Igor Schestkow "Auf Bootsmanns Schultern"

Igor Schestkow

 

 

AUF BOOTSMANNS SCHULTERN

 

Schon lange wollte ich diese grausige aber trotzdem lustige Gesichte erzählen, die in der quälendsten, verrücktesten Zeit meines Lebens spielt: In den zwei Monaten nämlich, bevor ich meine Heimat verließ und meinem geliebten Moskau für immer Lebewohl sagte. Damals geschah viel Sonderbares und Unverständliches, das einen dickleibigen Roman füllen könnte, dessen Hauptperson aber nicht ich, sondern "die Ausreise" wäre. Vielleicht könnte man auch ein Gedicht oder eine Sinfonie darüber schreiben.

Eine Sinfonie über das tragisch-komische Auseinanderreißen getrennter, aber doch verbundener Entitäten.

Ich wollte immer anfangen, ich wollte wirklich, konnte mich nur nie dazu entschließen.

Die tatsächliche Handlung, war eine Laune - oder soll ich "ein Zufall", vielleicht "eine Eskapade" dazu sagen - höherer Mächte, die sich immer über unsere insektenhaften Gelüste lustig machen. Lassen Sie sich bitte nicht beunruhigen, es geht um nichts Besonderes, eine Nebensache, ein kleines erotisches Abenteuer mit Happy-End.

Viele halten mich für einen Schmutzfinken.

Ein Schmutzfink schreibt, um beim Leser oder bei sich selbst erotische Gefühle zu erwecken. Für einen strammeren Ständer und ein Springbrünnlein. Ich aber schreibe, um das Gift der Ereignisse zu neutralisieren, indem ich mich daran erinnere, die Dinge in Sprache fasse, sie durch den Text presse, sie in einen Kokon von Worten einspinne. Ich tue also das Gegenteil von dem, was ein Schmutzfink tut.

Dass ich dazu "die Hosen herunterlassen" und "hinter den Vorhang schauen" muss, um verdrängte oder unterdrückte Erinnerungen zum Leben zu erwecken, ist nicht meine Schuld. Es geht nun einmal nicht anders. Die Schrecken der totalitären Herrschaft erreichen bei uns doch keine tieferen Gefühlsschichten mehr. Wir haben ganz hervorragend gelernt, damit umzugehen und beziehen sogar noch Lustgefühle aus unserer Anbiederung. Was uns tief im Inneren betrifft, ist auch nicht die Ausbeutung der arbeitenden Bevölkerung in Afrika und Asien (deren Früchte wir so gerne genießen), auch nicht der fatale Klimawandel und ökologische Katastrophen (über die wir gut lachen haben, weil sie sich zum Glück nicht vor unserer eigenen Nase abspielen). Nein, was uns wirklich aufwühlt, sind - im historischen oder kosmischen Rahmen betrachtet - Kleinigkeiten: private Bettgeschichten, echte oder erfundene, und die niederschmetternden Ängste, die sie auslösen. Sie kleben in den entferntesten Winkeln unseres Bewusstseins und zerfressen uns von innen heraus.

In unserer Klasse war ein klein gewachsenes, aber hübsches und gescheites Mädchen mit Namen Anjetschka B. Sie war zwar noch nicht ganz altersgerecht entwickelt, in Liebesdingen aber durchaus erfahren.

Schon vor dem Beginn unserer Studentenzeit plante sie ihr Leben auf 40 Jahre im Voraus, machte sich Sorgen und teilte mir ihre Befürchtungen in Anbetracht des Ehelebens mit.

"Ich habe gehört, dass ältere Männer, solche über 60, oft schwul werden. Das ist doch ekelhaft. Stell dir mal vor, du liebst einen, lebst mit ihm, bekommst Kinder von ihm, und dann zeigt sich, dass er auf Männer steht. Er lässt dich sitzen, und du bist alleine auf der Welt. Das bleibst du dann bis zum Tod, denn du bist alt und keiner will dich mehr!"

Davon verstand ich nichts. Ich hatte mein Leben noch nicht geplant. Ich wusste nicht einmal genau, was eigentlich "Schwule" waren. Eigentlich wusste ich gar nichts, und ich wollte es auch nicht wissen. Über die Zukunft machte ich mir keine Gedanken. Ich berauschte mich am Naheliegenden, wie die Hummeln am Nektar der Blüten. Ich wollte auf dem schmuddeligen Moskauer Asphalt zirpen und herumspringen wie ein Grashüpfer - was ich auch zur Genüge tat.

Männer jenseits der 60 waren in meinen Augen wabbelbäuchige, faltige Schlappsäcke aus der sowjetischen Nomenklatura, die sich mit lüsternem Quieken alles einverleiben, was ihnen vor die Flinte kommt. Oder ich sah sie als krankhaft dürre Knochengestelle, verbitterte, bösartige Einzelgänger, so ähnlich wie Suslov einer war.

