Igor Schestkow "Finger"

 
  
 
Ich kannte nicht einmal seinen Vornamen. Sein Nachname war Palzew. Der Spitzname – Finger.
Die Lehrer sagten: „Palzew, an die Tafel!“
Oder: „Palzew, Finger aus der Nase, sitz ordentlich und hör zu!“
Aber niemals nannten sie seinen Vornamen. Die anderen Schüler, sowohl Lieblinge als auch Rowdys wurden beim Vornamen gerufen. Die Namen der Lieblinge wurden zärtlich, geradezu intim ausgesprochen, die Namen der Schwänzer mit der Intonation der Sprecher beim zentralen Fernsehen, wenn sie jemanden brandmarkten, beispielsweise den israelischen Kriegstreiber oder das Smith-Regime. Palzew stand außerhalb von Gut und Böse. Er war ein Sonderling. Nicht von dieser Welt. Ein Kauz. Obwohl er kein Dummkopf war, das wussten alle. In den seltenen Momenten „seiner Anwesenheit auf der Erde“ war er konzentriert, die Arithmetik-Aufgaben löste er rasch, nur niemals so, wie die Lehrer es forderten. Oft verstanden sie ihn überhaupt nicht, so originell war seine Denkweise. Aber gewöhnlich schwebte sein Geist im Himmel, sein Körper popelte, saß nicht normal, hörte nicht auf die Lehrer, und manchmal fiel er sogar ohne das Zutun des Nachbarn vom Stuhl.
Die Mitschüler hänselten Palzew auf das Grausamste. Vor dem Unterricht fingen sie an und dann ging es den ganzen Schultag. Im Klassenjargon hieß es, „den Finger bis in den Tod jagen“. Kaum erschien seine magere Figur in der Tür unseres Klassenzimmers, wurde laut geschrien: „Finger ist da! Hetzt den Finger!“
Danach musste man ihm den Ranzen wegreißen, und wenn er herbei gelaufen kam, um ihn sich wieder zu schnappen, wurde der Ranzen zum anderen geworfen, mit einem Kommentar, ungefähr so: „Finger, Finger, warum so aufgeregt? Niemand will deinen Ranzen, komm, nimm ihn! Aha! Kannst du nicht! Was hat deine Mutti dir zum Frühstück gegeben? Diese Schnitte? Dann friss! Na, los doch! Hast du schon aufgefressen? Hetzt den Finger in den Tod! In den Tod!“
Palzew wusste, was ihm im Klassenzimmer blühte. Er kannte das tägliche Ritual. Wusste, dass ihm sein Schulranzen entrissen werden würde. Und er widerstand. Hartnäckig, hoffnungslos. Er lief zu seinem Peiniger, versuchte den Ranzen an den Trägern zu fassen und an sich zu ziehen. Aber er machte es scheu und verlangsamt. Entweder hatte er eine Schwäche in den Händen, die von seiner Kinderlähmung geblieben war, oder er hatte Angst aggressiv aufzutreten. Das einzig mögliche Mittel gegen die Hatz: Ruhe zu bewahren, nicht wie ein Hund von einem zum anderen zu rennen, nicht zu heulen, sich auf die Schulbank zu setzen und abzuwarten bis sich alles beruhigt hatte, dies alles war Palzew aus irgendeinem Grunde nicht möglich.
Alle seine Bewegungen waren seltsam verzögert. Gerade diese Langsamkeit seines Wesens reizte seine agilen Mitschüler am meisten. Der Instinkt zwang sie, diesen Kauz zu jagen, dessen bloße Anwesenheit die psychische Stabilität ihrer ordinären Welt verletzte. 
Der Ranzen flog wie ein Handball von Schüler zu Schüler. Palzew lief mühselig hin und her. Er keuchte. Versuchte, den richtigen Augenblick zu erwischen. Er wurde schneller. Vielleicht wollten wir von ihm gerade diese Beschleunigung? Oder seine Verwandlung in einen von uns, wir alle waren motorische Psychopathen. Und er war uns fremd wie Buddha.
