Igor Schestkow "Das Portrait"

 

 

DAS PORTRAIT

An einem kalten Herbsttag in den Siebzigerjahren bettelte meine liebe Großmutter den knauserigen Opa um 350 Rubel für einen Wintermantel an, der mich vor winterlichem Frost schützen sollte. Der alte Überzieher aus England, den schon mein Vater getragen hatte, war endgültig abgewetzt.

350 Rubel stellten damals für einen gerade der Uni entronnenen jungen Hilfswissenschaftler eine astronomische Summe dar, die sich in den verlockenden Gefilden jenseits der Vorstellungskraft bewegte. Drei Monatslöhne hätte man für einen Mantel ausgeben sollen? Donnerwetter!

Die Seilschaft, mit deren Hilfe die Großmutter zu einem noblen Webpelz mit Persianerkragen kam, war lang und vielschichtig. Wollte man sie mit einem Gebirgspfad vergleichen, so müsste an ihn als gewunden und unwegsam bezeichnen, doch Babuschka hangelte sich tapfer empor, bis sie endlich ihr Ziel erreicht hatte. Im Supermarkt "Synthetika" arbeitete - vermutlich in der Stoffabteilung - der Fachverkäufer A., ein enger Freund des Kochs namens B. aus dem Restaurant "Universität". Dieser wiederum stand in näherem Kontakt mit der Nichte des zweiten Gehilfen vom Chefarchitekten am Universitätsbauamt, einem verflossenen Liebhaber der hübschen Künstlerin C., die ihrerseits Favoritin des einflussreichen, nur leider verblichenen Moskauer Lebemanns D. gewesen war, welchselber das Amt des stellvertretenden Gesundheitsministers bekleidet hatte. Dessen Witwe war Stammkundin bei dem Wahrsager E., und diesen wiederum hatte Großmutter in der Uniklinik kennen gelernt. Der Hellseher besuchte die Großmutter, die in ihrem Lehnstuhl saß und in der französischen Ausgabe von "Lolita" schmökerte. Zwischen kaum geöffneten Lippen raunte er ihr zu :"Denken Sie nicht auch, dass dieses Buch arg großspurig daherkommt und in einem abgehobenen, geschraubten Stil geschrieben ist, zumindest in seiner russischen Fassung?"

Großmutter seufzte, ließ die Augen sinken und entgegnete: "Auf Französisch liest es sich leicht und angenehm. Allerdings muss ich zugeben, dass es andauernd um Sex mit Minderjährigen geht..."

Nun war ihre Klassenkameradin F. mit diesem Fachverkäufer A. verbandelt. Frau F. arbeitete an der Kasse des Konservatoriums, war von riesenhaftem Wuchs, drogenabhängig und auf finstere Weise menschenscheu. Ihre ebenfalls überdimensionierte Tochter erfreute sich hingegen eines weltoffenen Charakters und sammelte mit großer Leidenschaft Postkarten. Sie verdiente sich ihr Taschengeld als Aushilfsschneiderin in einem geheimnisvollen Laden hinter dem Zentralsupermarkt. Dieses Geschäft, das über kein Ladenschild, geschweige denn über Neonreklame verfügte, quoll über von Luxusartikeln, denen der Durchschnittsmoskauer nur in seinen Träumen begegnete.

Meine Großmutter setzte diese Seilschaft mit einer Rührigkeit in Bewegung, die für Juden typisch ist, wobei sie nicht an Schokolade, Cognac, Blumen sowie anderen Mitteln und Methoden sparte, die sie den oben erwähnten Persönlichkeiten durch verschiedene Bekannte schenken oder andienen ließ. So erhielt die fröhliche Postkartensammlerin einen Satz Ansichtskarten, der 1899 in Brüssel erschienen war und den Titel "Hutmode" trug. Ihre Mutter bekam eine kleine, vergoldete Uhr, der Gehilfe des Architekten eine Dauerkarte zum wöchentlichen Besuch eines Erlebnisbades, und der Hellseher wurde stolzer Besitzer der Originalausgabe von "Das wahre Leben des Sebastian Knight". Beim nächsten Hausfest ließ Großmutter es zum Schwur auf den Plüschmantel kommen. Vor allen Anwesenden musste ich versprechen, dass ich das Geld für nichts anderes ausgeben würde als für eben diesen, worauf sie mir einen Briefumschlag mit der Aufschrift "Aeroflot" aushändigte, auf dem ein Flugzeug vom Typ Jak-40 abgebildet war. Unwillkürlich stellte ich mir die Frage, ob es sich dabei nicht um genau das Flugzeug handelte, das kürzlich an einem Berg zerschellt war. Jedenfalls steckte ich den Umschlag in die Hosentasche, setzte mich, belud meinen Teller mit zwei großen Löffeln Olivensalat mit Hühnchenfleisch und einem deftigen Stück Pirogge mit Krautfüllung, aus der ein Stück oranges Eigelb bröselte. Dann spießte ich zwei saftige Anchovis auf die Gabel, führte sie zum Mund, kaute, schluckte und wandte mich dem Salat zu, von dem ich nur sagen konnte, dass er ausgesprochen lecker, wenngleich etwas ölig geraten war. Ich füllte mein Glas halb mit Weißwein und nippte daran. Erst dann stand ich auf und bedankte mich bei Oma und Opa für das Geschenk. Feierlich gelobte ich, noch heute einen Mantel zu kaufen, wobei ich hinter dem Rücken die Finger kreuzte.

