Igor Schestkow "Das Abzeichen"

 
  
 
Wadim stand auf der Aussichtsplattform und wollte über Moskau schauen. Wegen des Schneesturms konnte er nichts erkennen. Eisige Kälte. Er fror und schleppte sich zum Unigebäude. Wollte sich aufwärmen, versuchte, durch den Haupteingang hineinzukommen, wurde aber von einem Milizionär angehalten und zurückgewiesen.
„Zeigen Sie mir Ihren Passierschein!“
„Ich habe keinen Passierschein. Bin fremd hier. Ich habe hier nur fünf Jahre studiert und danach zehn Jahre gearbeitet. Sonst nichts.“ 
Wadim stand lange neben den Marmorsäulen. Berührte ihre kalte polierte Oberfläche. Beobachtete den Platz. Wie im somnambulischen Traum.
Vor dreißig Jahren, im September, genau von diesem Platz aus, wurden sie, die frischgebackenen Studenten, nicht in das Auditorium geschickt, „um am Granit der Wissenschaft zu nagen“, sondern in die hundert Kilometer von Moskau entfernte Kolchose, im Bezirk Moschaisk, um Kartoffeln zu ernten. Jetzt war der Platz vor der Uni leer, nur etwa drei Dutzend Dienstwagen der Universitätsleitung waren zwischen Schneehaufen geparkt. Damals standen hier mehr als hundert, mit roten Fahnen behängte Busse, bereit zur Abfahrt. Der Platz war voll von Studenten und ihren Begleitern, irgendein Parteityp sollte die Stimmung anheizen und schrie ins Megaphon: „Die progressive sowjetische Jugend erfüllt mit Freude die patriotische Pflicht und wird die Schlacht um die Ernte gewinnen...“
Niemand hörte ihm zu, einige Studenten saßen auf ihren Rucksäcken und spielten Karten, die übrigen standen neben den Bussen. Sie rauchten, scherzten, flirteten.
Endlich ertönte das Kommando: „Alle in die Busse!“
Die Studenten stiegen ächzend in die Busse. Die Kolonne bewegte sich langsam, wie bei einer Demonstration.
Die Fahrt dauerte lange und wurde öfter unterbrochen. Der Student Nikitin ging unterwegs verloren. Nach drei Tagen tauchte er am Bestimmungsort wieder auf. Er rechtfertigte sich so: Musste pinkeln und nicht nur das, hab keinen Platz gefunden, bin in den Wald gelaufen, offenbar zu tief, hab mich verlaufen, kein Mensch war da, hab den Weg gesucht, hoffnungslos. Die Busse waren weg, habe mich, um mein Ziel unbedingt zu erreichen, per Anhalter durchgeschlagen… Ihm wurde verziehen. In Wirklichkeit war er bei einem Halt in einem Dorf losgerannt, um ein Fläschchen zu kaufen. Beim Anstehen in der Schlange hatte er jemanden kennen gelernt und mit ihm getrunken, dann noch mal und noch mal.
Eine der Pausen zog sich zwei Stunden lang hin. Es gab ein Treffen der Vertreter der Kolchose und der Fakultät.
Die Kolchose wollte zweihundert Studenten übernehmen, für sie waren warme Schlafstätten im Pionierlager vorbereitet, auch die Arbeit war für diese Anzahl organisiert. Die Fakultätsleitung bestand aber darauf, dass alle vierhundert Studenten untergebracht und versorgt werden und Arbeit bekommen. Der Kolchosvorsitzende zuckte mit den Schultern und erklärte, dass er keinen Platz habe, außer vielleicht in leer stehenden Kuhställen, aber daran sei nicht zu denken. Die Kühe waren alle bei der letzten Epidemie verreckt. Die Fakultät hatte jedoch bereits nach oben gemeldet, dass vierhundert Studenten hier im Einsatz seien. Letztendlich wurde entschieden, den verweichlichten Studenten doch in diesen Kuhställen eine Herberge herzurichten. Man besorgte kaputte schmutzige Klappbetten, alte Matratzen, Decken und Krankenhauswäsche. Also, die eine Hälfte fuhr in das Pionierlager, die andere in den Kuhstall. Wadim gehörte wie immer zur anderen Hälfte.
