Igor Schestkow "Garten der Lüste"

 
 
  
 
Sie wollten kein Kind und sie verhüteten so gut sie konnten. Aber wie verhütet man in einem Land, wo es die Pille nicht gibt?
Es ist bekannt, wie. Die Regel ist einfach: Man kann es nur drei Tage vor und drei Tage nach der Menstruation machen. Und in der übrigen Zeit muss man den Prozess im interessantesten Moment unterbrechen. Heute war ein Tag – davor.
Ungeduldig wartete Wadim auf den Abend, weil er wusste, es ist unmöglich Nina umzustimmen, es auch am Tag zu tun. Warum wollen sie alle es nur im Dunkeln machen? Schöne, junge Mädchen. Woher kommen bei ihr die Angst, diese Schüchternheit und die Komplexe? Wadim verstand seine eigene Frau nicht. War eifersüchtig. Vielleicht reagiert sie nur bei ihm so? Oder stellt sie sich während der Liebe an seiner Stelle jemand anderen vor? Ihm passierte so etwas, wenn auch nur selten. Was wir uns selbst gern verzeihen, billigen wir niemals unseren Nächsten zu. Die Welt der Gefühle ist fatal asymmetrisch.
Wie immer an solchen Tagen war Ninas Stimmung schlecht. Sie war launisch. Lief in ihrer kleinen Wohnung im neunten Stock eines Plattenbaues am Rand von Moskau wie eine Löwin im Käfig hin und her. Sie ging zum Fenster, sah in den riesigen schmutzigen Hof hinunter, seufzte. Ging in das Badezimmer, schloss sich dort ein, stolzierte vor dem Spiegel. Kämmte ihr Haar. Offenbar gefiel sie sich selber nicht. Sie hatte leichte Kopfschmerzen, ärgerte sich über die ungeduldige Erwartung ihres Mannes, über seine aufdringliche Geilheit.
Wadim saß auf dem Sofa und betrachtete das berühmte Triptychon „Garten der Lüste“ im Bosch-Album. Er schwieg, weil er spürte, jedes beliebige Gespräch, sogar über ein neutrales Thema, wäre Anlass für Tränen oder Streit und dann kann man die Liebe vergessen. Nina nahm einen Gedichtband von ihrer geliebten Marina Zwetajewa, saß auf dem anderen Ende des Sofas und las. Sie grübelte, schaute zur Decke, nagte am Kugelschreiber und schmunzelte sarkastisch. Kritzelte etwas in ihr spezielles Heft. Sie benahm sich so, als ob sie allein in der Wohnung wäre. Wadim schwieg, aber seine Geduld war nicht grenzenlos. Er legte das Buch zur Seite. Leise, wie eine Schlange, kroch er zu Nina. Küsste sie tückisch auf das Knie. Versuchte sie zu umarmen. Demonstrativ zog sich Nina zurück. Wadim seufzte und trat den Rückzug an. Sie hatte den Grund seines Seufzers wohl verstanden und ging auf Abwehrstellung – Füße im Schneidersitz, Arme verschränkt. In dieser Position wäre es unmöglich gewesen, die intimen Teile ihres Körpers zu berühren. Wadim seufzte noch einmal. Fragte sie, ob er ihr eine Schmerztablette bringen solle. Nina fühlte sich durch diese Frage verspottet. Kniff die Lippen zusammen. Noch so ein Vorschlag von ihm, und der Streit bräche vom Zaun. Nicht der erste und nicht der letzte.
Nina räusperte sich verächtlich und stand auf. Ging erneut ins Bad, damit sie von niemandem gestört würde. Im Sozialismus war Heißwasser ein kostenloses Vergnügen – lass es laufen, so lange du willst. Natürlich nur für die, die in einer eigenen und nicht in einer kommunalen Wohnung lebten. Wadim blieb auf dem Sofa sitzen. Versuchte wiederum sich in den „Garten der Lüste“ zu vertiefen. Stellte sich selbst als Adam vor. Und Nina als Eva. Dabei schlief er ein. Ihm träumte, dass seine Frau neben ihm auf dem Sofa lag. Sie drängte sich mit ihrer nackten