Igor Schestkow "Der Litwinenko-Abend"

 

 

 

DER LITWINENKO-ABEND

Meine Mutter schulmeisterte: „Versprich niemandem etwas. Und überhaupt, steck deine Zunge in den Hintern!“
Diesen weisen Rat verletzte ich lebenslang. Deswegen wurde ich häufig beim Wort genommen und blamiert. Ich weiß selber nicht, warum ich dem Redakteur des „Literarischen Europäers“, Herrn B-w eine Zusage gab, dass ich über den Litwinenko-Abend beim internationalen literarischen Berliner Festival schreiben werde. Er bat mich nicht darum... Ich las das Buch über Litwinenko nicht, hörte nur einen Abschnitt daraus, sah die Autoren. Reicht das?
Vor mir steckt die weiße Seite auf dem Monitor, wie ein Laken. Es gibt auf ihr keine Flecken, keinen Ansporn, um dieses Laken mit Buchstaben zu bedecken.
Nur die Empörung von der gräßlichen Mordtat.
Litwinenko ist tot. Und Politkowskaja. Und Schtschekotschichin. Und Starowojtowa. Und viele andere. Alle, die die Wahrheit herausfinden wollten. Über die Explosionen in Moskau und in Rjasan, über die zusammengerafften Milliarden, über das Mord in Tschetschenien...
Mit der gemeinen Ermordung den Priester der russisch-orthodoxen Kirche, Alexander Men, im September 1990 hatte es angefangen. Etwas Eigenartiges war an diesem bis heute ungeklärten Verbrechen. Es klang darin das geheimnisvolle Knarren oder Knistern der neuen Epoche an. Russland zeichnete mit den Knochen eigener Bürger den neuen Kreis des Todes.
Damals entschied ich, es ist höchste Zeit außer Landes zu gehen. Ich wollte in dieser verfaulten Brühe nicht mehr gekocht werden... Ich wollte weder Henker, noch Verräter oder Gefangener sein.

Vor dem Festivalabend träumte ich.
Als ob ich auf dem Flugplatz fahre. Auf der Startbahn. In der Nacht. Die Piste lief nach alle Seiten auseinander. Vielleicht deckt sie die ganze Erde ab. Regen hängt in der Luft. Lachen sind überall. Ich oder mein Doppelgänger fährt aus unbekanntem Grunde im offenen Jeep, im amerikanischen. Aus der Zeit des großen Krieges. In meiner Gesellschaft absonderliche düstere Typen. Wer sind sie? Dämonen? Nein, KGBler. Wohin fahren wir?
Meine Begleiter grölen mit heiseren Stimmen: „Wir fahren, fahren, fahren, wir suchen tolle Waren...“
Und ich singe mit. Warum?
Scherz beiseite! Ich bin ein Gefangener, sie bringen mich zum Flugzeug, um mich von der Heimat zu exmittieren. Von welcher Heimat? Von der Heimat.
Ringsumher stehen hunderte Flugzeuge. So ein Gedränge! Alle - so groß wie ein kleiner LKW. Mit Propellern. Kinderflugzeuge? Gemacht aus dickem Gummi. Sie wabbeln ekelhaft und sind löchrig. Aus den Fenstern schauen Marsbewohner heraus. Ihre roten Augen leuchten in der Dunkelheit. Sie laden mich leise ein. Willkommen! Wir werden dir Lebkuchen schenken, den mit dem Kürbis und den Äpfeln, lecker!
Wir fahren zu dem Flugzeug. „Herkules“? Viermotorig. Nur klein. Und auch - aus Gummi. Wir steigen aus. Ich wollte zum Flugzeug laufen. Wurde aber von den KGBlern aufgehalten. Sie standen im Kreis rings um mich herum. Sie fassten einander an den Händen und begannen zu springen. Zusammen. Schwer wie Roboter. Sie sangen langsam und mühsam: „Dennoch, dennoch, das Weib sitzt immer auf dem Ofenloch...“
Ich versuchte, ihren Kreis zu durchbrechen. Grob wurde ich zurückgestoßen. Einer schnarrte mich an: „Spring!“
Und ich sprang mit ihnen.
Sie gaben mir ein Paket und gingen zum Jeep. Und ich bin in den Gummi-Herkules geklettert. Durch ein Schlupfloch am Heck. Das Paket hielt ich vor mir... ich nahm Platz auf dem Klappsitz neben dem geöffneten Fenster. Die Marsmenschen schenkten mir den Lebkuchen, den mit dem Kürbis und den Äpfeln. Es schmeckt gut, aber meine Neugier zieht mich zum Paket. Was ist drin?
Rundum – nur die leere Piste, der Jeep steht in der Nähe. Die KGBler stehen daneben, rauchen, lachen höhnisch und spucken. Sie warten auf etwas. Worauf?
Ich öffne das Paket, dort ist der Kopf von Litwinenko. Lebendig. Der Kopf sagt: „Ich bin eine Bombe, Bombe, wirf mich sofort raus...“
Mit meiner letzten Kraft schleudere ich das Paket in Richtung Jeep. Durch das Fenster. Es rutscht die letzten Meter, stößt an das Hinterrad des Wagens und explodiert.
Eine riesige feurige Kugel steht wie auf einem Pilzstiel über der Piste.

