Igor Schestkow "Dreihunderttausend Yuan"

Igor Schestkow

 

 

DREIHUNDERTTAUSEND YUAN

 

 

Wir lagen Seite an Seite auf zwei Matratzen.

Ich hatte das altertümliche Doppelbett aus Nussbaumholz verkauft, das mir Pater Nepomuk von der „Kirche der mildtätigen Maria“ in Kirlitz vor einigen Jahren zusammen mit einem Satz hellgrüner Kochtöpfe und einer altersschwachen DDR-Waschmaschine geschenkt hatte. Ich gab das Bett billig her, weil ich es schon lange loswerden wollte, denn es erhob sich wie ein düsteres Schloss aus der Ebene meines Schlafzimmers, das mich penetrant an mein wenig erbauliches und erst vor kurzem endgültig in die Binsen gegangenes Familienleben erinnerte.

Es war halb fünf Uhr früh.

Das riesige Zimmer mit zwei halbrunden Fenstern schwamm schon im Licht der Julisonne, das von den Fenstern des gegenüberliegenden Hauses gespiegelt wurde und durch die verblichenen Falten des Spitzenvorhanges drang, hier in der Blankenburgstraße, einer der schummrigsten, muffigsten Straßen der ganzen Stadt.

Meine Freundin schlief noch und breitete dabei ihre Arme über der Bettdecke aus wie der Verbrecher, den sie neben Jesus gekreuzigt hatten. Ihre wunderbaren, goldgelben Haare flossen über das lila Kopfkissen, das wie eine Ziehharmonika zerknautscht war. Ich erwachte in einer Aufwallung beinahe schmerzhafter Begierde,

sah sie an, wie sie auf der Seite lag und küsste vorsichtig die blasse Knospe ihrer kleinen Brust, die aus dem blauen, mit weißen Kranichen bedruckten Seidennachthemd geglitten war. Vlada öffnete die Augen und flüsterte: "Ja, ja, mein Liebster!"

Sie gab sich mir hin und presste ihre Brust an meinen Mund wie eine Pflaume.

Etwa um sechs Uhr zerflossen wir wieder auf unseren Matratzen. Vlada schlief ein, nachdem sie zuvor ihre Haare sorgfältig ausgebreitet und mit dem Kopftuch verhüllt hatte. Auch ich dämmerte ein. Mein Körper war herrlich entspannt, nur die Seele klagte ein wenig. Aber das geht mir immer so. Vor meinen Augen zogen rotbraune Pferde langsam dahin, wie ich sie in einem früheren Leben einmal in der Gegend des Elbrus gesehen hatte. Ein halbdurchsichtiger Einsiedler in Filzstiefeln und Fellmütze lief vorbei, lächelte mir zu und winkte freundlich mit seinem Säbel. Dabei zog er ein nettes Eselchen hinter sich her, das einem naiven Gemälde von Niko Pirosmani entsprungen zu sein schien. Darauf saß ein Georgier mit Sonnenschirm, der seinen Samthut zog und mich grüßte.

Meinen Augen bot sich der überwältigende Blick auf den Doppelgipfel des Elbrus, der im Schein der untergehenden Sonne lag. In meinem Kopf murmelte etwas "Tscheget, Tscheget".

Im letzten Augenblick vor dem endgültigen Dahinschmelzen im beglückenden blassrosa Schimmer wachte ich auf, denn ich hörte seltsame Geräusche und gedämpfte Stimmen aus dem Nachbarzimmer.

Der Schlaf verflog wie ein Tropfen heißer Alkohol auf der Handfläche.

Ein grüner Blitz durchzuckte meinen Kopf: Meine Frau war mit den Kindern zurückgekehrt!

Was tun? Sie war wohl mit dem Nachtzug gekommen und konnte dir vorher kein Zeichen geben, weil du in diesem verdammten Kirlitz kein Telefon hast. Vielleicht wollte sie dich auch überraschen, sich vielleicht sogar mit dir versöhnen, während du dich hier mit dieser Mieze auf dem Matratzenlager herumsühlst und sogar das Ehebett verscherbelt hast.

