anstatt über warme Brüder - von denen ich übrigens noch nie geschrieben habe, weil ich mich auf diesem Gebiet nicht auskenne. Nur eine zu Herzen gehende Erzählung aus meiner Feder handelt von einem unglücklichen jungen Mann vom anderen Ufer, aber dessen sexuelle Orientierung steht gar nicht im Vordergrund. Vielmehr geht es um die Entfremdung einer wunden Seele von der Gesellschaft und ihren Institutionen. Das ist der Kern dieser Erzählung!

Außerdem befleißigen sich meine Helden nur in bescheidenem Maße der Onanie, und zwar nur dann, wenn sich mit dem geliebten Menschen kein Glück einstellen will. Also geht es auch dann nicht um Selbstbefriedigung an sich, sondern um Enttäuschung, Einsamkeit und ähnliche formen von Entfremdung von Mitmenschen und Freunden, von der Gesellschaft und ihren Göttern, von der ewig leidenden und geknechteten Menschheit.

Ich habe mich bemüht, meinen Kritikern ins Gedächtnis zu rufen, dass schriftstellerische Arbeit - also das Arrangieren von Handlung, von Szenen und Dialogen sowie die Schöpfung von "Helden" gleich welcher Art - immer auf überschießender Phantasie beruht, auf maßloser Übertreibung, auf Bluff und Hirngespinsten. Da macht man aus der Mücke einen Elefanten und stellt die Weltgeschichte auf den Kopf.

Was ist so ein armseliges UFO, das über den öden Berliner Himmel schaukelt, im Vergleich zur völligen Abwesenheit von Romanfiguren und Geschichtenerzählern im Leben von kaum existenten, substanz- und konturlosen Menschen ohne Phantasie und Fabulierkunst? Fast wage ich sie nicht als "Menschen" zu bezeichnen, denn es handelt sich eher um kaum lebensfähige Frühgeburten, um Schattenwesen. Aber es gibt sie wirklich, wenn auch auf eine Weise, die Unwohlsein verursacht, weil solche Leute bestenfalls als Staubfänger oder Nippfiguren taugen. Zu mehr nicht. Ihre sexuellen Vorlieben sind genauso belanglos. Mögen sie doch treiben, was ihnen beliebt, diese lächerlichen Homunkuli! Das sind doch nicht eure Frauen, eure Männer oder eure Bekannte, höchstens unser aller Versuchskaninchen, Fehlgeburten, von der Menschheit noch nicht aus der Welt geschaffte kognitive Dissonanzen, die in vorzeitlichen Abgründen hausen - wie das ein Weiser aus dem Morgenland ausdrückte. Sie zeigen uns an, wie tief die Unterwelt ist, in die Sie gewiss nicht für Geld und gute Worte eintauchen möchten, meine lieben Freunde.

Ihre Lebensdaten sind keine Jahreszahlen, sondern Seitenangaben im Inhaltsverzeichnis.

Außerdem muss ich Ihnen ja wohl kaum erklären, dass nicht die Handlung - oder der Held und seine Libido - in einer Geschichte die Hauptrolle spielt, sondern das Unwägbare, das unverfälscht und authentisch ist, auch wenn man es nur schwer zu definieren vermag. Die feinen Vibrationen der Gedanken, die Substanz des Lebens selber... Dazu gehört der Stil, besser gesagt: der Charme des Stils, wie im Dekameron oder im Roman von Stern. Wichtig sind ebenfalls die Veränderungen, die mit den handelnden Personen und ihren Lebensumständen vor sich gehen, etwa bei Bruno Schulz - darüber hinaus aber auch die Metamorphosen, die wir selbst und unsere eigene Umgebung durchlaufen, während wir das Werk lesen. Derentwegen fällt es einem oft schwer, sich von einem Buch loszureißen - nicht wegen der übersteigerten Phantasie, dem Grauen, den Albträumen oder der latenten Perversion des Erzählers.

