Igor Schestkow "Chingachgook"

 
  
 
Die ganze Nacht vor der Hochzeit war Oleg nervös. Er drehte sich von einer Seite auf die andere, kämpfte mit dem Laken und mit aufdringlichen Gedanken. Die Hochzeit erschien ihm in Form eines unendlichen, von oben herab gleitenden weißen Handtuches, das er zu einem Stapel zusammenlegen musste.
Er legte die Bahnen übereinander, legte, legte. Der Stapel stürzte lautlos und langsam um. Oleg richtete ihn auf, strich ihn wieder glatt. Der ätzende Waschmittel-Geruch drohte ihn zu ersticken.
In der Morgendämmerung hatte sich das verfluchte Handtuch in einen riesigen, weißen Teppich verwandelt. Oleg träumte, er liege darauf, nackt und glücklich, neben ihm lang gestreckt das Reh-Weibchen, seine Braut. Und er schmust mit ihr auf dem Teppich. Hält sie an ihren feinen Hufen, küsst sie ins rassige Frätzchen.
Aus dem Nichts heraus dringt ein Furcht erregender zottiger Alter ins Zimmer. Er brüllt und reißt seine rot leuchtenden Augen weit auf. Mit einer riesigen Axt holt er zum Schlag aus. Oleg verdeckt die Braut mit seinem Körper. Fängt den Schlag ab. Die Axt zerteilt mit ihrer breiten, gerundeten Schneide seine Haut und seinen Schläfenknochen, dringt ins Gehirn. Oleg hört seinen eigenen Todesschrei.
Die Seiten meines Lebensbuches fliegen wie Sperlinge auseinander. Der widerwärtige Kerl hat einen Stein in die Vogelschar geworfen. Der Alte erträgt die Vögel nicht. Er packt sie im Flug und steckt einen nach dem anderen mit seiner rauen Pfote ins Maul. Dort lodert Feuer. Unter dem Kessel mit siedendem Blut.
Zwitsch-zwitsch!
Hoffentlich geht es vorbei...
Oleg erwachte wie gerädert, sein Blick suchte an der gegenüberliegenden Wand die angepinnte Reproduktion des „Engels mit dem goldenen Haar”, fand sie, war erleichtert und stand auf. Er verstaute Laken, Decke und Kissen in den scharf nach Leim riechenden Furnierbauch des Doppelbettes. Besuchte die Toilette. Ihm schien, dass sein kamillenfarbiger Urin nach dem Kölnischwasser „Der Recke“ stank.
Kamille. Berauschte Mutter Matricaria, Retterin, hilf mir!
Warum bist du so nervös? Der Puls fast hundert. Bald wirst du heißes Kerosin pissen!
Du musst nicht zum Standesamt, sondern in die Poliklinik. 
Er nahm ein Bad. Betrachtete dort seine bescheidenen, faltigen Männerteile, die seine Braut noch nicht zu sehen bekommen hatte.
Ob ich nackt meiner Braut gefallen werde? 
Wir kommen an. Ermüdet, aber glücklich. Endlich allein in unserer neuen Wohnung.
Er liegt auf dem Bett, und sie zieht sich vor ihm aus. Langsam. Wollüstig. Sein zärtliches, reizendes Reh-Weibchen. Sie setzt sich auf das Bett, rückt ihre Schenkel auseinander und legt eine Hand auf das rasierte Schambein, die andere auf ihre zitternde Brust.
Welche zitternde Brust? Wieder eine Vogelmetapher? Du hast ein Spatzenhirn. Wie vulgär das alles ist! Die Hochzeit, das Kleid, die Braut, der Bräutigam. Wozu brauchst du dieses zimperliche Reh? Du benötigst eine fette Sau. Um sie zu umarmen, um bei ihr unter dem Schwanz zu riechen, ihre Milch aus hundert rosa Warzen zu saugen und schmatzend zu grunzen.
Du fürchtest gerade das, was du begehrst. In Panik klammerst du dich an ein Beinchen des gekochten Spatzen.
Du fürchtest dich selbst, du Knorpelnager, du Sauficker. Du verbirgst dich in der Hühnersuppe.
Oleg wusch sich sorgfältig, besonders lange seifte er den Hals und seine Leistengegend ein. Rasierte sich. Schnitt die Hand- und Fußnägel, entfernte ein paar Niednägel. Riss mit der Pinzette das Teufelshaar aus Nase und Ohren. Benetzte sich so reichlich mit Deodorant, dass seine Haut brannte. Zog das steif appretierte, weiße Hemd und den neuen, braungrauen Anzug an. Band seine einzige grünliche Glitzerkrawatte um. Besah sich im Spiegel: Er sah einen linkischen Burschen, zweiundzwanzig Jahre alt, einen verwirrten Bräutigam, einen ungelenken „Roboter”, wie ihn seine Großmutter genannt hatte, wenn er von der Schule mit schlechten Zensuren in Sport nach Hause kam.
Er begann zu zwitschern.
Julia ist wahrscheinlich noch Jungfrau. Sie hatte sich vorgenommen, ihren Jungfernstand zu bewahren und bis zum Tod in Unversehrtheit zu leben. Ewige Reh-Jungfrau!
Man sagt, Rehfleisch müsse vor dem Braten drei Tage im Rotwein liegen. Ein halbes Jahr schwitzen, bevor du als Belohnung richtiges Vergnügen bekommst. Jungfern-Lerche.
