Igor Schestkow "Hirngespinste"

 

 

 

Hirngespinste

 

Mein Freund Alex liebte die Eisenbahn. Natürlich verliebte er sich ab und zu auch in eine Vertreterin des schönen Geschlechts und durchlebte, wie jeder von uns, am Anfang Momente des Glücks und am Ende die üblichen Melodramen. Es kam aber häufig vor, dass Alex all dieses  Liebes-Kuddelmuddel ziemlich satt hatte und längere Pausen brauchte, bevor er wieder einmal wild wurde nach einem Erdbeermund. Das Ding an sich unterlag bei ihm also durchaus gewissen Schwankungen, aber die Lust auf Eisenbahnen war von derlei nie betroffen. Seine Passion war geprägt von der Schwere der Schienen und dem unbändigen Vorwärtsstreben der Stahlrösser, und leistungsstarke Stromleitungen luden  seinen jungen, starken Körper mit neuer Energie auf.

Eine seiner Verehrerinnen, die er durch diese Leidenschaft in Rage gebracht und in die Flucht geschlagen hatte, schrie kurz vor dem finalen Zuknallen der Tür: "Geh doch mit einer Lokomotive ins Bett, nicht mit einer Frau, du Schwachkopf!" Alex hätte das wahrscheinlich  gemacht, wenn es physisch möglich gewesen wäre. An der Wand seines Junggesellenquartiers prangte auch kein Bild eines leicht geschürzten Busenwunders oder einer New Yorker Hochhaussilhouette, vor der ein luxuriöser Cadillac mit offenem Verdeck kreuzte, gesteuert von einer langbeinigen Blondine mit rechteckiger Sonnenbrille im Stil der Sechzigerjahre, die mit einem Tuch winkt, das sie in der freien Linken hält. Dort hing vielmehr die anderthalb Meter breite Vergrößerung des Plans der sächsischen Kleinbahnen zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, auf der Alex mit grünem Filzstift die noch bestehenden, mit rotem die stillgelegten Bahnhöfe und Nebenstrecken markiert hatte. Daneben sah man seine Fotografien von Dampf- und Elektroloks, von Lokführern und Schaffnern, von Passagier- und Güterwagen, von Schienen, Signalen, Schlagbäumen, Bahnhöfen, berühmten Brücken - solchen, die längst abgerissen waren wie die Greifenbachbrücke und solchen, die noch in Betrieb waren, etwa die filigrane Göltzschtalbrücke mit ihren 29 herrlichen Rundbögen aus Ziegelstein... Dabei irritierte es Alex auch in keiner Weise, dass dieses berühmte, aus der Mitte des 19. Jhd. stammende Zeugnis deutscher Ingenieurskunst nach der Wiedervereinigung zu einem beliebten Ort für romantisch angehauchte Selbstmorde von Halbwüchsigen geworden war. Einmal sprangen dort sogar drei junge Kerle aus dem gleichen Städtchen gemeinsam 80 Meter in die Tiefe, wobei sie sich an den Händen fassten und irgendwelche Hymnen auf den Teufel sangen. Gerüchte wollten nicht verstummen, wonach Satansbräute sich in der Nähe des Viaduktes "Nester" gebaut und dort regelmäßig  "schwarze Messen" zelebriert hätten, bei denen sie Ziegen und Hunde gequält - und junge Leute überredet hätten, sich leichten Herzens vom sinnentleerten, spießigen und stumpfen Leben im Spätkapitalismus zu verabschieden und in das jenseitige Reich des "dunklen Meisters" überzuwechseln, wo ganz andere, äußerst prickelnde Genüsse und höchst bizarre Abenteuer auf sie warteten.

Alex hingegen war Fatalist. Er ließ sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen.

Nun gut, da sprangen irgendwelche albernen Pubertanten von einer Brücke. Was hatte das mit ihm zu tun? Jeder lebt nach seiner Fasson. Wer einen Abgrund braucht, soll ihn haben. Persönliches Pech! Und sterben müssen wir schließlich alle. Vorher sollte man allerdings soviel wie möglich mit der Eisenbahn gefahren sein.

