Igor Schestkow "Das Ende des Professors Tschesnokow"

 
 
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„Was liest du denn da? Verbotene Literatur?“, fragte Professor Tschesnokow seinen Schwiegersohn Mischa, einen Moskauer Lackaffen und Snob, und lächelte spöttisch.
„Das ist die Bibel, Iwan Sysojewitsch“, erwiderte der Schwiegersohn. „Sie wurde von Deutschen in Jerusalem für die Unsrigen herausgegeben. Meine Eltern haben sie mir geschickt. Der Zoll hat's aus irgendeinem Grund durchgelassen.“
Tschesnokow nahm das schwarze Buch mit dem anziehenden gerippten Umschlag, ohne einen Hinweis auf den Titel, in die Hand, begann die unnatürlich weißen, halb durchsichtigen Seiten mit seinen klobigen Fingern durchzublättern und las einige Zeilen daraus vor: „Der Tod ist durch unsere Fenster eingefallen und in unsere Paläste gekommen, die Kinder zu würgen auf der Gasse und die Jünglinge auf der Straße. Die Leichen der Leute liegen wie Dünger auf dem Feld, wie Garben hinter dem Schnitter; keiner ist da, der sie sammelt...“
Erbarmungslos erklärte er: „So ein Dreck. Wie kannst du diesen Unsinn lesen? Und das nennt sich Naturwissenschaftler. Ihr seid hier ja alle Hohlköpfe. Ihr Moskauer.“
Dann öffnete er die auf Mischas Schreibtisch liegende grüne Mappe, nahm ein Blatt heraus und heftete seinen Blick auf die erste Zeile, die ihm in die Augen stach. Grinsend begann er zu deklamieren:
„Der auf knöchernen Stelzen daherstaksende Tigerhai holte den Siedler ein und durchbohrte ihn mit einer Riesenstricknadel. Tausende von Menschen kletterten auf den Felsen. Als sie die Gipfel erreichten, verbeugten sie sich vor einer mit Warzen übersäten Kröte, die eine goldene Krone auf dem Haupt trug, und stürzten sich in ihren glühenden Schlund... Wie im Delirium! Noch so eine Stelle: Aus einem riesigen zerschlagenen Ei ragte eine Harfe, auf deren Saiten eine anderthalb Meter große Spinne hockte. Die aufgezogenen Eichhörnchen tanzten im Reigen um den Baum der Erkenntnis, auf dem ein Metallspecht saß und einen toten gekreuzigten Affen mit seinem langen Schnabel bearbeitete. Halbfrauen-Halbfische, deren stählerne Schuppen glänzten, warfen Seeigel in einen bärtigen Kessel. Der Kessel rollte mit seinen riesigen rubinroten Augen, auf seinen Augenbrauen saßen blaugeflügelte Libellen. Aus dem Schlitz im verbrannten Hinterteil eines Magiers rieselten vergoldete Vögel… Dafür hast du deine Dissertation aufgegeben, um diesen Quatsch zu schreiben, du, bärtiger Kochtopf? Dafür ist ja sogar das Papier zu schade.“
„Provinzbanause! Irgendwann erwischt es dich schon noch!“, dachte sich der Schwiegersohn des Professors, seufzte schwer und ging in die Küche.
Jeder Besuch des Vaters seiner Frau war für Mischa eine schwere Prüfung. Er durfte den Schwiegervater nicht hinauswerfen – seine Frau tat ihm leid, die physisch nicht zu einem Bruch mit dem Vater in der Lage war. Und das machte ihn wütend.
Der Professor kam oft.
Er machte kurze Abstecher zu seinen Auftraggebern vom Militär, lief die wichtigen Leute im Ministerium ab, lud sich mit Waren aus den Geschäften im Zentrum voll. Viel Zeit verbrachte er zuhause.
Das Schreiben konnte man an solchen Tagen vergessen. Tschesnokow forderte Aufmerksamkeit und wollte, dass man sich um ihn kümmerte. Er füllte die Wohnung mit seinem hitzigen Körper aus, schaltete den Fernsehapparat ein, gab Ratschläge, um die ihn niemand gebeten hatte. Laut schwatzte er vor sich hin. Besonders liebte er es, die Moskauer Bevölkerung zu entlarven. Jedes Mal machte er sich über Mischas Bemühungen, einen surrealistischen Roman zu schreiben, lustig. Eine Belehrung folgte der nächsten.
