Igor Schestkow "Die Denunziantin"

 
  
 
Ihr Name war Marina Walentinowna Griwnewa. Eine kleine Frau. Mit krummem Rücken, dem Gesicht einer Zwergin und einer altmodischen Brille auf der runzligen Fuchsnase. Stechende Augen. Unangenehme, pockennarbige Hände, mit kurzen unförmigen Fingern. Ein Ekzem an Hals, Ellenbogen und Knöcheln. Weder Brust noch Hintern, noch Hüften. Ein Rechteck. Und noch dazu war sie eine Denunziantin.
Schon in den Träumen ihrer Kindheit war sie weder Lehrerin noch Ärztin gewesen, sondern eine Untersuchungsleiterin. Sie verhörte Verräter und Diversanten.
„Marina“, bedrängte sie ihr im Militärdienst stehender Vater, „wir sind vom Kapitalismus umgeben. Alle sozialistischen Bruderländer sind nur so lange mit uns, solange wir stark sind. Wenn etwas passiert, sind sie weg. Und unsere eigenen Leute sind noch schlimmer, jeder Dritte ist ein Volksfeind. Vielleicht sogar jeder Zweite.“
Schon in der Schule fing die Griwnewa an Leute anzuschwärzen.
Sie denunzierte eine Mitschülerin. Dann denunzierte sie die Klassenlehrerin bei der stellvertretenden Direktorin. Dann diese beim Schulrat. Sie wollte nach Abschluss der zehnten Klasse an die juristische Fakultät der Moskauer Staatlichen Universität, aber gute Menschen rieten ihr davon ab – ohne Beziehungen konnte man dort unmöglich unterkommen.
Die Griwnewa trat in die Fakultät für Physik ein. Der Gedanke an die Entlarvung feindlicher Physiker beflügelte sie. Beim Lernen war sie mittelmäßig, aber im Denunzieren von Studienkollegen war sie gut. Zur Belohnung wurde sie nicht in die Fabrik und auch nicht in die Provinz geschickt, sondern an ein angesehenes Moskauer Institut.
Ihre Denunziationen schrieb die Griwnewa immer in gleicher Art und Weise – ruhig, ohne Über- oder Untertreibungen, die russische klassische Literatur nachahmend.
 
Nach dem Tee wurde über die internationale Pflichterfüllung sowjetischer Soldaten in Afghanistan gesprochen. Der ordentliche wissenschaftliche Mitarbeiter Perepelkin bezeichnete die Hilfe für das afghanische Volk als Aggression, einen schändlichen afghanischen Krieg. Er verdarb allen die Stimmung. Hob hervor, dass es unzulässig sei, Truppen in fremde Länder zu entsenden und dort ansässige Bürger zu töten.
Der höhere wissenschaftliche Mitarbeiter Priwykin erklärte, dass, wenn wir nicht dort hingingen, die Amerikaner hingehen würden. Darauf bemerkte Perepelkin lachend, dass es in Afghanistan nichts gäbe außer Bergen, Wüsten und Eseln und dass die Amerikaner keine solchen Dummköpfe wären, dort einzudringen, wo die Engländer vierzig Jahre lang nichts erreicht hätten.
Mir scheint, das Institutskollektiv verurteilt die Operation in Afghanistan eher als sie zu unterstützen. Offensichtlich sind viele nicht überzeugt davon, dass die offizielle Erklärung der Kriegshandlungen richtig ist. Die Einberufung zweier Aspiranten unseres Lehrstuhls und deren Entsendung nach Afghanistan haben einen schlechten Eindruck bei den Mitarbeitern des Labors hinterlassen. Meine Bemerkung, dass die UdSSR verpflichtet sei, sich um die Festigung ihrer südlichen Grenzen zu kümmern, kommentierte Perepelkin satirisch – er schlug vor, sich um die Festigung der Grenzen der UdSSR am Nordpol zu kümmern und auf das driftende Eis Truppen zur Niederschlagung eines möglichen Putsches der Eisbären zu entsenden.
Der höhere wissenschaftliche Mitarbeiter Estonez-Krasnyj begann von einer kürzlichen Verbannung des Akademiemitgliedes Sacharow und seiner Frau nach Gorki zu sprechen. Er sagte, dass es schon lange an der Zeit sei, diesen Schlangen, die am Busen des Volkes genährt worden waren, eins auf die Pfoten zu geben. Er hob hervor, dass die Deportation nach Gorki ein Indiz für die Humanität und Geduld der sowjetischen Führung sei. Seine Meinung wurde von allen Labormitarbeitern geteilt, außer von Perepelkin, der höhnisch kichernd erklärte, dass Schlangen keine Pfoten hätten und dass es eine Schande für eine Weltmacht sei, sich vor einem alten, kranken Wissenschafter und seiner halbblinden Frau zu fürchten.
Er erlaubte sich eine beleidigende Aussage über die Führung der KPdSU und der UdSSR – bei den alten Politbüromitgliedern wurden die Reanimationsschläuche abgeklemmt, und da sind sie verrückt geworden, in Afghanistan eingedrungen und haben den Vater unserer Wasserstoffbombe malträtiert.