Aber meine Kritiker wollten nicht hören, sondern prügelten immer weiter auf mich ein. Das machte mich schwach und kleinmütig, hemmte meinen Schwung, knebelte meine Phantasie und hackte meinem Pegasus die Flügel ab. Was hat er dabei geschrien!  So leistete ich schließlich in der Kathedrale des Allerweltsrealismus einen Eid auf positives Denken und gutbürgerliche Wertvorstellungen. Ich sprach etwa so: Vor dem Angesicht meiner besten Freunde gelobe ich feierlich... Diese erklärten sich gerne zu unbestechlicher Zeugenschaft bereit, wobei sie auf den Hinterfüßen standen wie ein Löwe, der ein zitterndes Rehkitz zerreißt (im Hinterzimmer des heiligen Hauses erklärten sie mir dann, wer mit dem Löwen und dem Rehkitz gemeint war...). Darunter setzten diese sauertöpfischen Marasmatiker als Mitglieder der altehrwürdigen Liga für das Vorrecht der Tatsachen ihre schwungvollen Unterschriften in gotischer Fraktur. Auf den Siegeln prangten Freimaurerzinken: Zirkel, Lineale und - aus welchem Grund auch immer - eine Krone aus Maiskolben.

Also beschloss ich, meine nächste Erzählung in streng realistischer Manier zu schreiben, ohne Phantasie und Ausschweifungen. Auch ohne Handlung und ohne romantischen Helden. Das würde ich schon schaffen, auf diesen Klimbim pfeif ' ich doch! Mir hängt das sowieso schon zum Hals heraus. Ich beschreibe also ganz einfach das, was gestern passiert ist - und bin sicher, Sie werden mir auch dann nicht glauben.

 

 

Da sitze ich also wieder in dieser S-Bahn, im zweiten Wagen hinter dem Lokführer. Vielleicht auch im dritten. Der Zug bewegt sich auf den Bahnhof Lichtenberg zu. Ich bin kühl bis ans Herz hinan. Regen peitscht gegen das Fenster, eisig und abstoßend. Hirsche rennen die Straßen entlang. Die Gesichter der wenigen Mitreisenden sehen verschlafen und wenig anregend aus, sie erinnern an Ratten.

Sie merken schon: Hier waltet keinerlei Phantasie, hier wabern keine Fatamorganen. Alles ist so real wie im Leichenschauhaus.

In Lichtenberg steigt nur ein Mann zu, der nichts Besonderes an sich hat. Vielleicht 57 Jahre alt, bekleidet mit Jacke, Jeans und Strickmütze. Er scheint nicht reich zu sein, sieht aber auch nicht wie ein Obdachloser aus. Ein Durchschnittstyp, nur dass er recht groß gewachsen ist. Ein echter Hüne.

Die Türen schließen sich hinter ihm, aber anstatt weiter in den Wagen hineinzugehen und sich auf einen Fensterplatz zu setzen, verbeugt er sich langsam, biegt - ja was ist denn das? - den Oberkörper nach vorne, lässt den Kopf tiefer und tiefer hängen und berührt schließlich mit der Stirn neben einem herumliegenden Kaugummipapier den schmutzigen Fußboden. In dieser Position verharrt er, also auf den Füßen und der Stirn gleichzeitig. Seine Körperstellung erinnert an einen Bogen oder an einen Hufeisenmagneten, mit dem wir in der Kindheit spielten. Allerdings ist er dunkel und lebendig.

Und dann sondert dieser Mensch, immer noch in der gleichen ungewöhnlichen Pose, dreimal laut und dezidiert einen schaurigen Ton ab, so etwas wie "Hrrak". Seine Stimme klingt sehr tief, fast als gehöre sie nicht zu einem Menschen, sondern zu einem Roboter, einem Bären oder einem exotischen Vogel.

