Igor Schestkow "Drei Tode"

 
   
 
Zwischen unserem Hof und dem Leninski Prospekt stand das riesige Haus mit dem Zoogeschäft. Über dieses Haus erzählten die Kinder schreckliche Sachen: Dort wohnt Kalina, er foltert Kinder, steckt ihnen glühende Nadeln unter die Fingernägel. Mein altkluger sechsjähriger Freund Waska behauptete, dass „Kalina den Mädchen die Häutchen zerreißt, und die Jungen auf den Pfahl setzt.“
Was und wer Kalina ist, verstand ich nicht. Ich stellte mir vor, dass ein schwarz gekleideter hagerer Mann mit seinen knochigen Fingern nach meinem Handgelenk greift und mich in eine dunkle Wohnung im Haus mit dem Zoogeschäft zerrt. Dort sitzen ihm ähnelnde schreckliche schwarze Gestalten, Betrunkene, sie zischen uns, die gut gekleideten Kinder aus dem Haus der Dozenten und Professoren, voller Bosheit an. Sie werden uns foltern, bis zum Tod quälen. Nicht nur ich, alle Kinder unseres Hofes fürchteten Kalina. Man brauchte nur laut seinen Namen zu schreien. Und alle im Hof spielenden Kinder liefen in ihre Hauseingänge, rannten zwei, drei Stockwerke hoch und nahmen sichere Positionen an den Fenstern ein. Versuchten von dort Kalina zu erspähen. Kalina aber erschien nicht.
Einmal waren zwei Jungen aus unserem Haus verschwunden. Sechs, sieben Jahre alt. Man sucht sie lange Zeit vergeblich. Wir anderen Kinder waren erschrocken, aufgeregt und aus irgendeinem seltsamen Grunde froh. Es wurde selbstverständlich nur über Kalina gesprochen. Man erzählte, dass „diese beiden zum Judenpack gehören“, dass „Kalina Juden jagt, um sie auszumerzen“. Waska meinte, was er möglicherweise zu Hause aufgeschnappt hatte: „Es ist höchste Zeit, Moskau von Juden zu säubern!“
Was „Judenpack“ bedeutete, wusste ich nicht und fragte Großmutter danach. Sie erklärte, es sei ein Schimpfwort für Juden, und Juden seien Menschen einer besonderen Nation. Dazu bemerkte sie, dass ich mich nicht fürchten müsse. Was eine „Nation“ bedeutete, habe ich nicht gefragt. Und bis heute ist es mir unklar.
„Ich habe deinen Vater im Krieg taufen lassen. In Tomsk, während der Evakuierung“, sagte Großmutter. „Der Pope dort taufte ihn. Für einen Topf Suppe. Ihn und mich auch. Alle warteten auf Pogrome, man dachte, die Deutschen kommen überall hin. Deshalb sind wir Christen, Orthodoxe. Aber besser du sprichst mit keinem darüber.“
Ich hatte sowieso keine Lust mit jemandem darüber zu reden, weil ich in Großmutters Worten eine für sie ungewöhnliche Falschheit und Verwirrung spürte.
Nach langem Überlegen kam ich zu der Schlussfolgerung, dass wir wohl zu den Juden gehören, und Kalina uns ausmerzen will, und da ich das einzige Kind in der Familie war, drohte die Gefahr mir allein. Außerdem erinnerte ich mich, dass die Jungen der benachbarten Schule mir aus den offenen Fenstern hinterher geschrien hatten: „Jud, Jud, fetter Jud geht da.“ Ich wusste nicht, wen sie meinten, schaute mich um, suchte einen „fetten Jud“, verstand aber nicht, dass ich gemeint war. Ich erinnerte mich auch an meine Lehrerin, Alexandra Iwanowna, sie hatte zwei Warzen auf dem Kinn und ein rundes Gesicht, das plötzlich länger wurde, als ich auf die Nationalitätenfrage geantwortet habe: „Ich bin Russe.“
„Nein“, erwiderte Alexandra Iwanowna, „du bist Jude.“
Die verschwundenen Kinder wurden erst nach ein paar Monaten gefunden. Ihre Leichen lagen in einem Kanalisationsschacht. Keine Spuren von Gewalt. Aller Wahrscheinlichkeit nach sind sie selbst in den Schacht gekrochen, haben über sich den Gully-Deckel geschlossen, damit ihnen niemand auf die Schliche kommt, die rostige Leiter zerbrach, sie konnten nicht mehr hoch, ihr Schreien hörte niemand.
Die Wahrheit über Kalina erfuhr ich erst viel später. Ein ehemaliger Mitschüler, der bei der Moskauer Kripo arbeitete, hatte Archivmaterial über die Familie Kalinin gefunden, die im Haus mit dem Zoogeschäft gewohnt hatte und so etwas wie ein Nachtasyl für Kriminelle betrieben hatte. Über das Quälen von Kindern oder eine Verfolgung der Juden fehlte jegliche Information.
Der alte russische Traum, Moskau von Juden zu befreien, hat sich später verwirklicht. Ohne Pogrome und ohne Blutvergießen. Die Mehrheit der Moskauer Juden verließ die Hauptstadt. In der Menge findet man die einst so zahlreichen jüdischen Gesichter kaum mehr, obwohl, Presseberichten nach, das jüdische Leben brodelt, die Synagogen und Schulen in Betrieb sind.
Dafür gibt es spürbar mehr Kaukasier.
 