Alex hatte sich die Namen aller sächsischen Bahnstationen eingeprägt, kannte Länge und Höhe der sächsischen Brücken - zumindest der meisten - wie ein wandelndes Lexikon und wusste die Marken aller Lokomotiven  und Wagen herunterzuschnurren. Eisenbahndepots und -museen waren seine zweite Heimat. Seine Kenntnisse bezogen sich dabei nicht nur auf die deutsche und die österreichische Eisenbahn, mit denen er oft seine Dienstreisen bestritt, sondern auch auf die Bahnen anderer Länder. Kanada hatte er auf Schienen durchquert, ebenso Australien von Adelaide nach Darwin, natürlich mit der legendären Linie GAN. Er war mit der transsibirischen Eisenbahn bis Wladiwostok gefahren. Dort hatte man ihn übrigens bestohlen, wonach nicht nur Geld und Dokumente fehlten, sondern auch eine Sammlung sowjetischer Lokomotiven im Maßstab 1 : 45, die er einem insolventen Händler abgeluchst hatte. Häufig bereiste er die Schweiz, um die Alpen von den berühmten Bergbahnen aus zu betrachten. Auch eine Karte für die Furka -Doppelzahnradbahn hatte er sich besorgt und besuchte die tropische Insel Sansibar, wo die Deutsche Ostafrika-Kompagnie angeblich am Ende des 19. Jhd. eine Eisenbahn gebaut hat. Diese fand er zwar nicht, lebte aber mehrere Wochen in einem Harem mit fünf schwarzen Schönheiten. Davon zeigte er später Dias - und konsultierte zur Nachkur einen sächsischen Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten.

In seinem geräumigen Wohnzimmer fanden sich nur wenige Bücher, natürlich Eisenbahnfahrpläne und entsprechende Bildbände. Den übrigen Platz beanspruchten 500 bis 600 Modelle seiner liebsten Lokomotiven, darunter solche der Firma Märklin vom Ende des 19. Jhd., dazu eine umfangreiche Sammlung von Eisenbahn-Briefmarken aus aller Herren Länder und Zeiten.

All diese Schrullen konnte Alex sich leisten, denn er war Chef und Besitzer einer kleinen, aber feinen Anwaltskanzlei - deren genaues Tätigkeitsfeld mir nicht transparent wurde, obwohl Alex sich mehrfach bemühte, es mir in einfachem Deutsch zu erklären. Er lebte im sächsischen Städtchen K., wo wir uns kennen lernten, weil er bei mir einige Zeichnungen futuristischer Lokomotiven bestellte. In Geschäften kommt Alex auch öfter nach Berlin, aber diese Stadt ist nicht wirklich "sein Ding", denn bei aller eisenbahnbetriebenen Weltläufigkeit ist und bleibt er doch im Herzen ein Kind vom Lande. Wenn ihn in unserer Hauptstadt der Weltschmerz überkommt, ruft er mich an und schlägt einen Ausflug vor, vielleicht ins Technische Museum, zu einem Stadtbummel oder einer Exkursion in die Umgebung - ganz egal, Hauptsache nur, dass eine Eisenbahn in der Nähe ist. So rief er auch eines Abends im Spätherbst vor einigen Jahren an, um sich darüber zu beklagen, dass er zwei Wochen in Berlin zubringen muss und ihm das Klima und die dickschädeligen Preußen schon wieder gehörig gegen den Strich gehen. Er brauche eine Pause und wolle sich mit mir unterhalten. Ihm sei nämlich eine prächtige Idee gekommen: Wie wäre es mit einem Spaziergang durch den stillgelegten Vergnügungspark an der Spree? Da könne man sich vom aktuellen Zustand des Bimmelbähnchens überzeugen, das damals zu DDR-Zeiten "Santa-Fe-Express" genannt wurde. Ich hatte nichts dagegen, versuchte ihm aber klarzumachen, dass wir uns weder in Russland noch auf Sansibar befanden und dass im Park wahrscheinlich Wächter patroullierten, die uns nicht hineinlassen würden. Wenn wir durch den Zaun schlüpften, würden sie uns schnappen, eine Moralpredigt halten und uns einen Strafzettel verpassen.