Manchmal steckte er in etwas für uns Unsichtbarem, tauchte darin ein und vergaß sowohl den Ranzen als auch das Hetzen. In solchen Augenblicken flüsterte er vor sich hin, machte mit den Händen seltsame Verdrehungen, als ob er an einer unsichtbaren Tafel schrieb und mit einem unsichtbaren Wesen sprach. In diesem Fall musste man den Finger „beleben“, das hieß, mit dem Ranzen in sein Gesicht schlagen. Am besten mit der Schnalle auf die Nase.
Nach der Belebung streckte Palzew wütend beide Hände nach oben auseinander, wie der gekreuzigte Apostel Andreas. Aber er schlug den Beleidiger nicht. Er schlug niemals zu. Er rührte auch niemanden an. Berührungen waren für ihn tabu. Als ob er fürchtete, den Blütenstaub auf den unsichtbaren Flügeln zu beschädigen. Die Mitschüler wussten das all zu gut und ärgerten ihn, ohne zu befürchten, dass er in einem guten Moment Amok laufen könnte und jemandem mit dem Ziegel auf den Kopf schlagen würde. Die Hatz dauerte gewöhnlich bis zu dem Moment, in dem der Lehrer in der Klasse erschien. Dann wurde Palzew, von kleineren Neckereien abgesehen, bis zur Pause in Ruhe gelassen. Nach dem Klingeln ging es wieder richtig los. Alle Jungen unserer Klasse verfolgten Finger, sowohl die braven als auch die schlimmen, die Rowdys und die Schüler mit „musterhaftem Benehmen“. Ich hetzte ihn auch. Die Erniedrigung des Schwächsten gab uns die eigentümliche psychologische Genugtuung: Nicht ich werde gejagt! Sondern Finger. Er ist nicht wie alle anderen, ihn muss man quälen. Alle machen es. Ich auch. Ich mache das, was alle machen. Ich bin ein Teil. Und Finger, er ist nur für sich selbst. Dafür muss er was abkriegen. Um ihn ist es nicht besonders schade.
Für drei meiner Mitschüler wurde diese Hetzjagd zur wichtigsten Beschäftigung im Schulalltag. Einer von ihnen war der „Zweier-Schüler“ Lusjew, der andere der Rowdy und „Dreier-Schüler“ Askenasi. Der Dritte war Peter Tuschin, ein „Fünfer-Schüler“ mit dem Spitznamen „Hahn“. Lusjew war ein Heuchler, ein Quäler. Bei den Lehrern gab er sich zurückhaltend, ruhig und klug. Bei den starken Schülern – einfach und neutral, bei den mittleren und schwachen – hochnäsig und grausam. Durch Askenasi, so schien mir, blies ein krimineller Wind. Er war kein Sadist, wie Lusjew, besaß jedoch außer Bosheit keine andere lebenswichtige Motivation. Lusjew und Askenasi rivalisierten. Den Kauz zu ärgern, war viel einfacher als miteinander zu kämpfen, ihre Kräfte waren ungefähr gleich. Hahn war selber ein Kauz, und er verfolgte Palzew auch deshalb, weil er fürchtete, dass die Mitschüler statt Finger ihn ins Visier nehmen könnten. Meine Mitschülerinnen haben an all dem nicht teilgenommen, weil sie wohl zu beschäftigt waren, sie hatten ihre Beziehungen untereinander zu klären. Darüber hinaus hatten sie ihr eigenes Opfer – Julia Bernadskaja. Am ersten Schultag war ihr ein kleines Malheur passiert. Seitdem wurde sie „Pisse“ genannt. Sie war ein sehr schüchternes Mädchen aus einer Ingenieursfamilie.
