Igor Schestkow "Absinth"

Igor Schestkow

 

 

ABSINTH

 

 

ZU DEN ACHT SEEN

 

Leningrader Gebiet. Ferienkomplex "Zu den acht Seen".

Im Sommer welchen Jahres? Ach, ich weiß es nicht mehr genau. Aber ich erinnere mich, dass Basketball, Tennis, Schwimmen, Spionagefilme, Pfeil und Bogen, Räuber und Gendarm, Eis und Schokolade, Conan Doyle und Louis Boussenard – hatten gerade damals aufgehört mich zu interessieren.

Das Sprießen meiner ersten Schamhaare löste Stürme aus, die schlimmer wüteten als ein japanischer Tsunami. Sie fegten mit Leichtigkeit alles hinweg, was das sowjetische Bildungssystem, die Pioniere und die Komsomolzen mit vieler Mühe aus mir geformt hatten. Mein Glied stand zeitweise ohne jeden Grund in die Höhe, als führe es ein Eigenleben. Aus meinen Fingerspitzen sprühten Funken, aus meinen Ohren quoll Dampf, und ich befürchtete allen Ernstes, dass ich dabei war, mich in einen Teufel zu verwandeln, der durch die Lüfte rast und Menschen frisst wie ein Vogel Insekten. Meinen Eltern ahnten nichts von diesen Zuständen. Sie störten sich allerdings daran, dass ich mich nicht mehr mit ihnen unterhielt, sie anpöbelte und herumstreunte. Auch die Lehrer waren hilflos.

Ich hatte der Unzucht Tür und Tor geöffnet, aber die drohende Unzucht hat mich, den pubertierenden Jungbullen, nicht von den Hufen gehauen. Eher im Gegenteil.

Die Unzucht begegnete mir leibhaftig in der Gestalt einer hübschen, gebildeten Frau mittleren Alters.

Sie kam an einem wunderbar sonnigen Morgen unter Apfelbäumen am Ufer eines der acht Seen auf mich zu, lächelte bezaubernd und einfühlsam, aber mit augenzwinkernder Ironie und unverhülltem Interesse an meiner Person, die bereits bei lebendigem Leibe in pubertärer Weißglut stand. Sie aber wühlte mich mit den saugenden Bewegungen ihrer nicht mehr ganz jungen Hände restlos auf. An ihren schon leicht von Gicht gezeichneten Fingern trug sie mindestens zwölf Goldringe, die eindeutig nicht aus sowjetischer Produktion stammten, und sagte: "Ich bin Lidia Minskaja, Übersetzerin aus dem Englischen und Französischen. Mein Mann heißt Michail Josifowitsch und ist Professor am Moskauer Institut für internationale Beziehungen. Aber für dich sind wir Tante Lida und Onkel Micha. Ich kannte deine Oma und deinen Opa schon in den Fünfzigerjahren. An dich, lieber Igor, erinnere ich mich noch als Dreikäsehoch. Was warst du für ein süßer Fratz, mit Locken bis zu den Schultern. Nun gut... im Urlaub spielen wir gern 'Préférance'. Wenn du magst, bringen wir dir dieses herrliche Spiel bei. Komm doch zu uns, sagen wir: in einer Viertelstunde. Wir wohnen im Zimmer 58. Deiner Oma musst du das nicht verraten. Vielleicht würde sie sich nicht darüber freuen. Das sollte besser unter uns bleiben, abgemacht?"

Dieses "Abgemacht" sprach sie dabei mit ganz tiefer Stimme. Es klang wie das Schnurren einer Katze, wenn auch vielleicht ein wenig gekünstelt. Im ersten Moment machte mich das stutzig, aber dann fiel mein Blick wie zufällig in das tiefe Decolleté ihres bunten Baumwollkleides, das ihren wohlgerundeten Busen nicht völlig zu bedecken vermochte. Dieser Anblick überflutete sämtliche Ganglien meines Gehirns mit einer solchen Welle von elektrischer Hochspannung, dass ich zu keinem Gedanken mehr fähig war und auf keinerlei Warnsignale aus meinem Inneren reagieren konnte.

"Abgemacht."

"Kommst du?"

"Ja."

"Kommst du zu Tante Lida?"

"Ja, zu Tante Lida."

Die Bekanntschaft mit der vorgeblichen Préférance-Spielerin und ihre vielversprechende Einladung brachten mich arg  in Verlegenheit. Mein Bauchgefühl schickte mir jede Menge Warnsignale: GEFAHR - GEFAHR - GEFAHR!!! Aber meine Lüsternheit antwortete schnippisch: Hast du etwa Angst vor Tante Lida? Vor der brauchst du dich doch nicht zu fürchten! Und Préférance ist ein Spiel für kluge Leute.

Natürlich hatte mein Bauchgefühl genau registriert, dass Préférance für meine Lüsternheit bei weitem nicht das zentrale Objekt der Begierde darstellte. Dabei log sich Fräulein Lüsternheit selbst etwas vor, indem sie nach allen Seiten buntes Feuerwerk versprühte, nur nicht dahin, wo sie eigentlich hätte hinsprühen sollen, nämlich in Tante Lidas Schoß. Warum zwingt unser inneres Strickmuster dazu, dauernd Ausflüchte zu suchen und ausgefeilte Ränkespiele zu ersinnen? Warum müssen wir uns in unserer Gewissensnot an so viele Halme klammern, dass man daraus Hironymus Boschs "Heuwagen" zusammensetzen könnte?

Was ist das bloß für ein Verwirrspiel und woher kommt diese schicksalhafte Verlogenheit?

Warum konnte ich mir nicht einfach eingestehen, dass ich Tante Lida sehr anziehend fand und mit ihr eine neue Art von Verbindung eingehen wollte? Dass von der Intensität dieses Wunsches meine Hosen zu zerreißen drohten und ich vor meinen Augen nur noch glühende Kreise sah? Ich hätte doch ganz einfach zu mir sagen können: Na gut, dann geh jetzt zu ihr und tue, was du so heiß ersehnst. Wahrscheinlich fiel aber mir dieses Eingeständnis so schwer, weil ich so erzogen worden war. Wie? Nun ja, auf die sowjetische Art eben, wo eine Lüge der anderen hinterherrennt und sie sich am Ende gegenseitig überholen.

Nach einer Viertelstunde klopfte ich an der Tür von Zimmer 58.

Zu meiner Überraschung öffnete mir ein Mann, Onkel Micha.

"Was kann ich für Sie tun?", fragte er mit ruhiger, tiefer Stimme in gepflegtem Tonfall.

Er war von hohem Wuchs und stattlichem Körperbau, älter als Tante Lida. Er trug flauschige, helle Shorts von ausländischer Machart, dazu ein lässiges, buntes Hemd. Sportliche Beine, barfuß, an der linken Hand eine teure Golduhr, rechts einige goldene Armbänder. Hornbrille. Aufmerksamer Blick - aber mir fiel gleich auf, dass daran etwas nicht stimmte. Der Blick des Verführers.

Doch da kam Tante Lida zu Onkel Micha, legte ihm zärtlich den Kopf auf die Schulter und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Liebster...

Auf Onkel Michas Gesicht erschien sofort die Miene des gastfreundlichen Hausherren, des Professors, der seine Studenten im Auditorium dazu einlädt, sich eine Vorlesung über Kafka oder Musil anzuhören, wobei er Gebildetheit und Wohlwollen ausstrahlt.

