Igor Schestkow "Chanel"

  
 
 
Abgeflogen bin ich vom Flughafen Berlin Schönefeld.
Aus grauer Tiefe endlich an die Oberfläche des Meeres gelangt. Hier herrscht kalte Sonne. Es gibt keine Erde, nur die Leere des Raumes, den Glanz des ewigen Tages und wolkige Watte.
Während des gesamten Fluges unterhielten mich meine Nachbarn. Für den imposanten Handelsjuden aus Odessa gab es keine Pause. Seine Rede begann immer gleich: „Dazu möchte ich Folgendes sagen...“ Und er sprach und sprach. Verglich Singapur mit Schanghai. Odessa mit Kiew. Er verdrehte seine braunen öligen Pupillen. Lächelte schüchtern. Ich hörte ihm zu, unterbrach ihn nicht – wegen seiner Liebenswürdigkeit und seinem Wohlwollen, die bei ehemaligen sowjetischen Menschen sehr selten anzutreffen sind.
Die meisten Reden von durchschnittlichen Juden beinhalten entweder maskiertes oder offenes Lob für sich selbst. Es kann sein, dass ich zu den Juden ungerecht bin, und die menschliche Rede überhaupt ein Phänomen des Selbstlobes, der Eigenbehauptung des vergänglichen Körpers, des Geistes, des Wortes im taubstummen Universum ist.
Der zweite Jude, jung, kahl, sympathisch, war ein überzeugter Kiewer. Er erzählte uns von vielen aus Israel Zurückgekehrten. Früher war es Mode auszureisen. Jetzt, angeblich, zurückzukommen.
„Ich emigrierte, meine Wohnung auf dem Podol habe ich für Zehntausend verkauft, und jetzt bin ich wieder da und will meine Wohnung zurück. Ich kaufe sie. Ich bezahle Zwanzigtausend und bin wieder daheim. Und alle sind zufrieden. Die Preise für Immobilien steigen“, erzählte er enthusiastisch.
„Dazu möchte ich Folgendes sagen...“, begann der erste Jude und sprach zehn Minuten ohne Pause, klopfte mir auf die Schulter, sah mir ins Gesicht und lächelte schüchtern.
Die ersten Eindrücke vom November-Moskau: Kälte, Gestank, Schmutz. Gestank von Auspuffgasen. Und hässlicher Müll überall. Und unangebrachter Luxus. Gestank und Schmutz dominieren offenbar auch im Bewusstsein der Moskauer. Auf den Straßen – Eile, Grobheit, Lümmelei. Der Hochmut der Stärkeren, der Reichen, der Staatsangestellten und ihrer zahlreichen Lakaien – die Fahrer, die Wachmänner. Bosheit und Verzweiflung bei den Armen und Schwachen. Stumpfe Demut.
Es gibt auch viele freundliche, unschuldige Gesichter. Um diese Menschen ist es schade. In welches Desaster werden sie noch von ihrer verrückten Heimat hineingezogen?
Im Trolleybus begegnete ich einem Tadschiken aus Duschanbe, der zur russisch-orthodoxen Religion übergetreten war. Seinem Aussehen nach konnte man meinen, er sei Terrorist. Vollbart bis zum Nabel. Mit felsenfester Überzeugung glaubte er an Christus wie seine Moslem-Brüder an Allah. Sein Gesichtsausdruck glich einem traurig-zornigen Weltenrichter auf der russischen Ikone: Ich zerschmettere euch alle, ihr Sünder! Ihr werdet in der Hölle schmoren!   
Der Tadschike predigte: „Höre auf niemanden, nur auf dein eigenes Herz!“
Was wäre mit mir, wenn ich nach diesem Gebot leben würde? Nichts. Ich lebe so. Mein Herz aber schweigt.
Mein Ziel war heute das Danilowski Kloster. Ich sah dort die neuen Reliquien. Die modernen Ikonen, die nach den Regeln des Mittelalters gemalt wurden. Und manchmal in platt-realistischer Manier.
Das jetzige russisch-orthodoxe Christentum scheint dem Aberglauben alter Weiber zu dienen. Es wirkt besonders stark auf Hysterikerinnen und auf unglückliche, sich nach „geistigen“ Ekstasen sehnende Intellektuelle.
