Igor Schestkow "Graffiti"

 

 

GRAFFITI

Wie angenehm ist es doch, in der Heimat zu leben, sich mit Landsleuten in der Muttersprache unterhalten zu können und noch dazu mit seiner schnuckeligen Herzallerliebsten in einer neuen, sauberen Zweizimmerwohnung zu residieren! In unserem Fall sind die Räume zwar klein: ein winziges, aber urgemütliches Schlafzimmerchen, eine fünf Quadratmeter große Küche mit einem Schränkchen drin, einem Tischchen, zwei Hockern und einem Bild an der Wand, auf dem eine Katze zu sehen ist. An der Stelle des rechten Auges befindet sich ein Guckloch, durch das man  eine zauberhafte Landschaft mit einer Königin und einem Flamingo sieht, beide aus "Alice im Wunderland". Im Wohnzimmer, wo sich mit Mühe und Not Bücherregale unterbringen ließen, gibt es zwei Sessel, einen Tisch und ein Sofa. Ich gebe ja zu, dass nicht alles wirklich neu und superelegant ist, weil meine Frau leider keine Arbeit hat und mein Salär als Angestellter in einem Reisebüro gerade reicht, um bis zum Monatsende über die Runden zu kommen. Mein Chef sagte neulich zu mir und meinem Gehilfen: "Wenn ihr besser leben wollt, müsst ihr mehr arbeiten. Schafft mehr Kontrakte bei! Aber in dieses schäbige Loch hier kommen ja keine Kunden. Vielleicht könnt ihr euch in den Eingang stellen und Passanten anquatschen wie die Animierdamen auf der Reeperbahn?"

Das würde ich sogar tun, du alter Mistkerl. Es stimmt ja, dass wir nicht viele Kunden haben. Aber das liegt nicht daran, dass unser Büro ein Dreckloch ist, sondern dass den Leute einfach das Geld fehlt, um mal eben nach New York oder Melbourne zu jetten. Also bleiben sie ewig in ihrem Provinznest kleben. Verdammte Krise, Terroristen, Kriege... Da ist unsereiner machtlos. Aber erkläre das mal dem Chef, diesem gelackten Arschloch.

…   

Nun gut, meine Frau und ich sind arm, aber genügsam. Wir geben uns zufrieden mit dem, was wir haben. Da stört es uns auch nicht ernsthaft, dass unsere Wohnung im Erdgeschoss eines zwanzigstöckigen Hauses liegt, wo man aus allen drei Fenstern nur die öde Wand eines seit Jahr und Tag geschlossenen Supermarktes sieht, die sich in fünf Metern Entfernung erhebt. Deshalb ist es bei uns auch immer duster. Zum Einkaufen müssen wir auf den Markt, und der ist anderthalb Kilometer weg. Da ist alles teuer, und die klobigen Marktweiber versuchen einen unverschämt übers Ohr zu hauen. Ein Brötchen kostet zwei Franken, für ein Pfund Butter wollen sie acht. Dabei verdiene ich im Monat gerade einmal 450...

Wir lebten stillvergnügt in engen Verhältnissen, tanzten zu den Klängen des Grammophons und lachten viel. Sonntags fuhren wir mit dem überfüllten Vorortzug zum Fischen an den See. Dort fingen wir Goldkarauschen und ließen uns die Sonne auf den Kopf scheinen, zum schwachen Trost darüber, dass es in unserer Wohnung kein Sonnenlicht gab. Statt der Kaurauschen gingen uns seltsamerweise immer wieder getigerte, dreischwänzige Egelschnecken und Wassermolche an die Angel. Abends lasen wir einander bis zum Überdruss aus meinen zerfledderten Kinderbüchern vor. Anderen Lesestoff hatten wir nicht. Es gab auch keinen Fernseher, stattdessen ein altes Dampfradio mit grünem Auge. Wir hörten Nachrichten und Sinfoniekonzerte. Um neun gingen wir ins Bett und liebten uns. Danach fiel ich lustvoll erschöpft in Morpheus Arme, während meine Frau oft kein Auge zubekam. Sie wälzte sich bis zur Wolfsstunde im Bett herum und fand erst im Morgengrauen ein wenig Schlaf.