Genüsslich antwortete er in sächsischem Tonfall, das könnte schon sein, wenn in diesem Park nicht ein alter Bekannter aus Uni-Zeiten arbeiten würde, der genau wie er selber Mitglied im "Deutschen Verein der Eisenbahnfreunde" sei. Dieser habe versprochen, uns am Eingang in Empfang zu nehmen, uns hineinzuführen, uns einige interessante DDR-Relikte zu zeigen und uns herumzuspazieren zu lassen, solange wir wollten. Er habe auch versprochen, seinen Chef und die Kollegen von unserer Anwesenheit zu informieren und sie zu bitten, ein Auge zuzudrücken. Vor allem sollten sie die Wachhunde im Zwinger lassen.

Die Wachhunde? Ich hatte wohl nicht richtig gehört...

Am nächsten Tag trafen wir uns an der S-Bahnstation Plenterwald, von wo man einen schönen Blick auf die unterschiedlich hohen Häuser der Weißensiedlung in Neukölln hat, das sich seit einigen Jahren in einen sozialen Brennpunkt verwandelt. Der eisige Wind wehte die Passagiere rasch vom Bahnsteig, alles war leer wie in der Sahara, nur auf den Geländern saßen einige Vögel mir unbekannter Art. Sie zirpten lebhaft. Wahrscheinlich wollten sie die tief am Horizont hängende Sonne beschwören, wärmer zu scheinen und sich nicht vom Nebel verschlucken zu lassen.

Wir hatten uns für drei Uhr verabredet, aber als ich fünf Minuten früher ankam, war kein Alex zu sehen. Er kam nur 14 Minuten zu spät, was für ihn eine echte Leistung war. Wir umarmten uns, so gut wir konnten - ich als dicker Knubbel, er als baumlanger Athlet. Wir nickten mit den Köpfen, glubschten uns an, schlugen uns gönnerhaft auf die Schultern, schnatterten und hüstelten.

 

Wir flößten uns gegenseitig Schwung ein und gaben uns sorglos einem leichtgeschürzten Gespräch hin. Über die schmuddelige Treppe gingen wir in die mit Graffiti verzierte Eingangshalle hinunter. Die Scheiben waren offenbar schon seit langem mit Steinen eingeschlagen, in einem gezackten Loch hing ein Vogelkadaver, unter dem ein Faden Blut flatterte wie ein Bändchen. Wir traten ins Freie und schlenderten die Straße entlang, wo die heldenhaften Bauleute der ehemaligen DDR ihre dreigeschossigen Einheits-Plattenbauten hinterlassen hatten, unterhielten uns und lutschten bunte Bonbons am Stiel, die wie kleine Drachen geformt waren. Alex hatte sie aus K. mitgebracht. Ein seltsamer Mensch, der den Beinamen "Grüner Troll" trug,  fertigte sie in der heimischen Küche an. Alex wusste, dass ich sie mochte und brachte sie als  Zeichen der Aufmerksamkeit mit.

Auch ich hatte etwas mitgebracht, und zwar eine Glaskugel, worin ein kleiner Zug aus Blech im Kreis herumfuhr. Dieses hübsche Spielzeug hatte ich auf dem großen Markt für 40 Euro gekauft. Als ich es Alex gab, sprang er vor Freude beinahe in die Luft und versprach, mich auf seine nächste Eisenbahreise durch Südamerika mitzunehmen. Ich lehnte dankend ab. Moskitos, Dschungel, Wüsten, fliegende Kakerlaken... Gott bewahre!

Ich bat Alex, von gemeinsamen Bekannten zu erzählen.