Im Hof des Klosters stolzierten selbsternannte „Kosaken“ herum. Ohne Säbel, aber mit ihren typischen Pelzmützen. Ich besuchte im Kloster eine alte Freundin namens Solominka. Das erlebte Leid hatte ihr geholfen. Sie sprach ohne Bosheit über andere Menschen. Solominka glaubte eifrig, zollte aber auch den soziologischen Theorien, die den Einfluss himmlischer Kräfte ausschließen, ihren Tribut.
„Die Eliten haben alle Schranken überschritten. Sie zeigen jetzt der Welt, wer der Hausherr ist. Das wird schlecht enden. Mit einer globalen Katastrophe auf dem Erdball.“
Immer endet alles schlecht. Solominka ist eine sowjetische Prophetin. Wie andere Bewohner der ehemaligen UdSSR projiziert sie das eigene nicht gelungene Leben auf die Weltgeschichte.   
Vom Kloster fuhr ich zum Pawelezki Bahnhof mit der Straßenbahn. Im Wagen saßen einige angetrunkene, Furcht einflößende Menschen. Fünf Haltestellen – vierzig Minuten. Staus.
Erfolglos versuchte ich meinen deutschen Pass „registrieren“ zu lassen.
In der Einladung stand klar geschrieben, dass man sich innerhalb der Dreitagefrist bei der Gastfirma registrieren lassen muss. Die Firmenadresse: Nowinski Boulevard 1. Dort wurde ich unangenehm überrascht – es gab kein Haus Nummer 1, nur 1/2. Ich fragte in einem touristischen Büro: „Verzeihen Sie bitte, wo ist hier die Firma Business International?“
„Keine Ahnung!“
„Und wo das Haus Nummer 1, ohne Strich?“
„Keine Ahnung!“
Ich wandte mich an ein Übersetzungsbüro. Fragte dort nach der Firma.
„Das wissen wir nicht! Den ganzen Tag ein Kommen und Gehen, alle fragen, alle stören, wir sind keine Auskunft!“
Dann sprach ich einen Milizionär an. Er stand vor einem Bankeingang auf dem verfluchten Nowinski Boulevard.
„Ich bin nicht aus Moskau. Was hier wo ist, weiß ich nicht. Überall nur Firmen.“
Mit vollem Verständnis, dass das Leben absurd und unberechenbar ist, wenn man von ihm irgendeine Logik erwartet, bin ich alle sechzehn Institutionen im Haus 1/2 abgelaufen. Kein Mensch konnte mir helfen. Keiner verbarg seine Gereiztheit. Entmutigt bin ich nach Hause gefahren. Habe von dort die verflixte Firma angerufen. Es stellte sich schließlich heraus, dass ihr alter Drucker manchmal versagt. Die richtige Adresse lautete – Nowinski 11. Am nächsten Tag bin ich erneut dorthin gefahren. Nach einem halbstündigen Zick-Zack erreichte ich das gesuchte Büro. Die gesamte Firma bestand aus zwei Menschen. Ein junges Mädchen teilte mir mit, dass, laut neuer Regel, die Bezirksmiliz für mich zuständig sei. Die Privatperson, in deren Wohnung ich vorübergehend lebe, und ich, wir beide müssten dort eine Genehmigung für meinen Aufenthalt ausstellen lassen. Mit dieser Genehmigung solle ich dann zum Meldeamt fahren, um dort den Registrierungsschein zu beantragen. Ich wurde böse.
„Und wie kann man mich ohne Meldeamt, ohne Miliz, ohne Genehmigung und ohne Privatperson registrieren? Diese Person lebt jetzt in Argentinien und kann an dieser für die Russische Föderation so wichtigen Prozedur nicht teilnehmen.“ 
Das Mädchen hat tief geseufzt und sagte mit gespielter Traurigkeit: „Also, dann müssen wir selbst alles machen, wir werden Sie so registrieren, als ob Sie im Hotel leben. Das kostet 1500 Rubel.“
Das bekannte Bild – bürokratischer Unsinn, Betrug und Abzockerei. Ich habe ihr das Geld hingeblättert.
„Kommen Sie morgen wieder!“
...
