Igor Schestkow "Am See"

Igor Schestkow

 

 

Am See

 

Ich weiß nicht mehr genau, wie ich in das Hotel "Zum blauen See" gelangt bin, aber ich erinnere mich noch, dass dort anscheinend niemand auf mich wartete. Dabei war das Zimmer mit Seeblick schon seit einem Monat reserviert. Ich stand genau vor den Hotelangestellten, stand ihnen als einziger Gast in der riesigen Lobby direkt gegenüber, aber es dauerte ewig, bis sich jemand herabließ, von mir Notiz zu nehmen. Sie tratschten munter über die lange, dunkle Theke hinweg, hinter der, einer Bienenwabe gleich, der Schrank mit den Zimmerschlüsseln hing. Keine Kleidung schützte mich, nicht einmal eine Schicht Haut, denn ich war kein Mensch, sondern eine Blase reiner Energie, ein Dunstschleier. Aber all diese breitschultrigen Türsteher mit ihren fleischigen Nasen, der Portier, die Hausmeister und die Pagen in ihrer widerlich zerknitterten, braungestreiften Uniform mit Quasten an den affigen Hüten - sie sahen mich nicht mit ihren dreieckigen Augen und vernahmen meine Worte nicht, obwohl sie ihre spitzen Lauscher argwöhnisch hochgestellt hatten. Sie hörten mich auch dann noch nicht, als ich vor lauter Wut und Aufregung meine Stimme erhob, hektisch zu gestikulieren begann und rosenfarbige Blütenblätter, mit Libellenspeichel benetzt, auf den Marmorboden streute.

Erst nach einer quälend langen Pause bemerkten sie mich. Besser gesagt, ihre Blicke ließen es ahnen, denn sie spähten misstrauisch in meine Richtung, flüsterten sich etwas zu und druckten auf ihrem altmodischen Tintenstrahldrucker etwas aus, das sie unterschrieben und auch mich unterschreiben ließen. Ich las nicht, was sie da hingekritzelt hatten. Meine Hände zitterten. Die Tinte in meinem Füller war schon lange eingetrocknet, aber das war mir egal. Ich unterschrieb trocken, mit Luft.

Der Verwaltungschef drehte das Dokument lange in seinen Händen hin und her und beschnupperte meine Unterschrift. Ganz offensichtlich versuchte er, Zeit zu schinden und bäumte sich mit aller Kraft gegen die unumgängliche Notwendigkeit auf, mir einen Schlüssel auszuhändigen. Das schien gegen seine innere Überzeugung zu verstoßen. Ganz offensichtlich war er nicht nur ein halsstarriger, alter Knochen, sondern auch ein chauvinistischer Reaktionär. Seine trübe schillernden Krötenaugen, von fahlgelben Wimpern umrahmt, klappten auf und zu. Er schnaufte, ließ den Kopf auf die Brust sinken, schlief ein und begann zu schnarchen. Die struppigen Augenbrauen zogen sich drohend zusammen, die Wimpern zitterten, seine Haartolle bauschte sich, sein unglaublich langer, sehniger Hals lief rot an und die grausigen, dreifingrigen Klauen verklumpten sich zu Fäusten.

Er gähnte demonstrativ, hielt mir aber trotzdem den Schlüssel für Zimmer 332 vor die Nase. Das tat er jedoch mit unverhohlenem Widerwillen und so, als gäbe er ihn nicht mir, sondern irgendjemand anderem, der sich im gleichen Raumsegment befand. Ich nahm ihn mit meiner dritten Hand entgegen und begab mich zum Aufzug.

Die dunkle, breite Metalltür öffnete sich geräuschlos. Ich trat ein und fühlte mich wie in einem Spiegelsaal. Von drei Seiten her gähnte mich optische Unendlichkeit an. Es schien, als hausten urtümliche Missgeburten in ihren finsteren Abgründen und warteten nur auf ein Signal ihres Herrn von der Hotelleitung - die Andeutung eines Nickens, einen Wimpernschlag, ein Krächzen oder Hüsteln - um sich auf den Gast mit der kindlich reinen Seele zu stürzen und ihn in Stücke zu reißen.