Dann biegt er den Oberkörper hoch, so wie er ihn vorher heruntergebogen hat. Ganz langsam, mit einer fließenden Bewegung. Warum bloß? Ist er ein Zirkusclown, hat er einen an der Klatsche oder in der Krone? Sein Gesicht ist rot anlaufen, weil ihm das Blut zu Kopf gestiegen ist. Ich betrachte es, vermag aber sonst nichts Besonderes zu erkennen. Schlecht rasiert, Pickel auf Nase und Stirn, anscheinend östlicher Herkunft.

Aber nein, es gab doch etwas Besonderes. In der Tat... Sein Gesicht war maskenhaft. Was dahinter vorging, ließ sich kaum erahnen. Seine Augen wirkten leer, seine dichten Brauen wie angeklebt und der Mund wie eingefräst. Dazu grimassierte er fürchterlich, als sei er einem Horrorfilm entsprungen. Noch einmal beugte er sich nach vorne und schlug mit der Stirn auf den Boden, so dass man den Aufprall hören konnte. 

"Hrrak, Hrrak, Hrrak!"

Wieder schrie er laut, durchdringend, schrill und aggressiv, als sollte dieses Gebrüll oder Geschrei etwas Wichtiges, vielleicht Schlimmes ankündigen. Ein Countdown etwa?

Ich bekam es mit der Angst zu tun und befürchtete, er vollführe diese seltsame Handlungsweise, um sich gleich mit einer Machete auf die Fahrgäste zu stürzen und sie in Stücke zu hacken. Einem bulligen Typen wie ihm konnte man das durchaus zutrauen. Vor einem halben Jahr war so etwas in einem Zug nach Würzburg schon einmal passiert. Oder trägt er vielleicht eine Bombe um den Bauch, die er gleich explodieren lässt?

Aber dann bemerkte ich etwas, was mich fast noch mehr erschreckte als eine Bombe oder eine Machete. Die Geschichte wiederholte sich: Wie damals in der S-Bahn niemand auf das UFO geachtet hatte, so reagierte auch jetzt niemand auf die Verbeugungen und Schreie dieses furchterregenden Kerls. Die Schüler mir gegenüber schauten nicht nach ihm, sondern starrten wie eingefroren auf ihre Smartphones und blendeten den Rest der Umwelt völlig aus. Eine alte Frau saß keine drei Meter von ihm entfernt, döste vor sich hin und nahm gleichfalls keinerlei Notiz von ihm. Sie stöhnte nur ein wenig und zog die Nase kraus, die einem Knopf ähnelte. Auf der anderen Seite fuhr ein Ehepaar in mittleren Jahren, steckte die Köpfe zusammen und tuschelte, denn er zeigte ihr etwas auf einer der bunten Reklametafeln, worauf sie zustimmend nickte.

Berlin ist, wie man weiß, nichts für schwache Nerven, sondern eher Europas Latrine, wo sich Kreti und Pleti ein Stelldichein geben. Sie halten sich bei den Händen und versuchen, kein Aufsehen zu erregen, wenn es nicht unbedingt nötig ist. Seltsam ist das allemal.

Aber dieser da beugte sich vor wie nicht gescheit, fegte den Wagonboden mit seinen schwarzen Haaren und krächzte aus voller Kehle. War ich am Ende der Einzige, der ihn sah und hörte? Ich hatte Ameisen in den Beinen.

An der nächsten Haltestelle - Nöldnerplatz - stieg der Kerl aus, statt dessen kamen Schüler und Studenten in den Wagen, die mit ihrem Schnattern und Flirten meine düsteren Gedanken an diesen Menschen und seine Verbeugungen zum Schweigen brachten.

Bisher habe ich noch gar nicht erwähnt, dass ich mich auf dem Weg zum Flughafen Schönefeld befand, wo ich einen entfernten Bekannten treffen wollte, der mir etwas zu überbringen hatte.

Etwas überaus Wichtiges und Wertvolles.