Einmal sah ich ihren Vater auf dem Elternabend, an dem die Eltern gemeinsam mit ihren Kindern erscheinen mussten. Er war ein kleiner rothaariger Jude, mager und auch schüchtern. Die ganze Zeit rieb er seine nassen roten Hände, rutschte auf dem Stuhl hin und her. Wenn die Rede auf seine Tochter kam (sie lernte mittelmäßig), war offensichtlich, dass er unsere Klassenleiterin, die dicke Geschichtslehrerin Claudia Dmitriewna, fürchtete. Die Mädchen jagten Julia nicht, sie missachteten sie. Sie warfen Papierkügelchen nach ihr, sprachen über sie wie über die letzte Schlampe, und manchmal sagten sie ihr direkt ins Gesicht: „Du, Pisse!“ Aber oft ließen sie das Mädchen einfach in Ruhe. Die Jungen bemerkten die Bernadskaja vorläufig überhaupt nicht. Das änderte sich, als ihre Brüste gewachsen waren. Lusjew hat es zuerst bemerkt.
„Dimytsch“, sagte er zu mir in der Pause, „guck Julia an! Die hat ein Vorderteil! Weißt du, dass Jüdinnen immer warm sind? Bei Jüdinnen fließt es immer!“
Ich wusste nicht, was ich darauf sagen sollte. Ich verstand nicht, was „warm“ bedeutete, was „fließt“. Aber mir war klar, dass Lusjew eine Gemeinheit gesagt hatte.
„Du, Lusjew, fließt es bei dir auch?“
„Doch, doch, bei mir fließt alles.“
Er sagte es und verschwand, er wollte keinen Konflikt schüren. Was für ein Scheißkerl, dachte ich. Beim nächsten Anlass kriegt er eine in die Schnauze.
Als Julia vorbeiging, schaute ich sie heimlich an und stellte sofort fest, dass Lusjew recht hatte. Unter der Schuluniform wippten zwei gewichtige Hügel. Sie haben mich aufgeregt. Man möchte die Hände auf diese Hügelchen legen und sie mit den Fingern zusammenpressen. Ein Krampf durchzog meinen Bauch. Ohne es zu wollen, schloss ich die Augen. Verschluckte den Speichel.
Julia bemerkte meine Grimasse, schaute mich traurig an und ging schnell weiter. Auf ihrem blassen Gesicht erschien keine Spur weiblicher Genugtuung – ich weiß, was du willst! Nur Kummer und Angst vor neuen Schwierigkeiten und Erniedrigungen.
An jenem Tag wurde Palzew besonders grausam gehetzt. Er muhte und schwang wie eine Windmühle seine langen Arme. Vor dem Klingeln schüttete Lusjew demonstrativ Palzews Ranzen aus und der gesamte Inhalt klatschte auf den Boden. Askenasi trat mit dem Fuß gegen die Hefte und Bücher und sie flogen wie Vögel durch das Klassenzimmer. Ein Buch wurde in zwei Hälften gerissen. Hahn ergriff das Frühstückspäckchen von Palzew, öffnete es behutsam und fing an, grinsend wie ein Clown, ein belegtes Brötchen zu essen. Ich bemerkte, dass Julia Bernadskaja absichtlich in die andere Richtung blickte. 
In der Pause wurde Palzew nicht mehr beachtet. Vielleicht war das Vergnügen langweilig geworden oder etwas hatte davon abgelenkt. Die Schulwelt wackelte wie eine Quecksilberkugel auf der Hand, die geringste Bewegung brachte fatale Veränderungen mit sich, die aber außerordentlich kurz waren.
Die ersten zwei, ohnehin sehr langweiligen Stunden, zogen sich unendlich hin. Die Englischlehrerin fragte Vokabeln ab. Es war eine Qual. So sehr ich auch paukte, die Vokabeln wollten nicht im Kopf bleiben. Mein ganzes Wesen warf sie hinaus. Was ich nicht liebte, konnte ich niemals lernen. Dann schrieben wir ein Diktat. Später lasen wir einen Text über die Belagerung Trojas und mussten ihn nacherzählen. Und das alles völlig monoton, mit Pausen für Belehrungen und Drohungen.