Ich hatte vor, am Nowy Arbat spazieren zu gehen. Geriet jedoch sogleich an eine gestrenge Tante, die mit charakteristisch anklagender Stimme proklamierte: „Sie gehen alle vorbei. Und Sie wissen nicht, dass sich in diesem Gebäude, im Keller ein Bordell befindet. Dort werden achtzig Mädchen als Geiseln gehalten. Sie werden von den neuen russischen und ausländischen Reichen gefoltert. Hören Sie zu, hören Sie der Wahrheit zu! Das verbrecherische kapitalistische Regime der Oligarchen und die ihnen dienende Putinclique hat unser Volk in eine geldgierige Bande von Kretins und Gewalttätern verwandelt. Ohne Ehre, ohne Gewissen. Alles wird verkauft. Die Eltern verhökern ihre Kinder ins Ausland. Dort werden sie vergewaltigt und getötet.“
Ich bin rasch von der Tante wegmarschiert.
Dann kam ich in das „Haus des Buches“.
Die Preise dort sind nicht ohne. Zu wenig Fachpersonal. Die Mädchen in den Uniformen langweilen sich. Der Computer weist nicht aus, ob das Buch vorrätig ist oder nicht. Die Breite des Repertoires aber ist erstaunlich. Für wen war es vorteilhaft uns das alles in der sowjetischen Zeit zu entziehen? Und jetzt ist es zu spät. Eine andere Epoche. Das gute Buch braucht niemand mehr. Gefragt ist nur Unterhaltung. Ich kaufte das russische orthografische Wörterbuch. Als ich bezahlte, bemerkte die Kassiererin bitter: „Wie viel Geld Sie haben! Hier arbeitest du, arbeitest bis zur Ohnmacht. Lebenslang. Und verdienst nichts! Und Sie kommen von draußen zu uns und haben die Ärmel voller Geld!“
Ich sagte: „Die Stricke sind hier fest, dort am Kronleuchter hängt es sich gut.“
Die Kassiererin blickte mich böse an, neigte dann ihr Gesicht nach unten und begann bitter zu weinen. Wieder war ich schuldig.  
Ich stoppte ein Schwarztaxi. Der Fahrer sah aus wie ein Kaukasier. 
„Sind Sie Georgier oder Armenier?“
„Beides in einem.“
„Das bedeutet, ausgehend von der aktuellen Politik des russischen Staates, eine Ihrer Hälfte muss man nach Tiflis und die andere nach Jerewan abschieben.“
Der Fahrer lachte und erzählte: „Ich habe 1975 das Moskauer Geologie-Institut absolviert. Durch die Arbeitszuweisung bin ich nach Surgut geraten. Dort lebe ich bis heute. Dort wachsen meine Kinder auf. Dort ist mein Haus. Nach Moskau wurde ich von meiner Firma geschickt. Hier verdiene ich aber nur fünfhundert Dollar. Eine Einzimmerwohnung im Monat kostet schon fünfhundert, man muss aber auch essen und für die Familie sorgen. Deswegen schufte ich. Nach der Arbeit – hinters Lenkrad! Man fängt jetzt an, die Georgier zu verfolgen.
Sagen Sie mir, was will er von uns? KGBler! Warum verhöhnt er das Volk? Aus Rache für die georgische Mutter, die ihn zu fremden Menschen schickte? Was haben andere damit zu schaffen? Dreimal wurde ich schon angehalten: Zeig deine Papiere! Einmal haben sie mich, ohne ein Wort zu sagen, zur Miliz geschleift und verprügelt. Alles, was ich bei mir hatte, fünfzehntausend Rubel, haben sie kassiert. Sie drohten, wenn du jetzt losrennst, um uns zu verklagen, finden wir dich und brechen dir alle Knochen. Und wir werden dafür nicht bestraft. Für die sind wir keine Menschen. Sie nennen uns Tiere! Schwarzärsche. In Surgut ist es besser.“
Ich kam nach Hause. Machte den Fernseher an. Es wurden gerade Soldaten-Schlägereien gezeigt. Der Moderator sprach im Brustton der Überzeugung: „Während der Besichtigung haben die Soldaten ihren Patriotismus, ihre Standhaftigkeit und ihre Bereitschaft demonstriert, den Feind an jedem beliebigen Punkt der Welt die Stirn zu bieten. Deshalb nennt man unsere Sondereinheiten die besten der Welt!“
Wie sie früher waren, so sind sie geblieben. Patriotismus demonstrieren sie! Waschen ihre eigenen Gehirne. Das ist für die Vertreter des russischen Staates Routine geworden wie für die Enten und Schwäne das Federputzen.