An der Haltestelle Ostkreuz fuhr ich mit der Rolltreppe ins Obergeschoss und schaffte es gerade noch, in den S-Bahnzug nach Zeuthen zu schlüpfen, der schon abfahren wollte. Drinnen war es eng und stickig. Es roch nach Schweiß und alten Dönern. Vor mir stand nämlich ein Kerl und aß solch ein Erzeugnis deutsch-türkischer Haute Cuisine, deren Krümel seinen üppigen Bart verzierten, wo sich auch Knoblauchsoße befand. Wie unappetitlich...

Während der junge Mann genüsslich und ohne jede Eile kaute, unterhielt er sich mit einem dürren Mädchen, das ebenfalls etwas mümmelte. Das Mädchen hatte zwar keinen Bart, dafür aber Schielaugen und eine verkorkste Figur. In ihrem Gesicht spiegelte sich die für Berlinerinnen typische Einfalt. Offenbar war sie weder Studentin noch Touristin, sondern arbeitete irgendwo für geringen Lohn. Sie wirkte ärmlich. Ihr Gesprächspartner trug trotz seiner jungen Jahre schon beachtliche Schichten von Hüftgold mit sich herum. Er war etwas sauberer angezogen als die junge Dame, die er gönnerhaft und fast höhnisch betrachtete. In seinen kleinen Augen wimmelten gelbliche Fünkchen. Wahrscheinlich war er mit der Kleinen schon mehrfach ins Bett gestiegen, und wahrscheinlich folgte sie ihm dorthin, weil sie hoffte, er würde sie heiraten. Doch er schätzte sie wohl nicht besonders und hegte keinerlei Absicht, sich ernsthaft an sie zu binden. Leider kein Einzelfall.

Nachdem er mit dem Döner fertig war, leckte er sich schmatzend die Finger ab. Plötzlich wusste ich, an wen er mich erinnerte: An Kim Jong Un, den Sohn einer Ballerina, den hochmögenden Erben und heutigen Staatsratsvorsitzenden, Marschall etc., das Oberhaupt des liebsten Staatsgebildes russischer Patrioten: Nord-Korea.

Der Berliner Kim Jong Un kramte noch einen zweiten Döner aus seiner Tasche, der - nach dem Geruch zu urteilen - genauso alt war wie der erste. Er begann, sich auch diesen einzuverleiben. Plötzlich drehte er sich nach mir um und bemerkte wohl meinen unwillkürlich angewiderten Blick. Sofort fing er an, unverschämt und bösartig zu grinsen, beugte sein bärtiges Haupt nach vorne und krähte: "Hrrak, Hrrak, Hrrak!" Dann bückte er sich so weit, dass der Kopf tiefer hing als sein Speckbauch, wobei die Wirbelsäule bedenklich ächzte und er schließlich kraftlos zu Boden fiel. Seine Gefährtin setzte sich neben ihn, versuchte ihn aufzurichten und fühlte seinen Puls. Die Türen des Wagens öffneten sich und ich trat ins Freie. Meine Beine trugen mich fort von diesem Bartträger und seiner Begleiterin.

Unmittelbar danach kam auf dem gegenüberliegenden Bahnsteig der Zug nach Schönefeld an. Ich stieg ein und setzte mich ans Fenster. Meine Bahn fuhr los, aber die andere nach Zeuthen stand noch. Offenbar wartete der Lokführer auf das Eintreffen der Sanitäter. An der Station Altglienicke leerte sich mein Wagon, nur ein Invalide döste noch am anderen Ende in seinem Rollstuhl vor sich hin. Ich schloss die Augen und stellte mir vor, am Strand des Stillen Ozeans zu liegen. Im Wasser spielten und sprangen Delfine umher. Perlmuttene Lämmerwölkchen schwebten durchs Himmelblau... Eine innere Stimme flüsterte mir zu: "Nicht schwach werden!"