Eine Stunde später verließ ich den Schoß der Familie und lenkte meine Schritte... Nein, nicht in das Gässchen hinter dem Zentralsupermarkt, sondern in eine ganz andere Richtung, nämlich zum Platz der Oktoberrevolution, genauer gesagt, zu einem dort befindlichen Antiquariat.

Aber warum zu einem Antiquariat, und nicht etwa zu einer Secondhand-Buchhandlung?

Das lag daran, dass ich dort schon vor einiger Zeit ein kleines Portrait entdeckt hatte, auf dem ein seltsamer alter Mann abgebildet war. Genau 350 Rubel sollte es kosten. Das Bild war zwar kein Meisterwerk, aber doch ein ehrliches Stück Arbeit, und es begeisterte mich derart, dass ich nicht zögerte, meinen Opa ernsthaft wütend zu machen und mein gebrechliches Großmütterlein massiv aus dem Häuschen zu bringen. Geschenk hin, Geschenk her - für dieses Portrait war ich bereit, noch jahrelang in Lumpen zu gehen wie Akakij Akakiewitsch, eine elend gekleideter Romanheld bei Nikolaj Gogol. Um die elektrischen Schläge abzumildern, die mein Gewissen absonderte, schwor ich mir, das Geld für den Mantel irgendwie zusammenzukratzen. Ich würde Nachhilfestunden geben, denn es gab ja Tausende von Dummköpfen, die unbedingt an der Lomonossow-Universität studieren wollten und bereit waren, dafür zu pauken. Zwei Stunden Sinus und Cosinus brachten zehn Mäuse auf die Hand. Nächsten Winter hätte ich den Zaster beisammen. Nur um Großmutter tat es mir leid, denn die Ärmste würde Tränen vergießen, wenn sie mich immer noch in dem elenden Lumpen sah.

...

Eigentlich mag ich ja gar keine Gemälde. Diese Stimmung, diese Komposition... buttergelbes Köpfchen, seidenweiches Schöpfchen...

Vor allem mag ich keine schmachtenden Madonnen, die das Jesuskind mit nacktem Podex auf den Knien halten - grausig.

Nicht viel besser als Madonnen sind Kruzifixe, Landschaften und Portraits. Nie werde ich den Blick junger Japanerinnen in der Karlsruher Gemäldegalerie vergessen. Die porzellanhäutigen Mädchen zitterten vor dem riesigen Kruzifix Grünewalds wie Wellensittiche vor dem feurigen Schlund der Hölle. Sie verfielen in kollektiven Wahn, hörten auf herumzukichern, klammerten ihre kleinen Finger mit den phosphoreszierend bemalten Krällchen um die weiß lackierten Handtäschchen, an denen Goldkettchen und kleine Plastikglöckchen baumelten. Das futuristische Asien erstarrte fassungslos und verängstigt vor diesem Schreckbild aus dem mittelalterlichen Europa.

Landschaftsbilder langweilen mich entsetzlich. Die Schönheit und Ausdruckskraft der dargestellten Bäume - ihre Stämme, Zweige und Blätter - betont ihre Leblosigkeit. Kein Lüftchen regt sich, kein Schmetterling flattert umher, kein Bienchen summt, kein Wässerchen plätschert, Menschen und Pferde sind in künstlichen, abstoßend stereotypen Posen versteinert. Alles ist entweder zu schön oder zu schaurig, voll aufdringlicher Symbolik oder demonstrativ natürlich. Blümchenwiesen, Blümchenkleider, Blümchenkaffee.