Ich stieg aus dem Lift und stand in einem Labyrinth von Korridoren. Hinweisschilder fehlten, ich musste selber sehen, wie ich Nummer 332 fand. Ich beschloss, mit zugekniffenen Augen den Korridor entlangzutasten in der Hoffnung, dass das Zimmer mich fand und zu sich hinführte.

Wie selten unsere Wünsche doch in Erfüllung gehen! Ich durchwanderte schon eine halbe Stunde lang die dritte Etage des Hotels, aber es wollten sich keine Wunder ereignen, niemand war zu sehen, nicht die leiseste Ahnung eines menschlichen Gesprächs konnte man erlauschen, kein Radio dudelte. Da war nichts: Das Labyrinth - leer. Der Minotaurus - tot.

Trotz allem geschah ein Wunder. Ich öffnete die Augen und sah, dass ich zwischen den Zimmern 331 und 333 stand. Wo die Tür zu meinem Zimmer hätte sein sollen, erstrahlte eine nicht völlig ebene, aber frisch gestrichene Wand in stechendem Glanz.

Meine Überlegungen führten zu dem Schluss, dass der böswillige Administrator befohlen hatte, den Eingang zu meinem Zimmer zuzubetonieren, und während die Arbeiter noch werkelten, lenkte er mich mit Geschnaufe und Vogelkrächzen ab. Vielleicht lief gerade irgendwo eine Videokamera und die ganze gestreifte Bande schaute grinsend zu, wie ich mich hier abquälte.

"Ja, guckt euch nur diesen dicken Idioten an, diese Seifenblase, diesen Esel! Er kann das Zimmer nicht finden! Gleich ruft er um Hilfe oder macht sich die Hosen voll. Er ist mit Blindheit geschlagen! Den Schlüssel hat er, hihi, es fehlt nur die Tür dazu! Dummköpfchen hat an einem faulen Nüsschen geknabbert, jetzt dreht sich ihm der Magen um, er muss kotzen und schreit! Unser Hotel ist für ein gehobenes Publikum und nicht für solche Luftnummern wie dich. Lass dich einsargen, du Heulsuse, du wandelnder Sauertopf! Verdammter Zombie. Habt ihr das gesehen? Er hat den Schlüssel herausgeholt und stochert wie ein Blinder damit in der Mauer herum!"

Wie es passierte, weiß ich nicht mehr, aber nach ein paar Minuten stand ich tatsächlich im Zimmer 332.

Ich verteilte meine Habseligkeiten in dem monströsen Schrank, schaute in die Toilette, nahm eine Dusche und ließ mich auf das frische, weiße Laken fallen. Mit geschlossenen Augen versuchte ich zu vergessen, was vorgefallen war. Doch ein bohrender Gedanke ließ mir keine Ruhe: Wieso hatte ich mich in dieses ungastliche Hotel verirrt? Was zum Teufel wollte ich hier? Dabei kann ich doch Hotels, Restaurants, Kinos und überhaupt alle Orte nicht ausstehen, wo Leute aus unerfindlichen Gründen hinkommen, um dort etwas zusammen zu tun. Ich bin ein Einzelgänger und Misanthrop. Ich hasse das Staatswesen, jede Menschenmenge, die Gesellschaft als ganze, jedes Kollektiv. Schon eine Tafelrunde zu viert ist mir ein Graus. Diese sinnlosen Gespräche, Diskussionen um des Kaisers Bart, bedeutungsvolle Pausen, zwanghafte Grimassen, dieses Kauen, Zähnestochern, Schnaufen - dieser kollektive Kampf gegen die Langeweile.

Hotels sind die Blutsbrüder von Gefängnissen und Kasernen.