Mischa kam es so vor, als gingen Wellen einer grenzenlosen Stumpfsinnigkeit von seinem Schwiegervater aus, so wie es häufig bei erfolgreichen sowjetischen Menschen anzutreffen war. Mischa versuchte sogar, sich gegen ihn zu wehren. Wie seine Literaturhelden vor den fliegenden Fischen.
„Die Moskauer sollte man erschießen! Sie sind zu fett geworden! Ohne Reue werdet ihr krepieren, ihr dekadenten Lackaffen!“, prophezeite Tschesnokow, während er seinen Kaffee trank.
„Auch Ihre Tochter und das ungeborene Kind?“
„Dreh mir nicht das Wort im Mund um, du Moskauer Großmaul! Mach dir selbst ein Bild – in unserem Gebiet werden Kartoffeln angebaut und geerntet, dann auf Güterwagen geladen und nach Moskau transportiert.
Gute, mehlige Kartoffeln aus unserer Schwarzerde, nicht wie hier bei euch in schlechten Böden. Und bei uns haben sowohl die Menschen als auch das Vieh nichts davon. Unsere Schokoladenfabrik arbeitet Tag und Nacht. Und wir haben nichts zwischen den Beißerchen. „Aljonka“, „Mischka im Norden“. Nein, Mischka ist nicht im Norden, sondern in Moskau. Zwei Fleischfabriken gibt es in unserer Stadt und im Außenbezirk noch eine. Bekannte haben es gesehen, Fleisch – mehr als genug. Aber in den Geschäften liegen nur graue Knochen. Und das nicht mal jeden Tag.
Wo, wohin ist es verschwunden – alles in die Hauptstadt gebracht. Platzt ihr nicht vor lauter Fett? Käse hat es bei uns seit dem Krieg nicht mehr gegeben. In der Hälfte der Dörfer kein sauberes Wasser, keine Elektrizität. Die Leute wissen nicht, was eine Tomate ist. Sie haben nicht einmal im Leben eine normale Toilette benutzt. Scheißen wie die Tiere in den Höhlen. Paraden, Mausoleen, wissenschaftliche Akademien gibt es, seht euch das an. Doch wenn sie schwache Dissertationen haben, promovieren sie bei uns, beim provinziellen Wissenschaftsrat! Wie man sein Mäntelchen doch nach dem Wind hängen kann! Zehn-, zwanzigtausend muss man erschießen, den Übrigen wird die Lust auf solche Dinge vergehen. Mit Maschinengewehren. Puff-puff-puff!“
„Werden Sie selbst schießen? Oder laden Sie die Securitate dazu ein? Ivan Sysojewitsch, Sie könnten eine schriftliche Abhandlung dazu verfassen und im Parteikomitee Ihres Institutes vorstellen. Sollen die beurteilen, was der Kommunist Tschesnokow sich so überlegt. Wovon er träumt. Sie können das Traktat so betiteln – wie wir Russland neu gestalten. Mit Mischkas und ohne.“
Galja flüsterte ihrem Mann ins Ohr: „Was willst du mit dem Kopf durch die Wand? Er ist alt. Um ihn zu erziehen, ist es schon zu spät! Er regt sich auf und palavert dann den ganzen Abend vor sich hin. Und dann wird ihm schlecht.“
„Wenn's nur so wär. Eher mir.“
Gegen acht rief Galja zum Essen. Der Professor fragte ungeduldig: „Gibt's Kognak?“
„Paps, Ariskin hat es dir doch verboten!“
„Ariskin säuft selbst wie ein Pferd! Wenn Natalja Sidorowna nicht dabei ist.“
Galja widersprach leise: „Pferde trinken keinen Kognak. Wir haben Fruchtsaft. Aus Stachelbeeren.“
Der Professor trank drei Gläschen armenischen Kognak, den Mischa für Freunde aufgehoben hatte. Laut schmatzend aß er einen großen Teller Bratkartoffeln und den halben Topf von geschmortem Fleisch mit Pilzen. Genießerisch verschlang er einige Salzgurken, die er selbst als Geschenk für die Tochter und den Schwiegersohn mitgebracht hatte. Trank zwei Tassen Kaffee. Mit seinen dicken Nägeln stocherte er in den riesigen hervorstehenden Zähnen herum, stand auf und ging zum Fernseher.