Den Verleumdungen Perepelkins erteilten folgende Genossen einen empörte Abfuhr: Der Parteiorganisator des Labors und höhere wissenschaftliche Mitarbeiter Lakschin, der höhere wissenschaftliche Mitarbeiter Priwykin, der höhere wissenschaftliche Mitarbeiter Estonez-Krasnyj. Laut Anweisung, bemerkte ich, dass das Akademiemitglied Sacharow sich unter dem Pantoffel von seiner Frau Bonner, der Mutter des Antisowjetismus, befände. Priwykin erwiderte darauf, dass es sich zwar um Mann und Frau handele, aber um einen einzigen Satan. Perepelkin sagte, dass sich in der Zukunft alle dafür schämen würden, dass sich niemand für Sacharow eingesetzt hätte. Lakschin schlug Perepelkin scherzhaft vor, ihm doch selbst zu helfen. Perepelkin wurde rot und verließ die Teestunde. Nachdem er gegangen war, berührte das Gespräch keine wichtigen politischen Themen mehr.
 
Es gab weder eine Familie noch Liebe im Leben der Griwnewa. Doch Männer gab es – trotz ihres abstoßenden Äußeren. Oder dank diesem. Ihr letzter Liebhaber, der Parteiorganisator Lakschin, galt als mustergültiger Familienvater. Er kaufte seiner Frau regelmäßig Blumen. Arbeitete im Elternkomitee der Schule mit, die seine Töchter besuchten. Lakschin suchte die Wohnung seiner Geliebten jeden Mittwoch auf. Der solide, grauhaarige Mann, ein Doktor der Physik und Mathematik, Seminarleiter, Erfinder und ständiger Vorsitzender der Wahlkommission, verwandelte sich dort in einen wollüstigen Rüden. Schon im Vorzimmer warf Lakschin die Kleidung von sich, band sich eine Leine um den Hals und zog sich an Händen und Füßen weiche bulgarische Hausschuhe an, die wie Hundepfoten aussahen. Er machte Männchen und gab Pfote. Die Griwnewa trug eine ärmellose Jacke aus weichem Ziegenfell. Mit geflochtenen Fransen und Löchern für die Brüste. An Händen und Füßen hatte sie wie Lakschin Hundepfoten-Schuhe an. Sie leckten gierig und geräuschvoll starken Rotwein aus einem tiefen, auf dem Boden stehenden Teller. Berauscht jagten sie hintereinander her über den alten Teppich, auf dem verschiedenfarbige Seidenkissen auf einem Haufen lagen. Sie spielten Hunde. Ein Plattenspieler „Akkord“ schmetterte den Marsch „Abschied der Slawin“ in der Ausführung des mit dem Rotbannerorden ausgezeichneten Armee- und Flottenorchesters. Der Rüde rannte der Hündin hinterher, die Hündin wackelte mit dem Hintern, lief vor ihm davon, die Fransen pendelten. Als er die Griwnewa eingeholt hatte, ergriff der Parteiorganisator grob ihre Titten und schnupperte unersättlich an ihrer Möse, und sie spreizte die Beine noch mehr, damit er seine lange, dicke Nase noch tiefer in ihr schwieliges Geschlecht stecken konnte. Während der folgenden Paarung bellten sie abgehackt und angespannt, knurrten, heulten und schüttelten sich. Und zwar so laut, dass die Nachbarn an der Tür klingelten. Doch man öffnete ihnen nicht.
 Zuhause schmeichelte sich Lakschin bei seiner Frau und seinen Töchtern ein. Er schämte sich. Zur Strafe wusch er die Wäsche für die ganze Familie. Von Hand, obwohl sie eine Waschmaschine hatten. Er zerkleinerte mit einem Reibeisen Kinderseife, legte die Unterwäsche seiner Frau zum Einweichen ins Wasser und rieb die blutigen Flecken aus den Höschen. Und auf den Parteiversammlungen verurteilte und hetzte er besonders krass gegen jene, die man verurteilen und gegen die man hetzen musste.
Die Griwnewa wurde nicht von ihrem Gewissen geplagt. Sie nahm eine Dusche, blätterte die „Nowy mir“ durch und fuhr anschließend nach Fili, um ihre alte Mutter zu pflegen. Unterwegs ging sie einkaufen. Sie betrat die Wohnung ihrer Mutter gut gelaunt, fröhlich, geschäftig. Sprach mit gut vernehmbarer, lauter Stimme.
