Igor Schestkow "Bei Grigori Jegorowitsch"

 
  
 
Ich fuhr zu Grigori Jegorowitsch. Er lebte in Opalicha. In einem alten ländlichen Haus. Mit seiner Frau Lisotschka, deren zwei Töchtern aus erster Ehe und mit seinem eigenen zweijährigen Sohn Romotschka.
Grigori Jegorowitsch hatte im Herbst Bienen gekauft. Jetzt im März hielten die Bienen noch Winterruhe. Aber zur Mittagszeit würden die Flugbienen, von der Frühlingssonne angelockt, zum Abkoten und zum Pollen holen erstmalig ihren Stock verlassen. Deshalb lud Grigori Jegorowitsch Vater Liweri ein, um die Bienen zu weihen. Und mich bat er zu sich, damit ich ihn kennen lerne, um eventuell von ihm eine Ikonen-Bestellung zu bekommen. Nachdem ich mein Institut verlassen hatte, begann ich Ikonen zu malen und Metallbeschläge für sie zu prägen. Zum ersten Mal im Leben macht Dima etwas Nützliches, sagten die gläubigen Freundinnen meiner Frau.
Mit Grigori Jegorowitsch hatten sie mich bekannt gemacht. Das war in der Bogoljubski-Kirche, unweit von Moskau. Er gefiel mir auf Anhieb, dieser kleine Moskauer Intellektuelle.
Sohn eines Akademiemitgliedes. Aber kein Snob, kein Karrierist, im Gegenteil, ein merkwürdig bescheidener, tüchtiger Mensch. Und ein warmherziger Freund.
Ein zerstreuter Mensch. Mit Kakerlaken im Kopf.
Er heiratete eine Frau, die zwanzig Jahre jünger war als er. Lisotschka. Mit zwei Töchtern.
Er verließ seine prachtvolle Moskauer Wohnung, hängte die Wissenschaft an den Nagel und zog in das ländliche Haus.
Der Atheist und Skeptiker, Doktor der Physik und Philosophie wurde ein leidenschaftlicher russisch-orthodoxer Christ. Mit fünfundfünfzig. 
Er kaufte eine Ziege und Bienen und glaubte, dass sie ihn und seine neue Familie ernähren würden.
Ich mag solche Menschen. Sie widersetzen sich dem großen uns umgebenden Wahnsinn mit ihrem kleinen und jammern nicht.
Ich bin also in Opalicha angekommen. Mit der Elektrobahn. An einem Wochentag. Es war frisch, aber nicht kalt. Die Sonne schien. Auf dem Bahnsteig waren nur wenige Leute. Als ich die Station verlassen hatte und in das Labyrinth der ländlichen Straßen geriet, war es menschenleer dort. Alle waren in der Arbeit: Sozialismus, allgemeine Vollbeschäftigung.
Wo ist diese verfluchte Lesnaja Straße?
Kolchosnaja Straße ist da. Auch Sawodskaja, Pawki Kortschagina, Zwetochnaja, Selenaja. Die Selenaja Straße ist da, aber die Lesnaja, wie zum Trotz, ist irgendwo anders.
Gestern telefonierte ich mit Grigori Jegorowitsch, der betonte, allein, ohne Plan wirst du uns niemals finden! Niemals! Und ich Dummkopf hörte nur halb hin und verlor zudem den Zettel.
Ich irrte umher, ging und ging.
Endlich sah ich, dass mir ein Dorfbewohner entgegenschlurfte. Erleichtert frage ich ihn: „Entschuldigen Sie bitte, wo ist die Lesnaja Straße?“
Die ländliche Bevölkerung ist so ängstlich wie ein Reh.
Das Onkelchen wich zurück und brabbelte aus sicherer Entfernung: „Ich weiß nichts, ich will ins Geschäft, geh auch du deinen Weg!“
„Die Frage bleibt, wo mein Weg ist. Wo ist die Lesnaja?“
„Ja, wir haben hier einen Wald. Viele Pilze im Herbst.“
„Lange zu warten! Bis zum Herbst. Für mich ist es jetzt wichtig, die Lesnaja Straße zu finden“.