Der Fußboden im Kuhstall wurde geschrubbt, trotzdem roch er nach Mist. Es war kalt dort. Die alten Öfen waren undicht, sie zu heizen war lebensgefährlich, und an Brennholz war nicht zu denken. Es war nichts da. Nur die zweihundert Klappbetten mit Matratzen und feuchter grauer Wäsche standen in zwei Reihen in dem langen Raum mit den winzigen Fensterchen unter dem Dach. Eine Mahlzeit haben die Erntehelfer nicht gekriegt, eine Küche gab es nicht.
Am nächsten Tag reparierten die Studenten die Öfen im Stall und im kleinen Schuppen nebenan, in „der Küche“. Man brachte dorthin riesige schwarze Kochtöpfe und Teekannen, verbeulte Näpfe und Aluminiumlöffel, wie aus dem letzten Krieg. Köche sind auch aufgetaucht. Sie kochten das Mittagessen, Perlgraupenbrei mit Fleischkonserven. Wadims Freund Klein bemerkte sarkastisch, dass dies sicher das Fleisch von den Kühen sei, die hier im Stall krepiert waren.
Das alles war ekelhaft, aber erträglich. Unerträglich war eine einzige Toilette für zweihundert Personen, ein kleiner Schuppen mit zwei Löchern auf rutschigem Boden. Es stank so, dass Klein zwei Stunden nach seinem Toilettenbesuch Wadim besorgt fragte, ob er noch nach Scheiße rieche. In das Loch zu schauen, fürchtete sich Wadim, so grauenhaft stank es dort, aber einmal hat er trotzdem hineingeschaut. In der ekligen braunen Brühe tummelten sich Tausende weiße Würmer. An den hölzernen Wänden saßen der Wissenschaft unbekannte apokalyptische Tiere.
Zuerst gab es keine Arbeit, die Studenten waren sich selbst überlassen. Was sie machten? Sie tranken und spielten Karten. Das Spiel „Knüppel“ war gerade in Mode. Gespielt wurde zu viert oder zu fünft. Der Gewinner schlug dann dem Verlierer mit den Karten auf die Ohren. Wie oft und mit wie vielen Karten war nicht vom Spiel abhängig, sondern reiner Zufall. Der Verlierer zog zwei Karten: Die Dame und die Neun bedeuteten zum Beispiel drei Schläge mit neun Karten. Der Unglückliche, der zwei Asse gezogen hatte, bekam vierzig Schläge mit dem gesamten Kartenspiel. Geschlagen wurden meist nicht stark, nur zum Spaß. Das Opfer sollte laut jammern und seinem „Henker“ nicht böse sein. 
Klein hat Wadim beigebracht, die Ohren „von unten“ zu bearbeiten (gewöhnlich geschieht das von oben). So ein Schlag brachte das Opfer in einen transzendentalen Zustand. Jene Wonne, die der zivilisierte Europäer oder der Amerikaner in ihrem Alter von Marihuana bekam, erhielten die Moskauer Studenten vom Schlag auf das Ohr.      
Viele gingen ins nahe gelegene Dorf, um zu erkunden, wie dort „die Erdbeeren wachsen“. Die kleine ossetische Ärztin riet den Studenten beim Abendappell dringend von solchen Abenteuern ab. Sie behauptete, dass in den umliegenden Dörfern die erwachsene Bevölkerung bis zu achtzig Prozent an Syphilis erkrankt sei. Einige haben ihr nicht geglaubt. Sie mussten später langwierig und unangenehm behandelt werden. Dort kursierten nicht allein die Syphilis, sondern auch andere Geschlechtskrankheiten, die zusammen im damaligen Jargon „der Strauß“ genannt wurden.
Wadim ging gern im Wald spazieren. Pilze sammeln oder einfach so. Der Wald schien grenzenlos zu sein. Zwischen den Wäldern lagen riesige Felder mit Kartoffeln, die offenbar niemand ernten wollte.
