Igor Schestkow "Henker der Hummeln"

 
 
 
 
Jemand klopfte sachte an der Tür.
„Herein!“, sagte meine Mutter streng.
Der Klopfende war offenbar in Verlegenheit geraten. Hinter der Tür hörte man ein Schnaufen. Jemand quälte sich dort, er verzögerte sein Spiel, vermutlich um den Bewohnern des Zimmers Zeit zu geben, sich in Ordnung zu bringen und auf den Einfall des Fremden gewappnet zu sein.
„Kommen Sie rein!“, wiederholte meine Mutter beharrlich. Unentschlossen kam mein Freund Mamikon ins Zimmer herein.
Zog vorsichtig die Tür hinter sich zu. Vergaß uns zu begrüßen. Trat schüchtern von einem Bein auf das andere. Es schien, dass er sich unsichtbar machen oder sich zumindest ein wenig zusammenrollen wollte, um seinen kleinen unreifen Körper in einer Luftmuschel zu verbergen. Seine mageren gebräunten Arme und Beine staksten wie Stricknadeln aus einer nicht vollendeten Handarbeit.
Den kraushaarigen Kopf auf dem dünnen Hals neigte er verlegen zur Seite, die Augäpfel, leicht verdreht, versteckten sich unter dem Augenlid mit den langen schwarzen Wimpern. Seine feingliedrigen Zehen bogen sich unter die schmalen Fußsohlen, als wollten sie sich dort verbergen. Die Hände waren zusammengepresst zu für den Kampf ungeeigneten Fäusten.
„Guten Tag, Mamikon!“
Meine Mutter legte ein wenig Schlangenzärtlichkeit in ihre Stimme. Sie mochte meinen Freund nicht, weil sein Großvater einst eine höhere Stelle als ihr Vater in der sowjetischen Hierarchie eingenommen hatte.
„Gutttten Ttttag, Raissa Markowna“, stotterte Mamikon, errötete und versuchte wieder in seine Muschel reinzuklettern. Mutter hat ihn mit ihrem kritischen Blick wie mit einem Haken herausgezogen, dann musterte sie ihn von Kopf bis Fuß und verbesserte den Kragen seines ungebügelten, karierten Hemdes. Danach hat sie mich angeschaut. Kalt und müde.
„Halb drei in der Gaststätte, ich werde nicht mehr nach dir suchen gehen. Du bleibst sonst ohne Mittagessen. Gut für die Gesundheit! Elf Jahre und dick wie ein Flusspferd. Die Großmutter hat den Enkel zu gut gefüttert.“
„Ich werde pünktlich sein wie ein Koch des englischen Könighofes, der mit dem Hoffräulein ein Stelldichein vereinbart hat!“
Um Mamikon aus dem Zimmer zu bugsieren, brauchte ich ihn ein wenig anzuschubsen und ihm einen leichten Fußtritt zu geben.
Der Fußtritt blieb nicht unbemerkt von meiner Mutter, die mir einen strengen Blick zuwarf. Ich spürte diesen Blick im Rücken und startete blitzartig. Wie ein Jagdflugzeug flog ich durch den langen Korridor, die Halle mit dem pompösen Kupferrelief (ein Reckenkopf nach altrussischer Manier), den Eingang des Erholungsheimes und durch die dreihundert Meter lange Allee, die zum Park führte. Meinen rasanten Flug bremste ich erst am kleinen Kleefeld ab. Ich wischte den Schweiß von der Stirn. Atmete mit voller Brust. Die Luft roch süß und scharf – nach Klee und Kamille. Die Ohren vernahmen Zikaden-Gezirpe. Es war schwül.
Mamikon erschien, als ich das Todesstraf-Werkzeug auf einem Baumstumpf ausgebreitet hatte. Ein leeres Glas mit Plastikdeckel, ein abgebrochenes Stück von einem braunen Kamm und ein riesiges Vergrößerungsglas in schwarzer Fassung mit gebogenem Griff.
Er guckte mich scheu an, drückte mit beiden Händen auf seine eingefallene Brust und flüsterte: „Lass sie uns fangen!“
„Auf den Kamillen und auf dem Klee gibt es viele Bomber. Vor dem Gewitter wollen sie etwas Süßes fressen. Na los!“
Bomber! So nannten wir die besonders dicken Hummeln, deren Hinterbeine mit klebrigem Blütenstaub bedeckt waren, als ob sie rosagelbe Gamaschen trügen.
„Mir ist ein bisschen bange. Und wenn wir gestochen werden?“
„Du, Mamik, wie Miklucho-Maklai gesagt hat, bevor ihn die Ureinwohner aufgefressen haben: Piss dir nicht wegen Kleinigkeiten in die Hose! Wenn sie uns stechen, werden wir das Gift ausdrücken. Die Männchen haben überhaupt keinen Stachel. Nur die Weibchen sind böse. Sie saugen zu viel Nektar und werden zu bissigen Hunden.“
Mamik fürchtete sich vor Hummeln und Wespen. Er hatte Bammel vor Hunden und anderen Kindern. Und vor seiner majestätisch schönen Mutter, der Armenierin Galateja Aruschanowna.
In Gesellschaft atmete er leise, vorsichtig, um nicht die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Einmal wäre er beinahe deswegen erstickt. Er genierte sich beim Mittagessen in der Gaststätte des Erholungsheims seine Nase zu putzen. Er rutschte auf dem Stuhl hin und her. Verzog Nase und Lippen. Nichts half. Schamrot im Gesicht schniefte er, versuchte lautlos zu husten und den im Nasenrachenraum stecken gebliebenen Schleim zu schlucken, konnte es aber nicht. Er begann zu zittern, hörte auf zu atmen, verdrehte die Augen, wurde gefährlich blau. Galateja Aruschanowna nahm ein Taschentuch, bedeckte damit Lippen und Nase ihres Sohnes und klopfte ihm auf den Nacken. Mamik röchelte, grunzte unanständig laut, spuckte und schnäuzte sich. Er atmete wieder. Seine Mutter empfahl ihm ruhig: „Geh, wasch dich und putz deine Nase!“ Mamikon entfernte sich. An diesem Tag ist er in der Gaststätte nicht mehr aufgekreuzt, weil er sich vor den spöttischen Blicken der Zeugen seiner Schande schämte.