Ich trat ein.

Das Zimmer beeindruckte mich nicht weiter. Ein Doppelbett, ein Schrank, ein runder Spieltisch, drei Stühle. Auf dem Tisch befanden sich Spielkarten, eine smaragdgrüne Flasche von ausgefallener Form, drei Kristallgläser und ein kleines Sieb. Außerdem einige Stücke Zucker und ein Krug mit Wasser. Ich wurde aufgefordert, mich hinzusetzen, was ich auch tat. Danach setzten sich meine Gastgeber.

Nun goss Onkel Micha eine grünliche Flüssigkeit aus der Flasche in die Kristallgläser. War das ein Likör? Dann legte er Zucker auf das Sieb und ließ ganz langsam Wasser aus dem Krug in die Gläser laufen, durch den Zucker hindurch.

Er erhob sein Glas, dessen Inhalt bläulich und gelb in der Sonne leuchtete und sprach: "Lasst uns gesund und glücklich sein, meine Freunde. Trinken wir auf die Sonne und auf diesen wunderbaren Tag, den sie uns geschenkt hat, auf das Glück in ihrem schimmernden Licht, auf die neue Bekanntschaft, auf fröhlichen Geschlechtsverkehr und eine himmlische Partie Préférence.

Onkel Micha ließ das Kristallglas im Sonnenlicht funkeln, Tante Lida drückte ihre Hände auf die Brust und sah voller Leidenschaft nach ihrem Mann.

Ich fand kaum Gelegenheit, mich über das Tempo zu wundern, mit dem sie den Inhalt ihrer Gläser austranken. Da wollte ich nicht in Rückstand geraten, denn ich freute mich gleichfalls über meine neue Bekanntschaft, über die Sonne, die Préférence und den Geschlechtsverkehr. So trank ich die grünliche Flüssigkeit mit kleinen Schlucken und spürte plötzlich einen dumpfen Schlag im Gehirn. Mir wurde klar: Das Zeug hatte es in sich.

Es war, als würden sich "der Sonne Licht aus schrägem Safran / Vom Vorhang hin bis dort zum Diwan", wie es bei Boris Pasternak heißt, als warmer, glänzender Lichtschal um meinen Hals legen. Vor meinen Augen funkelten goldene Bänder, die sich miteinander verwoben und sich in metallene Ähren verwandelten wie an einem bestimmten Moskauer Brunnen. Fast wäre ich vom Stuhl gefallen, konnte mich aber noch gerade noch halten und schaute, was Onkel Micha machte. Er nahm nämlich die Spielkarten und begann sie zu mischen. Danach legte er sie mit der Rückseite nach oben in einer langen Reihe auf den Tisch und bat mich: "Nun Goscha, nimm drei Karten und decke sie auf."

Die Hand versagte mir fast den Dienst, als ich tat, was er verlangte. Alle drei Karten zeigten Herzdamen.

Plötzlich stiegen diese von ihrer Karte herunter, fassten sich an den Händen und begannen zu sechst ein seltsames Menuett mit Verbeugungen und Knicksen. Von irgendwoher zogen sie zwei Herzkönige und zwei Buben hervor, die sich mit den Damen vereinten. Einer der Buben zwinkerte mir seltsamerweise zu und spreizte die Beine höchst possierlich in seinen Pluderhosen. Mir war das peinlich, aber Onkel Micha und Tante Lida freuten sich.

Schließlich sagte Onkel Micha zu Tante Lida: "Es ist Zeit, mon cher ami", und zwinkerte dabei mit den Augen, die fast wie feuchte Pflaumen aussahen.

Sie nahm mich bei der Hand, half mir auf einen Stuhl und zog mich ganz langsam aus, so wie sich wahrscheinlich Mannequins ausziehen. Dabei ließ sie mich nicht aus den Augen. Sie stimulierte und küsste mich, während sie ohne Unterlass eine süße Melodie vor sich hinpfiff. Dann streifte sie selber die Kleider ab, aber ganz schnell, legte sich ins Bett und zog mich über sich. Onkel Micha war schon da. Als ich in den nach Muskat duftenden Körper von Tante Lida eindrang, tat Onkel Micha bei mir das gleiche von hinten. Aber nicht, wie Sie sich das vielleicht vorstellen: Er verursachte mir keinerlei Schmerzen. Wir verwandelten uns in ein lebendiges, pulsierendes, dreischichtiges Sandwich. Mein Traum von der Vereinigung mit einer erwachsenen Frau ging in Erfüllung.

Onkel Micha kam als erster zum Höhepunkt. Während ich meine Sache zu Ende brachte, saß er schon am Spieltisch und mischte den Kartenstapel durch. Am Abend dieses Tages hatte ich das erste Mal in meinem Leben bei der Préférence gewonnen. Auch im späteren Leben gab es bei mir keine Dramen oder Sexualtragödien, aber mit diesem ungewöhnlich veranlagten Paar traf ich mich noch Jahre später. Ich verdanke ihnen sehr viel. Sie machten mich nicht nur mit der Welt des Eros bekannt, sondern auch mit den Büchern von Hesse und Jean Paul. Sie öffneten mir die Augen für die wahre Natur der Sowjetunion und ermöglichten mir Lehrstücke in Geduld gegenüber den intimen Vorlieben von anderen.

In dem smaragdenen Fläschchen war übrigens Absinth, an dem der reisefreudige Onkel Micha im Ausland seinen Spaß gefunden hatte.

 

 

MODERNE  KUNST          

 

Ganz ähnlich erging es mir im Dezember 1990 in Köln, wobei die Geschichte allerdings ein anderes Ende nahm. Ich zählte schon stolze 39 Lenze, hatte mein Studium beendet, mich 15 Jahre lang durch verschiedene Forschungsinstitute hindurchgeackert, war Vater dreier Kinder, hatte mehrfach an nonkonformistischen Kunstausstellungen teilgenommen und mir in aller Kühnheit den Status als Emigrant ohne Wiederkehr verschafft. Es gab allerdings keine Maßeinheit, um die Grenzenlosigkeit meiner Naivität auszumessen - außer dem Maß des Lebens selber.

Übrigens, nach meiner Affäre an den "Acht Seen" bin ich weder ein abseitiger Sexbesessener noch ein  "doppelflintiger Päderast" geworden.  

Ich heiratete, wie es der Brauch ist, vor dem Examen an der Lomonossow-Universität, und zwar aus Liebe. Sieben Jahre später ließ ich mich aus dem gleichen Grunde scheiden. In beiden Ehen war ich glücklich, hörte aber nicht auf, über den Tellerrand hinauszuschauen.

Später in Deutschland zeichnete ich im "Lager" für Kontingentflüchtlinge wie ein Besessener und war froh, nicht mehr über Gorbatschow, den KGB und den Krieg in Afghanistan, auch nicht mehr über das "verdammte Schicksal Russlands" und den täglichen Broterwerb nachdenken zu müssen. Meine Mittel reichten voll und ganz, um ein sorgenfreies Leben zu führen. Bis zum Dezember hatte ich eine dicke Mappe "rätselhafter Zeichnungen" zusammen. So nannte ich das damals. Das waren abstrakte Kompositionen, die an Türme oder turmähnliche Hängekonstruktionen erinnerten. Durch ihre Polyvalenz waren sie geeignet, die wesensverwandte innere Vielfalt des Betrachters anzusprechen, in sich aufzusaugen und mit ihm gemeinsam eine lebendig flimmernde Struktur hervorzubringen, die sozusagen drei Welten gleichzeitig angehörte: Der Welt der Grafik, der inneren Welt des menschlichen Bewusstseins, die ich mir als surreale Landschaft vorstellte - und der Welt der metaphysischen, hochgebauten Himmelsstadt Jerusalem.

