Igor Schestkow "Das Monster"

 

DAS MONSTER

Vor etwa fünf Jahren berichteten Berliner Zeitungen über den grausamen Mord an einer Obdachlosen, deren verstümmelter Leichnam am Ufer der Wuhle in Marzahn gefunden worden war. Zunächst konnte die Frau wegen ihres Zustandes nicht identifiziert werden. Zu Beginn der Untersuchungen ging man davon aus, dass der oder die Täter im Bereich der Neonazi- oder Satanisten-Szene zu suchen seien. Doch die DNA-Analyse von Blut und Sperma auf den schmutzigen Überresten des Lakens, in das die Leiche eingehüllt war, führte mehr oder weniger zufällig auf die Spur von Nikolai P. (Name geändert), der dadurch der Tat überführt werden konnte. Bei ihm handelte es sich um einen 1944 geborenen Spätaussiedler, der in Marzahn wohnte. Ein psychiatrisches Gutachten stellte seine Schuldfähigkeit fest. Unter Berücksichtigung seines Alters und anderer mildernder Umstände verurteilte ihn das Gericht zu sechs Jahren Freiheitsentzug, die Nikolai P. zur Hälfte verbüßte, bevor er auf freien Fuß gesetzt wurde. Jetzt lebt er bei Stuttgart, früher jedoch wohnte er im gleichen Marzahner Hochhaus wie ich, war also gewissermaßen mein Nachbar. Wahrscheinlich bat mich die Polizei deswegen unter der Hand um Unterstützung als Dolmetscher. Vor allem sollte ich seine Aussagen verschriftlichen und ins Deutsche übersetzen.

Dabei kannte ich ihn gar nicht näher. Wir grüßten uns, wenn wir uns begegneten: Guten Tag. Hallo. Mehr nicht. Er war ein typischer, leicht verwahrloster Tattergreis russischer Prägung, den es vor zwanzig Jahren aus unerfindlichen Gründen nach Deutschland verschlagen hatte und der Deutsch weder sprechen konnte noch wollte - ein griesgrämiger, schmuddeliger Witwer mit unverkennbarer Neigung zum Alkohol. Ständig brabbelte er vor sich hin. Ich hielt mich von ihm fern.

Hier stelle ich einige Ausschnitte aus meinen Mitschriften zusammen.

...

Haben Sie sich schon einmal auf Tonband aufgenommen? Bitte sehr, schreiben Sie, meine Herrschaften, schreiben Sie sich die Finger wund. Die Gestapo hat das erfunden.

Macht euch nur über den Alten lustig!

Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Na gut, dann eben da: Meine Waschmaschine ist kaputt. Ich habe jede Menge Bettwäsche hineingestopft. Ich bin nun mal ein Geizhals, verstehst du? Für zwei Fuhren habe ich Waschpulver dazugegeben. Drei Betttücher, einen Überzug, eine Kissenhülle, fünf Sporthemden, Shorts und sonst noch so dies und jenes. Beim Schleudergang ist die Maschine dann in einer Tour hin- und hergehüpft wie nicht mehr ganz gescheit, hat gebollert und gerumpelt, hat furchtbare Hickser von sich gegeben, schließlich Gift und Galle gespuckt und den Geist aufgegeben. Aus der Tür, die von selber aufging, quollen Blubbern mit schillernden Rändern, und es fing an, im Badezimmer ekelhaft nach halbschmutziger Wäsche und verbrannten Kabeln zu stinken.

Was für ein Ärger mit diesem verdammten Mistding! Jetzt hätte ich die Garantiekarte suchen müssen, die ich vor ewigen Zeiten weiß der Geier wohin verräumt hatte, die Firma anrufen, einen Termin ausmachen... Da zog ich lieber, bei Nacht, versteht sich, die ramponierte Maschine Schritt für Schritt auf die Straße, das Ding war halt verdammt schwer. Die abgeschnittenen Schläuche schlackerten hinter mir herum wie die Fangarme einer toten Krake. Unterwegs gluckerte das Ding grausig vor sich hin, hatte Schaum vor dem Guckloch und stank, dass Gott erbarm. Ich stieß und zerrte sie vom Haus weg und über die Brücke auf die andere Seite des Johannisbeerflusses und rollte sie dort unter einen Weidenstrauch. Ich war sogar zu faul, die Wäsche herauszunehmen und warf sie gleich mit der Maschine weg. Der Fluss heißt natürlich irgendwie anders. Ich nenne ihn Johannisbeerfluss, weil es an seinem Ufer unglaublich viele Johannisbeersträucher gibt. Auf der Brücke ist eine kupferne Tafel mit dem Namen von so einem Deutschen, und das Gebüsch erinnert an eine Trauerweide.