Man müsste nur einmal leicht mit der Axt ritzen, und alles flutschte problemlos! Zwitsch-zwitsch!
Schnauze! Um Himmels Willen, Schnauze!
Oleg ging in die Küche. Er brach etwas Schwarzbrot ab, kaute es lange, trank Wasser aus dem großen Glas, in dem der poröse Kefirpilz Solaris schwamm. Er sah auf die Uhr und kniff voller Ablehnung die Augen zusammen.
Du wirst Julias Ehemann?
Ein ungeschickter Roboter, der von einer fetten Muttersau träumt, soll der Mann der sonnigen Julia werden? Schau dir nur die Nägel an deinen Füßen an! Ungleichmäßig, schmutzig in den Winkeln, ins Fleisch eingewachsen. Wie kann man einen Menschen mit solchen Nägeln mögen? Geh in den Schweinestall! 
Ehemann.
Dieses Wort klingt dumpf in meinem Kopf, wie ein Schlag vom stumpfen Ende eines Beiles. Aus dem Buchstaben „m“ wachsen Beine, aus dem „a“ der Kopf, dieser A-Kopf bedeckt sich schnell mit Haar und Bart, „h“ verwandelt sich in die Axt, das doppelte „e“ in die roten Augen.
Der Fänger hat mich geschnappt. Rittlings auf dem Schwein.
Der erschrockene Oleg erkannt in diesem lebendigen Wort den zottigen Alten, den mit der Axt. Er versuchte ihn zurück ins Wort zu treiben. 
Oleg muhte wie ein Rindvieh, das zum Schlachthof getrieben wird. Er summte wie eine eingesperrte Hummel im Glas. Zwitscherte wie ein Spatz in der Vogelfalle...
Die Hochzeit. Die Hochzeit. Die Hochzeit. Zwei nackte Figuren planschen in einem Riesenbottich, voll mit Kirschkonfitüre. Früher benutzten Filmemacher sie als Blutimitation. Süßes Blut. Hochzeit. Sie brodeln gemeinsam. Schmoren in der Lebenssuppe. Julias zarte Brust. Kirschwarzen. Gott hat mit den Fingern Haut zusammengezwirbelt und sie durchgestochen. Mit einem Zahnstocher.
Einmal küsste ich ihre Brust. Nur einmal. Verschämt bedeckte sie ihren Busen. Später! Nach der Hoch-Zeit. Wann später? Wonach? Zeit wird niemals hoch. Zeit ist immer unten. Im Keller. 
Und nach dem Tod wird ein Jäger auf der Flöte spielen. Aus dem Gewehr wird er ein Flötenrohr basteln.  
Werde ich ihr gefallen? Normale Menschen klären das vor der Hochzeit. Und nicht im Becken mit Konfitüre. Nur Idioten veranstalten Hochzeiten. Wieder hast du dich nicht durchsetzen können.
Du hattest Angst. Wovor? Du hattest Angst, dass dir eine Absage erteilt wird. Du hattest Angst Julia zu verlieren, deine schöne Gazelle. Wenn sie dir einen Korb gegeben hätte, hättest du dann geweint? 
Und jetzt kriegst du das, was du wolltest. Den Hochzeits-Schlachthof. Dort tötet man die Bräutigam-Ferkel mit Strom. Fleischerhenker. Das Schwein quiekt. Und sein Erdendasein ist zu Ende. Seine Seele fliegt davon zum himmlischen Schweinestall. Dort erwartet ihn die Begegnung mit dem Obereber, dem Allmächtigen. Dem Saugott.
 
Es war höchste Zeit zu den Eltern zu fahren.
Oleg nahm kein Taxi. Im Bus musste er die musternden Blicke der Passagiere erdulden. Ein düsterer Typ betrachtete Oleg verächtlich, dann urteilte er listig: „Du bist ein... Lackaffe! Man sollte dich zwingen an der Werkbank zu arbeiten. An einer Biegemaschine. In der Nachtschicht. Weißer Kragen!“
Oleg rechtfertigte sich schüchtern: „Ich fahre zu meiner Hochzeit.“
Der Typ wurde weicher: „Entschuldige Bruder, da habe ich etwas falsch verstanden. Ich bin selber seit Jahren unter dem Joch.“
Dann sang er: „Ich freite in Nara eine Färse. Sie ist mir abgehauen. Und ich? Und ich? Ich weine wegen einer Färse nicht!“
Warum ist das so?
Warum will man den Anderen verletzen? Ihm ein Bein stellen. Damit er in den Schmutz fällt, damit er in der Scheiße sitzt, im fünften sowjetischen Ozean der Scheiße. So sind wir alle Taucher geworden. In der Kanalisation.
Rasiere dem Mütterchen Russland die Beine, du grauer Oberstleutnant! Verschluck dich nicht unter der Dusche!