Gänge. Zimmer, gähnende Insassen, die feierlich zum Restaurant schreiten. Der widerliche Muff fremden Lebens.

Was habe ich hier verloren?

Ach ja, jetzt weiß ich's wieder.

Ich bin nicht zum Vergnügen hier, und freiwillig schon gar nicht. Ich habe mich hierher geflüchtet und um Asyl nachgesucht, weil unsere Wohnung renoviert wird. Mein umtriebiges, superschlaues Eheweib hat mir das eingebrockt.   

Wenn ich etwas noch mehr hasse als Hotels, dann sind das Renovierungsaktionen. Diese immer wiederkehrenden Zurüstungen für das wahre Leben, sinnstiftendes Element von Lebenslegasthenikern und hyperaktiven Fanatikern. Seht ihr denn nicht, dass hier eine Kachel locker ist? Ja, aber was auf dieser Welt sitzt denn fest? Nichts! Alles wackelt, klappert, leiert aus, verdirbt, verschimmelt, verwest, zerbricht, verwandelt sich in Schrott, in Ruinen. Dann verschwindet es. Unsere Welt ist eine einzige Orgie des Vergehens, der Triumph des Sperrmülls über den guten Geschmack. Und darin turnen die immer gleichen Anbeter von Ordnung und Sauberkeit herum. Sie reparieren, reformieren und bauen um, ohne Sinn und Verstand.

Mit meiner Frau darüber zu diskutieren ist zwecklos. Ich habe es versucht, wir haben uns angeschrien und uns beinahe ernsthaft in die Wolle gekriegt. Da habe ich mich aus dem Staub gemacht. Meine Frau sprach das Urteil: "Lebe im Hotel für eine Woche oder zwei, geh im Fichtenwald spazieren, ruh dich aus am Busen der Natur. Da kommt dein Kreislauf in Schwung. Du bist außer Form geraten. Du bist kein Kerl mehr, sondern hast dich rund machen lassen. Ewig hängst du am Computer, und das Leben läuft an dir vorbei. Am Ende fällst du noch vom Fleisch. Lass mich nur hier bleiben, ich werde den Handwerkern schon Beine machen."

Sie hat übers Handy flugs dieses Hotelzimmer bestellt, gar nicht weit von Berlin. Heute um acht sollten die Handwerker anrücken, deswegen habe ich mich um halb acht aus dem Staub gemacht. Bus, S-Bahn, wieder Bus... Jetzt liege ich hier im Doppelbett und betrachte die schmuddelige Zimmerdecke, an der bläuliche Überbleibsel von Insekten kleben, die sich nachts vom Licht anlocken ließen. Irgendwelche Vorgänger in diesem Zimmer haben sie dann wohl ins Jenseits befördert. Ich versuche mehr Zeit und Raum gedanklich zu erfassen, um sie in mein entzündetes Gehirn hinein auszudrücken wie eine reife Weintraube. Vielleicht erlange ich ja dadurch einen rettenden Motivationsschub, den Wunsch etwas zu tun, eine Art Verhalten an den Tag zu legen... Aber der Raum in diesem Hotel ist völlig verödet und die Zeit steht still. Da kannst du drücken soviel du willst, du quetschst kein einziges Gedankentröpfchen heraus. Also liege ich da und weiß nicht, was ich denken oder tun soll, wie und warum...

Ich stehe mir selbst im Weg, bekomme Wut auf mich, werde mir zur Last.

...