„Und wen suchen Sie dort?“
„Dort leben meine Freunde, Lisotschka und Grigori Jegorowitsch, der Bienen gekauft hat.“
„Ist das der, der bei Semenytsch die Bienen gekauft hat?“
„Ich weiß nicht, ob bei Semenytsch oder bei wem sonst, aber er hat welche gekauft.“
„Der lebt nicht in der Lesnaja, sondern in der Akademiker-Pawlowa.“
„Nein, in der Lesnaja. Grigori Jegorowitsch heißt er. Bei ihm lebt auch die Ziege Matrjena.“
„Bei Jegorytsch – eine Ziege? Es gibt bei Jegorytsch keine Ziege. Hühner ja, aber keine Ziege.“
Da verstand ich, dass sich unser Gespräch endlos ziehen würde und ging weiter.
Ich sagte: „Danke, danke, ich werde es schon finden!“
Als ich dreißig Meter entfernt war, hörte ich: „Die zweite Biegung nach links, dann nach rechts, dort in der Nähe.“
Ich schrie dem gnadenvollen Onkel nach: „Danke!“
Von meinem lauten Schrei erschrocken, bellten alle Hunde im Dorf.
Der Hinweis war gut, nach zehn Minuten klopfte ich an die zerschrammte Tür von Lisotschkas Haus.
Ihre Töchterchen öffneten mir. Sie blickten mich kokett an, lachten und rannten weg. In der Diele hörte ich Kindergeschrei. Das war offenbar Romotschka. Ich betrat das Zimmer. Mir bot sich folgendes Bild: Links stand ein riesiges nicht bedecktes Zweier- oder Dreierbett, darüber hing eine Reproduktion des Ölgemäldes von Wassili Perow „Jäger bei der Rast“. Auf dem Bett sprangen ausgelassen juchzend die ziemlich dicken Töchter von Lisotschka, Lina und Ilona. Dort hielt sich auch Lisotschka selbst auf, in einem rosa Nachthemd. Dem Bett schloss sich direkt ein riesiger Eichentisch an. Auf ihm stand noch das Frühstücksgeschirr. An der Stirnseite des Tisches saß der Hausherr mit dem Sohn auf dem Arm. Grigori Jegorowitsch lächelte freundlich. Romotschka brüllte.
Ich sagte: „Einen guten Tag euch guten Menschen!“
Und stellte meine Geschenke auf den Tisch, eine Biskuittorte und eine kleine Wodkaflasche.
„Setz dich, wir sind froh, dich als Gast zu haben!“
„Und ich bin froh, euch alle bei guter Stimmung anzutreffen!“
„Lisotschka, steh auf, kümmere dich um unseren Gast, gib uns zu essen und zu trinken!“, bat Grigori Jegorowitsch seine Frau zärtlich, dann übergab er ihr Romotschka, die ihn in das angrenzende Zimmer trug, und fing selbst an, den Tisch abzuräumen.
Ich habe mich auf den Stuhl gesetzt und mich umgeschaut. Was für ein Zimmer!
Außer dem erwähnten Bett, dem Tisch und den Stühlen stand hier ein monströser Schrank aus Zeiten Iwans des Schrecklichen, der mit bunten Papierchen gespickt war, ein schwarzes Klavier, das aussah, als sei es lange Zeit in den Händen von Indianern gewesen. An der Wand, den „Jägern“ gegenüber, hing zwischen den Fenstern ein Basketballkorb ohne Netz. Daneben die „Reiterin“ von Karl Brüllow, eine Ikone, ein grünes Öllämpchen. Überall lagen und standen verschiedene Gegenstände umher. Versetzt gestapelte, noch nicht gedrahtete hölzerne Rähmchen für den späteren Wabenbau der Bienen, ein riesiger Sack mit klarem Zucker, auch für die Bienen, ein Kinderbillard mit farbigen Kugeln, ein großer kubischer Kasten mit Heu für die Ziege.
„Bunt ist es bei uns“, bemerkte Lisotschka, die sich inzwischen umgekleidet hatte.
„Weil Grigori seine Möbel aus Moskau mitgebracht hat! Und bei mir lagen noch Mutters Sachen. Also kam hier alles durcheinander. Und dazu noch die Bienen“, ergänzte sie gutmütig.