Leider waren diese Zeichnungen nicht wirklich mein geistiges Eigentum, sondern erinnerten verräterisch an die Hieraturen von Mikhail Schwarzman, der zeitweise mein Mentor war, mich aber mit brachialer Gewalt verstieß, als er merkte, dass ich seine Malweise kopierte. Er tat recht daran. Ich verfügte eben doch nicht über seine Begabung, und der lange Weg auf den Spuren des Meisters hätte mich letztendlich um den Verstand gebracht.

Aber damals, im Jahre 1990, schien es mir, als hätte ich endlich meinen eigenen Stil gefunden, zwar keinen so mächtigen wie Schwarzman, aber einen voller Lebenskraft. Daher beschloss ich, den "seelenlosen Westen" mit einer Ausstellung meiner Werke zu beglücken. Was tat ich also? Ich kaufte mir einen Polaroid-Fotoapparat, nahm meine Bilder damit auf und begann sie in verkleinerter Form an die besten Museen in Deutschland zu schicken - an die Pinakothek in München, die Dresdner Galerie, das Museum Ludwig und an etwa ein weiteres Dutzend gleichranginger Anstalten.

War das Irrsinn? Dummheit? Naivität? Von allem etwas.

Am unteren Rand meines Bewusstseins spürte ich das wohl. Aber mir ging es wie anderen Dummköpfen auch: Ich berauschte mich an der eigenen Hirnlosigkeit, statt dass ich davor erschrocken wäre. Sie war für mich das unabdingbare Attribut des Genies, an dem ich mich labte. Das finde ich heute in keiner Weise mehr lustig.

Auf meine Briefe mit dem Absender "Flüchtlingslager Glauchau" antwortete nur der Kurator der graphischen Sammlung des Museums Ludwig, Herr D. Er lud mich zu einem Gespräch ein, das er auf die Vorweihnachtszeit terminierte. Ich kratzte meine letzten Groschen zusammen und fuhr mit einer dicken Mappe meiner Zeichnungen nach Köln.

Ich hoffte natürlich darauf, dass Herr D. meine Werke in den Himmel loben und gleich die ganze Mappe für das Museum ankaufen würde. Das sollte ihm gut und gerne 30 000 Mark in bar wert sein. Dann könnte ich in einem guten Hotel absteigen und sogar für immer das verhasste sächsische Provinznest verlassen.

Es verwunderte mich also wenig, dass Herr D., ein angenehmer junger Mann, meine Arbeiten tatsächlich über den grünen Klee lobte. Das hielt ich für durchaus angemessen und merkte dabei nicht, dass das lediglich eine höfliche, aber bestimmte Form der Ablehnung war, dass es einem Nein zu weiterer Zusammenarbeit, einem Nein zu einer Ausstellung, einem Nein zu Geld gleich kam.

Das begriff ich erst, als ich das opulente Büro verließ, an dessen Wänden Arbeiten von Andy Warhol hingen, diesem erfolgreichen Kunstzersetzer, der kaltschnäuzig die bodenlose Dummheit des Publikums und die Geldgier der Kunsthändler ausnutzte und dem ich später, vielleicht gerade wegen meines Fiaskos in Köln, mit tiefster Verachtung begegnete. Er verkörperte für mich die schlimmste zerstörerische Kraft der zeitgenössischen Kunst, die letztlich zu ihrer Selbstentleibung führte, nämlich der Bestrebung, dem Straßenpublikum zu Gefallen zu sein. Heute urteile ich über ihn und andere künstlerische Müllproduzenten – wie Josef Beuys - nicht mehr so streng. Jeder malt eben, wie er kann.

Nachdem ich nun aus dem Museum wieder auf die Straße hinausgetreten war, blieb mir eigentlich nur noch der Weg zur nächsten Brücke, um mich von dort in den Rhein zu stürzen. Danach stand mir jetzt der Sinn. Aber ich wusste ja, dass ich schwimmen konnte und dass mich meine Probleme wieder einholen würden wie Jagdhunde ihre Beute.

Deswegen ging ich doch nicht zur Brücke, sondern beschloss, das Schicksal nochmal bei den Hörnern zu packen, indem ich kommerzielle Kölner Kunstgalerien aufsuchte. Herr D. hatte mir zum Abschied eine lange Liste davon in die Hand gedrückt.

Ich will den endlosen Fußmarsch durch die Kölner Innenstadt nicht in Einzelheiten beschreiben. Mit dem Stadtplan in der Hand besuchte ich gut 25 Galerien. Bei den meisten davon öffnete man mir nicht einmal die Tür, nachdem man mein gebrochenes Deutsch und meinen russischen Familiennamen gehört hatte. Andernorts öffnete man mir zwar, erklärte aber höflich, man führe mit Künstlern "von der Straße" keine Gespräche. Manche Galeristen versuchten mir einzureden, dass "die Zeit der russischen Kunst vorbei ist" und dass ich mir besser eine sinnvolle Beschäftigung suchen soll. Ich könnte mich doch beispielsweise als Taxifahrer verdingen. Keiner nahm meine Zeichnungsmappe auch nur in die Hand.

Bis dahin war die Reise nach Köln also ein einziges Fiasko.

Ein Galerist aber, der letzte in der Reihe, öffnete die Mappe schließlich doch. Genauer: Es waren zwei, ein Kunsthändlerehepaar, Herr Benedikt und seine Frau Gisela. Diese Namen prägten sich mir ein.

Die Herrschaften baten mich in ihre Galerie, die sich im Erdgeschoss einer modernen Villa in holländischem Stil befand, gebaut aus verschiedenfarbigen Betonwürfeln, die Malerei und Plastik miteinander verbanden. Ich war beeindruckt von Menge und Qualität der Bilder und Skulpturen russischer Avangardisten, bei denen die Namen noch heller strahlten als die Farben: Malewitsch, Kandinski, Tatlin, Lissitzki, Larionow...

Irgendwie erinnerten mich die beiden sofort an Onkel Micha und Tante Lida. An den Fingern von Frau Gisela befanden sich nicht weniger goldene Ringe, und der Ausschnitt an ihrem schicken Kleid war ebenfalls ähnlich, genauso dessen Inhalt. Der stattliche Herr Benedikt trug daheim Shorts und bunte Hemden wie Onkel Micha im "Acht Seen", ging gleichfalls barfuß und hatte Augen wie feuchte Zwetschgen...

Damals hatte ich ein Faible für mystische Parallelen und neigte sogar zu der Ansicht, dass es sich um die gleichen Personen handelte, um eine Art Reinkarnation. Aber ich wusste ja, dass Onkel Micha schon seit fünf Jahren mehr tot als lebendig war und Tante Lida als einsames altes Mütterchen ihre Tage in einem Leningrader Wohnheim für betagte Literaten verbrachte.

Doch es erstaunte mich wenig, dass mich nach der Durchsicht meiner Arbeiten, nach den üblichen Komplimenten und dem gebührendem Schulterklopfen... Herr Benedikt zu einem Gläschen Absinth aus genau der gleichen grünen Flasche einlud.  