"Bei denen ist alles noch ganz beim  Alten. Es kommt mir vor, als hätte uns das Leben dort an den Rand gespült. Wir werden nur alle älter, wie es halt so geht... Aber doch, Anneta B. hat vor drei Jahren die Stadt verlassen und lebt jetzt auf Rügen, das sie ihr "Atlantis" nennt. Sie hat dort eine Galerie eröffnet und verkauft Makramé, das sie selber knüpft. Wenn man sie reden hört, könnte man meinen, sie verdient einen Haufen Geld damit, aber sie flunkert wohl. Bei uns hat sie alles nach Kräften in den Sand gesetzt. Dort auf der Insel schart sie Gleichgesinnte um sich und intrigiert. Weißt du, dass sie sich damals nicht zu schade war, mich um Geld für den Umzug anzubetteln? Dreieinhalbtausend! Ich wollte es ihr erst nicht geben, aber sie hat mich beschwatzt."

"Was, du hast Anneta Geld gegeben? Du konntest dir doch denken, dass sie das niemals zurückzahlt und sich statt dessen dir gegenüber irgendeine Gemeinheit ausdenkt, zum Dank für deine Unterstützung."

"Ja, dazu ist sie fähig. Sie kann einen hypnotisieren und  mit ihrem Charme um den Finger wickeln.  Sie sagte, ich bräuchte jetzt sowieso kein Geld. Über alle hat sie hergezogen, in haarsträubenden Einzelheiten. Über dich natürlich auch, wie du hinterher... äh... Lust bekamst...

Alex machte öfter Pausen mitten im Satz, in denen er in tiefes Nachdenken verfiel und seine schöne Römerstirn in Falten legte. Seine blauen Augen hörten auf zu funkeln, wurden gläsern und wirkten wie tot. Mir war nicht klar, was er gerade verschwieg, während er auf dem Fluss der Zeit trieb, doch immer wieder geriet er in Strudel, die ihn in die Tiefe zogen, in die Katarakte der Vergangenheit, aus denen ihn - wie aus dem Totenreich - nicht sein eigener schwacher Wille ins Leben zurückholen konnte, sondern nur das Wohlwollen der Götter - vielleicht auch eine für solche Fälle von höheren Mächten konstruierte metaphysische Eisenbahn.

"Warst du mit ihr im Bett?"

"Wir haben vier Monate zusammen gelebt. Ich hatte sogar eine Wohnung auf dem Kassberg  gemietet, mit Blick aufs Gefängnis. Anneta kaufte ein Dutzend gläserne Schränkchen und stellte überall ihre blauen und grünen Väschen auf, ebenso ihre geliebten Nilpferde aus Elfenbein. An der Wand hing dieses verdammte Makramé. 1500 haben wir allein für die Nilpferde ausgegeben. Spezialboten  brachten sie durch Jugoslawien aus Afrika. Vier Monate, länger habe ich das nicht ausgehalten. Sie hat mich mit ihren  Stimmungsschwankungen kirre gemacht und mir das Blut ausgesaugt. Als ich mal nicht zu Hause war, hat sie einige Loks verkauft und gemeint, ich merke das nicht. (Wieder versank Alex in den Strudeln der Vergangenheit, seine Miene verfinsterte sich, er schwieg zwei Minuten lang und erinnerte sich.) Meine Katze hat sie nicht gefüttert, wenn ich wegfahren musste, denn Anneta wollte sich dafür rächen, dass ich sie nicht mitgenommen hatte."

"Deine Katze Agathe? Sie war eifersüchtig, aus begreiflichen Gründen. Aber außer Anneta hast du nie jemanden wirklich geliebt, stimmt's?"

"Doch, meine Katze habe ich geliebt, sie fehlt mir so."

"Kauf eine neue."

"Nein, so eine wie Agathe gibt es kein zweites Mal. Weißt du noch, wie sie geschnurrt hat?"

"Ich erinnere mich. Aber ich erinnere mich auch an ihre Krallen."

"Ja, aber der rätselhafte Joe trat in die Geschichte ein.  Viel hätte nicht gefehlt, und er könnte sich die Radieschen von unten betrachten. Er verbrachte seinen Urlaub wie immer in Puerto Rico. Er aalte sich im Meer und ließ sich die Sonne auf den Bauch scheinen. Er hatte eine Villa gemietet, zu deren Inventar zwei heiße Schönheiten gehörten, die ihn nach Strich und Faden verwöhnten. Eine davon hatte einen eifersüchtigen Freund, der sich etwas Fieses ausdachte. Joe hatte nämlich jede Menge Leute zu einer Nacktparty eingeladen, bei der jeder Sekt trinken und vögeln konnte, so viel er wollte.  Dieser Freund kaufte einen Heißluftballon und füllte ihn mit einem Spezialgas. Er brachte ihn her, lud Leute zum Mitfliegen in den Korb ein, und in 100 Metern Höhe ließ er das Gas entweichen..."