Wie ferngesteuert beginne ich mein Werk der Selbstzerstörung, hacke mit meinen Füße auf mich ein, verbrenne mich auf dem Scheiterhaufen, nagele mich ans Kreuz - aber all das ist vergebliche Liebesmüh. Der Körper reagiert nicht, von Wiederauferstehung keine Spur, das Zimmer erstarrt in einem Ohnmachtsanfall. Nur das Bett unter mir brennt, und die Zimmerdecke mit ihren bläulichen Mordindizien schaut zu, wenn du zum Licht hinflatterst, du kleiner, dummer Falter. Du wirst vernichtet, zu Staub zermahlen, in eine bläuliche Spur verwandelt, in eine Farbnase. Die Anbeter von Reinheit und Ordnung werden dich bloß noch als widerlichen Fleck wahrnehmen. Doch da - ich hab's, das ist die rettende Zauberformel: Spazieren gehen, am Seeufer entlangschlendern, dem Ruf der Natur folgen. Du kannst dich ja sowieso nicht am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen. Dein Gejammer saugt dich nur immer tiefer in den Weltschmerz hinein. Erfreue dich lieber am schlanken Wuchs der Bäume, erfrische dich am blauen Nass, berausche dich an klarer Luft, wiege dich im Rhythmus deines beschwingten Schrittes. Dann wird dir bestimmt leichter ums Herz.

 

 

Niemand war in der Lobby, außer dem jungen Concierge, einem ansehnlichen Blondschopf. Er hatte sich demonstrativ in irgendwelche Papiere vergraben. Zögernd und widerwillig hob er seinen Kopf zur Antwort auf mein "Guten Tag".

Ich überreichte ihm den Schlüssel und sah in seine Augen. Darin erkannte ich, was zu vermuten stand: den fatalen Egoismus des Kleinbürgers, professionelle Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal anderer Leute, Langeweile und Ekel vor dem Leben. Außerdem litt er an der Bereitschaft, für Geld alles zu tun. Der blonde Schönling begriff im Augenblick, dass ich ihn durchschaute. Aber das störte ihn offenbar nicht, es schien ihn im Gegenteil zu freuen. Wahrscheinlich war ihm auch das zur gewerbsmäßigen Routine geworden. Um den Fisch, der Appetit auf den Köder hat, auch wirklich an die Angel zu bekommen, warf er mir einen Blick zu, den er sich für solche Gelegenheiten offenbar antrainiert hatte: Aufdringlich und lasziv. So schaut die Wespe nach der Raupe, bevor sie sich auf sie setzt, um ihren Stachel in ihr zu versenken. Sein Blick war allerdings nicht ganz so scharf, sondern eher ein heimliches Zeichen vielsagender Zustimmung. Der Teufel persönlich schien vor mir zu sitzen und hätte mich beinahe zu der Frage verleitet: "Na, was kostet denn ein Stündchen?"

Vor meinen Augen jagten Gefühlsbilder vorbei wie Hirsche auf der Flucht. In meinen heißen Achselhöhlen bildeten sich Schweißtröpfchen. Kühner Blitzangriff auf jugendliche Popobäckchen. Schmerzhaft konvulsivische Zuckungen der schmalen, zerbissenen, zart mit schwarzer Pomade eingeriebenen Lippen während des Orgasmus...

Leider musste ich den Jungen enttäuschen, ich wünschte ihm einen schönen Tag und verließ das Hotel durch die Hintertür. Dann ging ich zum See und machte mich dabei nach alter Gewohnheit über mich selber lustig.

...