Mischa sah seine Frau vorwurfsvoll an. Galja begann sich zu rechtfertigen: „Was soll ich tun? Quäl mich nicht! Er ist mein Vater. Und nicht der schlechteste, im Übrigen. Das ganze Jahr hat er Geld geschickt. Und als ich klein war – hat er mich nicht ein einziges Mal angeschrien. Auf dich reagiert er so. Er spürt, dass du ihn verachtest.“
„Über die Bibel hat er gesagt, sie sei Dreck. Meinen Entwurf hat er zerpflückt. Ducasse-Imitation. Dieses verfluchte Schnabeltier.“
„Er ist auf dem Land zur Schule gegangen. Ist Absolvent einer Arbeiter-und-Bauern-Fakultät. Er hat wie ein Ochse geschuftet, hat sich alles mit seinen eigenen Händen erarbeitet. Mutter korrigiert bis jetzt seine Artikel. Er ist auch nicht belesen.“
„Wie ein Ochse. Weißt du übrigens, was ein Ochse ist? Ein kastrierter Stier. Wenn er ungebildet ist, dann soll er sich nicht einmischen. Aber der mit seinem Schwachsinn: Dreck, erschießen, Kartoffeln...“
Da kam Tschesnokow in die Küche. Wild sah er Tochter und Schwiegersohn an. Fuchtelte zornig mit der Hand. Er goss sich ein Glas voll, trank aus und begann zähneknirschend zu sprechen: „Ein Ausnahmezustand! In der Nacht sind Truppen in Baku einmarschiert! General Lebed hat das Kommando. Jetzt werden die Aserbaidschaner eingekocht! Das muss auch sein – sie haben die Grenze zum Iran verwüstet, haben den Sicherheitstreifen zertrampelt und unsere Grenzsoldaten gedemütigt und verjagt. Haben sich über die Freiheit zu früh gefreut, die Moslemschweine. Euch werden wir schon zeigen, wo es lang geht. Es ist Zeit, ein Exempel zu statuieren. Die Kaukasier sind übermütig geworden. Vierzigtausend sollte man erschießen. Mit Panzern niederschlagen. Und Raketen. Höchste Zeit sie nach Sibirien zu schicken, in die Kälte. Dort können sie ruhig über die NATO nachdenken. Die Ukrainer im Westen haben auch schon ihre zotigen Mäuler aufgerissen. Für diese Leute müssen wir den Knüppel aus dem Sack holen. Die ganze Drecksmeute will in die Unabhängigkeit!“
Mischa versuchte, den Professor bei unlogischen Argumenten zu erwischen.
„Mit Raketen... Wo es lang geht... Den Knüppel aus dem Sack holen. Was reden Sie da, Ivan Sysojewitsch? Wenn das so eine Drecksmeute ist, warum sollen wir sie dann mit Gewalt in der UdSSR halten? Sollen sie doch gehen.“
„Du bist noch zu jung, um mit mir zu streiten. Du hast die UdSSR nicht aufgebaut, willst sie aber zerstören. Was für eine große Idee das war und von was für Leuten! Kein Vergleich mit Derzeitigen. Für Stalin hat man sein Leben gegeben, aber für deinen Gorbatschow, wer will für den sterben?“
„Er ist nicht 'mein Gorbatschow', sondern gehört zu Ihnen, Ihr Parteigenosse. Mein – Sacharow. Aber Sie haben nicht auf ihn gehört. Haben ihn erwürgt. Man muss für niemanden sein Leben geben. Lassen Sie uns einfach in Ruhe leben.“
„Deinen Sacharow hätte man erschießen sollen. Mit einem Maschinengewehr. Er ist ein Volksfeind!“
Alles am Professor provozierte Mischa.
Die widerliche Angewohnheit, den Kopf von einer Seite auf die andere zu wenden. Die belehrend zusammengepressten, schmalen, blutleeren Lippen. Der metallisch klingende Flüsterton mit hysterischer Modulation, der ins Schreien überging. Das wuchtige, unförmige graue Stirnhaar, die platten unschönen Ohren. Sein aufdringlicher, saurer Geruch nach Tabak und Alkohol. Die blauen Augen mit den weißen Wimpern. Und seine riesige Enten-Nase.
Der Professor trank noch einige Gläschen, rauchte sechs Zigaretten und legte sich schließlich schlafen. Auf das Klappbett. Zwei Meter vom Ehebett von Tochter und Schwiegersohn entfernt. Mischa hatte es noch nicht einmal geschafft, Galja zu überreden, ihn in der Nacht in die Küche auszuquartieren.
Eine Minute später begann der Professor zu schnarchen. Im Zimmer roch es nach Kognak und unverdautem gebratenem Fleisch. Löwengebrüll wurde abgelöst von schakalartigem Gestöhne...
Mischa umarmte Galja und flüsterte: „Ich stehe jetzt auf, geh in die Küche, nehme das größte und schärfste Messer und bring ihn um!“
Seine schwangere Frau verstand keinen Spaß. Sie begann zu winseln. Und hatte eine Fehlgeburt.
