Igor Schestkow "Der Riss"

Igor Schestkow

 

DER RISS

 

Endlich wurde es kühler. Wie hätte man diese Hitze auch länger aushalten können?

Jeden Tag stieg das Thermometer auf 31 oder 32 Grad, manchmal sogar auf 36, und nachts war es drückend schwül.

Ich kann den Sommer in Berlin nicht leiden. Immer diese grauenhafte Hitze. Es kommt einem vor, als würde sich nicht nur die Luft, sondern auch der Boden im gläsernen Gefäß des Tages bis zur Weißglut aufheizen.

Vor meinem inneren Auge wächst sich das langsame, aber gnadenlos regelmäßige Ansteigen der Temperatur zu einem Veitstanz der Schöpfung aus, zu einem Wutausbruch des außer Rand und Band geratenen Planeten, auf dem die Bäume brennen und sich selber mit den Wurzeln ausreißen, wo der Schoß der Erde unfruchtbar wird, die Meere im Müll versinken, die Luft mit Abgasen verpestet wird und sich alles unter die Knute der Menschen duckt, die wie Vieh in Herden leben und sich mit rasender Geschwindigkeit vermehren. Allen Lebewesen bringen sie Tod und Vernichtung, sogar sich selber, und drohen die Erde in eine kalte Staubwüste zu verwandeln wie den Mars oder in eine glühende Hölle wie die Venus.

Doch jetzt wurde es kühler und man atmete leichter...

Deswegen hinterließ die quälend langwierige Taufzeremonie für meine jüngste Enkelin bei mir keine bleibenden Schäden. Der Pope in der Berliner Auferstehungskirche, ein müdes Triefauge, leierte seine altkirchenslawische Litanei herunter, warf Namen durcheinander und nickte geschäftig ins Leere. Dabei bekreuzigte er sich mit Bewegungen wie beim Schaben einer Mohrrübe. Die Schar der Gläubigen umschritt den Kuppelraum mit theatralisch blasierter Miene, ängstlich darauf bedacht, nicht auszurutschen, denn die Beine waren von lauter kniefälligen Exorzismen eingeschlafen. Ein kleiner Bub, den ich nicht kannte, brüllte wie am Spieß. Eines von zwei russischen Zwillingsmädchen wiederholte wie eine Besessene: "Ich will nicht, ich will nicht, ich will nicht..." und entzog sich behände dem elterlichen Zugriff.

Jesus Christus, der aussah wie der Bube eines Kartenspiels, blickte mit falscher Ergriffenheit von seiner Ikonenwand herab auf das Taufritual, wobei man meinen konnte, derartige Szenen hingen ihm schon seit Jahrtausenden zum Hals heraus.

Die deutschen Taufgäste bemühten sich, ihr Unverständnis und ihr Befremden mit höflichem Lächeln zu überspielen. Auf den Gesichtern der Russen zeigte sich eine künstliche, teils absichtlich dick aufgetragene, teils schwachsinnig anmutende Frömmigkeit, hinter der sich weder die nuttige Lüsternheit der Damen noch die wölfische Gier der Männer verbergen konnte.  

Als das Spektakel endlich vorbei war, fühlten sich alle erleichtert. Religiöser Wahn ist eben nur in feiner Dosierung erträglich.

Die Taufgemeinde fuhr, auf mehrere Autos verteilt, zum Restaurant, das sich nicht weit vom Tiergarten im Glasdach eines zehnstöckigen Gebäudes befand. Der Blick war beeindruckend: Unten huschten wilde Tiere herum, am Horizont zeichnete sich Marzahn-Hellersdorf ab.

Wir saßen an zwei langen Tischen. Es wurde Champagner kredenzt, mit dem wir auf die Gesundheit des Jungen anstießen.

Timo erzählte von seiner neuen Klinik. Eduard lenkte das Gespräch auf die politischen Zustände in Österreich. Franziska schnatterte ohne Ende. Günther lächelte in einer Tour, Gudrun zog eine Prutsche. Der halbwüchsige Mark verging vor Langeweile über das Geschwätz der Erwachsenen, über ihre ausgeleierten Themen und ihre wohlrasierten Visagen.

Zwei meiner Enkel flatterten wie Schmetterlinge aus dem Saal heraus.

Der soeben getaufte Johanna nuckelte zufrieden an Mamas Brust.