Da stürzte ebenso behände wie abstoßend ein Clown in grellbuntem Gewand auf mich zu. Offenbar kam er aus einem anderen Wagon hereingeschneit. Er zeigte mir seine violette Zunge mit weißen Bläschen und begann auf widerliche Art zu tanzen. Seine Faxen sollten wohl tiefe Verbeugungen andeuten. Als er fertig war, schnorrte er mich um Geld an.

Natürlich gab ich ihm keines. Als er verstand, dass offenbar nichts zu holen war, zog er ein weinerliches Gesicht und vergoss künstliche Tränen, schwarz wie Rabenflügel. Dann spielte er den dummen August, schrie: "Hrrak, Hrrak, Hrrak!" und machte sich aus dem Staub.

Kurz vor dem Flughafen zockelte eben dieser Invalide in seinem Rollstuhl auf mich zu. Er schaute nach mir, legte sein Gesicht in Falten wie eine alte Zitrone und piepste mit seiner vom Alkohol lädierten Stimme: "Hast du die Zeitung gelesen? Der neue Herr über Himmel und Erde ist zu uns gekommen. Er sieht dich, er sieht alles! Warum bist du stehen geblieben, du Stück Scheiße! Du verreckst eher als ich. Gib 10 Euro her, du Mondkalb!" Dann glubschte er mit den Augen und brüllte, wie mir schien zu seiner eigenen Überraschung:"Hrrak, Hrrak, Hrrak!"

Ohne noch einmal nach mir zu schauen, rollte er sich flink zum Ausgang. Gerne wäre ich ihm hinterhergerannt, um ihn aus dem Rollstuhl zu kippen, aber ich tat es nicht. Das war nicht der Mühe wert. Lass ihn leben.

Ich verließ den Zug und pilgerte, wie alle anderen auch, entlang dieser schmucken, bogenförmigen Glaswand zum Flughafen. Der feuchtkalte Wind drang durch jede Naht der Kleidung wie ein Schwarm lästiger Insekten. Das teuflische Echo des Schreis hallte noch in meinen Ohren.

Im Terminal A gab es mehr Leute als im Zug nach Zeuthen. Viele saßen auf dem nackten Fußboden und streckten die Beine von sich. Dazwischen sprangen Kinder herum. Es roch unangenehm nach Speisen, die zu lange auf dem Herd gestanden hatten. Ich lehnte mich an eine Säule und begann zu dösen, rappelte mich jedoch wieder hoch und sah auf die Anzeigetafel. Vor zehn Minuten war das Flugzeug aus Neapel gelandet. Das bedeutete, dass Herr Mu aus China, der mir ein Geschenk bringen sollte, bald mit einer Schatulle für Musikinstrumente durch diese mattierte Glastür kommen würde. Darin sollte sich... nein, kein Kokain befinden, sondern etwas erheblich Spannenderes.

Doch statt Herrn Mu kam der bewusste Clown mit der violetten Zunge auf einem verchromten Einrad durch die Tür. Er fuhr auf mich zu, riss seinen großen Mund auf und brüllte los: "Du erhoffst dir ein Geschenk, du Missgeburt? Willst du noch ein zweites Leben vertrödeln, Hurensohn? Im Fleischwolf kannst du es dir abholen. Da wirst du schön mit den Zähnen knirschen, falls sie noch nicht ausgefallen sind. Hrrak, Hraak!" Woher er wohl gekommen war? Für vertiefte Reflexionen fehlte mir die Kraft. Ich trat mit dem Fuß nach ihm, bemerkte aber sofort, dass er nur im Traum existierte. Kein Clown mit Fahrrad befand sich in meiner Nähe. Ich stand immer noch im Wartesaal und lehnte an der schmutzigen, quadratischen Säule.

Die Türen gingen auf und ein Italiener mit riesigem Koffer trat daraus hervor. Er trug einen langen, verknitterten Schal mit gelbem Karomuster um sein unrasiertes, geädertes Kinn. An seinem knochigen Finger blitzte ein rosa Topas von der Größe eines dicken Hühnereis. Wahrscheinlich war er Künstler, Musiker, Regisseur oder eine andere Art von Hanswurst.