 
Mischa blieb im Krankenhaus, um dort, nicht weit vom Zimmer seiner Frau, auf einer schmalen Bank im Gang zu übernachten. Er gab jeder Krankenschwester einen Dreirubelschein. Sie stellten ihm zwei schäbige Decken und ein feuchtes Laken zur Verfügung. Er hoffte, dass Galja am nächsten Morgen entlassen werden würde. Die ganze Nacht hörte er im Schlaf das leise Wimmern seiner Frau. Das Beruhigungsmittel hatte nicht gewirkt.
Er starrte auf das Ende des Ganges. Dort bewegten sich Schatten und Lichtflecken, die Glaskästen mit den schrecklichen Instrumenten glänzten. Durchsichtige Gespenster-Armeen lieferten sich ein tödliches Gefecht. Die gehörnten Trolleybus-Ritter begannen den Kampf mit den gepanzerten Autobussen. Die plumpen Trolleybusse schlugen mit den Stangen ihrer Oberleitungen auf die Autobusse ein, diese antworteten mit Frontalschlägen ihrer eisenbeschlagenen Stirnen mit den zusammengezogenen Augenbrauen.
Die Kämpfenden reizten mit ihrem höllischen Knirschen und dem metallenen Klirren das Trommelfell. Seine Augen brannten von den ätzenden Krankenhausgerüchen, jemand hatte ihm eine unangenehme Eisenkugel von einem altmodischen Bett in den Mund geschoben. Die Kugel drehte sich, in ihr war ein leises Surren zu hören. Außerdem war Mischa selbst ein Autobus, er beeilte sich, hatte Angst davor, zu spät ins Depot zu kommen. Er drückte aufs Gaspedal. Aber wie zum Trotz blieb er mitten auf dem Leninski Prospekt stehen.
Das schmutzige Gelb einer Moskauer Januarnacht kroch in den Krankenhausgang. Ein roter Stieglitz pickte ihm genau ins Herz. Ratten zerfraßen ihm die Gedärme.
„Hätte ich nur meine Klappe gehalten! Und jetzt – ein Klumpen. Alles, was von meinem Kind geblieben ist. Ein winziges Händchen war zu sehen. Wie von einer Alabasterpuppe. Und das Blut auf den kleinen Fingern ohne Nägel. Nichts kann man zurücknehmen. Das Leben ist ein unumkehrbarer Prozess. Nicht einmal Er hat es geschafft. Ist auf einem Eselchen dahergeritten, hat flehentlich um das Vorüberziehen des Kelches gebetet, und ist auf dem Berg, in die Wolken, ins Mythos geglitten. Weil nichts und niemand zurückgenommen wird.
Jetzt liegt mein Sohn im Leichenschauhaus, neben den riesigen, behaarten Leichen. Sie haben ihr Leben gelebt. Ihre Chance genutzt. Aber er. Erst geboren. Leib von meinem Leib. Warum ist mir das alles gleichgültig? Wir sind schlimmer als die Autobusse. Wir brauchen keine Bibel, sondern Benzin und einen Fahrplan...“
In diesem Moment erschien am Ende des Ganges Professor Tschesnokow, er kam aus dem alten, zertretenen Krankenhausparkett hervorgekrochen.
 
 
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Der Krankenhaus-Tschesnokow sah dem Schwiegervater von Mischa nicht ähnlich, er war noch nicht einmal ein Mensch, sondern ein Trolleybus der Linie 34. Der Trolleybus-Professor schüttelte den Staub ab, kam waghalsig den Gang entlang, hielt vor Mischas Bank an, gab ein Signal und öffnete die automatischen Vordertüren. Er verkündete: „Wir fahren bis Krawtschenko. Nur bis Krawtschenko!“
„Ich muss nicht nach Krawtschenko, ich will weiter. Ich muss bis zu den Lenin-Bergen, und von dort auf dem Luftweg. Direkt zum Glockenturm Iwan des Großen. Auf der Kuppel kann man gut sitzen und mit den Füßen baumeln. Auf dem Kreml. Dort kann man ein Häufchen hinterlassen.“
Mischa öffnete die Augen. Vor ihm stand eine Krankenschwester der chirurgischen Abteilung. Eine alte Katze mit altmodischer Haube. Mit Schnurrbart. Auf ihrer Brust hing ein Ritter-Panzer.
