Igor Schestkow "Darjeeling"

 

DARJEELING

 

 

Eine Eintagsfliege flatterte in die Kajüte.

Von jäher Panik erfasst, flüchtete ich an die Zimmerdecke.

Mannschaft und Dienstpersonal tragen die gleichen, knielangen Kutten. Auf die Kapuze des Kapitäns ist mit goldenem Faden ein achtzackiger Stern gestickt, von dem ein  Glöckchen herunterbaumelt.  Der Kapitän, ein an Morbus Parkinson erkrankter Stotterer, reicht mir mit zitternden Händen irgendwelche Pillen und murmelt, alles werde ganz he-he-heeerrlich. Er verspricht mir einen Turban, wenn ich schön brav bin. Aber was heißt hier herrlich? Sehenden Auges stürzen wir in den Abgrund und versinken im Moor. Auuu!

Heute habe ich einen Zug gesehen. Keine Ahnung, woher er kam, wer ihn steuerte und wohin er wollte. Vielleicht saßen darin Menschen wie wir, die sich in ihrem Unterschlupf  verschanzt hatten und nun über die leeren Gleise huschten? Vor einem der Wagons stand jemand mit breit gespreizten Beinen. Er sah aus wie ein Rabe und nickte mir mit seinem Schnabel zu.

Man darf kein Regenwasser trinken, auch keines aus Flüssen oder Tonnen. Wir füllen unseren Wasservorrat in noch nicht gestohlene Speicher aus den Beständen der Mega-Handelsketten, die uns früher mit Ihrer andauernden Werbung auf die Nerven gefallen sind. Unseren Dieseltreibstoff zapfen wir mit einer Spezialpumpe aus noch nicht explodierten Tankstellen. Wie die Hummeln Nektar aus euren Stiefmütterchen saugen.

Sechs Männer fielen in die Bibliothek ein. Alle hatten braune Haare.

Pit, Joe, Care, Duke, Meck und Trick.

Sie zündeten alle Geschichtsbücher an und vergewaltigen sechs Blondinen.

Yvonne, Linda, Giselle, Sarah, Leonore und Mary-Lou.

Duke wuchsen Flügel, wie bei einem Flugzeug.

Joe schaffte es, seinen Colt zu verlieren und fing an Kuckucksrufe auszustoßen.

Care meinte, die ganze Geschichte sei ein einziger Kokolores.

Und Sarahs Zahnprothese fiel heraus.

Heute fuhren wir durch die Wüste. Marcel spielte gefühlvoll Bach auf unserem Harmonium, und ich betrachtete die Dünen. Eine davon erinnerte an eine gigantische Frau, die ihre Beine spreizte. Sie hatte einen Katzenkopf.

Eine Sphinx.

Herr Robert hüllt sich immer in einen leichten beigen Anzug, der nach dem Parfüm Marke „Boheme“ duftet. Seine Seele ist kindlich rein. Er führt mir Bubu und Sisi zu, diese herzallerliebsten Zuckerpüppchen, und wir tollen stundenlang miteinander herum, dass die Federn nur so stieben. Dann schlafen wir miteinander ein.

Jetzt gehört die Erde den Ratten, Schaben und Kletten.

Auf sie wirkt die Strahlung nicht.

Jedenfalls nicht so wie auf die Knie der Primaten.

Die Frau mit dem Katzenkopf geht mir nicht aus dem Sinn. Sie richtet sich immer weiter auf und verdunkelt den Horizont mit ihrer Gestalt. Deutlich erkenne ich Risse in ihrer grünlichen Steinhaut und höre ihre dumpfen Atemzüge. Nun öffnet sie ganz langsam den fürchterlichen Rachen und gähnt.

Sie ruft Mary-Lou mit ihrer unterirdischen Stimme zum Frühstück.

Unsere beiden italenischen Köche Marcello und Gino tragen lederne Schürzen über dem nackten Körper und ulkige Hütchen mit bunten Bändern. Marcello hat lange Arme und einen riesigen Kopf. Manchmal nimmt er ihn vom Körper ab, stellt ihn auf den Herd und spricht lange mit ihm. Hat er denn mit seinen 48 Jahren noch nicht genug von dessen Geschichten?