Mein Vater ist im sibirischen Fluss Timpton ertrunken. Zunächst wurde es vor mir verborgen. Dann erfuhr ich die Wahrheit. Schwarzes Leid! Schwarz und kalt wie das Wasser des Bergflusses. Im Schlauchboot waren Vater und sein Mitarbeiter Peter gewesen. Das Boot fuhr auf eine Klippe und kenterte. Peter hatte Glück, er konnte sich am Boot festhalten und retten. Den Vater hat die Strömung weggetrieben. Eine verhängnisvolle Rolle bei seinem Tod spielten seine Gummistiefel, sie füllten sich mit Eiswasser und störten beim Schwimmen. Vater schrie: „Petja, ich ertrinke!“
Dieser Todesschrei hallt bis heute in meinen Ohren. Ich sehe den weißen Vater im schwarzen Wasser. Er gerät in einen Wirbel, sein Kopf schlägt gegen einen Stein. Ohnmächtig und vor Kälte starr, wurde er in einen unterirdischen Fluss gezogen. Er wurde nie gefunden.
Meiner Mutter teilte man später mit, dass ihr Mann unrechtmäßig mit dem Schlauchboot auf dem nicht erforschten Fluss gefahren sei. Wäre er am Leben geblieben, hätte er gerichtliche Folgen hinnehmen müssen. So ist es immer in Russland, du bist an allem selber Schuld und nur der Tod kann dich vor der unvermeidlichen Strafe retten.
Vaters Tod war für mich unfassbar, nicht real. Es fehlte die Leiche, es fehlte auch das Grab. Eine peinliche Beerdigungsprozedur fand nicht statt. Deshalb hat dieses tragische Ereignis einen nicht nachlassenden Schmerz, aber keinen Schrecken, bei mir ausgelöst. Einen Schrecken habe ich zum ersten Mal erfahren, als ich die Leiche der jungen Lehrerin unserer Schule gesehen habe.
Das sowjetische System hegte und pflegte verschiedene Massenveranstaltungen.
Der Zweck solcher Maßnahmen bestand darin, den Willen der Teilnehmer mit Sinnlosigkeit und Massenpsychose zu unterdrücken. Die Schule, die ich von der zweiten bis zur sechsten Klasse besuchte, war eine sowjetische Elite-Institution, deren Haupteigenschaft die grenzenlose Idiotie der Leitung und das Lakaientum der Untergeordneten war. Die zahlreichen Schulveranstaltungen waren geprägt von Reden, Schwüren, von langem Stehen, vom Hinaustragen und Hineintragen der Fahne, vom Hören und Singen revolutionärer Lieder.
Unsere Pioniergruppe trug den Namen der von den Faschisten gequälten Partisanin Soja Kosmodemjanskaja. Die Deutschen peitschten das Mädchen, versengten mit Streichhölzern ihr Gesicht, zwangen sie, barfüßig im Schnee zu stehen. Nach der Folter haben sie Soja in Anwesenheit aller Bewohner des Dorfes Petrischtschewo aufgehängt. In der Neujahrsnacht haben die Bach- und Wagner-Nachfolger ihre Leiche mit Bajonetten gespießt. Trotz aller Quälereien hat die Heldin die Pläne der Roten Armee nicht verraten. Diese Geschichte wurde uns bei zahllosen Appellen von den Lehrern und Pionierleitern erzählt. Still stehend sollten wir zuhören. Für Kinder war das unerträglich. Der Körper schmerzte, die Seele quälte sich, vor uns baumelte die unglückliche, aufgehängte Partisanin mit entblößter, zerstochener Brust. Die Gräueltat der Faschisten wurde durch die hämmernde Stimme der unbeliebten Pionierleiterin auf uns abgelegt. Wir spürten die Seitengewehre der Besatzer auch in unserer Brust. Die Zunge hing aus dem Mund, wir mussten mal. Gleichzeitig wurde dazu aufgerufen, unsere Wachsamkeit zu erhöhen, durchzuhalten, keine Angst vor dem Feind zu zeigen. In solchen Momenten rettete uns nur schwarzer Humor.
„Am Baum hängt die Birne, zum Essen ist sie nicht“, raunte mir mein Freund Pusanow zu und deutete auf das Bild der gequälten Partisanin, er verdrehte theatralisch die Augen und zeigte seine lange Zunge. Wir begannen alle zu kichern, daraus wurde unterdrücktes Lachen und wir konnten kaum an uns halten. Um den Lachanfall zu übertünchen, schaltete die Leitung den Rekorder ein und der progressive Sänger Dean Reed begann: „We shall over come.“
 