Wieder verfiel Alex in Schweigen.

"He, erzähl weiter, das ist doch spannend!"

"Ich erzähle es dir später. Guck dort drüben, wir werden schon erwartet.

Auf der anderen Seite der Straße stand jemand, der Alex ähnlich so sah, dass es mich anfänglich sehr irritierte. Er winkte uns zu.

War das ein Zwilling? Alex hatte mir nie von einem solchen erzählt. Seltsam. Wir überquerten die Straße. Aber ja - die gleichen dunklen Locken, Sommersprossen auf der rosigen Haut, die einem Hund gehören könnte. Das gleiche offene, fast naiv wirkende deutsche Gesicht mit großen Augen, einer geraden Nase, kräftig hervorstehendem Kiefer und dünnen, farblosen Lippen... Der gleiche Wuchs, die gleichen breiten Schultern und langen Beine; die gleichen blauen Jeans und die elegante Jacke, unter der Alex aber ein fliederfarbenes Hemd trug, das ein dunkler Schmetterling mit gelben Noppen schmückte, während der Zwillingsbruder ein kakifarbenes anhatte, auf dem ein blauer Schmetterling mit weißen Noppen zu sehen war.

Hatten sie ihre Kleidung abgesprochen, um mich zu erstaunen? Alex mochte solche kleinen Scherze. Der Zwilling begrüßte uns freundlich und murmelte etwas Unverständliches in Berliner Mundart, umarmte Alex und reichte mir die Hand.

Wir liefen einige Minuten die Straße entlang, die mit dunkelblauen Steinen gepflastert war. Dann hielt unser Führer an einer Säule, auf deren Spitze ein großer metallener Käfer saß. Der Mann drückte einige Knöpfe und legte seinen langen, rechten Zeigefinger auf ein kleines gläsernes Fenster. 

… 

Alles um uns her verwandelte sich. Auch das Licht wurde anders. Oder wurde es von der Luft auf fremde Art gebrochen? Der Raum änderte seine Gestalt. Man hatte den Eindruck, als befänden wir uns wir im Inneren eines großen, gläsernen Prismas. Der halbtote Novemberwald belebte sich, wurde grün und füllte sich mit Düften und Tönen. Auch mit mir ging eine Erneuerung  vor sich. Die Schwermut, die mich schon seit Jahren lähmte, verflog. Ich fühlte, wie mich neue Kraft durchströmte.

Alex bemerkte gar nichts, denn als der Zwilling auf die Knöpfe drückte, war er gerade wieder in einem seiner Katarakte versunken. Der Doppelgänger schaute fröhlich nach mir und  deutete ein Lächeln an.

Wir bogen in einen Waldweg ein. Verschlungene Hohlwege brachen auf seltsame Weise immer wieder durch Windbruch und wirres Unterholz . Der Zwilling hackte den Weg mit einer Machete frei. Meinem Gefühl nach hätten wir schon vor einer Viertelstunde unser Ziel erreichen müssen. Aber wir liefen weiter ohne Unterlass. Eigentlich wollte ich gar nicht mehr in diesen Park. Ich hatte die Bilder ja schon im Internet gesehen. Das war langweilig und armselig, wie alles in der früheren DDR. Viel lieber wollte ich durch diesen Wald laufen, im Inneren des Prismas, mich jung und gesund fühlen und alle Sorgen vergessen.

Wir störten einen schlafenden Hirsch auf. Er sprang hoch, beäugte uns ärgerlich, brummelte einige knappe deutsche Schimpfwörter vor sich hin (ganz ehrlich, das tat er!), schüttelte sein prachtvolles Geweih mit den vielen Enden und sprang in die Luft. Etwa zwanzig Meter von uns entfernt kam er wieder auf den Boden und jagte davon wie ein Hochgeschwindigkeitszug.