Als die Maschine endlich weg war, wurde mir leichter ums Herz. Was jetzt aus ihr wird, ist mir egal. Deshalb mach ich mich doch nicht mehr nass, nach mir die Sintflut.

Sicher sagen jetzt alle: Du warst doch früher einmal Schuldirektor, warum kippst denn du jetzt in Deutschland Sperrmüll ins Gebüsch? Du musst nur die fällige Entsorgungsgebühr bezahlen, und gut is'. Dann kommen zuverlässige Spezialkräfte in Blaumännern und schaffen sie fort. Am besten hättest du gleich eine neue gekauft, dann hätten sie die alte kostenlos abtransportiert. Du bist und bleibst ein echtes Russenferkel!

Was fällt mir dazu ein? Kaufe, bezahle... Ach bleibt mir doch vom Hals mit euren Ratschlägen. Schert euch zum Teufel, ihr Rat-Schlägertypen! Na gut, ich bin halt ein russisches Ferkel, sowas braucht natürlich keiner. Damals in der Heimat war ich ein angesehener Bürger, vor meinem Direktorzimmer standen sie Schlange. Aber jetzt haben mich diese Scheißteutonen einkassiert, päppeln mich und blasen mir Zucker in den Hintern, und zum Dank dafür werde ich ihnen - nein: euch - mein restliches Leben lang absichtlich die Gerste verhageln und die Landschaft zumüllen. Ich kriege noch ganz andere Sachen fertig! Ich kann auch einen Bahnhof sprengen und ganz Berlin in die Luft jagen. Da wird euch das Lachen vergehen, ihr Lumpenhunde. Ihr sollt mich schon noch kennen lernen. Ich werde euch, verdammt nochmal, zeigen, zu was ein echter Russe fähig ist. Wartet's nur ab, unser Putin kommt und scheißt euch alle zu! Da gibt es kein Entrinnen. Ihr werdet allesamt mit Stumpf und Stiel ausgerottet, und euer Land dazu. "Hart ist unser Stahl und schnell sind unsere Panzer", so haben unsere Soldaten im Krieg gesungen. Wahrscheinlich habt ihr schon vergessen, wie eure Weiber unter ihnen gewinselt haben. Erinnert euch ruhig daran! Ihr habt euch hier die Bäuche vollgeschlagen, aber bald kommt unsere wilde Jagd mit Waffendonner und Brachialgewalt und walzt euch alle platt. Da könnt ihr euch eure Ratschläge hinten reinstecken. Ich scheiß drauf, ich piss drauf, ihr vollgefressenen Arschficker!

Ich hab auch keine Knete für eine neue Waschmaschine, kapiert das doch mal. Ich bin mutterseelenallein auf der Welt! Meine Kinder gucken mich mit dem Arsch nicht mehr an. Es ist gar nicht lange her, da schüttelt meine älteste Tochter, die Apothekerin, vorwurfsvoll ihr schlaues Köpfchen und sagt: "Papa, du bist ein Monster."

Was soll ich denn für ein Monster sein? Was ist das überhaupt, ein Monster? Ich habe keine Ahnung, aber das muss wohl etwas Schlimmes sein. Ein Fisch mit tausend Zähnen oder ein Unhold aus den Wäldern. Das sagt die ihrem eigenen Vater ins Gesicht. Und niemand legt sie dafür übers Knie und zeigt ihr mal wieder, wo es langgeht! Dabei ist sie erwachsen und steht auf eigenen Beinen, sogar Kinder hat sie schon. Lebt wie die Made im Speck, ganz anders als ihr armer Vater. Aber sie zeigt mit dem Finger auf mich und will mich zur Schnecke machen.

Monster!

Mein Nachbar, der Marko aus Serbien, hat seiner Tochter Slaviza, einer zwölfjährige Göre, den Hintern nach Strich und Faden mit dem Gürtel versohlt. Nicht, damit es weh tut, sondern nur zur Erziehung. Sie ist nämlich eine diebische Elster, die ihre Klassenkameraden beklaut hat. Und da geht doch diese Slaviza am nächsten Tag zur Schulärztin und verpfeift ihren eigenen Vater. Marko hat kräftige Hände, die auf Kinderhaut ihre Spuren hinterlassen. Veilchen. Und diese Schul-Pillendreherin macht doch glatt Fotos davon, setzt ein Protokoll auf, und ab damit zum Jugendamt. Schon am nächsten Tag flattert Marko eine gerichtliche Vorladung ins Haus. Dann kommt auch noch eine Tussi vom Amt dahergelatscht, reißt die dusselige Slaviza aus der Familie und steckt sie ein Heim. Marko wäre beinahe im Knast gelandet. Seine Frau, die Snježana, hat nämlich vor Gericht herumgesülzt: "Ja, mich schlägt er auch, der Wüstling!" Dabei stimmt das gar nicht. Der Makro schlägt doch seine Frau nicht. Das könnte jeder auf den ersten Blick sehen, der die beiden vergleicht: Der Marko, das ist doch nur ein Hänfling, aber diese Snježana eine richtige Walküre. Die - das ist wirklich ein Monster! Sie sieht aus wie Frankenstein aus dem Kino, hat Hände wie Kohlenschaufeln, Beine wie ein Pferd und Hauer wie ein Säbelzahntiger.