„Rechtfertige dich bitte nicht, Lisotschka. Dort, wo Menschen leben, ist immer Unordnung. Ordnung verkrüppelt die Seele! Und vertreibt den Heiligen Geist! Verwandelt den Menschen in einen Automaten. Lass uns gehen, Dima, besuchen wir Bienen und die Ziege.“
Wir betraten den Garten.
Dort standen zwölf Bienenstöcke. Ungeordnet, wie Quadrate auf suprematischer  Malerei.
„Ach, Bienchen, Bienchen“, murmelte Grigori Jegorowitsch, „sie werden unsere Ammen sein, sie werden uns Honig bringen, und ich werde ihn verkaufen.“
Er streichelte ein Bienenhaus, hielt sein Ohr an den Stock und lauschte.
„Sie wurden zuletzt im Herbst gefüttert. Im Winter ruhen sie. Und im Frühling werden sie wieder fliegen“, sagte Grigori Jegorowitsch leicht verunsichert. Vorsichtig öffnete er einen Bienenstock, hob ein dickes Filzkissen an und blickte behutsam hinein, dann verschloss er sofort wieder alles.
Er war ein unerfahrener Imker. Man kann sagen, dass er überhaupt keiner war, aber die Idee ließ ihn nicht los. Das kommt häufig vor bei russischen Menschen, sie haben Ideen, ihre Pläne streben zum Siebten Himmel, aber das, was von dort kommt, ist nicht nennenswert.
Übrigens brachten die Bienen später immerhin Honig, Grigori Jegorowitsch verkaufte etliche Kilo, aber um die Familie zu versorgen, reichte das hart erarbeitete Geld nicht, deshalb gab er nach ein paar Jahren das gesamte Bienenpack an einen anderen Dorfbewohner ab.
„Sie sollen losfliegen. Mit der ersten lieben Sonne“, setzte Grigori Jegorowitsch die Führung fort.
„Aber sie fliegen aus irgendeinem Grund nicht ab. Deshalb habe ich Vater Liweri eingeladen, lasse ihn singen und segnen, und beten, hoffentlich wachen dann meine Bienchen auf! Soll er mit seinem Weihrauch schwenken! Zur Ehre Gottes! Er kommt gleich vorbei. Wenn er nur nicht krank geworden ist. Gott, erbarme dich! Der Alte ist noch rüstig, aber uns allen kann ein Unheil widerfahren.
Ich habe ihm von dir erzählt. Er war begeistert von einer häuslichen Ikone, er sagte, er möchte seit langem eine bestellen, damit alle Heiligen daheim präsent seien, für sich, seine Frau und für die Töchter. Aber du wirst dich mit ihm selbst darüber unterhalten können. Komm, gehen wir in die Scheune!“
Dort stand die Ziege Matrjena. Eine traurige Gestalt. Graue Wolle hing in Büscheln aus dem Fell.
Ich habe mich eines Kommentars enthalten, Grigori Jegorowitsch küsste sie auf ihre weiße Stirn, streichelte sie und sagte: „Sie ist ein Experiment für uns. Wenn sie Milch gibt, kaufen wir noch Ziegen dazu.“
Auch dieses Ziegen-Experiment ist nicht gelungen.
Die Ziege Matrjena wohnte noch fünf Jahre in der Scheune und gab nach den entsprechenden Maßnahmen auch wirklich ein wenig Milch, aber niemand außer dem geduldigen Hausherrn wollte sie trinken. Grigori Jegorowitsch versuchte aus der Milch Käse zu machen. Das war nicht sehr ergiebig und schmeckte nicht so recht. Dafür aber war Matrjena der Liebling der Familie, die Kinder spielten mit ihr.
Wir schauten uns den zum Teil noch verschneiten Gemüsegarten an. Ich bemerkte, dass der Zaun ihres Grundstückes lückenhaft und an manchen Stellen umgefallen war. Ich sagte aber nichts, es ging mich nichts an. Die Rolle, andere zu belehren, passt nicht zu mir.
Wir kamen wieder in das Haus.