„Wie geht’s, Mamilein? Macht nichts, macht nichts, wir ziehen ein frisches Bettlaken über, ein trockenes, das wird Mamilein nicht beißen. Wie? Nein, das Wetter ist wunderbar, Schneeregen. Wie es in der Arbeit ist? Alles bestens, meine Dissertation ist fast fertig, meine Kollegen sind kluge, interessante Leute, das Klima im Labor ist traumhaft, man verhält sich mir gegenüber hochachtungsvoll.“
Griwnewas Mutter litt an Altersschwachsinn. Ihre Tochter kam jeden Tag zu ihr, pflegte sie, kochte, räumte auf. Um nichts in der Welt hätte sie sie in ein Altersheim gegeben. Vielleicht, weil ihre Mutter der einzige ihr nahestehende Mensch war. Die Hundeliebe mit Lakschin ging über das Erotische nicht hinaus. Ihr Verhältnis zu den Kollegen im Labor glich der Beziehung eines Autors zu seinen Helden. Der Vater war vor zwanzig Jahren gestorben und ihr Bruder Arkadi lebte in Leningrad und wollte nichts von ihr wissen. Er trank billigen Portwein, schnitt mit einer Laubsäge schlüpfrige Motive aus und sang stundenlang ein säuisches Lied nach einer Schlager-Melodie.
 „Mama, heute wird gewaschen!“
„Nein, das ist nicht notwendig, ich will nicht. Der Kaganowitsch wird wieder heimlich zusehen! Und wird die Seife stehlen. Heute hat er mich wieder gewürgt, dieser Zionist, der Mörder in den weißen Schlafröcken.“
„Mama, hat er etwa gleichzeitig mehrere Schlafröcke an?“
„Du kennst ihn noch nicht! Er ist nackt! Hier, unter dem Bett! Sieh nach, man sieht seinen Schnurrbart!“
Die Griwnewa schlug demonstrativ die Bettdecke zurück und sah nach unten – die Mutter lag auf einem Sofa unter das nicht einmal eine Katze hätte kriechen können.
„Unter dem Sofa ist kein Schnurrbart, Mamilein, alles ist gut, mach dir keine Sorgen.“
„Lasar kühlt sich wahrscheinlich im Wandschrank ab.“
„Der Wandschrank war in der alten Wohnung. Er ist nicht da, weder im Schrank, noch im Kühlschrank.“
Griwnewas Mutter kannte Kaganowitsch noch aus der Ukraine, wo Lasar Moisejewitsch erster Sekretär gewesen war und sie im Parteiapparat gearbeitet hatte.
Kaganowitsch war ihre fixe Idee. Er beobachtete sie heimlich im Badezimmer, biss sie in die Zehen, schlug ihr nachts mit dem Kissen auf den Kopf, bewegte in der Dunkelheit seinen riesigen schwarzen Schnurrbart und am Morgen würgte er sie.
„Na, steh auf, Mamilein, die Wanne ist voll. Das Wasser ist nicht heiß, gerade angenehm. Du legst dich hinein und ich wasche dich, trockne dich ab und du wirst glänzen wie Tannenbaumschmuck.“
„Aber wird Kaganowitsch das Wasser nicht vergiften?“
„Nein, nein, wo denkst du hin? Niemand wird das Wasser vergiften. Das gute Moskauer Wasser. Kein stinkendes Wasser wie bei uns in Ljuberzi. Reines, blaues, lauwarmes Wasser. Mit Chlor versetzt.“
„Kaganowitsch hat das ganze Wasser in Moskau ausgetrunken!“
„Nein, Mamilein, ein kleines bisschen Wasser ist noch übrig. Damit waschen wir jetzt Mamileins Kopf. Und wenn Mamilein ruhig ist, dann bekommt sie ein Eis. Ein Sahneeis für achtundvierzig Kopeken.“
„Ich will kein Sahneeis, ich möchte den Leninorden!“
„Du wirst einen bekommen. Den Leninorden, den Stalinorden und den Tartarenhordenorden.“
„Nur keinen Kaganowitsch-Orden! Er ist so widerlich, er summt die ganze Zeit und kriecht unter meinen Arm. Wie ein Metro-Zug. Tschu-tschu-tschu. Und schon ist er unter den Armen.“
„Nein, wir erlauben niemandem unter Mamileins Arme zu kriechen, nicht Lasar und nicht Iwan, selbst nicht Onkel Selifan. Sollen sie einander doch gegenseitig unter die Arme kriechen! Gut, und jetzt abtrocknen!“
 
Gestern wurde im Aktensaal auf Initiative des Instituts-Filmklubs und der Kollegen vom Kinotheater „Illusion“ der französisch-italienische Film „Das große Fressen“ gezeigt. Fast alle Mitarbeiter waren bei der Vorführung anwesend. Anschließend wurde der Film im Labor besprochen. Estonez-Krasnyj, der im Auftrag der Partei mehrere Jahre in Paris gelebt hatte, tadelte lauthals den Film, trocknete jedoch verstohlen seine Tränen. Perepelkin erwog den Untergang Europas. Dann fügte er unpassenderweise hinzu – wäre uns bloß ein solcher Untergang vergönnt.