In der Hand hielt sie einen Korb mit Kirchenutensilien – Kerzenleuchter, ein Weihrauchfass, die Lanze Christi, Altarkreuze und einen Weihwasserkelch. Sie trug schwarze Stiefel mit Galoschen. Auf die Stiefel waren mit Kugelschreiber Kreuze und Schädel gemalt. Die Schwester murmelte: „Süßer, wach auf, miau-miau, ansonsten verspätest du dich zum Konzert im Terem-Palast. Breschnew hat einen Solo-Auftritt mit der Ziehharmonika. Suslow und Pelsche werden das Ave-Maria singen. Es ist nicht gut, wenn du die Obrigkeit beleidigst. Sie werden sich daran stoßen. Du segelst zu oft. Sitzt auf dem Mast. Du spielst mit den himmlischen Bibern und vergisst die Zeit.“
Die Schwester zog sich die Stiefel aus, dann die Strümpfe und begann sich die schwarz gewordenen, rauen Zehen zu massieren. Sie fing an zu jammern: „Oh Herr, verzeih mir. Niemand schenkt der alten Greta Liebe, niemand kitzelt das Kätzchen zwischen den Zehen. Miau-Katau.“
Da stellte sich der Trolleybus-Professor auf die Hinterbeine, klatschte mit seinen Spatzenflügeln und piepste: „Es kitzelt dich jemand, und jemand liebt dich! Ich will auch in das Konzert! Ich bin nicht irgend so ein Schwarzfahrer. Meine Mutter kauft mir immer eine Monatskarte!“
Er hüpfte einmal auf der Stelle und schaltete auf Rückwärtsgang. Fledermäuse kamen aus den dunklen Ecken herausgeflogen und zeichneten vor Mischas Augen schwarze Buchstaben in die Luft. Gimpel bespritzten das Parkett mit ihrem roten Brustwachs. Eine dressierte Krähe mit einer Diamantkette um den Hals krächzte: „App-App!“
Es tauchten Luftakrobaten an silbernen Nabelschnüren auf. Sie drehten und wendeten sich in der Luft, klatschten einer dem anderen in die Hände. Dem Schlafenden begann es im Schädelinneren zu jucken.
Weil dort ein Handkorb lag. Und darin waren fünf Küken. Sie baten um Essen. Der Star gab ihnen Sardinen, aber sie probierten nicht einmal davon.
Ein kleines Raumschiff startete mit unerträglichem Getöse genau vom Bauch aus. Es landete auf seinem Scheitel. Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. Und ging auf den Markt, um Petersilie zu kaufen.
In einer Glaskugel saßen drei Mönche. Sie weinten und weinten und begannen dann auf ihren Flöten zu spielen.
Der Fisch hatte den stählernen Fuß aufgefressen.
Der Schlafmantel war voller Fettflecken. Und die Straßenbahn war im Fluss versunken.
Luft, ich brauche Luft! Chrr, chrr!
Mischa sprang auf, fasste sich an den Hals und begann, wie ein von Schlangen Gebissener, zu zucken. Er holte tief Luft. Überzeugte sich, dass niemand in der Nähe war, weder die Krankenschwester noch ein Trolleybus, noch Luftakrobaten. Der müde diensthabende Arzt lief über den Flur.
Mischa warf einen Blick ins Zimmer seiner Frau. Vorsichtig, auf Zehenspitzen ging er hinein und legte Galja die Hand auf die heiße Stirn. Streichelte sie. Sie öffnete die geschwollenen Augen, wollte ihren Mann anlächeln, erinnerte sich aber an den verstorbenen Sohn und begann zu weinen.
 
 
 
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Tschesnokow beschloss, nach Hause zu fahren.
„Was machen wir dort zu zweit? Bald ist es Morgen. Ich muss noch einige Unterlagen durchsehen. Für eine Besprechung, wie auch immer.“
Er hielt ein Taxi an, setzte sich auf den Hintersitz und ordnete an: „Fahr schnell nach Jasenewo. Golubinskaja-Straße.“
Der Taxifahrer ließ schweigend den Motor an.