Wir kamen an einem weiteren Hohlweg vorbei, auf dessen Grund ein Bach floss. Als ich über ihn hinwegsprang, schien es mir, als schaue von unten, aus der kristallklaren Tiefe, das Gesicht einer Frau herauf, die ich kannte. Hirngespinste.

Einige Minuten später war plötzlich der Weg versperrt. Vor uns stand ein Elefant von der Größe eines Güterwagens. Nein, das war kein Elefant, sondern ein Mammut mit gebogenen Stoßzähnen! Das Fell verfilzt, die Augen rot vor Zorn. In seinem Bauch befand sich eine Tür, wo kleine Fenster eingeschnitten waren, aus denen zwei Raben blickten, Handpuppen aus dem Kasperletheater. Ihre künstlichen Augen funkelten wie Perlen.

Das Mammut senkte den Rüssel und trompetete. Dann verschwand es.

Doch was war das? Eine gescheckte Python ringelte sich um einen dicken Buchenast. Manche ihrer Flecken sahen aus wie das Firmenlogo von ALDI.

Auf der Rinde des Baumes tummelten sich Stachelschweine. An ihren Barthaaren entdeckte ich runde Stielaugen.

 

In ihrer Nähe gaukelten drei grellblaue Schmetterlinge, so groß, dass ihre Fußabdrücke wohl denen eines Yeti entsprochen hätten. Vielleicht gab es ja am Ufer des Flüsschens ein besonderes Mikroklima? Oder führte uns dieser schlitzohrige Zwilling auf verborgenen Pfaden in einen Privatzoo unter gläsernen Kuppeln, von dem niemand etwas wusste? Befand sich hier ein botanischer Garten mit Tropenhaus?

Nachdem ein riesiger Ornithocheirus mit elegantem Flügelschlag über unsere Köpfe hinweggestrichen war, wurde mir klar, dass wir den Boden der Tatsachen verlassen hatten. Der Ornithocheirus brummelte: "Wenn Fremde im Park auftauchen, ist das kein gutes Zeichen. Das muss die Direktion erfahren, um derartige Verstöße gegen die guten Sitten zu unterbinden. Hrrak Hrrak..."

Alex und sein Begleiter liefen weiter, als wäre nichts geschehen. Sie gestikulierten und lachten, wahrscheinlich erinnerten sie sich an Studentenstreiche.  Dabei verlief alles was sie taten, auch ihre Bewegungen der Arme und Beine, völlig synchron. Sie waren zwei symmetrische Figuren, die sich von einem bestimmten Moment an vor meinen Augen ineinander verflochten, zur Deckung kamen, verschmolzen und schließlich nur noch eine einzige Person darstellten. Der so aus der der Vereinigung zweier Doppelgänger entstandene Mensch nahm mich schließlich bei der Hand und führte mich aus dem dichten Unterholz auf eine perfekt asphaltierte Lichtung.

In der Mittagssonne schimmerte vor uns der fast spielzeughafte Bahnhof des Vergnügungs-Bimmelbähnchens. Die Station hieß "Palmyra". Dementsprechend wuchsen auf dem Bahnsteig Palmen. Auf einer davon bemerkte ich einen Affen, der einen dicken roten Apfel aß und sich unter der Achsel kratzte.  Auf den schmalen Gleisen stand ein Zug, der aus einer lustigen, rot-grünen Lokomotive und drei kleinen, offenen Personenwagen bestand, in denen viele fröhliche Leute saßen. Alle waren nackt, einige tanzten, andere sangen, viele aßen italienisches Eis oder hielten bunte Luftballons an der Schnur. Neben der Lokomotive stand der Maschinist, ein Mandrill, auf allen Vieren und plusterte sein prächtiges Fell. Er öffnete sein Maul, das mit langen Hauern geschmückt war, und blies mit einem speziellen Apparat Seifenblasen in die Luft, die so groß waren wie Melonen. Als er uns sah, hüpfte er eilig in sein Führerhaus und zog an der Schnur. Ein lang gezogener Pfiff ertönte, aus dem sich einige Passagen aus Gounods Oper "Faust" entwickelten. Vom Zweig einer Ulme flogen ein paar große, schwarze Vögel herbei. Mein Begleiter nahm mich bei der Hand und zog mich in den letzten Wagon, wo wir zwei freie Plätze fanden.