„Alles hier ist nicht meines, alles gehört der Kolchose, es wird sowieso alles im Gemüsespeicher verfaulen. Warum also ernten?“, so sprachen die Bauern. Man wartete auf eine „Wunderwaffe“, die Vollerntemaschine aus der DDR. Auf sie zu warten war jedoch töricht. Die Vollerntemaschinen standen bereits still in der Garage, unweit von dem Kuhstall. Schon seit drei Jahren. Die Kolchose hatte sie nach einem Besuch des Vorsitzenden in der DDR gekauft. Leider ohne Ersatzteile. Dafür hatte das Geld nicht gereicht. Jeder weiß, was das bedeutet. Nach mehrwöchigem Einsatz müssen solche Maschinen gewartet und Verschleißteile ausgewechselt werden, sonst fallen sie aus. Nun standen die Wunderwaffen in der Garage. Man schmierte sie gegen Rost ein, man zeigte sie den Gästen der Kolchose, aber um die Kartoffeln aus dem Boden zu buddeln, wurden aus der Stadt Mathematik-Studenten mit Eimern und Säcken herbeigerufen.
Eines Abends trat Wadim nach seinem Spaziergang aus dem Wald auf die Asphaltstraße hinaus. Seltsame Laute waren aus der Dunkelheit zu hören: „Tschaw-tschaw-tschaw...“ 
Im nächtlichen Wald gab es viele seltsame Geräusche. Wadim blieb stehen, lauschte. Jetzt kam es aus der Nähe und lauter: „Tschaw-tschaw-tschaw...“
Er versuchte in dieser ägyptischen Finsternis etwas zu erkennen. Plötzlich erschien direkt vor ihm etwas Riesiges, sich Drehendes. Instinktiv sprang er zur Seite in den Graben. Er erkannte zwei gigantische Mähdrescher. Sie fuhren nebeneinander und ohne Beleuchtung, es blieb kein Platz mehr links und rechts der Straße. Erkennbar war auch noch, dass die Messerräder nicht auf normaler Schnitthöhe, sondern weit darüber eingestellt waren.    
„Also, die Fahrer hatten gesoffen und machten eine Spritztour. Aus Versehen hätten sie dich töten können. Wie lange willst du denn noch leben? Im vorigen Jahr wurde Kolka Kosoi die Hand abgerissen. Und vor drei Jahren fanden wir Semen, der beim Sumpf wohnte, in zwei Hälften geschnitten. Und du bist quicklebendig. Also, freu dich!“, so verhöhnte der phlegmatische Kolchosbrigadier den empörten Wadim.   
Einmal kam Wadim in den Kuhstall und bemerkte große Aufregung unter den Studenten. Eine Stunde zuvor war ein betrunkener Bauer aus dem Dorf im Stall aufgetaucht. Mit einem Gewehr. Der Mann drohte, dass er alle Moskauer töten würde und schoss los. Die Kugel ging nur wenige Zentimeter über dem Kopf von Klein in die Wand. Der Betrunkene wurde mit Gewalt entwaffnet, verprügelt und zur Miliz gebracht. Am nächsten Tag flogen Steine auf einige Studenten, heimtückisch aus dem Gebüsch. Man schrie: „Raus mit euch! Oder wir werden euch alle platt machen!“ Ein Stein traf jemanden am Kopf. Er blutete, man rief nach der Miliz. Der verletzte Student wurde abtransportiert. Ähnliche Zwischenfälle passierten immer wieder bis zur Abreise.
Nach fünf Tagen Pause ging es los mit der Arbeit. Langweilige, schmutzige, harte Arbeit. Der Traktor wirbelte mit riesigen Haken die Kartoffelzeilen auf. Ihm folgten die Studenten. Sie sammelten die Kartoffeln, gruben sie zum Teil aus der nassen Erde und warfen sie in die Eimer. Eine spezielle Brigade schüttete die Eimer in Säcke und schleppte diese zum Wagen, belud ihn. Von dieser ungewohnten Arbeit tat der Rücken weh. Die Gelenke schmerzten. Viele Studenten hatten wegen des schlechten Essens Probleme mit dem Bauch.
Es regnete Tag und Nacht. Die Studenten erkälteten sich, weil ihre Kleidung völlig unzureichend war. Die Stimmung erreichte den Nullpunkt. Das Leben schien ein unendliches Kartoffelfeld zu sein, das geerntet werden muss.
„Arbeite, aber verreck bitte nicht wie ein Hund“, wiederholten die Studenten populäre Worte aus dem englischen Film „Oh, du Glückspilz“. Dieser Scherz erwies sich als Prophezeiung. Eine Studentin ist wirklich gestorben. Direkt auf dem Kartoffelfeld. Die Leitung erklärte heuchlerisch: „Sie hatte schon immer Probleme mit dem Herzen, die Arbeitsbedingungen sind nicht schuld an ihrem Tod.“
Die Leiche des Mädchens wurde unauffällig weggebracht und für die, die noch am Leben waren, folgte eine obligatorische Unterweisung zum Thema „Arbeitssicherheit bei der Feldarbeit“. Die Universitätsleitung wollte sich gegen gerichtliche Konsequenzen absichern.   