Alle europäischen Tagediebe mit dem Drang nach Höherem fahren in der Weltgeschichte umher und kommen schließlich aus irgendwelchen Gründen nach Berlin. Спасибо дорогой :-)) ! Dort wollen sie gnadenlos Party machen, rauchen, bis ihnen die Schädeldecke wegfliegt, sich in mehrere Persönlichkeiten aufspalten und nach Möglichkeit den verklemmten deutschen Kartoffelfressern Geld abklemmen. Oft gelingt ihnen das auch. Es soll mir recht sein, mein Geld ist es nicht. Mir tun nur die Deutschen leid. Wie oft haben dahergelaufene Schlawiner ihnen schon das Fell über die Ohren gezogen. Immer noch halten sie die Hand auf, und die Ärmsten zahlen sich dumm und dämlich. So sind diese Typen nun einmal. Da spielt es keine Rolle, ob sie im Knast sitzen oder im Restaurant, ob sie SS-Schergen sind oder Lakaien.

Als die Türen sich öffneten, um den Italiener durchzulassen, sah ich meinen Chinesen - in Begleitung von zwei Polizisten. Sie führten ihn ab. Etwa zum Verhör? Sie werden das Zeug doch nicht gefunden haben?

Das bedeutete, dass ich hier wohl den ganzen Tag herumstehen musste. Aber meine Gewissheit trog, wie so oft: Schon nach einer Viertelstunde kam Herr Mu heraus. Verschwitzt und aufgeregt, aber, wie er selber sagte, ohne ernsthaft Federn gelassen zu haben.

Er erkannte mich sofort, denn wir hatten uns schon zweimal unter ähnlichen Umständen getroffen. Er führte mich in einen stillen Winkel und schaute sich prüfend um. Mit geschickten Fingern entnahm er dem Koffer die Schatulle, gab sie mir und flüsterte: "Seien Sie vorsichtig damit! Das ist heiße Ware, die eine tödliche Wirkung haben kann." Er verbeugte sich höflich und verschwand.

Ich verstaute die Schatulle in der Mappe und begab mich wieder an der gebogenen Glaswand entlang zur S-Bahn. Da sah ich, wie irgendwelche Asiaten meinen Herrn Mu in einen beigen BMW zerrten, während andere flink seinen Koffer aufbrachen und dessen Inhalt herumwarfen. Bunte Unterhosen und Hemden flatterten in alle Richtungen und verwandelten den diesig grauen Berliner Tag in ein impressionistisches Gemälde. Die Polizei trat auf den Plan.

Herr Mu wehrte sich seiner Haut, musste aber angesichts der Übermacht seiner Gegner klein beigeben. Das letzte, was ich von ihm wahrnahm, war sein trauriger Blick. Mir schien, als nicke er mir vom Rücksitz des Wagens aus zu, was nicht ganz ungefährlich war, denn seine Entführer hätten es bemerken können. Trotzdem grüßte ich mit einem Nicken zurück. Wie üblich tauchte die Polizei genau in dem Moment auf, als der beige BMW mit vollem Tempo in einer Wolke von Abgasen und bunt schillernden Regentröpfchen in Richtung Autobahn davonsauste. Die Nummernschilder waren dreckverschmiert. Auf dem Gehsteig lag der verbeulte Koffer, um ihn herum die farbenfrohen asiatische Textilien.

In der Unterführung beschloss ich, dem Schicksal einen Streich zu spielen und nicht mit der S-Bahn in die Stadt zu fahren, sondern einen Nahverkehrszug in Richtung Dessau zu nehmen, der vom Flughafen Schönefeld in etwa 25 Minuten zum Ostbahnhof fährt. Auf dem Bahnsteig fröstelte mich, aber im Zug konnte ich mich wieder aufwärmen.

