Igor Schestkow "Die Eidechse"

 

 

DIE EIDECHSE

Die Menschenliebe verließ Rudi-Heinz endgültig, nachdem er erfahren hatte, dass Deutschland weiterhin pro Jahr etwa eine Million Flüchtlinge aufnehmen wird.

Als er jung war, hatte er sich in arabischen Ländern aufgehalten und war entsetzt über die Armut, die religiöse Verblendung und die abgrundtiefe Rückständigkeit der Bevölkerung. Er wurde Opfer von Betrügerei und Diebstahl und verkorkste sich am arabischen Essen ernsthaft den Magen. Die Folgen davon machten ihm über mehrere Jahre zu schaffen. Er lebte ein Jahr in einem Berliner Türkenviertel und erfuhr am eigenen Leibe, was Abweisung und Erniedrigung bedeuten.

Er wollte nicht, dass sich sein wunderbares Land in ein steinzeitliches "Kalifat" verwandelte. In letzter Zeit packte ihn immer öfter die nackte, kalte Wut. Er war sich mit Millionen von anderen Deutschen schmerzlich darüber bewusst, dass die regierenden "demokratischen" Parteien grundsätzlich gegen ihren Willen handelten und auch weiterhin in großem Stil Moslems hereinließen. Ihn und seine Gesinnungs­genossen beschimpfen und beleidigen sie in der Presse und im Fernsehen als Neonazis.

Auf die neue Partei "Alternative für Deutschland" gab Rudi nicht viel. Wenn die erst einmal an der Macht sind, werden sie fett und korrupt. Ihre Wahlversprechen sind schnell vergessen. Dann kriechen sie den Saudis in den Hintern und werden genau wie das aktuelle Regime: Politschurken und Vaterlandsverräter.

Wie kochende Brühe im Dampftopf suchte sich Rudis Wut ein Ventil - und fand es auch.

Er tötete einen kleinen Jungen.

Vor Rudis Balkon, der auf eine ruhige Straße hinausging, stand ein Baum, der ihn jedes Frühjahr mit fülligen, orange-rosa Blüten erfreute. . Rudi wusste nicht genau, wie er hieß. War es eine japanische Kirsche?

Sie hatte viele Blüten, so viele, dass man den Augen kaum trauen mochte. Es schien, als hätte Großmutter einen riesigen Hut aus Blüten gestrickt und ihn dem Baum aufgesetzt.

Diese Blütenorgie dauerte etwa eine Woche, dann wurden sie bräunlich und fielen ab. Der Baum sah wieder aus wie jeder andere Baum auch. Raben und Meisen turnten auf seinen Ästen herum. Rudi fütterte sie mit spezialgereinigten Samenkörnern.

Heute fühlte sich Rudi besonders einsam, unglücklich und verbittert. Seine einzige Tochter hatte schon seit einem Monat nicht angerufen, dabei hatte sie Rudi verboten, dass er von sich aus anrief. Sie lebte in Holland, arbeitete nicht, rauchte Haschisch und hatte sich vor sechs Jahren von ihrem letzten Mann getrennt. Was sie dort wohl den ganzen Tag machte, die Ärmste?

Er selbst schlug sich mit der Einsamkeit herum, so gut er konnte. Manchmal dachte er an seine Frau, die ihn kurz nach der Wiedervereinigung verlassen hatte. Seine Arbeit hatte er schon so lange verloren, dass er sogar die Namen der Kollegen vergessen hatte. Er kopierte Vögel aus einem Buch und zeichnete sie in sein eigenes Album. Er hörte Musik, ohne viel Zeit auf die Auswahl zu verwenden. Eine Wohltätigkeitsorganisation hatte ihm ein pilzförmiges Radio geschenkt. Demselben Verein hatte er - aus Anlass der Feierlichkeiten für das Luther-Jahr und das Reformationsjubiläum - auch eine kostenlose, tägliche Busfahrt nach Wittenberg zu verdanken.

Einen Computer besaß er nicht. Rudi war schon froh, dass er sich von seiner Mini-Rente eine bescheidene Zweizimmerwohnung in städtischer Randlage leisten konnte. Sein Geld reichte kaum für Essen und Medikamente.

Zu Mittag gab es fertige Möhrensuppe von Penny für einen Euro zwanzig. Rudi schnitt ein wenig von den Frühlingszwiebeln hinein, die er selber auf dem Fensterbrett zog. Er legte sich in die Badewanne, döste im warmen Wasser ein und schlief ein Ründchen, dann wusch er sich.