In Deutschland lebt man so, als ob der Tod überhaupt nicht existiere. Seine Anwesenheit würde zu viel Überflüssiges in der Konsumgesellschaft zerstören. Das Beisetzungsritual ist rationalisiert. Man verabschiedet sich oft nicht von dem Verstorbenen, sondern von seinem geschlossenen Sarg oder von seiner Asche. Der Tote liegt nicht zu Hause, um ihn herum sitzen keine weinenden Frauen, es gibt keinen Leichengeruch, der Tod scheint irreal zu sein. In Russland ist es anders. Der Tod und alle seine vielfältigen Aspekte spielen eine wesentliche Rolle im Leben dieser seltsamen Gesellschaft. Die Beerdigung wird als Statusbezeugung betrachtet, sei es die pompöse Bestattung des Generalsekretärs der KPdSU mit der Ehrenwache, das dreitägige Abschiedsnehmen Tausender Menschen, die Beförderung der Leiche auf der Kanonenlafette und der Beisetzung neben der Kremlmauer, sei es der Abschied von einer Unterstufenlehrerin einer Moskauer Schule. Als ob die Russen nicht an das Ende glauben, kommen sie mit der ganzen Familie auf den Friedhof, wie Gäste, mit Wodka und Imbiss.
Sie essen und trinken am Grab, sie reden, weinen und zanken. Vor dem Weggehen hinterlassen sie für den Grabbewohner einen Teil des Essens und eine halbe Flasche Wodka.
Der Tod ist hier eine Apotheose, die Beerdigung eine Umsiedlung, der Friedhof die Vergegenständlichung einer sozialen Hierarchie. Das Mausoleum auf dem Roten Platz, in dem der ausgestopfte Lenin aufbewahrt wird, ist nicht nur ein Beispiel des geschmacklosen Wahnsinns kommunistischer Mächte, sondern eine bis zum logischen Ende geführte östliche Tradition. Man lässt den Verstorbenen nicht weg, man hält ihn auf der Erde fest.
 
Einmal ging ein Gerücht wie ein Lauffeuer durch die Schule: Die Lehrerin ist gestorben!
O weia! Es bedeutete, dass die scheinbar unendliche Reihe der Tage ein Ende hat.
Jung gestorben! Es bedeutete, dass nicht nur die Alten uns verlassen, die ohnehin genug vom Leben haben, auch Mutter und ich könnten sterben. Und zwar, nicht bei einem Autounfall, nicht durch Ertrinken oder Verbrennen, nicht im verdammten Krieg, sondern einfach im Krankenhaus. Das unangenehme Wort „Krebs“ wurde aufgeschnappt.
O Gott, was ist das für ein Tier, das an den Eingeweiden des Menschen nagt, woher kommt es und warum?
Sie ist schon aufgebahrt! Zur Verabschiedung!
Zur Verabschiedung? Wir kannten diese Lehrerin doch nicht. Es war schade, dass sie und nicht Alexandra Iwanowna gestorben war.
Antreten zum Trauer-Appell! Also kein Unterricht. Prima! Keine qualvollen Monologe von Alexandra Iwanowna, kein Kampf um Disziplin, keine Nörgeleien, kein Gezeter. Alle aus der Klasse gingen in die Aula. Und nach dem Abschied nach Hause!
Auf zwei Lehrertischen stand der geöffnete Brettersarg, mit rot-weißen Kunstblumen geschmückt. Im Saal herrschte Totenstille. Es roch schlecht, nach Medikamenten, nach billigem Parfüm und nach dem, was von uns bleibt, wenn die Seele den Körper verlassen hat. Die Schüler und Lehrer traten an den Sarg heran, sahen in das Gesicht der Verstorbenen und gingen weg. Einige Lehrer küssten die Tote auf die Stirn. Eine Putzfrau bekreuzigte sich, in jener Zeit konnte das die Stelle kosten.
Wir warteten lange.
Endlich war ich an der Reihe. Ich trat zum Sarg. Meine Beine waren wie aus Watte, die Hände feucht. Plötzlich verstand ich, wie schwer es ist, die Augen vom Fußboden abzuwenden und eine Tote anzuschauen. Ich musste mich selbst überlisten, ich sah zuerst durch das Fenster in den trüben Moskauer Himmel, der von Zweigen durchschnitten war, dann sah ich zu Pusanow, er schien nicht so verloren zu sein, er wies mich mit seinem Blick auf die Tote. Küss sie! Und dann kotzt du.
Von dem sommersprossigen stupsnasigen Gesicht Pusanows wandte ich meinen Blick auf die armseligen Fransen der Sargdecke, dann auf die spitze Nase der Liegenden, auf ihre halb geschlossenen Augen. Nicht vom aufsteigenden unerträglichen Geruch und nicht vom schlecht geschminkten Antlitz der Frau, die so lange gelitten hatte, war ich betroffen, sondern von der Farbe ihrer Haut. Sie sah nicht wie die Haut eines Menschen aus, eher wie Wachspapier oder Pergament. Oder wie das Leder einer Eidechse, zernagt von den Krebsen, die im Inneren wüteten.
Ich hatte keine Kraft vom Sarg wegzugehen. Alexandra Iwanowna nahm mich am Arm und wies mich zu meiner Klasse zurück.
 
 
 

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