War heute auf dem Altem Arbat. Kalt. Minus drei, Feuchtigkeit – hundert Prozent und Wind. Habe meinem englischen Mantel gedankt, er hat mich gut vor diesem Wetter geschützt.
Ging in den Souvenirladen und kaufte dort eine Palech-Schatulle für fünftausend Rubel. Ich kann nicht dagegen an, jedes Mal kaufe ich Schatullen in Moskau. Ich verschenke sie dann an Menschen, die sie nicht schätzen, nicht verstehen können. Aber diese Schönheit behalte ich mir!
Weihnachten. Die Malerei ist klar und rein. Die Farben – zart. Ein Brillant. Auf schwarzem Lackhintergrund – ikonenhafte Anhöhen, in Ocker und Grün. Darin – Höhlen. Am Horizont – eine russische Bonbon-Stadt. Ein prächtiger Ölbaum. Zwei Engel mit goldenen Flügeln verbeugen sich vor dem heiligen Kind. Hinter der Wiege – Stier und Kuh, die Tiere sind gekommen, das Kind anzubeten.
Die liegende Gottesmutter schaut auf drei Blumen.
Sie symbolisieren die Dreifaltigkeit, die mit der Geburt des Christuskindes ihre Vollkommenheit erreicht hat. Josef sitzt sanftmütig neben Maria. Hier liegt die russische Idee auf der Hand. Der dunkle Hintergrund ist das russische Leben – finstere, fettige Schwärze. In ihr wird ein farbiger Kristall geboren. Das heilige Plasma sublimiert sich auf dem Anthrazit. Wie Jonas Hoffnung im Fischbauch, in der Ozeantiefe. Und je tiefer und dunkler der Ozean, desto stärker und heller die Hoffnung. Eine wonnevolle Welt. Freude für das Herz und für die Augen.
Heute besuchte ich eine Veranstaltung – den fünfzigsten Jahrestag der Zweiten Moskauer Schule.
Der feierliche Abend fand im ehemaligen Palast der Pioniere statt. Später versammelten sich die Teilnehmer in der Schule. Was für eine Freude die alten Freunde zu treffen! Aus unserer Klasse waren es nur fünf. Schade. Aufmerksam hörte ich den Reden zu und beobachtete das allgemeine Benehmen. Mich interessierte das Gefasel nicht, nur die Beziehungen der Gebliebenen zum jetzigen politischen Regime in Russland. Ich habe schnell verstanden, die Furcht ist geblieben. Immer fürchtete man in der Rus den Zaren und seine Geheimdiener. So auch jetzt. Zwar haben sich die Formen des Regimes und die Angst vor ihm verändert, aber das mit Angst und Blut vergiftete Sozium blieb. Russland gleicht einer repressiven Pyramide. Allein deswegen wäre ich noch mal emigriert. Zu oft verwandelte sich diese Pyramide in eine Schneide, die Lebendiges zerschnitt. Ich verstehe die Hiergebliebenen nicht. Besonders jene nicht, die das Land verlassen könnten. Wollen sie wirklich diesen totalitären Trank schlürfen?
Nachrichten im Fernsehen.
Über die Raketenangriffe in Tschetschenien erzählt man ohne Hemmungen, so, als wären sie nicht in Russland, sondern in Honduras und dort sterben nicht russische Staatsbürger, sondern japanische Zulus.
Das Schlimme ist, dass die Russen sich an den Geruch des Todes, den Reichsgestank, gewöhnt haben, dem Parfüm aus den staatlichen Stiefeln, der Abgase und der Angst.
Fassen Sie zusammen: die Verzweiflung der verelendeten Rentner, der Schrecken des Spießbürgers, der ständig das Gesetz verletzen muss, um etwas verdienen zu können und die Freude der Neureichen. Ergänzen Sie es mit der Grobheit und dem Schmutz im öffentlichen Verkehr, den unhygienischen Verhältnissen in den Geschäften, den Stierblicken jeglicher Wachmänner und Einsatzpolizisten, den halbverfallenen Häusern, dem astronomischen Preis für Wohnfläche, dem Geruch von Katzenurin in den Hauseingängen, dem verlogenen, arroganten Fernsehen – so haben Sie einen Eindruck des Moskauer Lebens, so wie ich es gesehen habe.