Nun brauchte er frische Luft, ging auf den Balkon und prüfte, ob das Futterhäuschen noch voll war. Er füllte Körner nach und betrachtete den Baum...

Der Winter war typisch deutsch - ohne Schnee, warm und eklig. Der Baum hatte die Blätter verloren und glänzte vor Nässe. Ganz oben saß ein Junge. Als Rudi sein Gesicht sah, erschrak er, ohne zu wissen, vor was, denn es gab eigentlich keinen Grund dafür. Der Bub war etwa acht Jahre alt. Die Entfernung vom Balkon zum Baum betrug etwa vier Meter, man konnte sie nur auf dem Luftwege überwinden. Der fremde Hemdenmatz konnte Rudi also nichts tun.

Nicht der Junge selbst erschreckte Rudi, sondern seine Anwesenheit, eine freche, fremde Anwesenheit, fast auf seinem Balkon, in seinem Territorium. Rudi ging ins Wohnzimmer zurück und beobachtete den Kleinen argwöhnisch durch die Jalousie des Balkonfensters. Er saß im Baumwipfel und brach mit seinen erstaunlich starken Händen in Windeseile Zweige ab. Ein gnadenloser, zynischer Zerstörer. Sogar hier, hinter dem Fenster, konnte Rudi das Krachen der abgebrochenen Äste hören.

Rudi kannte den Bengel: Das war der Sohn unangenehmer, dunkelhäutiger Leute mit groben Gesichtern, die nebenan wohnten. Woher sie stammten, hatte Rudi vergessen, er vermutete aber, dass sie aus Rumänien kamen und zu irgendeiner ethnischen Minderheit gehörten. Gagausen vielleicht?

Eine Nachbarin erzählte, dass sie vor drei Jahren als Flüchtlinge nach Deutschland eingereist waren und sich seitdem hier aufhielten. Anscheinend war es ihnen gelungen, die deutschen Beamten davon zu überzeugen, dass sie in der Heimat ihrer Nationalität wegen verfolgt wurden.

"Da wohnen sie jetzt dreißig Mann hoch in einer Zweizimmerwohnung. Wahrscheinlich haben sie die leichtgläubigen, weltfremden Idioten in der Verwaltung beschummelt. Das machen alle anderen ja auch. Unser Land verwandelt sich immer mehr in eine Müllkippe für stinkiges Geschmeiß aus Osteuropa. Jetzt wird es auch noch zur Zufluchtsstätte für Deserteure aus Afghanistan und Syrien. In ihrem eigenen Land haben sie sie ein Blutbad angerichtet, und jetzt wollen sie ganz Europa mit Schmutz überziehen. Zur Hölle mit der Merkel! Sie hat doch diese Massen von Taugenichtsen hier hereingelassen. Aber wartet nur, eines Tages wird sich diese selbstverliebte Hündin für all das verantworten müssen."

Hilflos schaute Rudi nach dem Jungen, der seinen geliebten Baum verschandelte. Worte halfen da nichts, das wusste er aus Erfahrung. Dieses schmuddelige Wesen würde nicht vom Baum herunterkommen und nicht aufhören, Zweige abzureißen, auch wenn Rudi ihn darum bäte. Nicht einmal, wenn er vor ihm auf die Knie fiele.

Die Polizei zu rufen, hatte keinen Sinn. Früher hatte sich Rudi da oft gemeldet, wenn er etwas Unschönes sah und Schlimmeres verhindern wollte. Jemand hatte einen Hund an einen Pfosten gebunden und war weggegangen. Nun bellte und jaulte das unglückliche Tier vor Angst und fing an, Passanten anzufallen...

Eine Gruppe von kleinen Stinkstiefeln, vermutlich türkischer oder arabischer Provenienz, warf Steine auf einen hinkenden, alten Mann...

Einige Ostbürger luden Sperrmüll und widerlich stinkenden Abfall dreißig Meter vor seinem Hauseingang auf dem Rasen ab und fuhren davon. Dummerweise gelang es Rudi nicht, die Nummer aufzuschreiben...

Die Polizisten kannten schon lange seine Stimme und seinen Namen und reagierten nicht auf seine Beschwerden. Rudi fühlte sich den Launen räuberischer und habgieriger Fremdlinge schutzlos ausgesetzt. Dieser Junge dort im Baum gehörte zu DENEN!

