Igor Schestkow "Der Schrank von Tante Ottilie"

DER SCHRANK VON TANTE OTTILIE

 

Tante Ottilie liebte ihren prächtigen, dreiteiligen Bücherschrank, eine handwerkliche Meisterarbeit, die sie in Potsdam noch vor der deutschen Wiedervereinigung bei einem Metzger gekauft hatte. Das gute Stück bestand aus rötlichem Holz, war solide gearbeitet und mit Schnitzereien verziert, die mystische Blumen und sardonische Masken Mephistos darstellten, der Fratzen schnitt. Dieser dreieinhalb Meter lange Schrank ruhte auf Löwenfüßen und verkörperte für Tante Ottilie alles Gute, Solide und Wichtige, was es im Leben gibt. Das war kein Möbelstück, sondern der Dreh- und Angelpunkt ihrer Existenz.

In diesem Schrank bewahrte Tante Ottilie nämlich nicht nur Bettwäsche, Zeitschriften, Fotos und vollgekritzelte Notizbücher ihres verblichenen Mannes auf, sondern auch das, was für ihr Leben die eigentlich sinnstiftende Bedeutung hatte, nämlich Geld und Wertpapiere.

Ich möchte die Tante – Gott habe sie selig – nicht als deutsche Variante des "Geizigen Ritters" darstellen, obwohl sie leider diesem Vorbild Puschkins durchaus entsprach. Die einzige Beschäftigung, der sich die achtzigjährige Greisin mit ganzer Leidenschaft auf Gedeih und Verderb hingab, bestand ohne jede Übertreibung darin, tagtäglich stundenlang den Wert ihrer Aktien nachzurechnen. Dazu nahm sie die Kurstabelle im Börsenteil der Tageszeitung und einen Taschenrechner mit großen Tasten zu Hilfe, der speziell für alte Pfennigfuchser konstruiert worden war. Friede ihrer mit menschlichen Schwächen behafteten Seele: Tante Ottilie schied vor zwei Jahren von dieser Welt.

Meine Freundin Minna erbete die Wohnung und die Möbel - Aktien und Geld gingen jedoch an die Berliner Hilfe für heimatlose Hunde und Katzen. Obwohl die Wohnung noch zu DDR-Zeiten nach den ruhmreichen Vorgaben des real existierenden Sozialismus in bewährter Plattenbaumanier zusammengeflickt worden war, entschied sich Minna widerstrebend, dort einzuziehen. Sie wollte ganz einfach keine Miete mehr zahlen, was sie bisher Monat für Monat um über die Hälfte ihrer ohnehin schmalen Pension erleichtert hatte.

Als ich den Schrank von Tante Ottilie zum ersten Mal sah, wurde mir schlagartig klar, dass ich ab sofort ein Problem mehr hatte. Dazu muss man wissen, dass die Wohnung der lieben Tante mit ihren etwa 70 Quadratmetern ziemlich klein war. Da stand nun der ungeheure Schrank dickbramsig im Wohnzimmer, dem größten vorhandenen Raum, und belegte dort gut die Hälfte der ohnehin schon bescheidenen Fläche. Aber er stellte nicht einfach nur viele Quadratmeter zu, sondern zog mit seinen geschnitzten Wunderwerken den Blick des Besuchers wie ein Magnet auf sich und zwang ihn zu eingehender Betrachtung, er mochte wollen oder nicht.

Mephisto, der maliziöse Fürst der Finsternis, betrachtete mich nicht nur vom Schrank aus, sondern trieb mit mir obendrein teuflischen Schabernack. Er sprang in der Gestalt eines halbdurchsichtigen Pudels aus dem Schrank heraus, stellte sich auf die Hinterpfoten und blinzelte mich auf widerliche Art mit seinen Triefaugen an. Er flüsterte mir schmierige Worte ins Ohr, klopfte mir mit seinen schweren Pranken auf die Schulter und lud mich ein, mit ihm gemeinsam im Schrank zu verschwinden. Dort befinde sich, so wollte er mir weismachen, die Tür zu einem Garten, der von Affen und Papageien nur so wimmelte, die begierig darauf warteten, mit mir frivole Spiele zu treiben. Er wollte mich mit den Zauberfrüchten eines freundlichen Bonsai-Bäumchens verwöhnen und mir ein Sortiment rosafarbener Turmaline verehren.