Gino trägt erstaunliche Schuhchen. Wenn man von der rechten Seite schaut, sind sie malachitgrün. Schaut man von links, dann sind es keine Schuhchen mehr, sondern Fliederblüten. Gino zieht sie niemals an, er geht barfuß. Deshalb hat er schmutzige Quanten.

Heute hatte ich viel Spaß damit, Pagoden anzuschauen. Erstaunlich, wie viele davon sie im Schwarzwald gebaut haben. Es scheint, als wären sie aus hellem, mattem Porzellan. Man sollte mal probieren, in ihnen Milch zu kochen.

Endlich ist die Sphinx-Frau verschwunden. Jetzt stören mich ihre melodischen Seufzer nicht mehr im Schlaf. An seine Stelle trat ein flossenfüßiges Schuppentier. Es sitzt auf einem Haufen Knochen und mümmelt, schlackert mit seinen bandwurmähnlichen Barthaaren und stößt unangenehm dumpfe Töne aus. Es frisst. Sie nannten es „Herr der Welt“. Es verlangte jeden Morgen von den gehorsamen Dienern Schinken zum Frühstück. Robert warf es in das Meerwasserbassin. Soll er doch schwimmen, dieser Schwimmsack.

Unsere Jäger, Jean und Jean, tragen schwarze Shorts und ärmellose Hemden. Nachts schleichen sie oft auf Zehenspitzen durch meine Kajüte... Sie suchen etwas... Sie schwänzeln ständig um meine Koje herum wie Wespen um klebesüße Fruchtbonbons. Sie üben sogar das Amt der Bordshenker aus. Ich weiß, dort in den schwarzen Truhen der Kapitänsrumpelkammer liegen Masken, rote, knöchellange Umhänge mit Kapuzen, neunschwänzige Katzen, Sägen und Äxte. Einmal habe ich in die Rumpelkammer gelunst und gesehen, wie in einer der Truhen dunkleviolette Fledermäuse Hochzeit hielten. Glauben Sie mir, das war kein erfreulicher Anblick! Bei diesem Spektakel fingen die Meerschweinchen an zu quieken und zu stampfen, die Streifenhörnchen bliesen die Backen auf und spielten Trompete.

Heute sah ich tausende von Leichen im Fluss schwimmen.

Wahrscheinlich irgendwelche Rebellen.

Die Marsianer haben sich noch nicht auf ihren Dreifüßen gezeigt.

Der langbeinige Schiffsarzt Luciano trägt einen weißen Kittel, den er gerne gegen einen Schiffsmantel austauscht. Eieiei, der spielt gern den dicken Molli! Kommt sich vor wie ein General. In seinem Kabinett stehen gläserne Vitrinen voller Skalpelle und Pinzetten. Es gibt auch einen Tisch aus Zink, und dieser Doktor Schnabel spielt darauf wie auf einer Orgel. Der Tisch steht nämlich unter elektrischer Spannung.

Mir kam es so vor, als wüchsen meine Ohren und die Arme würden kürzer. Ich begann sie mit einem Lineal nachzumesssen. Tatsächlich, sie wachsen und werden kleiner, etwa einen Viertelmillimeter am Tag. Bald bekomme ich den Hosenlatz nicht mehr auf, dafür kann ich aber fliegen. Flatt-ta-ta.

Unser Streichorchester, das aus acht Assyrern besteht, trägt Spezialfracks. Von vorne sehen sie ganz propper aus, aber von hinten wirken sie nicht mehr so vornehm, denn die Ärsche der Musikanten sind nackt. Sie leuchten im Dunklen wie Lampions! Bei den Assyrern ist das immer so. Auf unserem Schiff lacht keiner über sie. Nur der Marquis schießt auf sie mit Hollunderröhrchen.