„Mit Pospelow muss ich alles in Ordnung bringen. Er ist kompliziert, vielleicht wird er den Stellenplan nicht bestätigen. Er hat immer so spezielle Ideen. Plant die Verteilungsmodi schon Jahre im Voraus. Soll ich ihm eine Prämie versprechen? Zweitausend? Es wird ihn kränken. Ich muss eine Rochade durchsetzen. Ansonsten wird die Abteilung geschluckt. Ich muss morgen in Form sein. Gut frühstücken. Vielleicht im Restaurant. Und zuhause soll der Schwiegersohn für seine kranke Frau etwas herrichten. Soll ich mich im „Tadschikiston“ mit Pilaw verwöhnen oder sogar einen kurzen Abstecher ins „Pekin“ machen. Wie damals mit Ljapin, nach der Promotion. Wie prächtig wir damals gefeiert haben! Bis in den Morgen sind wir mit den Zigeunern zusammengesessen. Pascha Bastin hat zehn Gläser zerschlagen. Der Husarenreiter. Und die Zigeuner-Nymphen haben mit ihren Brüsten gewackelt, diese Weiber. Ach, was für ein süßes Vergnügen. Der Schauspieler Soschalski kam zu unserem Tisch. Darf ich mich vorstellen. Ein Dandy. Wohin fahren wir denn? Es sind schon ungefähr zehn Minuten vergangen, seit wir vom Leninski Prospekt abgebogen sind. Häuser sind da gebaut worden.“
Da erinnerte sich Tschesnokow wieder an die noch nicht unterschriebenen Dokumente, schüttelte den Kopf, schluckte seinen bitteren Speichel und presste die Kiefer knirschend aufeinander. Er fragte den Fahrer: „Hej, Chef, wo bringst du mich denn hin? Ich kenne mich hier nicht aus. Sind wir schon über die Kaluschskaja?“
Der Chauffeur murmelte etwas. Im Halbdunkel des Fahrgastraumes schien es Tschesnokow, als hätte der Fahrer keine Haare. Nur den nackten Schädel. Ja und nicht einmal menschlich sah der aus, sondern fremd, einem Schildkrötenpanzer ähnlich. Mit riesigen Ohren wie von einem Tier. Der Professor erschrak und sah den Chauffeur nicht mehr an. Und fragte auch nicht mehr.
„Meine Tochter war sechs Monate schwanger. Sechs Monate lang. Und dann – Fehlgeburt. Sie hat kein Glück. Hat sich mit diesem Alten eingelassen. Was sie an dem wohl gefunden hat. An einem, der beinahe schon korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften ist. Verheiratet, schon mit einem Fuß im Grab, und dann ein Auge auf blutjunge Mädchen werfen. Gut, dass sich seine Frau, auch keine dumme Gans, sofort ans Parteikomitee gewandt hat. Die sowjetische Familie wird zerstört. Und er hat es natürlich mit der Angst zu tun bekommen und alles auf unser Dummerchen abgewälzt. Unser doofes Töchterchen wurde vor ihrer Diplomarbeit fast aus der Universität rausgeworfen. Jetzt ist dieser Mischa mein Schwiegersohn. Ein Schriftsteller! Am liebsten würde ich ihn zerquetschen, diesen Schuft. Seine Dissertation hat er hingeschmissen, will nicht arbeiten. Beschäftigt sich jetzt mit der Schreiberei. Dafür reißen sie einem bei uns die Köpfe ab. Ohne Betäubung. Er bringt uns alle noch in Gefahr. Irgendetwas hat Nesmejanow mir gegenüber angedeutet, sogar gedroht. Die kosmische Thematik… Die Bedeutung… Die Auswahl der Mitarbeiter. Mit wem du dich auf verwandtschaftliche Beziehungen einlässt? Hat mich etwa jemand gefragt? Er war vor zehn Jahren doch noch ein Schüler. Was ist schon dabei, wenn sich die Eltern davongemacht haben. Er ist doch hier geblieben.“
Tschesnokow blickte wieder nach draußen.
Häuser, Fenster, Dächer. An Stelle des Himmels – ein roter Schein. Dem Professor schien der Weg steil bergauf zu gehen. Und aus irgendeinem Grund verspürte er Übelkeit.
„Verdammt! Bin ich etwa seekrank? Bleib stehen, du, Fahrer! Aahh!“
Der Taxifahrer hielt den Wagen an. Er knurrte: „Steig aus, Alter! Hast mir den Wagen vollgekotzt, wirst mir den Schaden bezahlen!“
Tschesnokow wollte den Fahrer nicht ansehen. Dennoch machte er es. Er richtete seinen Blick auf die Stelle, wo ein Gesicht hätte sein müssen. Der Chauffeur hatte kein Gesicht. Graue Knochen mit daran klebenden Hautfetzen ragten statt einem Kinn hervor. Anstelle einer Nase hing etwas in der Art einer Dörrbirne. Die Augenhöhlen waren leer. Aus einer der beiden blickte eine Schlangenfratze heraus. Mit ihrer langen Zunge strich sie über den Knochen und versteckte sich. Und an den Seiten des Schildkrötenschädels traten riesige Ohren hervor. Schweinsohren!