 
Die Eltern boten ihm Frühstück an. Oleg verzichtete. Die Mutter verstand weshalb, trotzdem verschonte sie den Sohn nicht: „Wie nervös wir sind! Man kann ja gar nicht mit dir reden. Wie ein Igel kommst du mir vor. Du, dein Vater war vor der Hochzeit auch so borniert.“
„Ich schloss mich in der Toilette ein. Wofür haben wir gekämpft. Du, Schlange. Du hast mich beringt, nicht ich dich! Und einen Maulkorb hast du mir auch angelegt. Ich sehe das Licht nicht mehr. Mein Sohn, du musst wissen, dass dein Vater lebenslang an der kurzen Leine läuft. Dient wie Polkan! Wo ist der Ball? Apport! Hör nicht auf uns, mein Lieber, wir sind alte Krokodile! Freu dich, wenn du kannst, heute ist dein Tag. Deiner und der von Julia! Mutter, was denkst du, passt meine orangene Krawatte zum braunen Anzug?“
„Ach, Wladik, zieh an, was du willst. An der kurzen Leine! Von jungen Weibern. Siehst trotzdem aus wie ein Papagei. Ins Theater ist er im grünen Rollkragenpullover gegangen!“
„Wie Yves Montand!“
 
Sie sind um Elf mit drei Wagen abgefahren. Halb Zwölf kamen sie zum Standesamt. Das Ehrengeleit der Braut verspätete sich. Der Schleier wollte nicht auf die frisch gedrehten Locken von Julia. Bei den neuen Stiefeln der Schwiegermutter versagte der Reißverschluss. Beim Schwiegervater verschlimmerten sich die Schmerzen in der Hüfte. Die neunzigjährige Großmutter erklärte, dass sie nirgendwohin fahre, weil die Diebe es auf ihr Gzhel abgesehen hätten. Es war unmöglich, sie allein mit ihrem Gzhel zu lassen. Später würde man es auslöffeln müssen.
Die Nachbarin war schließlich einverstanden, eine Zeit lang bei Großmutter zu bleiben. Sie hat ihre Emotionen nicht verborgen: Julia wird heiraten! Was für ein Ereignis! Unsere Himbeere! Und wen? Den Burschen, der fast ein halbes Jahr jeden Abend auf der Straße stand und auf sie wartete. Groß wie eine Laterne, mit Pickelgesicht! Konnte sie nicht einen Solideren finden? 
Im Standesamt benahm sich Oleg wie ein Zombie, er sagte, was befohlen wurde, er gehorchte der blöden Tante mit der breiten Atlasschärpe quer über der Brust. Er hörte zu, verstand aber nicht, was sie sprach. Unterschrieb das Papier mit sowjetischen Staatssymbolen ganz automatisch. Er zupfte an seiner Glitzerkrawatte. Er wollte nur, dass alles schnell zu Ende ging. Dann könnte er all die Leute hier loswerden. Nach Hause fahren, den närrischen Anzug, die enge Krawatte, das kratzende Hemd ausziehen, kalte Luft ins Zimmer lassen, zwei Tabletten nehmen, ein wenig zwitschern und einschlafen.
Nach der Eheschließung fuhren alle zu den Leninbergen, um Moskau anzuschauen.
Über der Stadt hing ein frostiger Niesel-Nebel. Es schien, als sei die Metrobrücke in der Luft abgerissen, sie transportierte nicht länger die lärmenden metallischen Kästen von den Leninbergen in den rostigen Moskauer Bauch, sondern sie warf sie ins wattige Nichtsein. Aus dem floss ein brüllender Strom dämonischer „Wolgas“ und „Ladas“.
Alle tranken Wodka und Sekt. Es wurde „Gorko!“ gerufen.
Oleg zählte die Schneeflocken, die ihm auf die Stirn fielen. War das alles? Zehn. Jetzt bin ich ein Ehemann? Und Julia die Ehefrau? Elf. Warum ist nichts geschehen? Zwölf. Weder Gott noch Teufel haben reagiert. In keiner Weise. Oder? Dreizehn. Gott ist die Quadratwurzel aus minus eins. Ohne „i“ wird kein Flugzeug fliegen können. Vierzehn. Und wie fliegen die Vögel? Sie haben solch konforme Abbildungen nicht gelernt. Fünfzehn. Imaginäre Rätsel. Sechzehn. Es ist ein Komet gelandet, von ihm ist eine Zelle abgesplittert. Eine einzige Zelle. Vielleicht vom Fingernagel irgendeiner kosmischen Missgeburt. Siebzehn. Sie ist ins warme Wasser gefallen und dort war es angenehm für sie. Sie fraß etwas und teilte sich vor Begeisterung. Achtzehn. Genauso könnte die Scheißevolution begonnen haben. Die Menschen haben sich von allen Vieren erhoben. Das Ohr, das Auge, die Hand, der Hintern. Neunzehn. Und im Kopf steckt immer noch jene althergebrachte Frage, mit der alles angefangen hat. Zwanzig. Wo befindet sich der Nagel, von dem wir abgestürzt sind. Einundzwanzig.
Die Freunde lachten Oleg teilnahmsvoll ins Gesicht, drückten seine Hände, klopften ihm auf die Schultern und fragten ihn: „Also, was ist, Alter, bist du zufrieden? Bereitest du dich auf die Nacht vor? Trauere nicht, nicht die Götter brennen die Töpfe!“
Oleg antwortete nicht. 
Er schaute Julia in die Augen, suchte ihre Unterstützung. Aber Julia war nicht von metaphysischen Problemen beunruhigt, sie dachte an ihr Kleid, die Frisur, die neuen Schuhe. Sie war beschäftigt mit dem dickbäuchigen, lackierten Kürbiswagen voller Geschenke und Überraschungen, mit der bevorstehenden Feier im Restaurant, mit der Zecherei des Honigweins auf dem Altar der häuslichen Götter. Weniger mit der Opferung ihrer Jungfräulichkeit, mehr mit dem zeremoniellen Verzehr der gesalzenen und gepfefferten Eingeweide der Opfertiere.