„Los, Mamik, nimm die Glasdose, die Bomber warten auf uns, hörst du, wie sie summen, in das Glas wollen sie, unseren Tabak riechen.“
Mamikon versuchte, die Angst zu überwinden, presste die Zähne zusammen. Sein Gesicht sah vor Aufregung nicht mehr kindlich aus. Es färbte sich dunkelviolett. Seine asiatischen Augen glänzten wie Bernstein in der Sonne, unausweichlich lockte ihn, wie auch mich, die süße Lust des Mordens.
Dieser Mord war von uns beabsichtigt und organisiert. Wir, die Riesen, bestehen aus Fleisch und Knochen. Wir sind weiß und fett. Unsere Haut ist empfindsam fein. In unseren Adern fließt rotes Blut. Wir haben feuchte, lebendige, schutzlose Augen.
Unsere Opfer, die Hummeln, diese fliegenden Roboter aus leichtem Metall, pelzig ummantelt. In ihrem garstigen Körper gibt es eine farblose Flüssigkeit, die dem Wasser im Eimer der Putzfrau ähnelt. Bedrohlich ihr Gebrumme. Mit dunkel lackierten Facetten-Augen glotzen sie uns an, und wenn sie nicht gerade Nektar sammeln für ihre abscheuliche Brut, wollen sie uns stechen mit ihrem langen gezackten Stachel.
 Hummeln zu fangen ist leicht. In deiner rechten Hand hältst du das Glas, in der linken den Plastikdeckel. Das Hummelschwein sitzt auf der Blume, es erkundet, tastet die Blüte ab, es riecht, fährt seinen langen Rüssel aus und saugt. Und du... Vorsichtig... Von links und von rechts – Bums! Und die Hummel ist in deiner Gewalt, in der Glasdose. Sie summt, beginnt zu fliegen, schlägt gegen den Behälter, versucht zu stechen und nach Immenart zu kämpfen. Es gibt keinen Ausweg für sie. Sie ist deine Beute. Du bist ein Jäger, ein Henker, ein Gott! Ein Hummelkönig!
Andere Lebewesen zu fangen und zu versklaven, scheint ein wichtiges Bedürfnis des Menschen zu sein. Und ein weiteres Bedürfnis ist es, sie zu quälen und zu töten. Hier zeigt sich, so hätte der Kenner dieser Dinge, Dostojewski, behauptet, die reine, tödliche, unendliche Wollust.   
Ein Bomber, das ist zu wenig, man muss zehn fangen, ja, zehn fette, behaarte Hummelbrummer. Und noch ein paar Schmetterlinge, Wespen und Bienen. Dann kommt wie in der Arche Noah Leben in die Glasdose. Es summt und vibriert in den Händen. Das ist angenehm für den Fänger, möglicherweise so wie für eine Schwangere, die ihr strampelndes Kind im Leib spürt.
Dann kann man, ohne Eile, ein Vergrößerungsglas nehmen und die Insekten verbrennen, einfach durch das Glas. Mit Sonnenlicht. Durchlöchern. Verkohlen. Ins Jenseits befördern.
Du bündelst die Strahlen auf der schwarzen, metallischen Hummelglatze. Die Hummel versucht von der heftigen Hitze fortzufliegen, sie hat Schmerzen, du holst sie ein und du brennst sie an, verbrennst ihr Fell, du bäckst sie lebendig unter dem Glas. Die Hummelhaut wird durch kleine Explosionen gesprengt. Du hörst das leichte Knirschen. Euphorie! Nur stinkt das alles ekelhaft. Nach verbrannten Haaren.
„Los, los, Mamik, schau, dort fliegt ein Riese, gleich wird er auf dem Klee sitzen und fressen. Fang dieses Biest, zeig, was du in der Hose hast!“
Mamik schlich nach Katzenart heran und verfrachtete rasch Hummel samt Blüte und Stängel in die Dose. Ein Held!
„Den Klee musst du herauszupfen, aber so, dass der Stecher nicht entkommt.“
„Ich kann das nicht, ich habe Angst, das Viech wird rausfliegen und mich siebenmal stechen. Es ist verärgert! Kann es den Deckel durchbeißen?“
Mamikon gab mir die Dose und schaute mich unterwürfig an. Wie ein Hund mit kranker Pfote. Wegen dieses Blickes nannte ich ihn für mich Hunde-Mamik. In diesem Sommer klebte er an mir wie Leim. Es war schwierig ihn loszuwerden. Meine Grobheiten und gelegentlichen Prügeleien verzieh er mir. Forderte von mir keine Protektion und keinen Schutz. Mamik war zwei Jahre jünger als ich. Bei einem Altersgenossen wäre das für mich schmeichelhaft gewesen. Er war mir schon suspekt, aber allein „jagen” wollte ich auch nicht.
In den Pausen der Hummeljagd rangen wir miteinander. Zunächst stehend, dann auf der Erde liegend. Gras und Klee dienten als Kampfmatte. Ich presste mit den Händen seinen mageren, schwachen Körper zusammen. Mamik ließ mich drücken und schmiegte sich mit seinem Bauch an mich. Er zappelte und schmuste wie ein Welpe. Wir verstanden nicht, dass es gegen irgendeine Regel ist. Gegen seine und meine Natur. Wir rauften lange miteinander. Kämpften hitzig und erregt, begannen sogar einander zu beißen.