Diesmal sah ich danach keine Gespenster. Im Gegenteil, es ging mir gut. Dieser verdammte Tag in Köln, der mir nichts als Niederlagen beschert hatte, war endlich vorbei. Ich konnte mich mit echten Kennern der russischen Kunstszene unterhalten. Dazu trank ich Absinth...

Allerdings hatte ich keine blasse Ahnung davon, wie der Abend noch enden sollte.

Da saßen wir zu dritt am Tisch, Herr Benedikt rauchte eine Zigarre, Frau Gisela ein edles silbernes Pfeifchen und ich drehte zwei leise klingelnde Feng-Shui Kugeln in der Hand. Frau Gisela schaute mit koketten Blicken nach mir, nahm mir die Kugeln ab und erklärte, wie man richtig damit umgeht. Herr Benedikt schwadronierte über die Lage am Kunstmarkt. Davon verstand ich bestenfalls ein Drittel, denn mein Deutsch befand sich noch im Embryonalstadium.

"Lieber Herr Sch., sie kommen leider ein wenig zu spät. Vor zwei Jahren wurden in London Arbeiten von sowjetischen Nonkonformisten für einige tausend Pfund das Stück verkauft. Manche Künstler bekamen langjährige Verträge. Aber nun ist die Welle vorbei, der Hype auf die Russen in Enttäuschung umgeschlagen. Das liegt daran, dass einflussreiche amerikanische Kunsthändler, die auch bei uns das große Rad drehen, von Kunst so viel verstehen wie die Kuh vom Tanzen. Aber ausgerechnet die haben beschlossen, dass russische Kapitel zu beenden. Das hat zur Folge, dass es sich nicht mehr lohnt, in Russen zu investieren. Das kommt einem Todesurteil gleich. So ist das nun mal. Ihre Arbeiten gefallen mir, wenn sie auch etwas - wie soll ich sagen - Elitäres an sich haben. Das steht momentan leider nicht im Kurs. Jeder Armleuchter muss heute verstehen, was ein Bild darstellt. Je deutlicher, desto besser: Es muss etwas zu sehen sein. Ein Thema, eine Farbe, eine Figur. So etwas wird gekauft. Ihre Arbeiten sind zu intellektuell, und das wirkt heute wieder altmodisch. Ihre darstellerische Wucht lässt die Leute nur schmunzeln. Das Himmlische Jerusalem... Wer braucht das denn, wo doch heute jeder ins echte Jerusalem reisen kann. Aber lassen Sie sich deshalb keine grauen Haare wachsen. Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Wie gefällt es Ihnen bei uns? Wir haben auch ein Schwimmbad. Im Keller. Möchten Sie baden? Wir würden uns freuen, wenn Sie uns Gesellschaft leisten. Wir schwimmen eine kleine Runde, spritzen uns mit Wasser voll und werden wieder zu Kindern. Dann essen wir zu Abend und unterhalten uns ernsthaft. Aber zu allernächst nehmen wir noch ein Gläschen Absinth, ja? Ich mag ihn übrigens am liebsten ohne Wasser und Zucker. Ein göttliches Getränk."

Ich weiß nicht, was in mir vorging, als ich einem gemeinsamen Bad zustimmte. Dabei wusste ich doch, dass das dumm war und mit einem positiven AIDS-Test enden konnte.

Mich interessierten Herrn Benedikts Worte von "Vorschlägen" und einem "ernsthaftem Gespräch". Also gingen wir in den Keller.

Schon an der Tür, noch mehr auf der Treppe merkte ich, dass das zweite Glas Absinth nicht ohne Folgen bleiben würde. Mir schwindelte ein wenig und ich fühlte eine leichte Übelkeit. Und plötzlich verspürte ich die völlig widersinnige Lust, Herrn Benedikt die große, vernickelte Skulptur eines Fisches von hinten über den Kopf zu ziehen, bei der sich an der Stelle des Herzens ein rundes Loch befand.

"Ja, ihr habt alle ein Loch, wo andere ein Herz haben", so dachte ich. "Vermaledeite Rattenfänger! Ich zeig dir, was 'darstellerische Wucht' ist. Im Leichenschauhaus kannst du eine Predigt über russische Künstler halten, du Mistkerl!"

Mein Wutanfall löste sich jedoch in Luft auf, als ich das langsam kreisende, tiefblaue Wasser im Schwimmbecken sah. Daneben befand sich eine Dusche, deren Wasser in ein Loch im beheizten Kachelboden ablief. Ich zog mich aus und hatte seltsamerweise vor den Blicken der fremden Leute keine Scheu. Dann stellte ich mich unter die Dusche, spülte mir den Mund aus und rieb mich mit der duftenden Seife ein.  

Frau Gisela kam zu mir und begann mich mit einem weichen, dreifarbigen Waschlappen abzureiben. Das betrachtete ich als angemessen. Die Geschlechtsorgane wusch sie mir mit der Hand. Im Nu hatte ich eine Erektion, worauf sie fröhlich kichernd ins Bassin sprang. Die Spritzer, die beim Eintauchen entstanden, bildeten eine riesige Krone um sie herum. Herr Benedikt übte sich im Brustschwimmen, prustete und schnaufte laut. Sein perfekt inszeniertes Lächeln strahlte Zufriedenheit und Wohlwollen aus.

Wir schwammen. Wir bespritzten uns. Wir fühlten uns wie Kinder.

Frau Gisela streichelte mich ganz sacht unter Wasser, und ich tat ihr den gleichen Gefallen.

Wir stiegen heraus. Herr Benedikt gab mir einen seidenen Bademantel mit Drachen und Bommeln. Wir aßen oben in der verglasten Veranda, auf der unbekannte Pflanzen in Kübeln standen. Es gab norwegischen Hummer mit Soße, dazu trank man einen leichten Wein.

Nach dem Abendessen kam es zu einem "ernsthaften Gespräch" mit Herrn Benedikt. Frau Gisela schwieg dabei diskret, machte mir aber, von ihrem Mann unbemerkt, schöne Augen und öffnete wie zufällig ihren atemberaubenden Bademantel, unter dem sie nur schwarze, halbdurchsichtige Netzunterwäsche trug. Die betörende Wirkung auf mich war augenfällig. Ich wurde nervös.

Herr Benedikt bestritt das Gespräch allein. Bevor ich Einzelteile daraus zitiere, erlaube ich mir, dem Leser eine Frage zu stellen: Wissen Sie, was für einen Emigranten, der die Sprache seiner neuen Heimat noch nicht richtig beherrscht, das Schwerste ist? Zu unterscheiden, was ein "ernsthaftes" und was ein "nicht ernsthaftes" Gespräch ist. Einschätzen zu können, wann es sich um Sachaussagen handelt und wann um Ironie, Humor, Sarkasmus. Das ist schon in der Muttersprache nicht immer einfach, aber in einer Fremdsprache nachgerade unmöglich. Warum ich frage? Weil das, was Herr Benedikt mir damals erzählte, absolut kein "ernsthaftes Gespräch" war. Seine Vorschläge waren ebenfalls nicht "ernst gemeint", sondern schlimme Heuchelei, Lüge, bitterer Hohn, eine Falle für den aufgeblasenen, selbstverliebten Dummkopf, der ich war. Und in dieses Fußeisen steckte ich mein Ego, meine Rute und meinen Kopf...