Was willst du deinen Töchtern erzählen? Schon kommen sie mit dem Schrei "Papa, Papa" ins Schlafzimmer gestürmt, sehen, dass da kein Bett mehr steht, sehen aber den nackten Papa mit einer unbekannten Tussi.

Das zweite Mal im Leben erfasste mich Panik. Das erste Mal passierte mir das am Skihang eben dieses Kaukasusberges Tscheget. Wunderhübsche fuchsbraue Pferdchen umringten mich einsamen Wanderer, der sich dummerweise auf diese Bergwiese verirrt hatte, wo halbwilde Herden leben, vielleicht dreihundert Tiere stark. Sie begannen mich zwischen ihren samtigen Flanken einzuzwängen und wieherten und schnaubten so widerlich, dass mir schien, als wollten sie mich zwischen ihren Köpern zerquetschen. Jener Einsiedler mit Fellmütze rettete mich. Er tauchte auf wie ein Deus ex Machina und schrie den verdammten Pferden etwas mit Stentorstimme zu, worauf sie von mir abließen.

Ich liege da, aufgelöst in Panik und erwarte den feierlichen Einzug meiner Ehefrau mit den beiden Töchtern ins Schlafzimmer. Arme und Beine sind eiskalt gefroren, hinter den Schläfen schlägt die Angst wie ein Hammer.

Grauenhaft...

Ich weckte Vlada.

"Steh auf, Süße, und zieh dich an! Meine Frau ist gekommen und hat die Töchter mitgebracht. Gleich schauen sie hier herein!"

Mein Goldlöckchen öffnete die Augen, zog einen Schmollmund und gähnte. Dann fiel aber der Groschen. Sie verbarg sich flink wie eine Schlange unter der Bettdecke und war nicht mehr zu sehen. Es schien, als gäbe es sie gar nicht. Das gelang ihr so perfekt, dass ich unwillkürlich nach ihrer Decke tastete, weil mir schien, als sei sie tatsächlich entwischt wie ein Schatten. Aber nein, Vlada war noch an Ort und Stelle, sie zitterte nicht einmal, sie kicherte nur überspannt. Teufelsweib!

Hätte ich nur das Bett nicht verkauft. Sie hätte sich prima darunter verstecken können, wie man das aus französischen Filmen kennt. Einen ganzen Harem hätte ich unter dem Bett parken können.

Ich drückte die Augen fest zusammen, denn ich fürchtete, dem Blick meiner Töchter nicht standzuhalten. Aber niemand kam ins Zimmer herein.

Ich lauschte angestrengt. Rumoren. Die Stimmen waren vielleicht ein wenig lauter geworden. Einige Worte meinte ich zu verstehen, aber das war anscheinend weder Deutsch noch Russisch. Was zum Teufel ging hier vor?

Da wurde mir schlagartig klar, dass hier nicht meine Frau zugange war, sondern Einbrecher! Rumänen oder Zigeuner. Sie mussten über das Gerüst geklettert sein, das schon seit einem Jahr im Hof stand, obwohl dort niemand arbeitete. Dann waren sie wohl durch das geöffnete Küchenfenster geschlüpft, und jetzt spazierten sie durch meine Wohnung wie durch ein Geschäft und besprachen, was sie mitnehmen sollten und was nicht.

Mir fiel ein Stein vom Herzen. Diebe, Herumtreiber, Teufel - ganz egal! Aber bloß nicht meine Göttergattin und die Kinder. Schon wickelte ich mich in das Laken und ging auf den Korridor hinaus, um sie zu begrüßen.

Die Diebe waren wohl zu der Erkenntnis gekommen, dass niemand zu Hause sei. Als ich barfüßig, unrasiert, in ein lila Betttuch gewickelt und mit nichts als meinem Frohsinn bewaffnet die Tür aufriss und auf den Korridor hinaustrat, wühlten die beiden Einbrecher gerade in aller Ruhe meinen Sekretär durch.

