Igor Schestkow "Bacchanalien"

 
  
 
Als ich vierzehn Jahre alt war, verstand ich, dass in mir etwas vorging. Träume quälten mich. Nicht Träume, sondern ein Traum. Ich träumte ihn jede Nacht. Als läge ich in einem riesigen Glaszylinder. Der Zylinder ist breit, einem Rohr ähnlich. Sein oberes Ende ragt in den Himmel, bis in die Milchstraße, und sein unteres in den glühenden Mittelpunkt der Erde. Und er ist zur Gänze mit nackten Frauen angefüllt wie eine Konservenbüchse mit Sprotten. Nur gibt es da statt des Sonnenblumenöles kostbares wohlriechendes Rosenöl.
Die nackten Frauen und ich.
Die Berührungen ihrer Körper sind mir traumhaft angenehm. Die Frauen liebkosen mich, meine Zunge durchstöbert abgelegene Winkel ihrer Körper, die mir im Traum so unrealistisch vorkommen wie in einem japanischen Zeichentrickfilm.
Ich erwachte immer wieder in fürchterlicher Erregung. Wusste nicht, wie ich mich befriedigen könnte. Ich musste aufstehen und mich in die Schule schleppen.
Nach der Schule ging ich ins nahe gelegene Schwimmbad. Dort trainierte ich – zuerst in der Turnhalle, dann im Wasser. Nach dem Schwimmen wusch ich mich unter der Dusche. Ich drehte das Wasser heißer, schloss die Augen und schwebte. Ich erinnerte mich an meinen Traum.
Einmal war ich so in süßen Fantasien versunken, dass ich nicht bemerkte, dass alle anderen Burschen schon in die Garderobe gegangen waren, um sich anzuziehen. Alle, außer einem. Das war ein Bekannter vor mir – Anisjew. Er stand in der Duschkabine neben mir und vollzog rhythmische Bewegungen mit der Hand. Als ich an ihn herantrat, drehte er sich um und fragte: „Brauchst du was?“
Ich sagte: „Ist das etwa angenehm, oder was?“
„Na, du bist mir ein Dummkopf. Nicht angenehm, affengeil ist es!“
Das Wort affengeil sprach er so aus, als hätte das Wort nicht ein „ei“ sondern zehn, das lang gezogene gei-ei-ei-eil ging in ein lautes Stöhnen über und weiße Tropfen spritzten auf meinen Bauch. Ich stand unter der Nachbardusche, wusch die Tropfen ab und sagte: „Aber es ist doch verboten.“
„Nichts ist verboten. Mir hat es ein Nachbar, ein Ausländer, gezeigt. Vor einem Jahr. Hast du es nicht probiert?“
„Hab’s probiert, hab’s probiert.“
Das war gelogen. Ich hatte es nicht probiert.
„Du Dummkopf. hast es probiert und es hat dir nicht gefallen?“
Es war an der Zeit das Gespräch zu beenden. Damit sich meine Autorität nicht ganz verflüchtigte.
Ich sagte: „Kannst mich mal!“
Und ging weg, in die Garderobe. Vor dem Einschlafen „probierte“ ich es, aber es kam nichts dabei heraus. Noch dazu kam Mutter herein und legte sich neben mich. Sie schlief sofort ein. Ich wälzte mich hin und her, konnte aber nicht einschlafen. Mutters Körper war heiß, wie eine Wärmeflasche. Ich weckte sie auf und sagte: „Ma, du bist so heiß.“ Sie murmelte etwas und ging in ihr Zimmer. Dann schlief ich ein.
Es kam noch schlimmer. Mein Traum begann die Realität zu durchdringen. Die Realität gab widerwillig nach. Ich wusste noch immer nicht, was mit mir los war. Keiner der Erwachsenen kam mir zu Hilfe. Mutter bemühte sich, mir etwas zu erklären, aber diese Erklärungen brachten gar nichts.
Sie sagte: „Mein Sohn, in deinem Alter passieren ernst zu nehmende Veränderungen in deinem Organismus. Du sollst das wissen, aber dem weiter keine Beachtung schenken. Trainiere oft im Schwimmbad, lies mehr und lern fleißig. Und das Wichtigste, lass beim Schlafen die Hände auf der Decke liegen.“
Das war die ganze Weisheit. Und bei mir hatten schon sexuelle Halluzinationen begonnen. Ich sitze zum Beispiel am Schreibtisch. Und betrachte den Schrank. Seine Oberfläche ist mit tausenden kleinen Spinnen übersät, sie bilden verwickelte Muster. Abstrakte Bilder. Aber ich sehe in ihnen die nackten Frauen aus meinem Traum. Ihre Körper drehen sich, verschlingen sich ineinander, wirbeln sich in einer Spirale. Sie strecken die Hände nach mir aus, flehen mich mit leiser hingebungsvoller Stimme an.