Sie schlägt ihn, und nicht umgekehrt, das kann ich bezeugen. Eines Tages werde ich im Morgengrauen davon wach, dass jemand wie wild an die Tür bollert. Geschrei und Höllenlärm im Treppenhaus. Ich schleiche auf Zehenspitzen ganz vorsichtig heran und schaue durchs Guckloch. Davor geistert ein blutüberströmtes Gesicht hin und her. Eine zweite Gestalt ist auch da, nur als Silhouette zu erkennen. Wie Windmühlenflügel sausen ihre Arme durch die Luft und schlagen immer wieder zu. Ich mache die Tür auf, und da steht Marko, windelweich geprügelt. Er flüchtet sich zu mir hinein.

"Mach die Tür zu, mach ganz schnell die Tür zu", schreit er, "sonst kommt die noch herein, diese Snježana, dieses Aas, diese Schlampe. Schau nur, wie sie mich zugerichtet hat!" Dabei zeigt er mir seine klaffenden Wunden. Und draußen vor der Tür brüllt Snježana herum: "Ich mach dich fertig, du Hurenbock!"

Ich habe meinen Nachbarn ins Bad verfrachetet und ihm Watte, Wodka und Pflaster gebracht. Er hat seine Wunden gesäubert, Wodka getrunken und sich verpflastert, während ich Tee kochte. Ein paar Rosinenkekse waren auch noch da, von denen, die ich so gerne mag. Marko griff zu und erzählte, in was für eine Furie sich Snježana verwandelt hatte. Offenbar nicht ganz zu unrecht. Hatte er doch irgend so ein fremdes Flittchen mit nach Hause gebracht und sie, dreckig wie sie war, in sein Bett gelassen. Nun ja, Snježana und Slaviza waren auf Urlaub an der Ostsee, kamen aber dummerweise zwei Tage früher nach Hause als vorgesehen, weil die Göre krank geworden war. Hatte sich im Meer erkältet und der Rotz lief ihr aus der Nase. Kamen also nach Hause und erwischten Marko mit irgendeiner Schlampe im Ehebett. Da ließ Snježana ihren Pranken freien Lauf und hätte dem armen Kerl beinahe die Seele aus dem Leib geprügelt. Das kleine Luder wäre vor Angst fast aus dem Fenster im neunten Stock gesprungen, konnte sich aber gerade noch anders verkrümeln.

Ich bin anschließend zu Snježana rübergegangen und habe sie bekniet, dass sie dem Marko doch verzeihen soll. Das hat sie dann auch getan.

Die sind beide bescheuert.

Der Feind soll wissen, wenn feig er lauert im Gesträuch, dass wir ihn finden schon beim leisesten Geräusch...

Jetzt hatte sich wieder ein Riesenberg schmutziger Bettwäsche bei mir angesammelt, aber die Waschmaschine war weg. Geld für eine neue? Fehlanzeige. Und von den schmutzigen Lumpen kriege ich das Kotzen. Da fiel mir wieder ein, dass es zehn Haltestellen weiter eine Wäscherei gibt. Also stopfte ich den ganzen Plunder in einen dicken Koffer und ab die Post. Du weißt ja, zur Straßenbahn muss ich durch einen Park. Na ja, ganz in der Nähe bei euch, wo die Polizei ist. Und ein paar Verkaufsbuden. Ich schnüre also mit meinem Koffer da entlang und sehe, dass all diese Buden schon geschlossen sind. Ende Oktober und schon lausekalt, kein Wunder. Vor einer dieser Buden sitzt mutterseelenallein eine Frau. Um die 35 Jahre alt, hübsches Frätzchen. Obdachlos oder was? Zigeunerin? Blaue Augen, dunkle Haut. In ihrem kurzen Röckchen zittert die Ärmste wie Espenlaub, streckt aber ihre langen Beine, die in schwarzen Netzstrümpfen stecken, höchst possierlich von sich weg und schlägt das rechte Knie über das linke. Man sieht, dass ihre Netzstrümpfe nicht mehr ganz heil sind.