Sie sahen mich und standen wie vom Donner gerührt. Der Kleinere von beiden richtete todesmutig die Mündung meines Brownings auf mich, der Größere und anscheinend etwas ältere drückte krampfhaft meine heißgeliebte Nikon und die Silberschatulle mit dem Geld an seine Brust. In den braunen Triefaugen der beiden blitzte Furcht und abgrundtiefer Hass. Mir war noch nicht klar geworden, dass da zwei Kinder vor mir standen, vielleicht 14 und 12 Jahre alt, da schoss mir der Kleinere schon in den Bauch. Wäre mein Browning mit kampftauglicher Munition geladen gewesen, dann hätte ich wohl augenblicklich das Zeitliche gesegnet. Zum Glück waren aber nur Schreckschusspatronen darin. Der Schuss machte gehörigen Radau, mehr aber auch nicht. Ich verbrannte mich nicht einmal an dem orangen Feuer, das aus der Mündung schoss wie der Teufel aus dem Backofen. Ich schrie drauflos, um meinen Mut zu steigern und stürzte mich auf die beiden Mistkerle wie damals Taras Bulba auf die Polen. Der Kleine warf die Knarre weg, stürzte zur Wohnungstür und fing an mit dem Schlüssel herumzufuhrwerken, der im Schloss steckte. Der andere schleuderte den Fotoapparat und die Geldschatulle von sich und strebte gleichfalls dem Ausgang zu. Im Nu hatten sie meine Glastür geöffnet und waren ins Treppenhaus verduftet.

...

Genau zu dieser Zeit kam der Mitbewohner im Erdgeschoss, der bärbeißige Bauhandwerker Steinmann, aus seiner Wohnung, um mit seinem Schäferhund Jacqueline gassi zu gehen. Dieser Hund besaß einen schwierigen  Charakter, der vom Leben im Dunstkreis der durchgeknallten Maurersfamilie in Mitleidenschaft gezogen worden war. Der Sohn betätigte sich als Hooligan und die Tochter als Bordsteinschwalbe. Beide tauchten oft bei ihren Eltern auf, dezimierten deren Schnapsvorräte, stopften alles in sich hinein, was sie für essbar hielten und pumpten den Bauarbeiter um seine letzten Kröten an. Der kam damit ganz und gar nicht klar und ließ den Frust an seiner Frau aus, einer klapperigen Mähre namens Mandy. Diese wiederum überschüttete Jacqueline mit ihrer miesen Laune. Mandy hasste Jacqueline, weil sie in ihr eine Rivalin sah. Sie band den Hund ans Kamingitter und zog ihr den Schürhaken über den Kopf. Die Leute in den Nachbarwohnungen wussten das, wären aber ums Verplatzen nicht auf die Idee gekommen, den Tierschutzbund zu alarmieren, denn vor dem finsteren Bauarbeiter hatten sie Regatt, und der grimmige Hund mit seinen riesigen, rötlichen Hauern, der ständig alle anknurrte und anbellte, erweckte kein besonderes Mitgefühl. Aus meinem dritten Stockwerk hörte ich das wütende Gekläff des Schäferhundes und das grässliche Geschrei von Steinmann, der ganz offensichtlich versuchte, die wilde Bestie von den kleinen Gaunern wegzuzerren, die nun in der Falle saßen. Die Haustür war nämlich noch zugeschlossen. Gleich darauf vernahm ich das laute Fluchen und das Gejammer der Diebe, die der Hund gebissen hatte. Mit einem Lächeln tiefster Zufriedenheit schloss ich die Wohnungstür, wusch mir die Hände, hob Kamera nebst Schatulle auf und legte sie wieder in den Sekretär zurück. Dann holte ich die Martiniflasche aus dem Kühlschrank, setzte sie an und genehmigte mir zwei schöne Schlucke, wonach ich mich ins Schlafzimmer begab und Vlada von meinen Heldentaten berichtete. Wir beide lachten uns schief. Froh und frei wie ein Bergadler, der den Tscheget umsegelt, streckte ich mich auf meiner Matratze aus und schlummerte noch ein Ründchen. Dabei hatte ich einen höchst possierlichen Traum.

Er handelte davon, wie wenig vorteilhaft es doch ist, Besitzer eines Trolleybusses zu sein.