Bevor ich ging, besuchte ich das Portal „Grani“ im Internet, um die Neuigkeiten durchzusehen. Was für eine Überraschung! Die russische Regierung tritt zurück. Der leicht erschreckbare Diabetiker F-w ist gegangen, zum Schluss leckte er intensiv den flachen Hintern des Präsidenten. Die Regierung trat zurück, aber sie blieb. In Erwartung der Wechsel-Schicht. Ihr Erscheinen hat sich nicht verzögert. Und was für ein ehrwürdiger Wechsel! Der ehemalige Besamer der Schweinesovchose „Leningrader Proletarier“, der erste Sekretär des Fliegenscheiße-Stadtkomitees der KPdSU, der Genosse S-w.
Ein halbes Jahr wird er regieren, dann beginnt er zu husten, sich zu beklagen, sagt, dass er zur Rente möchte. Und geht. Und Rus wird ein Waisenkind. Alle werden heulen. Wie auf dem Jungfrauenfeld...
Und dann sind Appelle zu hören – zuerst scheu, leise, später - crescendo, wo ist Wij? Rufen Sie Wij! Unseren nationalen Führer! Und er kommt. Kriecht aus dem Lubjanka-Keller, bedeckt mit ausländischen Banknoten, mit eisernen Dsershinski-Augenlidern auf farblosen Spionen-Äuglein.
Und die Intellektuellen sind in Aufregung geraten... Zu spät, meine Kätzchen, zu spät zum Kratzen. Sie haben ihre Zeit vergeudet. Das jetzige „Putinschina“ wird laange dauern. Bis zur Sjao-Mjao-Ankunft... Und die Grillen werden schwanger. Und der Osten wird rot.

Unterwegs zur Festivalveranstaltung gingen wir entlang der Fasanenstraße. Eleganz, Glanz und Schönheit! Wir besuchten Kunstgalerien. Erklären Sie mir bitte, Ihr Alleswisser, warum sind die Häuser, die Fassaden, die Autos – „Eleganz, Glanz und Schönheit“ und warum ist die Kunst in den hellen, geräumigen Galerien – so garstig und verlogen. Übung im Zynismus. Kreativität toter Seelen. Was ist mit der Kunst passiert? Warum haben die Maler die Achtung vor der Form, vor der Tiefe, vor dem Inhalt verloren? Vor der Zeit und dem Raum, die sie schrumpften.
Es gibt heute weder Meister, noch Wettbewerb. Wen die Galeristen zum Genie berufen, der ist ein Genie. Und wenn du kein Geld hast – entschuldige, Deine Meinung ist für Niemanden interessant. Ich erinnere mich, meine Schwester fütterte das Meerschweinchen und die Schildkröte mit frischem Weißkraut. Das Meerschwein drängte fortwährend die arme Schildkröte vom Futter weg. Auch in der Gegenwartskunst, die Galeristen drängten den wahren Meister aus den Galerien...
Und der Zuschauer will die „neue Kunst“ nicht betrachten, weil sie langweilig und widerlich ist.

Ich erinnerte mich an Nachrichten des vorigen Jahres....
Litwinenko auf dem Totenbett. Das gelbe, gequälte Gesicht. Die Augen blicken schon „dorthin“. Er wurde mit radioaktivem Polonium 210 vergiftet. Polonium-Spuren in London, Hamburg... Die vom Kummer getötete Frau... Der verwirrte Sohn. Tee mit ehemaligen Kollegen. Der schmunzelnde Lugovoj... Mörder? Freund?