Er beendete seine Rede mit folgendem spöttischen Sinnspruch: Gelänge es nur einmal im Leben für das ganze Institut so viel Fleisch aufzutreiben, wie diese Mestroianis in einem Film verdrückt haben, um sich damit den Wanst vollzuschlagen. Lakschin erklärte, dass viel Fleisch nur für die Bourgeois verfügbar sei, das Proletariat in den kapitalistischen Ländern aber hungern müsse. Priwykin, der ein Leckermaul und Autoliebhaber ist, unterstützte Perepelkin, indem er meinte: „Aber ich würde eine solche Torte, wie die sie dort haben, schon kosten, und ich würde mit Vergnügen in einem Bugatti spazieren fahren.“ Danach wurden alle wach und begannen alles zu loben, was sie im Film gesehen und gehört hatten. Die Frauen waren entzückt vom Luxus der Einrichtung, der eleganten Kleidung. Estonez-Krasnyj sprach von den architektonischen Besonderheiten der Boileau-Villa und von der melancholischen Melodie des winterlichen Paris. Die Sekretärin Motschalkina begann sogar zu weinen – so sehr hatten ihr die Morgenmäntel gefallen.
Ich sagte, dass der Film dekadent und pornografisch sei. Er demonstriere die Passivität und Unmoral der wohlhabenden Klasse in einer Ausbeutergesellschaft. Perepelkin machte eine eigenartige Bemerkung: „Die UdSSR wird untergehen, weil sie die Pornografie verbietet, Männer werden insgeheim immer auf der Seite jenes Gesellschaftssystems stehen, in dem man Pornos ohne Verbot anschauen kann.“ Priwykin sagte: „Die UdSSR untergehen? Du träumst wohl!“
Ich weiß nicht, wem man im Labor vertrauen kann. Ich bin mit vielen Mitarbeitern seit mehr als fünfzehn Jahren bekannt und trotzdem muss ich gestehen – ich weiß nicht, was sie eigentlich denken, was sie vorhaben. Mir wird ganz schrecklich zumute bei dem Gedanken, dass sie sich selbst nicht verstehen...
 
Am Freitag unterhielt man sich mit der Griwnewa. Ein gewisser Kapitan Malkow, ein alter Junge mit dem Gesicht eines Panthers, sagte, ohne seine Gereiztheit zu verbergen: „Schreiben Sie bitte etwas konkreter. Verteilen Sie die Akzente. Ihr Liebhaber, Genossin Griwnewa, dieser Lakschin, ist auf dem Sprung nach Israel. Er hat einen Ausreiseantrag gestellt. Einen unsinnigen, regelwidrigen. Er hat beschlossen, über den Kopf der Ausreisebehörde hinweg zu agieren. Gemeinsam mit seiner Familie. Und Sie teilen uns überhaupt nichts davon mit! Vielleicht wollen Sie ja auch mit ihm fahren? Die Frau, die Töchter und das Pudel an der Leine?“
Die Griwnewa geriet außer sich.
Dann nahm sie sich zusammen und gab deutlich prononciert zurück: „Ich schreibe so gut ich kann. Und ich bitte, nicht zu vergessen, dass ich auf Ihre direkte Anweisung hin mit ihm gegangen bin. Ich habe von der Einreichung der Ausreisedokumente nichts gewusst. Ich bin kein Hypnotiseur. Meine Beziehung zu ihm werde ich augenblicklich beenden.“
Malkow verzog seinen pickelübersäten Mund, wurde aber nachgiebiger: „Ereifern Sie sich nicht, Marina Walentinowna. Wir schätzen Sie. Aber hinsichtlich Lakschins... Bitte ich Sie die Beziehung nicht abzubrechen, sondern im Gegenteil, besonders achtsam zu sein. Aufzupassen. Zu hören... Lakschin arbeitet, wie Sie wissen, an Konstruktionsdetails eines für die Verteidigungsbereitschaft des Landes wichtigen Projektes, er hat Zugang zur höchsten Geheimstufe, wir lassen ihn natürlich nicht über die Grenze. Er ist nicht dumm und versteht das. Doch das Ansuchen hat er trotzdem abgegeben. Was steckt dahinter? Naivität? Oder mehr? Vielleicht sucht er einen Kanal für die Übergabe staatlicher Geheimnisse an die ausländische Spionage. Er wird die Spuren verwischen. Oder, vielleicht hat er ihn schon gefunden? Schon lange gefunden. Und durch diesen Kanal fließen geheime Informationen aus dem Institut. Und Sie zitieren uns seine Aussagen beim Tee im Labor. Schießen sich auf Perepelkin ein. Aber der ist ohnehin einer von uns.“
„Wie?“
„Na, haben Sie schon einmal etwas vom Prinzip der doppelten Buchhaltung gehört? Ich bitte Sie, ihm nichts von unserem Gespräch zu erzählen. Arbeiten Sie einfach weiter wie bisher. Versuchen Sie, Lakschin zum Sprechen zu bringen. Verfolgen Sie seine Kontakte. Und denken Sie daran – die Zeit, die Sie haben, ist sehr knapp bemessen. Wenn die Gespräche zu nichts führen, werden wir beim Genossen Lakschin andere Methoden anwenden. Die Erlaubnis haben wir schon. Vergessen Sie nicht, an der Kasse Ihre vierzig Rubel abzuholen. Hier der Schein. Im ersten Stock, Sektor J.“    
Am folgenden Mittwoch wartete in der Wohnung der Griwnewa eine Überraschung auf Lakschin.