Nach der Beendigung des Abendprogramms verstauen die Orchestermusiker ihre Lyren und Lauten in entsprechenden Koffern, essen mit den anderen Angestellten zu Abend und verfügen sich dann ins Unterdeck, wo sie in der Gemeinschaftskajüte zu Bett gehen. Dort bekommt man mit etwas Glück ein fünffüßiges Kaninchen durch ein Bullauge am Schwanz zu fassen oder man kann eine singende Margarite pflücken.

Wir begannen unseren Weg nach Osten zu Wasser, doch später, je näher wir den Erzbergen kamen, stiegen wir nach und nach auf Räder um und fuhren die leeren Autobahnen und Nebenstraßen entlang. Langsam, langsam. Unsere Rostlaube kann nicht so schnell. Manchmal lässt uns der Kapitän Umwege machen. Er kurbelt und kurbelt, um Kernkraftwerke zu umfahren. Die Leute, die dort gearbeitet haben, sind gestorben. Die Kernbrennstäbe sind geschmolzen, die Meiler haben sich in atomare Strahlungs­kanonen verwandelt. Nachts sieht man einen glutroten Feuerschein am Himmel.

Wir tragen am liebsten bunte Pluderhosen aus Chinaseide und Mousselinehemden. Heute behängte ich mich mit silbernen Birnen, der Marquis spazierte den ganzen Tag im Adamskostüm umher und Robert schenkte ihm eine Aufziehmaus. Der Marquis rannte hinter ihr her wie eine Katze.

Wir zockeln am hart gewordenen Grund eines versiegten Flusses in einem fluvialen Bimmelbähnchen entlang, an dem vorausschauende Ingenieure Hunderte von weichgefederten Stahlrädern installiert haben. Die Rächen surren schnurr-schnurr-schnurr. Der Fluss war eng und tief, so dass ich nur Erdwände aus den Bullaugen sehe, Sand und Steine. Und die Behausungen von Uferschwalben. Um den höher gelegenen Teil der Welt zu sehen, muss man den Kopf ganz nach hinten recken, aber ich fürchte, dass mir dann der Grugelknopf herausfällt.

Ich habe einen riesigen, krummen Baum gesehen, an dem Gehenkte baumelten, so an die zwanzig Stück. Auf dem kahlen, nasenlosen Kopf des einen saß ein kleiner, gezahnter Wolpertinger, wie ich noch nie einen sah. Er trällerte ein Liedchen vor sich hin: Tra-la-la-la-la.

Dann und wann treffen wir auf unserer Reise auch Überlebende - völlig durchgedrehte, verzweifelte Gestalten ohne Dach über dem Kopf. Sie werfen Steine auf unser Schiff und stoßen herzzerreißende Schreie aus. Ihnen ist nicht zu helfen, daher anworten wir mit Salven aus dreien unserer Bordkanonen, die sich am Bug, am Heck und auf dem Oberdeck befinden. Wir lassen sie ein harmloses Feuerwerk in die Luft ballern. Das wirkt bombensicher, die Unglückswürmer verkrümeln sich ganz schnell ins Nirgendwo.

Meine großen Finger haben angefangen zu zittern. Dieser verdammte Dr. Schnabel kann wohl die Zähne nicht herausbrechen. Dieser nichtsnutzige Lumpenhund. Den ganzen Tag dudelt er auf seiner Metallflöte herum und schlenkert den Rüssel. Er stinkt nach Patschuli und knabbert Wachs.

Das Ende der Welt ist nahe. Die Grillen zirpen sich eins. Die sind noch schlimmer als die Elstern. Sprang doch eine grüne an mir hoch, setzte sich mir auf die Hand, bekam plötzlich Lust und stach mich. Ich habe mich beim Marquis beschwert, aber der sagte, dass Heuhüpfer nicht beißen. Dabei weiß ich doch ganz genau, dass sie kleine stahlharte Zähnchen und Stachel haben. Das Goldnymphchen hat mir davon erzählt.

Im Freien kann man nicht überleben. Fort Detrick in Maryland war außer Kontrolle geraten, so dass Bakterien ausbrechen konnten. Sie haben sich über alle Kontinente verteilt und fast die gesamte Weltbevölkerung ausgelöscht, lange bevor die eigentliche Stunde X kam. Die kleinen Hitzköpfchen!