Brust an seine Knie. Erfasste zärtlich mit ihren weichen Lippen sein Glied. Wadim stöhnte vor Glück. Nahm sie von hinten. Schaukelte wohlig, wurde mutiger, machte seinen Zeigefinger nass und steckte ihn vorsichtig in Ninas Anus. Sie lachte, bog ihren Körper unglaublich und steckte ihren Finger auch in seinen After. Wadim fühlte mit dem Finger seine Eichel. Die nicht wieder zu erkennende Nina massierte seine Prostata. Für die Vervollkommnung des Glückes, bat er sie, etwas zu erzählen. Nina fragte nach dem Sujet. Wadim antwortete – über den Schüler der mittleren Klasse, der einen Klassenkameraden in der Schultoilette verführt. Nina war inspiriert und schilderte dieses Ereignis haargenau, sprach mit sinnlich tiefer Stimme. Wadim zitterte in Ekstase. Spucke lief ihm aus dem Mund.
Beim Erwachen suchte er Nina. Wollte die Liebe fortsetzen. Aber niemand war da. Auf dem Sofa lag er allein. Wadim klopfte leise an die Badezimmertür und hörte die unzufrieden quäkende Stimme seiner Frau: „Was willst du? Lass mich in Ruh!“
Er wusste, warum sie die Tür abgeschlossen hatte und so lange im Bad blieb. Sie masturbierte dort. Dann bekam sie Gewissensbisse, die sie manchmal mit ehelichem Sex neutralisierte. Meist jedoch wurde sie noch unbeugsamer und schroffer, und dachte überhaupt nicht mehr an Liebe.
„Ninotschka, ich wohne auch hier, ich möchte in die Wanne. Schmusen. Mit dir.“
„Warte, in fünf Minuten bin ich fertig!“
„Lass mich rein, ich bin einsam, niemand liebt mich!“
„Hör auf zu jammern! Mit siebenundzwanzig bist du und noch so kindisch!“
„Zickige, frigide Fotze!“
„Du, geiler Kretin, geh zu Prostituierten! Aber beklag dich danach nicht über Syphilis!“
Wadim spürte, wie sich seine Finger verkrampften.
Sein Mundwinkel zuckte. Er ballte die Hände zu Fäusten. Eine kalte Wutwelle rollte ihm vom Nacken bis zu den Zehen.
Mir gelingt nichts! Alles ist vergeblich! Wozu habe ich geheiratet? Den Finger im Arsch? Das würde Nina so erschrecken, dass sie nie mehr mit mir schlafen könnte. Die Jungs in der Toilette? Wenn sie das nur einmal hören würde, zöge sie sofort zu ihrer Mutter. Und tischt dort brühwarm auf, was ich für ein Kinderschänder bin. Sie hat ihn noch nie in den Mund genommen, viel zu eklig für sie. Verwöhnte mich auch nicht mit der Hand. Du wolltest ein anständiges Mädchen aus Intelligenzkreisen. Nun hast du es. Heul nicht rum! Was soll ich bloß machen? Mein Leben in sexueller Einsamkeit verbringen? Jedes Mal, wenn ich will – betteln und bitten. Demütigend.
Die Tür öffnete sich und Nina erschien, krebsrot im Gesicht, eingewickelt wie eine Mumie mit drei weißen Badetüchern, defilierte an Wadim vorbei, umhüllte ihn mit einer Maiglöckchen-Seifenwolke.
Mich bemerkt sie nicht, ich bin Luft für sie, Müll, Schmutz – zog sich Wadim auf wie eine Spielzeuguhr.
Er hegte jetzt den Wunsch, seine Frau und sich selbst bis zum hysterischen Anfall zu treiben, seinen Zustand aber wollte er mit Verstand und kalter Vernunft kontrollieren. Er wusste, der äußerste Genuss kommt nur, wenn beide in Raserei sind. Nina kann sich nicht beherrschen, er jedoch kann es. Dann lässt sich die Spannung höher und höher treiben, bis zum Wahnsinn. Die Kunst der gesteuerten Hysterie besteht darin, an der Grenze des Abgrundes, einen Millimeter vor dem Fall, die Eskalation zu stoppen, den Wahnsinn im letzten Moment abzubremsen und alles in einen Scherz zu verwandeln. In