Seine Liebhaberin hatte ein ihm verhasstes dunkelrotes Kleid an. Statt einer Begrüßung sagte sie düster: „Boris, ein ernstes Gespräch steht an, gehen wir in die Küche.“
Sie war wie von einem Leichengeruch umgeben. Lakschin begriff, dass es keine Hundehochzeit geben würde. Keinen Rotwein, keinen „Abschied der Slawin“ und keine Ziegenfelljacke mit Fransen. Ihm wurde klar, dass die Griwnewa von Israel wusste. Und von mehr. In der Küche setzten sie sich an den Taburette-Tisch, die Griwnewa goß starken Tee in die Gläser. Sie legte Weißbrot auf den Tisch, Rahmbutter und Wurst. Lakschin konnte nicht essen. Er nahm den Glasuntersatz und begann ihn nervös mit seinen großen, dicken Fingern mit den spatenförmigen Nägeln in der Hand zu drehen. Er las wieder und wieder die Aufschrift auf dem Untersatz: „Ehre den Bezwingern des Kosmos!“ Sie kam ihm besonders gemein vor...
„Woher weißt du es?“
„Ist nicht wichtig.“
„Lassen sie mich raus?“
„Nein.“
„Wissen sie noch etwas anderes?“
„Boris, wie konntest du nur, du bist schließlich Parteiorganisator! Du hast doch Kinder!“
„Wegen der Kinder hab ich mich ja darum bemüht. Was soll ich machen?“
„Geh selbst zu ihnen.“
„Werden sie meine Familie in Ruhe lassen?“
„Vielleicht lassen sie sie sogar raus.“
„Und was ist mit mir?“
„Wenn du selbst alles erzählst, geben sie dir zehn Jahre, wenn du dich herauswindest, töten sie dich.“
„Das heißt, ich werde Jaffa nicht sehen?“
„Nur, wenn du für sie arbeitest.“
„Habe ich noch Zeit?“
„Wenig.“
Lakschin kam früher als üblich nach Hause. Lika war einkaufen. Die Töchter waren bei Freundinnen. Lakschin öffnete das untere, mit einem Schlüssel zu öffnende Fach des Schreibtisches, zog daraus einen dünnen Pappkarton mit einigen Blättern und Fotografien hervor, zerriss alles und trug die Reste in die Küche. Er legte alles in eine Pfanne und zündete es ungeschickt an. Er rührte mit dem Finger die Asche um. Verbrannte sich. Lutschte am Finger. Holte sich aus dem Kühlschrank eine Pirogge mit Kraut. Er schnitt ein Stück ab und aß es ohne Hast. Dann öffnete er das Fenster in der Küche und sprang, ohne eine Sekunde zu zögern linkisch die Arme spreizend, ins Leere.
Er fiel direkt vor den Hauseingang. Gerade in dem Moment, als seine Frau mit zwei vollen Tragtaschen auf die Tür zuging. Lika hatte das Gefühl, dass jemand ihr mit einem Hammer auf das Ohr schlug und es spritzte. Sie drehte sich jäh um und sah die schwarze Gestalt auf dem Asphalt. Von verschiedenen Seiten des Hofes kamen Leute gelaufen. Sie atmete die feuchte Moskauer Luft ein, aber ausatmen konnte sie nicht. Sie schüttelte die Blutstropfen vom Mantelkragen. Setzte sich auf eine schmutzige Stufe. Wollte schreien: „Hilfe!“ Doch es gelang ihr nicht. Die schwere schmutzige Straße erhob sich und schlug Lika gegen die Schläfe.
 
Bedauerlicherweise war es mir nicht möglich, die Kontakte des verstorbenen Lakschin auszuforschen. Sein Tod wurde im Kollektiv gelassen aufgenommen. Zum Begräbnis kamen die Verwandten und die offiziell Bevollmächtigten des Parteikomitees des Instituts. Außerdem kamen ehemalige Klassenkameraden Lakschins, darunter der berüchtigte Dissident Babizki.
Babizki hielt eine Ansprache bei der Trauerfeier. Aus seiner Rede sind mir folgende Passagen in Erinnerung geblieben: „Der allerniederträchtigste und gefährlichste Mythos, der uns von Kindheit an eingetrichtert wird, ist der Mythos von der Priorität des Staates. Er wird von den Ideologen als Hauptsubjekt des Seins proklamiert. Jeder Tod, und besonders der Tod eines Freundes, beweist die Lüge einer solchen Konzeption. Es gibt keinen Staat. Und jeder, der dich zwingt, dass nicht du und dein Kind die Hauptträger des Seins sind, sondern irgendeine anthropomorphe Abstraktion, ist ein Schurke.