Lisotschka hatte das Zimmer gründlich aufgeräumt. Romotschka schlief im anderen Raum. Die Mädchen spielten irgendwo.
Anstatt über den Zaun zu reden, begann ich meine Scharfsinnigkeit zu demonstrieren: „Erinnerst du dich, Grigori, an die alte Redewendung über die Bienen?“
„Nein.“
„Hör zu. Alles ist Quatsch außer den Bienen! Alles! Aber die Bienen sind auch nichts als Quatsch! Was machst du außer den Bienen und der Ziege?“
„Ich weiß es selbst nicht. Nachdem ich hierher umgesiedelt bin, tauchten Dutzende neue Beschäftigungen auf. Der Tag huscht vorbei, wie der entgegenkommende Zug in der Metro. Du bist müde vom Hin und Her, und eigentlich hast du gar nichts gemacht. Bevor du einschläfst hast du nichts, um es Gott vorzulegen! Also, betest du eben, er möge dir verzeihen, und dich festigen, und deinem Unglauben abhelfen! Ich muss ja noch meinen alten kranken Vater pflegen. Seine letzte Frau macht gar nichts, sie bewacht nur Vaters Sachen, um ihr Erbe zu sichern! Seit zwei Jahren ist er undicht. So fahre ich jeden Tag dorthin und zurück. Manchmal fährt auch Lisotschka.“
„Ja, das ist ein Ding.“
„Also, und du hast dich von deinem Institut verabschiedet?“
„Jawohl! Und ich bin sehr glücklich darüber. Nur fürchte ich, dass die Bolschewiken alles zurückdrehen werden! Sie werden uns alle köpfen, wenn der Trubel vorbei ist.“
„Dazu sind sie nicht imstande! Sie haben den Geist aus der Flasche schon freigelassen. Das Volk kann man nicht wieder in Fesseln legen! Überall öffnet man Kirchen! So lange Zeit haben sie die Erde vergiftet, die Leute erniedrigt, es ist höchste Zeit zu bauen und zu weihen!“
„Sie lassen dich bauen? Auf keinen Fall. Sie haben jetzt andere Sorgen, alle wollen sich von Russland lösen. Denkst du, die Kommunisten lassen das geschehen? Eher werden sie die baltischen Länder mit Bomben bewerfen, als sie in die Selbständigkeit zu entlassen. Das gilt sowohl für die ostasiatischen Gebiete als auch für den Kaukasus.“
Grigori Jegorowitsch antwortete leidenschaftlich: „Ich habe eine Theorie, ich denke, dass die gesamte Sowjetunion, das ganze ehemalige Imperium sich bald in ein heiliges orthodoxes Reich verwandeln wird. Alle Völker werden sich freiwillig und voll Liebe miteinander verbinden, im Namen Christi.“
„Das habe ich von dir nicht erwartet.“
„Und ich denke, niemand wird mit uns gehen, wir werden allein bleiben“, mischte sich Lisotschka in das Gespräch.
„Und am Ende verlieren wir sogar den Ural und auch Sibirien. Und Moskau wird die neue kapitalistische Kloake.
Und von der UdSSR bleibt wie in alten Zeiten das Wladimirer Rus, das von allen verkauft und verraten wird. In ihm entflammt wieder die orthodoxe Flamme.“
„Oder erlischt für immer. Ohne das Erdöl aus Tjumen gibt es hier nichts zu verbrennen“, konnte ich mich nicht enthalten.
„Die eine Flamme erlischt und eine neue wird sich entzünden. Die russische Erde ist heilig, bei den Russen brennen die Seelen wie die Kerzen.“
„Und verbrennen zu Asche.“
Es klopfte jemand heftig an der Tür.
Die Diskussion wurde unterbrochen. Vater Liweri, ein riesiger Alter, im Pelzmantel über dem Kirchengewand, stolperte ins Haus. Er segnete uns alle. Grigori Jegorowitsch und Lisotschka küssten ihm die Hand.