Als Vorspeise servierte der ulkige, leicht schielende Kellner kleine Pyramiden aus Kichererbsen-Püree (gelbe, klare oder solche mit roten Rüben) und Crêpes. Nach einer Viertelstunde erschienen Stückchen aus Hühnerfleisch in Ananassauce in hübschen kleinen Schüsselchen, die Katzenköpfe anstatt Henkeln trugen. Außerdem gab es Salat und karamellisierte, gedünstete Auberginen mit Basmati-Reis auf länglich weißen Tellern mit Schwanendekor.

Von dem Fleisch nahm ich nichts, aber die Auberginen schmeckten so köstlich, dass ich meine Schmerzen in Knie und Rücken vergaß, ebenso meine Diät und die Versprechungen meiner Tochter gegenüber, beim Taufschmaus im Restaurant würdige Haltung und verbale Mäßigung zu wahren; vergaß, dass ich mich in Berlin unter Deutschen befand, meinen neuen Verwandten und Freunden, vergaß, dass das Leben unweigerlich verrann und ich nicht wusste, was zu tun sei: das Ende zu beschleunigen oder es hinauszuzögern. Ja, ich vergaß, dass es an der Zeit war, mich auf den Moment vorzubereiten, wo es hieß, aus der Berliner Straßenbahn in den Nachen des Charon umzusteigen und die Spree gegen den Acheron einzutauschen.

Der Geschmack der karamellisierten Auberginen hier in Berlin erinnerte mich an das Aroma der Aubergine im Kaukasus, die ich vor etwa 45 Jahren auf einem Feuerchen aus Treibholz am Strand des schwarzen Meeres gebraten hatte. Ich steckte das glänzende Gemüse und einige Tomaten auf einen Ast und hielt sie in die bläulich tanzenden Flammen. Die Tomaten zerplatzten sofort und verspritzten ihren rosafarbenen Saft, aber die Aubergine ächzte eine Weile, fing dann an zu zischen und ließ Dampfwölkchen aus ihrem Inneren aufsteigen - sie fing an heiß zu werden. Ich löschte sie ab, schnitt sie auseinander, salzte und aß sie zur Hälfte auf. Die zweite Hälfte bekam Inga.

Ja ja, Inga...

Lieb, groß gewachsen, langbeinig. Leicht, wenn man sie hochhob, eine wunderbare Schwimmerin. Ihre Augen waren grün mit gelben Fünkchen darin, ihre Lippen violett. Sie hatte Sommersprossen auf Stirn und Nase und sprach mit einer Andeutung von Dialekt, wie man ihn im Ural pflegt (mit einem etwas stärkeren "o"). Um den Hals trug sie ein Goldkettchen.

Damals, in den Siebzigerjahren im Pensionat "Blaues Tal", hatte Inga zahlreiche Verehrer - junge Kerle, die oft größer und sportlicher waren als ich, aber Inga ließ sie aus unerfindlichen Gründen bald links liegen. Ich betrachtete sie heimlich beim Essen und beim Tanzen. Sie mochte nur schnelle Tänze. Wurde sie zu langsamen Rhythmen aufgefordert, gab sie einen höflichen Korb, kicherte und verschwand. Bald darauf  kam sie wieder. Nach dreitägiger Beobachtung nahm ich meinen Mut zusammen und forderte sie auf. Inga zwinkerte kokett mit ihren grünen Augen, stimmte zu, ließ sich den Arm um die Taille legen, lehnte sich vertrauensvoll an mich und erwiderte sogar meinen trockenen Höflichkeitskuss.

"Es fällt Schnee, mein Herz trägt schwarze Trauer" - so sang Salvatore Adamo. "Heute lässt du mich allein..." Er war ein Meister. Viele gerührte und zutiefst ergriffene Studentinnen entledigten sich mit seiner Hilfe ihrer Jungfernschaft, sei es in dornigem Gebüsch oder auf warmen Steinen in der Nähe des "Blauen Tales".

Nach dem zweiten langsamen Tanz ("Souvenirs" von Demis Roussos) und einem zweiten Bedankemich-Küsschen, das schon ein wenig länger ausfiel, aber immer noch trocken war, schlug ich Inga vor, an den Strand zu gehen. Doch da sang Charles Aznavour "La Bohème". Wir umarmten uns und begannen im Tanz zu entschweben.