"Verehrter Herr Sch., Ihre Kunstwerke haben mich überzeugt. Ich würde gerne einen Geschäftsvertrag für ein Jahr mit Ihnen abschließen. Das sind keine leeren Phrasen, ich habe hier eine fertige Ausarbeitung, die Sie nur noch zu unterschreiben brauchen. Da, schauen Sie. Bevor wir aber zur Unterzeichnung schreiten, lassen Sie mich in kurzen Worten erklären, zu was Sie sich verpflichten. Sie wohnen von morgen an das ganze kommende Jahr lang bei uns in der Galerie. Ihnen steht ein zweiwöchiger, bezahlter Urlaub zu, allerdings erst nach einer durchgängigen sechsmonatigen Arbeit in unserem Hause. Der Arbeitstag beginnt um 10.00 Uhr morgens und endet um 18.00 Uhr abends. Ihre Aufgabe besteht hauptsächlich darin, zu zeichnen und in der Galerie mitzuhelfen. Eine Angestellte wird aufräumen und sauber machen. Sie haben uns bitte während unserer Abwesenheit zu vertreten, Verkaufsgespräche mit Kunden zu führen und beim Aufhängen der Bilder für neue Ausstellungen zu helfen. Außerdem werden Sie uns bitte pro Monat nicht weniger als acht farbige Arbeiten im Format von mindestens DIN A 4 zum Verkauf zur Verfügung stellen. Das Urheberrecht an diesen Werken bleibt bei Ihnen, aber alle gehen in den Besitz der Galerie über. Dabei steht es mir nicht an, Ihnen Vorschläge bezüglich Stil, Material, Technik oder Farbgebung zu machen. Wir stellen Ihnen ein in sich abgeschlossenes Zimmer mit Bad im zweiten Stock der Villa zur Verfügung. Sogar eine kleine Einbauküche gehört dazu. Zeichnen können Sie im großen Saal der Galerie. Sämtliches Material, Farben und Leinwand bekommen Sie von uns. Außerdem zahlen wir Ihnen ein Monatsgehalt von 2000 Mark und übernehmen alle gesetzlich vorgeschriebenen Versicherungen. Für jedes verkaufte Kunstwerk bekommen Sie eine Prämie in Höhe von 10 Prozent des Erlöses. Darüber hinaus möchte ich anmerken, dass ich nicht blind bin und durchaus bemerkt habe, wie meine Frau sich Ihnen in äußerst frivoler Weise nähert. Dazu bekommen Sie genau die Erklärung, die ich jedem anderen an Ihrer Stelle auch geben würde: Ich mache Sie hiermit offiziell mit der Tatsache bekannt, dass meine Frau und ich völlig freie Menschen sind und das Recht haben, auf erotischem Gebiet zu tun und zu lassen, wonach jedem der Sinn steht. Sie brauchen sich also keinerlei Zwang anzutun."

…         

Selbstverständlich unterschrieb ich den Vertrag. Und kapierte die letzte Belehrung.

Man zeigte mir mein Zimmer, mit dem ich vollauf zufrieden war. Sie wünschten mir gute Nacht und ließen mich allein.

Vom Sessel aus betrachtete ich das nächtliche Köln. Da war der herrlich beleuchtete Dom, einige Hochhäuser, der Fernsehturm und am Horizont einige Schornsteine, aus denen Rauch quoll.

Ich wusste nicht, was ich denken oder fühlen sollte.

Sollte ich mich freuen? Eigentlich schon. Aber all das - die Villa, das Schwimmbad, die Galerie, Frau Gisela und ihre Zärtlichkeiten, der seltsame Herr Benedikt, das mir bevorstehende Arbeitsjahr, der Vertrag - mir kam das fast vor wie eine Mogelpackung, als Teil eines Spiels.

Ja, vielleicht war es ein Spiel. Aber ich hielt den Vertrag doch in den Händen, noch dazu auf edlem Büttenpapier. Da waren auch die Unterschriften und Beträge in Ziffern wie in Worten.

Nur war das leider wirklich ein Spiel, das miese Spiel der Reichen mit dem armen Schlucker. Der Vertrag war das Papier nicht wert, auf dem er geschrieben stand. Wenn ich auch nur im Ansatz gelesen hätte, unter was ich da meine Unterschrift gesetzt hatte... Doch ich habe diesem Deutschen vertraut.

Ich schlüpfte unter die Bettdecke aus feinstem Atlas und fing an einzunicken..

Ich schlief aber nicht fest. Dazu war ich viel zu aufgeregt.

Nach einiger Zeit ging die Tür auf und eine Frau betrat das Zimmer.

"Frau Gisela?"

"Ja, Geliebter. Ich bin gekommen, um mit dir die Nacht zu verbringen. Hier sind noch zwei Gläser Absinth. Magst du?"

Ihre Stimme klang ein wenig seltsam. War sie heiser geworden?

Wir tranken, ich schlug die Decke zurück und sie kroch darunter. Sie umarmte mich heftig, umfasste mein Glied und steckte mir ihre Zunge in den Mund, küsste gierig meine Brust und meinen Bauch. Dann nahm sie mein Glied in den Mund und massierte meine Hoden mit starker Hand. Auf derart heftige Zärtlichkeiten war ich nicht gefasst und ejakulierte nach kürzester Zeit.

Aber da kam noch jemand ins Zimmer und knipste das Licht an.

Nein - das war Frau Gisela! Und auf meinen Knien saß, sich krümmend in einem homerischen Lachanfall, Herr Benedikt, mit meinem Sperma auf den geschminkten Lippen, einer Perücke auf dem Kopf, einem Spezialbüstenhalter und Silikonbrüsten, Seidenpyjama und Damenwäsche.

!!!

Frau Gisela fing jetzt auch an zu lachen. Dann musste sie husten, plusterte sich auf wie eine Blase und platzte. Nur ein paar weiße Hautfetzen blieben zurück. Herr Benedikt begann einen wilden Tanz durch das ganze Zimmer und an der Zimmerdecke entlang. Er flog heran und brüllte mir direkt ins Gesicht, wobei er seine Zwetschgenaugen wie ein Wilder hin- und herrollte: "Hau ab! Mach, dass du verschwindest, du Vollidiot! Sonst hole ich die Polizei!"

Ich schnappte meine Kleider und Schuhe und sauste wie ein geölter Blitz die vier Treppenabsätze hinunter. Dabei riss ich einige Skulpturen aus Metall um, die scheppernd zu Boden krachten und sich in ihre Einzelteile auflösten. Ich stürzte auf die Straße hinaus und bemerkte zu späte, dass ich die Mappe mit meinen Arbeiten in dem ganzen Chaos vergessen hatte.

Während ich mich anzog, ging oben im zweiten Stock ein Fenster auf und daraus flog mir meine Mappe geradewegs vor die Füße. Von oben hörte man Lachen und Flüche.

Vom Aufprall auf dem Asphalt platzte die Mappe auf und die Zeichnungen flatterten heraus wie Schmetterlinge aus ihrem Bau, wenn er zusammenstürzt. In diesem Moment fuhr ein roter Opel Omega vorbei, der einen Teil der Blätter mitriss und zerfetzte. Über die, die liegen geblieben waren, rollte ein schwerer, alter Mercedes und beschmierte sie mit Dreck.

Ich saß auf dem Gehsteig und sah zu, wie die Autos mein Himmlisches Jerusalem zerstörten. Meinen Traum. In diesem bitteren Moment verstand ich, was "moderne Kunst" im tieferen Sinn des Wortes bedeutet.