Alle saßen am Tisch, „um zu essen, was Gott gegeben hat“, Vater Liweri betete. Während des Gebets blickten alle traurig nach unten. Der Pope hat das Essen und den Wodka gesegnet. Ohne Grimasse trank er ein Glas aus. Mir wurde klar, dass er ein erfahrener Kämpfer ist. Ich habe keinen Wodka getrunken, nur so getan. Ich wollte einen klaren Kopf bewahren, für das Gespräch. Die Gastgeber tranken auch. Gegessen haben wir Makkaroni und einen Eiersalat mit Mayonnaise. Später wurden Tee und Torte aufgetischt.
Über die Torte sprach der Vater seltsam: „Lecker wie Biber! Ach du, süßer Sumpf des Lebens! Da sündige ich vor der Fastenzeit.“
Mit Appetit aß er drei große Stücke.
Nach dem Essen gingen wir zu den Bienen. Der Vater zündete das Weihrauchfass an, fing an zu räuchern und Gebete zu sprechen. Er las sie nicht vor, sprach sie nicht richtig aus, sondern murmelte sie sehr schnell herunter. Ich konnte kein Wort verstehen, obwohl ich doch gerade die altslawische Sprache studierte. Grigori Jegorowitsch blickte berührt und hoffnungsvoll mal auf den Vater, mal auf die Bienenstöcke.
Lisotschka war ruhig.
Noch während des Studiums an der mathematischen Fakultät der Moskauer Universität hatte sie alle Phasen „der geistigen Entwicklung“ erreicht, war begeistert gewesen vom Zen-Buddhismus und vom Existentialismus, von Mahler und Schütz, hatte Weden und Heidegger gelesen, sich ernsthaft damit beschäftigt. Ist dann aber beim heimischen orthodoxen Christentum stehen geblieben und hat darin ihr Glück gefunden. Ja, so tief ist sie in diese Welt eingetaucht, dass sie sogar Grigori Jegorowitsch mitreißen konnte.
Lina und Ilona kicherten und lachten während der Prozedur der Bienenweihung, aber sie störten nicht.
Romotschka schlief.
Matrjena meckerte in der Scheune.
Ich stellte mir die ganze Zeit eine Frage: Was ist mit mir geschehen, warum lache ich nicht mit diesen netten Kindern, warum nehme ich an dieser blöden Zeremonie teil? Sogleich kam ich zu der unerfreulichen Schlussfolgerung: Ich bin schwach geworden, ich habe mich mit der Absurdität des Lebens und mit meiner eigenen Schwäche arrangiert und sogar einen Weg gefunden, von all dem Spaß zu kriegen.
Ich weiß nicht warum, aber in diesem Moment erinnerte ich mich an Salomon, der sich vor sämtlichen heidnischen Idolen seiner Frauen verbeugte und ihnen Opfer brachte und von Gott dafür bestraft wurde.
Mein innerer Konflikt dauerte nicht lange. Vater Liweri war wohl für seine übermenschliche Geschwindigkeit bekannt. Zum letzten Mal beräucherte er die Bienenstöcke und bespritzte sie mit Weihwasser. Er ließ alle Anwesenden das Kreuz küssen.
Dann sagte er zu Grigori Jegorowitsch: „Man hört das Summen nicht. Bei dir, mein Lieber, sind alle Bienen verreckt!“
Der frischgebackene Bienenzüchter geriet in Verlegenheit, öffnete instinktiv einen Kasten, entnahm einige Waben, keine Biene war zu sehen.
Wo waren sie? Ein Rätsel.
Er öffnete einige andere Bienenstöcke, auch darin waren keine Bienen. In einer Beute lagen alle Bienen auf dem Boden. Sie waren tot! Grigori Jegorowitsch öffnete schnell die restlichen Bienenstöcke. Als er in den vorletzten hineinsah, flogen plötzlich Hunderte erboste Bienen heraus.
Alpdruck und Schrecken!
Mich stach nur eine in die Hand. Später habe ich den bräunlichen Stachel aus der Haut gezogen. Ich saugte das Gift aus. Grigori Jegorytsch wurde von mindestens acht Bienen gleichzeitig überfallen und bekam einen Herzanfall. Offenbar reagierte er allergisch auf seine Tierchen. Wir riefen den Arzt an. Vater Liweri wurde auch mehrmals gestochen, er hat die Stiche mit Weihwasser abgewaschen und mit Weihöl eingeschmiert, dann half er mir, Grigori Jegorowitsch ins Haus zu tragen.