Ich steckte noch voll naiver Romantik und verliebte mich in Inga. Der dritte Kuss versprach sehr viel, war aber noch genauso trocken wie die beiden ersten.

In dieser südlichen Nacht schien es mir, als teile die vier Jahre ältere Inga meine Gefühle. Fröhliche Selbstüberschätzung!

Wir seufzten und träumten von einem Leben auf dem Montmartre, mit Flieder, Malstaffeleien, den Surrealisten und Kaffee mit Sahne. So traten wir auf den asphaltierten Platz vor dem Eingang zum Pensionat hinaus. Verheißungsvoll leuchteten blaue und rosafarbene Lichter... Auf Holzbänken saßen Pärchen, hier ließ sich ein leiser männlicher Bass hören, dort Mädchengekicher, das Gluckern von Wein... Ich sauste in mein Zimmer, stopfte die Aubergine, Tomaten, ein Feuerzeug und ein Tütchen Salz in meine zerschlissene Tasche und ging zu Inga hinunter. Sie nahm mich bei der Hand und wir machten uns auf den Weg zum Meer. Wir gingen aber nicht auf dem Boulevard mit seinen Palmen und Akazien, sondern auf einem schmuddeligen, sowjetischen Dorfgässchen, wo es Steine, Pfützen und ziemlich viel Schmutz in den Rinnsteinen gab. Die Milchstraße leuchtete dazu, übersät mit Perlmuttfünkchen wie im Planetarium.

Dort geschah etwas, das ich insgeheim befürchtet hatte und auf gar keinen Fall erleben wollte, schon gar nicht in Begleitung einer solchen Zuckerpuppe: Im nächtlichen Dunkel umkreisten uns etwa zehn ausgehungerte, bösartige Straßenköter. Sie knurrten bedrohlich und bellten. Dabei glosten ihre Augen feuriger als die Sterne und ihre Reißzähne erschienen länger als die Hauer eines Mammuts. Ich nahm einen Stein und schleuderte ihn nach dem größten und grässlichsten dieser Hunde. Ich zielte auf seinen Kopf und traf anscheinend auch, denn man hörte klägliches Jaulen. Schon holte ich einen zweiten Brocken und wollte ihn ebenfalls werfen, da nahm mich Inga bei der Hand und sagte: "Mein Süßer, das muss nicht sein, die tun uns doch nichts." Dabei durchliefen sie einen kurzen Moment lang seltsame Schauder...

Sie flüsterte etwas.

Schnell bemerkte ich einen größer werdenden Schatten, der an einen riesigen Hund erinnerte...

Ingas Augen schienen sich auf den Umfang von Windmühlenflügeln zu erweitern. Grünliche Funken stoben daraus nach allen Seiten. Ich bekam einen Schreck.

Vom Pensionat her erklang die zauberhafte Melodie George Harrisons "My sweet Lord". Ich umfasste Ingas Taille und wir bewegten uns tanzend durch den Ring von Hunden, die sich seltsamerweise beruhigt hatten. Ich drehte mich nach einigen Sekunden um und sah keinen einzigen Hund mehr auf der Straße. Schmutziges Wasser schillerte in den Pfützen, sonst nichts...

Wir gingen zum Strand hinunter. Ohne ein Wort warfen wir die Kleider vom Leib und tauchten ins warme, tiefschwarze Wasser. Das nächtliche Meer saugte uns in seinen riesigen, zärtlichen Mund und liebkoste unsere jungen Körper mit salzigen Lippen.

Nach dem Bad aalten wir uns im warmen Uferkies, bestaunten die Sterne und küssten uns. Nach mehr war mir eigentlich nicht zumute, aber mein Instinkt sagte mir: "Tu es, oder zeige wenigstens, dass du es willst." Mit den Fingerspitzen berührte ich mehrmals den Venushügel meiner Freundin.

Mir kam es vor, als berührte ich getrocknete Algen. Ihre olivgrünen Brüste wurden für mich zu Zitteraalen, die sich spiralig drehten. Als ich sie streichelte, bekam ich einen Schlag. Aus ihren Brustwarzen sah ich gelbe Blitze hervorschießen wie aus einem elektrischen Gerät.

Ingas Küsse schmeckten wunderbar süß. Allmählich wurde mir aber bewusst, dass ihre lange Zunge am Ende zwei Spitzen hatte...

