Igor Schestkow "Die Wassernixe"

Igor Schestkow

 

 

DIE WASSERNIXE

 

Es ist sattsam bekannt und auch statistisch erwiesen: Wenn man lange an Putins Russland denkt, bekommt man Hämorrhoiden.

Natürlich sind Art und Dauer der Erkrankung von Patient zu Patient verschieden. Sie hängen von mehreren Faktoren ab, zu nennen wäre etwa das Lebensalter und die Art der Beschäftigung. Doch wann auch immer ein Emigrant aus der früheren UdSSR an Hämorrhoiden erkrankt, ist das heutige Russland, genauer sein Präsident, der die Krankheit geradezu verkörpert, persönlich daran schuld. Erinnern wir uns nur an die letzten beiden Jahre: Die Krim wurde annektiert, der Donbass militärisch überrannt, das politische Klima verschlechterte sich deutlich, Korruption und Staatsterrorismus feiern fröhliche Urständ. Da habe auch ich leider häufig an Russland gedacht, viel zu häufig, habe mich aufgeregt, vor lauter Hilflosigkeit mit den Zähnen geknirscht, habe Putins Schandtaten im Internet kommentiert. Und was kam dabei heraus? In meinem Hintern machten sich Hämorrhoiden breit. Also hörte ich auf zu denken, hörte auf, mich zu grämen und zu kommentieren, quälte mich einen Monat lang damit herum und hoffte, es würde vorbeigehen. So denken sicher viele ehrliche und gutherzige Russen auch von Putin und dem Putinismus: Das geht schon vorbei. Aber das tut es nicht. Jede Hoffnung ist vergebens!

So gingen auch die Schmerzen in meinem Hintern nicht von selber weg. Also musste ich einen Arzt auf private Rechnung konsultieren (Kassenärzte sind so selten, dass sie einem erst nach sieben Wochen einen Termin geben... aber in so langer Zeit kann sogar ein Esel krepieren und ein Sultan sterben). Ich fand einen solchen Arzt. Seine Praxis war auf der Friedrichstraße, in der Nähe vom Museum Checkpoint Charlie. Ich rief an. "Ja, kommen Sie morgen um drei."

Na wunderbar. Am nächsten Tag machte ich mich auf den Weg. In meinem Gedärm brannte und juckte es derartig, dass ich Berlin uns seine Bewohner gar nicht mehr wahrnahm. Schneller, schneller... Als ich über die Friedrichstraße ging, machten sich zwei ungehobelte Zigeuner über mich her. Unverfroren und verlottert waren sie. Sie hielten mir irgendein Papier mit Unterschriften vors Gesicht, laberten etwas in ihrem Kauderwelsch und begrabschten meine Jacke. Natürlich wollten sie an mein Portemonnaie. Na, ich bin nicht auf den Mund gefallen und schrie sie an, so laut, dass die ganze Straße nach uns schaute.

Haut ab!!!

Macht euch weg!!!

Verpisst euch!!!

Haltet die Klappe und verschwindet!!!

Das hat sie schon ein bisschen beeindruckt. Aber als sie vielleicht zwanzig Meter von mir weg waren, drehten sie mir wieder ihre Kanakengesichter zu und keiften mich böse an. Ich verstehe zwar kein Wort von deren Idiom, aber es war klar, dass sie mir drohten und mich beleidigten. Sie schrien etwas wie: "Wir treffen uns noch, treffen uns noch, pass nur auf!"

Wie ich diese Bettelsäcke hasse! Gib ihnen einen Euro, und sie verlangen zwei. Gib ihnen nichts, und sie hängen dir ein Maul an, als würdest du mit dem Messer auf sie losgehen. Und in ihren Augen - nichts als abgrundtiefer Hass.

Ich ging in die Praxis. An der Rezeption saß eine höfliche ältere Dame, die übrigens ein wenig an Mrs. Pickman erinnerte.      

Kein einziger Patient war da. Sicher lag das daran, dass man schon für die erste Audienz einen Hunderter hinzublättern hatte. Statt dessen müssen in meinem Stadtbezirk, wo nur Patienten aus der gesetzlichen Krankenkasse wohnen, die Leute schon bei der Aufnahme drei Stunden Schlange stehen. Schwüle. Husten. Kindergeplärre. Sprechstundenhilfen am Rande des Nervenzusammenbruchs. Von Arbeit völlig überlastete Ärzte. Nervös und abgehetzt. Wie damals im Sozialismus...