Mary schlug mir immer wieder vor, Graffiti auf die Wand des Supermarktes zu praktizieren, denn sie wusste, dass ich in früheren Jahren mit Sprühflaschen mein Unwesen getrieben hatte. Dabei hatte ich viel Farbe verbraucht, aber nichts Gescheites zu Stande gebracht, doch Mary wollte so gern lustige Bilder vor dem Fenster sehen...

Das Meer, Wellen, ein Schiffchen darauf, recht gerne ein Segelboot, ein Inselchen mit Palmen, einen Strand... Da sollten sie beide wohnen, er schön wie der junge Marlon Brando, sie wie Bette Davis. Ein paar braungebrannte Kinderchen mit goldenen Strubbelhaaren tollten nackig über den Sand. Dort sollte auch ein Hüttchen stehen, neben dem sich ein paar Kühe am frischen Grase labten, auch Ponys, deren Mähnen sie sich mit roten und orangen Bändern geschmückt wünschte.

Schmetterlinge und Libellen sollten im goldenen Sonnenlicht herumfliegen, das Wasser sollte von Fischen, Oktopussen, Quallen und Delfinen wimmeln, und auf der Erde sollten Blumen blühen, Kamille und Kornblumen. In einer hinteren Ecke sollte unbedingt der griesgrämige John Lennon mit einer rotgetönten, runden Sonnenbrille sitzen, und neben ihm die lächelnde Yoko Ono mit einem Käppchen auf. Über alledem sollte ein Engel schweben. Gelb, wie Buddha.

Allerdings gab es auf der Wand des Supermarktes seit langem Graffiti, von denen teilweise schon die Farbe abblätterte. Mir schien, als hätten frühere Mieter unserer Wohnung sie dort hingesprüht. Das waren wohl dauerbekiffte Hippies mit Geschmacksverirrungen und üblen Manieren, denn da tummelten sich drei brutale Gorillas, doppelt mannshoch, mit Soldatenmützen und Gasmasken. Sie hockten im Schneidersitz und hielten Fotoapparate in den Klauen, während sich auf ihren Knien ein nacktes Weib mit blauer Haut räkelte - all das vor dem Hintergrund einer tristen Industrielandschaft.

Aber wo hatten diese Straßenkünstler denn solche Rohre und Industriegebäude gesehen, die an Erdölraffinerien erinnerten? In unserer Stadt waren sämtliche Fabriken und Produktionsbetriebe schon seit zehn Jahren  stillgelegt, vor die Hunde gegangen, an die Konkurrenz verkauft. Ihre Gebäude waren abgerissen worden, Bulldozer hatten die Ruinen plattgewalzt. Wo sie gestanden hatten, sollten Parks und Gärten angelegt werden. Bei uns gibt es viele Umwelt-Enthusiasten, aber sie bewirken nur wenig. Auf dem vergifteten Boden gedeiht nämlich nichts außer fahlgelbem Staub. Nicht einmal Ameisen leben dort.

Tja, da liegt also diese gemalte Schönheit und schaut unverwandt von ihrer Mauer hinab in unser Wohnzimmer. Die Gorillas glotzen durch die Gläser ihrer Gasmasken auf unsere Fenster. Sie machen einem Angst, und das ist kein gutes Zeichen.

Als uns der Makler damals diese Wohnung zeigte und ich die düstere Wand mit den Fratzen und dem blauen Weibsbild sah, wollte ich zuerst nicht einziehen. Aber ich habe es mir anders überlegt, denn unsere schmalen Einkünfte ließen keinen großen Verhandlungsspielraum. Wir mussten nehmen, was wir bekommen konnten, denn wir waren es restlos leid, in einer elenden, nicht heizbaren Baracke bei dieser grauenhaften Schwiegermutter zu leben, einer verlotterten, griesgrämigen Säuferin mit ihrem albtraumhaften Jungen. Ach, verdammte Armut!