Bevor wir ins Pensionat zurückkehrten, entzündeten wir ein Feuer aus Treibholz und brieten diese Aubergine, die ich ein paar Tage zuvor aus der Pensionatsküche stibitzt hatte, ohne zu wissen warum. Unser Koch, ein dicker Ossete, den alle "Kobi" nannten, bemerkte meinen Frevel, glubschte mit seinen Fischaugen, seufzte und wackelte mit seinem runden Glatzkopf, hielt mir dann aber einige Tomaten hin und dröhnte: "Brate die Aubergine mit den Tomaten, vergiss aber nicht, sie zu salzen. Schmeckt traumhaft."

Am nächsten Tag ließen wir das wenig erbauliche Gemeinschaftsfrühstück mit ältlichem Graubrot und Muckefuck genauso über uns ergehen wie die Belehrungen und Erklärungen der Pensionatsleitung. Dann machten wir uns am Meeresufer entlang auf den Weg zu einer beliebten Bucht und nahmen eine gestreifte Decke, Zeltheringe aus Aluminium und ein Betttuch mit. Wir fanden einen einsamen, versteckten Winkel, legten die Decke aus, klopften die Heringe mit dicken Steinen fest, spannten das Betttuch darüber und legten uns hin. Es war schummerig wie in einer Bar.

Worüber wir sprachen, weiß ich nicht mehr und will es auch gar nicht wissen. Wahrscheinlich über irgendeinen Unsinn. Unser Betttuch flatterte in der frischen Brise. Das Meer besprühte uns mit Bernsteintröpfchen. Die Möwen schrien, dazu erklang das lautstarke Gezirpe der Zikaden.

Ingas Körper sah olivgrün aus. Ihre Haut roch nach Algen und Jod, ihr Hals aber nach Melonen und Äpfeln. Damals war es Mode, sich gegenseitig Knutschflecken zu verpassen, also saugten wir einander am Hals wie Blutegel. Das brachte uns auf Touren. Meine Unterhose, die in der Schwarzmeersonne eine rötliche Färbung bekommen hatte, drohte zu zerreißen, aber Inga interessierte sich offenbar nicht weiter für ihren Inhalt. Sie ließ es mit Petting bewenden.

Ich erinnere mich, dass ich nach langem Schwimmen und vielen Küssen einschlief, während Inga sich in ein Buch vertiefte. Als ich wieder aufwachte, schien mir das alles nicht mehr so wunderbar wie vorher. Eher sogar ziemlich lausig. Zwischen Inga und mir lag nämlich - mit affigem Bärtchen und Zigarette im Schnabel - ein gewisser Boris Kipeljow, den sie "Kip" nannten. Das war ein Basketballer mit gefärbtem Blondschopf. Doktorand an der mechanisch-technischen Fakultät und dort bekannt als wüster Schürzenjäger. Er roch nach Schweiß und Aggression.

Dieser Kip beliebte im Kreise seiner Kumpanen zu berichten, wie diese oder jene Dame es ihm auf Französisch besorgt hatte. Das tat er in allen Einzelheiten, so dass sich einem der Magen umdrehte. "Wo zum Teufel kommt der denn her?", dachte ich bei mir. "Welcher böse Geist hat denn dieses dreckige  Stück Vieh in unser Liebesnest geholt?" Wir hatten doch niemandem gesagt, wo wir hingingen... Hatte ihm Inga etwa verraten, wohin wir uns zurückzogen und ihn eingeladen, zu uns zu stoßen? Oder hatte er sich am Ufer in Richtung Wasserfall herumgetrieben und uns zufällig entdeckt? Dabei hatte ich doch dieses Betttuch aufgehängt, damit man uns vom Wasser aus nicht sehen konnte. Höchst seltsam. Anscheinend hatte Inga geplaudert. Und ausgerechnet den... Diese falsche Schlange!

Ich setzte mich auf. Inga lag auf Kips Brust und spielte mit seinem Bärtchen, während er ihre Kette wie einen Rosenkranz begrabbelte. Die beiden unterhielten sich, als sei ich nicht anwesend.

"Warum liegt eigentlich dieser Dreikäsehoch neben dir?"