Der utopische Staat mit einer idealen Gesellschaftsstruktur ist ein Köder, auf den die Menschen schauen, wenn sie durch das Leben laufen wie ein Hamster im Rad. Wir sind keine Rädchen in diesem Staat, sind weder seine Sklaven noch seine Gefängniszellen. Wir sind das einzige Ziel der Natur, die Träger von Gefühl und Verstand. Und das kommunistische Götzenbild ist nur ein Deckmantel für das die Macht usurpierende Vieh.“
Ich halte die Aussagen von Babizki für eine besonders bösartige Provokation gegen die kommunistische Ideologie und den sowjetischen Staat.
Eigenartig, dass niemand von den Parteikomitee-Mitgliedern des Instituts dieser Sabotage eine Abfuhr erteilt hat. Sie hatten Angst. Oder sympathisieren sie? Wir müssen sie alle überprüfen. Jeden. Persönlich. Meine Kraft reicht dafür jedoch nicht aus. Helfen Sie mir.
 
Am vierzigsten Tag nach Lakschins Tod zerbrach die Griwnewa.
Sie kam am Abend müde und böse von der Mutter zurück.
Acht Stunden im Institut, die Fahrt dorthin, die Geschäfte, die Haushaltsarbeiten und Besorgungen bei der Mutter, noch eine Fahrt. Unweit von Griwnewas Haus hatte sie ein Soldat belästigt. Er war aus einem Torweg aufgetaucht, hatte sie an der Schulter gefasst, ihr märtyrerhaft in die Augen gesehen und sie leicht stotternd gebeten: „K-k-komm mit mir, Tantchen. K-k-komm!“ Die Griwnewa hatte den Soldaten zornig angeblickt, seine Hand von ihrer hageren Schulter gerissen und war herausgeplatzt: „Hau ab, Soldat, hier ist nichts zu holen!“
Der Soldat hatte große Augen gemacht und gebrabbelt: „W-w-wie stolz die sind! Die Kühe! Na g-g-gut.“ Und war in der Dunkelheit verschwunden. Zuhause wartete nichts als Alltagskram. Der Bauch war aus irgendeinem Grund verstimmt. Die Griwnewa musste sich einen Haferbrei kochen. Sie rührte lange den Brei, dann ließ sie sich ablenken und ging für eine Minute weg. Der Brei brannte an.
Indischer Tee, den sie auf Bestellung bekommen hatte. Kekse. Den Fernseher schaltete sie gar nicht erst ein, es war langweilig. Sie hätte beschließen sollen, eine Meldung zu schreiben, aber sie konnte sich an nichts Wichtiges erinnern. Sie hatten nur über Kleinigkeiten gesprochen. Sie sträubte sich sogar, sich überhaupt daran zu erinnern. Lange bügelte sie die Unterwäsche. Sie dachte, dass es schade gewesen war, nicht mit dem Soldaten mitzugehen. Niemand hatte sie je so gewollt, einfach so. Alle ihre Liebhaber hatte die Griwnewa selbst erobert, sie hatte um sie gekämpft, intrigiert, sie verführte… Auf Befehl.
Im Gedächtnis tauchten wie Wale aus der Untiefe vergessene Gedichtzeilen auf, die sie zum Abschlussexamen in Literatur auswendig gelernt hatte. „Mäuselauf des Lebens. Was beunruhigst du mich. Was bedeutest du, langweiliges Flüstern… Einen Vorwurf oder das Gemurre... Meines eingebüßten Tages...“
Sie legte sich in dem kleinen Zimmer zum Schlafen hin. Gegenüber dem Fenster stand eine Liege. Die Griwnewa schloss die Vorhänge nicht, sie liebte es im Liegen auf die Fenster der Nachbarhäuser zu schauen. Sie stellte Vermutungen an, ob sich am Himmel ein Stern zeigen würde. In den fremden Fenstern huschten dunkle Gestalten, von dort war das Klagegeschrei eines Babys zu hören. Mäuselauf des Lebens, dachte die Griwnewa und schlief ein.
Sie erwachte von einem Gepolter.
Etwas schlug, läutete, krachte. Um drei Uhr nachts. Die Griwnewa presste erschrocken ihre Hände an die Ohren. Sie ließ locker. Stille. Es war so still im Schlafzimmer, dass es in den Ohren weh tat. Die Griwnewa stand auf, trat ans Fenster und verstand augenblicklich, dass sie in irgendeine andere Welt geraten war. Die Welt eines Augenblicks, der sich in die Ewigkeit erstreckt. In den Fenstern der Nachbarhäuser keine Lichter. Auch auf der Straße war es dunkel. Die Laternen brannten nicht. Ein graues Licht hing wie Nebel in der Luft. Die Bäume erstarrt. Alles war wie aus Wachs geformt. Oder aus Pappmaché.
Der Asphalt sah aus wie schmutziger Schorf. Die Hauswände bröckelten ab. Als stürzten sie ein und gäben das Innere der Häuser preis. Die Rinde der Bäume löste sich an einigen Stellen und fiel ab. Der Himmel war kein bodenloser Raum, sondern ein graues Zelt, alt und durchlöchert. Durch die Löcher leuchtete nicht die dunkle Tiefe mit Sternen, sondern eine schwarze Unheil verkündende Leere.