"Sogar bei deinen intimen Wünschen bist und bleibst du eine Karikatur. Du bist kein Mensch, nur eine Collage, eine Anhäufung fremder Gedanken. Schau noch einmal auf diese zehn Sekunden lange Szene. Hattest du vor, dich an diesen bulgarischen Provinzschönling heranzumachen? Dich für Geld mit ihm zu amüsieren? Pfui Teufel! Du hast doch nicht etwa ans andere Ufer übergesetzt? Woher diese süßlichen Phantasien? Diese Schweißtropfen? Die ewige Zweiteilung? Als du dieses Schwuchtelchen sahst, hast du dir wohl den Schlaf­wandler Cesare aus deinem Lieblingsfilm vorgestellt. Dessen dunkle, verführerische Augen und seine schmalen Lippen haben dich in Wallung gebracht, aber nicht diese Witzfigur aus dem Hotel. Und du hast dich flugs in Dr. Caligari verwandelt, diesen hirnverbrannten Psychiater, den Beherrscher des Somnambulen. Aber zum Glück brachte der Schnellzug beide rasch weg von dir. Noch immer kannst du seine schrillen Signalpfeifen hören. Und du bist wieder zu dir selbst zurückgekehrt. Wobei nicht ganz klar ist, woraus das eigentlich besteht. Aus einer Wolke, einer mit Dampf gefüllten Kugel? Dabei hat das Abenteuer nur einen winzigen Augenblick gedauert. Dein ganzes Leben besteht aus Tausenden solcher Momente. Welche Überraschungen hat es dir bisher erspart, in wen hast du dich noch nicht verwandelt? Welche Eseleien hättest du denn vollführt, wenn der rettende Zug nicht gekommen wäre? Dein Drang, mit fremden Charakteren zu verschmelzen, hat deinen Wunsch, in bodenlose Tiefen abzugleiten, nicht etwa gebremst, sondern nur noch beschleunigt. Wo du dich befindest, dort, wo sich dein wahres Leben abspielt, gibt es kein Oben und kein Unten, kein Gestern und kein Morgen. Man kann den Absturz nicht vom Abflug unterscheiden."

Ich trat in die Buchenallee hinaus, die sich am See entlangzieht, lief vielleicht 200 Meter und setzte mich vor einen kleinen Pavillon. Ich wollte in meinen Gedanken versinken, das Rauschen der Blätter und den Wind auf dem Wasser genießen. Doch da sah ich plötzlich diese Frau. Sie stand neben dem riesigen, zweigeteilten Stamm einer zweihundertjährigen Buche, schön, hoch gewachsen, splitternackt und rothaarig. Mit einer Hand verbarg sie eine der stattlichen Brüste, mit der anderen bedeckte sie ihre rötlich gelockte Scham. Sie war ganz offensichtlich verzweifelt, niedergeschmettert und verschreckt. Das lag nicht an meiner Gegenwart, sondern an etwas anderem. Ich sah mich um. Alles war ruhig, geradezu idyllisch. Die wilde Augustsonne brannte noch nicht zu heiß, die Buchenallee erfreute durch ihre klassische Schönheit. Der See, dessen trunkene Tiefe sich rechts von mir dehnte, plätscherte mit seinen Spielzeugwellen. Niemand störte unsere Begegnung, nur Vögelchen zwitscherten und blaue Libellen malten gaukelnd ihre zackigen Hieroglyphen in die Luft. Die Bäume knarzten, im Blau des Himmels knisterten seltsame Partikel, die vergingen, kaum dass sie entstanden waren. Ein prickelnder Hauch von Tannen, die sich zu beiden Seiten der Straße hinter die Buchen duckten, streichelte die Nase.

"Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?"

Während ich das sagte, gab ich mir Mühe, sie nicht anzustarren, um sie nicht noch mehr aus dem Gleichgewicht zu bringen. Ich sprach die deutschen Worte in möglichst weichem und vertrauensvollem Ton, wobei mir allerdings mein innerer Schweinehund zuflüsterte: "Warum redest du denn mir ihr, du Schlappschwanz? Zieh dir die Hosen runter und stopf ihr den Schlitz zwischen den Beinen. Vielleicht schreit sie Zeter und Mordio und wehrt sich, aber dann macht es noch mehr Spaß, sie durchzubumsen. Was meinst du denn, warum sie hier nackig im Wald herumspringt? Einen Kerl sucht sie! Die Weiber sind doch alle gleich."

Doktor Caligari verzog den Mund zu einem fiesen Grinsen, zwinkerte eindeutig zweideutig und nickte. Doch augenblicklich machte ich mit den Lästermäulern kurzen Prozess. Der innere Schweinehund flog mit angelegten Ohren direkt in den See, der ihn mit Behagen schluckte. Herr Doktor bekam einen kräftigen Tritt in sein wertes Hinterteil. So waren beide rasch verstummt. 