Wie sollte man sich bei so miesen Typen Sex vorstellen? Vergiss es!

Wenn ich darüber nachdachte, dass ich mich auch irgendwann einmal in einen alten Knacker verwandeln würde, in ein übelriechendes Schreckgespenst, das aber trotzdem noch im Kreise gleichartiger Vogelscheuchen seinen sexuellen Gelüsten nachgeht... Nein, das war für mich unvorstellbar. Pfui Teufel... Ich dachte, dass das bei mir alles ganz anders werden würde. Ich würde ja nicht sterben, nicht einmal alt werden, und immer hübsche Frauen haben. Chinesische oder amerikanische Wissenschaftler würden schon eine Unsterblichkeitspille erfinden (damals glaubten nicht nur viele Jungspunde, sondern auch Leute in reiferem Alter an die unbegrenzten Möglichkeiten der Wissenschaft). Und wenn die es nicht erfinden, würde ich es selber tun, mit Hilfe magischer Kräfte, die ich schon das ganze Leben lang in mir vermutete. Eine kleine Pille geschluckt, und dann würde ich mich ewiger Jugend erfreuen - wie die roten und gelben Tulpen Ende Mai im Alexandergarten damals die Augen der von Schönheit nicht verwöhnten Moskauer erfreuten und ihre Herzen erwärmten - aber deren Pracht war nur kurzlebig.

Anjetschka äußerte nicht nur Befürchtungen, sie konnte sie auch mit handfesten Fakten untermauern.

"Du weißt doch: Frauen, die altern, werden müde, verlieren ihren Reiz und ihre Libido. Der Körper hört auf, ein bestimmtes Hormon zu produzieren. Die wollen oft schon nicht mehr, wenn sie die 30 überschritten haben. Bei den Kerlen ist das anders. Wenn die sich nicht durch Wodka oder Karrieregeilheit unter die Erde gebracht haben, dann perlt ihr Blut mit 60 noch wie Champagner. Bei denen rieselt schon der Kalk, aber vögeln wollen sie immer noch. Die Babuschka zeigt denen die kalte Schulter, hätschelt die Enkel und backt Kuchen. Aber so ein alter Knacker... Wenn der Geld hat, kauft er sich junges Frischfleisch und schlüpft damit ins Bett. Die anderen holen sich sehnsüchtig im stillen Kämmerlein einen runter - oder sie suchen sich, wenn sie den Mumm dazu haben, gleichgesinnte Stinkböcke und enden als ranzige Rentner-Schwuchteln. Zum Kotzen!

Ich will einen Mann mit Doktortitel, groß gewachsen, schön, gepflegt und nicht auf den Kopf gefallen. Der soll mich ernähren, verhätscheln und lieben bis zum Tod. Ein paar gesunde, kluge Kinder soll er mir machen und mir den Hals mit Klunkern vollhängen."

Ihre Worte brachten mich in Sack und Asche, denn ich stellte mir bildlich vor, wie ich meine Ehefrau verlassen und mich in einen geilen, stinkenden Bock verwandeln würde. Übrigens verdiente Anjetschka später richtig Geld mit undurchschaubaren Immobiliengeschäften in der dritten Welt und konnte sich ihre Klunker selber kaufen. Trotzdem bekam sie genau den Mann, den sie sich vorgestellt hatte: konzentriert, zielstrebig, intelligent und kinderlieb, gutherzig, männlich und clever. Was will man mehr. Ich habe Fotos von ihm gesehen. Auch die Kinder sind ausgesprochen gut geraten.

Nachdem sie die Lomonossov-Universität durchlaufen hatte, bewarb sie sich in der Provinz auf eine Doktorandenstelle, ob in Orel oder in Kursk, das weiß ich nicht mehr. Da hat sie sich einen Ausländer angelacht, einen Jungdozenten der Slavistik. Sie hat ihn geködert, und er hat angebissen. Jetzt ist sie Norwegerin oder Schwedin, das spielt ja keine Rolle. Nach Stockholm ist sie mit ihm abgedampft oder nach Oslo. Hat die Sprache im Handumdrehen gelernt, und andere Sprachen gleich noch dazu. Sie arbeitete wie ein Tier und hatte Erfolg, so dass sie hinterher sogar ihren Vater und seine zweite Familie aus der UdSSR herausholen konnte. Sie hat passende "humanitäre Programme" für sie ausfindig gemacht, auch für ihren Bruder und für noch jemanden.

Nur ihre Mutter blieb in Moskau, obwohl ihre Tochter alles für die Ausreise vorbereitet hatte. Nicht nur ihr früherer Mann ärgerte sich darüber, auch die Tochter und die übrige Verwandtschaft. Anjetschka berichtete mir davon in einem ihrer seltenen Briefe, denn wir schrieben uns nach ihrer Ausreise noch etwa zwei Jahre lang sporadisch.