Julia spürte genüsslich den dicken, goldenen Ring, der ihren feinen Ringfinger straff umarmte. Regenbogenträume geisterten durch ihren Kopf. Die gut trainierten Tennisspieler auf weißen Dampfer bei Lastotschkino Gnesdo auf der Krim. Der Meerwind spielt mit ihrem goldenen Haar. Der glückliche Vater zieht den Schlitten mit zwei lustigen Buben. Das weißbärtige Väterchen Frost im rotem Kaftan teilt den Kindern bunte Geschenke aus. Daneben steht eine besonders grüne Tanne, sie leuchtet wie Feuer. Auf ihrem Wipfel ein Stern, der Diamantsplitter versprüht. Der alpine Kurort Terskoll. Die weißen Brüste des Berges Elbrus. Die Zeitschrift „Fragen der Literatur“. Der Kongress in Boston...
Die Freundinnen führten Julia am Arm, halfen ihr, das Kleid nicht zu verschmutzen, küssten sie auf die Wangen und brachten den Schleier in Ordnung. Die stupsnasige Tolstikowa flüsterte ihr ins Ohr: „Du, Mädchen, mach keine Dummheiten! Weißt du, wie ich mich gefürchtet habe? Trotzdem habe ich es überstanden. Später ließ ich mich scheiden. Zweimal. Aber das brauchst du nicht. Oleg ist ein stattlicher Bursche. Ein Talent. Aus hartem Holz, aber mit Fantasie. Du musst in der Nacht nicht wie ein Brett neben ihm liegen, sondern sollst dich winden wie eine Hexe. Nur Wachspuppen genieren sich. Und das Allerwichtigste: Gib ihm nichts zu trinken, sonst ist er zu nichts fähig. Mein Paschka macht große Versprechungen, wenn er betrunken ist, bringt aber gar nichts auf die Reihe.“
Die kleine, schwarzäugige Diwnewa plapperte: „Liebe Julia, meine Allerschönste, dein weißes Kleid steht dir wunderbar! Du gleichst einem blühenden Apfelbaum in der Morgendämmerung. Wie froh wird Oleg über dich sein! Ich mache mir Sorgen um euch. Ihr seid beide so nette und kluge Kinderchen. Wangen wie Pfirsiche, Lippen wie Erdbeeren. Du, mein Liebchen, Julia, du wirst heute Nacht Oleg glücklich machen. Sonst wird er ein trauriger Junge.“
Die angetrunkenen Freunde hatten vor, Braut und Bräutigam für ein besonders gutes Foto auf die rutschige Marmorbrüstung zu stellen, mit Moskau als Hintergrund.
Oleg verzichtete entschieden und schlug sogar einem zu Aufdringlichen auf die Hand. Aber Julia wurde mit Hilfe einiger Männer auf die Brüstung gestellt. Von oben hat sie auf ganz neue Weise das Hauptgebäude der Moskauer Staatlichen Universität gesehen. Es sah aus wie eine große, versteinerte Braut, eine gigantische kubistische Matrjoschka, die seit langer Zeit auf der riesigen Plattform steht und auf ihren Bräutigam wartet, der offenbar einbehalten worden war, dort unten, im Zentrum von Moskau. Julia bemitleidete die Universität. Dann verlor sie für eine Sekunde das Gleichgewicht, strauchelte, wurde aber sofort von den Freunden aufgefangen und gezwungen, das volle Sektglas auszutrinken.
Oleg fing seine Brautfrau nicht auf. Er sah in Richtung Moskau. Der Nebel zerstreute sich allmählich.
Keine Ferne, keine Landschaft, eher ein gähnender horizontaler Abgrund.
Die goldene Konstruktion auf dem Präsidium der Wissenschaftsakademie wirkt wie eine Narrenkappe, Metrobrücke wie eine Missgeburt aus Beton, die aufgereihten Hochhäuser gleichen Grabsteinen auf dem Gottesacker.
Das Luschniki-Stadion ähnelt einer riesigen zerdrückten Moschee, ihre vier hässlichen Scheinwerfermasten könnten als Minarette dienen.
Das ist keine Architektur, sondern Stomatologie. Keine Häuser, sondern Implantate, Zähne des kommunistischen Drachens. Keine Straßen, vielmehr schuppige Rückgrate unterirdischer Echsen. Irgendwann wird der kosmische Alte im weißen Nachtgewand herabsteigen, und er wird gerade im Kreml mit seiner galaktischen Axt schlagen. Und hier entsteht ein kolossaler Krater.  
 
Die Hochzeitsgäste trafen im Restaurant ein. Ein separater Saal, festlich geschmückt, erwartete die Gäste. Auf den Tischen funkelten Kristallgläser, schwere grüne Servietten krümmten sich. Gutes Porzellan. Kerzenleuchter. Allerdings verbreitete die Vorspeise ein zweifelhaftes Mayonnaise-Aroma. Am hellen Glas der Wodkaflaschen perlten Tautröpfchen.