In der nächsten Stunde hatten wir Arithmetik. Hier ging es mir besser als in Englisch, weil man denken und nicht einfach stumpfsinnig büffeln musste. Die geliebten pädagogischen Äußerungen unseres Lehrers Fjodor Fjodorowitsch waren: „Es ist einfacher als eine gekochte Rübe“ und „so sinnlos, wie Erbsen an die Wand zu werfen“.
Er sagte: „Tuschin, ein Halbes mit einem Drittel zu addieren, sogar das kannst du nicht, obwohl es einfacher als eine gekochte Rübe ist! Aber dir was zu erklären, ist, wie Erbsen an die Wand zu werfen.“
Ich stellte mir die riesige gekochte Rübe vor. Die Rübe liegt auf dem Tisch und dampft. Fjodor Fjodorowitsch zerschneidet sie mit dem Messer. Innen ist die Rübe glatt und wirklich sehr, sehr einfach.
„Es ist einfacher als eine gekochte Rübe!“, sagt Fjodor Fjodorowitsch.
Neben der Rübe liegt der offene Sack mit den trockenen, bunten Erbsen. Er greift mit seiner haarigen Hand hinein und wirft die Erbsen wütend an die Wand. Die Erbsen springen von ihr ab und prasseln hopsend auf den Fußboden.
„Wie Erbsen an die Wand zu werfen“, bestätigt der Lehrer traurig.            
Nach der dritten Stunde endlich kam die große Pause, zwanzig Minuten. Da konnte man sich entspannen. Oder sogar heimlich die Schule verlassen und beim Kaufhaus „Moskau“ eine Pirogge mit Fleisch oder mit Marmelade kaufen.
Diesmal bin ich nicht zum Kaufhaus gerannt, ich wollte einfach am Fenster im Flur stehen, ausruhen. Ich stehe und schaue. Ich erhole mich.
Plötzlich stürzt Hahn auf mich zu und schreit: „Dimytsch, komm mit in die Sackgasse, die Jungs halten dort Julia fest, und grapschen ihr an den Busen. Schnell!“
Gesagt und weg war er.
Ich lief ihm nach, die Treppe hinauf. Im obersten, fünften Stockwerk war unsere Aula. Wenn ihre Türen geschlossen waren, bildete der Flur die „Sackgasse“, über die Hahn gesprochen hatte. Die Sackgasse begrenzten: zwei Wände, die riesigen Türen der Aula und die Eisengittertür zur Dachbodentreppe. Lehrer und Schüler der unteren Klassen kamen niemals hierher, die Schüler der Oberklassen zogen es vor, auf der Straße oder in der Toilette zu rauchen. Die Sackgasse war also eine freie Zone für uns, die Fünftklässler. Dort klärten wir unsere Probleme, spielten um Geld, ab und zu handelten wir mit Zigaretten oder mit Briefmarken. Die Mädchen mieden diesen Ort. Sie fürchteten sich. Ich wusste nicht, wie es Lusjew gelungen war, Julia in die Sackgasse zu locken. Dass es seine Idee war, bezweifelte ich nicht. Askenasi galt als böse, aber einfältig. Und Hahn war einfach nur dumm.
Auf der Treppe zum fünften Stock lauschte ich, hörte aber nichts. Hatte Hahn gelogen?
Endlich war ich oben. Hahn hatte nicht gelogen. Julia stand, mit gefesselten Händen, rücklings am Gitter. Die zerknitterte Bluse war über ihr Gesicht gezogen, so dass sie ihre Peiniger nicht sah. Der alte weiße Büstenhalter schlenkerte um ihren Hals. Julia zuckte und ihre Brüste wippten. Lusjew, Askenasi und Hahn grapschten. Schweigend packten sie die Brüste. Ließen sie los. Und packten sie wieder. Die Brüste zu fassen war nicht leicht, weil Julia mit Füßen trat und trotz gefesselter Hände auswich, so gut sie konnte. Sie versuchte, mit dem Knie in eine Leiste zu schlagen. Ich sah, wie Lusjew ihre Brustwarze erfasste und sie wie einen Schalter umdrehte. Julia stöhnte dumpf auf. Lusjew zwickte auch die andere Brustwarze. In diesem Moment zog Askenasi Lusjews Hand zurück und griff selbst nach den Brüsten. Zog sie zu sich.