 

 

 

EIN NICHT EINGELÖSTES VERSPRECHEN

 

Ein drittes, ähnliches Abenteuer hatte ich vorgestern.

Sie haben richtig gehört: Vorgestern!

Wegen diesem dritten habe ich mich an die beiden vorherigen erinnert und sie aufgeschrieben. Hier in dieser gleichen Zelle.

Ja, es schüttelt mich durch und bringt mich weiß der Teufel wohin, wirft mich in die Vergangenheit zurück, denn eine Zukunft habe ich nicht mehr. Vier Wände rings herum, ein Fenster mit Gitter davor. Wen interessiert schon die Vergangenheit, noch dazu die eines Fremden?

Die dritte Geschichte wird noch haarstäubender als die beiden ersten. Fest versprochen. Sie endet in einem grauenhaften Blutbad. Also, wenn Sie schwache Nerven haben, dann schauen Sie sich lieber einen Tierfilm im Fernsehen an. Einen Tierfilm? Na, ich sage doch: Da fließt das Blut in Strömen. Die Hölle ohne Ende, Gesetzlosigkeit und Kannibalismus. Ganz wie im wirklichen Leben.

Vor einer Woche erhielt ich Post von einer Verehrerin. Ich zitiere aus dem Gedächtnis (das Original hat mir die Polizei abgenommen):

"Lieber Herr Sch., mein Mann und ich sind große Verehrer Ihrer Prosa. Schon lange wünschen wir uns, Sie persönlich kennen zu lernen. Daher möchten wir Sie zum Abendessen einladen. Auf dem Speisezettel steht eine Julienne aus Champignons und Schildkrötenfleisch, Rehbraten, Tiramisu mit Erdbeeren. Als Getränk bieten wir an: Absinth aus der Schweiz, Marke "Engelchen" mit einer Madonna auf dem Etikett, hergestellt nach traditionellem Verfahren.

Wenn es Ihnen recht ist, essen wir zusammen und unterhalten uns. Sie könnten uns gerne etwas über Ihre Schriftstellertätigkeit erzählen, und wir machen Sie mit unserem besonderen Hobby bekannt. Das wird bestimmt lustig.

Wir erwarten Sie am Sonntag so ab sechs Uhr abends, in Charlottenburg, Straße sowieso, Nummer XY. Sie finden den Eingang, wenn Sie durch den Hof gehen. Fahren Sie mit dem Lift in die dritte Etage. Unsere Wohnung befindet sich rechter Hand, da wo Sie die Palme und den Spiegel sehen.

Kommen Sie doch, wir freuen uns auf Sie.

Li und Ed M."

Ich hatte, ehrlich gesagt, keine Lust, nach Charlottenburg zu fahren. Ich bin genug herumgereist und mag keine neuen Leute kennen lernen. Ich möchte auch schon lange keine neuen Bücher mehr lesen, höchstens überfliege ich die Bücher meiner Schriftstellerkollegen noch einmal diagonal, um zu wissen, über was ich reden kann, wenn wir uns treffen.

Große Verehrer meiner Prosa? Das gibt's doch gar nicht. Sind das etwa Masochisten? Und der Satz: "Das wird bestimmt lustig" macht mich ebenfalls stutzig. Vielleicht hat die Tante einen leichten Dachschaden? Schriftsteller ziehen nun einmal Spinner jeder Couleur an - wie Magneten den Eisenschrott. Natürlich auch Schreibfanatiker, die an Gehirnfäule leiden und große Weltverbesserer, Revolutionäre, Träumer und ganz einfach Hohlköpfe. Gleich und Gleich gesellt sich nun einmal gern.

Ich mochte auch ihre Julienne und ihr Tiramisu nicht essen, davon kriegt man am Ende doch nur Durchfall. Das kann einem sogar ein ganzes Jahr lang zu schaffen machen. Von einem Mal gut gegessen. Das ist widerwärtig und ungerecht. Andere fressen sich in einer Tour den Bauch voll... Ich bin sowieso schon zu fett. Immerhin ist mein Hals schlank wie bei einem Storch.

Auch die Erwähnung von Absinth hat mich stutzig gemacht. Und sie erwähnt ihn ja auch nicht nur einfach so. Entweder besitzt sie ein besonders feines Bauchgefühl, oder sie hat irgendetwas über mich herausgekriegt und braucht etwas Bestimmtes von mir. Was das nur sein könnte? Komisch klang in dem Brief ja auch dieses "besondere Hobby". Seltsam... Fischt sie im Trüben?

Warum nach mir? Vielleicht ist sie alt und mittellos?

Irgendwas will sie von mir, das steht fest. Mir die Seele aus dem Leib ziehen und dem Teufel verkaufen? Die ist sowieso schon lange verkauft, wie bei allen von uns ehemaligen Sowjetbürgern. Ich bin in Gewissensnot. Rehbraten - das klingt lecker. So etwas bekam ich zum letzten Mal bei einem Treffen der Künstlergruppe "Kaserne". Vorzüglich! Aber damals hatte dieser Holger das Reh höchstpersönlich im Wald erlegt, das arme Tier. Dann hat er es selber ausgenommen und zubereitet. Drei Tage hat er es in rotem Essig mariniert, angebraten und dann im Backrohr fünf Stunden lang ziehen lassen, alles wie es sich gehört. Er ist ein Meister, ein Magier. Seine ganze Wohnung ist voll von Terrarien mit Spinnen, nur seine Frau ist weg. Wegen den Spinnen, versteht sich.

Also beschloss ich, nach Charlottenburg zu fahren. Wenn etwas faul ist an der Sache, dann wedele ich mit dem Schwanz und mach mich dünne.

Ich fuhr los. Schon in der S-Bahn gab es ein erstes, böses Omen.

Plötzlich bellte mich ein Hund an. Zuerst nicht böse. Ein Spitz. Fing einfach aus heiterem Himmel an zu kläffen. Dann wollte er mich sogar beißen, aber seine Besitzerin zog ihn weg. Warum hat der sich nur so aufgeregt? Ich saß einfach friedlich da, drei Reihen weiter. So ein verrücktes Vieh. Vielleicht hat er irgendwas geahnt. Hat irgendwelche Schwingungen mitgekriegt. Manchmal strahlt man ja etwas aus, wenn man nur so vor sich hindenkt. Da hatte ich nämlich gerade über das "besondere Hobby" meiner Gastgeberin nachgedacht, und ihr "Das wird bestimmt lustig" hat meine Phantasie in weite Fernen abschweifen lassen.

Man wird ja noch mal darüber nachdenken dürfen. Aber schon strahlst du irgendein ultraviolettes Zeug aus und die Hunde fallen über dich her wie über einen Zombie. Und die Leute dann gleich hinterher.

Als ich in Charlottenburg aus der S-Bahn ausstieg, kam ein Penner längsseits. Ein ganz junger Kerl. Klapperdürr wie ein Skelett, blauer Hals, Gesicht wie ein Vogel.

Klimpert mit den Augendeckeln, krallt sich mit den Fingern an meiner Jacke fest und krächzt irgendetwas. Ich zog das Portemonnaie heraus und gab ihm ein Geldstück, zwei Euro, mit dem Portrait von Dante. Als er sich das Geldstück grabschte, wurde mir klar, dass er Dante verdammt ähnlich sah. Allerdings war er dreckig.