Die Maler von Portraits - diesen Landschaften aus Bärten, Nasen, Zähnen, Falten, Kragen, Ärmeln und Hosen, die wie Opfer der Mafia auf Leinwand gebannt sind oder in Stein, als Torso, Brustbild, Kopf - diese Maler sind offenbar sicher, dass dem Betrachter vor übersteigertem Interesse an der dargestellten Person der Sabber aus dem Mund läuft oder die Wangen in hektische Zuckungen verfallen. Aber liebe Leute, was geht es mich an, wie damals Kamisole, Knobelbecher und hochnäsige Visagen von spanischen Granden und ihren bigotten Eheweibern aussahen, wo die Herren Perücken trugen und die Damen Perlmuttkreuze vor ihrem schwabbeligen Busen? Warum sollte ich mich vom strahlenden Weiß eines Spitzenjabots hinreißen lassen, das ein holländischer Hofschranze oder Finanzjongleur trug, oder von der Krümmung seiner Hakennase, die mit gnadenlosem Realismus wiedergegeben ist (wo die Nasenlöcher aussehen wie eingefräst und über deren Spitze blaue Äderchen laufen)? Soll ich Stürme der Begeisterung empfinden angesichts der speckigen Schultern und der kernigen Wangenröte eines verklemmten flämischen Weibsbildes?

Zu Lebzeiten eines Menschen - manchmal auch ein paar Jahre nach seinem Tod - mögen diese zeit- und lohnintensiven Surrogate für Fotografien ja noch einen gewissen Sinn haben. Sie unterstützen das Gedächtnis an den viel zu früh dahingeschiedenen Großpapa, der, wer hätte es gedacht, einen Haufen silberner Taler hinterließ, die er seinen Untergebenen abzupressen wusste. Ein Portrait beflügelt die Erinnerung an den menschenverachtenden General, der ohne Zögern 50.000 Soldaten in den sicheren Tod schickte, weil er sich den Ruf der gnadenlosen Standhaftigkeit und Grausamkeit verdienen wollte, der ihn zum Mitglied einer Gruppe von ähnlich gestrickten Dienstleistern des Massenmordes aufsteigen ließ und ihm den Platz auf einem lichtumflorten Postament sicherte.

Ich verstehe jedenfalls selber nicht, wie mich dieses unscheinbare Bildchen verhexen konnte, das in einem dunklen Winkel des Antiquariats am Platz der Oktoberrevolution hing. Es rief nichts anderes in mir hervor als ein beängstigendes Deja-vu-Erlebnis. Doch aus irgendeinem Grunde nahm es mich gefangen, hypnotisierte mich und zwang mich, es immer wieder zu betrachten.

Als ich bezahlte, kicherte der Verkäufer, ein knollennasiger Korinthenkacker mit affenähnlichem Backenbart, in sich hinein und murmelte, während er es in Papier einschlug, mit schiefem Gesicht: "Hihi, ein kleines Portrait vor dem Hintergrund einer Stadtlandschaft. Künstler unbekannt, hihi. Die Aufschriften auf den Schildern sind höchst verblüffend. Schauen sie nur: Antrazit-Koks. Wie brutal das klingt. Ich habe es einem Kunstsachverständigen gezeigt, und der hat nur mit dem Kopf geschüttelt und behauptet, das sei ja hinreißend, Surrealismus in reinster Form. Charmant formuliert. So ein seltsamer alter Knacker mit starrem Blick, der anscheinend etwas sagen möchte. Eine Putzfrau hat neulich abends nach ihm geschaut und wums, ist sie in Ohnmacht gefallen. Fast hätte sie dabei die Marmorvase der Gräfin Doschkowa zerschlagen. Hinterher hat sie gesagt, der Opa auf dem Bild sei zum Leben erwacht und hätte seine blauen Lippen aus dem Bild herausgestreckt. Sie hat sogar aufgehört, hier zu putzen. Ein altersschwacher Typ mit Nasenfahrrad hat uns das Bild vor etwa sieben Jahren gebracht. Sie haben es in Kommission genommen und den Preis auf 1200 Rubel geschätzt. Immerhin stammt es aus dem Jahre 1910. Danach ist der Besitzer verschwunden wie vom Erdboden verschluckt. Dreimal haben sie den Preis heruntergesetzt, doch niemand wollte es haben. Aber nein, warten Sie, ich rede ja Unsinn. Ein betuchter Mummelgreis hat es vor etwa vier Jahren gekauft. 600 hat es damals noch gekostet. Schon am nächsten Tag brachte er es wieder in den Laden und wollte sein Geld zurück. Ein Zeug hat der erzählt, alle haben schallend gelacht, hihi. Aber sagen Sie mal, Ihr Fünfzigrubelschein ist ja ganz neu. Haben Sie den selber gedruckt?