Die kleine Halle im Anbau. Das kulturelle Publikum. Intelligente Frauen... Ihr vorwiegenden Gesichtsausdruck: Wir wissen, ja, es ist uns bekannt, wir verstehen, auch Ihren Puschkinogogol lasen wir. Und der „Archipel Gulag“ von Tolstoj... Diese russischen Bojaren und Intrigen. Himmlich!
Außer den Frauen – FSBler aus der russischen Botschaft. Die klumpfüßigen Wölfe. Sie umgibt eine eigenartige Kälte und eine unendliche Dreistigkeit. Warum lässt der Westen dieses Gesindel hierher? Man müsste diese getarnten Spione zurück in die Lubjanka, in ihre Wolfsschanze per Post abschicken....
Regisseur Andrej Nekrassow erschien. Er ist groß, sympatisch und lockig. Russischer D`Artagnan.
Den Film wurde vorgeführt. Leider in Englisch.
In jedem dritten Bild tauchte D`Artagnan auf. In allen Posen. Nachdenklich. Besorgt. Tief mitfühlend.
Der politische „Vather“ von Putin – Beresowski wurde nah aufgenommen. Zu nah. Das unangenehme Gesicht. Die Greisen-Flecke und Fleckchen, die Falten, hängende Haut, kein Gesicht – ein Chagrinleder. Das Bildnis des Dorian Gray, das letzte, das schreckliche...
Der kluge charmante Jude... Aber stolz und arrogant! Das macht die Knete mit den Menschen. Und doch ist auf seinem Gesicht schon der Friedhof sichtbar. Sowohl die Kreuzchen als auch die Sternchen und Grabsteine. Das Lächeln, das Schmunzeln, eine leichte Enttäuschung, eine Beschwerde, wieder das Schmunzeln. Der Onkel ist schmierig...
Nekrassow zeigte auch die unglückliche Politkowskaja. Eine schöne, traurige Frau. Das Einziges, was ich in ihrer englischen Rede verstanden habe – ihre Arbeit ist für Niemanden nötig. Die Russen wollen nichts über Tschetschenien wissen. Über Mord, über Blut, über das moderne KZ. Sie wollen nicht ihr Gewissen belasten. Es schien, sie ahnte ihren Tod. Und vielleicht wünschte sie ihn sogar. Wieviel kann man in die Leere schreien. Die getöteten Kinder vorzuführen. Zur Barmherzigkeit aufrufen, die es nicht gibt... Man kann den Russen nichts mehr beibringen, sie haben zu viel erlebt in 1000 Jahren Sklaverei. Zu oft wurden sie betrogen und gepeitscht, zu viel haben sie verloren... Sie pfeifen auf andere. Sie heulen nur um die eigenen Kinder. Wozu den Hals abreißen?

Nekrassow und Litwinenko sitzen einander gegenüber und werfen violette Schatten auf die weiße Abschirmung. Das, was Litwinenko offenlegte, verstanden denkende Menschen meiner Generation bereits mit sechszehn Jahren.
...Das Komitee für Staatssicherheit - KGB-FSB – ist eine staatlichen Mafia, in der Vergangenheit bediente sie die Parteibosse, und jetzt dient sie allen, die gut zahlen... Der FSB beschäftigt sich mit der Beschattung, Erpressung und Spionage. Kontrolliert die finanziellen Ströme und die Ressourcen, den Drogen und Waffenexport... Gefahr für die ganze Menschheit...
Von Litwinenko-Offenbarungen rochen stark nach der Naivität des Neulings... Hat er es endlich geschnallt! Nach langer Dienst-Zeit. In Tschetschenien hat er „gearbeitet“...
Nach dem Ende des Films haben alle Nekrassow applaudiert. Verdient. Man stellte im Anschluss so manch allgemeine Frage, auf die Nekrassow auch allgemein antwortete.
Meine Freundin, die die englische Sprache noch weniger als ich versteht, flüsterte zu mir: „Warum hat Litwinenko Beresowski vergiftet? Um Putin zu gratulieren? Was war dort für eine Frau, anscheinend eine Polin?“
„Richtig“, antwortete ich, „Die Polin Marina Mnischek, das Töchterchen des Königs August dem Starken“.