Der Zug ruckelte los. Ich war völlig verdattert: Nackte, ein Mandrill, Faust...

Der Zug war lackiert, der Bahnhof glänzte noch vor frischer Farbe. In einem stillgelegten Park? Und warum blüht hier alles wie im Mai? Warum ist die Seele so leicht und der Körper so frei? Woher kamen all diese Passagiere?  Unterwegs waren wir doch keiner Menschenseele begegnet...

Aber waren das denn Passagiere? Nein, das waren keine lebendigen Menschen, sondern große Holzpuppen. Auch das Eis, das sie in den Händen hielten, war aus Holz. Wie konnte ich mich da nur täuschen lassen? Ich versuchte mich daran zu erinnern, welches Hemd Alex getragen hatte, und welches sein Zwillingsbruder, aber ich kam nicht darauf, denn vor meiner Nase gaukelte eine blaue Libelle umher, die mich ablenkte und meine Gedanken durcheinander brachte.  Ich versuchte sie zu verscheuchen, wie man eine lästige Fliege verscheucht. Aber sie war ja keine. Sie setzte sich auf meinen Bauch und säuselte: "Wie unhöflich Sie sind, Genosse Künstler! Wissen sie denn gar nicht, wer ich bin?"

Da sprach keine Libelle, sondern Lucy, meine kalifornische  Freundin, ein Hirngespinst, ein Fastnachtsscherz - jung und betörend, in einem weißen Kleid. Sie saß auf meinem Schoß, spreizte sich und zwitscherte: "Auf der Mormoneninsel ist immer Sommer. Komm zu mir, wir werden uns lieben wie in der guten, alten Zeit." Sie küsste mich auf die Stirn und verschwand, kein Wölkchen blieb von ihr zurück. Nur die Wärme ihrer Lippen...

Unser drolliger Zug fuhr in langen Spiralen einen sanften Hügel empor. Begeistert schaute ich in die wunderschöne Landschaft. Ich wollte jedes noch so kleine Detail genießen, denn ich ahnte, dass das nicht mehr lange dauern würde, dass all das bald vergeht, verschwindet - wie vor wenigen Minuten meine frühere Freundin verschwunden war, wie alles verschwindet...

Ich sah den dichten Wald, muntere Flüsse, Täler, kristallene Städte und am Horizont in blauer Ferne beschneite Berggipfel.

Auf einer Lichtung, gar nicht weit von uns, standen, hüpften, sprangen und blökten riesige, unbekannte Kreaturen, rosa und grässlich. Sie spielten und tollten sorglos umher, ohne von den nackten Leuten Notiz zu nehmen. Sie warfen einander herum wie Bällchen.

Über den Himmel glitten fliegende Untertassen auf sanften Bahnen. Aus ihren ovalen Fenstern blickten rätselhafte, überirdische Wesen mit klugen, dunkel-violetten Augen.

Ich wies mit dem Finger auf die Lichtung und fragte meinen Begleiter: "Was sind das für Kreaturen?"

"Das musst du dich selber fragen, es sind doch deine eigenen Geschöpfe. In den Lutschbonbons war nur ein klein wenig LSD, und schon fängst du an zu spintisieren. Der "Grüne Troll" nennt das seinen Glückscocktail."

"Wo ist dein Zwillingsbruder? Wohin hat er sich verkrümelt?"

"Da war kein Zwillingsbruder. Das hast du dir nur eingebildet."

"Und warum glänzt hier alles?"

"Ich vergaß dir zu sagen, dass die neuen Eigentümer Teile des Parks schon renoviert haben."

"Woher stammt das Mammut?"

"Das ist aus Gummi und steht schon zwanzig Jahre da herum. Deine Phantasie hat es belebt und es dir vorgegaukelt, wie alles andere auch."