Seltsamerweise attackierten die Bienen die Personen weiblichen Geschlechts gar nicht.
„Gut werden deine Bienen“, sagte, als alles vorbei war, der gestochene Pope zum gestochenen Bienenzüchter. „Lade mich dann auf ein Glas Honig ein!“
Vater Liweri bestellte bei mir eine Hausikone, in Kreuzform, mit Darstellung der Gottesmutter und folgender Heiligen: Liweri, Jewdokia, Anna, Sinaida und Uljana.
...
Der nächste Anlass für ein Treffen mit der Familie von Grigori Jegorowitsch war traurig.
Romotschka war verunglückt.
Er spazierte über ein Stück des umgefallenen Zauns aus dem Garten auf die Straße hinaus. Dort hatte er offenbar seinen Ball verloren und war ihm nachgelaufen, seitlich in das Fahrzeug des Nachbarn hinein. Der Wagen war langsam gefahren, aber für den Zweijährigen war der Schlag viel zu stark gewesen. Der Fahrer selbst hatte nichts bemerkt. Lisotschka hatte eine Vorahnung gehabt, war aus dem Haus gerannt, hatte nach dem Sohn gerufen und ihn gesucht. Sie fand ihn am Straßenrand. Romatschka atmete nicht mehr.
Die Trauerfeier fand in der Kirche des heiligen Nikolai statt. Das Ritual wurde nicht von Vater Liweri, sondern von Vater Leonid abgehalten, einem fetten Popen mit riesigem Adamsapfel und kleinen üppigen Händen. Nach dem Gottesdienst brachte man den kleinen Sarg mit Romotschka zum Leichenwagen.
Die Eltern, die Trauergäste und die beiden Priester standen noch eine Weile bei der Kirche. Sie sprachen wenig und leise. Grigori Jegorowitsch und Lisotschka nur anzusehen brach einem das Herz. Noch schwerer war es, mit ihnen zu reden. Jedes Wort verursachte noch mehr Schmerz für sie. Ich habe trotzdem etwas aus mir herausgepresst: „Nimm dich zusammen, Grigori. Romotschka wird ein Engel im Himmel sein.“
Und insgeheim fragte ich mich, was für einen Unsinn ich da rede?! Welcher Engel? Der weinende Grigori Jegorowitsch flüsterte: „Ja, ja. Ich weiß. Nur... Der Leib... Des Sohnes… Tut weh.“
Wir gingen langsam zum Friedhof. Schweigend, schluchzend. Als wir ankamen, wartete schon der Wagen mit dem Sarg auf uns. Zwei Männer nahmen ihn auf die Schultern. Wir mussten in das Labyrinth der Gräber, der Kreuze, der Einzäunungen eindringen. Dann wurde der Sarg in der kleinen, aber sehr tiefen Grube versenkt. Alle haben eine Hand voll Erde hinuntergeworfen. Man grub ihn ein. Die Frauen weinten.
Mein schwacher Glaube brach zusammen. Verschwand allmählich. Vor mir lag die nackte Wahrheit, der schmutzige russische Friedhof, die klagenden Weiber, „der Leib“, der riesige Adamsapfel von Vater Leonid, die rostigen Einzäunungen, die ärmlichen Gräber. Und meine Ikonen waren falsch. Das ganze kirchliche dumme Zeug ist keine Kopeke wert. Hier entsteht kein „orthodoxes Reich“. Alles wird sein, wie es immer war. Aus einer Sklaverei in die andere.
Man muss abhauen! Mein Gott, wohin, wie? Und was ist zu tun, wenn es überall so ist? Wie kann man in der Fremde ohne solche Menschen wie Lisotschka und Grigori Jegorowitsch leben? Ohne Wurzeln, ohne Sprache. Resignieren, verschwinden, vergehen?
Nach der Beerdigung sind wir zum Haus gekommen. Das Bett war akkurat gemacht. Der Schrank von den farbigen Papierchen befreit. Alles war streng, leise und bedrückend. Dann tranken und aßen die zahlreichen Gäste. Später gingen alle auseinander.
 
 

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