Nach einer kleinen Pause begann der zweite Teil der Veranstaltung.
Vor das Publikum wurde ein Tisch aufgestellt. Zunächst las ein Vorleser das Buch von Alex Goldfarb und Marina Litwinenko „Tod eines Dissidenten“ in Deutsch. Vierzig Minuten dauerte das Lesen. Ich bin eingedämmert. Dann antwortete die freundliche Witwe auf Fragen. Klar, deutlich, emotional.
Marina Litwinenko kämpft um die Ehre und die Würde ihres Mannes. Am Ende ihrer Auftretens erklärte sie: „Wenn jemanden in Russland irgendwann die Wahrheit über meinen Mann erfahren will, ich werde dorthin fahren, ich werde alles erzählen...“
Sie wussten die Wahrheit über ihn, deswegen wurde er hingerichtet...

Nach der Witwe trat Herr Goldfarb auf, der einer verschwächten Kopie seines Patrons Beresowski ähnelt. Dasselbe Gesichtsausdruck, das Schmunzeln, die Übergänge von leichter Verachtung zum vertraulichen Ton, dann zur Ironie und die verschleierte ermüdende Prahlerei...
...Herr Beresowski hat entschieden, nicht mehr die Opposition in Russland zu unterstützen, das wäre in den Wind geworfenes Geld. Durch meine Hände sind die Millionen Dollar gegangen... Man muss den westlichen Ländern an die Notwendigkeit des angeordneten Drucks auf Russland überzeugen... Wie Reagan auf die UdSSR....
Alles ist anscheinend richtig. Aber warum ist es unangenehm, ihm zuzuhören? Zu leicht hat Beresowski die Hilfe für das „Andere Russland“ gestrichen. Er beleidigte damit alle ehrlichen russischen Demokraten. Hat die Haftung auf fremde Rücken gelegt.
Goldfarb sprach klug, fein, politisch ausgewogen. Aber er sagte nichts Neues. Fast in jedem seinen Ton hörte man den gähnenden Hochmut des reichen, selber gut etablierten Juden. Das launische Ekelgefühl des Intellektuellen. Diese charmante Arroganz ist der Hauptgrund des Judenhasses aller Zeiten. Nicht ihr Geld, nicht ihr Talent, nicht ihre Ausgewähltheit. Die einschmeichelnde Allwissenheit... Das Leichengift der Freundlichkeit des ewigen Juden.
Ob du, Freundchen, wirklich solch großes Interesse am Schicksal des ehemaligen KGBler hast? Das Buch klang fade. Und gekocht hast du deine Suppe merkwürdig schnell. Ein Sprinter.

Unterwegs nach Hause sprach ich mit mir selbst.
Also, du hast diese Präsentation besucht und den Film angeschaut. Hat sich etwas in deinem Kopf aufgeklärt? Nein. Wer hat Litwinenko getötet? Kollegen? Irgendein KGB-General, über den Litwinenko, der ein ausgezeichnetes Gedächtnis genoss, ein kompromittierendes Material gesammelt hatte. Oder ein einflussreicher Beamter? Badewärter der Putin Sauna? Oder der Resident des russischen Spionagenetzen in Großbritannien? Oder Putin selbst?
Es ist nicht wichtig, wer befahl, wer ermordete. Er wurde von der Heimat getötet. Das ist die Hauptsache. Sie sandte mit dieser Ermordung ein Signal. Nicht nur an die Adresse von Beresowski, sondern – uns allen, den Emigranten, dem ganzen russischen Ausland: Sitzen Sie leise, oder werden wir sie alle töten! Und Ihre jetzigen Regierungen werden uns kein Wort sagen! Weil sie unser Gas brauchen.
Wir haben dieses Signal verstanden. Ein anderes erwarteten wir nicht. Alles ist in Ordnung. Die Welt ist das, was sie nur sein kann.

Am Kiosk beim Bahnhof haben wir zwei vegetarische Döner mit Ziegenkäse gekauft. Daheim tranken wir Tee mit Honig...
Am Morgen, beim Frühstück, fragte ich meine Freundin: „Was hat dich gestern am meisten beeindruckt?“
„Die solid gearbeiteten Schuhe von Herrn Goldblum. Das geht über deine Mittel“.

 

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