Mir wurde heiß und kalt gleichzeitig, obwohl mir ein Gedanke durch den Kopf zuckte: Ist das etwa die, mit der Marko damals... Aber ich verscheuchte den Gedanken wieder.

Was weiter? Irgendwie lebe ich ja noch, wenn auch auf niedrigem Niveau. Das Testosteron in meinen Adern fing an zu blubbern. Ich ging zu ihr hin und begann ein Gespräch, aber sie zeigte auf ihren Mund und ihre Ohren und gab mir zu verstehen, sie sei taubstumm. Aber da bin ich ja ganz liberal. Ich stellte meinen Koffer mit der Wäsche vor die Verkaufsbude, setzte mich zu der Streunerin und legte ihr sogar den Arm um die Schulter. Sie klimperte mit ihren langen Wimpern und machte mich mit ihren knallrot bemalten, halboffenen Lippen völlig verrückt. Sie behielt die Beine übereinander geschlagen, streckte sie aber demonstrativ noch weiter von sich. Ihr Körperchen war zuckersüß, und wo die Netzstrümpfe aufhörten, zeigten sich krause Härchen und ein Schlitz... Also wirklich, Asche auf mein Haupt, ich war total verrückt nach der Kleinen.

Ich sagte zu ihr: "Na, was ist? Gehen wir zu mir?"

Dabei klang meine Stimme nicht ganz klar, eher wie durch eine Gießkanne oder wie heiseres Krächzen. Das war mir natürlich peinlich, aber die Tante hatte ja zum Glück Bohnen in den Ohren. Ich zeigte ihr mit Gesten, was ich wollte und konnte es mir nicht verkneifen, sie auf ihr dunkelbraunes Hälschen zu küssen. Mir war, als berührte ich mit den Lippen die feucht-kühlen Blütenblätter einer Teerose. Ich nahm ihre Hände und wollte sie hochziehen.

Sie erhob sich eher widerwillig und gab mir mit Blicken zu verstehen, dass sie mich für ein sexuelles Notstandsgebiet hielt, nickte dann aber und wuchtete sich meinen Wäschekoffer auf die Schultern, vielleicht um mir so etwas wie Fügsamkeit anzudeuten. Eigentlich wollte ich den ja selber tragen, aber sie schaute mich noch einmal durchdringend an, und ich überließ ihr das Ding.

Bei mir an der Eingangstür war kein Mensch zu sehen. Zum Glück, denn sonst wären sämtliche ortsansässigen Tratschtanten mit Fragen über mich hergefallen wie die Mäuschen über den Käse. Soll sie der Teufel holen, diese ekelhaften Klatschbasen. In Russland haben sie sich nicht leerschwatzen können, deswegen sind sie hierher gekommen, um weiter zu plappern. Sie sondern nur Mist und Jauche ab. Aber die Männer sind hier ja nicht unbedingt besser. So ein Jude schleicht immer herum, linst neugierig in alle Ecken und macht ein mieses Gesicht dabei. Der guckt durch und durch verschlagen. Aber wenn der böse Feind kommt, dann geht es ihm richtig schlecht.

Wir gingen in Haus hinein.

Im Lift drückte sich meine neue Eroberung mit der Brust an mich. Durch die Kleider hindurch spürte ich ihre Brustwarzen, hart wie Nadeln. Die stechen einem direkt in die Eier. Ich fing an zu zittern und fand kaum das Schlüsselloch. Das glaubt mir keiner: Ein alter Bock spürt Wellen von Frühlingsgefühlen in seinen Knochen, eine nach der anderen, die ihn auf den Ozean hinaustragen.

Ich sah plötzlich nur noch Sternchen, als hätte mir der Teufel einen Tritt mit dem Huf versetzt. Aber zwischen den Beinen stand mein Kerl wie ein Baum.

Ich führte sie ins Zimmer, schloss die Tür, ging aber selbst erst einmal ins Bad um mir kaltes Wasser ins Gesicht zu klatschen. Meine Zigeunerin wollte auch aufs Klo. Sie schüttelt ihr Lockenköpfchen und klappert mit den Augendeckeln. Kollert seltsam herum und zeigt auf die Toilettentür. Da klebt bei mir nämlich das Bild von einem pinkelnden Jungen. Eine volkstümliche Darstellung...

Als sie wieder herauskam, machte ich kurzen Prozess und schleifte sie ins Bett. Unterwegs riss ich mir die Klamotten vom Leib. Sie zog sich unter der Bettdecke aus. Sie schlang ihre zarten Schenkel um mich. Alles verschwamm, begann sich zu drehen wie ein Karussell und strudelte hinab in den Orkus.