Der ehemalige Freund erklärte mir, dass meine Beziehung zu Moskau nur Reflexionen eines geschwächten Intellektuellen seien. Es gibt bei mir keine Reflexionen! Nur Feststellungen. Geschwächt war in der Tat mein Magen im Kampf mit dem roten Fisch und den russischen Maultaschen. Zwei Tage aß ich davon. Und erst dann mutmaßte ich, dass diese Lebensmittel nicht mehr frisch gewesen waren.
Und meine Nase wurde strapaziert durch das ständige Einatmen der Abgase. Im sechsten Stockwerk des eleganten Hauses auf dem Leninski Prospekt konnte man das Fenster nicht öffnen, so arg stank es dort. Es ist eigenartig – die Preise vieler Moskauer Wohnungen in den Stalinhäusern haben schon eine Million Dollar erreicht, aber ihre Hauseingänge, Flure und Fahrstühle sind schmutzig und stinken wie eh und je. Die Wohnungen selbst bedürfen Generalüberholungen.
Ich wurde gefragt, wo nur der „Reichsgestank“ zu riechen sei. Sie, sehr geehrte Herren, haben sich an viele Sachen so gewöhnt, dass Sie gar nicht mehr merken, wo und wie Sie leben. Ganz Moskau ist eine Ansammlung des Reichsgestankes.
Schauen Sie an, wie die Limousinen der Satrapen durch das Kremltor einfahren, wie die Bullen das Fußvolk vertreiben und Wege sperren. Die einfachen Menschen stehen deswegen in langen Staus. Die Straßen, Häuser und Wohnungen sind in einem schäbigen Zustand. In der Metro ist es stickig, es stinkt dort nach Schweiß und Alkohol. Die Besitzer der Luxus-Autos benehmen sich gefährlich frech. Über die Korruption in den verschiedensten Formen spreche ich erst gar nicht. Aber über die wilde Ausbreitung von AIDS und die verheerende Rauschgiftsucht.
Und dazu noch die schändlichen politischen Ermordungen. Die schöne, mutige Journalistin wurde in ihrem Hauseingang erschossen, Politkowskaja. Der Regimekritiker wurde in London vergiftet – Litwinenko. Das ist der „Reichsgestank“.
Sie lachten, hielten mich für den Dummkopf.
Ich unterhielt mich lange mit dem ehemaligen Freund.
Ein kluger Bursche. Drei Stunden lobte er das neue Moskau und sich selbst. Er ist sowohl Professor als auch ein genialer Schriftsteller und erfolgreicher Geschäftsmann. Er reist weltweit. Er möchte eine Insel in den Tropen kaufen. Mit dem Putin-Regime ist er völlig im Einklang. Ich habe ihm empfohlen, die Insel neben Solowki zu kaufen. Dann muss er nicht so weit fahren bei möglichen zukünftigen Repressalien. Ich stehe Prahlerei gelassen gegenüber, und Erfolge meines Freundes erfreuen mich.
In seine Worte schlüpfte jedoch etwas typisch Russisches – der Wunsch, wenn auch indirekt und behutsam, den Gesprächspartner herabzuwürdigen, seine Lebensposition zu diskreditieren.
Ich widersprach nicht, weil ich ihn verstehen wollte. Vergeblich. Wie kann man mit Putin zufrieden sein? Seine erboste Visage spiegelt sein Herz wider.  
Heute war ich im Kreml.
Nach dem Eingang – die Sicherheitskontrolle. Alles Metallische auf den Tisch und ab durch den magnetischen Bogen. Und innerhalb der Burgmauern geh nur entlang der erlaubten Streifen. Ein Schritt zur Seite –  Pfiff und Anschnauzer des Milizionärs. Lagermentalität.
Die Mariä-Entschlafens-Kathedrale.
Von außen – der vereinfachte Markusdom in Venedig, innen – eine Palech-Schatulle.