Zu Hause wartete ein kräftiger Nagel mit breitem Kopf auf die Neuerwerbung, um sie an der dünnen Wand zwischen meinem Zimmer und der Küche zu befestigen. Ich spannte auf der Rückseite des Rahmens einen Kupferdraht zwischen zwei Ösen und hängte das Bild daran auf. Dann legte ich mich in die Badewanne. In das Wasser goss ich einen Heilextrakt aus Fichtennadeln. Während ich darin lag, las ich Nabokows "Besuch im Museum". Der Inhalt ist interessant. Ein Emigrant läuft ewig lange durch das Museum einer Provinzstadt, bis er sich schließlich verirrt und das Museum wieder verlässt. Er findet sich im sowjetischen Leningrad wieder, hoffnungslos unselbständig und hoffnungslos einfältig. Ich wunderte mich, in welch holperigem, nicht wirklich "russischem" Stil Nabokow schreibt: "Ich wurde von einem starken Regen überfallen, der sich der Beschleunigung des Blattfalles der Ahornbäume befleißigte: Der südliche Oktober hing am seidenen Faden." Jeden dritten Satz spickt der sardonische Autor mit irgendwelchen pappsüßen Plombenziehern, was manchmal genial, oft genug aber stümperhaft klingt. Ganz anders als bei dem sowjetischen Dichter Danil Harms...

Ich aß zu Abend und setzte mich an den Schreibtisch. Dort dachte ich nach und schrieb in mein Merkheft, wohin ich morgen gehen, mit wem ich sprechen und was ich tun musste. Damit rackerte ich mich bis ein Uhr nachts ab. Die Augen wollten sich nicht mehr öffnen lassen, der Körper schmerzte. Mit Mühe schleppte ich mich ins Bett, legte mich hin ohne die Kleider abzustreifen und schlief augenblicklich ein. Um Viertel nach Vier wachte ich wieder auf, weil mich etwas geweckt hatte. Mir war, als hätte mich jemand gerufen, in die Wange gekniffen und gesagt: "Es ist Zeit."

Instinktiv sah ich nach dem Portrait. Aber da war nichts Auffälliges, es hing ganz ruhig da.

Ich gähnte, setzte mich vor ihm auf den Stuhl, zündete die Tischlampe an und betrachtete es intensiv. Die Farbschicht war schmuddelig und mit Staub bedeckt. Also holte ich einen sauberen, feuchten Lappen, beträufelte ihn mit etwas Wodka und wischte vorsichtig die Oberfläche ab. Das Bild wurde lebendig.

Die Stadt. Das Zwielicht. Schnee rieselt vom trüben Himmel. Und der Alte vor dem Hintergrund der Straße. Schwarze Melone. Weit geöffneter Fuchsmantel, unter dem er einen Frack trägt, oder besser gesagt, eine Art Uniformjacke. Ist er ein Beamter? Oder ein Feuerwehrmann? Warum ist seine Krawatte rosarot wie bei den Pionieren? Sein faltiges Geschicht wirkt schmal und ausdrucksstark. Er schaut, als sei er nicht recht bei Sinnen. Ein Betrüger, ein Gaukler, ein Falschspieler, ein Strizzi, ein Irrer? Er erinnert mich sehr stark an jemanden.

Die Straße läuft den Hang hinunter. Die Häuser machen einen soliden Eindruck. Ist das der Petersburger Newskij Prospekt? Am Ende scheint das Admiralitätsgebäude zu stehen. Oder irre ich mich? Meines Wissens gab es jedenfalls im alten Moskau keine so geraden Straßen. Sie waren alle krumm.

Offenbar wurde das Bild in einem Zug gemalt, und zwar im Freien. Der Malstil ist verschwommen. Der Hobbykünstler malte so gut er konnte, nur die Aufschriften der Schilder zog er mit feinem Pinsel sehr genau nach oder ritzte sie mit einem Stäbchen ein. Das Bild trägt keine Signatur, ist aber auf den 21. 1. 1910 datiert.

Erstaunlich: Er hat wirklich die Reklameaufschriften festgehalten, mit winzigen Buchstaben zwar, aber deutlich lesbar. Mir kommt es vor, als hätte der Künstler sich ein Vergnügen daraus gemacht und sich dabei regelrecht ausgetobt wie eine Libelle über einer Blumenwiese.