"So klein ist der gar nicht mehr, der hat schon ein ganzes Semester auf dem Buckel. Wir haben getanzt und geschwatzt, du warst ja nicht da. Ich hatte drei Tage lang nichts als Sehnsucht. Deshalb habe ich diesen Grünschnabel genommen, damit du hinterher nicht eifersüchtig sein musst. Der ist ganz amüsant. Er hat mir von Edgar Alan Poe erzählt und gesagt, dass er Künstler werden will."

"Dem Wichser zeige ich gleich mal seinen Poe! Dem drehe ich das Gesicht auf den Rücken, da kann er seinem Arsch zuzwinkern."

"Das muss doch nicht sein, Schatz. Der macht sich doch auch so schon vor Angst in die Hose. Gestern Abend haben wir unterwegs ein paar Dorfköter gesehen, was hat er da gezittert. Ich habe geglaubt, er fängt gleich an zu weinen und rennt weg."

"Und wer hat dir diesen Knutschfleck verpasst? Jetzt sag nur nicht, dass er das war, sonst drücke ich ihm die Luft ab und verscharre seinen Balg so tief im Uferkies, dass er in hundert Jahren noch nicht gefunden wird. Ein Künstler..."

"Was redest du denn da von Knutschflecken? Ich bin kürzlich vor der Schießbude ins Gestrüpp gefallen und habe mich ein bisschen zerkratzt. Hat ganz schön weh getan. Die Krankenschwester hat es mit Jod ausgebrannt. Daher kommen diese Flecken..."

Kip drehte seinen Strubbelkopf zu mir, spuckte mir mitten ins Gesicht und fauchte mich an: "Verpiss dich, du Laus!"

Mir wurde heiß vor Angst und Zorn, aber ich nahm mich zusammen, lächelte schief, nickte, stand auf und ging zum Schwimmen. Kip stürzte sich auf mich wie ein Stier, und zwar so effektvoll, dass er mir ein Loch in die Unterhose riss, genau über den Pobacken. Mir lief die Galle über vor Zorn wegen dieser sinnlosen Gemeinheit. Ich hätte sie beide erschlagen können. Wie konnte sie nur so über mich reden? Und noch dazu mit diesem Typen? Diesem Scheißkerl, diesem Idioten von Kip, der nur die Sprache roher Gewalt verstand.

Nur die?

Na, wenn das so ist...

Dann kriegst du die Antwort eben in dieser Sprache, wart's nur ab, Bürschchen!

Mir war natürlich klar, dass meine Chancen bei Licht betrachtet gleich null waren. Dieser knochenharte Gigant, der im Hooligan-Milieu von Kasan aufgewachsen war, könnte mich mit den Füßen zertreten. Aber im Wasser war ich ihm zehnmal überlegen. Ich konnte nämlich schwimmen und tauchen wie ein Fisch. Wie gut er das wohl konnte? Mal sehen.

Ich schwamm etwa hundert  Meter aufs Wasser hinaus und beobachtete Inga und Kip. Sie befleißigten sich des Beischlafs. Ich sah den behaarten Hintern von Kip, der sich rhythmisch hin und herbewegte, dazu hörte ich Ingas Stöhnen durch das Flüstern der Wellen.

Nachdem sie fertig waren, dämmerte Inga offenbar weg und Kip beschloss, sich Abkühlung zu verschaffen. Er ging ins Wasser, schwamm und tauchte, wobei er aber höchst ungeschickt mit seinen riesigen Armen herumfuhrwerkte. Er sah mich nicht, denn ich befand mich auf der Sonnenseite. Außerdem hob ich den Kopf so wenig wie möglich, sondern atmete unter Wasser aus. Ich vermutete, dass er meine Anwesenheit völlig vergessen hatte, genauso wie seine Gemeinheiten mir gegenüber. Aber ich hatte das nicht vergessen! Ich sann nur noch auf Rache. Als er etwa fünfzig Meter weit hinausgeschwommen war, sprang ich ihn hinterrücks an.

Ich wusste, wie man einen Menschen ertränkt. Das hatte ich immer wieder von Kampftauchern der Armee gezeigt bekommen, mit denen ich gemeinsam im Sportbecken trainierte. Bis dahin hatte ich jedoch nie von diesen Kenntnissen Gebrauch gemacht und es auch danach nicht wieder getan. Ich sog noch mehr Luft in meine Lungen, legte ihm den linken Arm von hinten fest um die Gurgel, krallte mich mit der rechten Hand in seiner Mähne fest und drückte ihn hinunter. Mit allen mir zur Verfügung stehenden Kräften stieß ich ihn die Tiefe. Wie wild zappelte er herum und versuchte, seinen Hals von meinem Arm zu befreien, strampelte fürchterlich mit den Beinen, die einem Ackergaul Ehre gemacht hätten, versuchte mich sogar zu beißen - aber alles vergeblich!