Die alten Ikonen sind echt. In ihnen findet die Göttlichkeit ihre materielle Verkörperung. Der rote Heilige Georgi. Die Gottesmutter auf der Rückseite. Sie haben mich tief beeindruckt. An Gott glaube ich nicht, aber ich bewundere die christliche Kunst. Bis zur Erstarrung. Solche Freude. Das Wunder ist hier vor uns. Es gibt eine noch nicht versiegte Quelle in meiner Seele! Nicht alles ist ausgebrannt.
Ich bin aus der Kathedrale auf den Vorplatz gegangen. Der Zauber verschwand, der Lebensbrunnen hatte aufgehört zu sprudeln. Noch gewöhnlicher erschienen mir die Gesichter der Touristen, noch böser die Visagen der KGBler, die ihre Reichsratten bewachten. 
 „Der Mensch ist ein Rätsel“, schrieb der mittellose Epileptiker Dostojewski. Ich dachte daran, als ich nach Ismajlowo fuhr, eine weitere Palech-Schatulle zu kaufen.
„Wozu brauchst du noch eine Schatulle?“, ärgerte ich mich. Nach langer Taxifahrt erreiche ich den närrischen Markt der blöden Souvenirs. Hier werde ich die Schatulle suchen, finden und kaufen. Werde sie nach Hause tragen und… Und später werde ich nicht wissen, was ich mit ihr machen soll. Und dazu das Fahrgeld – fünfhundert Rubel hin, fünfhundert zurück. Recht hatte der traurige Schriftsteller. Ein Rätsel.
Der Fahrer war ein ehemaliger Militärangehöriger.
Er kämpfte in Angola, Afghanistan, Tschetschenien.
Als Hubschrauber-Kommandeur. Gute Gelegenheit für mich, etwas zu klären, was mich seit langem quält! Jetzt verstehe ich, weshalb ich nach Ismajlowo gefahren bin. Um unterwegs eine alte Geschichte zu überprüfen!
„Wissen Sie, ich habe vor kurzem in Deutschland eine kleine Erzählung veröffentlicht über den Afghanischen Krieg. In den achtziger Jahren erzählte mir ein ehemaliger Kämpfer, dass unsere Soldaten dort Frauen und Kinder mit Flammenwerfern lebendig verbrannt haben. Ich habe nur geschrieben, was er mir erzählt hat. Mir wird aber gesagt, das sei eine Übertreibung. Als ob ich bewusst meine ehemalige Heimat verleumde! Was sagen Sie dazu? Konnte es so etwas geben? Mit den Flammenwerfern?“ Der Fahrer lachte auf. „Aber selbstverständlich. Ich habe zwar nicht mit Flammenwerfern gearbeitet, aber wir haben mit unseren Raketen ganze Dörfer samt Bewohnern verbrannt. Laut Instruktion musste man aus dreihundert Metern Höhe schießen. Wir böllerten aber aus fünfzig Metern. Das ist bequemer, weil du siehst, wohin die Rakete gerät, und die Wahrscheinlichkeit ist geringer, dass dein Hintern von automatischen Waffen gebraten wird. Nach so einem Einsatz war die Frontscheibe des Hubschraubers mit Blut beschmiert. Überreste von Haut, Knochen, sogar Augen blieben kleben. Die Menschen wurden von den Raketen in Fetzen gerissen. Ja, ja. Und diese Fetzen sind direkt in unsere Fressen geflogen. Wer weiß, ob es friedliche Bewohner oder Mudschaheddin waren. Wir haben alle zerschmettert.
Die Kampfüberreste wuschen die Soldaten im Basislager mit Schläuchen ab. Jeden Tag.
Oft klebten auch Kinderaugen am Hubschrauber. Und Sie reden von Flammenwerfern.“
Es ist immer so. Die Realität ist noch schlimmer als die Literatur.
 
Zurück fuhr ich in einem Taxi mit einem redseligen Fahrer. Er war ein beschränkter stupsnasiger Zeitgenosse mit geschwollenen Augen. Sechzig Jahre alt. Er schwatzte den ganzen Weg von Ismajlowo bis zur Metrostation Universität.
„Ja, die Freimaurer lenken alles. Seit den zaristischen Zeiten. Damals war es so: Die Bankiers waren Juden. Ihr Geld, ihre Prozente. Aber die zaristischen Güter konnten sie sich nicht aneignen! Den Zaren konnten sie nicht berauben. Waren deswegen böse. So haben sie die Oktoberrevolution veranstaltet und den Zaren erschossen. Und dann haben sie überhaupt alles an sich gerissen.