Beziehung auf Frauen war Wadim ein gemäßigter Quäler. Außerhalb dieser Beziehungen konnte er sich nur an einen sadistischen Vorfall erinnern. Wadim war gerade sechs Jahre alt und lebte im Sommerhaus in Sestrorezk bei Leningrad. Er schlenderte durch den Hausgarten. Plötzlich sieht er, wie ein winziges Kätzchen auf ihn zukommt. Es schmuste um seine Beine. Wadim hob es am Schwanz hoch. Das Kätzchen jaulte wütend auf. Versuchte sich aus dem Griff zu winden und seinen Peiniger zu kratzen. Wadim jedoch war flink. Er hörte im Miauen einen klagenden, weinenden Unterton. Eine Leidensmusik mit einem Quäntchen Genuss. Das erregte ihn sexuell, er empfand eine ihm unbekannte Wonne in der Leiste. Das alles dauerte nur kurz, Wadim bemitleidete das Kätzchen und ließ es frei. Es raste davon. Und verstand nicht, was mit ihm geschehen war. Gewöhnlich erkannte er feinfühlig das Böse, billigte es nicht. Hier aber.
Nina saß wieder gemütlich auf dem Sofa, vertieft in ihren Zwetajewa-Band. Entschlossen ging Wadim zu ihr hin, zerrte ihr das Buch aus der Hand. Nina schaute ihn erstarrt an. Sie war noch in ihrer Lyrik gefangen. Wadim öffnete das Buch, riss mit einem Ratsch ein paar Seiten heraus, machte das Fenster auf und warf die Blätter hinunter. Nina dachte erst, er ist wahnsinnig geworden. Danach verstand sie plötzlich, öffnete den Mund, um zu schreien, konnte aber nicht. Wadim schien es, als ob er den lautlosen Schrei seiner Frau wie eine radioaktive Strahlung spürte.
Nach einer Unheil verkündenden Pause stand Nina auf, mit graziöser Bewegung befreite sie sich von den Handtüchern, brüllte wie eine Löwin, erfasste einige Grafiken aus der Zeichenmappe ihres Mannes und warf sie entrüstet aus dem Fenster.
Die Zeichnungen fielen wie Ahornblätter, formten in der Luft fliegend japanische Pagoden-Dächer.
Keuchend vor Wut schrie Wadim: „Was machst du, du Drecksau? Du weißt doch, dass meine Zeichnungen das Einzige sind, wofür ich lebe. Man kann sie in keinem Geschäft kaufen!“
„Zwetajewa kann man auch nicht kaufen!“
Nina zog noch ein paar Blätter aus der Mappe. Sie wollte sie auch hinauswerfen. Wadim sprang wie ein Leopard zu ihr, fasste nach den Blättern in ihrer Hand. Unglücklicherweise zerriss er sie dabei.
Nina zerrte ihn an den Haaren und riss ihm ein Büschel aus. Wadim erwischte sie ebenfalls an den Haaren. Sie kreischte vor Schmerz. Er packte seine nackte Frau. Sie wehrte sich zum Kampf entschlossen und heulte vor Wut. Wadim war stärker, nach einer Weile landeten sie auf dem Sofa. Wadim saß auf Nina, schnaufte wie eine Dampflok, versuchte ihre Hände und Füße zu erfassen. Nina versuchte, ihm eins auf die Nase zu geben. Es gelang ihr etwas später. Mit dem Bein. Sehr schmerzhaft. Weiß vor Zorn schlug Wadim ihr ins Gesicht. Ihre kleine Nase fing an zu bluten. Verwandelte sich langsam in eine Knolle.
Wadim wurde sofort ruhig. Er hatte es erreicht. Nina war in Hysterie. Sie kratzte wie eine Katze. Und er war innerlich kalt, aber wenn er wollte, könnte er sie jetzt töten. Diese Erkenntnis gab ihm Selbstsicherheit und Kraft. Nun könnte er sie beruhigen. Wadim sagte energisch: „Ich werde deine Hände loslassen, wenn du zu kratzen aufhörst!“ Sie hörte ihn nicht, heulte wütend, verschluckte sich an ihrem Rotz und Blut. Sie kreiste die Arme wie die Vorderbeine eines Kängurus. Sie festzuhalten war schwer. Wadim fürchtete, dass Nina sich oder ihn ernsthaft verletzen würde. Seine Kraft wohl berechnend, schlug er ihr mit der flachen Hand auf die Wange. Sofort hörte Nina zu kämpfen auf. Sie weinte. Wadim stieg von ihr herunter. Ging in die Küche, brachte ein nasses Handtuch, wusch ihr behutsam das Gesicht. Nina kam allmählich zu sich. Drehte sich zur Wand. Schluchzte leise vor sich hin. Wadim deckte sie mit dem Plaid zu. Küsste sie auf die Wange und sagte: „Verzeih bitte, meine Liebe, ich bin schuld.“