Der erste Toast kam vom Vater des Bräutigams. Er wünschte das Übliche: Gesundheit und Glück für die Braut! Gewohnheitsmäßig folgten Belehrungen und Ratschläge. Seine Rede wurde von Olegs weinerlicher Mutter immer wieder unterbrochen: „Los, sag es, Wladik, dass im Haus der Mann Chef sein muss. Vergiss nicht die Dissertation! Erwähne bitte, dass wir mit der Anzahlung zur Kooperativwohnung beigetragen haben. Und die Skier für beide haben wir auch gekauft.“
Später trat der Vater der Braut, ein Oberst a.D., auf. Er ächzte, hielt sich den Rücken. Er ebnete den Weg ins Glück für den Bräutigam mit guten Worten: „Kraft und Courage, Gesundheit und materielles Wohlergehen!“
Darauf kippte er ein Glas Wodka hinunter, stöhnte genüsslich und zwinkerte dem Neuvermählten zu. Die Mutter der Braut unterbrach ihn nicht. Sie beugte sich zur Tochter und flüsterte: „Werde bitte glücklicher als ich in der Ehe!“
Und dem Schwiegersohn sagte sie: „Rette dich der Allmächtige vor Wodka und vor der Armee! Schau meinen Adler an, einst war er doch dem jungen Schauspieler Sharow ähnlich. Er spielte sogar Trompete.“
Beiden Toaste folgte das Ohren betäubende „Gorko!”
Die Jungvermählten standen auf, stießen an, tranken und küssten einander. Oleg tat der Kopf weh. Julia befürchtete, dass sie den Schleier verliert oder die Kleiderfalten im Salat mit der Dorschleber landen. Dann ergriff Olegs Freund, Rudik Zwung, das Wort. Rudik hatte seinen Pegelstand bereits überschritten. Er war aufgeregt und nicht auf eine Rede vorbereitet. Er hoffte auf die Fülle seiner Gefühle. Später behauptete Rudik, dass ihm während seiner Rede eine schwarze Melancholie seine ungeteilte Liebe zur Menschheit geraubt hätte, und Schuld daran trüge niemand anderes als Iwan der Schreckliche.
„Leute! Leute, ich mag euch. Ich mag Moskau, ich mag die ganze Erdkugel. Alle Zweibeinigen und. Alle Dreibeinigen. Und alle Partei-Paarhufer. Ich bin der einfache Lehrer Zwung. Noch nichts von mir gehört? Komisch, denn es gab mich und gibt mich. Unterrichte Mathematik in der Schule. In Kolomenskoe. Tja... Dort, wo die berühmte Turmkirche steht. Übrigens, die stammt vom Vater von Iwan dem Schrecklichen. Erbaut zu Ehren des Sohnes. Ein italienischer Architekt hat sie errichtet. Das ist ein Land! Nichts können wir allein bauen. Versteht ihr? Nichts! In der Nähe von der Kirche ist unsere Schule. Für die sowjetische Jugend. Solches Viehzeug! Allerdings ist nicht klar, was sie noch veranstalten können. Alles war schon. Aus dem Fenster sind sie schon gesprungen! Den Schraubenzieher haben sie mir zwischen die Rippen gerammt. Was erzähle ich hier? Was? Hochzeit? Tja. Welche Hochzeit? So, liebe Kollegen. Vielleicht erinnert sich jemand von Ihnen: Was ist die Sinusfunktion von drei X? Vergessen? Oder haben Sie es niemals gewusst. Soll ich allein alles wissen? Und das quadratische Mitglied soll ich euch nicht in den Hintern stecken?
Habt ihr hier ein Gerichtsverfahren aufgezogen? Auf eurer beschissenen pädagogischen Versammlung. Ihr seid eine gierige Menge, die neben dem Thron steht, ihr Henker der Freiheit, des Genies und des Ruhmes! Wer von euch hat das saure Kraut gegessen, ihr Vertrauten der Unzucht! Es stinkt nach Knoblauch wie im Pionierzimmer.“
Rudik wurde in die Toilette befördert, und er bekam die Erlaubnis in Ruhe zu kotzen. Dann half man ihm, sich bis zum Gürtel auszuziehen. Rudik hat Kopf und Brust mit kaltem Wasser begossen.
Erfrischt kehrte er in den Saal zurück und entschuldigte sich bei den Eltern der Braut. Dann aß er etliche Hühnerfrikadellen und trank drei Tassen Kaffee. Den Rest des Abends saß er in unmittelbarer Nähe der fülligen Maschenka Rjabtschikowa. Er schaute in den Ausschnitt ihres lila Samtkleides und flehte: „Maschenka, erlaube mir, dich aufs Muttermal zu küssen. Freundschaftlich. Wie ein Bruder die Schwester.”
Geschmeichelt presste die Rjabtschikowa ihre opulenten Lippen zusammen und wehrte ihn zärtlich ab: „Sie scherzen, Genosse Lehrer. Brüder küssen den Schwestern nicht die Muttermale. Statt Wodka sollten sie besser Zinandali trinken.“
Darauf antwortete Zwung so: „Ich, Maschenka, bin ein Patriot. Ein Sklave der Ehre! Der Wodka ist nicht nur ein Getränk, er ist unsere Heimat. Das erste Konzert von Majakowski. Die Apotheose. Euroasien und Panslavismus. Obwohl ich ein Jude bin. Aber ich besitze eine russische Seele! Ein freies Herz und flammende Leidenschaften. Und Zinandali – Kater-pisst-in-die-Sandale. Kaukasische Säure. Zukünftiger Schmerz! Lass mich, meine Liebe, dich auf das Muttermal küssen. Wie ein Onkel bitte ich dich. Wie der arme Werther.“
Oleg aß nichts, trank nichts. Ihn fröstelte, obwohl es im Restaurant schwül und heiß war.