Wissen Sie, wer Lenin war? Blank! Ein Jude. Trotzki – Bronstein. Gorbatschow und Jelzin sind auch Juden. Beresowski und Gussinski haben es gewagt, sich gegen Putin zu stellen. Also gab man ihnen noch Geld und warf sie aus dem Land hinaus. Und Chodorkowski wollte selbst Präsident werden. Er wurde einmal gemahnt, zweimal. Raus aus der russischen Politik, du Saujude! Es hat nichts geholfen. Da wurde er am Arsch gefasst und hinter Gitter gesteckt. Denn alle Diebe müssen sich im Knast abkühlen. Und nicht mit Putin Brüderschaft trinken.
Wissen Sie, wer die Moskauer Taxiunternehmen zerschlagen hat? Luschkow, unser Oberbürgermeister. Sein richtiger Familienname ist Katz. Wie viele Häuser wurden in letzter Zeit in Moskau gebaut? Eine Million! Und wie viele Straßen?
Null. Man baut nur die Verbindungswege zu den Märkten. Moskau schwillt an. Überall Schwarzärsche. Unmengen. Und der Verkehr steht. Der dritte Moskauer Ring, wozu wurde der gebaut? Nur für die Handelszentren! Weder Taxis noch Rettungsdienste können an ihr Ziel gelangen. Kein Platz auf den Straßen. Bald wird alles zum Himmel fliegen.
Ich habe jetzt einen Taxistandplatz in Ismajlowo. Bezahle an die Mafia. Und wer ist der Chef des Taxistandplatzes? Wieder ein Jude. Milcheg heißt er, so ein Mistbock! Hässlich wie Satan selbst. Früher war es so – du fährst aus der Garage, bitte, zahl dem Dispatcher zwanzig Kopeken. Du hast noch nichts verdient, und schon musst du zahlen. Kommunismus! Ich war ein „Hutfahrer“. Fuhr durch Moskau. „Der Hut“ gibt bekanntlich dem Fahrer nicht mehr als zehn Kopeken Trinkgeld. Manchmal kam es vor, dass du den ganzen Tag chauffierst und fünf Rubel verdienst. Ich habe die Schule nur bis zur sechsten Klasse besucht, bin ohne Bildung. Mein ganzes Leben wollte ich Leute herumkutschieren.
Im Taxi, klar. Ich spreche gern mit den Passagieren. Einmal hatte ich einen Hut. Das war in den Siebzigern. Entweder Armenier oder Aserbaidschaner. Er schlug vor – ich gebe dir meine Kognakflasche anstelle des Geldes. Ich akzeptierte, hatte Lust zu trinken. Und? Wir haben sie am nächsten Tag alle gemacht – ich, meine Frau, mein Bruder und mein Partner Wowotschka. Meine Frau stillte damals unseren Sohn, meinen Jüngsten, Kolka. Er ist mit siebzehn Jahren mit dem Motorrad zu Tode gekommen. Sie hat von diesem Kognak nur gekostet und ich, mein Bruder Arkaschka und meine Partner Wowotschka, wir tranken das Übrige. Nach drei Stunden begann sich alles bei mir zu drehen. Bei meiner Frau goss es dann zwei Wochen. Bei mir sind die Augen hervorgetreten. Arkaschka kotzte den ganzen Tag und mein Partner Wowotschka, immer gesund wie ein Stier, musste ins Krankenhaus. Linksseitige Lähmung. Das gab sich später wieder, nur sein Mund zuckte oft nach diesem Abenteuer. Im Kognak war Holzspiritus gewesen. Jetzt verrecken die Leute überhaupt wie die Würmer vom giftigen Wodka. Man gießt in die Flaschen, was man will. Ein falsches Etikett darauf und fertig! Klare Sache. Und die Juden verwalten das alles. Von der Loge aus. Es gibt weltweit solche Logen. In Jerusalem. Sie versammeln sich im Tempel, in unterirdischen Zufluchten. Von dort regieren sie die Welt. Chodorkowski war dort. Und Putin. Und mein Partner Wowotschka ist von der Leiter gestürzt. Zu Hause. Hat sich drei Rippen, den Daumen und seine Nase gebrochen. Er lag allein im großen Zimmer. Und prompt rief er mich an. Kolja, sagt er, komm schnell vorbei, ich bin von der Leiter gefallen, meine Nase ist zertrümmert! Ich bin zu ihm gerauscht, unterwegs aber hatte ich eine Panne. Mein Partner wartete ohne Nase auf mich. Und ich wartete auf die Bullen, mir hat ein anderes Taxi die ganze Hinterseite zerschlagen. So lebte er danach ohne Nase. Und sein Mund zuckte.