Hier gibt es einen riesigen Wartesaal, in dem man ganz alleine sitzt. Sessel. Zeitschriften. Ein Aquarium mit Goldfischen. Himmlische Ruhe. Aber Hämorrhoiden tun auch weh, wenn man in einem weichen Sessel sitzt. Nach einigen Minuten kam der Arzt und stellte sich mit dem Namen "Bartok" vor. Du meine Güte! Ein Ungar. Und er sah aus wie der Komponist der Oper "Blaubart." Ein gemütlicher, grauhaariger Opa. Er bat mich in sein Sprechzimmer, erzählte von Hämorrhoiden und zeigte ein furchtbares Bild dazu. Dann fragte er mich nach meinen Symptomen und forderte mich auf, in einem Chirurgensessel Platz zu nehmen.

Jetzt verstehe ich, was die armen Frauen im Gynäkologenstuhl aushalten müssen. Etwa zwanzig Minuten lang untersuchte er mich, führte mir kühlende Cremes ein, tröstete mich und versicherte, dass bei mir nichts Schlimmes vorliege. Dann bat er mich wieder in den Sessel, erteilte mir dietätische Ratschläge und erklärte, wie ich die Creme anwenden sollte. Er empfahl mir eine Apotheke und gab mir die Hand. Er meinte, es sei nicht schlecht, in sechs Wochen noch einmal vorbeizukommen. Das würde nochmal einen Fünfziger kosten.

Ich verließ die Praxis von Dr. Bartok beruhigt und fast schon geheilt. Man weiß ja, dass Krankheiten, genau wie die Patienten selber, Angst vor Ärzten haben und manchmal schon bei der bloßen Erscheinung eines Arztes verschwinden, bevor die entsprechende Therapie überhaupt begonnen hat. Ich bezahlte der Sprechstundenhilfe mit Freuden die 100 Euro und ließ mir einen neuen Termin geben. Ich wollte die Praxis schon verlassen, aber da...

Platzte irgendetwas in mir, barst, zerriss. Ein grüner Blitz durchfuhr mich. Ein Esel nieste, ein Schmetterling setzte sich auf eine Butterblume. Ein Dummkopf wurde geboren. In meiner Welt ereignete sich der Super-GAU. Verdammt nochmal! Es ist schwer zu beschreiben, was man nicht versteht. Und ich wusste nicht, was mit mir geschah. Aber ich hatte den Eindruck, dass der Film meines Lebens, der bis dahin in gemessenem Tempo zwischen den Rädchen eines kosmischen Projektors hindurchschnurrte, plötzlich zum Stillstand gekommen war. Ein grün-brauner Fleck huschte über den Bildschirm. Der Film verbrannte mit einer Stichflamme, und im Zuschauerraum verbreitete sich giftiger Rauch. Das Publikum begann zu pfeifen und mit den Füßen zu stampfen, der Filmvorführer hielt jedoch zwecks rascher Fehleranalyse seinen Apparat an. Er konnte aber die Ursache des Problems nicht herausfinden und verließ klammheimlich den Saal. Das Publikum machte sich ebenfalls auf den Heimweg, wobei es frenetisch weiterjohlte und trampelte.

Das alles sind natürlich bildliche Umschreibungen. Die Realität sah wie folgt aus:

Eine mir unbekannte Stimme drang plötzlich in mein Bewusstsein, die vom Himmel zu kommen schien und etwa klang wie die automatische Ansage in der Berliner S-Bahn. Ihre Ansage lautete diesmal: " Sie müssen sich unbedingt einer zusätzlichen Untersuchung unterziehen!"