Mich hatte ein tollwütiger Wunsch erfasst. Und gleichzeitig Verzweiflung und Schrecken.
Wie verrückt sprang ich zu Julia hin, schubste die anderen weg, und ergriff selbst ihre Brüste. Presste sie in meinen Handflächen. Mir schien, dass ihre Brüste aus weichem Gummi bestanden, wie aus Milch gegossen. Im Inneren spürte ich so etwas wie zarte Äpfelchen. Ich wollte sie in meinen Mund nehmen. Unbeholfen küsste ich Julia auf eine Brustwarze. Ein Blitz durchzuckte mich. Diese Glückseligkeit hatte ich noch nie erfahren. Ich fühlte mich gleichzeitig wie der Sadist Lusjew, wie der Rowdy Askenasi, wie Hahn und wie die unglückliche Pisse. Wie Gott der Herr in Ekstase des ewigen Orgasmus und zugleich wie Satan in der Erschütterung ewiger Qual.
Da trat Julia mit dem Knie in meine Leiste. Ich ließ sie los, krümmte mich vor Schmerz und wich zur Seite. Die drei anderen haben sie sofort umschwärmt.
Unerwartet erschien Palzew in der Sackgasse.       
„Was, was macht ihr da?“, rief er mit aufgeregter Stimme. „Ihr, Reptilien!“
„Verschwinde, Finger! Du kommst schon an die Reihe“.
„Ihr, Reptilien!“
Das Tabu des Berührens schien vergessen und Palzew stürmte sich im Paroxysmus seines Zorns auf die Grapschenden. Er benahm sich so, als ob jemand ihm Überzeugung und Kraft eingeflößt hätte.
Er warf Hahn zur Seite. Der stieß mit dem Kopf an die Ziegelwand. Dann packte er den quadratischen Athleten Askenasi, zog ihn von Julia weg, drehte ihm den Arm um und versetzte ihm einen starken Fußtritt in sein Hinterteil. Solchen Mut hatte Askenasi von Palzew nicht erwartet. Er fiel in die staubige Ecke der Sackgasse. Dabei verstauchte er sich den Fuß und schrie laut auf.
In seiner Rage hatte Lusjew das alles nicht bemerkt. Er grapschte wie ein Wahnsinniger. Palzew stürzte sich auch auf ihn und zerrte ihn vom Mädchen weg. Palzew und Lusjew fingen an zu raufen, fielen hin und rollten wie ein Knäuel auf dem Boden. Inzwischen war Askenasi aufgestanden und trat Palzew in die Nieren. Und stürzte erneut auf Julia zu.
In diesem Moment wurde mein Schicksal entschieden. Ich hatte keine Zeit mich zu fürchten. Entweder musste ich mich auf die Seite von Askenasi und Lusjew schlagen oder mich für Palzew und Bernadskaja einsetzen. Ich warf mich auf Askenasi. Sofort bekam ich einen Schlag in die Magengrube. Bei ihm hieß es „in die Seele schlagen“. Mir verschlug es den Atem. Danach in die Rippen („in die Kante“). Ich überwand den Schmerz und bin vor dem dritten Schlag ausgewichen, es gelang mir, Askenasi in den Schwitzkasten zu nehmen. Ich presste immer stärker. Er hat aber nicht aufgegeben. Er röchelte: „Lass los! Ich töte dich!“
Ich presste weiter. Er verdrehte die Augen. Hier habe ich, endlich, den schrecklichen Schrei von Claudia Dmitriewna gehört. Sie schrie mir ins Ohr: „Lass ihn los, du erwürgst ihn!“
Ich ließ los. Askenasi hatte das Bewusstsein verloren. Auf seinem Gesicht stand ein erstarrtes Lächeln voller Verachtung.