Rudi war, als höre er, dass der Baum vor Schmerzen weinte wie ein Kind, weil dieser sadistisch veranlagte Knirps ihm die Finger ausriss. Da erfasste ihn namenlose Wut.

Rudi ging in die Küche, öffnete den Kühlschrank und nahm eine Schachtel mit buntgefärbten, harten Eiern heraus. Er öffnete im Wohnzimmer die Balkontür. Das hatte er sich seit einiger Zeit so angewöhnt, denn er wollte nicht von der Straße aus gesehen werden. Nun warf er das erste Ei auf den Jungen. Es war ein gelbes.

Er traf nicht. Das Ei pfiff anderthalb Meter an dem kleinen Übeltäter vorbei, der das nicht einmal mitbekam. Das zweite Ei, ein blaues, klatschte an den Stamm und explodierte wie eine kleine, harmlose Granate. Reste davon fielen auf den Rasen. Das dritte Ei aber, ein rotes, traf den Jungen genau zwischen die Augen. Dieser erschrak, schrie auf, krümmte sich und suchte mit seinen schmuddeligen Fingern einen Halt, verlor aber das Gleichgewicht und stürzte in die Tiefe.

Er fiel unglücklich. Das hochstehende Ende einer niedrigen Einfassung aus Metall durchdrang seinen Brustkorb.

Unter dem Baum lag der blutige Leichnam des Kindes.

Rudi war erschüttert: Er wollte ihn doch nicht umbringen.

Aus dem benachbarten Treppenhaus hasteten zwei dickliche, kurzbeinige Frauen mit bunten Kopftüchern hervor, knieten nieder, begannen sich in Tränen aufzulösen und streckten die Arme gen Himmel. Rudi betrachtete sie aus dem Fenster.

"Schade um den kleinen Kerl. Das sind wahrscheinlich Mutter und Großmutter. Jetzt quieken sie wie die Schweine. Sie hätten ihren Sohn erziehen sollen, anstatt ihn den Touristen auf dem Alex vorzuführen. Dann wäre er am Leben, und der Baum könnte uns noch hundert Jahre lang erfreuen. Aber jetzt fressen die Würmer das Balg.

Nach einer Viertelstunde war ein Rettungswagen da. Der Körper des Jungen wurde in eine Klinik gebracht.

 

Rudi hoffte, dass ihn niemand beobachtet hatte, wie er Eier nach dem Jungen im Baum warf.

Da irrte er sich allerdings.

Im entscheidenden Moment hatte ein Nennonkel des Kleinen, von Beruf Taschendieb, zufällig aus dem Fenster geschaut. Er sah, wie etwas Rotes seinen Neffen im Gesicht traf und wie der Junge genau auf diesen verdammten Bolzen fiel. Nachdem der Körper weggebracht und Ruhe eingekehrt war, ging er aus dem Haus.

Er ahnte, dass der rote Gegenstand vom Balkon dieses ekelhaften, grauhaarigen Deutschen mit dem irren Blick geflogen war, der ihm eines Tages etwas zugeraunt hatte wie: "Werfen Sie doch bitte keinen Müll auf den Rasen. Dafür gibt es Mülltonnen, dort, nur ein paar Schritte weiter weg."

Der Onkel fand an der Stelle, wo sein Neffe aufgeschlagen war, ein paar Stücke rote Eierschale und Eigelb. Er verstand sofort, beschloss aber, die Polizei nicht einzuschalten, sondern den Deutschen zu erpressen. Den Versuch war es allemal wert... Wenn es klappt, kann man ihm vielleicht ein paar Tausender aus den Rippen leiern. Die haben doch alle Geld wie Heu, im Gegensatz zu uns.

Gesagt, getan:  Durch den Notausgang in der obersten, elften Etage gelangte er ins benachbarte Treppenhaus. Er fand Rudis Eingangstür und schellte.

Als Rudi die Klingel hörte, blieb ihm fast das Herz stehen. Eine Vorahnung überkam ihn: Da klingelt einer, der weiß, dass ich am Tod des Jungen schuld bin.

Ein Blick durch den Türspion zeigte ihm einen unangenehmen Menschen - ach ja... der wohnte ja auch im Nebenhaus. Das war doch der, der immer Zigarettenkippen aus dem Fenster warf und Schmutz im Hof verbreitete. Was wollte der denn?

Rudi öffnete, ließ ihn aber nicht hinein.

In seiner Tasche hatte er in großes Klappmesser, das er für zehn Euro auf dem Flohmarkt gekauft hatte. Rudi hatte nicht vor, es anzuwenden, aber es gab ihm Sicherheit.