Ich erschrak, Panik erfasste mich, ich wollte aus dem Fenster springen oder wildes Zeug brüllen und im Kreis herumrennen. Das alles tat ich aber nicht, sondern öffnete die Ausgangstür der Praxis, um auf die Straße hinauszugehen. Da packte mich jemand an der Schulter. Das war Dr. Bartok höchstpersönlich. So standen wir einen Moment, ohne dass ich ihn erkannt oder auch nur wahrgenommen hätte. Er alterte um etwa zehn Jahre und verwilderte dabei zusehends. Seine Augen flackerten in irrem Feuer, stachelige Borsten bedeckten seine Wange, die Fingernägel waren schmutzig und er trug eine verdreckte Gefängnismontur statt seines sauber gebügelten Arztkittels. Was war das denn für ein Teufel? Herr Dr. Bartok nahm mich bei der Hand und hüstelte: "Sie müssen sich einer zusätzlichen Untersuchung unterziehen!"

War das etwa die Stimme meines eigenen Unterbewusstseins, die da mit mir sprach? Nein, an solchen Quatsch glaube ich nicht. Ich ließ mich von ihm über einen langen Korridor in ein entlegenes Zimmerchen führen. Vielleicht war es derselbe, üblicherweise verschlossene Raum, in dem Ritter Blaubart seine Opfer peinigte und dahinmeuchelte? Er glich Operationssälen aus den Zwanzigerjahren (davon hatte ich Bilder im Museum der Charité gesehen). Auf langen Tischen aus Metall lagen Skalpelle, alle möglichen Zangen, Sägen, Gefäße, Spritzen, Klemmen, irgendwelche bösartigen Röhrchen... In der Mitte des Zimmers befand sich ein langer Operationstisch, daneben eine schattenfreie Lampe. Um den Tisch herum turnten Chirurgen und Assistenzärzte in grünen Kitteln und ebensolchen Hosen.

Vor ihren Gesichtern trugen Sie Masken. Ich versuchte mich aus den Fängen des Doktors zu befreien und das Weite zu suchen, aber die Chirurgen bemerkten das und sangen im Chor: "Sie müssen sich einer zusätzlichen Untersuchung unterziehen!" Dazu tanzten sie einen Reigen und stießen sich gegenseitig an.

Diese Darbietung übte eine hypnotische Wirkung aus, ich entspannte mich, und der Doktor zog mich zum Operationstisch. Eine Vielzahl gummibehandschuhter Hände griff nach mir, hob mich hoch und brachte mich in eine horizontale Position. Sie zogen meine Jacke aus und warfen sie beiseite. Die übrige Kleidung schlitzten sie mit Messern auf und rissen sie in Fetzen. Dann banden sie meine Hände und Füße am Tisch fest und legten mir eine Maske aufs Gesicht. Meine beigen Sommerschuhe ließen mir diese Henkersknechte aber seltsamerweise an den Füßen. Ich war schon kurz davor, das Bewusstsein zu verlieren und mich der Gnade meiner Überwältiger auszuliefern, da verrutschte etwas in mir. Obwohl ich mich schon fast in der Nahtodphase befand, raffte ich meine allerletzte Kraft zusammen und befreite mich mit dem Mut der Verzweiflung, riss Fußfesseln und Maske los, kippte mich vom Operationstisch und teilte mit mächtigen Armen die Menge der um mich herumstehenden Ärzte. Ich schnappte mir die Jacke und schleuderte die Hände der Chirurgen zur Seite, die nach mir greifen wollten und deren Zahl mit jeder Sekunde wuchs, stürzte mich zur Tür des Operationssaales und durchbrach sie. Ich achtete nicht auf den wilden Pfiff von Mrs. Pickman, die versuchte, sich auf mich zu werfen und mich mit ihren langen Fangarmen außer Gefecht zu setzen. Ich hastete aus der Praxistür und rannte auf die Friedrichstraße hinaus.  

Nackt. Verkratzt. Verängstigt. Zitternd.

Ich zog die Jacke fest zusammen, die kaum mein Gemächte und meinen nackten Hintern verdeckte. So stahl ich mich in Richtung Unter den Linden davon.

Unterwegs dachte ich krampfhaft (klar zu denken vermochte ich nicht) darüber nach, wo ich mir eine Hose kaufen konnte. Im Kopf ging ich die üblichen Geschäfte durch, aber ihre Namen vermischten sich und entzogen sich meinem Zugriff. Dabei verschmolzen sie zu einem buntgescheckten Paar, dann tauchten sie wieder auf, gaben mir aber nicht die Möglichkeit sie zu lesen. Sie kicherten und veralberten mich. Mir kam der Slogan eines populären Flashmobs in den Sinn: Hosen runter in der Metro, wenn du ein Mann bist und kein Retro.