Wir überholten drei Könige.

Einer von ihnen sah fast aus wie der Golem aus dem Stummfilm.

Er winkte uns hoheitsvoll mit der Hand.

Und ließ Winde fahren.

Vor etwa zwei Jahren, als die Nachricht von der unausweichlichen Katastrophe nur im engen Kreis eingeweihter Lemuren bekannt war, lösten wir ohne mit der Wimper zu zucken unsere Geschäfte auf, verkauften unsere Aktien und Krokussammlungen, überschrieben unsere Chalets auf Bora-Bora den ungeduldigen Erben und kauften uns die fluviale Bimmelbahn.

Robert konstruierte dieses ulkige Schachspiel. Bubu und Kaka spielten gegen Marcel. Sie keckerten possierlich und machten Männchen. Aber die Spielfiguren bewegte Robert für sie. Dieses Schlitzohr! Wie Professoren nun mal sind. Er verspielte seinen Fignerring aus Bernstein. Man hätte die Sieben ausspielen müsssen, was bin ich doch für ein Dussel! Belgische Zehner muss man kompromisslos mit Siebenern unterschlüpfen. Dann sind sie besonders knuffig.

Die fluviale Bimmelbahn ist von allen Verkehrsmitteln das feinste. Flugzeuge und Autos haben Mäuler und Flossen wie Haifische. Züge haben die Manieren von Hyänen. Ozeandampfer sind Lasterhöhlen für Desperados und Leichenschänder.

Heute zockeln wir die Straße entlang. Es herrscht dichter Neber.

Blaues Licht kann ich nicht leiden.

Man kann nie wissen, welches Scheusal in der Nachbarkajüte sitzt.

Oder im Oberstübchen der Bettgespielin.

Wieder sah ich Gehenkte. Sie baumelten von den dicken Ästen einer vertrockneten Eiche herab. Vier hingen unten, und vier weitere oben. Unten Erwachsene, oben Kinder. Wahrscheinlich war das mal eine Familie. Auf dem oberen, abgesägten Ast saß eine Hexe wie auf einem Taburett. Bis zu den Hüften war sie nackt. Sie hob die Hände, jaulte und schaukelte. Daher schaukelten auch die Erhängten unter ihr, als würden alle Twist tanzen. Der Hexe standen die Haare zu Berge. Sie erkannte mein Gesicht im Bullauge, fing an, scheußliche Grimassen zu schneiden und winkte mich heran, zwinkerte mir zu und schlackerte mit ihren schwarzen Hängebrüsten.

Ich aber nahm die Signalpfeife und blies Alarm.

Robert hat sich anscheinend in Marcel verknallt und vollführt mit ihm irgendwelche schandbar zuckenden Handlungen. Ränkespiele überall, sogar auf unserer Arche. Wer beschützt uns vor dem Angriff des sechsbeinigen Ungeheuers? Bubu oder Sisi?

Schon lange haben wir kein Zukerbrot mehr zur Jause bekommen.

Vicki ist krank geworden. Ich schlug den Sanitätern vor, ihn einzuschläfern und eine Vogelscheuche aus ihm zu machen, doch sie zuckten nur mit den Achseln. Wenn sie das machen, sieht er den Bibern ähnlich. Ich sage Jean, er soll ihnen die dicken Pelzärsche versohlen, weiß aber nicht, ob dieser hohle Kommisskopf mir gehorcht.

Wir haben Stracciatella-Eis gegessen.

Ophelia, das alte Negerweib, hat es gemacht. Aber danach schwoll ihr der Hals wie eine Blubberblase.

Ich bekomme Gänsehaut. Sie sieht aus wie ein Männchen.