Tschesnokow warf einen Fünfer auf den Sitz und trat schnell zur Seite. Er hörte, wie der Wagen hinter seinem Rücken wendete und wegfuhr. Dabei bespritzte er ihn mit gefrorenem Schmutz.
Der Professor hob den Kopf aus dem Kragen und sah sich um. Auf der Stelle wollte er ins heimatliche Wolgagebiet, zu seiner Frau, in seine tiefe Höhle zurück. Er rieb sich die Augenlider. Räusperte sich. Spuckte aus.
 
 
 
 
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Vor ihm breitete sich ein Meer aus. Er stand am äußersten Rand eines Steilufers. Dumpf schlugen dunkle Wellen an die schwarzen Küstenfelsen. Auf den Wellen schaukelte wie ein kleiner Ball der nackte Körper einer schwangeren Frau. Der riesige Bauch schimmerte weiß im grauen Wasser. Die langen Haare wurden in alle Richtungen durcheinandergespült. Auf ihrem Gesicht war ein unheildrohendes Grinsen erstarrt. Ein Arm fehlte ihr, nur Knochen ragten aus der Schulter. Auf dem rechten Fuß trug sie einen roten Lederstiefel, der bis zum Knie reichte.
Ungefähr hundert Meter vom Ufer entfernt erblickte der Professor ein rostiges Tankschiff. Um es herum hatte sich ein schwarzer Ölfleck ausgebreitet, in dessen Mitte ein bläuliches Feuer flackerte. Weiter entfernt schaukelte ein zur Seite gekipptes U-Bott. Aus einer halb geöffneten Luke hing ein toter Matrose.
Unweit tanzten halb versunkene Boote über die Wellen, daneben trieben Leichen. Auf ihren Köpfen saßen Möwen und hakten mit ihren Schnäbeln auf sie ein. Unbekannte Fische schäumten mit ihren Flossen das Wasser auf.
Noch weiter entfernt waren flache lehmige Inseln zu sehen. Hohe hölzerne Masten mit kleinen Wagenrädern an den Enden ragten darauf empor. Auf den Rädern lag etwas Weißes.
Am Horizont bäumten sich Wasserberge auf, gigantische Wasserwirbel sprudelten hervor, aus dem Himmel stürzten Tornadospiralen.
Links, auf dem unbewaldeten, schneebedeckten Teil des Ufers stand eine Kirche mit einer bauchigen Kuppel. Die Kirche brannte. Vom Glockenturm stieg eine Rauchsäule zum Himmel auf, lange Feuerzungen schossen aus den Fenstern. Neben der Kirche sah der Professor einige Figuren hin und her rennen –  die Leute waren nicht etwa dabei, das brennende Gebäude zu löschen, vielmehr versuchten sie, sich vor den Ungeheuern, die sie auf langen hölzernen Stöcken gehend verfolgten, in Sicherheit zu bringen.
„Jetzt ist es also so weit!“, dachte Tschesnokow. „Das Meer in Moskau. Ungeheuer. Ein Infarkt oder ein Schlaganfall?“
Der Professor hörte das Glockenläuten. Er erinnerte sich an das kleine Dorf, in dem er seine hungrige Kriegskindheit verbracht hatte. An die zerstörte Kirche, die in viele Teile zerbrochene Glocke. An seinen Vater, den Krüppel. Die früh verstorbene Mutter. An die vergilbte Reproduktion vom „Mädchen mit den Äpfeln“ an der schmutzigen Wand. An die jungen Birken...
Er schüttelte den Kopf. Wischte sich eine Träne weg.
Hoffnungslos sah er nach rechts. Dort säumten Fabriken das Ufer. Ihre Schlote zogen sich bis zum Horizont. Die Gebäude waren nicht aus Ziegeln, sondern aus rostigem Eisen oder Aluminium. Von den Fabriken her trug es den Geruch nach Verbranntem und giftiger Chemie. Es knirschte, hämmerte, heulte. Aus den zahlreichen Schornsteinen stieg dunkelvioletter Rauch auf.
In der Nähe von Tschesnokow erhob sich ein Kasten aus Eisen in der Höhe eines neunstöckigen Hauses.