Und innerlich lachte er, jetzt war er der Dämon aus der Bosch-Hölle. Der mit dem Ritterhelm. Sie antwortete nicht. Wadim setzte sich zu ihren Füßen. Wie immer nach einem Streit, nagte es in ihm. Ich bin überhaupt nicht schuldig und bitte um Verzeihung. Liebe habe ich nicht bekommen, die Zeichnungen sind hin. Dazu die schweinische Schlägerei. Nina nimmt es übel, verzeiht mir nicht. Wird jetzt wochenlang schweigen. Oder zieht wirklich zu ihrer Mutter. Diese Liebe kann man vergessen. Du bist kein Dämon, nur ein Haufen Scheiße!
Schweigend und ohne Wadim zu beachten, stand Nina auf und ging ins Bad. Dort leckte sie ihre Wunden. Dann zog sie sich an und ging aus dem Haus, ohne ein Wort zu ihrem Mann.
Und so blieb Wadim allein in der Wohnung.
Ihm war traurig zumute. Ein Pyrrhussieg! Wieder Einsamkeit. Ohne Menschen ist alles tot. Die Städte, die Straßen, das Zimmer. Sogar die Bücher und Gedichte. Niemand ist da, um den Garten zu genießen. Der Raum ist öd. Und die Zeit sinnlos.
Wadim versuchte sich abzulenken. Rieb mit den Fingern vertrocknete Farbe auf die Staffelei. Die Farben rochen nach Fischleim. Der Geruch der Farbe, nicht ihr Farbton, inspirierte ihn bei der Arbeit. Diesmal funktionierte der Mechanismus nicht. Seine Hände zitterten immer noch. Sein Kopf war leer.
Er fand in der Küche kalte Makkaroni. Von gestern. Aß sie direkt aus dem Kochtopf: mit ohne alles. In seinem Bauch wurde es schwer. Er kochte Wasser. Während der Tee zog, saß er auf dem Stuhl und sehnte sich. Trank Tee. Ihm wurde leichter.
Er stieg in die Wanne. Ließ das heiße Wasser laufen. Er lag da und wärmte sich. Versuchte sich selbst zu erregen. Fing an von den Schülern zu erzählen. Aber es blieb wirkungslos.
Er dachte: Niemals hat ein Mann bei mir sexuelle Gefühle hervorgerufen. Warum besuchen mich dann seit meiner Kindheit aufdringliche homosexuelle Fantasien? Was geschieht mit uns? Warum sind wir immer unzufrieden mit dem, was wir haben? Welcher Teufel reitet uns über die Grenze des Erlaubten? Was sind wir in Wirklichkeit? Warum schätze ich im realen Leben die Gesundheit und das Wohlergehen jeder Frau, und in den schrecklichen, verrückten Fantasien, denen ich mich mit meiner letzten Geliebten vor der Heirat hingegeben habe, wurden schwangere Frauen an den Brüsten aufgehängt und gepeitscht. Vielleicht sind wir alle so, beruhigte er sich. Alle Leute. Und vor der teuflischen Verführung rettet dich nicht Anständigkeit oder Religiosität, sondern nur das Graue. Oder die Angst. Es ist unmöglich diese Welt zu ändern oder sie zu reinigen, man kann nur versuchen, sie nicht zu betreten. Das ist aber nicht die Lösung. Ein sinnlicher Mensch hängt in der Luft in einem Raum, der von Dämonen bewohnt wird.
 
Nach einigen Minuten war Wadim erregt. Aber nicht von den „Schülern“. Vor ihm waren die traurigen Augen seiner Frau. Wadim kam im Wasser.
 
 
 
 

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