In diesen Momenten geschah, was mir seit einem halben Jahrhundert schon allzu oft geschehen ist: Ich spaltete mich in zwei Hälften auf. Die eine blieb passiv und gleichgültig, die andere geriet in Wallung, feierte einen Sieg über den gesunden Menschenverstand und sprang vor Freude in die Luft wie ein Massaikrieger beim Stammes­fest. Manchmal schien mir, der Schrank – aber eigentlich nicht der Schrank, sondern der Sarkophag der bösen alten Hexe - täte sich auf und sie schlüpfte heraus, ächzend und krächzend, wie ein von Gogol porträtierter Wucherer, und suchte in den Regalen nach Wertpapieren. Fand sie keine, so wuselte sie in ihrer Wohnung umher auf der Suche nach einem Opfer, dem sie das Blut aussaugen konnte. Dabei zappelte sie dem Bösen wie eine Marionette am Faden herum, und er traktierte sie mit Fußtritten und Nasenstübern. Die habe ich ganz deutlich knacken hören.

Wie oft habe ich Minna gedrängt, den Schrank zu verscherbeln oder ihn, wenn es gar nicht anders ging, zum Sperrmüll zu stellen. Wie oft habe ich versucht ihr klarzumachen, dass Licht und Luft die Lebensqualität einer Wohnung viel mehr steigern als tote Dinge wie dieser Schrank. Doch leider stieß ich bei ihr mit meinem Gebettel auf taube Ohren, denn der Schrank stellte für sie nicht nur ein Andenken an Tante Ottilie dar, sondern ganz allgemein an die gute alte Zeit und an ihre Vorfahren, die ausnahmslos adelig oder doch mindestens große Feldherren und Gerichtsfürsten waren. Sie alle lebten auf Schlössern, die mit solchen vielleicht nicht besonders eleganten, aber unverwüstlichen, ehrwürdigen und repräsentativen Möbelstücken ausgestattet waren, ganz anders als das heutige Gelumpe von IKEA.

Ein paar Wochen lang stritt ich mit Minna herum, schickte dabei heimlich Fotos des Schrankes an verschiedene Berliner Gebrauchtmöbellager und bot ihnen das alte Stück günstig zum Kauf an. Leider erhielt ich aber lauter Absagen, fügte mich also gezwungenermaßen in mein Schicksal und erklärte Minna, ich sei damit einverstanden, das Ungetüm von Schrank im Wohnzimmer stehen zu lassen. Quälend langsam schleppte sich alles dahin: Die Renovierung und die Verlegung von Laminat mit Eschedekor, das Ausmisten des alten und die Anschaffung von neuem Hausrat, die Verteilung noch brauchbarer Stücke an die liebe Verwandtschaft, schließlich der Umzug...

Und so leben wir nun in unserer Eigentumswohnung in Marzahn, ausgestattet mit einem riesigen Balkon, mit IKEA-Möbeln - und natürlich dem uralten Schrank-Mausoleum aus rotgebeiztem Holz, meinem Feind und Folterknecht. Ich gebe mir redliche Mühe, den Schrank nicht zu beachten und ihn nicht zu berühren, aber das will partout nicht klappen. Sei es, dass Minna mich bittet, ein Buch über die Sehenswürdigkeiten Mallorcas daraus hervorzukramen, sei es, dass ich über die Löwenfüße stolpere, die der verdammte Schrank anscheinend noch breiter in die Gegend ausstreckt, seit er sich nicht mehr bedroht fühlt.

Ich habe mir in seinen Türen die Finger geklemmt, mir an seinen schrundigen Innenbrettern braune Schliffer unter die Haut gezogen, bin im Dämmerlicht an den Schrank gestoßen, habe mir schlimm den Kopf angerannt und mir am rechten Fuß einen höllisch schmerzenden großen Zeh geholt. Im Dunkeln geht ein Hauch des Bösen von ihm aus und ich möchte schwören, dass manchmal seltsame Geräusche aus seinem Inneren dringen, Gescharre, Geächze und Gestöhne. Manchmal habe ich schon ganz deutlich die dumpfe Stimme von Tante Ottilie gehört, die etwas murmelte wie: "Minna, Minna, wo hast du denn die Aktien von der Deutschen Bank versteckt? Wie oft habe ich dich schon gebeten, nicht in meinen Papieren herumzuwühlen." Ich habe immer versucht wegzuhören, wobei ich mich gegen mein eigenes, nicht immer gehorsames Unterbewusstsein auflehnte und weiterlebte, als sei nichts geschehen. Ich versuchte mir einzureden, das lautere Gemüt meiner Freundin, ja schon ihre bloße Anwesenheit in der Wohnung könne die Rohheit des Schrankes auf magische Weise besänftigen.