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Doch warum hatte der Künstler all diese Werbeslogans in heutigem Russisch wiedergegeben, ganz ohne den Buchstaben "Jat", der damals sehr häufig verwendet wurde, dann aber einer Rechtschreibreform zum Opfer fiel? Da stimmte etwas nicht. Das ist ein Portrait aus unseren Tagen, man hat mich übers Ohr gehauen, die Datierung ist nur Bluff! Und warum das? Um den Preis in die Höhe zu treiben! Bei 1200 Rubeln haben sie angefangen. Die Geschichte mit der Putzfrau ist sicher auch nur erstunken und erlogen. Das Portrait ist linkisch gemalt. Der Maler hat sich aufgehängt, in Erwartung des Strafgerichts. Und dann kam ich und habe für den alten Kerl Geld bezahlt. Da hast du nun dein Haarwuchsmittel.

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Ich fühlte mich wie ein aufgeblasener Luftballon kurz vor dem Platzen, ballte die Fäuste und schmiedete Rachepläne. Nebenbei bemerkt: Der Verkäufer erwähnte "Koks Antrazit". Dabei habe ich diese Aufschrift nirgends gefunden. Wo sie nur sein mag? Ich stieß fast die Nase auf das Bild und suchte jedes Fleckchen ab, fand aber nichts. Verflixt, auch da hat er mich hinters Licht geführt. Das Portrait riecht nach Fischleim und Farbe. Ein altes Bild riecht nicht so...

Aber plötzlich wollte mir scheinen, als käme Lärm aus dem Bild. Ich stutzte.

Ja, man hörte Geräusche wie aus einem Vorführsaal beim Rundfunk. Oder wie auf einer Pferdebahn. Ein Gespräch... Gas faucht in einer Laterne... Glocken... ein Pfiff... Lokomotivsirenen...

Und woher kommt dieses Geräusch weicher Sohlen?

Das Gesicht des Alten schien sich verändert zu haben. Er zwinkerte mit den Augen. Dann schloss er sie ganz und sperrte den Mund auf. Jetzt wieder anders herum, er öffnete die Augen und schloss den Mund. Auf einmal schlängelte sich etwas aus dem Bild heraus, das aussah wie die Zunge eines Chamäleons. Es packte mich an der Nase und zog mich zu sich her. Was geschah mit mir? Ich wurde zusehends kleiner wie Alice im Zwergenzimmer und fiel in das Bild wie die Billardkugel ins Eckloch. Das Gemälde hatte plötzlich die Tiefe eines Brunnens, und ich war drauf und dran hineinzufallen. Während des Sturzes verlor ich alles, was von mir noch übrig war.

Im Körper des Bergbauingenieurs Ulrich Troll aus dem Thüringischen Städtchen Sonnenberg kam ich wieder zu mir. Ich stand auf dem Marktplatz, eine Kalesche mit Kutscher wartete in der Nähe. Eine Gruppe von Leuten umringte mich. Ich wendete mich mit einer kurzen Ansprach auf Deutsch an sie, drückte einige Hände, lächelte gewinnend, nickte mit dem Kopf und entschwebte zu meinem Hotel. Dort wurde ich freundlich empfangen und auf mein Zimmer geleitet. Auf einem hübschen Tisch aus Nussbaumholz lag eine Zeitung mit dem Datum 23. August 1875, also von heute. Am nächsten Tag begann ich meinen Dienst, fuhr ins Bergwerk ein und inspizierte die nicht mehr in Betrieb befindliche Silbermine. Dabei entwarf ich einen Plan der Arbeiten, die zur Wiederaufnahme des Betriebes nötig waren. Einen Monat später lernte ich anlässlich eines Kirchenkonzerts eine schlanke, vollbusige Schönheit namens Evelyn Betzner kennen. Ich verliebte mich in sie und überlegte nicht lange, sondern  machte ihr einen Heiratsantrag. Wir kauften ein Haus mit Gärtchen und stellten Dienstpersonal ein. In den folgenden fünf Jahren bekamen wir drei Kinder. Da sich alles nun einmal in diese Richtung entwickelt hatte, nahm ich es als Fügung hin, versuchte weitere Reflexionen zu vermeiden und hütete mich, jemandem von meinem früheren Leben zu erzählen. Ich war froh, keine inneren Konflikte austragen zu müssen und nicht in den Kochtopf irgendwelcher Menschenfresser gefallen zu sein.