Den Namen der Mutter habe ich vergessen. Kann sein, dass sie Bella Markowna hieß. Ihr Äußeres und ihre Eigenheiten sind mir aber noch sehr präsent. Sie hatte ein ausgesprochen zupackendes Wesen, aber ein dünnes Nervenkostüm und häufige Migräne-Attacken, war Schlittschuhläuferin, Dickbrettbohrerin, ausgefuchste Chefredakteurin einer Moskauer Literaturzeitschrift der allerersten Sahne. Rote Socke, in der Wolle gefärbt - zwar nicht bis zur Selbstaufgabe, aber ständig in nervtötender Weise mit sozialistischer Seelenmassage beschäftigt, die vor niemandem Halt machte, auch nicht vor Kollegen, dem Ehemann, der Tochter, dem Sohn und allen anderen, die ihr in die Finger kamen. Anjetschka erzählte, dass ihre Mutter in der Jugend gereimte Pamphlete verfasst, sie im Kreise Gleichgesinnter zum Vortrag gebracht und mit Wosnesenskij und Rozhdestwenskij auf Du und Du gestanden habe. Man hatte sie durch die Hölle gehen lassen, und sie verstummte, als es nicht auch für den Himmel reichte. Sie wurde immer verbiesterter und verbitterter und schoss junge Autoren wie Vögel in der Luft ab, wenn sie die Frechheit besaßen, nicht nur zu schreiben, sondern ihre Produkte auch noch an ihr Journal zu schicken. Außerdem erzählte Anjetschka, dass ihre Mutter sich mit Hypnose versuchte und die affektiven Störungen ihrer zahlreichen Freundinnen behandelte, ebensolcher monomaner Literatureulen wie sie.

Unheil und graue Gespenster.

Einmal war ich bei Anjetschka eingeladen. Ich ging noch zur Schule. Die Wohnung war klein, an den Wänden hingen einige bunte, mir bis dahin unbekannte Bilder von Klee. Eine Sitzgruppe, Stehlampen, Bücherregale, literarische Denkwürdigkeiten, Lautenmusik - alles war, wie man es erwartet hatte.

 

Ein auffallend sehniges, dürres Hühnchen wurde aufgetischt, das mir als "Tabakhuhn" vorgestellt wurde. Es stank garstig nach Knoblauch. Sein Fleisch widerstand erfolgreich allen Versuchen, es zu kauen. Ich nahm einen Flügel, biss hinein, lutschte daran herum und legte ihn wieder auf den Teller. Anjetschka schnaufte. Ihr taktvoller Vater tat so, als hätte er nichts bemerkt. Aber ihre Mutter kniff die Augen zu, schüttelte missbilligend den Kopf, zwinkerte und klopfte nervös mit ihren rot lackierten Fingernägeln auf den Tisch.

Das Gespräch drehte sich, soweit ich mich erinnere, um moderne amerikanische Literatur. Anjetschkas Mutter konnte englischsprachige Texte ohne Schwierigkeiten lesen und "hatte Zugang" zu allem. Also fragte Anjetschka nach Autoren der Beat-Generation, Kerouak und Ginsberg, die in der UdSSR wenig bekannt waren. Aber Bella Markowna schien sich über irgendetwas zu ärgern und antwortete so ruppig und böswillig, dass ich erschrak und mich baldmöglichst verabschiedete. Ich weiß noch, wie sie mir auf den Weg mitgab: "Anton, wackele nicht mit den Hüften, wenn du über die Straße gehst, sonst siehst du von hinten aus wie eine Frau im Pelz."

Ich stellte mir meine Hinteransicht vor, und tatsächlich, ich sah aus wie eine Frau. Das erschreckte mich. Also fragte ich meine Freunde, ob ich von hinten wie eine Frau aussehe."Nein", sagte einer, "eher wie ein schwangeres Nilpferd."

Ein anderer meinte: "Nein, wie ein Kamel, das gerade im Luzhniki-Stadium von der Sprungschanze gehüpft ist, nur ohne Skier. Hihi, kleiner Scherz!"

Als es an mir war, zu emigrieren, beschloss ich, Anjetschka ausfindig zu machen und sie zu bitten, mir in der ersten Zeit meines neuen Lebens als Beraterin zur Verfügung zu stehen. Ich wusste nämlich nicht, was mich da erwartete und war in großer Sorge wegen der Übersiedelung. Vor allem und jedem hatte ich Angst, mein Kopf drehte sich. Mir kam es so vor, als brauche mich in Europa keiner und als wäre das Leben dort nicht so süß, wie uns allen schien. Diese Ängste bewahrheiteten sich übrigens schon sehr bald. Ich wirbelte herum wie ein Blatt im Herbstwind und hatte schnell die Nase gestrichen voll von "Emigrantengesprächen". Zwar hatte ich Anjeschkas Telefonnummer im Ausland, aber ich versuchte nicht ernsthaft, sie zu erreichen und bekam daher auch keine Verbindung. Statt dessen rief ich die alte Moskauer Nummer an, die ich noch aus Schulzeiten kannte.