Schon am Abend kam ich wieder zu mir. Ich lag im Bett unter dem Laken, aber meine Zigeunern war nicht neben mir. Vielleicht saß sie in der Wanne? Vor kurzem hatte ich einen neuen Badezusatz mit Orangenessenz gekauft. Dadurch bekommt die Haut eine leicht orange Tönung und riecht ein bisschen nach Ananas.

Ich stand auf, ging zur Badezimmertür, öffnete sie ein wenig und lugte durch den Spalt. Da sehe ich, wie die gute Seele meinen schmutzigen Plunder wäscht. Sie rubbelt alles mit den Händen durch. Jetzt hat sie keine Strumpfhosen an, und man sieht ihre dürren, abgemagerten Schenkel, die aussehen wie bei einem magersüchtigen Teenager. Auf ihrem Rücken zeichnen sich die Rippen ab. Ich stelle mir unwillkürlich vor, wie sie durch Deutschland vagabundiert und mit jedem x-Beliebigen ins Bett geht, nur um ein bisschen was zwischen die Zähne zu kriegen. Das ging mir durch und durch, das stach mir sogar direkt ins Herz.

Ja, mein Bester, ich hätte was daraus machen sollen, hätte mein jämmerliches Leben ändern und

aufhören sollen zu saufen. Vielleicht hätte ich ein paar Jährchen mit ihr in Frieden und Eintracht leben können wie ganz normale Leute. Aber ich bin nun einmal kein Jude, auch kein Deutscher, sondern ein russischer Dickschädel. Mein Herzschlag setzte aus, mein Lebensfaden sprang aus der Spule. Finsternis breitete sich in mir aus. Plötzlich hatte ich ein Messer in der Hand. Mein Bewusstsein war umnachtet. Wut erfasste mich, ein Affekt, ein heißer Fieberanfall. Was weiß ich. Du bist Spezialist für so etwas, also finde du doch heraus, wie und warum das geschah.

Warum, warum hast du mich nur auf den Kieker genommen? Du fragst, warum ich sie umgebracht habe? Warum ich diese unschuldige Menschenseele ermordet habe? Du wunderst dich über mich? Du kannst dich wundern, bis du schwarz wirst, du fischäugige Missgeburt. Es hat mir schon genug leid getan. Du wirst das nie verstehen, du Nazischwein. Du hast ja gar keine Seele, du Arschficker…

  

 

 

DER TAUSENDFÜßLER

Neulich habe ich mit einem Neuankömmling im russischen Laden diskutiert. Mit übertriebenem Eifer versuchte ich ihm zu beweisen, was ohnehin auf der Hand lag: "Eure lausige Regierung produziert nichts als Korruption, Schande und Verderben."

Mein Gesprächspartner erwiderte mir höflich, aber bestimmt: "Wer wird denn alles dermaßen über einen Kamm scheren wollen? Vor Kurzem habe ich ein hervorragendes Fernglas aus heimischer Produktion gekauft, nebenbei bemerkt: Billiger als eure deutschen Gläser. Und besser! Unserem Heimatland fehlt es nicht an Spitzentechnologie!"

Das war ein Schlag unter die Gürtellinie, denn seit meiner Kindheit habe ich an Ferngläsern und überhaupt an allen optischen Geräten einen Narren gefressen. Diese Vorliebe stammt aus der Zeit, als meine Großmutter Alisa mich, den empfindsamen Jungen, nicht in einen sowjetischen Kindergarten stecken wollte, und mich stattdessen mitnahm an ihren Arbeitsplatz im astronomischen Institut "Pawel Karlowitsch Sternberg", wo ich mit ausgemusterten Linsen, Fassungen Spiegeln, Prismen und anderem optischen Krimskrams spielen durfte.  

Nichtsnutzige Menschen kaufen bekanntlich nutzloses Zeug. Deswegen erstand ich ein russisches Fernglas, Made in Krasnogorsk, 20 x 60. Es vergrößert also um das Zwanzigfache, und sein Objektivdurchmesser beträgt sechs Zentimeter. Ein Mordsapparat. Ich fand dieses bemerkenswerte Produkt russischer Ingenieurskunst im Internet, bestellte es und bekam es nach dreiwöchiger Wartezeit (vermutlich transportierten die Russen diese Ware mit einer gogolischen Trojka). Für den Preis von nur vierzig Euro kam es mir jedenfalls vor wie ein Geschenk.

Ich öffnete das Paket nicht sofort, denn es ist fast ein religiöser Akt, eine Sache aus ihrer Verpackung herauszulösen, vergleichbar mit der Entkleidung einer Braut in der Hochzeitsnacht. Deshalb zog ich das Fernglas erst spät abends aus seinem Futteral - feierlich und langsam. Dabei war ich ganz wild darauf, den Vollmond anzuschauen und mich an den Kratern zu berauschen, lustvoll zu seufzen und mich meinen  Träumen hinzugeben. Aber ich schaute nicht gleich durch das Glas, sondern bestaunte seine raue Oberfläche und blickte in die orange vergüteten Linsen wie der Liebhaber in die Augen seiner Angebeteten.