Ich war bei Marcel. Er goss irgendeine gelblich dampfende, spritzende Flüssigkeit aus dem Reagenzglas in einen Kolben. Dabei erklärte er, dass er dem Ziel nahe sei und schon mehrfach eine rote Tinktur in den Händen gehalten habe. Bis zur endgültigen Materalisation müsse er nur auf den Moment warten, wenn Saturn in das Haus Jupiters eintritt. Ich verstehe nicht, wie es Marcel so lange in dem Labor dieses drei Meter langen Basilisken aushält, mit rot verzottelten, kiemengesichtigen Hahnenmännern, dem verlotterten Dieb Pluto, dem Schönling Schmidt und anderen gräulichen Kreaturen.

Wir fuhren an einem weitläufigen Feld vorbei, auf dem ein stämmiger Kamin stand. Darin brannte ein kräftiges Feuer, das wie eine Lokomotive schnaufte.

Von allen Seiten rannten Leute auf diesen Kamin zu und stürzten sich ins Feuer. Sie geleiteten den Emissär Emil höchstselbst auf seinem Pferd dorthin. Das Pferd scheute, als es unser Schiff wahrnahm und ging durch. Daher blieb der Emissär am Leben. Es stellte sich heraus, dass er Seemannsknoten zu binden verstand, also stellten wir ihn als Schiffsjungen an. Er kann sich um die mexikanischen Hündchen kümmern und die Fischlein füttern.

Etwa ein Jahr lang arbeiteten Spezialisten von einer Werft im Dänischen Königreich die zur Rheinflotte gehörende fluviale Bimmelbahn in ein gepanzertes Gefährt um. Es sah aus wie ein Käfer aus Metall, mit luxuriösen Gästekabinen und komfortablen Aufenthalts- und Arbeitsräumen für das Dienstpersonal. Holländer installierten ein mächtiges Ventilationssystem mit auswechselbaren Pollen- und Strahlenfiltern, bauten eine moderne Küche in die Bimmelbahn ein, dazu ein Kino, ein Schwimmbad, eine Sauna, auch Tanks für Wasser und Treibstoff. Eine Catering-Brigade füllte unsere Kühlschränke mit Gänseleber und gebratenen Enten.

Es erwies sich als einfach, mit dem Personal zurecht zu kommen, denn Gold bewirkt Wunder, auch in Zeiten heraufziehender Kataklysmen. Natürlich bezahlen wir in Goldwährung, mit klingenden Münzen, geprägt in Carcassonne mit dem Bild eines Mannes darauf. Er kniet vor einem Panther, der auf den Hinterbeinen steht.

Heute hat der Marquis wieder von den Possen Dources erzählt. Das war zum Todlachen. Offenbar ist er auf Stelzen vor dem Polizeiposten in Miranda erschienen und hat Skandal gemacht. Beim Verhör hat er erzählt, wie ihn ein Waldgeist aus dem Kinderwagen entführte, als seine Mutter sich hingesetzt hatte, um ihre Notdurft zu verrichten. Seine Eltern hätten ihn zehn Jahre später im gleichen Wald wiedergefunden, wo er verschwunden war. Anscheinend hatte ihn ein Fuchs aufgezogen.

Ich erblickte einen fliegenden Mönch.

Er wurde von einer Eule mit dreieckigem Kopf getragen.

Und ein übergeschnappter Kellermeister tanzte in einem Fass.

Der Marquis entschloss sich offenbar, Marcello nicht zum Spaß den Hof zu machen. Wahrscheinlich hätte es es nicht lange gedauert, bis Marcello ihn auf einen Bratspieß gesteckt oder in eine glühende Pfanne gesetzt hätte. Marcello stammt nun einmal aus Sizilien, und da ist es üblich, jemanden umzubringen, der einem gleichgeschlechtliche Liebe andient.

Die Epidemie brach zwei Wochen nach unserer Abreise aus Rotterdam aus. Nur der Zufall rettete uns vor dem Tod. Genau in dem Moment, als die pestverseuchte Wolke Deutschland einhüllte, befanden wir uns unter der Erde, in der Mitte eines zwanzig Kilometer langeen Tunnels. Um nicht an den Abgasen zu ersticken, verrammelten wir die Luken und Bullaugen und bedienten uns unserer Sauerstoffflaschen. Im Radio hörten wir die Warnung vor der Pestwolke und beschlossen, so lange wie möglich unter der Erde zu bleiben.