Eine Kontrolleurin erschien und betrachtete mich vielsagend, als wisse sie etwas über mich. Meine Fahrkarte wollte sie nicht sehen, betrachtete aber eingehend meine Mappe. Sie räusperte sich ostentativ, schaute mir beinahe kokett in die Augen und lächelte. Ihre Apfelbäckchen glänzten, während sie sagte: "Ich ahne ihn, ich spüre ihn. Er ist so schön wie es nur ein geschliffener Diamant sein kann. Er wärmt mir die Seele, genau wie Sie selber, Sie Sonntagskind, Sie Glückspilz. Ach bitte, nehmen Sie mich doch mit! Mit Ihnen - und mit ihm - fahre ich bis an Ende der Welt.  

Dabei zeigte ihr Finger auf meine Mappe, worauf ich mit den Schultern zuckte. Sie verließ mich und setzte ihre Kontrolle der Fahrkarten fort, wobei sie mir aber immer wieder Luftküsschen zuwarf. Die übrigen Fahrgäste begannen mich amüsiert zu mustern. Deutsche, sonst aus solidem Stahlbeton gefertigt und entsprechend phlegmatisch, tauten auf und wurden beinahe weich... Einige lächelten freundlich, andere missbilligend. Einer, der aussah wie ein Wurzelzwerg in einer Musuemsuniform (auch Wurzelzwerge sind manchmal auf der Suche nach Wahrheit), glotze mich eine Zeitlang wütend an, dann stand er auf, kam her und krächzte: "Wolltest dich wohl verstecken, du krummer Hund? Etwa vor ihm? Gleich kriegst du eine Billardkugel in dein Säckchen! Hrrak, Hrrak!"

Plötzlich war er kein Wurzelzwerg mehr, sondern der Clown mit der lila Zunge, die ihm aus dem Mund hing. Nein, das war Kim Jong Un nebst Bart und Döner, der mit zerschmettertem Rückgrat im Rollstuhl saß. 

" Hrrak, Hrrak!"

Er streckte seine fettigen Wurstfinger nach mir aus und versuchte, mir die Tasche mit der Schatulle aus der Hand zu reißen.

"Hrrak, Hrrak!"

Ich schlug die Augen auf. Niemand war in meiner Nähe. Die Kontrolleurin betrachtete unwirsch die Fahrkarten, der Wurzelzwerg saß friedlich auf seinem Platz und blätterte im SPIEGEL.

Alles klar? Oder entstammten die Kontrolleurin und der Wurzelzwerg am Ende dem Reich der Phantasie? Es scheint, als spürten einige Menschen, was in der Schatulle verborgen ist. Sie nehmen es durch die Schatulle hindurch wahr wie der Spürhund die Drogen. Warum haben sie dann beim Flughafenzoll nichts gemerkt? Weil jeder eine andere Vorstellung von Vollkommenheit hat. Der Eine versteht darunter einen Smaragdring, der andere ein Stück Pergament von den Qumran-Rollen, der nächste ein Stück vom Heiligen Gral oder einen Windhauch in sommerlicher Hitze. Kühlung durch klares Wasser an einem Bergbach in Kalifornien. Eine wunderschöne Muschel am Strand, das Lächeln einer jungen Inselschönheit, einen Antonov-Apfel...

…  

Am Ostbahnhof stieg ich in meine S-Bahn um. Der Zug fuhr gemächlich, und ich betrachtete die trostlose Szenerie Ostberlins und seine abstoßende Architektur durch das Fenster. Pfützen, die wohl der Teufel hinterlassen hatte, schillerten auf ödem Asphalt.

Ich ließ meine rechte Hand in die Mappe gleiten und betrachtete unauffällig die Schatulle, die Leben und Wärme auszustrahlen schien. Sie vibrierte ein wenig und ließ leise Glockentöne erklingen. Dabei war mir klar, dass nicht die Schatulle selbst zum Leben erwacht war, sondern das, was sich in einem silbernen Röhrchen darin befand - das gleiche, was das Herz der Kontrolleurin erwärmt und den Wutanfall des Wurzelzwergs provoziert hatte.