Die deutsche Sprache und die Kunst des Bergingenieurwesens beherrschte ich aus dem FF. Diese Kenntnisse waren mir damals auf dem Marktplatz zugefallen, zusammen mit dem neuen Körper und dem neuen Lebensfaden. Dort tauchten mit einem Male Erinnerungen an meine Kindheit auf, die ich, wie sich herausstellte, in Annaberg im Erzgebirge verlebt hatte. Ich studierte an der Bergbauakademie in Freiberg und besuchte später meinen Vater, der dort als pensionierter Jurist lebte. Das war ein hochgewachsener, kaltblütiger alter Knochen. Am Grab der Mutter legte ich Blumen nieder. Mein neues Leben floss in Windeseile dahin, fast wie im Kino, aber es war ein wahres Leben aus Fleisch und Blut. Ein zahnärztlicher Besuch beim Garnisonsfeldscher war genauso schmerzhaft wie damals in unserer Bezirkspoliklinik an der Metrostation "Gewerkschaftshaus", meine Kinder und meine Frau litten an echten Krankheiten, und die mir untergebenen Bergarbeiter verprügelten sich eines Tages im Suff derartig, dass ich beinahe meinen Posten verlor. Im Frühling und im Herbst konnte man nur in Galoschen auf Sonnenbergs Straßen spazieren gehen, mein Lohn wurde in Gold- und Silbermünzen ausgezahlt. Es gab weder Radio noch Fernsehen noch Telefon, aber der persönliche Kontakt der Leute untereinander machte das mehr als wett. Sonnenberg hatte eine erstklassige Bibliothek, die unter anderem mehr als 500 russische Titel führte. Telegrafie und Eisenbahn funktionierten prächtig. Sonntags besuchten wir den Gottesdienst in der Lutheraner Kirche. Mein Familienleben floss in stillem Glück dahin. Zweimal wurde ich für meine Verdienste ausgezeichnet und von der "Deutschen Vereinigung der Mineralienfreunde" sogar zum Vorsitzenden gewählt.

Es mag albern klingen, aber mit den Deutschen des 19. Jahrhunderts kam ich erheblich besser zurecht als mit den Zeitgenossen meines früheren Lebens in Moskau. Sie waren ruhiger, einfacher und eher lebenspraktisch eingestellt als die Sowjetbürger, was vielleicht daran lag, dass sie noch keine Leichen im Keller hatten. In diesem neuen Leben regte ich mich über nichts auf, suchte nicht das Haar in der Suppe, geriet nicht wegen jeder Kleinigkeit in Rage.

Damals in der Sowjetunion war es mir - wie allen anderen auch - verboten, das Land zu verlassen. Von hier aus bereiste ich hingegen ganz Europa. Ich war im Heiligen Land, in der Türkei, in Ägypten und in Marokko. Zweimal fuhr ich sogar nach Amerika und machte dort Bekanntschaft mit Indianern: Sie wollten unseren Zug überfallen, wurden aber von Wachsoldaten in die Flucht geschlagen.

Die Tatsache, dass ich bei durch und durch friedlichen Menschen lebte, störte mich keineswegs. Es trieb mich lediglich der Wunsch um zu wissen, was die Zukunft bringen würde. Manchmal kam es mir vor, als sei das alles rings herum nicht echt, als lebte ich nicht in der Realität, sondern in einer Art Projektion - von was oder von wem auch immer. Allerdings hatten mich solche Gedanken schon beschlichen, als ich noch in meinem lausigen Loch im Moskauer Wohnheim hauste und gezwungen war, für 150 Rubel monatlich fünf Tage die Woche in diesem erbärmlichen Laboratorium zu schuften.

Hier überlegte ich, ob ich nicht nach Paris fahren sollte, um van Gogh zu treffen und ihm zu assistieren. Oder Degas. Bei dieser Gelegenheit könnte ich ein kleines Dutzend Bilder von ihnen kaufen, einfach so, für die Nachkommenschaft.