Nach der Arbeit saßen die schmutzigen und verschwitzten Helfer erschöpft und stumpfsinnig im Kuhstall. Von einer Dusche war nur zu träumen. Im Dorf gab es kein Geschäft und bis zur Kreisstadt müsste man dreißig Kilometer laufen. Busse fuhren nicht. Die Studenten kauften bei den Bauern den braunen selbstgebrannten Schnaps. Von ihm konnte man erblinden oder sterben.
Außer Brot, Milch und Kartoffeln war das Essen ungenießbar. Die Studenten versuchten einmal mit ihren Eimern und Säcken einen Hasen zu fangen, der zufällig durch das Feld rannte. Hundert hungrige junge Menschen nahmen an der Jagd teil, alle waren von Grillfantasien beflügelt. Der Hase sprang, schlug nach links und rechts Haken, als ob er seine Jäger verhöhne. Spielend erreichte er den Wald und verschwand. Das nächste Jagdziel war eine Gänseschar, die unweit vom Kuhstall graste. Ein Vogel wurde gefangen, der Hals wurde ihm umgedreht, er wurde gerupft und gebraten und sehr schnell verputzt. Jemand hat es aber gesehen und verraten, die Gans musste bezahlt werden. Die Studenten hatten kein Geld.
Im Kuhstall wohnten auch einige Erwachsene. Hauptparteiaufseher war ein gewisser Nemetzki, ein Dozent. Ein sehr nervöser Mann mit rabenschwarzem Haar und pedantischen langweiligen Augen. Nemetzki war in der mathematischen Fakultät eine allseits bekannte Persönlichkeit. Nicht jedoch auf Grund seines Talents, sondern wegen seiner Intrigen und Denunziationen. Auf seine Initiative hin wurden Parteiverfahren „gegen gewisse Genossen“ durchgeführt. Diese endeten mit einer einfachen Mahnung, einem Eintrag in die Personalakte oder mit der Entlassung von der Uni.
Nemetzki war besorgt und gesprächig. Nach der Arbeit wollte man sich hinlegen. Nemetzki zwang alle, beim Appell zu stehen und seine Belehrungen anzuhören. Die Studenten haben ihm eine Lektion erteilt. Dreimal pissten sie auf seine Pritsche. Nemetzki wurde weiß vor Wut. Am meisten ärgerte ihn, dass seine Zuträger unter den Studenten die Anstifter nicht preisgeben wollten. Schließlich ist er abgefahren. Das Leben wurde lustiger. Die übrigen Pädagogen waren nicht so streng und mischten sich nicht in die studentischen Angelegenheiten. Wadim schenkte den Menschen immer gern Spitznamen. Nemetzki nannte er, wegen seines Familiennamens und seiner Bosheit, Doktor Goebbels. Dieser Spitzname blieb an ihm kleben. Sogar die Kollegen am Lehrstuhl nannten ihn hinter seinem Rücken so.  
Goebbels machte neben der Wissenschaft auch Parteikarriere. Wurde Boss auf mittlerer Ebene. Als ein Universitäts-Jubiläum heranrückte, wurde dafür ein spezielles Abzeichen entwickelt und geprägt. Es gab drei Varianten: Gold, Silber und Bronze. Hergestellt waren alle drei aus demselben Billigmaterial. Nur die Oberflächen imitierten Edelmetalle. Die Abzeichen sollten den besten Werktätigen der Universität verliehen werden. Wie eine Medaille. Nach unzähligen Besprechungen in den Arbeitsgruppen fanden die Versammlungen in den Hauptabteilungen statt. Die Diskussionen drehten sich um die verschiedenen Kandidatenvorschläge. Der Streit darüber hatte schon seit Tagen zu böser Nachrede und zu Machtkämpfen geführt. Viele Kollegen empfanden schreiende Ungerechtigkeit, andere lächelten nur. Man rieb sich auf. Es kam sogar zu Handgreiflichkeiten.