Vor meinen Augen vibrierte und zerfloss alles.

Die Leute rings herum kamen mir vor wie Mutanten. Sie zogen grausige Grimassen und zeigten mit Fingern auf mich, die aussahen wie Hühnerklauen.

Die Autos brüllten und stampften mit den Rädern auf den Asphalt wie Pferde mit den Hufen, hupten, sprangen hoch wie Kröten und versuchten mich niederzuwalzen. Es blieb mir nichts anderes übrig als vor ihnen wegzurennen. Die Häuser fletschten ihre riesigen Zähne, streckten die Backsteinpranken nach mir aus und schnoberten mit ihren scheußlichen Nasen. Das Straßenpflaster tat sich auf, blaue Flammen züngelten daraus hervor. Die Neonreklamen zersplitterten und versprühten dabei elektrische Funken. Sie stiegen von den Hausfassaden herunter und fielen über mich her. Laternen und Litfasssäulen hoben ab wie Raketen und sausten ins erdnahe Weltall empor.

Zu allem Überfluss erblickte ich die beiden Zigeuner wieder. Natürlich sahen sie mich ebenfalls und stürzten auf mich zu. In völlig unverschämter Weise rissen sie an meiner Jacke, um den übrigen Passanten zu zeigen, dass ich darunter nackt war. Ihre Gesichter glühten vor Bosheit.

Ich war vor Scham und Ärger außer Rand und Band. Ich keilte mit den Beinen aus und traf jeden von ihnen mehrmals im Gesicht. Dem einen fiel ein Zahn aus dem Mund, dem anderen riss ich die Backe auf...

Ich rettete mich in ein Wäschegeschäft. Dort suchte ich eine Hose, fand aber keine. Dafür entdeckte ich schwarze Damenstrumpfhosen und zog sie mir mit übermenschlicher Anstrengung an. Eine freundlich lächelnde Verkäuferin mit zwei rosa Näschen bat mich, doch eine Umkleidekabine aufzusuchen. Von der Kasse her kam allerdings schon der Manager mit heraushängender Zunge angerannt, ein echter Bullterrier. Er schlug ein hysterisches Gekläffe an. Ich schaffte es gerade noch auf die Straße hinaus, bevor er seine Zähne in meinem Fleisch versenken konnte. Er klemmte sich die blaue Zunge in der Tür und jaulte herzzerreißend.

In den Damenstrumpfhosen wurde ich etwas ruhiger, denn ich sah immerhin nicht mehr wie ein halbnackter Irrer aus, der gerade aus seiner Klinik ausgebüchst ist, sondern eher wie einer von den vielen Berliner Ladyboys. Ich bog links in die Leipzigerstraße ein und lief so schnell ich konnte. Endlich formte sich bei mir nämlich so etwas wie einen Plan. Ich beschloss in die Gemäldegalerie zu gehen, um dort ein wenig abzukühlen und die ganze Sache in der mir bekannten, freundlichen Atmosphäre zu überdenken. Also überquerte ich den Potsdamer Platz mit seinen scheußlichen Wolkenkratzern und den Horden glotzender Touristen. Bei der Stadtbibliothek ging ich über die Straße und lenkte meine Schritte zu der großen Eingangstür im Vestibül der Galerie und von dort an die Kasse.

Da saß die Kassiererin, die ich schon kannte, aber nicht besonders mochte. Das war eine hochnäsige Alte mit knallblau gefärbten Haaren und bösen Augen. Sie schaute kritisch auf meinen Berlin-Pass (der mich als armen Schlucker auswies) und händigte mir das lange Freiticket aus. Dabei sagte sie: "Sie müssen sich unbedingt einer weiteren Untersuchung unterziehen."