Welch wunderbarer Abend...

Ein Hauch von Fliederduft schwebte über dem Dunst von Abgasen. Zitronengelb ging Mond im Südosten auf, genau über der örtlichen Müllkippe, und tauchte Marzahn mit seinen scheußlichen Wohnkomplexen ein so zauberhaftes Licht, dass seine monströse Architektur an ein vorzeitliches Ägypten oder Mesopotamien erinnerte. Zikkurat, die Pyramiden, das Ischtar-Tor, die hängenden Gärten der Semiramis...

Meine Seele erbebte.

Ich setzte mich bequem im Sessel zurecht, nahm endlich das schwere Fernglas zur Hand, das nostalgisch nach Arbeiterklasse roch und hob es neugierig zum Mond, um auf dessen "staubigen Pfaden" zu wandeln, um nachtzuwandeln und die amerikanische Flagge zu finden, die von der Crew der Apollo-Mission hinterlassen worden war. Ich schaute - und verfluchte stehenden Fußes Russland und meine eigene Dummheit. Als ich am Einstellrad für die Schärfe drehte, um möglichst den Unterschied zwischen meiner eigenen Sehkraft und der Klarheit des rechten Okulars auszugleichen, sah ich zwei quadratische Monde, die von einer rosafarbenen Schmiere umgeben waren.

Die Sehachsen verliefen nicht parallel, die Aberration war schlechterdings monströs, ein einziger Albtraum! Außerdem erschienen die beiden quadratischen Monde klein, viel kleiner als damals durch das nur achtfach vergrößernde Glas von Zeiss, das sich schon vor Jahren in Wohlgefallen aufgelöst haben muss (wie auch meine übrigen Habseligkeiten in der Moskauer Wohnung, die ich der Obhut von Freunden anvertraut hatte).

Krater waren keine zu sehen.

Durch das russische Fernglas betrachtet erinnerte der Mond hingegen an einen wurmstichigen Hintern. Mein Zorn kannte keine Grenzen. Am liebsten hätte ich den putinschen Feldstecher mit dem Hammer zerschlagen, befürchtete aber, mich an den Glassplittern zu verletzen. Also legte ich dieses Erzeugnis Krasnogarsker Optikerkunst vorsichtig zurück in seine heimische Verpackung und schickte es am nächsten Tag an die Adresse, die für eine eventuelle Retoure auf dem Beipackzettel stand. Kein Wunder: Das war in Berlin. Und nach zwei Monaten bekam ich sogar meine vierzig Euro zurück - allerdings erst nach einer dämlichen und kräftezehrenden Auseinandersetzung mit dem Hersteller und dem Verkäufer.

Ich versuchte, den niederschmetternden Eindruck des russischen Schrottproduktes durch den Kauf eines Fernglases aus westlicher Produktion wettzumachen. Daher bestellte ich eines der Marke Nikon und erhielt es bereits nach zwei Tagen. Wenn ich ein Dichter wäre, ich hätte auf dieses Gerät Verse geschmiedet, so wunderbar war es. Das Bild war scharf, hell und von beeindruckender Klarheit. Viele Male betrachtete ich den Mond, den Jupiter und die Milchstraße, sah fliegende Untertassen, die durch den blauen Ozean über Berlin segelten und betrachtete die Gesichter von Passanten wie durch ein Mikroskop. Sogar die Bilder in der Berliner Kunstgalerie sahen durch das Nikon besser aus als im Original.

Eines Tages saß ich auf meinem Balkon in der 9. Etage und betrachtete das Haus gegenüber. Es war heller Tag. Ich erwartete nichts Besonderes, sondern starrte nur auf die Betonwände mit ihren Fenstern und erfühlte den Stumpfsinn der Senkrechten. Dabei lernte ich von der toten Materie, was Eleganz und Reinheit der Funktion bedeuten. Die Schwalben zerschnitten mit ihren schwarzen Schwänzchen meinen Gesichtskreis von allen Seiten, gemächlich flogen Raben vorbei, fröhlich und flink die Spatzen und noch andere kleine Vögel. Die Pappeln winkten mit ihren grünen Armen und behinderten die Sicht. Schmetterlinge gaukelten durch die Luft. Hummeln...