Da sitze ich also in einem zwielichtigen Büro mit kleinem, rundem Guckloch, durch das man die Golden Gate Bridge in San Franzisco sehen kann, stelle irgendwelche Berechnungen an, lese krause Zahlen auf der Rechenmaschine, schlürfe, oh Wunder, Orangesaft, den ich in wachem Zustand nicht ausstehen kann, weil er meine Gedärme in Revolution bringt.

Ich sitze, schlürfe, lese - und denke an nichts anderes als an meinen Trolleybus. Ich vergehe vor Mitgefühl mit ihm, denn er ist gerade auf seiner Linie unterwegs. Draußen regnet es, Nebel wabert durch violette Finsternis, um die Hafenmolen herum geistern unerhörte Monster, die wie riesige Seelöwen aussehen. Heftiger Wind bläst, ein Orkan! Der Trolleybus muss trotz allem eisern seinen Fahrplan einhalten. Der Fahrer, der wegen seines Asthmas kaum Luft bekommt, muss trotzdem in höflichem Ton die Haltestellen ansagen, die Türen öffnen und schließen, Gas geben, bremsen und der Straße folgen.

Die Fahrgäste mögen meinen Trolleybus nicht, sie streifen ihre schmutzigen Füße am sauberen Boden ab, schlitzen die weichen Sitze mit Messern auf, zerkratzen die Fensterscheiben mit Diamant-Glasschneidern, beschmieren die Haltegriffe mit ihren Fettfingern, zerschlagen die Lampen, machen die automatischen Türen kaputt, spucken durch die Gegend, rauchen, zetteln Prügeleien an und treten wie die Wilden mit ihren schweren, schwarzen Stiefeln an die Plastikverkleidung der Wände.

Langnasige Geldverleiher, die aussehen wie Kasperlepuppen mit roten Zipfelmützen, rennen in meinem Büro die Türen ein. Ihre Hände haben nur vier Finger. Diese Wucherkasperles verlangen, dass ihnen die Schuldzinsen erstattet werden, aber mal dalli, und drohen mit ihren teigigen Stimmen, mir sonst die Nase abzubeißen. Sie vollführen vor meinen Augen einen widerlichen Ringelpietz. Diese Finanzheinis glitschen lautlos eine polierte Stahlstange hinab wie Feuerwehrmänner und bauen sich im Halbkreis vor mir auf. Ihre Visagen wirken genauso stupide wie die der Ungetüme von der Osterinsel. In ihren steinernen Händen halten sie buchhalterische Geschäftsbücher. Und schon stehe ich vor Gericht. Die dickbackigen Richter-Erdmännchen starren trübsinnig zu Boden, meine Advokaten-Trampeltiere wenden sich lustlos von mir ab und glotzen einer Schweineblondine in der dritten Reihe auf die wohlgerundeten Hüften.

Ein Gewerkschaftschor, der schaurig langsam aus der Erde auftaucht, fordert eine augenblickliche Lohnerhöhung für den Fahrer. Graf Zeppelin platzt mit einem Modell seines lenkbaren Luftschiffes ins Büro hinein. Mit unverhohlener Feierlichkeit erzählt er mir, dass die Preise für Trolleybus-Ersatzteile gestiegen, der chinesische Yuan dagegen gefallen sei. "Nehmen Sie doch im Luftschiff Platz", fordert mich der Graf auf, "wechseln Sie zum Yuan über." Dabei zeigt er mit ein Paket zerknitterte Banknoten von unterschiedlicher Farbe und dem widerwärtigen Puppengesicht Mao Tse Tungs. Mitten durch das runde Fenster meines Büros kracht der Trolleybus und hält direkt vor meiner Nase. Er ist leer, ohne Fahrer und Passagiere.

Ich nehme den Bus in die Hand, wische ihm den Staub ab und parke ihn akkurat in einem Geschenkpaket. Dann rufe ich meinen reichen Kumpel in Hamburg an und schlage ihm vor, den Trolleybus zu kaufen.

"Der sieht fast aus wie neu! Ich mache dir einen Freundschaftspreis: Dreihunderttausend Yuan."

 

 

(Aus dem Russischen: Klaus Kleinmann)

 

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