Er schenkte seinen Gästen keine Aufmerksamkeit, hörte den Toasts nicht zu, verlor auch seine Frau aus den Augen. Sie war zum Klavier gegangen, wo die musikbegabte Tolstikowa Edith Piaf imitierte.
„Non, je ne regrette rien...“, sang die Tolstikowa-Piaf leidenschaftlich laut.
Oleg hörte nur das Zirpen des Filmvorführgerätes und das Scharren der Füße auf dem Parkett. Er hätte gern ein wenig gezwitschert, aber fürchtete, die Gäste zu erschrecken. Eine aufdringliche Idee quälte ihn. Aus irgendeinem Grund wollte er, in die diskrete Welt des Kinos, in den Film geraten. Und dieser Film hatte an Tempo verloren, hing durch.
Die Hochzeit auf Zelluloid. Man isst, trinkt, aber alles rollt nach unten. Wie der Filmstreifen. Das ganze Leben. Kugeln rollen, rollen. Nach unten, in die Tiefe. Und dort, neben dem Schweinestall, läuft der verrückte Alte mit der Axt umher.
Das magere Pferd und der tote Rabe.
Alle schlurfen. Man muss das Parkett auswechseln.
Schlurft weiter, ihr blinden Pferde des Lebens, schlurft.
Herz und Pik. Und der Alte hat im Ofen das Herbarium verbrannt. Auch die getrockneten Pilze hat er nicht verschont. Der Adamsapfel kratzt in seinem haarigen Hals.
Neben Oleg tauchte sein ehemaliger Mitschüler Ilja Bespalow auf.
„Warum bist du traurig? Ärgere dich nicht wegen Rudik, er sprach mit reinem Herz. Es hat jetzt viele erwischt. Angeblich wollen sie auch ihn in die Armee stecken. Einen Offizier aus ihm machen. Stell dir vor, Rudik in Uniform! Rührt euch! Stillgestanden! Helm ab! Eine Grube graben von hier bis zum Abendessen! Seine Mutter soll angeblich ihr Klavier verkauft haben, um das Schmiergeld zu bezahlen. Ein Jammer, einen weißen Petroff.“
„Klar erinnere ich mich daran. Rudik, ein Herzensmensch. Er hat fünfzig Rubel von seinem Hundert-Rubel-Gehalt für unser Hochzeitgeschenk abgebissen.“
„Dich hat der Hochzeitsstress erwischt. Siehst blass aus. Frisst nichts. Würdest du wenigstens das Hühnerfrikassee kosten? Es zergeht dir auf der Zunge. Wann bekommst du wieder so ein gutes Essen? Bleib hier nicht bis zum Schluss hängen. Nimm in einer Stunde deine Julia und fahr mit ihr nach Hause. Und ab ins Bettchen! Soll ich euch ein Taxi besorgen?“
„Der Vater hat den Kleinbus für zehn Uhr bestellt. Wir können dann die Geschenke gleich mitnehmen. Julia fährt auf keinen Fall früher als vereinbart. Hörst du, wie sie schmettert auf Französisch. Das hat man ihr auf der philologischen Fakultät beigebracht. Mich dreht es, als ob eine Grippe naht. Die Birne kracht. Widerliche Gedanken spuken in meinem Kopf.“
„Armes Schwein! Ich war gestern gerade wegen meiner Sprachkenntnisse im Mausoleum. Gezwungenerweise. Du, sagten sie, sprichst französisch, deswegen führst du die Algerier ins Mausoleum. Sie sind zum Erfahrungsaustausch hier. Freunde der Sowjetunion. Alle Beamte und Bankiers. Gut gepflegt. Müssen sie wirklich Lenins Leiche sehen? Ich bekam einen amtlichen Delegationsnachweis in die Hand. Also fahren wir los. Fjodorow hat natürlich den Minibus nicht rausgerückt. Dieses Schwein! Also nehmen wir die Metro. Drei Stationen. Wunderbar! Ein Betrunkener belästigte meine Algerier. Ihr geräucherten Majestäten, sagte er, warum seid ihr hierher gekommen? Zum Fliegen fangen? Warum seid ihr von euren Palmen gestiegen, ihr Neger! Ein Algerier faltete argwöhnisch seine Stirn und bat um Übersetzung. Ich habe natürlich geschwindelt. Dann klebten zwei Jungen an uns, sie wollten Kaugummi und Abzeichen! In der Schlange mussten wir nicht stundenlang stehen, für Ausländer ist bei uns alles geöffnet. Sklavenpack! Nach zehn Minuten kamen wir zum Sarg. Die Algerier haben geschaut, genickt, eine Verbeugung angedeutet, und schon waren sie am Ausgang. Ich stand noch einen Moment lang da. Obwohl ein Dienst habender KGBler aufdringlich flüsterte: Gehen Sie, gehen Sie weiter, bleiben Sie bitte nicht stehen! Eine Minute noch habe ich Iljitsch betrachtet. Wie verzaubert. Da liegt er, verstehst du, liegt da, dieser tote Tatar, unter dem Glas. Wie ein Hexenmeister. Oder Yogi. Gleich wird er die Augen öffnen. Du glaubst es nicht, wie jung er ist. Frisch wie ein Apfel. Lebendiger als alle Lebendigen. Er hat genug Blut gesaugt, dieser Vampir.“
Um acht Uhr erreichte die Feier ihren Höhepunkt. In der einen Saalecke tobte noch immer die ungezähmte Tolstikowa am Klavier. In der anderen tanzte man. Donna Summer, Blondie, Annie Lennox. Am Hochzeitstisch saßen die Menschen mittleren Alters und die älteren.