Ich sah mich um. Lehrer liefen hin und her. Julia war inzwischen frei und wurde weggeführt. Hahn war abgehauen, anscheinend noch vor Ankunft der Lehrer. Lusjew und Palzew wälzten sich noch auf dem Boden. Lusjew schlug Palzew mit der Faust in den Bauch, der biss Lusjew in die Schulter und zerkratzte ihm die Wange. Sie wurden mit Mühe auseinandergezogen.
Später wurden wir zum Direktor zitiert, der den Spitznamen „Kubikmeter“ trug. Auch der erschrockene Hahn wurde zu ihm gebracht. Kubikmeter beschimpfte uns und verlangte, unsere Eltern zu sprechen.
Am nächsten Tag hatten die Eltern Julia aus unserer Schule genommen. Später war ihre Familie eine der ersten, die 1969 die UdSSR verlassen haben. Julia beendete die Schule in Israel und absolvierte die Universität in Toronto. Sie wurde Ärztin. Askenasi flog nach seinen gesamten Verdiensten von unserer Schule und kam in eine andere. Aber noch vor dem Abitur landete er in einer Kolonie für minderjährige Straftäter. Hahn wurde wegen schlechter Leistungen in Englisch und Mathematik von der Schule gewiesen. Palzew verließ uns schon vor der siebenten Klasse und hat in die benachbarte mathematische Schule gewechselt. Das habe auch ich gemacht. Lusjew ist glimpflich davongekommen. Nach der Schule hat er die juristische Fakultät der Lomonossow Universität absolviert und später in der Moskauer Kriminalpolizei Karriere gemacht. 
 
In der mathematischen Schule wurde Palzew nun normal behandelt. Wir haben uns endlich kennen gelernt, ein paar Mal miteinander gesprochen. Ich erfuhr, dass er Wolodja hieß. Dass er sich für Astronomie und die indische Philosophie interessierte. Dass er das Buch von Seldowitsch „Höhere Mathematik für Anfänger“ und Bhagavad Gita gelesen hatte. In einem passenden Moment versuchte ich ihn über die alte Geschichte auszufragen. Wie hatte er damals erfahren, dass Julia gequält wurde, warum hatte er keine Angst gehabt, zu Hilfe zu kommen, warum überhaupt hatte er es so geduldig ertragen, gehetzt zu werden?
Er hat mit einer Frage auf meine Fragen geantwortet: „Und warum hast du dich wie alle anderen benommen?“
„Weil ich ein Dummkopf war.“
„Und bist du sicher, dass du kein Dummkopf mehr bist?“
„Nein, aber diese Geschichte hat mir etwas beigebracht.“
„Also, dir hat diese Geschichte etwas beigebracht, und mich haben die Astralwesen belehrt.“
„Was spinnst du da? Erzähl!“
„Es fing nach meiner Gehirnerschütterung an. Ein Radfahrer hat mich auf dem Leninski Prospekt angefahren. Angefahren und abgehauen. Und ich lag auf der Erde. Als ich im Krankenhaus wach geworden war und die Augen geöffnet hatte, habe ich verstanden, dass ich mich nicht auf der Erde, sondern irgendwo anders, auf dem achten Planeten, im Sirius-System befand. Dass hier auf der Erde nur mein Körper war. Und auch der nicht immer. Mit Worten kann ich das sowieso nicht beschreiben. Meine Umgebung war nicht mehr so, wie sie vor meinem Sturz gewesen war. Die Landschaft anderer Planeten schimmerte durch sie, der neue Himmel war sichtbar. Außerdem zeigten sie mir die Vergangenheit.“
„Wer, sie?“
„Die Astralwesen.“
„Das ist ein Ding! Wer sind sie, diese Astralwesen?“
„Die Wirte der Zeit. In meiner Welt fliegen sie wie Schatten. Sie dehnen die Zeit, wie eine Ziehharmonika. Oder, im Gegenteil, pressen sie zusammen. Zum Beispiel, habe ich Lusjew nicht als den gesehen, der er in der Klasse war. Ich habe ihn zu Hause gesehen, habe beobachtet, wie ihn sein Vater tyrannisiert hat, wie er darunter gelitten, wie er sich gegen diese Tyrannei gewehrt und schließlich untergeordnet hat. Sogar als er schon zum Reptil geworden war, hat er seine Mutter vor dem Vater geschützt. Sich um sie gesorgt. Und während eurer Hatz, als ich die Hand erhoben habe, um ihn zu schlagen, haben mir die Astralwesen die Szenen gezeigt, in denen er seine Mutter beschützt, oder wie er weint, als ihn sein Vater mit dem Gürtel schlägt. Den Sechsjährigen. Deswegen konnte ich Lusjew nicht berühren. Und mit Askenasi war es noch schlimmer. Er wurde nicht nur geschlagen, sondern in seiner frühen Kindheit von betrunkenen Dieben vergewaltigt. Er hatte keinen Vater. Seine Mutter hat getrunken und sich mit Kriminellen herumgetrieben.