Das war noch angenehmer, als sich zu drücken. Es war toll, zwischen den Zähnen lebendiges Fleisch zu fühlen. Und zu beißen, gemeinsam trunken zu werden von unserer straflosen Freiheit. Zu leiden und sich zu rächen. Jede Scham, jedes Gebot des Anstandes zu verlieren und die Hände, die Schenkel, den Bauch zu beißen, die aufdringliche Erziehungswelt der Erwachsenen zu vergessen. Beißen, beißen bis zum blutigen Schaum im Mund.
Ich öffnete die Glasdose, zog den Klee mit zwei Fingern heraus und warf ihn weg, fing aber im Wurf unseren fliehenden Bomber wieder ein. Bekam als Dankbarkeitszeichen den verliebten Blick von Mamik. Emsig spürte ich andere Hummeln auf, verfolgte sie und nahm sie gefangen. Und danach noch zwölf ihrer Artgenossen. Dann den braunen, samtigen Schmetterling mit Augen auf den Flügeln, zwei Bienen, einen flüchtigen Käfer mit langen Beinen und eine riesige, rötliche Grille. Ich übergab Mamik die Beute.
Er rannte lange hinter einer kleinen gelbbäuchigen Wespe her, die keinen Nektar sammelte, sondern still auf einem Punkt über einer Blume schwebte. Endlich fing er sie und gab mir die Dose zurück. Ich bemerkte, dass seine Hände zitterten. Er blinzelte unnatürlich häufig. Auf seinen dunkelblauen Shorts war ein kleines Hügelchen gewachsen.
Ich sagte: „Es wird Zeit, unsere haarigen Freunde zu behandeln, ihnen Achtung vor dem Menschengeschlecht einzuflößen. Wer ist an der Reihe? Die Langfühlerschrecke? Oder der mit einem Wehrstachel ausgerüstete Bombus-Hautflügler?“
„Lass die Grille frei, sie ist nicht böse, ohne Stachel. Und den Käfer.“
„Kannst du selbst?“
„Nein, ich fürchte mich, die anderen werden wegfliegen und stechen.“ 
Eine verblüffte Grille aus einer Hummelherde im Glas zu befreien, war weitaus schwieriger, als nur ein Blümchen herauszuziehen. Aber ich habe mich mutig an die Arbeit gemacht, die Schwäche meines Freundes gab mir Übermut. Habe das gläserne Gefängnis umgedreht, so dass der Deckel unten war. Ich öffnete ihn vorsichtig. Die fliegenden Insekten saßen oben, Grille und Käfer aber fielen auf den Deckel. Der kluge Käfer kletterte sofort durch den Spalt und war frei. Und die dumme Grille hüpfte blöd auf und ab, stieß sich am Rand, fiel. Eine kleine Bewegung von mir, und sie war auch frei. Die Grille sprang zielgerade auf ihren Erlöser. Sie fand auf Mamiks Hemd Platz. Dann noch ein Hüpfer und im Sprung breitete sie ihre Flügel aus und flog davon.
„Eine Heuschrecke!“, schrie Mamik.
Wir setzten uns und nahmen die Lupe.
„Also, Mamik, lass uns die schwarzen Roboter lehren, dass man Menschen nicht stechen darf.“
„Das müssen sie endlich begreifen!“
„Den Sonnenschein werden sie kennen lernen.”
„Und die optischen Gesetze!“
„Bevor sie aus dem Summreich ins Verreckerland übersiedeln!“
„In die Krepierstadt des Abkratzgebietes!“
„In die beste Provinz des Verweserimperiums!“
Mit einer Dirigentengeste habe ich die Kadenz gestoppt und bin zur Sache gekommen. Versuchte die Sonnenstrahlen auf die gelbbäuchige Wespe, die innen an der Glasfläche saß, zu konzentrieren. Die Wespe krabbelte von dem Strahl weg, aber ich verfolgte sie. Ich holte sie ein und stach ihr mit dem Hitzepfeil in den Kopf. Sie fiel um, krümmte sich und starb im ungleichen Kampf. Dann gab ich Mamik die Lupe. Er bemühte sich, eine Biene zu verbrennen, aber es misslang ihm, er brannte ein Loch in ihren Flügel und gab mir das Folterwerkzeug zurück. Dabei zitterten seine Hände stark. Beinahe wäre die Lupe gefallen.
Eine halbe Stunde lang quälte und tötete ich fast alle Bomber. Mein Freund konnte während dieser Zeit seine Augen nicht von der Dose losreißen. Die Scham vergessend, rieb er unentwegt den elastischen Höcker auf seiner Hose. Die Zwangsvollstreckung musste beendet werden. Ich richtete den Strahlkegel auf das kleine Stück Kamm, das in der Dose lag.
Ich versuchte, es nicht anzuzünden, sondern nur zu erhitzen. Dann würde das Zelluloid giftigen Rauch erzeugen. Es misslang mir. Der Kamm begann zu brennen und mit ihm flammten alle in der Dose verbliebenen Insekten auf. Besonders hell leuchtete der Schmetterling. Er zuckte und bebte, versuchte sich zu retten. Nach ein paar Sekunden war alles erloschen. Wegen des Sauerstoffmangels. Der Kamm qualmte noch kurz, die Glasdose füllte sich mit milchgrauem Nebel. Die nicht verbrannten Insekten starben. Ich schüttete sie auf die Erde. Mamik nahm eine dicke halbverbrannte Hummel. Betrachtete sie mit der Lupe und warf sie angeekelt weg.
In der Nähe schlug ein Blitz ein. Donner schlitzte den Raum wie trockenen Stoff auf, mit hysterischem Krachen, das schmerzhaft auf unser Trommelfell traf. Wir sind losgerannt, nach Hause. Hinter uns lief der Regen.
 