Der Onkel packte gleich den Stier bei den Hörnern:

"Ich habs gesehen. Du hast ein Ei geworfen, der Junge ist vom Baum gefallen und gestorben. Du bist ein Mörder."

"Und du bist ein Idiot. Mach dich fort!"

"Dann gehe ich zur Polizei und erzähle alles."

"Geh doch."

Der Onkel erschrak, weil es mit der Erpressung nichts zu werden schien. Er beschloss ganze Arbeit zu leisten und versetzte dem schmächtigen Rudi einen Schlag in den Bauch wie ein japanischer Krieger. Er überwältigte den Deutschen, drang in die Wohnung ein und schloss hinter sich die Tür. Er wollte etwas sagen, in unverschämtem, forderndem Ton...

Da bekam er einen unerwarteten, fürchterlichen Messerstich in die Gurgel. Trotz seiner 70 Jahre war Rudi nämlich noch ausgesprochen rüstig. Er führte den Stich von unten nach oben aus. Die blitzende Klinge drang in den Kopf des Mistkerls, der in seine Wohnung eingedrungen war.

Der glücklose Erpresser erstickte an seinem eigenen Blut, die Augen traten ihm aus den Höhlen, er fiel hin. Er schlug um sich und röchelte. Rudi zog ihm geschickt eine Plastiktüte mit der Aufschrift "Lidl" über den Kopf und band sie mit einem Schnürsenkel fest. Nach drei Minuten war der Onkel tot.

Im schmalen Eingang von Rudis Wohnung lag PVC-Boden, der seinen Besitzer vor dem Straßenschmutz schützen sollte, den die seltenen Gäste mitbrachten. Dort befand sich jetzt eine Lache von etwa einem halben Liter Blut. Rudi, der von seinem Messerstich selbst überrascht worden war, dachte nicht nach, sondern handelte instinktiv.

Kampf oder Tod.

Er zog den Leichnam mit der Tüte über dem Kopf ins Treppenhaus, packte ihn in den Aufzug, fuhr in die elfte Etage hinauf, schleifte den Onkel in dessen Treppenhaus hinüber, schaffte ihn dort in den Lift, schickte ihn ins Erdgeschoss hinunter und zog sich in seine Wohnung zurück. Die blutverschmierte Plastiktüte und den Schnürsenkel nahm er mit.

Er legte den Fußabstreifer und die Tüte in die Badewanne, wusch das Blut ab, schnitt beides mit dem Messer in kleine Stücke und brachte sie in ein nahegelegenes Wäldchen. Dort fand er eine passende Baumhöhle, stopfte die Schnipsel hinein und verschloss sie mit Erde. Das Messer und den Schnürsenkel versenkte er im Schlamm eines Gullis. Seine Hausschuhe warf  er gleich hinterher. Man konnte ja nie wissen.

Danach ging er heim.

 

Sorgfältig suchte er den Eingang erneut nach Blutspuren ab. Er fand keine mehr. Mit einem nassen Mopp putzte er in aller Eile den Boden vor der Eingangstür, im Lift und im Übergang zum Nachbarhaus. Ein deutscher Gott rettete Rudi, niemand beobachtete seine Aktivitäten.

Er sperrte seine  Wohnung zu, verließ das Haus durch die Hintertür und fuhr zu seiner Datscha vor der Stadt. Obwohl die Passagiere im Bus ihm wie Gespenster vorkamen, beruhigte er sich auf der Fahrt, kam wieder zu sich und seine Wut verrauchte nach einer Weile.

Nach vier Tagen kehrte er heim.

In seinem  Briefkasten fand er eine Vorladung von der Kripo. Er war zu einem Gespräch ohne Vorverdacht gebeten. Das war eine bloße Formalität, die Kommissare wollten sicher sein, dass der Rumäne im Rahmen eines internen Machtkampfes von seinen eigenen Leuten umgebracht worden war.

Drei Wochen später tötete Rudi einen Flüchtling aus Syrien, der auf dem Weg zu seiner Unterkunft war. Rudi kam von einem Spaziergang zurück, und es schien ihm, dass der Syrier ihn aggressiv und spöttisch anschaute. Er ging auf ihn zu und stach ihm, wie dem Nachbarn vorher auch, mit dem Messer in die Kehle. Der Syrer erwartete von einem grauhaarigen Greis keinen solchen Angriff. Er setzte sich auf den Boden, das Blut sprudelte hervor - und er fiel hin, mit dem Gesicht nach vorne. Er röchelte noch ein kleines Weilchen, dann war alles still. Rudi wurde mit einem Male klar, dass er nun zu den Serienverbrechern gehörte. An seinen Händen, die schon einige Altersflecken erkennen ließen, klebte Blut... Seine Knie taten weh. Das Kreuz schmerzte. Sein Atem ging schwer vor Aufregung. Kalter Schweiß lief ihm den Rücken hinunter.