Wenn sich der ortsübliche Schwefeldunst über unsre Stadt senkt, und das ist immer der Fall, wenn der Wind aus den kanadischen Erzgruben herüberweht, dann schaut die blaue Venus vom Supermarkt besonders rätselhaft und unheilschwanger drein, und die Gorillas scheinen im nebelhaften Zwielicht zu frösteln. Sie zittern und brummeln dumpf in ihre Gasmasken hinein.

So leben wir wie eine große Familie zusammen: meine Frau, die blaue Lady, die drei riesigen Affen und ich.

...

Um den Himmel zu sehen, müssen wir das Fenster öffnen, uns ganz weit hinauslehnen und nach oben schauen.

Auf der einen Seite befindet sich die gigantische Wand unseres Hauses, Betonblöcke, so weit das Auge reicht. Gegenüber der zweistöckige Supermarkt. Dazwischen sieht man einen beigen Streifen Himmel, der von den schwarzen Linien der Elektroleitungen durchzogen wird. Solche Leitungen gibt es bei uns überall.

Eines Tages sah ich aber tatsächlich den Mond.

Die Nacht war klar, unser Haus wirkte noch verlassener als sonst. Niemand befand sich mehr darin, außer uns und der Nachbarin auf der anderen Seite des Treppenhauses. Die Treppe, die nach oben führt, ist seit langem mit Brettern zugenagelt, der Aufzug funktioniert nicht mehr. In unserer Stadt gibt es viele Wohntürme, die von den Menschen verlassen wurden. Sie stehen leer und sehen schaurig aus, manche davon sind schon eingestürzt.

Der Mond leuchtete mit voller Kraft, und in seinem Licht schien es, als bohrten mir die Augen der blauen Furie von der Wand gegenüber ein Loch in die Nasenwurzel, als hypnotisierten sie mich, als wollten sie mir einen bestimmten Gedanken einimpfen, den ich nicht verstehen konnte. Aber was war das? Sie glitt geschmeidig von den ungefügen Knien der Primaten, die sie bewachten, streckte ihre Hand aus und schwebte langsam zu mir hinüber. Ihr Körper wurde halb durchsichtig, sie lächelte...

Die Gorillas streiften die Gasmasken von den Gesichtern und bekamen einen Lachanfall. Sie zeigten mir ihre spitzen Zähne und ließen die vorsintflutlichen Kameras klicken.

Es ist schon ein seltsames Gefühl, wenn einen in wachem Zustand Traumgesichte befallen. Ich zwang mich jedoch, wieder zu den Tatsachen zurückzukehren. Dazu rieb ich mir die Augen und klatschte mir eiskaltes Wasser aus der Badewanne ins Gesicht - warmes Wasser gab es schon seit drei Monaten nicht mehr - und ging ins Schlafzimmer. Mary schlief ausnahmsweise ruhig in unserem Doppelbett. Das hatte ich selbst aus Brettern zusammengebaut, die ich aus verlassenen Häusern stibitzt hatte. Drei Tage habe ich daran im Schweiße meines Angesichts gehämmert, geschliffen, lackiert. Als der Lack getrocknet war, ich die vom letzten Geld gekauften Matratzen auf mein Kunstwerk legte und Mary frische Bettwäsche aufzog, leinene Betttücher und Kopfkissenbezüge, sich dann ganz sachte selbst hineinlegte und mich mit der Andeutung eines Nickens einlud, neben ihr Platz zu nehmen, da kannte meine Freude keine Grenzen. Wir liebten uns die ganze Nacht lang und gaben erst im Morgengrauen Ruhe. Wir tranken Champagner, den wir für besondere Gelegenheiten aufgespart hatten. Mary wurde schwanger.