"Was ist mit den fliegenden Untertassen?"

"Die früheren Eigentümer haben sie aus Aluminium gefertigt und du selber hast sie in die Luft geworfen..."

"Warum sind die Passagiere aus Holz?"

"Damit will man die Tragfähigkeit des Zuges testen. Das macht man immer so."

Es hätte keinen Wert gehabt, ihn zu fragen, warum Schmetterlinge um uns herflatterten und der Flieder blühte - mitten im November. Er hätte das alles mir selbst in die Schuhe geschoben und damit vielleicht sogar recht gehabt.

Ich hatte ja schon vermutet, dass die Wunderwelt um uns herum nicht von langer Dauer sein würde. Wir fuhren auch nicht mehr mit dem Zug, sondern befanden uns im früheren Vergnügungspark in einer viersitzigen Kabine des Riesenrades, das sich mit unangenehmem Quietschen und Kreischen bewegte, als wolle es jammern und sich beklagen. Langsam bewegten wir uns auf den höchsten Punkt zu. Keine Hügel, keine Täler waren rings herum zu sehen. Die Berge, die Ungeheuer, die fliegenden Untertassen und alle anderen Herrlichkeiten waren verschwunden.

Die Stadt kehrte an ihren Platz zurück wie das Gummi einer Schleuder nach dem Schuss. Es dämmerte, die Spree unter uns schimmerte schon tiefblau. Am Ufer gegenüber erhob sich eine schlohweiße Zementfabrik wie ein Tempel der Isis.

Dahinter ragten die mächtigen Gebäudekomplexe des Fernheizwerks Klingenberg empor.  Bei der Brücke über die Spree spazierten drei löcherige Metallfiguren übers Wasser, so groß wie Interkontinentalraketen. Über dem Stadtzentrum schwebte die genoppte Kugel des Fernsehturms, von einer langen Nadel durchbohrt. Alles war wie gehabt, wie sattsam bekannt und wirkte wie auf einer alten Fotografie - mein Aufenthaltsort, vielleicht auch der Ort meines Hinscheidens. Von fern erklang die Sirene eines Rettungswagens.

Da fiel mir wieder ein...

Ja, da fiel mir wieder ein, dass Alex nach einem schweren Eisenbahnunglück im Erzgebirge schon seit fünf Jahren auf der Intensivstation des Stadtkrankenhauses von K. im Koma liegt. Der Lokführer war eingeschlafen und hatte ein Signal überfahren, das auf Rot stand. Die INDUSI-Systeme versagten. Daher stieß der Personenzug frontal mit einem Güterzug zusammen. Alex wurde buchstäblich viergeteilt, und die neben ihm sitzende Anneta zerquetscht wie eine Mandarine.

Ich erinnerte mich auch wieder daran, dass Anneta auf dem Stadtfriedhof neben dem Fußballstadium begraben wurde, dass ich selbst dabei zugegen war und dass viele der Trauergäste weinten. Die Teile des armen Alex wurden von den Chirurgen zusammengeflickt, aber sie konnten ihn leider nicht wieder gesund machen. Nun wissen die bedauernswerten Eltern nicht, ob die Herz-Lungen-Maschine angehalten werden soll. Seine Lokomotivsammlung ist schon lange verkauft, seine Firma bankrott..

 

Wer sitzt mir da auf dem schmuddeligen, zerfetzten Sitz in der rostigen, quietschenden Kabine dieses grässlichen Riesenrades gegenüber? Warum ist mir sein starrer Blick derartig zuwider? Wohin ist sein Schmetterling verschwunden? Wie kommt der Kragen eines katholischen Priesters an seinen Hals und die Rollschuhe an seine Füße?

Das Leben geht zu Ende, bald ist es Nacht, es ist kalt.

Der Wind dreht das Rad immer schneller und schneller... Sein Quietschen und Kreischen zerreißt mir das Trommelfell. Wir sausen höher und höher.

Guten Abend, Hochwürden!

 

 

 

(Aus dem Russischen Klaus Kleinmann)

 

 

 

 

 

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