Wowotschka wurde Anfang der Neunziger getötet. Zufällig. Bei einer Auseinandersetzung zwischen Banditen und Milizionären. Er wurde versehentlich getroffen. Mit einer Kalaschnikow.“
 
Als ich abfahren musste, lag Moskau natürlich im Nebel. Der Fahrer des Taxis sah die Ampeln nicht. Ich ängstigte mich, der Taxifahrer lachte. „Ist das Nebel? Das ist nur Milch, manchmal aber kommt saure Sahne!“
Er hat mich in Wnukowo im Schmutz abgesetzt. Ich habe mich sauber gemacht und bin zum Check-in. Bin durch die Kontrolle gegangen. Vor dem Abflug besuchte ich das zollfreie Geschäft. Ein Scheinchen war mir geblieben, tausend Rubel. Auf dem Regal stand eine Reihe von silberblauen Schachteln. Chanel! Ein wunderschönes Geschenk für das Töchterchen. Springt von allein in die Hand. Die Verkörperung von Eleganz! Das schwarze Schultertuch, die gebräunte Hand, am Gelenk das schwere, goldene Armband. Ich kaufte das Parfum sofort und legte es in die Tasche.
Wir stiegen in einen langen Bus. Dort standen wir fast eine halbe Stunde. Es gab keine Information. Der Fahrer war unauffindbar. Keine amtliche Person in Sicht. Was sollten wir tun? Noch eine halbe Stunde verstrich. Die Deutschen begannen zu murren. Die Russen warteten still. Ich dachte: „Manche sterben durch Erhängen. Andere durch das Alter. Und ich durch den Nebel! Fantastisch!“
Warum denke ich in der Heimat so oft an den Tod? Ja, Cholesterin, Neurasthenie. Aber jetzt quälte mich etwas anderes. Der Sklave glaubt nicht, dass er frei ist. Wie das Tier, das aus dem Käfig entlassen wird. Der Käfig ist offen und das arme Tier sitzt in der schmutzigen Ecke und schüttelt sich. Als ob es denkt – ich flüchte und sie erschießen mich. Sie. Die Jäger. Die Beobachter. Sie.
Du hast emigriert. Du wurdest Bürger eines freien europäischen Landes. Du bist stolz wie ein Pfau. Ein Ausländer! Der Traum des Idioten. Und tief in der Seele glaubst du bis heute nicht, dass die Heimat dich in die Freiheit entlassen hat. Du zitterst innerlich und wartest auf Rache. Hier ist die Rache – der Nebel. Moskau lässt dich nicht los!
Und wenn es nicht der Nebel ist, dann das Flugzeug. Die Explosion, der Zwischenfall. Der Pilot schlecht ausgebildet. Araber-Terroristen. KGB-Maulwürfe. Oder ermüdete, nachlässige Lotsen. Der verfaulte Fisch. Die unvorsichtigen Raucher in der Toilette.
Dann endlich stiegen wir in unseren Airbus.
Der Pilot erklärte, dass die Verzögerung nicht seine Schuld war: „Uns wurde die Landeerlaubnis nicht erteilt. Wir waren aus unbekannten Gründen gezwungen, rund um Moskau zu fliegen“.
Ich beruhigte mich. Diesmal bin ich glimpflich davongekommen. Ich holte die silberne Schachtel Chanel aus meiner Tasche hervor, um mich daran zu erfreuen. Ich stellte mir vor, wie ich sie der Tochter überreichen würde. Ich las „Chanel“ und dann das kleiner Gedruckte. Ich stutzte – „Lotion nach der Rasur, für trockene Männerhaut“.
 

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