Ich hielt das Ticket dem Kontroll-Schrumpfgermanen in Uniform hin (dunkle Hose und Jackett, weißes Hemd, rote Krawatte). Der schaute erst lange und unverwandt nach meinen Damenstrumpfhosen, dann auf meine Jacke, um schließlich in höflichem, aber bestimmtem Ton zu bemerken: "Nach den neuesten Vorschriften dürfen Sie sich mit einer Jacke nicht in der Galerie aufhalten. Bitte geben Sie sie an der Garderobe ab oder lassen Sie sie im Schließfach. Außerdem bitte ich Sie nicht zu vergessen, dass Sie sich einer weiteren Untersuchung unterziehen müssen."

Die Jacke ablegen? Darunter hatte ich doch gar nichts an. Mein Plan drohte in die Binsen zu gehen, daher versuchte ich mit dem Gnom zu verhandeln.

"Ihre Regeln sind natürlich aller Ehren wert, aber verstehen Sie doch bitte, ich habe unter der Jacke nichts an. Da ist nur die nackte Haut..."

"Nun, das ist Ihre Privatsache. Jeder von uns trägt unter der Kleidung die nackte Haut. Aber es ist nun einmal verboten, mit Jacken oder Mänteln die Galerie zu betreten, verstehen Sie: V-E-R-B-O-T-E-N! Das hat die Direktion so festgelegt, und zwar wegen der Terrorgefahr."

Ein langer Lulatsch, den auch die Uniform der Galerie schmückte, eilte dem Zwerg zu Hilfe. Mit dünner Stimme verkündete er: "Mit Jacke verboten. Geben Sie sie in der Garderobe ab. Sie müssen sich einer weiteren Untersuchung unterziehen."

Ich flehte sie an: "Betrachten Sie mich doch bitte nicht als Feind. Ich bin kein Terrorist, das kann ich Ihnen versichern. Ich liebe ganz einfach die Bilder und die Galerie. Man hat mir die Hosen stibitzt, ich war nämlich heute beim Arzt."

Der Kleine blieb unbeugsam: "Wir sind doch nicht für Ihre Hosen verantwortlich."

Und der Lange fügte hinzu: "Ihr Privatleben geht uns nichts an. Wo Sie waren, was Sie waren... Sind Sie bitte so freundlich, und legen Sie die Jacke ab, anders können wir Sie nicht in die Galerie lassen."

Da gesellte sich unvermittelt eine grauhaarige, ältere Dame zu mir, die gerade aus dem runden Saal kam. Sie sprach mit französischem Akzent.

"Meine Ärren, sehen Sie doch, diese Jacke ist wirklisch das Einzigö, was är besiitzt. Wollen Sie ihn denn zwinggen, sisch auszuziehen und nackt in dör Galerie erumzuspazierön? Ihnen macht es offenbar Spaß, ürgendetwas zu verbietön, jemanden nischt ereinzulassen, Museumsbesuchör zu örniedrigön. Von ihm etwas völlisch Absurdes zu verlanggen. Das riecht abör sähr nach Faschiismus! Iitler und Goebböls sind ier anscheinend noch sähr lebendisch!"

Als der Riese die Bezeichnung "Faschismus" vernahm, ging er ohne ein weiteres Wort zu der Dame, drehte ihr grob den Arm auf den Rücken und bugsierte sie fort, wahrscheinlich in den Raum für festgenommene Terroristen, solche nämlich, die versucht haben, die Galerie mit Jacke oder Mantel zu betreten, ebenso ihre französischen Sympathisanten. Von fern hörte man sie rufen: "Breschön Sie mir nischt den Arm, sie Sado-Faschiist!"

"Sprich mit mir, du Froschweib, sprich ruhig mit mir, solang ich dir die Zähne noch nicht ausgeschlagen habe."

Der Kurze mischte sich ein: "Da sehen Sie, zu was Ihr Verhalten führt. Wegen Ihnen muss diese völlig unbeteiligte Frau leiden. Kurt bricht ihr wahrscheinlich die Hand oder schlägt ihr ein Auge aus. Der weiß zwar nicht, wie viel Sternlein am Himmel stehen, aber von seinem Job versteht er etwas. Der kann in dieser Galerie Ordnung schaffen. Warten Sie lieber nicht, bis er zurückkommt, sonst müssen sie selbst nähere Bekanntschaft mit ihm schließen. Leute wie Sie mag er nicht. Konservator von Kindheit. Geben Sie die Jacke an der Garderobe ab und treten Sie ein. Oder spannen Sie schon mal die Muskeln an und bereiten Sie sich auf das Schlimmste vor. Und vergessen Sie bitte nicht: Sie müssen sich einer weiteren Untersuchung unterziehen."