Ich zwinkerte ihm zu und nickte spöttisch zu Minna hinüber. Rutsch mir doch den Buckel herunter, du verdammtes Brettergestell! Vor dir habe ich keine Angst, und du ziehst vor deiner Herrschaft mit dem 800jährigen Stammbaum den Schwanz ein, du dreimal verflixtes arisches Krummholz!

Die Zeit rollte weg wie eine Kugel, die den Gesetzen der Schwerkraft folgend, eine schiefe Ebene hinabläuft. Wir schreiben schon Juli, und zwar den sechsten, den Geburtstag von Nicole. Das ist Minnas Tochter, und Minna wird für zwei Tage zu ihr fahren. Eine lange Nacht der Einsamkeit steht mir bevor, Aug in Auge mit meinem Quälgeist.

Da sitze ich nun im Wohnzimmer dem Schrank genau gegenüber in dem italienischen Ledersessel und lese eine Biografie des Surrealisten Magritte. Kunstwissenschaftliche Bücher aus Deutschland sind gut, aber schrecklich langstielig geschrieben. Die Herren Kunstprofessoren ziehen ihre Satzungetüme endlos hinter sich her wie Treidler ihre Schiffe, aber nicht etwa, um den tieferen Sinn der Bilder auseinander­zu­klamüsern oder die Komposition und die Farbgebung eines Gemäldes zu loben oder zu kritisieren, sondern um sich selbst und anderen zu beweisen, dass sie in der Lage sind, kunstwissenschaftliche Bücher zu schreiben. Der Text des Werkes las sich unendlich harzig, aber die Reproduktionen der Magritte'schen Bilder waren umwerfend gut. Ich hörte auf zu lesen und betrachtete nur noch die Abbildungen. Ich blätterte weiter und dachte an den Schrank von Tante Ottilie, an die Luftdruckpistolen der Firma Weihrauch, daran, dass ich mir einen neuen Anzug kaufen musste, weil es unpassend wäre, im alten auf die Vernissage der Fotoausstellung zu gehen, zu der auch Hollywoodstars kommen würden, philosophierte über das vor kurzem über dem Atlantik abgestürzte Flugzeug, über den orkanartigen Sturm, der durch die Straßen fegte und über die Paustowsky-Straße im Moskauer Jasenewo-Viertel, die ich über alles geliebt, aber schon lange verlassen und wohl für immer verloren hatte, dachte auch darüber nach, mit welchen Scheußlichkeiten Russland die Welt wohl noch beglücken würde...

Ich musste wohl eingedämmert sein. Das Buch kullerte zur Erde. Ich machte keine Anstalten, es aufzuheben, sondern richtete mich nur noch gemütlicher im Sessel ein und versank immer tiefer im warmen, süßen Schaum des Schlafes.

Da öffnete sich die mittlere Tür des Schrankes ohne jedes Geräusch, und aus der buckligen Bücherwelt, die sich darin befand, entschwebte mit Volldampf eine grüne Lokomotive, die zwölf  altmodische, gelbe Personenwagen hinter sich herzog. Der Zug vollführte langsam einen Kreis um mich herum und segelte in den Schrank zurück.

Aus dem weit geöffneten Mund eines Nussknacker-Soldaten, der auf dem Schrank stand, flatterte ein kleines, blaues Vögelchen heraus und kreiste über meinen Kopf. Plötzlich streckte sich aus dem Bauch des Schrankes ein langer Arm heraus, der den Piepmatz im Fluge erhaschte und ihn in den Schrank zurückzog.

Eine zauberhafte, völlig unbekleidete junge Frau entstieg dem Schrank, steckte sich den Vogel in den Mund und biss ihm den Kopf ab. Das Blut des Vögelchens tropfte auf den Boden und besudelte die blauen Federn. Was dann geschah, kann ich nicht beschreiben. Es war einfach zu grässlich.

Seitdem lebe ich im Schrank.

 

 

 

(Aus dem Russischen: Klaus Kleinmann)

 

 

 

 

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