Der dicke Onkel von Julia, Abteilungsleiter eines geheimen Institutes, der sich mit Sprengstoff beschäftigte, hatte beide Ellenbogen auf den Tisch gestützt und seine Hände hielten den Kopf. Der aber sank in gefährliche Nähe zum Teller mit gekochten Eiern, gefüllt mit rotem Kaviar. Die unterstützende Hand seiner Frau, die gleichfalls im explosiven Institut arbeitete, als Buchhalterin, rettete die Eier und das Gesicht des Onkels.
Ihnen gegenüber saß der ebenfalls ziemlich betrunkene Onkel von Oleg, Witali Alexandrowitsch, ein Chemieprofessor und die Fachkraft für Polysulfidkautschuk.
Der explosive Onkel sagte zum polysulfiden Onkel: „Du Witali, ich Witali. Deine Frau heißt Galka, meine Lenka. Kein großer Unterschied. Die Polysulfidkautschuke! Du hättest einfacher Pfropfen sagen können. Pfropfen für Flaschen, für Dosen und wofür noch?“
Der Professor antwortete: „Also, Dynamit, sei vorsichtiger! Ohne Pfropfen würde der Wodka ausfließen. Was dann?“
„Lass ihn fließen. In unsere Gläser. Lass uns trinken! Auf die Neuvermählten! Ach, du altes Wissenschaftspferd!“
„Mach mich nicht alt! Ich bin erst zweiundfünfzig! Ich kann nach wie vor explodieren! Dreimal am Tag. Wodka-Chanka! Die Seele wärmt er, den Organismus reinigt er.“
„Du hast recht, Kautschuk. Sag mir bitte. Wohin schicken wir Oleg? Zu dir auf den Lehrstuhl oder zu mir in den Militär-Kasten. Bei mir ist das Gehalt üppiger, aber man muss immer Achselstücke tragen.“
„Er passt nicht in die Stiefel! Siehst du nicht? Ein Moskauer Junge. Weich und intelligent. Seine Stelle ist im Institut. Er muss dort arbeiten. Mit klugen Menschen umgehen. Sich reiben. Er ist noch nicht reif für das richtige Leben, aber schon verheiratet. Freiwillig lässt er sich fesseln. So ein Dummkopf!“
Das war für Onkel-Dynamit zu viel. Er versuchte, dem Professor-Kautschuk ins Gesicht zu schlagen. Stattdessen bekam er von seiner Ehefrau eine kräftige Ohrfeige. Danach schaukelte er unglücklich und. Sein breites Gesicht fiel geradewegs in den Eierteller. Mit Blamage wurde auch er in die Restauranttoilette begleitet. Dort predigte er lange vor den Pissoiren. Mit geöffnetem Hosenschlitz kehrte er in den Saal zurück.
Vor dem Ende der Hochzeit sind noch zwei unbedeutende Konflikte aufgeflammt.
Der ehemalige Klassenkamerad von Julia, Kolpakow, erinnerte sich, dass ein anderer Mitschüler, Chlebny, sein in der UdSSR verbotenes Buch „Lolita“ schon vor Jahren ausgeborgt und bis heute nicht zurückgegeben hatte.
„Bist du blöd?”, schrie Chlebny, „ich habe dir diesen Schwulst eigenhändig zurückgebracht, ich brauche ihn nicht, bei mir steht er auch so gut!”
„Nein, bestimmt hast du es verlegt!”, versicherte Kolpakow und wurde wütend: „Geklaut hast du meine „Lolita”, und Ritka hast du auch begrapscht, als ich nicht im Zimmer war.”
„Du, Blödmann, alle haben deine fette Kuh angefasst! Alle, außer mir. Ihr Arsch war wie der Mond und ihre Beine wie die vom Klavier.“
Dann haben sich Kolpakow und Chlebny zufällig mit den Köpfen gestoßen und sind auf den Fußboden gefallen. Dort fanden sie ihr Lachen wieder und versöhnten sich.
Kolpakow umarmte Chlebny und tröstete ihn: „Mein liebes Brötchen, ärgere dich nicht, es ist alles schon seit Jahren vergessen. Zurückgegeben oder nicht, egal! Hab keine Zeit, um Literatur zu lesen. Alle Hände voll zu tun. Übrigens rief mich Ritka zuletzt vor drei Jahren an. Kurz vor ihrer Abreise. Abgehauen ist sie. Alle hauen ab. Und wir werden hier sterben. Scheiße!“
„Heul nicht, du Kappe! Sie sind weg und wir bleiben hier. In der Heimat! Sie werden alle krepieren im Westen! Wegen der Arbeitslosigkeit und den Krisen! Und wir werden in Ruhe leben, hier im sowjetischen Paradies. Bald wird Leonid ins Gras beißen, vielleicht ändert sich dann was“, ermunterte ihn sein Freund Chlebny.
Der zweite Konflikt brach zwischen Vertreterinnen des schönen Geschlechts aus. Die Dichterin Minajewa, die mit dem Tollpatsch Slawikow verheiratet war, wurde eifersüchtig auf  ihre alte Konkurrentin Lisa Sitrojen, eine Polnisch- und Tschechischübersetzerin, die zwar dick geworden, aber immer noch recht attraktiv war.