Warum hatte er diesen jungen Kerl umgebracht? Was war das für eine alptraumhafte Hirnlosigkeit?

Zum ersten Mal im Leben beschlichen Rudi Zweifel - an der Welt, die ihn umgab, an sich selbst... Durchschaut mich etwa jemand? Die letzten gelben Blätter der Birke da drüben zittern im Wind. Warum steht sie da? Ist sie echt oder nur Dekoration?

Und diese scheußlichen dreistöckigen Backsteinhäuser mit den dreifarbigen Fahnen in den Fenstern - sind sie echt? Ihre Bewohner leben - oder besteht ihr einziges Tun darin, zu essen, zu schlafen und zur Arbeit zu fahren? Nein, das sind keine wirklichen Menschen, niemand von uns ist einer... Wir sind Eidechsen.

Wie zur Antwort auf Rudis Gedanken kam mit hoher Geschwindigkeit ein weit geöffneter, feuriger Rachen von der Größe eines Kirchturms auf Rudi zu, aus dem verbranntes Fleisch heraushing. Grausiges Geheule schallte daraus hervor. Rudi kauerte sich zusammen, aber das Maul berührte ihn nicht, sondern verschwand wieder...

Er hörte Gelächter und wendete sich um.

Hinter ihm stand ein Mann mit langem Mantel, unter dem ein markanter, weißer Kragen hervorschaute. Er lachte und schaute spöttisch nach Rudi. Dann pustete er in die Luft - und alles stand still: Die Autos, die in etwa hundert Metern Entfernung auf der Landstraße vorbeigefahren waren. Ein Traktor, der auf seinem Anhänger gefällte Baumstämme beförderte. Die Raben, die ein Feld emsig nach Nahrung absuchten. Selbst ein über ihnen vorbeifliegendes Flugzeug, das erst Minuten zuvor von Tegel abgeflogen war, erstarrte. Auch die fahlgelbe Wintersonne versteinerte am grauen Himmel. Rudi erstarrte ebenfalls. Nur der rätselhafte Augenzeuge vom drittem Mord unseres Helden konnte sich noch bewegen.

Der Mann im langen Mantel ging zu Rudi und betrachtete ihn aufmerksam. Er begann mit tiefer, unangenehmer Stimme zu sprechen.

"Wie intensiv Sie sich in diese Rolle eingelebt haben! Drei Morde! Aus Selbstmitleid, welch überzeugendes Motiv! Und welch bodenlose Torheit! Vögel hat er aus einem Buch in sein Album abgezeichnet, wirklich bemerkenswert. Sie haben mit ihrer Mittelmäßigkeit Raum und Zeit um Sie herum vergiftet. Und Sie wollten dieses Leben, ihr eigenes und das der entarteten Menschen, die ihnen ähnlich sehen, verteidigen? Auf diese Art? Sie haben sehr zielstrebig angefangen, frenetisch geradezu. Sie bestrafen das Wasser dafür (dabei wies er mit der Hand nach dem zusammengekrümmten Syrer), dass Ihre Ingenieure aus Gutherzigkeit die Schleusen geöffnet haben. Bravo!"

Wieder musste er lachen. Das Gelächter dröhnte Rudi in den Ohren und den Schläfen wie Hammerschläge.

Rudi begann sich selbst zu verlieren, sich aufzulösen. Aus seiner Persönlichkeit und seiner Gestalt begannen Brocken herauszubrechen wie aus einer gipsernen Statue. Und der Teufel schlug immer weiter mit dem Hammer auf ihn ein, bis von Rudi nichts mehr übrig war als eine kleine, zitternde Eidechse.

Der Mann im Mantel holte eine silberne, röhrenförmige Schatulle aus der Tasche, öffnete sie, fing das Tierchen geschickt ein und schraubte den Deckel darauf. Dann legte er das Röhrchen wieder in seine Tasche zurück.

Er blies in die Luft. Alles umher fing wieder an sich zu bewegen, worauf er entschwand.

 

 

(Aus dem Russischen Klaus Kleinmann)

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