Eine seiner Seitenwände war halb geöffnet, wie ein Oberlicht. Aus dem Kasten kamen wie aus einem U-Bahn-Schacht unwahrscheinlich große Fische gekrochen, Krabben, Crevetten, Medusen, Seesterne, Kraken und andere Meereslebewesen, denen irgendein böser Geist die Fähigkeit gegeben hatte, geschickt auf Stelzen zu gehen und kalte Waffen zu tragen. Hellebarden, Lanzen, Haken, Äxte, Degen und Dolche ergänzten ihre scharfen Flossen, ihre Zähne, Scheren und Fühler.
Die Ungeheuer jagten den Menschen hinterher, die zwischen den Werkshallen, Schloten und Gasometern hasteten. Einige der Monster bewegten sich auf Tschesnokow zu. Vorne schritt auf kleinen Krücken ein vier Meter großer violetter Kaulbarsch. Kämpferisch blähte er seine Kiemen auf und ließ weißlichen Speichel aus seinem bissigen Rachen laufen.
Als der Professor den Kaulbarsch sah, begann er zu zittern, ballte die Fäuste und lief vom Steilhang weg.
Knallbonbons knallten. Frösche quakten. Der Himmel verwandelte sich in eine Rolle. Ein Krokodil fraß die Rolle. Jemand schaltete auf einen anderen Kanal um. 
Tschesnokow befand sich plötzlich in dem ihm gut bekannten Wohnbezirk. Da standen im Halbkreis die flachen grüngekachelten sechzehnstöckigen Betonschachteln. Auf der anderen Seite – so wie es sein sollte – zwei Reihen von bücherstapelartigen Türmen mit blauen Balkonen. Tschesnokow drehte sich ängstlich um. Anstelle des Meeres, der brennenden Kirche und der furchtbaren Fabriken sah er den ruhigen bewaldeten Park, drei kleine zugefrorene Teiche und die Moskauer Häuser, die von den Architekten wie Würfel hingestellt worden waren und durch ihre monotonen Formen beruhigten.
Sein Blick fand das neunstöckige Haus, in dem seine Tochter wohnte. Er schlug den Weg dorthin ein.
Der Durchgang. Der Bogen. Nach links. Die Eingangstür. In dem Moment, als sich Tschesnokows Schlüssel im Schloss drehte, wurde der Brustkorb des Professors von den zwei Meter großen Scheren einer gigantischen Krabbe, die sich leise von hinten herangeschlichen hatte, zusammengequetscht. Tschesnokow heulte angespannt auf, fasste die Scheren mit beiden Händen und versuchte sie auseinanderzuziehen. Er hörte das Knacken der eigenen brechenden Rippen. Während er Blut schluckte, japste er: „Ah, zum Teufel!“
Der Körper des Professors wurde von den Meeresungeheuern in Stücke gerissen und verschlungen, als der letzte Gedanke in seinem Kopf erlosch: „Ich muss Pospelow anrufen und ihm sagen, dass ich nicht zur Besprech...“
 
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Eine Entlassung dauert manchmal länger als die Erkrankung selbst. Es begann schon dunkel zu werden, als Galja und Mischa, von der Bürokratie gequält, nachhause kamen. Sie wunderten sich darüber, dass sich der Professor, dieser Stubenhocker, nicht in der Wohnung befand. Mischa wurde von einem mystischen Glücksgefühl ergriffen. Zärtlich küsste er seine Frau, die zu weinen begonnen hatte, und fragte: „Galja, mein Schatz, hat dir der Arzt nicht gesagt, wann wir uns daran machen können, das Verlorene wiederzugewinnen?“
„In zwei Wochen, wenn es verheilt ist. Mischa, ich mach mir Sorgen um Vater.“
„Hast etwas gefunden, weswegen du betrübt sein kannst. Er sitzt wahrscheinlich mit Pospelow im „Pekin“. Isst gerade seinen Pilaw...“
„Womöglich ist etwas passiert?“
„Etwas passiert, ihm sicher nicht. Ruf deine Mutter an und leg dich hin, schlaf ein bisschen, ich mach dir eine Suppe aus Kartoffeln und Zwiebeln. Nicht wie im Restaurant natürlich, aber besser als im Krankenhaus.“
Mischa schälte Kartoffeln und Zwiebeln, stellte Wasser zum Kochen auf. Als er aus dem oberen kleinen Kästchen den Salzstreuer holte, schaute er aus dem Fenster. Dort sah er, was er erwartet hatte – ein dunkles Meer, den Leichnam einer armlosen Schwangeren, die brennende Kirche und eine Horde Jasenewo-Kinder auf der Flucht vor Tiefseefischen, die sie auf riesigen Stelzen verfolgten. 
 
 
 
Illustrationen: Siegfried Otto Hüttengrund
Übertragung aus dem Russischen: DAJA

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