Auf der anderen Seite kam kein Piepton als Antwort, sondern elektronisches Gegacker und Gejaule. Musik ertönte, ein Menuett. Aber warum schrie eine fremde Männerstimme aus vollem Hals: "Wer kommt? Ein Klassenkamerad? Und was zu futtern will der auch? Dann nimm das Hühnchen aus dem Tiefkühler. Was bist du doch für ein Holzkopf. Schau die Pusteln auf der Haut an. Sind sie blau? Vielleicht ist das Vieh schon verdorben."

Dann verschwand diese fremde Stimme und eine Frau übernahm das Telefon.

"Hallo?"

"Guten Tag, ich würde gerne mit Anjetschka sprechen, wenn sie gerade zufällig in Moskau ist."

"Wer sind Sie denn?"

"Ich bin Anton, ihr früherer Klassenkamerad. Ich war mal bei Ihnen zu Gast, da gab es Hühnchen."

"Hühnchen? Ja, und was wollen Sie denn?"

"Nichts vom Hühnchen. Aber von Anjetschka, na ja, also... Ich werde in Kürze ins Ausland übersiedeln und wollte darüber mit ihr beraten, so über dies und das."

"Anjetschka ist in Wien."

"Das ist mir bekannt, aber könnten Sie mir vielleicht ihre Telefonnummer geben?"

"Und Sie wollen sie ganz bestimmt nicht um Geld anpumpen?"

"Aber nein, ganz bestimmt nicht, fest versprochen."

"Das versprechen alle, und dann pumpen sie sie doch an."

"Ich werde sie nicht anpumpen. Ich will gar nichts von ihr haben, sondern nur mit ihr reden, denn für mich fängt ein neues Leben an, neue Verhältnisse, und ich weiß nicht, wie ich mich da zurechtfinden soll."

"Gut, kommen Sie vorbei, ich werde Sie mir anschauen. Wenn Sie wirklich so ein friedlicher Mensch sind, dann gebe ich Ihnen die Nummer."

"Wann würde es Ihnen denn passen?"

"Vielleicht heute Abend, um sieben. Wissen Sie die Straße noch?"

"Nein, die habe ich vergessen. Es ist zwanzig Jahre her."

"Fahren Sie mit der Metro bis "Molodjezhnaja". Sie gehen zum  Schuhgeschäft, überqueren die große Straße, gehen dann die Partisanskaja entlang, biegen nach links ab, da stehen die Häuser in Reihen, Backsteinhäuser mit 4 Etagen. In der dritten Reihe steht ein Haus, das aussieht wie eine Gruft. Ziemlich verwohnt. Der Eingang steht offen, weil das Schloss schon seit einem Jahr irgendwie kaputt ist. Erster Stock, Wohnung Nummer..."

"Alles klar, ich komme vorbei."

Anstelle eines "Tschüss" oder "Auf Wiedersehen" war wieder das gleiche, langweilige Menuett zu hören. Boccherini, diesmal begleitet von leisem Bellen und Winseln. Dann ertönte wieder die raue Männerstimme: "Hör auf mit dem Quatsch, bald kommen die Gäste. Tau das Huhn auf! Schau nach den Pusteln..."

Ich hatte keine Lust, ihm bis zum Ende zuzuhören und legte auf.

Die Stimme von Bella Markowna kam mir fremd und seltsam vor, als hätte jemand während des Gesprächs willkürlich die Klangqualität verändert und dazu leise geblubbert oder gewürgt wie ein Ertrinkender.

Die Pusteln... 

Der Kunzewski-Bezirk ist bekannt für seine Schlägerbanden. Meine Erinnerungen aus Kindertagen ließen mir keine Ruhe. Beleidigungen, Prügelattacken, Pfiffe, Weinen. Blutstropfen im Schnee, wie wilde Kirschen...

So dachte ich bei mir, als ich da entlangging. Da kommen schon welche, sechs Kerle, sie umringen mich in einem schwarzen Kreis, Onkel, gib was zu rauchen... Dann blitzt an der Seite ein Messer auf...

Aber niemand kam zu mir. Im Gegenteil, eine Frau mit einer etwa sieben Jahre alten Tochter nahm Reißaus vor mir. Ich erschrak trotzdem.

Das Schloss funktionierte wirklich nicht. Im Treppenhaus war es schmutzig, es stank übel nach Erbrochenem. Irgendwelche hirnverbrannten Plakate mit afrikanischen Masken bedeckten die Wände. Einige blinde, schwarze Hühner hingen kopfunter von der Decke. Sollte ich weitergehen?