Nach einer Minute erlahmte seine Kraft. Er atmete aus und pumpte die Lungen mit Meerwasser voll. Noch einmal... Er zuckte nur noch reflexhaft und sank bewusstlos zu Boden. Dort kam er aber nicht an, sondern schoss im Wasser empor wie ein Astronaut in seiner Rakete. Ich betrachtete ihn ohne einen Hauch von Mitgefühl. Dieses Schwein hatte mich erniedrigt und beleidigt, hatte mir ins Gesicht gespuckt, sich wie ein Stier auf mich geworfen, vor meinen Augen das Mädchen gevögelt, das ich liebte... Er hatte den Tod verdient.

Ich schwamm an die Oberfläche, atmete ein, ohne den Kopf aus dem Wasser zu heben und tauchte zurück zu Kips Körper. Die seitliche Strömung hatte ihn schon etwa zehn Meter weit abgetrieben. Ich packte seinen drahtigen Arm und zog ihn unter Wasser weiter vom Ufer weg. Einige Male tauchte ich auf, atmete und zerrte seinen noch warmen Körper dann gnadenlos hinaus zu dem Felsabsturz unter Wasser, 200 Meter vom Ufer entfernt. Die Unterwasserwelt dieser Bucht war mir bestens vertraut, denn ich hatte dort schon manchen Sommer lang mit Brille und Schnorchel getaucht, Krebse gefischt und sie an Stachelmuscheln verfüttert. Ich wusste, dass es an der Felskante, die etwa 15 Meter in die Tiefe reichte, eine Menge kleiner Höhlen gab. Dort versteckten sich riesige Krebse und Meerbarsche, die mit bunten Algen bewachsen waren. Sie konnten bis zu 40 Zentimetern lang werden und waren echte Ungeheuer.

Da war schon die Felskante. Ich tauchte hinab und hielt Kip dabei weiterhin am Arm fest. Gleich in fünf Metern Tiefe fand sich der Eingang zu einer Höhle, groß genug, um den Körper aufzunehmen... Dort stopfte ich ihn hinein. Einen anderen Ausgang gab es meines Wissens nach nicht. Gut, das passte ja.

Du wolltest mich erwürgen und mich im Uferkies vergraben, nun mauere ich dich hier ein.

Ein Fass Amontillado!

Etwa 40 Minuten lang sammelte ich Steine. An Land hätte ich sie nicht heben können, aber hier im Wasser... Archimedes sei Dank. Ich stopfte sie in den Eingang der Höhle, wobei ich ein letztes Mal nach dem Toten sah. Seine Augen standen offen, sein Gesicht war von einer Grimasse tierischer Wut entstellt. An seinem Hals bemerkte ich eine goldene Kette. Ich riss sie ab und wickelte sie um meinen Zeigefinger, um sie nicht zu verlieren.

....

Ich hatte danach nicht vor, zu Inga zurückzukehren und schwamm in einem großen Bogen an ihr vorbei, direkt an den Strand unseres Pensionats. Barfuß war ich und nur mit der Unterhose bekleidet, aber niemand beachtete mich. Nach einer Dusche legte ich mich in meine Koje und döste vor mich hin. Abends zog ich meine zweite Garnitur Sandalen an, ging in unseren versteckten Winkel und sammelte die Decke, das Laken und die Heringe ein. Von Inga und Kip war nichts mehr übrig, nicht einmal Zigarettenstummel lagen herum. Mit fragendem Blick betrachtete ich das Meer im letzten Abendschein. Vom sachten Wind bewegt plätscherte es mir zu: "Ich bewahre dein Geheimnis. Sie werden ihn nicht finden. Niemals, niemals..."