Ich machte mich aus dem Staub. Man kann ja nie wissen. Der Penner rannte mir auch nicht nach, schrie mir aber ein paarmal hinterher: "Geh da nicht hin." Mit dem dürren Finger deutete er genau in die Richtung, in die ich musste. Dann machte er sich an einen anderen Passanten heran und krallte sich bei dem fest.

Als ich an der Eingangstür schellte und darauf wartete, dass mir jemand aufmacht, sah ich an der Fassade eine Stuckdekoration, die fast wie ein gotischer Wasserspeier aussah: Der Kopf eines Hirsches mit Geweih und herausgestreckter Zunge...

Mir war sofort klar, was geschehen würde. Und so kam es auch: Der Kopf erwachte zum Leben, die Zunge färbte sich rot, die Augen fingen an zu zittern und das Geweih wuchs etwas. Der Gipshirsch grinste widerwärtig und nickte mit dem Kopf, wie man einem alten Bekannten zunickt. Oder einem lange ersehnten Gast. Schon wieder war ich Mitspieler in einem B-Movie. So ein Pech aber auch!

Nun gut, dann schauen wir eben, was die Drehbuchschreiber sich diesmal ausgedacht haben. Das ganze Geflecht am Ende aufzudröseln, wird sowieso schwierig, aber den Knoten mit der Axt durchzuhauen, braucht Mut, und den haben sie nicht. Da müsste man alles aus einem kranken Kopf in einen gesunden verpflanzen, oder umgekehrt. Jedenfalls müsste man das Beil einem echten Kerl in die Hand geben.

Ich fuhr mit dem Lift in die dritte Etage und schellte an der Tür neben der künstlichen Palme und dem gesplitterten Spiegel im üppigen Bronzerahmen.

Eine grauhaarige Frau öffnete mir. Sie hatte die 60 überschritten und trug ein einfaches, offenes Kleid, das die Knie nicht bedeckte. Sie hatte einen frivolen Zug um die Nase, aber sonst war sie noch ganz die feine Dame, blendend weiße Zähne, gepflegte Haut, erotische Ausstrahlung. In der Tiefe des Korridors gewahrte ich ihren Mann, der in seinem taillierten Sakko und seinen schmalen Schultern auf unbeholfene Art zugleich so etwas wie Verlegenheit und Gastfreundschaft ausdrückte.

Ed hatte schüttere Haare, eine krumme Nase, war dürr und trug unter seinem dunklen Jackett ein weißes, schlecht gebügeltes Hemd. Die Hose war arg weit für seine schmalen Hüften, die Schuhe dunkel und vorne sehr spitz.

Ed rauchte eine Zigarette und sah auf seine Füße.

"Ach, was bin ich so froh", rief Li aus.

"Wir sind ja beide so froh", meinte Ed mit tiefer Stimme und streckte sich.

"Sehr, sehr angenehm", fügte ich hinzu, obwohl ich mich im Inneren schon verwünschte, weil ich mich hierher begeben hatte. Aber der köstliche Duft des Bratens besänftigte mich, und ich konnte in meinen Gesichtszügen sogar etwas wie Leutseligkeit durchschimmern lassen. Li und ich tauschten Wangenküsschen aus. Ed beugte sich ein paarmal zur Seite. Wir gingen ins Wohnzimmer.

 

Dieses enorme, vielleicht 40 Quadratmeter große Zimmer erstaunte mich durch die Einfachheit seiner Einrichtung und seine Leere. Zwei dunkelblaue Sessel, einige Stühle, ein quadratischer Tisch. Darauf standen vier Teller mit Besteck, Gläser und eine grüne Flasche. Zwei große Fenster mit ockerfarbenen Leinenvorhängen. An der Wand hing ein Spiegel, unter dem eine Kommode stand. Auf dieser wiederum befand sich eine Karaffe mit Wasser. In einer Ecke sah ich eine große, altmodische Staffelei, der Boden war mit Farbe bekleckert. Einige großformatige Bilder standen am Boden mit der Vorderseite an die Wand gelehnt.

Offenbar konnte Li Gedanken lesen, denn sie sagte: Wir benutzen dieses Zimmer als Atelier. Ed und ich sind nämlich Künstler. Das ist unser Hobby. Aber wir möchten Ihnen unsere Bilder lieber nicht zeigen, dann wir befürchten, dass Sie die Nase rümpfen werden.

Da kam also heraus, worin das Hobby bestand: Hier wurde gearbeitet und noch einmal gearbeitet, und am Wochenende wurde ein bisschen gemalt. Und mich haben sie mit der S-Bahn hergelockt... Ich bekam Gänsehaut.

Der Abend versprach exquisite Langeweile.

" Na was denn, ich bin doch kein Steuerbeamter aus Schitomir. Vor mir brauchen Sie doch keine Angst zu haben."

"Bravo, das stammt von Bulgakow!"

Da wurde mir auf einmal bewusst, dass sie mit mir in einem gelehrten Russisch sprach, das ein wenig leblos klang.

"Wir sind Slavisten und leben in Boston. Wir nehmen gerade ein Sabbatjahr und reisen durch Europa. Wir waren schon in Russland, Polen und Tschechien. Nun leben wir seit drei Monaten in Berlin. Hier wimmelt es von Russen und Polen. Wir haben Ihre Bücher gelesen, Sie schreiben wirklich sehr lebendig.

"Sind Sie als Lehrer tätig?"

"So ist es. Ich unterrichte Russisch, Polnisch und Tschechisch. Ed hielt vor kurzem seinen Jahreskurs über "Narrative Strukturen bei Nabokow und Hopper."

"Verstehe ich richtig: Dennis Hopper, der Fotograf aus 'Apocalypse Now'? Nein, natürlich Edward Hopper, Mädchen auf der Wiese. Dieser Maler und seine Modelle, Interieurs, Leuchttürme, das gesamte Amerika - alle sind so einsam und melancholisch, es wird nicht klar, wozu sie eigentlich da sind. Ein Irrtum der Menschheit, wie Freud das ausdrücken würde. Und der Narziss Nabokow versteht das, kann sich aber als Emigrant nicht erlauben, es seiner neuen Heimat vor Augen zu führen. Er will auf gar keinen Fall an der Seite stehen, sondern leidet unter ständigem Perfektionszwang, will Magier und der große Guru sein. Daher verbrämt er seine tiefe Melancholie und seine typisch amerikanische Einsamkeit mit Schmetterlingen, seinem Schachbrett und Lolitas, mit denen er es selbst offenbar gar nicht aushält, so gefühlskalt, wie er den heißen Sex mit ihnen schildert. Er stopft seine Prosa mit eiskalten Rätseln, wie einen Hammel mit Rosinen."

"Bravo, bravo, das ist sehr interessant. Allerdings sieht das Konzept von Ed anders aus."

Da trat auch Ed in unsere Unterhaltung ein. Er bat mich mit Gesten, bei Tisch Platz zu nehmen und brummelte hastig zwischen den Zähnen etwas auf Englisch an Lis Adresse. Mir schenkte er ein zerstreutes Lächeln. Li stahl sich nach draußen.

Dem Geruch nach war der Rehbraten angebrannt. Aus der Küche hörte man Lis hektische Klagen.