Allerdings hätte es mich in den Siebzigerjahren noch mehr gereizt, nach Simbrisk zu fahren und dort einen gewissen Knaben namens Wolodja Uljanow zu erwürgen, mich dann in den Achtzigern nach Gori zu begeben und den kleinen Sosso kaltzumachen. In den Neunzigerjahren hätte ich dasselbe gerne mit einem anderen Knirps getan, nämlich mit Adolf Aloisewitsch. Che Guevara oder Richard Löwenherz wären da an meiner Stelle ganz bestimmt zur Tat geschritten, aber für Heldentaten war ich nun einmal nicht geboren. Ich lebte still vor mich hin und gab mich mit der Rolle des Beobachters zufrieden. Nur einmal ließ ich mich hinreißen und fuhr ein oder zwei Jahre vor dem Tode Tschechows nach Badenweiler im Schwarzwald. Dort verweilte ich einige Tage, fand heraus, in welchem Hotel der Dichter mit seiner Frau abgestiegen war und schlenderte mehrmals daran vorbei. Doch ich konnte mich nicht entschließen einzutreten, denn ich wollte ihnen nicht lästig fallen. Daher sah ich sie nur aus der Ferne.

 

Ende der Neunzigerjahre starb meine Frau. Die Kinder hatten schon das Haus verlassen, mein Geld reichte aus, um nicht einen, sondern zwei oder drei Lebensabende sorglos zu verbringen. Also quittierte ich den Dienst, begab mich nach Baden-Baden, mietete dort eine Wohnung und widmete meine Zeit der Sammlung seltener Mineralien und Versteinerungen. Ich begann meine "Aufzeichnungen eines Bergbauingeneurs". Wenn ich nicht schrieb, machte ich Ausflüge in die Umgebung. Dann und wann unternahm ich eine Rheinfahrt, zum Beispiel nach Straßburg, das damals noch zu Preußen gehörte. Dort tat ich mich an Käse und Gänseleberpastete gütlich.

Leise klopfte das Alter an. Ich spürte, wie meine Kräfte und die Klarheit des Denkens allmählich nachließen. Zum 75. Geburtstag reisten Kinder und Enkelkinder aus allen Gegenden Deutschlands an, um mir zu gratulieren. Das Fest war eindrucksvoll, aber ich fühlte mich erleichtert, als es zu Ende ging. Oft taten mir die Beine und der Magen weh. Mein Charakter verflachte, ich verödete innerlich und glitt unmerklich in eine Depression. Das Leben neigte sich dem Ende zu.

Mitte Januar 1910 überwand ich mich, raffte meine ganze Kraft zusammen und fuhr nach Russland, nach St. Petersburg. Ich konnte nicht sterben, ohne das Geheimnis meines zweiten Lebens gelüftet zu haben. Koste es, was es wolle - ich musste den Künstler suchen, der jenes Portrait gemalt und mir diesen phantastischen Streich gespielt hatte. Auch wollte ich den Menschen kennen lernen, der ihm Modell gestanden hatte.

Meine Hoffnung bestand darin, sie auf dem Newskij Prospekt zu finden, und zwar am 21. Januar in der Abenddämmerung.

So fand ich mich also auf dem Petersburger Bahnhof wieder, noch vor dem ersten Weltkrieg und vor der Revolution. Welche Pracht, und gleichzeitig welche Armut! Mir fehlten die Worte.

Ich nahm ein Zimmer im Hotel "London".

Morgen ist DER Tag, der 21. Januar.

Schon vor einigen Tagen war mir klar geworden, wo der Künstler die Straße und den alten Mann gemalt hatte. Natürlich hingen andere Reklameschilder an den Hausfassaden. Aber die Häuser, die Kirche, die Admiralität - all das war genau wie auf dem Bild. Doch welch ein Unglück: Nachts kamen Diebe und stahlen mir meinen Biberpelz, meinen Hut, zwei Koffer und sämtliche Papiere. Ich besaß nur noch das, was ich zufällig in der Hosentasche bei mir trug, außerdem zehn Goldstücke, die ich aus Vorsicht im Gürtel versteckt hielt. Ein Glück auch, dass ich das Hotel aus alter Gewohnheit im Voraus bezahlt hatte. Ein Polizeibeamter schrieb meine Schilderung des Falles in eine schmierige Kladde und versprach mir, die Verbrecher zu finden. Nun hätte ich auf den Newskij Prospekt gehen müssen, aber ich wusste nicht in welchem Aufzug. Ein Restaurantkellner riet mir, das Pelzgeschäft Andropow eine Straße weiter aufzusuchen, um dort warme Oberbekleidung zu erstehen. Ich befolgte seinen Rat.