Ich stieg in den ersten Stock hinauf. Das Haus machte den Eindruck, als sei es unbewohnt und werde bald abgerissen. Der Müllschlucker war zugeschweißt, die Fenster im Treppenhaus zerschlagen. Oder es war gar kein unbewohntes Haus, sondern der hintere Teil eines ehemaligen Kinos?

Ich klingelte.

Statt Schritten hörte ich seltsame Geräusche, als schleife jemand einen Sack Kartoffeln durch den Flur - oder eine Leiche. Und wieder - jetzt hätte ich es wirklich nicht erwartet - ertönte dieses verdammte Menuett, wahrscheinlich aus einer Nachbarwohnung. Oder dudelt das bei mir im Hirn herum? So etwas gibt es ja, du hörst etwas, und das setzt sich dann fest. Wie diese Auswanderung mir die Nerven überdreht hat, diese Expeditionen zum Amt für Visumsangelegenheiten, die Gespräche mit Freunden und Freundinnen, mit Verwandten...

"Wer ist da?"

"Anton, ja, Anton, ich beiße nicht."

Langsam öffnete sich die Tür, aber ins Treppenhaus trat nicht Bella Markowna, sondern ein großer Hund, der aussah wie ein Fuchs. Die Augen glühten vor Bosheit und Wahnsinn. Das Fell schillerte in elektrischem Violett. Schaum vor dem Maul. Reißzähne wie bei einem Vampir...

Ich wendete die Augen ab, schluckte überflüssigen Speichel herunter und ballte die Fäuste. Jetzt fängt er an zu knurren und springt gleich los...

Doch im nächsten Augenblick war der Hund verschwunden. Vor mir stand die Mutter meiner Klassenkameradin, reichte mir freundlich die Hand und bat mich hinein.

War das ein Hauskittel, was sie da trug? Nein, das war ein altes Ballkleid.

Goldbrosche, leise klimpernde Armreifen...

Ich hätte sie auf keinen Fall wiedererkannt. Hatte sie sich so sehr verändert, oder... war das gar nicht Anjetschkas Mutter, sondern eine fremde Frau? Ich wollte nicht länger im Unklaren bleiben, trat in die Wohnung ein, hängte meine Jacke auf ein Horn der Garderobe, zog mir die Schuhe aus und wurde von der liebenswerten Gastgeberin ins Wohnzimmer geleitet. Aber was sie für einen Rückenausschnitt hatte - das war fatal!

Wir saßen einander gegenüber in alten, abgewetzten Sesseln mit purpurnem Brokatbezug und goldenen Sternen. Zwischen uns schimmerten die blauen Kanten eines sechseckigen Glastischchens mit grünspanbedeckten Kupferfüßen. Auf dem Tisch stand lediglich eine Flasche Rotwein, zwei Gläser und eine winzige Figur des Anubis.

Ich fühlte mich unbehaglich, denn ich war zu Besuch, hatte aber kein Gastgeschenk mitgebracht. Bella Markowna ahnte, was in mir vorging.

 

Mach dir nichts draus, sei ganz ruhig, Antonino. Ich verstehe das ja. Wegen der Perestroika sind wir in diese ausgekernte Baracke gekommen. Du hast absolut recht, verlasse dieses Land! Zum Teufel mit dem Sozialismus. Du wirst die zweite Hälfte deines Lebens bei normalen Leuten verbringen, nicht zwischen Wattejacken und Sowjetmützen mit Ohrenklappen.

"Wie geht es Ihnen denn?"

"Wie soll es mir gehen, mir alten Schabracke? Wer braucht mich denn? Ich hänge hier alleine herum. Wo ich geboren bin, da gehöre ich hin. Noch ein Jahr bis zur Rente."

"Sind Sie denn sicher, dass Sie die überhaupt bekommen?"

 "Bist du denn sicher, dass du dir in Europa deine Brötchen verdienen kannst?"

"Ich bin mir in keiner Weise sicher. Aber hier, im Arbeiter- und Bauerstaat, gibt es nicht mal mehr Butter, und für Brot habe ich gestern Abend 40 Minuten Schlange gestanden. Als ich endlich an die Reihe kam, hieß es: Kein Brot mehr da. Heute keine Lieferung mehr. Ich hätte mit dem Hammer draufhauen können."

"Soll ich dir ein Butterbrot machen? Ich habe noch etwas Käse aus dem letzten Paket. Roquefort, blau mit Schimmel."

"Danke, ganz lieb von Ihnen. Entschuldigen Sie, dass ich selber nichts mitgebracht habe. Ich wollte Ihnen Blumen und eine Schachtel Pralinen schenken. Aber nirgends konnte ich etwas finden, nicht das eine, nicht das andere. Auf den Markt zu gehen, reicht bei mir das Geld nicht. Die letzte Zeit habe ich in einer Kirche gearbeitet - für hundert Rubel im Monat."