Anstatt mich zu setzen, ging ich zu den Bildern, hob eines davon hoch und drehte die Vorderseite zu mir. Ich ahnte, wie Ed hinter meinem meinem Rücken zusammenzuckte und sich verkrampfte. Es dauerte einen Moment, bis mir der Sinn der Darstellung klar geworden war. Ich blickte Ed scharf in die Augen. Was ich sah, empörte mich nicht einmal, denn ich war wirklich nicht prüde, und mein sexueller Einfallsreichtum ging weit über das hinaus, was die sogenannten Normalbürger sich vorstellen konnten. Aber jetzt wollte ich einfach wissen, ob das hier Realität oder Phantasie war. Ed blieb jedoch unnahbar.

Auf dem Bild war in ausreichender Deutlichkeit das Zimmer dargestellt, in dem wir uns gerade befanden. Kein Detail fehlte, sogar die Karaffe mit Wasser stand auf der Kommode. Auf einem der dunkelblauen Sessel räkelte sich Ed in der gleichen Kleidung, die er auch jetzt trug. Auf seinen Knien saß ein dünner, schwarzhäutiger Junge und umfasste Ed mit seinen langen Schenkeln und Armen, wobei er ihm vertrauensvoll seinen krausen Kinderkopf auf die Brust legte. Seine wulstigen Lippen beugten sich vor, als wollte er den Knopf des Jacketts küssen. Auf dem anderen Sessel saß Li, die alte Dame. Auch sie hatte das Gleiche an wie heute Abend und schaute aufmerksam nach Ed und dem Jungen. Dabei war ihre rechte Hand unter dem Kleid verborgen.

Das waren mir die rechten Slavisten. Welch wahrhaft slavistisches Hobby!

Ed schnaufte, zündete sich eine Zigarette an und ging zu dem sperrangelweit geöffneten Fenster, aus dem man das Ufer der Spree und den Park auf der anderen Seite sehen konnte. Türkische Kinder sprangen umher, Hunde und Touristen liefen auf und ab, wohlhabende Bürger lustwandelten bedeutsamen Schrittes daher.

"Welch ein Idyll", sagte Ed und wies mit der Hand auf den Park.

"Die Lämmchen tummeln sich friedlich und ahnen nicht, dass der Wolf nach ihnen späht."

"Lieber Herr Sch., Li und ich haben wirklich ihre Erzählungen gelesen. Sie sollten also nicht so tun, als seien Sie ein Heiliger. Sie wissen genauso gut wie ich, wer hier tatsächlich Wolf ist. Vielleicht können Sie Ihr russisches Publikum ja nach Belieben hinters Licht führen, aber bei mir wird Ihnen das nicht gelingen. Ich weiß, dass Sie ein vollkommener, scham- und hemmungsloser Lustmolch sind. Sie begehen Ihre Sünden nur in Ihren Texten und dazu unter verschiedenen Masken – das beweist mir, dass Sie außerdem noch ein Feigling sind.

"Das macht jeder Schriftsteller so, einzig und allein im Sinne seines Werkes."

"Sie sind ein ausgemachter Zyniker, Herr Sch.; Ihre Texte sind eine komplette Verhöhnung des Publikums, das Sie in Ihre aus Enttäuschung und Bösartigkeit bestehenden Wahnvorstellungen hineinziehen. Genau das interessiert uns an Ihnen."

"Gleich und Gleich gesellt sich gern? Das kennen wir doch. Ihre alberne Wortwahl, Lustmolch, Zyniker, ergeben für mich keinerlei Sinn. Sie schlagen doch nur Schaum. Wo befindet sich denn übrigens der Junge auf dem Bild? Vielleicht im Zimmer nebenan? Oder schon unter der Erde? Sollten wir nicht besser die Polizei rufen?"

"Der Junge? Von welchem Jungen reden Sie denn? Sehen Sie auf diesem Bild einen Jungen? Wen denn noch? Wollen Sie wegen diesem Bild die Polizei rufen? Warum denn eigentlich nicht wegen Ihren Erzählungen? Soll ich Ihnen erklären, welche ich meine?"

"Reden Sie doch keinen Quatsch, Ed. Warum haben Sie mich denn hierher beordert? Läuft das auf eine Erpressung hinaus? Oder wollen Sie Erfahrungen austauschen?

Ed kam zu keiner Antwort mehr, denn Li trat mit dem dampfenden Essen ins Zimmer und warf einen verstohlenen Blick auf das Bild. Sie stöhnte auf, hielt aber an sich und sagte kein Wort. Sie stellte das Essen auf den Tisch und verschwand wieder in der Küche. Sie brachte Mineralwasser, Brot, gedünstetes Rotkraut, Preiselbeermarmelade und die im Brief versprochene Julienne.

Friede, Freude, Eierkuchen!

Ich saß Ed gegenüber. Ich fragte Li, die rechts von mir saß, mit gespieltem Desinteresse, für wen denn das vierte Gedeck sei. Sie antwortete nicht, warf aber einen hilflosen Blick zu Ed, der nervös mit den Augen zwinkerte und seine Kaumuskeln spielen ließ.

"Ach, Goscha - so hat man Sie doch als Kind genannt, habe ich recht? Haben Sie Blut gerochen? Nur ein bisschen Geduld, alles wird schon klar werden, wir haben doch Zeit. Außerdem haben wir ja noch gar keinen Absinth getrunken, und Sie kennen die anderen Bilder noch nicht. Vielleicht interessieren Sie sich dafür noch mehr als für das erste. Hier, Junges Mädchen vor dem Fenster. Erzählen Sie uns doch, möglichst in allen Einzelheiten, was Sie hier sehen. In allen Einzelheiten. Sehr interessant!"

Was schwafelt der für einen Quatsch? Sieht er etwa was anderes auf dem Bild? Ich habe nie an derlei mystischen Schwachsinn geglaubt. Das passt zu einem B-Movie. Wie in "Die Mächte des Wahnsinns". Fehlt nur Cthulhu, dieser Schlägertyp mit seinen acht Saugarmen, die aus seinem Maul herauswachsen. Völliger Blödsinn.

Wir aßen schweigend. Dessert und Kaffee lehnte ich ab. Mir war klar, dass ein grausamer Zweikampf bevorstand, daher wollte ich meinen Magen nicht zu sehr belasten.

Nach dem Essen räumte Li alles vom Tisch ab, außer den Gläsern und der Flasche Absinth.

Sie brachte Zucker und Absinthlöffelchen, dazu Eiswasser aus dem Kühlschrank. Ed trank Absinth nur mit Wasser, Li ließ das Wasser wie üblich durch Zucker laufen. Ich trank 50 Gramm pur.

Mir wurde schwindelig, ich fühlte einen Brechreiz. Die Realtität befreite mich von ihrem Zwang, sie löste den bleiernen Druck der Schraubzwinge in meinem Kopf. Ich wollte mich in die Lüfte erheben und aus dem offenen Fenster auf die Straße hinausflattern, über den Park und den Fluss hinweg. Flink stand ich auf, drehte das nächste Bild um und starrte es an.

Ed und Li schauten gleichfalls auf die Leinwand, wiegten die Köpfe, hüstelten und schmunzelten arglos. Offenbar sahen sie auf dem Bild weder eine grausige Wiedergabe gewaltsamer Sexualpraktiken an Kindern, noch Folter oder gar eine Hinrichtung. Vielleicht hatte Ed ja recht: In meinen Erzählungen habe ich...

Oder war nur dieses furchtbare Getränk an allem schuld?

 

 

 

(Aus dem Russischen: Klaus Kleinmann)

 

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