Igor Schestkow "Fahlgelber Dunst"

 

 

FAHLGELBER DUNST

Da saß ich nun in der lieblos zusammengeschusterten Küche dieses armseligen Leuchtturms und schrieb einem Freund. Dabei blinzelte und zwinkerte ich heftig wegen der brutalen Scheinwerfer:

...Das Leben in Deutschland besteht hauptsächlich aus abgrundtiefer Beschränktheit und Geschmacklosigkeit. Auf keinen Fall Position beziehen. Keine Ideale haben. Sich in ein Rädchen oder einen Propeller verwandeln. Ein Zahnrad im Getriebe sein. Kapitulation der sowjetischen Weltsicht vor den Neandertalern. Verzicht und Verblödung. Exzesse in Stahlbeton. Unter dem schwülwarmen Rock von Tante Else. Spaziergänge im Inneren der Dampfmaschine. Rutschpartien auf dem Reibeisen, die man lustig zu finden hat. Und wenn man sie nicht lustig findet, wird man gefragt: "Warum leben Sie denn hier, wenn es Ihnen nicht gefällt?"

Als ob man die Wahl hätte. Ausgerechnet wir: Ewige Juden, Kinder aus dem Reich der Schatten. Geboren nach dem eigenen Tod. Unsere Heimat liegt nicht im poststalinistischen Moskau, sondern in Wolkenkuckucksheim. Weit draußen auf der Venus...

Nachdem ich alles ausprobiert hatte, nachdem mir das Leben im teutonischen Asphaltdschungel restlos zuwider geworden war, wollte ich ausbrechen, mich im Reich der Literatur verkriechen wie auf einer Insel im Ozean. Ich habe es versucht, aber es gelang mir nicht, und zwar nicht nur, weil Schreiben bedeutet, sich den eigenen Brustkorb aufzureißen.

Du verstehst, ich habe schon lange aufgehört, theoretischen Gedankengängen einen besonderen Wert beizumessen, als ginge von ihnen so etwas wie Erleuchtung aus. Die strahlt nicht sehr weit. Gedanken ohne Gefühl, ohne praktische Auswirkungen, ohne körperliches Echo bei demjenigen, der sie äußert, ohne Einfluss auf sein weiteres Leben - solche Gedanken sind lediglich Vektoren, Konturen, im besten Falle Skizzen. Meine Emigration beruhte auf solchen Gedanken, und nicht nur meine, sondern die von uns allen. Wir sind doch nicht wegen der materiellen Bequemlichkeiten hierher ausgewandert, sondern wegen der Freiheit. Wir haben sogar beides bekommen, aber was hier unter Bequemlichkeit und Freiheit verstanden wird, entspricht in keiner Weise unseren Idealen. Die findet man hier ins Gegenteil verkehrt. Mein Schreiben ist auch nur ein Vektor, auf dem ich mich von den Konzentrationslagern entferne und zu der erwähnten Insel hinbewege. Ich bin lange darauf herumspaziert, bin an ihren Stränden entlang und durch ihre tropische Schönheit gewandert, und habe mir eine Narbe auf der Brust geholt, die heute noch brennt. Wie habe ich Die Insel genossen und mich an der einzigartigen Natur berauscht, die, genau wie ihre Bewohner, mit nichts auf der Welt zu vergleichen ist. Doch genau die Gründe, derentwegen die Insel aus dem Nichts auftauchte, haben dazu geführt, dass sie anfing, sich zu verändern und sich umzugestalten, so dass sie nun immer mehr wie Marzahn aussieht. Ihre Bewohner sprechen immer weniger das wunderbare, mütterliche Esperanto, die Sprache meiner Kindheit, sondern Berliner Dialekt. Der Regisseur hat gesagt: Stellen Sie Marzahn dar. Die Plattenbauten, die Aussichten, ja, und ein paar Typen dazu. Typen müssen Sie zeigen, damit der Zuschauer weiß, um was es geht.