"Da haben sie dich aber an der Nase herumgeführt..."

"Die Uni hat mich ausgespuckt, da hat die Kirche mich geschluckt. Ein Zufall. Jetzt weiß ich aber definitiv, dass es Zeit ist, einen Schlussstrich zu ziehen. Vielleicht schreibe ich mal eine Geschichte darüber. Habe sogar mit dem Patriarch Kyrill Bekanntschaft gemacht. So ein Arschloch..."

"Erzähle, warum du dein Studium abgebrochen hast. Du wolltest doch richtig Karriere machen... Übrigens, lebt dein Vater eigentlich noch? Ich habe ihn vor einigen Jahren aus den Augen verloren, als er aus der Direktion ausgetreten ist."

"Er lebt noch, aber es geht ihm nicht gut. Wie uns allen. Der Lack ist ab, der Speck ist weg. Er hat den Tod meiner Mutter schlecht verkraftet, auch wenn sie erst nach der Scheidung gestorben ist. Jetzt hat er eine andere, aber die hat ihm das Fell über die Ohren gezogen."

Ich versuchte, nicht zu laut zu schluchzen und schon gar nicht, die Fasson zu verlieren und stattdessen ironisch-windschnittig zu formulieren. Trotzdem wurde ich laut, wie Iwan der Schreckliche in seinen Briefen an Kurbskij. Ich redete mich in Wut, fluchte auf die Uni, die Kirche, Moskau, kam auf die Politik zu sprechen - ich ließ alles heraus, was sich angestaut hatte.

"Großmutter ist gestorben, Großvater sitzt in der Klapse. Mit meiner Frau habe ich mich schon lange zerstritten. Wir sprechen fast gar nicht mehr miteinander. Ich werde ohne sie ausreisen. Meine zweite Großmutter kennt mich nicht. Die Schulfreunde haben sich in alle Winde zerstreut. Ich bin völlig allein. Alles, was wir aufgebaut haben, für was wir gelebt haben, zerfällt in Staub. Vielleicht ist das auch besser so. Wir sind keine Menschen, sondern abgekaute Apfelgriebsche, die die Sowjetunion ausgespuckt hat."

Mein fieberhafter Monolog ging noch etwa 40 Minuten im gleichen Stil weiter und endete in einem Nervenzusammenbruch. Ich verlor die Kontrolle und schwafelte irgendein Zeug - vor lauter Aufregung, aber auch, weil mir eine reife, kluge Frau zuhörte, die ich plötzlich mit aller Macht küssen wollte.

"Sag mal, soll ich dir ein Hühnchen braten?"

"Nein, Ihre Hühnchen mag ich nicht. Ich hasse alle Vögel, besonders, wenn sie gebraten sind. Warum haben diese bescheuerten Amerikaner uns nicht alle nach Strich und Faden gegrillt, als sie die Gelegenheit dazu hatten? Warten Sie nur, wir werden schon noch aus unserer Lethargie aufwachen und uns von den Knien erheben. Aber wir werden es nicht schaffen, irgendetwas aufzubauen. Wir sind von Grund auf korrupt und werden deshalb diese Welt vernichten. Das ist das Einzige, was wir zustande bringen. Wir, die Nachkommen von Iwan dem Schrecklichen und Stalin.

In solche Zustände geriet ich mehrere Male in meinem Leben. Gut war nur, dass ich meist im letzten Moment vor dem totalen Zusammenbruch aufhören konnte, bevor ich nur noch Rotz und Wasser heulte wie ein Kleinkind. Zu guter Letzt fragte ich: "Wissen Sie eigentlich, was Ihre Tochter mir noch in der Schule über alte Männer erzählt hat?"

Ich offenbarte Bella Markowna alles über sechzigjährige Päderasten. Fast tat sie mir leid. Sie hörte meinen leicht geschürzten Reden mit geschlossenen Augen geduldig zu, nicht ohne gespielte und daher fast beleidigend wirkende Zustimmung. Am Ende meiner Suada stand sie auf, kam zu mir und streichelte mir über den Kopf.

"Und du hast Angst, im Alter schwul zu werden? Da weißt du wenigstens, vor was du Angst haben musst."

"Ich werde nicht schwul. Was Anjetschka erzählt hat, sind Märchen."

"Bist du dir da so sicher?"