Der Griwnewa wurde schrecklich zumute. Es schien, als würde ihr Herz stillstehen. In Panik begann sie, an ihrer Handwurzel den Puls zu suchen – fand ihn aber nicht. Sie beschloss eine kalte Dusche zu nehmen, vielleicht würde der Alpdruck davon auch verschwinden. Sie drehte die Hähne auf, aber das Wasser kam trocken wie Sand heraus.
Sie stürzte in die Küche. Öffnete den Kühlschrank, nahm das dreieckige Milchpaket, goss es in die Kehle – doch sie fühlte weder Kälte noch die fließende Milch. Die Mich war wie heiße Luft.
Sie trat ans Fenster. Ihre Augen saugten sich an dem toten Raum fest. Und bemerkten einen Schatten. Ein Schatten von etwas Großem, von einem Zeppelin oder so, kroch langsam über den Asphalt.
Die Gedanken hüpften in ihrem Kopf wie Frösche in einer Glasdose, versuchten hinauszuspringen, erreichten jedoch den Rand nicht. Ein Schatten? Welcher Schatten, wenn keine Sonne da ist? Dumme Kuh, da ist ja die Sonne, wie ich sie noch nie zuvor gesehen habe. Oder ist das der Mond? Nein, eine schwarze Sonne. Oder ein schwarzes Loch? Eine Riesenteufelei. Alles richtig – die Sonne ist schwarz und die Schatten sind grau. Wo ist dieser Zeppelin? Da, da. Er fliegt. Ja, das ist… Das ist doch ein riesengroßer Hund. Aber er hat einen menschlichen Kopf. Und eine Leine um den Hals. Das ist Lakschin.
Ja, das war ihr Liebhaber, der höhere wissenschaftliche Mitarbeiter Lakschin. Ihr treuer Rüde. Sogar die Hausschuhe, die er trug, waren die gleichen. Nur nicht bunt, sondern grau. Und der ganze Körper war grau, mit Flecken. Aus Schaumgummi. Aufgeblasen. Der Zeppelin flog langsam zum Fenster der Griwnewa. Lakschin klopfte mit der Pfote an das Fenster.
„Liebste, Krümelchen. Kr-kr.. Wiiie geht es dir ohne mich? Hast du ein Luftschiff gebaut? Ohne das Schiff müssen wir kriechen. Denn gehen kann man da nicht. Man könnte einstürzen. Die Erde trägt nicht...“
„Was ist das? Wo sind wir, Boris?“
„Wir sind im Nirgendwo. Und das Nirgendwo ist in uns. Hab keine Angst, Kleine. Ich gebe dir mein Schiff. Wir fliegen über Moskau. Dein Hofhund wird dich nicht ins Näschen beißen. Der Parteiorganisator Lakschin ist gestorben. Gib, gib mir deine Pfote!“
Die Griwnewa streckte ihre zitternde Hand direkt durch das Glas. Das Glas gab sanft nach und ließ sie durch.
Der schreckliche fliegende Hund erfasste ihre Hand mit seiner Pfote und befahl: „Zieh!“
Die Griwnewa zerrte und zog Lakschin mit der Schnauze voran in das Schlafzimmer. Direkt durch das Glas und den Fensterrahmen hindurch. Lakschin war so groß, dass er nur bis zur Hälfte in das Zimmer passte, seine Hinterpfoten und der Schwanz blieben auf der Straße.
Die Griwnewa fragte: „Schlafe ich? Antworte!“
Der Kopf antwortete: „Du warst noch nicht wach.“
„Was wird denn nun werden?“
„Wir werden wie die Luftschiffe fliegen. Auf dem Luftozean. Ohne Steuer und ohne Segel...“
„Und ich?“
„Du und ich und Malkow. So wurde es angeordnet. Mich, weißt du. haben sie zum Sphinx-Kommando eingeteilt. Kr-kr-kr. Du musst dein Bett auswechseln. Das wollte ich dir schon lange sagen, aber siehst du, ich hab über dem Spielen auf dem Frosch-Cembalo die Zeit übersehen, vergessen...“
„Sag, sag mir, was weiter sein wird.“
Der Kopf wurde wütend: „Nichts wird weiter sein! Wie oft muss man das wiederholen. Mädchen, willst du nicht an den Socken des alten Molotow kauen? Sie duften nach Weihrauch. Und da schau, die Metro ist voller Menschen und alle kauen an den Socken... Und die alten Frauen essen bemalte Eier. Hoppsa-hoppsa-hoppsa-sa! Spielen wir Stöckchen schmeißen? Oder würfeln wir?“
Der Kopf öffnete seinen schrecklichen Todesmund und die Griwnewa sah, dass unter seiner Zunge ein weißer Spielwürfel lag. Der Würfel zerbarst mit Pauken und Trompeten und aus ihm kroch die Prinzessin Turandot. Ihr Körper war aus glänzendem Nephrit und die Augen aus zartem Türkis...
Die Prinzessin Turandot ging auf die Griwnewa zu. Legte ihr die Hände auf die Schultern, zog sie an sich und schmiegte sich an sie.