Ein paar Schlaumeier hatten mich ja gewarnt. Ich habe ihnen nicht geglaubt, denn ich konnte mir nicht vorstellen, dass Leute so engstirnig sein können, als wären sie aus Holz oder aus Plastik, als wären sie  scheintot. Dabei plustern sie sich auf wie die Truthähne, als gehörten ihnen alle Schätze im Himmel und auf Erden. Sie können alles, und zwar perfekt. Jeder von ihnen trägt einen Lorbeerkranz.

Verstehe mich bitte nicht falsch: Wenn ich all das vorher gewusst hätte, wäre ich trotzdem emigriert und nicht in Frustland-Rostland geblieben. Jetzt in Putins Schlachthaus zurückzukehren, ist erst recht unmöglich.

Da plötzlich - als ich gerade lächelnd ein Fragezeichen auf der Tastatur anschlug, in diesem belanglosen und in keiner Weise erwähnenswertem Moment völlig normalen Emigrantengenörgels... sah ich im Wohnzimmer eine Erscheinung, zwei Schritte von mir entfernt.

Da stand eine barfüßige Frau in seidenem Nachthemd. Sie war unglaublich attraktiv und ähnelte jemandem sehr, den ich kannte. Sie trippelte scheu von einem Fuß auf den anderen und wiegte kokett ihr hübsches Köpfchen. Sie rückte schwere Armreifen aus weißer Jade an ihren braunen Handgelenken zurecht. Was für eine Überraschung! Aber wem sah sie bloß ähnlich?

Natürlich: Sie ähnelte der Schauspielerin Stéphane Audran, als sie noch jung war, in der Zeit des Films "La femme infidèle" von Claude Chabrol, ihrem damaligen Mann. Sie war eine kühle Schönheit mit schmalen Fingern und schlanken, rassigen Hüften. Sie nahm sich einen Liebhaber und betrog ihren Mann, der seinerseits einen Detektiv engagierte und die Wahrheit erfuhr. Er ging zu diesem Liebhaber, stellte ihn zur Rede, zeigte auf das zerwühlte Bett, geriet in Wut und zog - ratschbum - dem Liebhaber einen schweren, stumpfen Gegenstand über den Schädel. Es war die Büste der Nofretete. Er gab sich alle Mühe, die Spuren zu beiseitigen und warf den Leichnam in einen Sumpf. Aber die Polizei kam ihm auf die Schliche und verhaftete ihn vor den Augen seiner Frau. Ein echtes Drama.

Was hatte Stéphane Audran in meinem Kopf zu suchen?

Ja, sie war attraktiv, aber nicht lebendig, nicht von dieser Welt.

Sie wirkte wie auf einem Bildschirm oder auf einem Hologramm. Sie schillerte wie ein lamettagschmückter Weihnachtsbaum, blaue Fünkchen sprühten aus ihren Fingern zu Boden. Mein erstaunter Blick ließ sie erschaudern, als hätte ich sie bei etwas Peinlichem erwischt. So erschrickt die Sklavin beim Schlag der Peitsche. Ihre Froschaugen funkelten wie grauer Achat. Ihre kurzen, braunen Haare flogen hoch und streuten goldene Reflexe auf mein Parkett.

Vielleicht durfte sie sich hier nicht zeigen? Oder hatte ich sie erschreckt?

Sie zuckte zusammen und verschwand hinter einem unsichtbaren Schirm, aber es gelang ihr im letzten Moment, mir einen Medusenblick zuzuwerfen, der sich anfühlte, als hätte sie mich mit Eiswasser übergossen.

Wie das im alten Drehbuch steht, verwandelte ich mich in eine Säule aus Malachit, kam aber schnell wieder zu mir. Eine unbekannte Kraft zog mich aus dem kalten, zähen Inneren des Steins zurück ins Land der Menschen. Vielleicht war sie es selbst und wollte damit ihren Fehler wiedergutmachen, oder der Regisseur rettete die Lage, denn er musste ja den Film zu Ende drehen, um das Budget nicht zu sprengen.

Ich stand auf (wobei der Stuhl so stark quietschte, dass der Tonmeister mit den Armen herumfuchtelte), ging ins Wohnzimmer und schaute mich um. Niemand war zu sehen. Ich schnupperte. Ein zarter Duft schwebte vorbei. Phlox! Im Januar?