Bella Markowna hatte keine Eile, mir die Telefonnummer ihrer Tochter zu nennen. Stattdessen begann sie, eine lange und langweilige Geschichte über irgendeinen Emigranten der ersten Auswanderungswelle  zu erzählen. Anscheinend war er ein Magier. Es ging um seine Abenteuer in Paris. Sie erwähnte ein Schatzkästlein, das er angeblich im Keller einer Villa gefunden hatte, die einmal dem Marquis de Sade gehört hatte. Darin befand sich ein Pulver. Er schnupperte daran und erhielt die Gabe, Wunder zu tun, Dinge auf unerhörte Art zu verwandeln, mit seinen Gedanken Einfluss auf Leute auszuüben und Zeitreisen zu vollführen. Sie zitierte aus dem Kopf die damals populäre russische Autorin Teffi...

Ich lauschte der Geschichte mit reduzierter Aufmerksamkeit, denn ich glaubte nicht alles, was über Wunder berichtet wird. Mir ging es gegen den Strich, dass sie so lange salbaderte und den Schnabel nicht halten konnte, diese Psychopathin, diese Hysterikerin.

Ich grübelte intensiv darüber nach, wie ich denn im Ausland Geld verdienen könnte.

Bella Markowna brachte eine zweite Flasche aus der Küche. Sie enthielt einen Aufguss oder ein Likör. Lange betrachtete ich das Etikett mit den Konterfeis des penetranten Sganarelle und dreier wichtiger Persönlichkeiten in Kleidern à la Watteau. Diese süßliche Flüssigkeit trug den hochtrabenden Namen "Diener dreier Herren". So übersetzte es mir meine Gastgeberin aus dem Französischen. Wahrscheinlich hatte Anjetschka dieses Gesöff zusammen mit dem Käse geschickt, um das Leben der daheimgebliebenen Mama zu versüßen.

Als wir damit fertig waren, merkte ich, dass ich einen ernsthaften Schwips hatte. Wie konnte ich bloß... Schwarze Hühner rannten vor meinen Augen herum.

Das Menuett erklang.

Ich weiß selber nicht, wie das geschehen konnte: Ich stand auf, ging zu Bella Markowna, umarmte sie und drückte ein schüchternes Küsschen auf ihre Lippen...

Sie stieß mich nicht zurück, sondern umarmte mich ebenfalls.

Wenig später machte ich mich wieder von ihr los, denn mir wurde klar, dass ich gerade einen alten Mann küsste. Wir lagen nackt im Bett.

Ich war auch ein alter Knochen. Meine Hände waren mit Altersflecken bedeckt. Die Beine waren lederig und von blauen Adern durchzogen. Hängebauch, Atemnot. Herr im Himmel, was ging hier vor?

Das Zimmer, in dem das Bett stand, entsprach in keiner Weise den üblichen Zimmern in Moskauer Plattenbauten.

Seide an Wänden und Zimmerdecke.

Ein Ritter in voller Rüstung in einer Ecke.

Dunkle Portraits hochmögender Leute, die ich nicht kannte.

Ein Pianola.

Als ich es anschaute, begann es, ein Menuett zu spielen. Genau dieses verflixte Menuett!

Daneben stand ein Rumäne und fing an, Geige zu spielen. Ein Rumäne...

Nachtfalter flatterten durch die Luft.

Ein dumpfer Hauch wehte herbei.

Schokoladenduft streifte meine Nase.

Die hochmögenden Herrschaften auf den Bildern begannen sich zu verbeugen. Der Ritter versuchte einige Schritte, fiel aber hin und zerbrach in Stücke.

Ich betrachtete das Gesicht des Mannes, der mich in seinen Armen hielt. Wer war das?

Papa?

Opa?

Mein Geschichtslehrer?

Ein verstorbener Freund?

Voller Überraschung empfand ich eine tiefe Zuneigung zu diesem Menschen, der mich so zärtlich küsste. Faltig war er, glatzköpfig, hatte wabbelige Hängebrüstchen.

Ich küsste seine Brustwarzen und streichelte sein Glied.

Wie lange? Ich weiß es nicht...

Plötzlich erklang Frauengelächter.

"Wachen Sie auf, so wachen Sie doch endlich auf, junger Mann. Entschuldigen Sie, ich habe mir nur einen Scherz mit Ihnen erlaubt. Ich wollte Sie für Ihre kleine Unverschämtheit bestrafen und ihrem - hihihi - Unterbewussten ein wenig auf die Sprünge helfen.

Ich saß immer noch auf dem Stuhl am sechseckigen Tischchen. Mir gegenüber saß Bella Markowna und schaute mich nachsichtig an.

Der Zeigefinger meiner rechten Hand steckte in meinem Mund. Ich saugte an ihm und streichelte seine salzige Kuppe mit der Zunge.

Aus den Zuschauersaal, der sich hinter uns befand, ertönte donnernder Applaus.

...

Was weiter geschah, weiß ich nicht mehr. Ich hatte so etwas wie einen Filmriss und kam erst in der Metro wieder zu mir, irgendwo auf der Kiewsker Verbindungsstrecke. 