Das nackte Rotschöpfchen reagierte in keiner Weise auf meine Frage. Daher wiederholte ich sie auf Englisch. Nun hörte die schöne Frau aufmerksam zu und schwatzte darauf los wie eine Elster. Ich verstand zuerst kein Wort außer "Wyoming", streifte mein oranges T-Shirt ab und reichte es ihr. Sie zog es über. Es sah aus wie ein kurzes Kleid, bedeckte aber lediglich das, was unbedingt bedeckt werden musste.

Diese Art der Bekleidung stand ihr aber ausnehmend gut. Das Orange des T-Shirts harmonierte mit ihrer Haartracht und dem goldenen Lack ihrer Fingernägel. Ihre schlanken Beine schimmerten in der Sonne, die grünen Augen erinnerten an runde Smaragde. Ich lud sie ein, sich zu mir vor den Pavillon zu setzen und bat sie, ganz langsam zu sprechen und einfache Worte zu benutzen.

- Wo sind wir?

- In der Nähe von Berlin.

- In Europa?

- Ja, natürlich.

- Das kann nicht sein. Noch vor fünf Minuten war ich in Wyoming, fünf Meilen weit vom Devils Tower. Am nächsten Morgen wollten wir ihn besteigen. Ich reise nämlich mit meinem Mann in einem umgebauten Lieferwagen durch Amerika. Darin gibt es eine Küche, ein Schlafzimmer, einen Fernseher. Wir saßen lange nach Mitternacht noch am Lagerfeuer. Vor dem Schlafengehen wollte ich gerade eine Dusche nehmen. Also betrat ich die Kabine und war plötzlich hier bei Ihnen, in dieser Allee. Da kann man doch glatt verrückt werden. So etwas gibt es ja gar nicht, wahrscheinlich schlafe ich und träume das alles nur.

- Es kommt mir eher vor, als träume ich das gerade.

- Vor allem weiß ich nicht, was ich jetzt tun soll.

- Versuchen Sie doch, noch einige Minuten lang weiterzuschafen. Es ist so angenehm, mit Ihnen zu plaudern. Nach dem Tod meiner Frau fühle ich mich oft sehr einsam, verstehen Sie? Und Sie sind so schön, so rätselhaft und anmutig... Sie wiegen sich beinahe in den Hüften wie Jane, so wie Lil Dagover sie gespielt hat. Vielleicht bin ich Franz, und Sie sind meine Braut? Würden sie mir ein Küsschen in Ehren gestatten?

Während ich diese letzten Worte sprach, wusste ich schon, dass meine wunderbare Begleiterin nicht mehr neben mir saß. Sie war entschwunden, nach Wyoming zurückgekehrt, hält gerade ihr liebes Sommersprossengesicht genüsslich unter den warmen Wasserwirbel in der winzigen Duschkabine des Campmobils und versucht, die Erinnerung an die seltsamen Ereignisse, die so unvermittelt in ihr amerikanisch wohlgeordnetes Leben eingedrungen waren, schleunigst wieder abzuwaschen. Mit besonderer Hingabe rubbelt sie ihre schweren, roten Haarzotteln.

Ich kuschelte mich noch gemütlicher in meine gute Laune hinein, entspannte mich und versuchte einzutauchen in seliges Nichtstun,  um den Tod meiner Frau erneut zu vergessen, diese qualvolle Beerdigungszeremonie und die elenden juristischen Auseinandersetzungen um die unbarmherzig fortschreitende Korrosion meines ohnehin sinnfreien Lebens.

Ich schloss die Augen und fühlte, wie Libellen Blütenblätter von Teerosen auf meine entzündeten Lider legten.

 

 

 

(Aus dem Russischen: Klaus Kleinmann) 

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