Ohne zu wissen, was ich tat, wendete ich mich an die verschwundene Erscheinung: "Madame Audran, kommen Sie doch zurück! Lassen Sie mich hier bitte nicht alleine. Mich widert das alles an, nehmen Sie mich mit, und sei es als ihr Schmuck-Armband!"

Natürlich erfolgte keine Antwort, nur die Beleuchter lachten sich einen Ast. Der Regisseur wurde wütend und kontrollierte, ob niemand im Eingang war, im Schlafzimmer, im Arbeitsraum...

Er schaute sogar ins Bad. Der riesige Spiegel zeigte nichts Verdächtiges. Der Regisseur bemerkte aber in seinen eigenen Augen Anzeichen von Verstörtheit, und seine Haut im Gesicht und auf den Armen erinnerte an Malachit: ungleichmäßiges Grün mit Bändern. Er musste der Visagistin wohl mal aufs Dach steigen.

Ich schrieb den Brief fertig und schickte ihn ab, warf den Mantel mit Chinchilla-Kragen um und ging im frischen, funkelnden Schnee spazieren. So etwas bekommt man im postapokalyptischen Berlin selten zu sehen. Da fallen eher Frösche vom Himmel als Schnee.

Ich schlenderte durch einige Straßen in der Umgebung, nickte einem mir bekannten Haus mit Eingangsbogen zu (dort hatte die Frau von Michail Tschechow gewohnt), grüßte auch das Wasserhäuschen, wo sich die ortsansässigen Schnapsnasen drängelten. Lief unter der S-Bahn-Unterführung durch, ging in den Park und strebte meiner geliebten Lindenallee zu. Dort spazierte ich entlang, rannte ein wenig und vollführte Sprünge wie ein Astronaut auf dem Mond.

Ich atmete durch. Die Bäume knarzten gemütlich. Ein Specht klopfte in der Nähe. Ständig sauste etwas Gelbes durch die Luft - große Meisen huschten von Baum zu Baum auf der Suche nach Nahrung. Stare sprangen mit wichtiger Miene auf dem Boden umher. Eine missgelaunte Eule glotzte aus ihrer Höhle in einer vierhundertjährigen Eiche. Drei riesige Raben hackten an einem toten Maulwurf herum. Ein Eisbär, der aus seinem Zoo entkommen war, rannte zu den langbeinigen Flamingos.

Gab es Reibereien? Natürlich, aber mit dem altbekannten Charme.

Ein hübsches, gemütliches, jedoch vollkommen verblödetes Land. Was war aus ihm in den letzten 50 Jahren geworden? Nordssyrien? Die Westtürkei? Ein neues Auschwitz? Oder kühlt die weltweite Vereisung das Feuer kommender Generationen herunter?

Die Miene des Regisseurs verfinsterte sich wieder. Er zeigte vielsagend eine Seite im Drehbuch, wo er mit dem Finger auf den Namen der Szene tippte, die gerade an der Reihe war: "Blick zurück unter Tränen".

Ich zeigte mich kooperativ und überlegte, wann ich "Die untreue Frau" zum ersten Mal gesehen hatte. Wann war das nur? Ich ging noch zur Schule, also musste das in den Jahren 1971 oder 1972 gewesen sein. Wo? Natürlich im "Illusion". Wahrscheinlich bin ich, anstatt zur Schule zu fahren, gleich zum Kino gesaust, um die Frühvorstellung anzuschauen. Da gab es zwei Filme hintereinander, "Die untreue Frau" und irgendeine Komödie, vielleicht den "Rosaroten Panther" mit den zwei kühlen Schönen der damaligen Zeit: Claudia Cardinale und Capucine.

Mit roten Buchstaben stand da, in der Handschrift des Regisseurs: "'Selbstmord von Capucine' aus finanziellen Gründen gestrichen. Entscheidung des Produzenten. Übersprungen."