Da gab ich nach. Ich ging ins Untergeschoss und legte meine Jacke in ein Schließfach. Nun war ich gespannt auf das, was geschehen würde. Ich ging mit der Damenstrumpfhose als einzigem Bekleidungsstück zu dem Schrumpfgermanen und hielt ihm meine Eintrittskarte vor die Nase. Ob er jetzt losschreit und Kurt ruft, oder gleich die Polizei? Aber nein, er schaut mich gar nicht an, scannt mein Ticket ein, und - hast du nicht gesehen - stehe ich schon in der Galerie.

Die übrigen Besucher beachten mich gar nicht. Lass den Spinner doch in Damenstrumpfhosen herumlaufen...

Das nennt man political correctness.

Ich schlenderte gemütlich durch die Galerie, atmete tief durch und schaute mir die Bilder an. Dabei versuchte ich, zur Ruhe zu kommen und mich davon zu überzeugen, dass eigentlich gar nichts Schlimmes passiert war. Zumindest, dass ich nicht den Verstand verloren hatte, und die Welt um mich herum jetzt auch nicht verrückter war als vorher. Ich suchte nach einer vernünftigen Erklärung für das, was vorgefallen war. Dabei interessierte mich vor allem die Metamorphose, die der Arzt durchlaufen hatte. Ich versuchte alles auf das Konto "Nervosität und Überspannung" zu buchen. Aber das klappte nicht. Ich wollte mir selbst ja gerne glauben, dass morgen - wenn ich erst einmal heimgekommen war, ein Bad genommen und gut geschlafen hatte - alles wieder sein würde wie früher, aber ich fühlte, dass es ein "Wie früher" nie mehr geben würde. Dass ich mein trautes Heim nie mehr erblicken würde.

Der Fleck auf dem Bildschirm wuchs nämlich und wuchs...

Der Kinosaal war voll von giftigem Qualm. Einige Zuschauer, die nicht rechtzeitig den Weg nach draußen gefunden hatten, waren schon erstickt.

Der Filmvorführer lag zusammengekauert wie ein Kleinkind auf der breiten Treppe, die zum Ausgang führte. Sie war voller Blut. Der Teppich, übersät von Popkorn und abgerissenen Eintrittskarten, begann zu glimmen. Plötzlich wurde mir heiß und ich begann zu schwitzen. Das Brennen, das ich letzten Monat nur im Anus gespürt hatte, verbreitete sich in meinem gesamten Körper. St. Antoniusfeuer?

"Das ist also das Ende", hämmerte es in meinem Kopf. Das war tatsächlich das Ende.

Das Brennen wurde stärker. Ich brüllte aus Leibeskräften, wie ein Ketzer auf dem Scheiterhaufen. Ich hörte das Gepfeife und Gejohle der Menge und sah die versteinerten Gesichter der Inquisitoren, als wären sie aus Bergkristall gemeißelt.  

Ich musste mich retten. Nur wie? Instinktiv fing ich an, nach Wasser zu suchen - und fand auch welches: Aus dem linken Flügel des "Altars des heiligen Bertin" von Simon Marmion trat ein Fluss hervor.

Ich sprang hinein.

Ein Strudel frischen, reinen Wassers nahm mich in sich auf und löschte das höllische Feuer.

Und ich verwandelte mich vor lauter Freude in eine Wassernixe.

....

Wenn Sie mal in Berlin sind, sollten Sie unbedingt in die Gemäldegalerie gehen. Dort finden Sie das erwähnte Bild von Marmion. Auch den Fluss, Schlösser und weiße, überhängende Felsen. Im Fluss befindet sich eine kleine Insel. Dort wachsen auf zwei winzigen Hügeln zwei Bäume. In der Vertiefung dazwischen liege ich nachts und betrachte den Sternenhimmel. Das neue Leben ist mir wie auf den Leib geschneidert - nur an den Fischschwanz kann ich mich nicht gewöhnen.

 

 

(Aus dem Russischen: Klaus Kleinmann)

 

 

 

 

 

 

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