Oder – ich blättere in dem Buch von den tschechischen Reisenden, die halb Afrika durchquert haben, eines der wenigen sowjetischen Bücher, in dem man einen halbnackten Körper betrachten kann. Ich betrachte ein Bild und es wird sofort lebendig. Die schwarzhäutigen Mädchen beginnen sich zu bewegen, sie zwinkern mir zu, geben mir mit den Händen Zeichen – komm zu uns, tanz mit uns! Sie ziehen sich aus. Ich werde winzig klein und steige in das Bild hinein. Ich nähere mich ihnen. Sie flechten mich ein, in den Strauß ihrer Körper.
Interessant, dass ich mit lebendigen Menschen keine ähnlichen Exzesse erlebte. Natürlich, eine zufällige Berührung der Brust oder der Hüfte einer meiner Mitschülerinnen wirkte auf mich schon wie ein elektrischer Schlag, aber die Mitschülerinnen selbst und auch die schon älteren Mädchen, als Subjekte, lösten bei mir keine erotischen Halluzinationen aus.
Vielleicht störte mich ihre Realität. Ihre Körperlichkeit. Die Unmöglichkeit, Manipulationen an ihnen vorzunehmen.
Damals entdeckte ich, ohne dass Erwachsene es mir vorgaben, die Kunst für mich. Ihre erotische Seite.
Mit zitternden Fingern blätterte ich in Großmutters Album „Die Dresdner Gemäldegalerie“. Auf der weißen Seite des Buches lag die zarte leuchtende „Schlummernde Venus“ von Giorgione. Vor mir stand die nur von einem Stück Stoff und ihrem aufgebauschten Haar bedeckte „Heilige Agnes“ von Ribera, das „Mädchen“ von Trübner lag da, die Beine unverschämt gespreizt, ihr kubischer Hintern dominierte alles.
Viele der nicht erotischen Bilder erregten mich sogar mehr als nackte Körper. Zum Beispiel die in der Luft stecken gebliebenen Figuren der linken Hälfte des Bildes „Vier Szenen aus dem Leben des heiligen Zenobius“ von Botticelli. Ich schaute sie an und mein Körper wurde von einem seltsamen erotischen Gefühl erfasst. Mein Körper blieb auch stecken, aber nicht in der Luft oder im Raum, sondern in der Zeit. Er fing das Feuer des Botticellischen Kolorits. Es zog mich in das Innere des Bildes, dorthin, wo seine geheimen „Eingänge“ waren, das Fenster zur anderen Welt. In das – Zeit und Raum in Körper und Geist verwandelnde – zauberhafte Zimmer, in dem die geheimen Wünsche erfüllt werden.
Ach wo, mein bescheidener Sündenfall geschah nicht mit einem Menschen, sondern mit einem Bild. Nicht im Museum, sondern zu Hause. Mit einer Reproduktion der „Bacchanalien“ von Rubens aus dem Puschkin-Museum. Der Raum dieses Bildes ist nicht von Luft ausgefüllt, sondern von einem grünlichen Leuchten, von dionysischem Nektar. Da riecht es nach Wein, nach Schweiß und nach Muttermilch.
Wenn ich die „Bacchanalien“ ansah, spürte ich, dass ich in meinen Traum fiel, in eine seiner Abteilungen. Ich verwandelte mich in einen Milch saugenden bockfüßigen Jungen. Ich spürte die Süße im Mund und das angenehme Kribbeln unterhalb des Bauches. Ich erinnerte mich an den Unterricht in der Duschkabine. Nach einer Minute war alles vorbei. Ich musste das Buch mit einem Lappen sauber wischen. Seither hat sich mein Leben verändert. Oder besser, es hat sich gespaltet. Es verwandelte sich in zwei miteinander verbundene Gefäße, in einem war die Erotik, im anderen – der Rest. Der Rest bewegte mich nicht sonderlich, seine Aufgabe war es, Bilder und Situationen für die erste, wichtige Hälfte, zu liefern.