Der Verkäufer wusste bereits um mein Missgeschick und riet mir zu einem preiswerten Fuchspelz aus heimischer Produktion, an dem die Motten schon ein klein wenig geknabbert hatten. Außerdem empfahl er mir einen neuen englischen Hut vom Typ "Melone" und versprach mir dazu einen kostenlosen roten Seidenschlips und die Uniformjacke eines Straßenbauingenieurs. Erst als ich mich in all diesen Plunder hineingezwängt hatte und vor dem riesigen Spiegel des Kaufhauses stand, wurde mir klar, wer der Alte auf dem Gemälde war. Ein eisiger Schreck fuhr mir in die Glieder. Der Eindruck, alles um mich her sei nicht echt, verstärkte sich quälend.

...

Wie ein Schlafwandler trat ich auf die Straße hinaus, wo mich ein heftiger, eiskalter Windstoß von den Füßen riss. Ich stand auf, schüttelte den Staub ab und begab mich zum Newskij Prospekt. Unterwegs kam es mir vor, als würden die Menschen, ja sogar die Tiere seltsam verwundert und spöttisch nach mir schauen und die Laternen sich höhnisch verneigen. 

Nun sah man auf den Hausfassaden wieder andere Reklametafeln, nämlich die gleichen wie auf meinem Portrait, während die vorigen verschwunden waren. Die Steinbrücke am Springbrunnen stürzte mit Getöse ins Wasser, als ich mich ihr von Ferne näherte, danach begannen auch die Mietshäuser einzustürzen, die Paläste und die Kirchen. Im fahlgelben Brodem verschwanden Fußgänger und Reiter, Säulen und Pfeiler, die Erde tat sich auf und verschluckte all diesen urbanen Plunder in ihrem finsteren, abgrundtiefen Schlund.

Als ich endlich bei dem ersehnten Platz anlangte, zeichnete sich keine Stadt mehr vor dem Himmel ab. Nach wenigen Sekunden war gar nichts mehr davon übrig, nur ein verschneites Feld, aus dem ein paar dürre Espen und Birken ragten. Im Dämmerlicht schien es, als liefe über den Schnee ein lila Leuchten. Am Rande des Feldes schien ein schütterer dunkelvioletter Wald wie Schaum im Wind hin- und herzuschwanken. Vor mir stand eine aufgeklappte Malstaffelei mit Farben und einem Portrait.

Ein bärtiger Künstler in schwarzem Gewand, der dem Zöllner Rousseau ähnelte, sagte: "Na endlich! Seien Sie mir willkommen, Monsieur, stellen Sie sich bitte dorthin, schauen Sie zu mir, aber bewegen Sie sich nicht. Knöpfen sie den Pelz auf. Sagen Sie nichts, denn Worte sind hier, wie Sie sich denken werden, wertlos und unangemessen. Mir bleiben noch ein paar Pinselstriche, gleich ist alles zu Ende. Oder alles beginnt, ganz wie Sie wünschen."

Mein alter Wecker zeigte Viertel vor Fünf. Ich hatte es satt, auf dieses dusslige Portrait zu starren. Also stand ich vom Stuhl auf, schlug den karierten Vorhang zurück und schaute aus dem Fenster. Kalter Herbstregen fiel in dünnen Tropfen. Der nasse Asphalt war so schwarz wie Rabenflügel, alles andere - Häuser, Bäume, fünfetagige Plattenbauten und der Himmel darüber - war braun-grau. Der riesige Moskauer Hof leuchtete in all seiner Hässlichkeit. Ich überwand Gähnen und Schwäche, nahm das Portrait vom Nagel, riss den Kupferdraht vom Rahmen und wickelte es in fünf Lagen Zeitungspapier, die ich mit einer Kordel verschnürte. Morgens nahm ich es mit zur Arbeit. Nach der Mittagspause ging ich nicht ins Labor zurück, sondern fuhr zum Antiquariat und übergab dem mir unbekannten Verkäufer das Portrait nebst unterschriebener Quittung. Weil ich mit einer offiziellen Beschwerde drohte, erhielt ich mein Geld zurück. Nun fuhr ich zu der Postkartensammlerin, rechnete mit ihr ab und nahm den Mantel an mich. Ich zog ihn über, dann begab mich zur Großmutter.

Sie konnte sich an meinem neuen Outfit nicht sattsehen, befühlte den Persianerkragen mit Wohlgefallen und nickte zufrieden mit dem Kopf. Sie bot mir ein Stück Pirogge mit Krautfüllung an, dazu Reste des Salats von der Familienfeier. Ich aß, trank eine Tasse süßen Tee und riet ihr: "Nächstes Mal gib bitte nicht so viel Mayonnaise an den Salat."

 

(Aus dem Russischen Klaus Kleinmann)

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