Da sehe ich plötzlich gegenüber auf gleicher Höhe, nur nicht auf dem Balkon, denn da gibt es keinen, sondern in einem kleinen Guckfensterchen, das sperrangelweit geöffnet steht, einen Mann, der durch ein Fernglas schaut. Irgendwie ähnelte er mir. Alt, kahlköpfig und dick, wie er war, saß er auf einem Stuhl und schaute in die Welt. Anscheinend auch ein Russe, anscheinend genauso einsam und verlassen wie ich. Plötzlich bemerkte er mich ebenfalls. Ein, zwei Minuten starrten wir uns an, dann winkte er mir grüßend mit der Hand. Ich winkte zurück. Damit endete unsere erste Unterhaltung auf dem Luftwege auch schon. Seitdem sah ihn oft, fast jeden Tag sogar. Nachmittags sitze ich immer in einem Sessel auf dem Balkon und lese ein wenig. Dann nehme ich mein Fernglas zur Hand und betrachte das Leben ringsherum, das mich vor einigen Jahren ausgespuckt hat. Ich schaue nach drüben, zu ihm hin. Da sitzt er, schon guckt er her. Wir begrüßen uns, ich erweise ihm die Ehre eines militärischen Grußes, und er zeigt mit dem Finger auf seine Glatze. Mit wird klar, dass er mir sagen will: Mit kahlem Kopf, also ohne Militärkäppi, führt man keinen Soldatengruß aus. Ich ärgere mich aber nicht darüber, sondern nicke, was soviel bedeutet wie: "Na ja, ich habe keine Kappe auf, aber ich ticke noch ganz richtig." Dabei zeige ich mit dem auf Finger auf ihn, im Sinne von "Du doch auch". Er versteht mich und nickt zur Antwort.

Jetzt deutet er mit dem Finger auf eine Gruppe von bebrillten Männern mit Frisuren, die man aus dem Gangstermilieu kennt. Bei ihnen stehen Frauen in schwarzen, knöchellangen Kleidern und dunklen Kopftüchern. Das sind neue Flüchtlinge aus Syrien. Von denen geistern hier jetzt ziemlich viele herum. Mein Nachbar zeigt auf sie und wiegt bedenklich den Kopf. Dann dreht er die Handflächen nach oben und macht eine hilflose Miene, die zeigt, dass man daran nichts ändern kann. Ich nicke gleichfalls und wiederhole seine Geste. Das heißt: "Jaja, alles klar, Deutschland begeht seinen zweiten Selbstmord, nachdem es schon vor Jahren türkische Gastarbeiter millionenfach hereinkomplimentiert hat. Da ist Hopfen und Malz verloren. Das da sind nützliche Idioten, linke Volltrottel, die weder ihren eigenen Kindern noch ihrem Kulturkreis auch nur eine Träne nachweinen."  

Ich weise mit der Hand auf einige Leute, die am Wasserhäuschen gegenüber herumlungern. Alkoholiker, denen das Leben völlig entglitten ist. Fast alle sind mit wolgadeutschen Frauen verheiratete Russen. Ich wiege den Kopf, was heißen soll: "Die sind auch nicht besser." Er nickt und hebt wieder hilflos die Hände, diesmal allerdings noch pessimistischer als beim ersten Mal: "Wegen diesen Typen sind wir damals aus der Sowjetunion ausgewandert, und nun haben wir sie wieder: Das gleiche versoffene Lumpenpack."

Jetzt zeigt sein Finger auf ein weiter entferntes ebenerdiges Gebäude, eine Mischung aus Klub, Café und Muckibude. Dort treffen sich Abend für Abend die Marzahner Neonazis. Ich schaue hin und hebe erneut hilflos die Hand: "Das ist das allerübelste Geschmeiß, und täglich werden es mehr." Mein Finger wandert zum Hals: "Die machen uns alle kalt, wenn es mit der Regierung weiter den Bach hinabgeht." Er nickt und zeigt wieder auf die Frauen aus Syrien: "Oder sie, und wenn sie nicht, dann ihre Kinder. Verdammte Islamistenbrut." Diesmal nicke ich ganz besonders energisch, hebe den Finger zum Mund und mache ein verklärtes Gesicht: "Ich trinke jetzt einen Kaffe, und Sahne gibt es auch dazu." Wieder nickt er, aber mit bitterer Miene und abwehrender Geste: "Ich trinke seit langem nur noch Wasser, dieses stinkige Berliner Leitungswasser."

So unterhielt ich mich mit meinem geräuschlosen Kumpanen bis tief in den Herbst. Schließlich machte er das Fenster nicht mehr auf. War es ihm zu kalt geworden? War er umgezogen?

Allmählich begann ich ihn zu vergessen.