Vor meinen Augen war alles schwarz, mein Kopf war leer. Mir war ein wenig schlecht. Schlug mir da jemand mit einem schweren Gegenstand auf den Hinterkopf? Das tat gar nicht einmal so weh, aber meine Übelkeit verstärkte sich. Ganz langsam kehrte das Bewusstsein zurück.

An der nächsten Haltestelle stieg ich aus, ich wusste selbst nicht, warum.  Dort begann ich mechanisch die melodramatischen Fresken an der Wand zu betrachten.  

Vor einem blieb ich stehen. In der Mitte stand ein wonniger Opa mit weißem Rauschebart, Schirmmütze und Uniform. Lametta an der Brust, ziemlich einfältiger Gesichtsausdruck. Ein Mann "aus dem Volke".  

Ja, einfältig sah er aus, erinnerte aber doch ein wenig an Stalin, wie übrigens alle älteren Herrschaften auf stalinistischen Fresken. Rechts von ihm war ein junger Bergmann mit Presslufthammer abgebildet, links von ihm stand ein Lehrbub mit einem Buch in der Hand. Das sollte wohl in etwa bedeuten: Das Alter gibt die Staffette an die Jugend weiter. Arbeitet gefälligst, und zwar das ganze Leben lang. Dann kriegt ihr Orden und Medaillen, wie ich.

All das auf goldenem Grund: Agitprop.

Ich betrachte diese leicht fassliche Darstellung von unten nach oben und merke, dass der etwas zweifelhafte Opa mit dem Rauschebart seinen Kopf dreht, den Blick senkt und zu mir schaut. Seine Physiognomie sieht jetzt nicht mehr nach Veteran, sondern richtig nach Stalin aus. Und dieser Stalin lächelt mir von der Wand aus zu.

Jetzt zwinkert er auf schmierige Art und winkt mich mit der Hand zu sich hoch in das Fresko. Komm doch, Jungchen. Ich schwebe wie ein Akrobat durch die Luft zu ihm hin. Dabei sehe ich mich selbst von hinten als Frau. Und mir wird auch klar, als welche: Ich bin Nadezhda Allilujewa.

Stalin fasst mich um die Hüfte und zieht mich in sein seidig-goldenes Gruselkabinett. Dort riecht es, wie man sich vorstellen kann, nach Papyrossi-Tabak Marke "Herzegowinas Blütenkranz" und nach Wein aus Kindsmarauli. Ein klein wenig auch nach ungewaschenen Füßen. Sein narbige Visage erinnert an die eines Reptils.

"Nadjenka, komm zu mir!"

Was dann folgt, werde ich hier nicht schriftlich wiedergeben. Der Leser möge sich das bitte selber vorstellen - wenn er dazu aufgelegt ist, versteht sich: Sechzehnjähriges Mädchen hat Sex mit dem beinahe vierzigjährigen, zittrigen Stalin, ihrem eigenen Vater.

Das war das allergarstigste, was mir in der Heimat während den etwas über drei Jahrzehnten meiner Anwesenheit passiert ist. Mein zweiter Filmriss dauerte länger als der erste.

Dieses Mal wachte ich nicht in der Metro auf, auch nicht am sechseckigen Tisch von Bella Markowna. Anfangs wusste ich nicht, wo ich war, so dunkel war es ringsherum. Ich saß auf etwas Kaltem, Metallischem, wie auf einem Verdeck. Oder im Genick von jemandem?

Ich ertastete einen eisernen Kopf, an dem ich mich mit den Händen festhielt. Ich drehte mich und riskierte dabei, dass ich hinunterfiel. Da erkannte ich die Silhouette, die mir seit der Kindheit vertraut war.

Sie werden das jetzt sicher nicht glauben: Ich saß auf den Schultern von - Bootsmann. So nannten wir Studenten das Denkmal für Lomonossov, das (mit Feder und Manuskript) auf dem Campus der Universität steht, nicht weit vom Klubgebäude. Ich hatte keine Ahnung, wie ich da hinaufgekommen war, aber es war äußerst schwierig, wieder hinunterzuklettern.

 

 

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Etwa zehn Jahre nach meiner Auswanderung rief ich endlich bei Anjetschka an.

Wir redeten über dies und das, und ich erzählte ihr, wie ich ihre Mutter vor meiner Ausreise im Moskauer Bezirk Kunzewo besucht hatte. Ein völlig verständnisloses Schweigen war die Antwort.

"Meine Mutter", sagte Anjetschka würdevoll, "ist etwa drei Jahre vor deiner Emigration gestorben. Ich habe keine Ahnung, bei wem du warst und wo, aber bei ihr sicher nicht. Außerdem haben wir nicht in Kunzewo gewohnt, sondern in Otschakowo. Du bist doch damals selbst im Bus herausgefahren, um mich zu besuchen. Weißt du das denn nicht mehr?

 

 

(Aus dem Russischen Klaus Kleinmann)

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