Am nächsten Tag eröffnete die Griwnewa dem Chef des Labors Schanski, dass sie die Tochter des Imperators Altum sei. Dieser war mit allen Wassern gewaschen und hatte noch vor Beria kommandiert. Er beruhigte sie und rief die Rettung.
Und nach einer Woche lag der letzte Bericht der Griwnewa auf Malkows Tisch.
 
Teure persische Prinzen!
Kalt ist der Nephrit, und das Licht ist noch kälter als der Nephrit. Aus ihm kann man nur chinesisches Porzellan machen. Ich bitte Sie, färben Sie die Haare nur in den Wolken. Sonst werden Sie Würmchen verwalten müssen. Ich habe meine Locken im Moskau-Fluss gefärbt. Und seither fressen mich die Würmer. Hören Sie, wie die Glocken klingen? Das sind die Skispringer, die auf den Leninbergen von der Sprungschanze hüpfen. Papa hat mich dorthin gefahren. Ich dachte, es sei eine weiße Schüssel, aber Papa sagte, das sei Moskau. Dort vom Himmel fällt gefrorene Milch. Auf der Erde liegen Irisblumen. Und alle Kinder tragen Fruchtbonbons wie Luftballons. An einem Faden.
Man sagt, dass man in die Schädelstätte auf dem Roten Platz nur mit Einladung hineinkommt. Die Einladung wird von einem Hund ausgesprochen. Er liegt im Zarenturm an der Kette, ein gelehrter Hund. Er hat sprechen und schreiben gelernt. Sobald er aufwacht, beginnt er loszuschreiben, und seine Cousins lesen es und loben ihn. Ganz geschäftig! Brave Kinder, diese Cousins. Sie saugen Staub. Obwohl sie Kater sind. Sie haben mit ihren Krallen den Roten Platz zerkratzt! Diese Schelme. Nur die Pflastersteine sind geblieben. Und die Bräute. Dort werden Kuchen direkt aus der Kathedrale verkauft. Man schneidet sie von den Kuppeln herunter. Dort stehen Wände aus roter Marmelade. Und in den Gräbern sind rosa Larven. In einer schwarzen Höhle liegt ein Püppchen. Wollen Sie es an der Nase ziehen? In seinem Täschchen befindet sich ein Taschentuch. Es fletschte seine gelblichen Zähnchen, vielleicht lief auch die Nase. Die kleine Stirn wie ein Venushügel. Und seine Fingerchen waren aus Konfekt. Auf dem Kopf hatte es Nylonhaare. Und an den Beinen Lackstiefel. Im Schuhgeschäft neben dem Kinotheater „Progress“ verkaufen sie die unter dem Ladentisch. Nehmen Sie sie, tragen Sie sie. Ich brauche drei Laibe Weißbrot und Kattun für eine Bluse. Und ein halbes Kilo getrocknete Aprikosen. Also gehe ich! Ein Singvogel ist weggeflogen. Hat sich auf der anderen Seite von Moskau ein Nestchen gebaut. Geht mir nicht nach, Jungs, dorthin dürfen die Treffkönige nicht. Dort sind Zitronen, die Versteck spielen. Und Gott sitzt auf Hanfpflanzenblättern und zählt das Kleingeld nach. Die Fünf- und Zehnkopekenstücke legt er in den Handkorb, aber die Einkopekenstücke wirft er zu Boden, damit der Kuckuck die Lust zum Rufen nicht verliert...
 
Über das weitere Leben der Griwnewa ist wenig bekannt. Drei Monate im Jahr verbrachte sie im Krankenhaus. Während der Visiten und Behandlungen bat sie, sie nicht zu foltern. Die übrige Zeit lebte sie zuhause.
Als man ihr vom Tod ihrer Mutter erzählte, begann sie nicht einmal zu weinen. Sie fragte nur, ob die gelben Störche zum Begräbnis geflogen kamen.
Eine Krankenschwester kam zu der Griwnewa. Die Nachbarn halfen ihr. Die ehemaligen Kollegen aus dem Institut besuchten sie nicht. Sie war nicht in der Lage zu arbeiten oder Meldungen zu schreiben. Sie machte keinen Radau, erledigte die Hausarbeit allein, kaufte ein und sorgte für sich so gut sie konnte. Sie saß auf ihrer Liege. Sah aus dem Fenster. Lachte. Sprach mit jemandem. So verbrachte sie beinahe dreißig Jahre. Sie starb zuhause im Schlaf.
Die Griwnewa hatte keine Nachkommen. Die Nachbarn rissen sich ihre Bücher unter den Nagel. Den restlichen Plunder warfen sie auf den Müll. Es gab auch niemanden, der bereit gewesen wäre, ihr Begräbnis zu bezahlen. Der nicht abgeholte Leichnam der Griwnewa lag fünf Monate in der Leichenhalle des Bezirkskrankenhauses von Ljuberzi. Ihr Körper wurde auf Staatskosten eingeäschert und begraben.
 
 
 
 
Übertragung aus dem Russischen: DAJA

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