Nach dreißig Jahren traf ich Mamik zufällig neben dem Cafe „Schokoladniza” in Moskau. Er hatte sich inzwischen in einen repräsentativen Mann verwandelt, teilweise schon grauhaarig. Ich habe ihn nicht sofort erkannt.
„Verzeihen Sie, sind Sie Mamikon? Habe ich richtig geraten? Hallo, Mamik. Wie geht’s, wie steht’s, mein Freund?“
Mir schien, dass er zuckte, aber sich schnell zusammenriss. Mamik hatte mich auch erkannt, drückte mir fest die Hand.  
„Ich habe geheiratet, in Mikrobiologie promoviert und habilitiert, jetzt wurde ich nach Genf eingeladen, als Professor...“
„Du Kluger!“
„Und du? Hast die Erleuchtung erreicht?“
Ich hatte mich in den studentischen Jahren mit Buddhismus beschäftigt.
„Noch nicht, ich suche den Baum Bodchi immer noch. Im Jasenewo...“
Am Ende des Gesprächs habe ich vorsichtig an die Hummeljagd erinnert. Mamik faltete seine gelehrte Stirn, versuchte offensichtlich sich zu entsinnen. Er fragte mich nach Raissa Markowna.
„In Rente, krank, aber hält sich gut.“
„Und wie geht es Galateja Aruschanowna?“
„Vor zwei Jahren gestorben. Sie hatte vergessen, das Gas unter dem Kochtopf auszuschalten. Sie ist im Schlaf erstickt.”
 
 
 
 

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