„Tamara“, sagte der Stiefvater zu Mutter. „Siehst du nicht, er wäre dazu fähig, uns ins Klo zu stecken.“
Diese Worte hörte ich zufällig und dachte voller Entsetzen: „Er hat recht, ich bin tatsächlich so weit, dass ich sie ins Klo stecke, weil sie mich stören. Sie stören mich mit ihren Vorwürfen, Nörgeleien und ihren unendlichen Moralpredigten.“
 Ich nahm das Leben als Fließband wahr, das mir Gestalten und Situationen brachte, die meine Hormone in erotische, erregende Bilder umwandelten. Nicht nur der Schrank mit seiner Oberfläche, auch das bunte Fließband des Lebens selbst erfüllte mein „Dekameron“ mit verführerischen Alpträumen. Manchmal trugen die Erscheinungen einen surrealistischen Charakter. Ich gehe zum Beispiel auf dem Leninski Prospekt. Ich schaue die Häuser an, die Menschen, die Autos. Und plötzlich sehe ich, dass mich aus allen Fenstern entblößte blaue Frauen anschauen. Graziös, über die Schulter. Sehr klassisch. Und verführerisch. Und alle Bäume in der Allee werden lebendig, sie werden langsam zu Waldnymphen und verfärben sich blau. Und aus den Autofenstern schauen blaue weibliche Gesichter heraus. Eine riesige weiße Wolke wird langsam blau und ändert ihre Umrisse. Ein Kopf, Hände, Beine tauchen auf. Und da hängt auch schon eine gigantische blaue Figur über dem Prospekt. Und unter ihr ein rotes Plakat: „Unser Steuerrad ist die Partei“. Und ein Leninportrait. Noch intensiver waren meine erotisch-architektonischen Erscheinungen. Alle Häuser erschienen mir als Riesen. Sie stehen und schauen. Sie drücken mit der gewaltigen Kraft ihrer Knie und ihrer Rücken in den Boden. Sie sind innerlich voller Anspannung, diese Kolosse. Und sexuell verkümmert. Schrecklich zaudernd. Das Hauptgebäude der Moskauer Universität auf den Leninbergen ist ihr Anführer. Der Moskauer Heerführer. Der schreckliche Onkel Stalin hat diesen aus Rechtecken zusammengesetzten gigantischen Phallus in den lehmigen Boden der Leninberge hineingerammt. Bis an den Gürtel. Seitdem steht er da und schaut auf Moskau hinunter. Die Umrisse seiner breiten Schultern wurden von einem sowjetischen Architekten in New York abgekupfert. Auf seinem platten zylindrischen Kopf sitzt eine dämliche Mütze, die wie eine Spitze aussieht. Statt des Gliedes – ein gigantischer Kubus mit Säulen, der Hauptgang. Sein Körper ist in Zonen zerstückelt. In ihnen werden Ameisen von Ameisen unterrichtet.
...
Nach dem Sündenfall verbesserte sich mein physischer Zustand, aber es begannen Leiden anderer Art. Mich quälte der Umstand, dass ich für mich selbst eine Frau und ein Mann war. Mich peinigte nicht nur das schlechte Gewissen, sondern genauso die sexuelle Einsamkeit. Es zog mich zu den Mädchen, aber ich wusste nicht, was tun, was sagen. Und ich schämte mich tierisch.
Ich beschloss, wenn es nicht „auf die gute Art und Weise“ passiert, gehe ich zu Prostituierten. „Auf die gute Art und Weise“ passierte gar nichts. Und nicht nur deswegen, weil ich nicht wusste, wie ich an wen herankommen sollte, sondern auch, weil es da niemanden gab. Die Sitten und Gebräuche des sowjetischen Staates oder zumindest des Milieus, dem ich angehörte, erlaubten es einer Frau oder einem Mädchen nicht, sich mit einem x-beliebigen Jungen einzulassen.
Aus den gesparten Halbrubelstücken, die mir Mutter für das Mittagessen in der Schulkantine gab, war schließlich eine für mich gigantische Summe von zwanzig Rubel zusammengekommen. Wohin aber sollte ich gehen, wo findet man Nutten? Wie besorgt man sich Präservative?
Ich wandte mich an die Parallelklasse, um an Informationen zu kommen – an Anisjew. Anisjew war Sitzenbleiber, er war schon fast sechzehn, und ich hielt ihn für einen Fachmann in Liebesdingen.
Nachdem er sich ausreichend über mich Grünschnabel lustig gemacht hatte, teilte Anisjew widerwillig mit, dass es in Moskau nur in Sokol Huren gäbe. Sie stünden bei der Metro aufgereiht. Und ich solle mir irgendeine nehmen.