Und Hahn wurde in seinem Hof in Schabolowka noch schlechter als ich in unserer Klasse behandelt. Niemand wusste es, aber ich habe es gesehen.“
„Verarschst du mich, Finger? Sirius! Astralwesen! Dich zu überprüfen ist einfacher als eine gekochte Rübe. Wenn dir die Astralwesen auch mich zeigen. dann. Dann sag mir, was ich heute zum Frühstück gegessen habe.“
„Nichts hast du gegessen, ohne einen Bissen bist du zur Schule gerannt.“
Mir wurde mulmig zumute. Ich hatte wirklich nicht gefrühstückt. Was ist, wenn er mich nicht verkohlt? Was kann ich ihn noch fragen?
„Noch was: Mit wem habe ich mich gestern getroffen?“
„Mit Inka. Im Dynamo-Stadion. Deiner Mutter hast du gesagt, dass du Schwimmen gehst, aber in Wirklichkeit hast du die ganze Zeit mit Inka geknutscht.“
„Ach, zum Teufel! Und wie war das damals mit Julia? Zeigen sie dir auch die Zukunft?“
Palzew zögerte.
„Mit der Zukunft ist es komplizierter. Es ist so, wie die wollen. Ich sehe sie nicht klar und deutlich. Eher wie eine Silhouette oder einen Geist. Und damals... Als das mit Julia passiert ist... Das habe ich am Morgen gesehen... Als ich geärgert wurde und sie die Augen abwandte. Lusjew sagte zu ihr, dass ich in der Sackgasse säße und heule. Sie ging dorthin, um mir zu helfen.“
Es ergab sich alles so schön, dass ich ihn nicht mehr weiterfragen wollte. Trotzdem wollte ich wissen: „Also, Finger, bist du jetzt auch dort auf Sirius?“
„Ja doch.“
„Siehst du die Astralwesen jetzt?“
„Ich sehe sie.“
„Und was zeigen sie dir über mich? Aus der Zukunft?“
„Verschwommenes. Es scheint Berlin zu sein.“
„Bis Berlin, Bruder, ist es weiter als bis zum Sirius!“
„Wer weiß?“
Wir verabschiedeten uns. Und seit diesem Gespräch haben wir nur noch Begrüßungen oder harmlose Phrasen gewechselt. Wenn ich merkte, dass Palzew mich ansah, bemühte ich mich, schnell wegzukommen.
Dieser Erzählung kann ich nichts hinzufügen. Palzew hat die Schule beendet und an der geologischen Fakultät studiert. Schon als Student hat er sich in den russischen Norden verliebt. Er hat oft an Expeditionen teilgenommen. Ist verwahrlost und in Sibirien geblieben. An die Uni kehrte er nicht zurück. Bis heute weiß ich nicht, ob er mich gefoppt hat.

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