Sie fürchtete sich abergläubisch vor den Affen und der blauen Diva. Als sie eines Tages besonders große Angst hatte, vertraute sie mir mit lautem Flüstern an, dass es ihr nachts, wenn sie schlaflos dalag, so schien, als stiegen die gemalten Figuren gemeinsam, alle vier, von ihrer Wand herunter und schauten zu uns ins Fenster hinein. Die blaue Frau versuchte mit ihren langen Fingern einer Wasserleiche das Oberlicht im Wohnzimmer zu öffnen. Mary hörte, wie ihre Fingernägel auf dem hölzernen Fensterladen kratzten...

"Von diesem Geräusch wurde mir ganz schlecht, ich rannte zur Toilette, und als ich zurückkam, war alles wie immer: die Wand, das Graffito... Auf dem Bürgersteig schnürte ein herrenloser Hund entlang, und die kaputte Laterne, weißt du, dort auf der rechten Seite, ging immer wieder an und aus. Auf den Leitungen saßen einige Raben wie Statuen. Ihre Schatten kamen mir vor wie Riesen, die hin- und herschaukelten. Lange konnte ich nicht wieder zu mir kommen und musste ein Beruhigungsmittel nehmen. Diese Frau hat einen schlechten Einfluss auf das Kind in meinem Bauch..."

Ich beruhigte sie und überlegte, auf was ich denn noch verzichten konnte, um einen Eimer Farbe und einen großen, dicken Pinsel zu kaufen. Ich beschloss, am Essen zu sparen.

Und, oh Freude, schon nach wenigen Tagen konnte ich Farbe und Pinsel erstehen. Endlich schmierte ich die verdammten Affen zu. Jetzt war von unserem Fenster aus nur noch die graue Wand zu sehen. Besser gesagt, ein großes graues Rechteck auf der öden braunen Wand.

Den Ursprung der folgenden Teufelei vermag ich mir kaum zu erklären.

Unsere Nachbarn, ein altes Mütterchen namens Nicki, und Tim und Tom, zwei notorische Schnapsdrosseln, erklärten ihre Verärgerung darüber, dass wir das Graffito vor unserem Fenster überstrichen hatten, und zwar taten sie das in grober, beleidigender Manier. Dabei mache man sich klar, dass diese liederlichen Phantasiegestalten nicht etwa vor ihren, sondern vor unseren Nasen herumgegeistert hatten, vor meiner Frau und mir. Was ging sie das also an?

Nicki klärte Mary darüber auf, dass "ohne die lieben Tiere und ihre blauhäutige Schönheit nicht nur die Wand leer, sondern unser gesamtes Leben an diesem gottverdammten Ort noch inhaltsloser, sinnfreier und hoffnungsloser geworden ist", dass sie "natürlich nicht darauf gehofft hatte, wir, ihre neuen Nachbarn - offenbar Leute ohne Bezug zur Kunst und zu feinen metaphysischen Zusammenhängen - könnten auch nur entfernt in der Lage sein, dieses kleine Meisterwerk von der Hand eines unbekannten Künstlers richtig zu würdigen, dass sie aber nicht erwartet hätte, die barbarische und auch von den anderen Nachbarn in keiner Weise hinnehmbare Zerstörung dieses Kunstwerks würde so schnell vonstatten gehen." Dergleichen hätte sie mir nicht ins Gesicht zu sagen gewagt. Ich wäre ihr die gebührende Antwort keinesfalls schuldig geblieben. Schließlich habe ich beste Verbindungen zu höheren Kreisen. Mit mir ist nicht gut Kirschen essen. Gottverdammte Hexe! Tim und Tom, diese arbeitsscheuen Subjekte oder Dauerstudenten, die ewig daheim herumhängen und von denen die Rede geht, sie seien nicht nur Freunde, sondern eher... diese Nichtsnutze also haben mir sogar eine Falle gestellt. Als ich ins Treppenhaus hinaustrat, warteten sie bereits auf mich, hatten sich nebeneinander aufgestellt, beide in den gleichen dunkelblauen Monturen mit rosa Halstüchern und Pfadfinderabzeichen auf den Schulterstücken, schauten zur Decke und muhten entrüstet. Dann nahmen sie Farbe und Pinsel und begannen mir nichts, dir nichts, mit grauer Farbe zwei bunte Bilder auf ihren bekleckerten Staffeleien zu übermalen. So ging das eine Woche lang.