Aber dann unterhielt ich mich ein bisschen mit einer Verkäuferin, die ich aus dem Russenladen kenne. Das war gegen Weihnachten. Wie sie heißt? Ljubotschka, Ljudmilla, Lipa... Was weiß denn ich. Das ist so eine fette Wuchtbrumme mit dicken Eumeln und Händen wie Baggerschaufeln. Die kann derartig was von gottslästerlich fluchen, mein lieber Schwan! Aber sie ist ganz in Ordnung, auch wenn sie mit Krim-Annexion einverstanden ist.

Sagt doch diese Ljuba-Lipa: "Haben Sie denn nicht gehört, was da wieder furchtbar Grausames passiert ist? Das muss so im Oktober gewesen sein."

"Na, was ist denn so furchtbar Grausames im Oktober passiert?"

"Da war etwas mit so einem Juden. Er sieht Ihnen irgendwie ähnlich. Als ich davon gehört habe, musste ich gleich an Sie denken, und... da bin ich erschrocken. Wäre schön blöd, so einen Kunden zu verlieren. Mit Ihnen kann man wenigstens noch reden, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Was da sonst manchmal für Typen herumlaufen... Saubande, dreckige. Berlin geht ja noch, aber seine Bewohner? Ich kann Ihnen sagen: wie in Tscheljabinsk."

"Reden Sie nicht drumherum, sagen Sie schon, was los ist."

"Nix Genaues weiß ich ja nicht. Keiner blickt da so richtig durch. Aber die Buschtrommel sagt, es hätte einen tödlichen Mord gegeben. So eine Zigeunerin aus Rumänien soll einen Juden umgebracht haben."

"Was denn für eine Zigeunerin?"

"Eine obdachlose Pennerin, die sich hier den ganzen Sommer lang herumgetrieben hat. Sie haben sie bestimmt auch gesehen. Allen Männern hat sie den Kopf verdreht, die hatte irgendwie nicht alle Tassen im Schrank."

"Was war denn los mit ihr?"

"Die war irgendwie anders. So eine Art Hexe. Die hat jeden Mann sofort zum Wahnsinn gebracht. Diese Zigeunerinnen haben doch alle einen Schuss Gift im Blut... Die klimpern dreimal mit den Augendeckeln, und schon geht der stärkste Mann in die Knie."

"Und was weiter?"

Die Weiber sagen, sie hätte ihm leid getan, als er sie sah. Vielleicht hat sie dem alten Knacker auch den Kopf verdreht, als sie da bei den Verkaufsbuden herumlungerte. Ach ja, 'tschuldigung, an Sie habe ich dabei jetzt gar nicht gedacht. Jedenfalls hat er sie in seine Wohnung mitgeschleppt. Er hat sie gewaschen und gefüttert. Als Witwer, der er ist, hat er wahrscheinlich seit zehn Jahren kein Weibsbild mehr gesehen. Hier im Laden ist er gewesen und hat Pelmeni mit Putenfleisch gekauft. Das war so ein ganz Penibler, hat auch Grütze mitgenommen und Bonbons Marke "Vogelmilch". Ein bisschen wie Sie. Er hat nur so komisch geredet. Der eine Mundwinkel hing ihm schief herunter, kann sein, er hat mal einen Schlaganfall gehabt. Jedenfalls hat sie den richtig kirre gemacht, und er hat sie wohl von hinten und von vorn... So gut das halt noch ging. Aber sie hat ihm früh morgens, als er eingeschlafen war, mit dem Rasiermesser die Kehle durchgeschnitten. Vielleicht hat sie ihm auch die Schlagadern durchgebissen, das Miststück. Das ganze Blut ist aus ihm herausgelaufen, verdammte Vampirsbraut, die! Sie hat ihm die Wohnung total versaut und noch irgendeinen Schwachsinn an die Wand geschmiert. Tausendfüßler oder Ameisen oder so. Überall hat sie ihre Knoddel hinterlassen wie eine Füchsin. Dann ist sie abgehauen, hat nicht einmal die Tür hinter sich zugemacht. Zwei Tage danach sind die Nachbarn gekommen und haben nachgeschaut. Da lag der alte Jude tot im Bett, nackt. Entsetzlicher Anblick, ganz grau, das Blut war ja raus. Und an der Wand ein Tausendfüßler... Jaja, die Polizei hat die Rumänin irgendwo geschnappt und eingesperrt. Die kriegt bestimmt ein paar Jährchen aufgebrummt. Den Juden haben sie auf dem jüdischen Friedhof am Weißensee begraben. Der ist riesig, mit lauter Grabsteinen aus Marmor und Granit. Aus Spaß geht da keiner hin, ganz bestimmt nicht."

Von diesem Quatsch habe ich nicht ein einziges Wort geglaubt. Ist doch klar. 

 

(Aus dem Russischen: Klaus Kleinmann)

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