Ich kann Ameisensäure nicht ertragen.

Aber Marcel zerschneidet sie mit dem Messer und reibt sich Haut damit ein.

Dann tanzt er unter Palmen engumschlungen mit einer weißbrüstigen Beutelratte.

Heute träumte mir, dass ich mit dem Omnibus durch die mexikanische Savanne fahre. Die böse, verschwitzte Fahrerin macht mich zur Schnecke, nennt mich einen streunenden Hund, droht, mich an die frische Luft zu setzen und versucht sich mit ihren kleinen, himbeerroten Klauen an meiner Backe festzukrallen. Ich wehre mich, so gut ich kann. An der Haltestelle im Dorf Meskalin steigen alte Bekannte der Fahrerin in den Bus, ein langer Widerling, ähnlich wie Hellboy, mit hässlichen, abgesägten Hörnern, und ein dicker Wüterich, der winkt wie Robbie Coltrane. Er trägt eine Gitarre und einen Sack bei sich. Die Fahrerin beschwert sich bei dem Langen über mich, und der schlägt mir mit der Faust ins Gesicht. Der Dicke hämmert einen Flamenco aus der Gitarre. Die anderen Fahrgäste applaudieren ihm, und die Fahrerin bläst dem Hellboy die Flöte.

Wir fuhren durch das zerstörte Frankfurt.

Ich sah einem jungen Mädchen beim Seiltanzen zu. Irgendjemand hatte ein Tau zwischen zwischen zwei Wolkenkratzern gespannt. Sie hielt das Gleichgewicht mit einem langen Bambusstab. Aber der Teufel krallte sich die Balancierstange mit seiner knöchernen Pranke und umschlang ihre grazilen Hüften mit dem Bein. Über ihnen flog ein Flugzeug vorbei. Eine Minute später leuchtete am Horizont ein Feuerball auf. Volltreffer!

Der Marquis erzählte über die Marsianer und ihr freudloses Leben auf dem eisigen Planeten. Ich versuchte herauszufinden, ob ich ein Marsianer bin. Es fällt schwer, ohne Antenne auf dem Kopf zu denken.

Ich weiß nicht einmal, ob ich ein Mensch bin. Beim Menschen ist alles im Fluss und ändert sich ständig, aber bei mir steht alles still wie das Wasser in einem Tümpel.

Robert bracht heute zwei Liliputaner zu mir, aber sie konnten mir Dodo nicht ersetzen. Ihre Haut ist nicht seidig, sondern wabbelig und derb, genau wie ihre gepfefferten Witze. Da konnte ich nicht andocken und mich mit ihnen einlassen, aber sie waren es auch so zufrieden. Wenn ich mir auf meine Weise Mühe geben wollte, fingen sie allerdings an zu jaunern und wollten nicht mehr mitspielen. Ich rief Robert herbei, der die beiden Heulsusen ins Zimmer von Jean schleifte.

Nach einer Woche fuhren wir aus dem Tunnel hinaus.

Von den ursprünglich 400 Mio Europäern lebten vielleicht noch 5000. Allerdings gab es niemanden mehr, der genau nachgezählt hätte.

Marcel sagt, dass es für die Menschheit schon lange an der Zeit ist zu verschwinden. Wir haben die Erwartungen nicht erfüllt.

Der Kapitän brachte mir zwei rosa Tabletten und ging nicht fort, bevor ich sie geschluckt hatte.

Nun ziehen wir schon vier Monate über die leeren Straßen des toten Kontinents dahin.

Die Blase am Hals von Ophelia wächst und wächst.

Vicki hat sich wieder berappelt, er spielt mit uns, apportiert und leckt dem Marquis die rauen Sohlen. Robert meinte, es handele sich um das Wunder der Wiederauferstehung.

Den Turban, der mir versprochen wurde, habe ich bis heute nicht bekommen.

Doktor Schnabel erklärte, dass ich haluziniere. Dagegen empfahl er Salbeibäder und Darjeeling-Tee.

 

(Aus dem Russischen: Klaus Kleinmann)

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