Warum bin ich nicht gleich darauf gekommen? Nicht irgendwelche Hippies, sondern diese zwei Witzfiguren hatten wohl die Affen und die blauhäutige Schönheit auf die Wand praktiziert. Ich hätte sie um Erlaubnis bitten müssen, das Kunstwerk zu zerstören und ihnen meine Gründe dafür erklären müssen. Aber was geschehen war, ließ sich nun nicht mehr rückgängig machen. Wenigstens hatte meine Frau jetzt ihre Ruhe, und auch mir würde das Teufelsweib keine Streiche mehr spielen.

Etwa drei Wochen nach der Überpinselung der Affen begann das, was ich bezeichnen möchte als...

Zerfall. Niedergang. Absturz.

Plötzlich fiel mir in unserem Wohnzimmer ein Aschenbecher auf, der voll war von Zigarettenstummeln, die entsetzlich vor sich hinstanken. Können Sie sich das vorstellen? Den ganzen Tag über arbeitete ich in unserem Büro und hörte mir die nicht enden wollenden Berichte dieser Beamtenwitwen aus der hiesigen Stadtverwaltung an. Sie mögen ja alte Eulen sein, aber sie sind die einzigen Kunden, die ich noch habe. Eine erzählte mir in allen Einzelheiten davon, wie ihr Mann sie betrogen hatte, ein kratzbürstiger Tattergreis, der Hosen mit Generalsstreifen trug und Hüte mit Federbusch. Er war Ritter irgendeines mottenzerfressenen Ordens, mit denen unsere Regierung die noblen Schmiergeldempfänger und Korruptnikows auszeichnet, die sich während der langen Jahre hingebungsvollen Dienstes am Gemeinwohl fast alle aus dem Stadtsäckel goldene Nasen geholt haben. Eine andere belaberte mich des Langen und Breiten mit der Geschichte ihrer Trennung von einem einflussreichen Geliebten, der zufällig ihr eigener Onkel war. Eine andere berichtete über ihre Scherereien in Thailand, wie ihr die Hitze dort zugesetzt und geflügelte Kakerlaken sie fast zum Wahnsinn gebracht hatten. Schlimmer noch: Die braunhäutigen Strizzi dort unten wollten sich nicht einmal für Geld und gute Worte mit ihrem schwabbeligen Körper beschäftigen... Eine Vierte sah sich genötigt, ihren Vertrag über eine dreiwöchige Kreuzfahrt in der Karibik zu annullieren, weil sie im letzten Moment woanders ein günstigeres Angebot bekommen hatte. Eine Fünfte verlangt von uns Schadensersatz für entgangene Lebensfreude, weil ihr ein Araber im Libanon dumm gekommen war, sie als "Saftpresse" und "amerikanisches Stinktier" bezeichnet und ihr den nackten Hintern gezeigt hatte. Und nach all diesen Prüfungen komme ich nach Hause zu meinem geliebten Eheweib, wo ich mir Ruhe und ein kleines Honigtröpfchen vom großen Glück erhoffe, und mich darauf freue, mit ihr in den "Abenteuern des Huckleberry Finn" das Kapitel zu lesen, in dem es um den "Todesengel" geht. Doch was sehe ich da auf dem Tisch im Wohnzimmer?

Einen Aschenbecher voller Zigarettenkippen. Wer hat hier geraucht, verdammt nochmal?

Ich traue meinen Augen kaum, als Mary diesen Aschenbecher nimmt und seinen Inhalt in den Müllsack ausleert, wohin sie noch anderen Abfall kippt. Danach wischt sie den Aschenbecher fein säuberlich aus und stellt ihn in den Geschirrschrank.

Hier braut sich also Unheil zusammen.