Spät am Abend goss ich mir mit Kumpanen aus dem gleichen Kurs einiges von diesem sauren, trüben Rachenputzer, den sie hier Wein nennen, hinter die Binde. Am nächsten Tag suchte ich Inga im Speiseraum, fand sie aber nicht. Ich ging in ihr Zimmer und sprach mit einer der anwesenden Schönheiten, die aber behauptete, hier gebe es keine Inga, es habe nie eine gegeben... Dabei schaute sie mich seltsam an. Ich beschrieb Ingas Äußeres, die grünen Augen, die Sommersprossen, worauf meine Gesprächspartnerin seufzte und ihre vier Zimmergenossinnen herbeirief. Alle hatten grüne Augen und Sommersprossen. Die dusseligen Dämchen fingen an zu kichern, bestäubten mich mit Puder, hefteten ein blaues Freundschaftsband an mein Sporthemd und schlugen mir vor, nach dem Zapfenstreich doch bei ihnen vorbeizuschauen.

Zwei Wochen später erklärte mir ein befreundeter Dozent im Dienstraum der Fakultät, dass es in den Unterlagen keinen Doktoranden namens Kipeljow gab und dass niemand dieses Namens je am mathematisch-technischen Institut eingeschrieben war.

Demnach hatte es weder Inga noch Kip je gegeben...

Wessen Körper hatte ich dann also in der Unterwasserhöhle vor jener berühmten Bucht eingemauert? Diese Frage stellte ich mir, während ich den kleinen Finger in das Loch der alten Unterhose schob...

Nach etwa drei Jahren hatte ich die Sache vergessen.

Zum Nachtisch reichte man uns heißen Apfelstrudel mit italienischem Eis Marke "Gelatto". Meine erstgeborene Enkelin schenkte mir ein winziges Körbchen mit spanischen Schokopralinen. Die Gäste gingen auseinander und strebten ihren eigenen Behausungen zu.

Am Abend klingelte es jedoch an der Tür meiner Marzahner Wohnung.  Durch den Spion sah ich eine junge Frau, die von einem Bein auf das andere trat. Sie war modisch gekleidet, trug eine schwarze Strumpfhose, einen kurzen Rock, einen Hut mit Schleier. Ich öffnete. Anscheinend eine Bekannte, aber wer war sie bloß? Grüne Augen mit gelben Fünkchen, Sommersprossen auf der Nase...

Das konnte doch nicht wahr sein. Inga wäre jetzt etwa 60 Jahre alt, aber dieses Modepüppchen hier zählte höchstens dreißig Lenze... Der Klang ihrer Stimme nährte meine Zweifel.

"Süßer, erkennst du mich denn nicht? Hast etwa all die Jahre geglaubt, ich wüsste nicht, was du da unter Wasser angestellt hast? Wo ist meine Kette?"

In diesem Moment begann sich unser säuberlich gewienertes Treppenhaus in jene Unterwasserhöhle zu verwandeln. Die Mauern nahmen stellenweise grüne oder gelbe Farbe an, bedeckten sich mit Muscheln, einige Meerbarsche schwammen in der stickig werdenden Luft vorbei. Die grässliche Silhouette des Ertrunkenen tauchte auf. Er fixierte mich mit wilden Blicken aus weit aufgerissenen, toten Augen.

Mir blieb keine Sekunde zum Nachdenken. Dieses Übel musste an der Wurzel gepackt werden.

"Ihre Kette? Entschuldigung, von welcher Kette sprechen Sie? Ich besitze keine Ketten. Sie haben sich in der Tür geirrt. Kreuzdonnerwetter, Sie sind nichts als eine seelenlose Erscheinung, eine fremde Gestalt, die mir irrtümlich vor die Augen getreten ist. Noch dazu beim Abendessen. Sie sind nicht einmal ein spürbarer Hauch, mit Ihnen verbindet sich keine Assoziation, kein Gedanke. Sie haben keinerlei Rechte oder Privilegien, Sie sind nichts als - wie soll ich sagen - ein, zwei Kratzer oder ein Farbfehler an den Heizungsrohren..."

Da öffnete sich mit einem Male die Aufzugstür.

"Mit wem sprichst du denn?", fragte mich ein hübsches Pummelchen. Das war meine Nachbarin, die dem Lift entstieg. Sie hatte drei ihrer Lieblinge dabei: Blaue Zwergspitze, die in widerliches Gekläff ausbrachen, kaum dass sie mich gesehen hatten.

"Und warum hältst du denn das Rohr fest? Ist da etwa ein Riss? Das müssen wir der Hausverwaltung melden, damit das im Winter nicht platzt."

 

 

(Aus dem Russischen: Klaus Kleinmann)

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