Der Wagon war voll missmutiger Leute, die müde von der Arbeit kamen. Die meisten starrten auf ihr Smartphone, andere lasen, hörten Musik oder dösten vor sich hin. Die dunkle, animalische Masse, die den Zug anfüllte, atmete mühsam wie ein riesiges Meerungeheuer, das von den Wellen ans Ufer gespült worden war.

All die Jahre hindurch hatte ich mich darum bemüht, nicht zum Teil dieser vom harten Alltagsleben ausgelaugten, abgestumpften Menge zu werden, die hier auf dem Trockenen nach Atem rang. Ich wollte mir, so weit irgend möglich, einen Funken Eigenständigkeit bewahren, der mich am Leben hielt und es mir ersparte, von der Menschenmasse, dieser riesigen Krake, verschluckt und in ihrem fischigen Magen verdaut zu werden.

Mir kam es so vor, als ob ich dieses schwierige Unterfangen in etwa gemeistert hatte. Jedenfalls wurde ich nicht müde, aus der Fülle der mir geschenkten Zeit meinen ganz eigenen Schatz, meinen Glückskristall zu formen und freute mich an seinem sprühenden Feuer. Mit der Zeit gelang mir das immer besser.

Ich zeigte ihn den Leuten. Bitte sehr, nehmt ihn und freut euch daran, ich schenke ihn euch. Aber niemand wollte ihn haben. Stattdessen betrachteten sie mich argwöhnisch, wobei sich aus ihrer Stirn zyanblaue Fangarme mit Saugnäpfen hervorschlängelten und sich mir um den Kopf wanden.

Der Doktor drückte auf einen großen, roten Knopf. Das Weltall erzitterte in seinen Grundfesten. Mein Kristall zerfiel zu Staub.

Endlich ist mir warm. Süße Nacktheit: Mein Herz bebt in Erwartung der lang ersehnten Befreiung. Durch meine halbgeschlossenen Lider dringt geheimnisvolles, blaugrünes Licht.

Ich sitze im Schneidersitz auf dem durch kräftige Sonnenstrahlen gewärmten Steinboden der ehemaligen Papierfabrik in der Nähe des Schlosses Grabstein. Durch das Fenster sieht man blauen Himmel und das Grün riesiger Ulmen.

In meinen Händen halte ich die Schatulle für Musikinstrumente.

Der Kerl aus der Berliner S-Bahn, der die Verbeugungen vorgeführt hat, steht mir gegenüber. Seine schwarzen Locken berühren den Boden. Er schreit vor Schmerzen. Hinter ihm wummert eine kolossale, in überirdisches Licht getauchte Maschine: Der Desintegrator von Raum und Zeit. Turmhoch, zu unvorstellbaren Ausmaßen anwachsend. Seine Beherrscher hatten mich immer wieder gezwungen, ein fremdbestimmtes Leben zu führen, doch nun kehren sie zur Quelle, zum Anfang zurück. Ich heiße Anton Somna, bin vor vielen Jahren in Sachsen gestorben und treibe mich seitdem in der Zwischenwelt bei den Untoten herum.

Endlich habe ich verstanden, was der Mensch von mir will, der sich dauernd verbeugt. Er ist kein anderer als ich selbst. Er bittet mich, ihn aus seiner Rolle zu entlassen, derer er überdrüssig ist. Hab nur ein klein wenig Geduld...

Ich öffne die Instrumentenschatulle, nehme das silberne Röhrchen und werfe es in den von blauem Plasma wabernden Schlund der Maschine, wie man Flugzeugmodelle aus Holz und Papier in die Luft wirft: vorsichtig, mit viel Gefühl, aber ohne Kraft.

Dann springe ich ihm hinterher.

 

 

(Aus dem Russischen Klaus Kleinmann)

 

 

 

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