Zu Mary habe ich kein Sterbenswörtchen gesagt, nichts über die Zigarettenkippen und den Aschenbecher und auch nichts über meine sonstigen Vorahnungen. Ich wollte im Geheimen beobachten, was noch alles passieren würde. Drei oder vier Tage lang geschah nichts Besonderes. Wir lebten weiter wie immer und lasen Huckleberry Finn bis zu der Stelle, als Jack und Jim sich anschicken, auf dem Floß den Mississippi hinunterzufahren.

Da sagte Mary auf einmal: "Weißt du Patrick, ich glaube du hättest die Affen und das Mädchen nicht übermalen sollen. Das Bild war doch eigentlich ganz interessant und unterhaltsam... Die blaue Jungfrau hat mich irgendwie an Eloise erinnert, meine verstorbene Schwester. Wenn ich in der Küche war, habe ich sie angeschaut und mit ihr meine Gedanken geteilt. Sie hat mir geantwortet, und jetzt ist es da so leer und still... Dieses graue Rechteck vor der Nase zu haben ist noch schlimmer als die Affen und die Fabrikschlote. Vielleicht kannst du nochmal Farbe kaufen und die Insel im Ozean malen?"

"Aber du hast dich doch selber vor diesem Bild gefürchtet! Eine Insel mit Hüttchen drauf? Seit zehn Jahren habe ich nicht mehr gemalt. Ponys, Kinder, Lennon - ich schaffe das nicht mehr."

"Jaja, du willst einfach nichts für mich tun. Ich räume den ganzen Tag über die Wohnung auf, mache sauber und koche dir das Essen. Dein Kind trage ich unter dem Herzen, während du in deinem grässlichen Büro herumhängst und mit diesen alten Schabracken herumalberst. Zum Dank willst du mir noch nicht einmal den kleinsten Gefallen tun. Was bist du nur für ein Egoist!"

"Geh doch zu Tim und Tom, diesen hirnamputierten Hippies. Die malen dir dein heißersehntes Inselchen, und Hottehüpferdchen und Blumen noch dazu."

"Dass du dich nicht schämst, du Chauvinist! Das sind keine Hirnamputierten, das sind äußerst empfindsame und wohlerzogene junge Leute. Sie bereiten ihre Dissertation an der Kunsthochschule von Miranda vor."

"Das sind Päderasten und Arschgeigen!"

"Lass sie doch, was geht es dich an?"

"Haben die etwa hier Kräuter geraucht, während ich bei der Arbeit war? Wahrscheinlich hast du auch am Joint gezogen."

Dieses Gespräch brachte mir nur Ärger ein. Mary war ernsthaft wütend. In ihren Blicken meinte ich sogar einen leichten Ekel vor mir zu erkennen. Ja, ich war meiner eigenen Ehefrau zuwider geworden, obwohl ich sie doch liebte, nur für sie da sein wollte und mir nichts vorwerfen konnte außer ein paar harschen Worten über unsere Nachbarn.

So schlich sich das Glück auf Sammetpfötchen aus unserem Haus.

Abends saßen wir in entgegengesetzten Ecken unsers bescheidenen Quartiers. Ich schlief auf dem Sofa im Wohnzimmer. In der Nacht stand ich auf und betrachtete die Wand des Supermarktes mit dem grauen Rechteck vor kohlschwarzen Hintergrund.  

Zwei Wochen nach unserem Streit hörte Mary auf zu kochen und die Wohnung aufzuräumen. Auf den Regalen lag bereits eine leichte Staubschicht, der Fußboden war schmutzig, die Toilette roch ziemlich streng. Kakerlaken hatten sich in unserer Küche breitgemacht.

Nach der langen und kräftezehrenden Arbeit tags über hatte ich am Abend keinen Schwung mehr zum Aufräumen und Kochen. Für eine Haushälterin fehlten die Mittel.

Am Anfang versuchte ich noch selbst ein bisschen zu fegen, zu waschen, Suppe zu kochen und Eierspeise zuzubereiten. Ich machte Anstalten, Mary zu füttern, aber sie stieß den Löffel mit der Suppe weg und spuckte alles auf den Boden, was ich ihr einflößte.  