„Und wie viel kostet es?“, fragte ich, ohne genau zu wissen, was „es“ war.
„Zwischen einem und drei Rubel.“
Da hatte ich also umsonst so viel Geld gespart.
„Und wo kauft man das Kondom?“
„In der Apotheke.“
Ich ging die Apotheke.
„Ist das nicht ein bisschen früh, junger Mann?“, bemerkte die Apothekerin giftig, während sie zwei Präservative in Papier einwickelte. Das Papier brannte in meiner Hand. Ich versteckte es schnell in der Hosentasche. Und machte mich aus dem Staub. Am Abend erfand ich eine Lüge, um meine morgige Abwesenheit von zu Hause zu rechtfertigen. Und am nächsten Tag fuhr ich los. Mit der Metro. Nach Sokol. Unterwegs dachte ich: „Gut, dass ich eine Stunde lang fahre, ich muss mich beruhigen und zusammenreißen.“
Das erwies sich als schwieriger, als ich gedacht hatte. Die Menschen veränderten sich. Viele schauten mich fragend und hämisch an. Es schien, als wollten sie fragen: „Wohin fahren Sie denn? Nach Sokol? Aber ist das nicht ein bisschen zu früh, junger Mann?“
Die Pelzmütze glühte auf meinem Kopf. Mein Gewissen rumorte.
Eine widerliche innere Stimme schrie: „Zu nichts bist du zu gebrauchen, du Trottel!“
Die Welt um mich wiederholte: „Ist es nicht ein bisschen früh für dich, Frauen zu kaufen? Da geht es schließlich nicht um Piroggen mit Kraut. Und weißt du überhaupt, wie man ein Präservativ benutzt? Das wird nichts werden mit dir!“
Und ich selbst sagte mir: „Nun gut, du fährst nach Sokol. Findest dir irgendeine. Und wohin gehst du mit ihr? Draußen ist Herbst. Regen. Pfützen. Schauderwetter. Ach, du Schwachkopf!“
Ich kam an.
Ging auf den Platz hinaus. So viele Leute rundherum! Bei der Brüstung standen Frauen. Unscheinbare. Ob sie das sind? Weiß der Teufel. Ich schaute ihnen in die Augen. Das sind sie wohl. Ich ging zu einer hin und sagte: „Komm mit mir.“
Sie kam mit. Aber sofort erklärte sie mir die Situation: „Glaub nicht, dass ich so eine Kranke bin. Drei Rubel. Mit Gummi. Wir gehen in ein Haus. Ganz in der Nähe. Geh hinter mir her. Und hör auf zu zittern. Es wird dich keiner fressen.“ Dann schaute sie mich an und fragte verwundert: „Ist es etwa zum ersten Mal?“
„Zum ersten Mal.“
Wir gingen los. Sie ging voran. Ich stakste hinter ihr her. Die Straße hüpfte unter meinen Füßen. Die Beine konnten nicht gehen. Unter dem Bauch nagte etwas in mir. Sie war schließlich nicht jünger als zwanzig! Und grob. Hatte eine tiefe raue Stimme. Von hinten ähnelte sie einer Krähe. Sie hatte eine lange Nase, wie ein Krähenschnabel. Wir kamen zu dem Haus. Betraten den Hauseingang. Fuhren mit dem Lift in den achten Stock. Stiegen noch ein paar Stufen hinauf. Kamen auf dem Dachboden heraus. Dort war es dunkel. Silberne Isolationsfolien auf den Röhren glänzten. Leitungsrohre lagen umher und alte kaputte Möbel standen herum. Ein Fahrrad ohne Räder, ein Kinderwagen, ein Kühlschrank. Wir gingen zwanzig Meter weiter, da stand in einer mit Gerümpel voll gestellten Ecke ein Metallbett. Auf ihm lag ein Haufen Lumpen. Das Mädchen sagte: „Also, das ist das Appartement. Was stehst du da wie ein Klotz. Zieh die Hosen aus. Ich kann nicht den ganzen Tag hier mit dir vertrödeln.“
Ich fühlte mich wie eine kaputte mechanische Puppe. Mit Mühe zog ich die Jacke aus. Langsam knöpfte ich die Hose auf und zog die schwarze Unterhose zu den Knien hinunter. Das Mädchen legte den Mantel ab, zog das grüne Unterhemd aus. Hakte einen nicht gerade sauberen rosaroten Büstenhalter auf. Ich sah ihre kleinen Brüste. Die linke war ein wenig kleiner als die rechte. Auf der Haut blieben Spuren vom Gummiband. Als wäre ein kleiner Traktor darüber gefahren.