Die Vorschläge wurden zur endgültigen Entscheidung an das Parteikomitee weitergereicht: Wem gebührt ein Abzeichen und wem nichts. Und wenn ein Abzeichen, dann welches? Man beauftragte Nemetzki diese letzte Verteilung zu leiten. Es ist unklug, einem peniblen Mathematiker eine derartige Aufgabe zu übertragen, hier sind Erfahrung und Fantasie notwendig, und das alles, wie auch der Sinn für Humor besaß Doktor Goebbels nicht. Er kannte nur Treue zur eigenen Karriere. Mit tragischen Konsequenzen.
Der aufgeregte Goebbels erschien auf der Sitzung der Parteikommission zur Verteilung der Abzeichen. Nie zuvor stand er vor so vielen einflussreichen Genossen, im Zentrum des Interesses. Er wollte alles perfekt abwickeln. Gerecht sollten die Abzeichen verteilt werden. Jeder wusste, dass das unmöglich war. Dass eine wahnsinnige Idee nur mit einer Portion Wahnsinn realisierbar ist, wusste Goebbels nicht und versuchte, bei der Verteilung der Abzeichen wissenschaftliche Kriterien anzuwenden. Er entwickelte ein System mit Plus- und Negativpunkten, nach dem jeder Kandidat bemessen werden sollte. Wenn zum Beispiel der Kandidat ein Professor ist, so bekommt er dreißig Punkte, als Mitglied der Partei noch einmal dreißig, hatte er aber im letzten Jahr Anlass zur Kritik geboten, dann bekam er je nach Schwere der Verfehlung entsprechende Negativpunkte. Goebbels und seine Mannschaft hatten das alles mit vielen hunderten Kandidaturen durchgerechnet. Mit Hilfe des Computers natürlich. Die Listen lagen ausgedruckt vor und Goebbels präsentierte sie nicht ohne Stolz. Die meisten Punkte fielen auf den Rektor der Universität. Die wenigsten auf die Küchenhilfe der Universitätsmensa.
Die Ausschussmitglieder waren unangenehm überrascht. Sie wollten alles totalitär verteilen und dieser Teufelsmathematiker hatte sich irgendein System ausgedacht. Eine heftige Diskussion brach los. Die Sitzungsteilnehmer pfiffen auf den mathematischen Quatsch, sie wollten, dass ihre Leute die Abzeichen bekommen sollten und nicht die anderen. Man fing an zu streiten, bedrohte einander. Die Männer brüllten, die Frauen kreischten. Die Dozentin von der marxistisch-leninistischen Philosophie Kislitza petzte der Kommission: „Und sie lebt mit ihm! Deshalb kriegt sie Gold?“
Darauf die Männer: „Bist wohl neidisch, oder?“
Es wurde laut gelacht. Getuschelt. Das alles dauerte vier Tage. Fast ohne Pausen. 
Am Ende des zweiten Tages ist Goebbels verrückt geworden. Im klinischen Sinne des Wortes. Zu jener Zeit hörte ihm schon niemand mehr zu, alle stritten, und wenn er versuchte, etwas zu sagen, winkten sie nur ab. Das bedeutete: Halt die Klappe!
Goebbels schrie plötzlich aus vollem Halse und lief zu einem der Pappkästen, die neben dem großen runden Tisch standen, hinter denen die Streitenden saßen. Mit beiden Händen grub er in den Haufen der goldenen Abzeichen und warf sie wie ein Feuerwerk in die Höhe. Seine traurigen Augen verfolgten ihren Flug. Als sie am Boden lagen, trampelte er wie wild auf ihnen herum. Dabei wiederholte er bedrohlich: „Sie lebt mit ihm, sie lebt mit ihm. Gold! Gold!“ 
Da er sich nicht beruhigen ließ, landete er letztendlich in der Klapsmühle.
Von dort kehrte er nicht mehr zurück. Er starb am gleichen Tag an einem Hirnschlag. Er war siebenunddreißig Jahre alt.
Und die Kommission hielt noch zwei Tage ihre Sitzung ab. Keiner starb.
Wo sind diese Abzeichen jetzt? Wadim hat zur Erinnerung eins auf dem Arbat gekauft. Für einen Dollar. Er fragte den Verkäufer: „Was ist das? Eine Medaille oder ein Orden?“
„Nein, das ist nur ein Abzeichen, wertlos!“
 
 
 

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