Mein Leben war nicht nur traurig, sondern schlechterdings unerträglich. Mary saß den ganzen Tag mit schmutzigen Kleidern im Sessel und starrte aus dem Fenster auf die Wand gegenüber. Sie murmelte etwas und summte vor sich hin. Dabei schüttelte sie ihren Kopf mit den fettigen, verfilzten Haaren. Sie hatte krankhaft abgenommen, während ihr Bauch allmählich die Gestalt der Vollmondkugel annahm, die früher einmal zur Zierde in unserem College hing.

Als die Wehen bei Mary einsetzten, saß ich im Büro. Mein Chef war gerade hereingekommen und hatte mir und meinem Gehilfen, einem sympathischen Inder namens Tschang, eröffnet, dass das Büro geschlossen wird und wir auf der Straße sitzen. Tschang war es recht. Er sagte, dass er nach Indien zurückkehren will, um dort ein Reisebüro aufzumachen. Er lud mich ein mitzugehen, aber ich verstand nicht recht, was er wollte. Wegen des elenden Essens hatte ich schon seit einigen Wochen Bauchschmerzen. Mir war übel.

Im Innersten aufgewühlt und von Ängsten gepeinigt hetzte ich heimwärts. Aus alter Gewohnheit wollte ich Mary berichten, was geschehen war, doch in der Eingangstür fiel mir wieder ein, dass wir ja schon seit vier Wochen nicht mehr miteinander geredet hatten. Außerdem war Mary gar nicht zu Hause.

Auf dem Linoleumboden im Wohnzimmer erblickte ich die Pfütze einer unbekannten Flüssigkeit, die irgendwie nach Blut roch. Besinnungslos und unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen stürzte ich schmerzgekrümmt aus dem Haus in die nächste Klinik.

Dort berichtete man mir, dass Tim und Tom Mary in ihrem alten Ford zur Klinik gebracht hätten. Sie habe an ernsthafter Mangelernährung und Kreislaufschwäche wegen des einsetzenden Geburtsvorgangs gelitten. Die Lage des Kindes im Mutterleib sei anomal gewesen. Die Nabelschnur habe sich um seinen Hals gelegt, es sei zu Blutungen gekommen, schließlich seien Mutter und Kind bei der Geburt verstorben. Das Klinikpersonal drücke hiermit sein tiefstes Beileid aus...

Mir kam es vor, als laste ein Gebirge auf mir. Ich verlor das Bewusstsein und brach auf dem Marmorboden zusammen.

Irgendwie ging das Leben weiter.

Ich brauchte ja nicht mehr zur Arbeit zu gehen.

Tag und Nacht saß ich in demselben Sessel wie vorher meine Frau und betrachtete die Wand des Supermarktes. Regelmäßig besuchten mich die drei Affen und die blaue Jungfrau mit den Kobaltaugen.

Die Affen setzten sich auf unser Sofa und schauten in den nicht existenten Fernseher, während die blaue Schönheit auf meinen Knien Platz nahm und mich auf den Mund küsste.

Ich aß nichts mehr, denn ich hatte keinerlei Appetit. Manchmal trank ich Wasser aus der Leitung.

In der Küche fing ich Kakerlaken und riss ihnen Kopf und Beine aus.

Nach zwei Monaten kamen Polizisten und lasen mir einen Gerichtsbeschluss vor, in dem es hieß, ich habe die Wohnung zu verlassen. Ich sagte ihnen, sie sollten sich zum Teufel scheren und warf ihnen das Grammophon an den Kopf. Zwei dieser kraftstrotzenden Kerle nahmen mich in den Schwitzkasten und zerrten mich aus dem Haus. Sie schleppten mich auf ein Stück Brachland, schlugen mich zusammen und warfen mich in die stinkende Gosse.

 

 

(Aus dem Russischen: Klaus Kleinmann)

 

 

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