Ich fragte: „Wie heißt du?“
„Ist das nicht völlig egal für dich? Ich heiße Ljuba. Und du, das sehe ich schon, willst überhaupt nichts.“
Sie hatte recht.
Der Wunsch war verflogen. Das Leben hatte sich vereinfacht. Und die Angst war verschwunden. Ich wollte weggehen. Das Mädchen legte ihre Hand auf meinen Bauch. Ich sagte: „Mach gar nichts, ich werde gehen.“
Sie wurde wütend: „Bezahl das Geld und verpiss dich, Milchbart!“
Ich zog meine zwanzig Rubel aus der Tasche und gab sie ihr. Ich konnte weder denken noch zählen. Sie nahm das Geld. Zählte drei Rubel ab und gab mir das restliche zurück.
Da hörten wir plötzlich eine harte Stimme aus der anderen Ecke des Dachbodens: „Leg das Geld auf das Bett.“
Aus dem Dunklen kamen zwei Typen hervor und traten an uns heran. Beide waren sie dürr, über dreißig, tätowiert, betrunken oder sonst auf etwas drauf. Der eine hatte ein Messer in der Hand. Er trat an das Mädchen heran und fauchte: „Du verdammte Hure, gib das Geld her!“
Er nahm ihr die Geldbörse ab und steckte sie in die Tasche. Dann packte er das Mädchen an den Haaren und zog fest daran. Nach unten. Sie schrie auf und fiel auf die Knie.
„Knöpf die Hose auf und blas mir einen, du Nutte!“, befahl er. Währenddessen kam der zweite zu mir.
„Gib die Uhr her!“
Ich nahm die Uhr ab und gab sie ihm. Mit der einen Hand nahm er die Uhr, mit der anderen holte er ruckartig aus und versetze mir mit einem Gegenstand aus Metall einen Schlag. Vor Schmerz setzte mein Atem aus. Ich sank auf den Boden. Ich erblickte in seiner Hand eine Fahrradkette. Ich dachte: „Wenn er mich damit auf den Kopf schlägt, bringt er mich um.“ Aber mich zu töten gehörte offensichtlich nicht zu seinem Plan. Er band mir die Hände zusammen und fesselte mich an ein Rohr. Er knöpfte den Hosenschlitz auf und stellte sich neben seinen Kumpan.
Das Mädchen musste beide bedienen. Sie gaben Kommentare zum Geschehen ab, an die ich mich nicht erinnern will. Mein Herz war in die Hose gerutscht. Ich ahnte, dass die Schufte, auch wenn sie das Gewünschte erhalten hatten, uns nicht in Ruhe lassen würden, sondern danach verlangen würden, uns noch mehr zu quälen. Und dann…
Plötzlich kamen mir die Worte in den Sinn: „Heilige Maria Mutter Gottes, bitte für uns Sünder jetzt und in der Stunde des Todes!“ Ich wiederholte sie wieder und wieder. Dieses Gebet hatte ich von meiner Großmutter gehört. Mir wurde nicht leichter – mein Herz zuckte, Schweiß rann mir über den Rücken. Aber immerhin, ich bin nicht aus Angst gestorben.
Ich sah alles mit an. Ich sah, wie der eine Typ dem Mädchen die restliche Kleidung herunterriss. Dann drehte er ihr den Arm um. Der andere schlug sie mit dem Fuß. Dann mit dem Gürtel. Auf die Brust, auf den Rücken. Ich hörte, wie sie schrie. Aber töten wollten sie das Mädchen wohl auch nicht. Der eine Typ sagte etwas zum anderen, und zeigte auf mich. Der trat an mich heran und schlug mir mit der Faust ins Gesicht. Dann noch einmal. In meinem Mund wurde es warm und salzig. Danach gingen sie beide weg.
Das Mädchen stand mit Mühe auf, zog sich an und band mich los. Ich erhob mich. Spuckte Blut aus. Mein Kiefer schmerzte. In der oberen Zahnreihe war ein Loch. Auch das Mädchen hatte ordentlich etwas abgekriegt – die Nase war gebrochen, ein Auge war geschwollen, sie stöhnte und hinkte, drückte die linke Hand an die Brust. Wir sprachen nicht miteinander. Wir verließen das Haus und gingen in verschiedene Richtungen. 
 
 
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Übertragung aus dem Russischen: DAJA

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