Welche Freude, ein jenseitiges, zauberhaftes Leben in einem anderen Land zu bewundern, sich in Versailles aufzuhalten, mit David Niven in Cortina Ski zu fahren, die Luft Hollywoods zu atmen. Und das alles für 30 Kopeken! Das war die allerhöchste Wonne, die ein junger Mensch empfinden konnte, der im "sozialistischen Lager" eingesperrt war.

Deine Schulkameraden sitzen im stickigen Klassenzimmer und bekommen von einem talentlosen Pauker mit monotoner Stimme irgendeinen ideologischen Schwachsinn eingetrichtert, und du, frei wie ein Steppenwolf, streifst in den Straßen der Heimatstadt herum und bestaunst auf der Kinoleinwand das Intimleben prachtvoller Frauen und Männer. Leute aus Europa, aus Amerika, aus dem Paradies. Du lauschst fröhlicher Musik von Mancini, und du scheißt auf den ganzen Rest: Die Schule, das Zeugnis, die Uni, das Zentralkomitee, auf die Vergangenheit und die Zukunft... Tröpfchenweise sickert trotz allem die Vorahnung einer unausweichlichen Katastrophe durch und verwandelt den vergnüglichen Kinobesuch in ein unvergessliches, beinahe sakrales Ereignis, in einen Moment - des Glücks.

Aus dem Berliner Park schickte ich mir selbst einen Gruß zurück ins Moskau Anfang der Siebzigerjahre. Damals hätte ich diesen Gruß aus einer anderen Welt und einer anderen Zeit gut gebrauchen können. Ein Löffelchen voll Hoffnung hätte mir die Tränen getrocknet.

Der Regisseur krächzte und quiekte vergnügt: "Im Kasten!"

Nach dem Mittagessen ging es weiter. Die Dekoration: Wald, Allee. Darüber ein gemalter Himmel.

Am Ende der Allee stand eine Frau mit hohen Lederstiefeln unter einer künstlichen Tanne. Stammte sie aus einer Massenszene?

Der Regisseur brüllte: "Du musst Erstaunen ausdrücken! Befremden! Und Nostalgie. Aber übertreibe es nicht."

Ich ging zu ihr hin und sah ihr schüchtern in die Augen. Sie roch angenehm nach Phlox, Leder und gutem Tabak. Sie trug eine rote Baskenmütze zu einem leichten, beigen Kostüm und rauchte eine Zigarette. Auf ihren langen Handschuhen sah man Flecken von lila Asche. Das gebräunte Gesicht mit den hohen Backenknochen zeigte Geringschätzung für die Umwelt, während die herrlichen, grauen Augen nach schneebedeckten Landschaften Ausschau hielten.

Sie blickte mich an, und ich hörte sie sagen: "Du hast mich gerufen. Da bin ich."

Vor lauter Kribbeln im Bauch und erahntem Glück verwandelte ich mich wieder in die Malachitsäule. Die Filmcrew applaudierte. Arbeiter holten einen Ventilator und eine Kiste mit Schaumstofflocken.

Ein Windstoß bestäubte uns mit Glitzerschnee.

Die schöne Dame verschwand, als wäre sie nie da gewesen, aber ich blieb in der Steinsäule.

Ich konnte mich nicht bewegen, nicht atmen, nicht essen und nicht sprechen. Immerhin konnte ich denken. Ich dachte und dachte...

Ich dachte zurück. Mein ganzes Leben vor und nach der Emigration kam mir vor wie eine endlose Kette von unschönen, quälenden Tagen und Nächten unter einer schwarzen Sonne und einem blauen Mond (so malte es unser künstlerischer Verfalls-Apologet). Diese Frau war und blieb für mich seitdem die einzige verwandte Seele, die Frau mit Baskenmütze, sie, die nach Phlox duftete und der jungen Stéphane Audran ähnlich sah.

Nach einigen Minuten, Stunden oder Jahrhunderten kam ich aus dem Stein hervor.

Um mich herum war alles leer. Es gab keinen Leuchtturm, keinen Wald und keinen Drehplatz mehr.

Nur fahlgelber Dunst hing über dem Ozean.

Zum Teufel, was ist hier los? Wo seid ihr denn?

 

 

 

Aus dem Russischen Klaus Kleinmann

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