Ihrem Mann zischte die Minajewa zu: „Wir reden zu Hause!“
Und ihrer Widersacherin versprach sie: „Und dich, du Ekel, trete ich in den fetten Arsch! Du altes Rindfleisch!“
Sie warf sich auf Lisa, fuhr ihre blutroten Krallen aus. Jene hatte den Rückzug bevorzugt. Dann wurde Minajewa abgelenkt und beruhigte sich.
Später aber lauerte sie Madame Sitrojen in der Toilette auf. Leider war niemand da, um die Nebenbuhlerinnen auseinanderzuzerren.
Nach dem Kampf kämmte die Minajewa lange ihr dunkles Haar, das im Scharmützel stark gelitten hatte, und die fette Schönheit Lisa puderte tüchtig ihre Nase, in die sie von der verwegenen Dichterin gebissen worden war.
 
Oleg und Julia kamen gegen elf nach Hause. Sie schleppten noch alle Geschenke in die Wohnung. Um sie zu ordnen, fehlte ihnen die Kraft. Sie ließen den ganzen Kram im Flur. Die vor Müdigkeit halbtote Julia warf ihren Schleier ab, befreite sich vom Brautkleid, duschte sich, küsste ihren frischgebackenen Ehemann auf die Wange, legte sich rasch ins Ehebett und schlief ein. Wie ein Engel.
Oleg saß eine Weile sinnlos in der Küche. Dann ging er zum Fenster, zog die vor zwei Tagen aufgehängte Gardine auf und schaute düster in den dunkelvioletten Himmel über den Häusern.  
Der Himmel. Für mich ist er anscheinend violett, und für den Hund grau. Grauer Hundehimmel.
Für mich ist er oben, und für den Mondmenschen unten.
Die Farbe, zum Beispiel, ist eine Erfindung, Utopie, wie auch der Laut und der ganze übrige Quatsch. Die Farbe existiert nicht ohne das menschliche Auge und ohne Hirn. Es gibt den Laut nicht, ohne Ohr. Der Stier sieht das Rot nicht.
Das Absolute? Wir selbst haben es erdacht. Die Hauptgeige ist nicht die Stradivari, sondern der menschliche Körper.
Das Gute und Böse sind Selbstbetrug. Eine provisorische Vereinbarung, Bequemlichkeit.
Und der Kosmos spuckt sowohl auf das Gute als auch auf das Böse.
Wir träumen. Wir wollen nicht überfließen und nicht verdorren. Häuser sind fest, aber wir bestehen größtenteils aus Wasser. Wir fließen wie Flüsse. Wir mögen die Formen, weil wir selber formlos sind. Wir mögen Metalle. Und noch mehr mögen wir die Worte. Wir können nur in Worten weiterleben. In der linguistischen Weite. Auf den semantischen Feldern. Mit Tausenden von Silben.
Dem Krokodil passen unsere Stiefel nicht.
Die Ästhetik, die Ethik. Sie riechen nach Scheiterhaufen.
Niemals werden wir den Anderen verstehen. Von seinem Glockenturm sieht alles anders aus.
Julia ist einfach eingeschlafen. Das, was für sie gut ist, ist für mich schlecht. Und umgekehrt.  
Das Vorführgerät ist stehen geblieben. Der Filmstreifen zerrissen.
Auf der Leinwand ist ein Unheil verkündender Fleck auseinandergeflossen. Im Saal schrie man schon.
Oleg ging weg vom Fenster und setzte sich im Korridor auf den Hocker. Dann begann er, die Geschenke auszupacken. Matt, lustlos. Oleg nahm die kleine dekorative Axt zur Hand, „das Nowgoroder Souvenir“ mit einer Gravur zum Jubiläum „1000 Jahre Russland“ und goldenen Verzierungen an den Metallkanten. Ein Geschenk vom Dynamit-Onkel. Man könnte es ihm sogar übel nehmen, wenn nicht der versöhnliche, grüne Fünfzigrubelschein an der Schneide gewesen wäre. Oleg löste das Geld vorsichtig ab und legte es auf den Schuhschrank.
Oleg hat vor dem Spiegel einen melancholischen Komantschen dargestellt, er stützte den sinkenden Kopf mit der Axt. Die Augen weit aufgerissen, erfasste er die Axt mit den Zähnen und zog mit den Händen seine Ohren in die Breite. So verwandelte er sich in einen dümmlichen Apachen. Dann stellte er den vorletzten der Mohikaner dar, einen lustigen Mohikaner: die Axt in der Hand, Feder im Haar, keck sieht er in die Welt, er ist nur vorletzter.
Danach wurde Oleg ein Patriot von Großrußland, er hielt den Kopf stolz und erhaben in die Höhe, spannte die Muskeln an und zielte mit seiner Axt auf die eigensinnigen Stirnen der Feinde, die von allen Seiten herbeiströmten .
Dann seufzte Oleg tief und verwandelte sich in Chingachgook. Er streifte seine Unterhose bis zum Knie hinunter, klemmte die Axt so zwischen die Schenkel, dass die Schneide wie ein steifes Glied nach vorn zeigte. Vorsichtig begab er sich in diesem Klemmschritt ins Schlafzimmer und erstarrte neben dem Bett.
Julia drehte sich unruhig um, hob den Kopf, knipste die Lampe an, schaute kurz ihren Mann an und kreischte. So laut sie konnte.
 
 
 

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